was du mir sonst zu schreiben hättest . Adieu ! « Graf Egge zog mit beiden Händen die Lederhose höher an den Leib und schritt davon . Als er das Adlerhaus erreichte , blieb er stehen , musterte die fünf Vögel und nickte vor sich hin . » Es wird leer . Ich muß für Nachschub sorgen . « Er sah über die Schulter nach Schloß Hubertus zurück . Nun schritt er weiter , die Arme über Lauf und Schaft der Büchse gelegt , und starrte grübelnd vor sich hin . » Sie wird sich besinnen und zu mir halten ! Ich such ' ihr einen Mann , und das Paar soll mir Leben und Kinder ins Haus bringen . Sie hat Rasse . Das wird Buben geben ! « Um nicht am Zaunerhaus vorüber zu müssen , machte er einen Umweg durch den Wald und suchte auf verstecktem Fußpfad den Friedhof auf . » Gott sei Dank ! « murrte er in den Bart , als er den Gottesacker leer sah . Hastig trat er ein und suchte zwischen den Eisenkreuzen das frische Grab . Leises Gesumm umschwebte den bunten Hügel ; der starke Duft dieser tausend Blumen hatte die Bienen herbeigelockt , die auf den herbstlichen Wiesen nur noch spärliche Ernte fanden . Während Graf Egge auf beiden Knien lag , mit verschlungenen Händen , betrat der Mesner den Friedhof und verschwand in der Kirche . Es war Mittag , und die Glocke begann zu läuten . 11 In der Wohnstube der Horneggerin saß Franzl am blau gedeckten Tisch , und seine Mutter brachte die Brotsuppe . Sie wollte gerade die rauchende Schüssel auf den Tisch setzen , als sie am Hof das Zauntürchen gehen hörte und einen Blick durch das Fenster warf . Im ersten Schreck hätte sie fast die Suppe fallen lassen . Erst wurde sie kreidebleich , dann dunkelrot bis unter die grauen Haare . » Jesus Maria ! Bub ! Da kommt der Herr Graf ! « Während Franzl auffuhr , als hätte der Blitz vor ihm in die Schüssel geschlagen , griff die Horneggerin an ihre Frisur , riß die Küchenschürze herunter und stotterte : » Mar ' und Joseph ! Wie schau ich denn aus ! Halb angezogen ! Und jetzt kommt der Herr Graf ! « Sie wollte in die Kammer springen , aber die Knie versagten ihr . Und da ging schon die Stubentür auf , und Graf Egge erschien auf der Schwelle . Den Bergstock hatte er im Flur gelassen . Einen wortlosen Gruß nickend , stellte er die Büchse an die Mauer , nahm den Hut ab und warf ihn auf das Fensterbrett . Schweigend sah er den Jäger an , dem die Erregung alle Glieder zu lähmen schien , betrachtete die alte Frau , die zitternd hinter dem Ofen stand , und während seine gebeugte Gestalt sich langsam streckte , ließ er den Blick über alle Wände und Geräte des Stübchens gleiten . Tief atmend drückte er die Fäuste auf die Brust , als wäre zwischen diesen engen , niederen Mauern ein wohltuendes Gefühl der Erleichterung über ihn gekommen . Nun ging er auf den Jäger zu und bot ihm die Hand . » Grüß ' dich Gott , Franzl ! Ich seh ' es ein , ich hab ' dir unrecht getan . Das will ich wieder gutmachen . Schlag ein und trutz ' nicht ! Sei wieder mein Jäger , mein bester , wie du es immer warst ! Ich muß doch einen Menschen haben , von dem ich weiß , er hängt an mir ! Schlag ein , Alter ! « Während die Horneggerin im Ofenwinkel unter Tränen die Augen aufschlug , als wäre dem lieben Herrgott ein Wunder gelungen , bot Franzl den Anblick eines Menschen , der ein paar tiefe Krüge über den Durst getrunken hat . Er machte wohl den Versuch , in militärischer Haltung vor seinem Herrn zu stehen , aber es zog ihm den Kopf in den Nacken , und dabei würgte er immer das eine Wort heraus : » Aber Herr Graf ! Aber Herr Graf ! Aber Herr Graf - « » Mach ' keine Geschichten , sondern schlag ein ! Oder soll ich die Hand eine halbe Stund ' lang herhalten ? « Da griff der Jäger mit beiden Händen zu , und der Druck fiel so kräftig aus , daß Graf Egge die Zähne übereinanderbiß . » So ! Und jetzt zur Schüssel und iß ! Wenn du fertig bist , packen wir auf und marschieren . « Graf Egge schob den Jäger zur Bank und wandte sich an die Horneggerin , wobei seine Sprache zu vollem Dialekt wurde . » Geben S ' an Löffel her , Mutter ! Ich halt mit . Zwei Tag lang hab ich kein Bissen nimmer nunterbracht . Jetzt krachen mir alle Rippen . An Löffel her ! « » Aber gern ! Es is mir ja die größte Ehr ! « Die Försterin wußte vor Freude und Verwirrung nimmer , was sie beginnen sollte . » Jesus , wann ich nur auf so was gfaßt gwesen wär ! Da hätt ich aufkocht , ich weiß net was ! Und grad heut muß ich so a grings Mittagessen haben . Die Brotsuppen da - ich trau mir ' s gar net sagen - und Tirolerknödl mit Selchkraut ! D ' Suppen , mein ich , wär net übel . Aber die Knödl , Herr Graf , die Knödl halt ! Soviel sinnieren hab ich müssen , derweil ich kocht hab . Und da hab ich ' s net gwissenhaft gnug mit die Knödl gnommen . Wenn s ' Ihnen nur net drucken ! Jesus Maria ! Dös wär mir ' s ärgste ! « » Ich kann mir was ärgers denken ! « Unter müdem Lächeln schob sich Graf Egge hinter den Tisch . » Wenn alles andre so leicht hinunterging wie gschmalzene Knödl . Also Mutter , geben S ' den Löffel her ! « » Jesses ja ! An Löffel ! Wo hab ich denn mein Kopf ! « Die Horneggerin rannte in die Kammer hinaus . » Habt ihr schon gebetet ? « fragte Graf Egge , während er die Füße unter den Tisch streckte . Franzl brachte keinen Laut heraus und nickte nur . Graf Egge lehnte sich an die Wand zurück , verschlang die Hände über dem Gurt der Lederhose , sprach halblaut ein Vaterunser und bekreuzte sich ; dann griff er über den Tisch , faßte den Blechlöffel der Horneggerin , wischte ihn am Zipfel des blauen Tischtuches ab und fuhr in die Schüssel . » Schieß los , Franzl ! « Als die Försterin kam , mit dem silbernen Patenlöffel ihres Buben und einem blanken Hirschhornbesteck , das sie vor Jahren auf dem Münchener Oktoberfest im Glückshafen gewonnen hatte , war die Suppenschüssel schon halb geleert . » Packen S ' wieder ein , Mutter ! « sagte Graf Egge und behielt den Blechlöffel . Mit Zittern und Bangen trug die Horneggerin das Kraut und die Knödel auf ; doch das derbe Gericht erwarb sich so ausgiebig die Gnade des Gastes , daß Franzl und seine Mutter zu kurz kamen . Da fand die Försterin unter scheuem Lächeln sogar den Mut zu der Bemerkung : » Mir scheint , Herr Graf , sie schmecken Ihnen ? « » Prämieren tät ich Ihnen grad net für so an Exemplar . Aber der Hunger treibt Bratwürst nunter . Ich hab harte Fasten hinter mir . « » O mein Gott , gelt , vor lauter Kümmernis haben S ' nix mehr essen können ? « Die Augen der Horneggerin füllten sich wieder mit Tränen . » Dös kenn ich , wie so was is ! Und wie so an Unglück nur kommen kann ! Gestern noch ' s lachende Leben , und heut der ewige Schlaf ! Da wär ' s kein Wunder , wann der Mensch zittert vor jeder Stund , und wann er Gott sei Dank sagt hinter jedem Tag , der glimpflich vorbeigangen is ! « Eine Weile noch hörte Graf Egge den herzlich gemeinten Jammer der alten Frau geduldig an . Dann legte er plötzlich die Gabel nieder , würgte den letzten Bissen hinunter und erhob sich . » Mach ' fertig , Franzl , ich wart ' im Hof ! « Er reichte der Horneggerin , die erschrocken verstummt war die Hand über den Tisch . » Vergelts Gott , Mutter ! « Dann griff er nach seiner Büchse und verließ die Stube . Franzl schob sich aus der Bank heraus . Da nahm die Horneggerin sein Gesicht zwischen die Hände . » Bub ! Was sagst ! Gestern hast mich in deiner Kümmernis erbarmt , daß ich mir ' s Herz hätt aussireißen können . Und heut is alles wieder gut ! « Franzl nickte ; dabei sprach aus seinen Augen etwas , das mit dieser Zustimmung nicht harmonieren wollte . Er umschlang die Mutter und schmiegte die Wange an ihr graues Haar . So standen sie eine Weile , bis Franzl aufatmend sagte : » Jetzt mußt mich auslassen . ' s Warten hat er net gern . « Er rannte zur Stube hinaus . Eine Minute später kam er die Treppe herunter , fertig für den Berggang . Die Mutter wollte ihm die Stirn mit Weihwasser besprengen , aber bei Franzls Eile gingen die heiligen Tropfen daneben . Graf Egge trommelte schon mit dem Fuß und drängte : » Vorwärts ! Vorwärts ! « Mit langen Schritten wanderte das Paar davon , an den welkenden Hecken entlang . Als sie die Wiesen überschritten und zu den dichter stehenden Häusern des Dorfes kamen , klang hinter ihnen ein Gewinsel , Gebell und Geheul , das sich näherte und immer lauter wurde . Franzl drehte das Gesicht : » Um Gottes willen , Herr Graf ! Was kommt denn da daher ? « Mit Springen und Stürzen , Überschlagen und Kollern näherte sich ein lebendig scheinender Knäuel von flatternden Leinwandfetzen und lang nachschleifenden Bändern , die sich durcheinanderringelten wie kämpfende Schlangen . Je näher das seltene Ungeheuer kam , desto deutlicher ließen sich die wirbelnden Füße , der zuckende Kopf und die schlagende Rute des Hundes erkennen , der als heulender Kern in dieser absonderlichen Schale steckte . » Jesus Maria ! Herr Graf ! Unser Hirschmann ! Der is dem Tierarzt durchbrennt , hat heimgsucht und is auf unser Fährten kommen ! « Franzl legte den Bergstock und die Büchse ab und rannte dem Hund entgegen . » Hirschmanndl ! Hirschmanndl ! Da komm her ! Ja Hirschmanndl ! Was is denn mit dir ? Wo kommst denn her ? « Wie der Hund in seinem zerzausten Spitalgewand herangeschossen kam ; wie er in winselnder Freude an dem Jäger emporzuspringen versuchte , sich in die schlagenden Fetzen verwickelte , laut heulend stürzte und fröhlich bellend wieder aufsprang ; wie Franzl ihn haschen wollte und nur die flatternde Bandage zu fassen bekam , aus der sich der Hund unter Geheul und Gezappel vollends hervorkugelte ; wie der Jäger nun selbst zu Boden taumelte und der befreite Hund mit ungestümer Liebkosung über ihn herfiel - das war ein so drolliger Anblick , daß Graf Egge lachen mußte . Aber dieses Lachen schien ihn zu schmerzen , denn er preßte die Hand an den Hinterkopf . Auch Franzl lachte . Die lärmende Freude des treuen Tieres ließ ihn des Kummers vergessen , den auch die Aussöhnung mit seinem Jagdherrn nicht hatte beschwichtigen können . Auf der Erde sitzend , hielt er den zappelnden Hund umschlungen und blickte lachend zu Graf Egge auf : » Jetzt , Herr Graf , jetzt sind wir wieder alle beinander ! « » Alle ? Da fehlt noch viel , scheint mir ! « Dem Grafen war das Lachen vergangen . Nun erkannte der Hund auch ihn , riß sich aus den Armen des Jägers und kam gesprungen . Mit zerstreuter Freundlichkeit tätschelte ihm Graf Egge den Kopf ; dabei wurde das Tier ruhig und zog den Schweif ein . In Franzl erwachte die Sorge , ob der Hund auch völlig geheilt wäre ; Hirschmann ersparte dem Jäger die nähere Untersuchung ; als Graf Egge sich in Gang setzte , übersprang der Hund eine Planke und sauste wie verrückt auf den Wiesen herum ; dabei schüttelte er immer wieder das Fell , drehte sich im Kreis und schnappte mit den Zähnen nach seinen Flanken . » Der is freilich gsund ! Ja ! « meinte Franzl . » Aber d ' Haut muß ihn spannen . Vom Verband hängt ihm noch ' s ganze Fell voller Pech . « Während die beiden das Dorf durchschritten , drehte sich ihr Gespräch nur um den Hund , der bald vor , bald hinter ihnen seine vergnügten Sprünge machte . Die Leute , die ihnen begegneten , grüßten scheu und mit großen Augen . Immer huschte , wenn Franzl sich für einen Gruß bedankte , eine dunkle Röte über sein schmal gewordenes Gesicht . So erreichten sie den Ländeplatz . Der Seewirt , der auf der Veranda mit einem Touristen plauderte , kam gelaufen und zog die Mütze . » Seewirt ! « Graf Egge hatte die Hand auf Franzls Schulter gelegt . » Ich habe leider hören müssen , daß im Dorf ganz unqualifizierbar Redereien über den Hornegger umhergetragen werden . Das ist böswilliger Quatsch . Hornegger hat sich im Dienst nicht das geringste zuschulden kommen lassen . Wenn ich in grundlosem Zorn eine Übereilung begangen habe , so liegt die Schuld an mir ! Ich sage Ihnen das , damit Sie es unter die Leute bringen . Verstanden ? Und jetzt mein Schiff ! « Während der Seewirt davoneilte , wechselten Röte und Blässe auf dem Gesicht des Jägers . » Aber Herr Graf ! Was machen S ' denn für Gschichten ! Dös is doch z ' viel , Herr Graf ! « » Halt ' den Schnabel , du dummer Kerl , du guter ! Ich hab ' dir einen Treff ins Blut gegeben , jetzt will ich dir auch das rechte Pflaster auflegen . Was ich dem Seewirt gesagt habe , wird umlaufen im Dorf wie ein Windspiel . Und die Leute , die uns heut miteinander gesehen haben , werden ihren Metzen Korn auf deine Mühle schütten . Schau nur , da drüben steht schon wieder einer und reißt das Maul auf ! « Als der Bauer , der inmitten der Straße stand , die Aufmerksamkeit der beiden Jäger auf sich gerichtet sah , wandte er sich ab und ging seiner Wege . Es war der Bruckner . Bevor er um die Ecke bog , warf er noch einen scheuen Blick zu den Bergen hinauf , als wäre dort oben für ihn ein Gegenstand der Sorge . Franzl war merkwürdig still geworden . Während der ganzen Fahrt über den See sprach er keine Silbe und guckte so schwermütig vor sich hin , als hätten die Ereignisse der vergangenen Stunde seinen Kummer um kein Härchen erleichtert . Neben dem Wetterbach stiegen sie aus . Franzl , den das eigene Schweigen zu drücken begann , versuchte zu plaudern ; doch er schwieg wieder , als er merkte , daß sein Herr nicht hörte . Erregung wühlte in Graf Egges Zügen . Während sie an der Klause vorübergingen , hielt er das Gesicht abgewandt ; als sie den Wildbach überschritten hatten und über einen steilen Hang emporgestiegen waren , blieb er stehen und sah mit funkelnden Augen zurück . Über die welkenden Kronen der Ahornbäume ragte das Dächlein der Klause hervor . » Wenn sie alle gegen mich stehen ? Kann es mich wundern ? Sie sind die Kinder dieser Mutter ! « murrte Graf Egge , ohne sich um die Gegenwart des Jägers zu kümmern . In der Sonne leuchtete die Marmortafel mit der Inschrift : » Hier wohnt das Glück ! « Graf Egge faßte mit zornigem Griff die Büchse . Der Schuß krachte , und von der Kugel getroffen , stürzten die Trümmer der zersplitterten Marmortafel mit dumpfen Klatsch zu Boden . » Herr Graf ! « stotterte Franzl . » Um Gotts willen , was treiben S ' denn ? « Ohne zu antworten , warf Graf Egge die Büchse über den Rücken und stieg bergan . Nach dreistündiger Wanderung erreichten sie die Almen . Die weiten , gelblichen Grasgehänge dehnten sich still und öde - während der letzten Tage hatten die Sennerinnen mit ihren Herden die im Seetal liegenden Niederalmen bezogen . Die Schatten des Abends wurden lang , als der Weg der beiden Jäger zu Ende ging und hinter dem Latschenwald das silbergraue Schindeldach der Dippelhütte hervortauchte . Bei der letzten Biegung des Pfades blieb Graf Egge plötzlich stehen , und in aufbrausendem Zorn klang seine Stimme : » Was will das Weibsbild in meiner Hütte ? Das sieht ihm gleich , dem gottverlassenen Kerl , daß er auch noch karessiert in meinem Bett ! Und heute ! « Franzl , den die Gedanken an die bevorstehende Begegnung mit Schipper beschäftigt hatten , , blickte auf . » Was is denn , Herr Graf ? « » Hast du das Weibsbild nicht gesehen , das aus der Hütte kam ? « Der Jäger schüttelte den Kopf . » Die Person muß ein schlechtes Gewissen haben . Ich hab ' es deutlich gesehen , daß sie vor uns erschrocken ist . Warum nimmt sie Reißaus ? Warum macht sie den Umweg durch die Latschen , über den Steig da droben ? Lauf zurück und schneid ihr den Weg ab ! Ich will wissen , wer es war , und was sie in meiner Hütte zu suchen hatte . « Die Büchse in der Hand , lief Franzl über den Pfad zurück . Eine weiße Schürze schimmerte zwischen den Latschen . Er machte noch ein paar lautlose Sprünge . Und nun standen sie voreinander , alle beide zu Tod erschrocken , mit blassen Gesichtern . » Mali ? Du ! « Das Mädel zitterte . Und Franzl griff an seinen Hals . » Der Herr Graf - gsehen hat er dich - und wissen möcht er - « Es brannte heiß über Malis Wangen , und wie in Freude stammelte sie : » Der Graf ? Und du ? Ich bitt dich , so red doch , bist denn wieder im Dienst ? Und is denn alles wieder in Ordnung ? « Er sah sie betroffen an . Ihre Freude hatte zu deutlich gesprochen , um nicht verstanden zu werden . Aber Franzl hatte während der vergangenen Tage seinen Verstand so bös zergrübelt , daß er keinen ruhigen Gedanken , keinen vernünftigen Schluß mehr fertigbrachte . » Ob ich wieder mein Dienst hab ? Warum willst es denn von mir erfahren ? Dös hättst doch grad so gut vom nämlichen hören können , der dir selbigsmal so gschwind hat sagen lassen , daß ich gschaßt worden bin . Bis gestern hab ich noch allweil studiert , wie ' s möglich war , daß die Katz der Maus vorausgsprungen is ? Aber gestern is mir a Lichtl aufgangen - seit ich ghört hab , was für a Bsuch bei dir ans Fenster klopft hat . Aber der hat ' s Türl schön offen gfunden ? Freilich , der hat sein sicheren Posten ! « Mali verfärbte sich , und dennoch atmete sie auf , als wäre ihr eine Sorge von der Seele gefallen . Dem Jäger wurde die Stimme heiser . » Und gar net schenierst dich ? Geht ' s allweil so bei dir ? Bald aussi , bald eini , wie der Kapaziner im Wetterhäusl ? « Bei aller Entrüstung , die in ihm wühlte , trieb ihn doch sein Herz , dem häßlichen Raben ein bißchen was von seiner Schwärze zu nehmen . » Hat dir ' s dein Bruder eingeben ? Du sollst den Verstand a bißl walten lassen ? « » Franzl ? Was hast denn ? « fragte Mali tonlos . » Der Bruder hat nix z ' schaffen mit meiner Sach . Ich bin selber so gscheit gwesen . Ich hab mir halt denkt - « » Denkt hast ? So ? Denkt ? « Franzl lachte und rieb den Hut hin und her . » No schau , jetzt hab ich ja wieder mein Posten ! Und wie mich gsehen hast mit der Büchs , man könnt schier glauben , es hätt dich gfreut ? Da willst am End gar wieder umsatteln ? Viel bild ich mir net ein auf mich . Aber es könnt schon sein , daß dir ' s lieber wär : der Posten und ich , als der Posten und der ander dazu ? « In der Brucknermali schien der empfindliche Apparat zu versteinern , mit dem die Menschenkinder zu denken pflegen . Und Franzl lachte , daß es ihm naß in die Augen sprang . » Viel Zutrauen mußt aber nimmer ghabt haben zu meiner Repatazion ! Sonst hättst dich net gar so tummelt , daß dem andern sein ' Bsuch wieder heimgibst ! Und fein hast dir ' s Stündl ausgsucht . Wo er allein in der Hütten war und der Graf beim Gräbnis drunt ! « Erschrocken griff sich Franzl hinter ' s Ohr . » Mar ' und Joseph ! In meiner Narretei vergiß ich ganz , warum ich dasteh ! « Er richtete sich auf . » Mich geht ja die ganze Gschicht nix an ! Der Herr Graf möcht wissen , was du in seiner Hütten suchst ? « Da schwankte ihm wieder die Stimme . » Und was du mit ' m Schipper hast ? « Mali tappte mit beiden Händen nach dem Kopf , als hätte sie Sorge um ihren gemarterten Verstand . Man konnte ihr ' s ansehen , wie schwer sie die Ausrede fand , nach der sie suchte . » Rasten hab ich müssen , a bißl rasten halt ! Sonst hab ich nix in der Hütten gsucht . Bloß rasten hab ich müssen . « » Rasten ? So ? Was hat dich denn gar so müd gmacht ? « » Bei der Sennerin bin ich gwesen . « » So ? Bei der Sennerin ? Die schon abtrieben hat ? « Ratlos guckte Mali über die stillen Almen hinunter ; dann schlug sie den Arm über die Stirn , stolperte über den Grasrain auf den Jägersteig und ging davon . » Komm gut heim ! Dein Weg wird finster ! « rief Franzl ihr mit zerdrückter Stimme nach . » Oder soll ich dir leicht den Schipper schicken , daß er dich führt ? « Mali griff nach einem Latschenzweig und drehte das Gesicht ; es war entstellt . » Franzl ! Nimm dich vor ' m Schipper in acht ! « Wie von Sinnen rannte sie davon . Franzl stand so betäubt , als hätte er einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen . Da hörte er einen gellenden Fingerpfiff . » Jesses na ! « Er begann zu springen . Graf Egge empfing ihn mürrisch . » Was ist denn mit dir ? Ich wart ' mir da die Seel ' heraus ! Wo bleibst du so lang ? « » Gredt hab ich mit ' m Madl , « keuchte der Jäger atemlos , » ich bitt um Entschuldigung . « Bei Graf Egge schien der Zorn über die weiße Schürze sich schon gelegt zu haben ; er nahm die Wanderung wieder auf und fragte zerstreut : » Wer war es ? « Der Name wurde für Franzl eine zähe Sache . » Die Bruckner-Mali . « » So ? Die ist wieder im Dorf ? Ihr Bruder , sagt Moser , wär ' früher nicht sauber gewesen ? Wie kommt das Mädel jetzt in meine Hütte ? « » Rasten hat ' s müssen , bloß a bißl rasten ! Sonst nix , Herr Graf ! « » Rasten ? Die soll sich ein andermal auf den Kuhsteig setzen , nicht auf meine Bank ! « Damit war die Sache erledigt - wenigstens für Graf Egge . 12 Es dämmerte noch nicht . Aber auf dem Herd der Dippelhütte brannte bereits ein Feuer . Daneben stand schon die eiserne Pfanne und das Holzgeschirr mit dem Schmarrenteig . Die Fäuste in den Taschen der Lederhose , saß Schipper auf dem Herdrand und schien vergessen zu haben , daß er kochen wollte . An der Lippe beißend , in den grauen Zügen den Ausdruck grübelnder Wut , sah er unruhig vor sich hin . Da klang das Klirren eines Nagelschuhs . Schipper hob lauschend den Kopf und erkannte den schweren Schritt . Mit einem Fluch sprang er auf und murmelte : » Is denn der kein Mensch net ? Jetzt kommt er heut noch da rauf ! « Er strich mit der Hand über das Gesicht und sprang zur Tür . Graf Egge stand vor ihm . Wie in freudiger Überraschung schlug Schipper die Hände zusammen . » Ja grüß Ihnen Gott , Herr Graf ! Ja weil S ' nur wieder heroben sind in der Hütten ! Seit Mittag is mir ' s allweil fürgangen , daß ich heut noch die Freud hab - « Schipper gewahrte , daß sein Herr nicht allein war , und das Wort blieb ihm in der Kehle stecken . » Was hockst du in der Hütte ? « fuhr ihn Graf Egge an . » Warum hast du nicht Dienst gemacht ? « Schipper war noch immer sprachlos ; Franzls Anblick hatte auf ihn gewirkt wie die Erscheinung eines Gespenstes . » Hörst du nicht ? « » Ich bitt , Herr Graf , ich hab mir halt denkt , Sie kommen . « » Das Denken überlaß mir ! Du mach deinen Schutz ! Hol ' deine Büchse und pack ' dein Zeug in den Rucksack ! Alles . Und dann marschier ' ! Von heut an übernimmst du Patscheiders Bezirk . Ich hab ' in meiner Hütte für dich keinen Platz mehr . « Schipper zitterte vor Wut , und sein Gesicht spielte alle Farben ; aber er schien zu merken , daß die Stunde nicht geeignet war , um gegen dieses unerwartete Versetzungsdekret eine Vorstellung zu erheben . Sich mühsam bezwingend , sagte er mit Ruhe : » Wie der Herr Graf befehlen ! Dem verwahrlosten Bezirk da drüben wird mei ' scharfe Aufsicht net übel anschlagen . Und der gnädig Herr Graf wird wissen , was er will . « » Vor allem will ich Ruhe haben , und da kann ich nicht vor Augen brauchen , was mir die Galle aufriegelt . « Graf Egge trat in die Hütte . Schipper wollte ihm folgen , kehrte aber wieder um und trat auf Franzl zu . » Grüß dich Gott , Hornegger ! Hat der Herr Graf an Einsehen ghabt ? Es is mir lieb , daß d ' wieder da bist ! « Er streckte ihm die Hand hin . » Wir zwei haben uns oft net recht verstanden mitanander . Jetzt red ich mir ' s grad amal vom Herzen weg . Wär gscheiter , wir täten als gute Kameraden einer zum andern halten . Geh , schlag ein ! « Franzl rührte keinen Finger und bohrte den Blick in Schippers Augen . » Oho ! Was hast denn ? « Schipper lachte . » Warum schaust mich denn an wie der Teufel die arme Seel ? « » Hornegger ! « klang es aus der Stube . Und Franzl ging zu seinem Herrn , um den Kammerdienst anzutreten , aus welchem Schipper entlassen war . Als Graf Egge die Herrenstube betreten hatte , war es sein erstes gewesen , das Geheimarchiv aufzusperren , um sich zu überzeugen , ob hier alles in Ordnung wäre . Unversehrt und friedlich ruhte das herrliche Gemsgehörn neben dem Samtetui mit den Edelsteinen , von denen nur ein einziger fehlt - ein Rubin . Nun saß Graf Egge auf dem Bett , und während ihm Franzl die Schuhriemen lösen mußte , hielt er den Hund auf seinem Schoß und zupfte ihm aus dem roten Fell die Harztropfen heraus , die vom Verband zurückgeblieben waren . Nach einer Weile kam Schipper und meldete sich » fertig zum Marsch « . Sein Herr entließ ihn wortlos . Als die Schritte des entthronten Büchsenspanners vor der Hütte verklangen , erhob sich Graf Egge und sagte zu Franzl , der eben die Hängelampe anzündete : » So ! Jetzt is die Luft sauber ! Komm , Alter , jetzt kochen wir unseren Schmarren ! « Die Vorbereitungen , die auf dem Herd bereits getroffen waren , erleichterten die Sache . Während das Schmalz in der Pfanne prasselte , besprachen sie die Pirschpläne für den kommenden Tag . Das heißt , Graf Egge besprach sie . Franzl , der verloren umherging , Holz brachte und Wasser zum Feuer setzte , kam über ein paar pflichtschuldige Wörtchen nicht hinaus und erklärte sich mit allen Vorschlägen einverstanden , die sein Herr ausgrübelte . Mitten in der Rede brach Graf Egge ab , deutete mit dem eisernen Pfannenlöffel nach der Ecke des Herdes und sagte mit schwankender Stimme : » Schau , Franzl , auf dem Fleckl , da is er gsessen am letzten Abend ! « Eine stille Mahlzeit . Während Graf Egge in der Stube die Zither stimmte und Franzl in der Küche das Geschirr spülte , kam Patscheider von seinem Reviergang zurück . Für die Freude über das Wiedersehen mit Franzl hatte der Jäger nur ein paar kurze Worte ; wie sie gemeint waren , das sprach ihm aus den Augen ; zum erstenmal lachte er wieder seit vielen Tagen . Nach dem Rapport teilte er sich mit Franzl in die Arbeit , und dabei sprachen sie flüsternd von dem »