und so zu Pferde sitzen wie Pyterke , bloß noch viel höher . Aber das geht nicht gleich so . Gut Ding will Weile haben . Und Torgelow , wenn er auch vielleicht reden kann , reiten kann er noch lange nicht . Sagen Sie , was macht er denn eigentlich ? Ich meine Torgelow . Sind denn unsre kleinen Leute jetzt mehr zufrieden mit ihm ? « » Nein , Herr Major , sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm . Er wollte da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf Posadowsky gesagt . Und das is so dumm gewesen , daß es die andern geniert hat . Und da haben sie ihn bedeutet : Torgelow , nu bist du still ; so geht das hier nich . « » Ja « , lachte Dubslav , » und wo der nu steht , da sollte ich eigentlich stehen . Aber es is doch besser so . Nu kann Torgelow zeigen , daß er nichts kann . Und die andern auch . Und wenn sie ' s alle gezeigt haben , na , dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen noch mal obenauf , und jeder kriegt Zulage . Sie auch , Uncke , und Pyterke natürlich auch . « Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe . » ... Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten Ausbruch verhüten und dafür sorgen , daß unsere Globsower zufrieden sind . Und wenn wir klug sind , glückt es vielleicht auch . Glauben Sie nicht auch , Uncke , daß es kleine Mittel gibt ? « » Zu Befehl , Herr Major , kleine Mittel gibt es . Es hat ' s schon . « » Und welche meinen Sie ? « » Musik , Herr Major , und verlängerte Polizeistunde . « » Ja « , lachte Dubslav , » so was hilft . Musik und ' nen Schott ' schen , dann sind die Mädchen zufrieden . « » Und « , bestätigte Uncke , » wenn die Mädchens zufrieden sind , Herr Major , dann sind alle zufrieden . « Uncke hatte zusagen müssen , mal wieder vorzusprechen , aber es kam nicht dazu , weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte . Von Besuchern wurde keiner mehr angenommen , und nur Lorenzen hatte Zutritt . Aber er kam meist nur , wenn er gerufen wurde . » Sonderbar « , sagte der Alte , während er in den Frühlingstag hinausblickte , » dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor . Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit , und is beinah , als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei . Vielleicht is es aber auch noch was andres , und er weiß am Ende selber nicht viel davon . Anfangs hab ich mich darüber gewundert , weil ich mir immer sagte : Ja , solch Talar- und Beffchenmann , der muß es doch schließlich wissen ; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt gehalten , und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt : Nun gehet hin und lehret alle Heiden . Und wenn man das so hört , ja , da verlangt man denn auch , daß einer weiß , wie ' s mit einem steht . Is gerade wie mit den Doktors . Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten , die einem ehrlich sagen : Hören Sie , wir wissen es auch nicht , wir müssen es abwarten . Der gute Sponholz , der nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist , war beinah so einer , und Lorenzen is nu schon ganz gewiß so . Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn , und noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt . Und daß man das von einem sagen kann , das ist eigentlich die Hauptsache . Das andre ... ja , du lieber Himmel , wo soll es am Ende herkommen ? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden , und wenn auch , was der liebe Gott da oben gesagt hat , das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf . Es ist alles sehr diesseitig geblieben ; du sollst , du sollst , und noch öfter du sollst nicht . Und klingt eigentlich alles , wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte . « Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost . » Engelke , du könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken - ich ließ ' ihn bitten . « Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite . » Das ist recht , Pastor , daß Sie gleich gekommen sind , und ich sehe wieder , wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt . Sie müssen nämlich wissen , daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen beschäftigt und Ihr Charakterbild , das ja auch schwankt wie so manch andres , nach Möglichkeit festgestellt habe . Würde mir das Sprechen wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer , ich wär imstande , gegen mich selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen auszuplaudern , was ich über Sie gedacht habe . Habe ja , wie Sie wissen , ' ne natürliche Neigung zum Ausplaudern , zum Plaudern überhaupt , und Kortschädel , der sich im übrigen durch französische Vokabeln nicht auszeichnete , hat mich sogar einmal einen Causeur genannt . Aber freilich schon lange her , und jetzt ist es damit total vorbei . Zuletzt stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus . « » Glaub ich nicht . Wenigstens Sie , Herr von Stechlin , sorgen für den Ausnahmefall . « » Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren . Haben Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen , wie sie da neulich wieder dem armen Bennigsen zugesetzt haben ? Mir mißfällt es , wiewohl Bennigsen nicht gerade mein Mann ist . « » Auch meiner nicht . Aber , er sei , wie er sei , er ist doch ein Excelsior-Mann . Und wer hierlandes für ein freudiges excelsior ist , der ist bei den Ostelbiern ( Pardon , Sie gehören ja selbst mit dazu ) von vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens . Jedes höher gesteckte Ziel , jedes Wollen , das über den Kartoffelsack hinausgeht , findet kein Verständnis , sicherlich keinen Glauben . Und bringt einer irgendein Opfer , so heißt es bloß , daß er die Wurst nach der Speckseite werfe . « Dubslav lachte . » Lorenzen , Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd . Aber ich selber bin freilich schuld . Warum kam ich auf Bennigsen ! Da war das Thema gegeben , und Ihr Ritt ins Bebelsche ( denn weitab davon sind Sie nicht ) konnte beginnen . Aber daß Sie ' s wissen , ich hab auch mein Steckenpferd , und das heißt : König und Kronprinz oder alte Zeit und neue Zeit . Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen wollen , nicht akademisch , sondern märkisch-praktisch , so recht mit Rücksicht auf meine nächste Zukunft . Denn es heißt nachgrade bei mir : Was du tun willst , tue bald . « Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte : » Gewiß kommen andre Zeiten . Aber man muß mit der Frage , was kommt und was wird , nicht zu früh anfangen . Ich seh nicht ein , warum unser alter König von Thule hier nicht noch lange regieren sollte . Seinen letzten Trunk zu tun und den Becher dann in den Stechlin zu werfen , damit hat es noch gute Wege . « » Nein , Lorenzen , es dauert nicht mehr lange ; die Zeichen sind da , mehr als zuviel . Und damit alles klappt und paßt , geh ich nun auch gerad ins Siebenundsechzigste , und wenn ein richtiger Stechlin ins Siebenundsechzigste geht , dann geht er auch in Tod und Grab . Das is so Familientradition . Ich wollte , wir hätten eine andre . Denn der Mensch is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben . « » Schändliches Leben ! Herr von Stechlin , Sie haben ein sehr gutes Leben gehabt . « » Na , wenn es nur wahr ist ! Ich weiß nicht , ob alle Globsower ebenso denken . Und die bringen mich wieder auf mein Hauptthema . « » Und das lautet ? « » Das lautet : Teuerster Pastor , sorgen Sie dafür , daß die Globsower nicht zu sehr obenauf kommen . « » Aber , Herr von Stechlin , die armen Leute ... « » Sagen Sie das nicht . Die armen Leute ! Das war mal richtig ; heutzutage aber paßt es nicht mehr . Und solch unsichere Passagiere wie mein Woldemar und wie mein lieber Lorenzen ( von dem der Junge , Pardon , all den Unsinn hat ) , solche unsichere Passagiere , statt den Riegel vorzuschieben , kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und sagen : Ja , ja , Töffel , du hast auch eigentlich ganz recht , oder , was noch schlimmer ist : Ja , ja , Jochem , wir wollen mal nachschlagen . « » Aber , Herr von Stechlin . « » Ja , Lorenzen , wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen , es ist doch so . Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht , und wenn dann wieder eine Wahl ist , dann fährt der Woldemar rum und erzählt überall , Katzenstein sei der rechte Mann . Oder irgendein andrer . Aber das ist Mus wie Mine ; - verzeihen Sie den etwas fortgeschrittenen Ausdruck . Und wenn dann die junge gnädige Frau Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt , da will ich Ihnen ganz genau sagen , wer dann hier in diesem alten Kasten , der dann aber renoviert sein wird , antritt . Da ist in erster Reihe der Minister von Ritzenberg geladen , der , wegen Kaltstellung unter Bismarck , von langer Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat , und eröffnet die Polonäse mit Armgard . Und dann ist da ein Professor , Kathedersozialist , von dem kein Mensch weiß , ob er die Gesellschaft einrenken oder aus den Fugen bringen will , und führt eine Adelige , mit kurzgeschnittenem Haar ( die natürlich schriftstellert ) , zur Quadrille . Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender , ein Architekt und ein Porträtmaler , und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause machen , dann stellen sie ein lebendes Bild , wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird , oder sie führen ein französisches Stück auf , das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat , ein sogenanntes Ehebruchsdrama , drin eine Advokatenfrau gefeiert wird , weil sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen hat . Und dann gibt es Musikstücke , bei denen der Klavierspieler mit seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt , und in einer Nebenstube sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten , obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck und Moltke , und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi , und Marx und Lassalle , die aber wenigstens tot sind , und daneben Bebel und Liebknecht . Und dann sagt Woldemar : Sehen Sie da den Bebel . Mein politischer Gegner , aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz . Und wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt : Ich bin überrascht , Herr von Stechlin - ich glaubte den Grafen Schwerin hier zu finden , dann sagt Woldemar : Ich habe die Fühlung mit diesem Herrn verloren . « Der Pastor lachte . » Und Sie wollen sterben . Wer so lange sprechen kann , der lebt noch zehn Jahr . « » Nichts , nichts . Ich halte Sie fest . Kommt es so , oder kommt es nicht so ? « » Nun , es kommt sicherlich nicht so . « » Sind Sie dessen sicher ? « » Ganz sicher . « » Dann sagen Sie mir , wie es kommt , aber ehrlich . « » Nun , das kann ich leicht , und Sie haben mir selber den Weg gewiesen , als Sie gleich anfangs von König und Kronprinz sprachen . Dieser Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen . Es kommen eben immer Tage , wo die Leute nach irgendeinem Kronprinzen aussehn . Aber so gewiß das richtig ist , noch richtiger ist das andre : der Kronprinz , nach dem ausgeschaut wurde , hält nie das , was man von ihm erwartete . Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich erwachter Pietät , im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen ; in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch , als Neugestalter aufzutreten , und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch wirklich aus der Tasche . Nur nicht auf lange . Leicht beieinander wohnen die Gedanken , doch eng im Raume stoßen sich die Sachen . Und nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und Geleise ein . « » Und so wird es Woldemar auch machen ? « » So wird es Woldemar auch machen . Wenigstens wird ihn die Lust sehr bald anwandeln , so halb und halb ins Alte wieder einzulenken . « » Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen . Sie haben ihm in den Kopf gesetzt , daß etwas durchaus Neues kommen müsse . Sogar ein neues Christentum . « » Ich weiß nicht , ob ich so gesprochen habe ; aber wenn ich so sprach , dies neue Christentum ist gerade das alte . « » Glauben Sie das ? « » Ich glaub es . Und was besser ist : ich fühl es . « » Nun gut , das mit dem neuen Christentum ist Ihre Sache ; da will ich Ihnen nicht hineinreden . Aber das andre , da müssen Sie mir was versprechen . Besinnt er sich und kommt er zu der Ansicht , daß das alte Preußen mit König und Armee , trotz all seiner Gebresten und altmodischen Geschichten , doch immer noch besser ist als das vom neuesten Datum und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin her , auch wenn es uns selber schlecht geht , immer noch mehr Herz für die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen , kommt es zu solcher Rückbekehrung , dann , Lorenzen , stören Sie diesen Prozeß nicht . Sonst erschein ich Ihnen . Pastoren glauben zwar nicht an Gespenster , aber wenn welche kommen , graulen sie sich auch . « Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie , wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre . » Das alles , Herr von Stechlin , kann ich Ihnen gern versprechen . Ich habe Woldemar erzogen , als es mir oblag , und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren lassen . Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre . Sprechen hat seine Zeit , und Schweigen hat seine Zeit . Aber wenn Sie ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir erscheinen wollen , so schieben Sie mir dabei nicht zu , was mir nicht zukommt . Nicht ich werde ihn führen . Dafür ist gesorgt . Die Zeit wird sprechen und neben der Zeit das neue Haus , die blasse junge Frau und vielleicht auch die schöne Melusine . « Der Alte lächelte . » Ja , ja . « Zweiundvierzigstes Kapitel So ging das Gespräch . Und als Lorenzen aufbrach , fühlte sich der Alte wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Beängstigung . Aber es kam anders ; die Nacht verlief schlecht , und als der Morgen da war und Engelke das Frühstück brachte , sagte Dubslav : » Engelke , schaff die Wabe weg ; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn . Krippenstapel hat es gut gemeint . Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der ganzen Heilkraft der Natur . « » Ich glaube doch , gnäd ' ger Herr . Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe nich an . « » Du meinst also : Für ' n Tod kein Kraut gewachsen ist . Ja , das wird es wohl sein ; das mein ich auch . « Engelke schwieg . Eine Stunde später kam ein Brief , der , trotzdem er aus nächster Nähe stammte , doch durch die Post befördert worden war . Er war von Ermyntrud , behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante Gründung eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich am Schlusse dahin , daß , » wenn sich - hoffentlich binnen kurzem - ihre Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden « , Agnes , das Enkelkind der alten Buschen , als erste , wie sie vertraue , sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte . Dubslav drehte den Brief hin und her , las noch einmal und sagte dann : » Oh , diese Komödie ... wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende Gesundheit erfüllt haben werden ... das heißt doch einfach , wenn Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn . Alle Menschen sind Egoisten , Prinzessinnen auch , und sind sie fromm , so haben sie noch einen ganz besonderen Jargon . Es mag so bleiben , es war immer so . Wenn sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand andrer hätten . « Er steckte , während er so sprach , den Brief wieder in das Couvert und rief Agnes . Das Kind kam auch . » Agnes , gefällt es dir hier ? « » Ja , gnäd ' ger Herr , es gefällt mir hier . « » Und ist dir auch nicht zu still ? « » Nein , gnäd ' ger Herr , es ist mir auch nicht zu still . Ich möchte immer hier sein . « » Na , du sollst auch bleiben , Agnes , solang es geht . Und nachher . Ja , nachher ... « Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände . Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell . Engelke trat an ihn heran und sagte : » Gnäd ' ger Herr , soll ich nicht in die Stadt schicken ? « » Nein . « » Oder zu der Buschen ? « » Ja , das tu . So ' ne alte Hexe kann es immer noch am besten . « In Engelkens Augen traten Tränen . Dubslav , als er es sah , schlug rasch einen andern Ton an . » Nein , Engelke , graule dich nicht vor deinem alten Herrn . Ich habe es bloß so hingesagt . Die Buschen soll nich kommen . Es würde mir wohl auch nicht viel schaden , aber wenn man schon so in sein Grab sieht , dann muß man doch anders sprechen , sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten . Und das möcht ich nich , um meinetwegen nich und um Woldemars wegen nich ... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein ... Die käme mir am Ende gleich nach , um mich zu retten . Nein , Engelke , nich die Buschen . Aber gib mir noch mal von den Tropfen . Ein bißchen besser als der Tee sind sie doch . « Engelke ging , und Dubslav war wieder allein . Er fühlte , daß es zu Ende gehe . » Das Ich ist nichts - damit muß man sich durchdringen . Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich , weiter nichts , und dieser Vollzug , auch wenn er Tod heißt , darf uns nicht schrecken . In das Gesetzliche sich ruhig schicken , das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn . « Er hing dem noch so nach und freute sich , alle Furcht überwunden zu haben . Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst , und er seufzte : » Das Leben ist kurz , aber die Stunde ist lang . « Es war eine schlimme Nacht . Alles blieb auf . Engelke lief hin und her , und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die halbgeöffnete Tür in das Zimmer des Kranken . Erst als schon der Tag graute , wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger ; der Kranke nickte matt vor sich hin , und auch Agnes schlief ein . Es war wohl schon sieben - die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen bereits in einem hellen Schein - , als Engelke zu dem Kinde herantrat und es weckte . » Steih upp , Agnes . « » Is he dod ? « » Nei . He slöppt en beten . Un ick glöw , et sitt em nich mihr so upp de Bost . « » Ick grul mi so . « » Dat brukst du nich . Un kann ook sinn , he slöppt sich wedder gesunn ... Un nu , steih upp un bind di ook en Doog um ' n Kopp . Et is noch en beten küll drut . Un denn geih in ' n Goaren un plück em ( wenn du wat finnst ) en beten Krokus oder wat et sünsten is . « Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus und ging auf das Rundell zu , um nach ein paar Blumen zu suchen . Sie fand auch allerlei ; das Beste waren Schneeglöckchen . Und nun ging sie , mit den Blumen in der Hand , noch ein paarmal auf und ab und sah , wie die Sonne drüben aufstieg . Sie fröstelte . Zugleich aber kam ihr ein Gefühl des Lebens . Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf den Stuhl zu , wo Dubslav saß . Engelke , die Hände gefaltet , stand neben seinem Herrn . Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß . » Dat sinn de ihrsten « , sagte Engelke , » un wihren ook woll de besten sinn . « Dreiundvierzigstes Kapitel Es war Mittwoch früh , daß Dubslav , still und schmerzlos , das Zeitliche gesegnet hatte . Lorenzen wurde gerufen ; auch Kluckhuhn kam , und eine Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs , der die Nachricht von des Alten Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte , voran der Domina , dann Koseleger , dann Katzlers und zuletzt den beiden Gundermanns . Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein , der eine von Adelheid , der andre von Armgard . Adelheid machte dem gräflichen Hause kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders , unter gleichzeitiger Mitteilung , » daß das Begräbnis am Sonnabendmittag stattfinden werde « . Der Brief Armgards aber lautete : Liebe Melusine ! Wir bleiben noch bis morgen hier - noch einmal das Forum , noch einmal den Palatin . Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken , dann kommt man wieder , und das ist für jeden , der Rom verläßt , bekanntlich der größte Trost . Wir gehen nun nach Capri , aber in Etappen , und bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Cassino , wo ( verzeih meine Weisheit ) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll . Ich liebe Klöster , wenn auch nicht für mich persönlich . Neapel berühren wir nur kurz und gehen gleich bis Amalfi , wenn wir nicht das höher gelegene Ravello bevorzugen . Dann erst über Sorrent nach Capri , dem eigentlichen Ziel unsrer Reise . Wir werden nicht bei Pagano wohnen , wo , bei allem Respekt vor der Kunst , zuviel Künstler sind , sondern weiter abwärts , etwa auf halber Höhe . Wir haben von hier aus eine Empfehlung . In acht Tagen sind wir sicher da . Sorge , daß wir dann einen Brief von Dir vorfinden . Vorher sind wir so gut wie unerreichbar , ein Zustand , den ich mir als Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders Poetisches vorgestellt habe . Küsse meinen alten Papa . Nach Stechlin hin tausend Grüße , vor allem aber bleibe , was Du jederzeit warst : die Schwester , die Mutter ( nur nicht die Tante ) Deiner glücklichen , Dich immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard . Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht , weil sowohl der alte Graf wie Melusine ganz der Erwägung lebten , ob es nicht , trotz Armgards gegenteiliger Vorwegversicherung , vielleicht doch noch möglich sein würde , das junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen ; aber es ging nicht , man mußt es aufgeben und sich begnügen , allerpersönlichst Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen . Des alten Grafen Befinden war nicht das beste , so daß seitens des Hausarztes sein Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde . Daran aber war gar nicht zu denken . Und so brachen denn Vater und Tochter am Sonnabend früh nach Stechlin hin auf . Jeserich wurde mitgenommen , um für alle Fälle zur Hand zu sein . Es war Prachtwetter , aber scharfe Luft , so daß man trotz Sonnenschein fröstelte . In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr verändert aus ; sonst so still und abgeschieden , war heute alles Andrang und Bewegung . Zahllose Kutschen erschienen und stellten sich auf dem Dorfplatz auf , die meisten ganz in Nähe der Kirche . Diese lag in prallem Sonnenschein da , so daß man deutlich die hohen , in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah , die früher , vor der Restaurierung , im Kirchenschiff gelegen hatten . Efeu fehlte ; nur Holunderbüsche , die zu grünen anfingen , und dazwischen Ebereschensträucher wuchsen um den Chor herum . Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine grüne Halle umgewandelten Hausflur aufgebahrt . Adelheid machte die Honneurs , und ihre hohen Jahre , noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein , ließen sie die ihr zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchführen . Außer den Barbys , Vater und Tochter , waren , von Berlin her , noch Baron und Baronin Berchtesgaden gekommen , ebenso Rex und Hauptmann von Czako . Rex sah aus , als ob er am Grabe sprechen wolle , während sich Czako darauf beschränkte , das gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß zu zeigen . Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent , das die Grafschaft gestellt hatte . Dieselben Herren , die sich - kaum ein halbes Jahr zurück - am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden und sich damals , von ein paar Ausnahmen abgesehen , über Torgelows Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten , waren auch heute wieder da : Baron Beetz , Herr von Krangen , Jongherr van dem Peerenboom , von Gnewkow , von Blechernhahn , von Storbeck , von Molchow , von der Nonne , die meisten , wie herkömmlich , mit sehr kritischen Gesichtern . Auch Direktor Thormeyer war gekommen , in pontificalibus , angetan mit so vielen Orden und Medaillen , daß er damit weit über den Landadel hinauswuchs . Einige stießen sich denn auch an , und Molchow sagte mit halblauter Stimme zu von der Nonne : » Sehn Sie , Nonne , das ist die Schmetterlingsschlacht von der man jetzt jeden Tag in den Zeitungen liest . « Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Thormeyer doch Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben , wenn nicht der jeden Ordensschmuck verschmähende , nur mit einem hochkragigen und uralten Frack angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz gemacht hätte . Das wendisch Götzenbildartige , das sein Kopf zeigte , gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen Gunsten . Er nickte nur pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten Adel die Frage zu richten : » Was wollt ihr hier ? « Er hielt sich nämlich ( worin er einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte ) für den einzig wirklich berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft . Das waren so die Hauptanwesenden . Alles stand dichtgedrängt , und von Blechernhahn , der in bezug auf » Schneid « beinah an von Molchow heranreichte , sagte : » Bin neugierig , was der Lorenzen heute loslassen wird . Er gehört ja zur Richtung Göhre . « » Ja , Göhre « , sagte von Molchow . » Merkwürdig , wie der Zufall spielt . Das Leben macht doch immer die besten Witze . « Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung nicht , weil sich , als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte , die Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete , wo der aufgebahrte Sarg stand . Hier war nämlich , und zwar in einem brillant sitzenden und mit Atlasaufschlägen ausstaffierten Frack , in eben diesem Augenblicke der Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt , nachdem er einen Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt hatte , mit jener Ruhe , wie sie nur das gute Gewissen gibt , auf Adelheid zu , vor der er sich respektvollst verneigte . Diese bewahrte gute Haltung und dankte . Von verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das Wort » Affront « , während ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn von Alten-Friesack stehender , erst seit kurzem zu Christentum und Konservatismus übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor sich hin murmelte : » Schlauberger ! « Und nun war es Zeit . Der Zug ordnete sich , Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt vorauf ;