man hört ihn rauschen . In allen offiziellen Kundgebungen , in allem Gassenlärm , in allen öffentlichen Vorkehrungen - immer nur das eine Ziel : » mort aux Prussiens « . All ' diese Truppen , regelmäßige und unregelmäßige , diese Munitionen , diese nach den Befestigungen drängenden Arbeiter mit ihren Werkzeugen und Karren , diese Waffentransporte : alles was man sieht und was man hört , das deutet in Formen und in Tönen , das blitzt und poltert , das funkelt und tost » mort aux Prussiens ! « - Oder mit anderen Worten - dann klingt es freilich wie ein Ruf der Liebe und durchglüht auch weiche Herzen - » pour la patrie ! « - aber es ist dennoch dasselbe . Ich fragte Friedrich : » Du bist doch preußischer Abstammung - wie berühren Dich diese von allen Seiten laut werdenden feindlichen Gesinnungen ? « » Dieselbe Frage hast Du schon im Jahre 1866 an mich gerichtet - und damals antwortete ich Dir - wie auch heute - daß ich unter diesen Hassesäußerungen nicht als Landesangehöriger , sondern als Mensch leide . Fasse ich die Gesinnungen der Leute hier vom nationalen Standpunkt auf , so kann ich ihnen nur recht geben ; sie nennen es la haine sacrèe de l ' ennemi - und diese Regung bildet einen wichtigen Bestandteil des kriegerischen Patriotismus . In diesem einen Gedanken gehen sie nun auf : ihr Land von dem feindlichen Einfall wieder zu befreien . Daß sie die Einfallenden durch ihre Kriegserklärung gerufen - das vergessen sie . Sie haben es ja auch nicht selber gethan , sondern ihre Regierung , welcher sie aufs Wort geglaubt , daß sie es thun mußte , und jetzt verlieren sie keine Zeit mit Vorwürfen , mit Erwägungen , wer das Unglück heraufbeschworen ; es ist nun einmal da und alle Kraft , alle Begeisterung wird darauf verwendet , es wieder abzuwenden , oder mit sorglosem Opfermut vereint zu Grunde zu gehen . Glaube mir , es liegt viel edle Liebesfähigkeit in uns Menschenkindern , schade nur , daß wir sie in den alten Feindschaftsgeleisen vergeuden ... Und drüben , die Gehaßten , die einfallenden , die rothaarigen , östlichen Barbaren - was thun die ? Sie sind herausgefordert worden und sie dringen in das Land derjenigen ein , welche das ihre zu überfallen drohten : à Berlin , à Berlin ! Erinnerst Du Dich noch , wie dieser Ruf die ganze Stadt durchschallte , sogar von den Dächern der Omnibusse herab ? « » Nun marschieren jene nach Paris ! Warum rechnen ihnen das die à Berlin-Rufer als Verbrechen an ? « » Weil es keine Logik und keine Gerechtigkeit geben kann in jenem Nationalgefühl , dessen oberster Grundsatz der ist : Wir sind wir - das heißt die ersten , die anderen sind Barbaren . Und jener Vormarsch der Deutschen von Sieg zu Sieg flößt mir Bewunderung ein . Ich bin doch auch Soldat gewesen und weiß , was an dem Begriffe Sieg für ein Zauber haftet , welcher Stolz , welcher Jubel da hineingelegt wird . Ist es doch das Ziel , der Lohn für alle gebrachten Opfer , für den Verzicht auf Ruhe und Glück , für das eingesetzte Leben . « » Warum bewundern aber die überwundenen Gegner , die ja doch auch Soldaten sind und wissen welcher Ruhm den Sieg begleitet , warum bewundern die ihre Überwinder nicht ? Warum heißt es niemals in einem Schlachtbericht der verlierenden Partei : Der Feind hat einen glorreichen Sieg errungen ! ? « » Weil - ich wiederhole es - der Kriegsgeist und der patriotische Egoismus die Verneinung aller Gerechtigkeit ist . « So kam es - ich sehe es aus allen unseren in den roten Heften eingetragenen Gesprächen aus jenen Tagen - daß wir an gar nichts anderes dachten , denken konnten , als an den Verlauf des gegenwärtigen Völkerduells . Unser Glück , unser armes Glück - wir hatten es , aber wir durften es nicht genießen . Ja , alles besaßen wir , was uns einen lieblichen Himmel auf Erden schaffen konnte : grenzenlose Liebe , Reichtum , Rang , den herrlich sich entwickelnden Knaben Rudolf , unser Herzenspüppchen Sylvia , Unabhängigkeit , reges Interesse an der Welt des Geistes ... aber das alles war wie hinter einen Vorhang gestellt . Wie durften , wie konnten wir an unseren Freuden uns laben , während um uns alles litt und zitterte , schrie und tobte ? Das ist , als wollte man es sich recht gütlich thun an Bord eines sturmgepeitschten Schiffes . » Ein theatralischer Mensch , dieser Trochu , « berichtete mir Friedrich eines Tages - es war am 25. August - » Was wurde heute für ein Effekt-Coup ausgeführt ? Darauf verfällst Du nimmer . « » Die Frauen zum Militärdienst einberufen ? « riet ich . » Um Frauen handelt es sich wohl , aber sie sind nicht einberufen - im Gegenteil . « » Also die Marketenderinnen abgeschafft - oder die barmherzigen Schwestern ? « » Noch immer nicht erraten . Abschaffung ist zwar dabei - und Marketenderinnen , insofern sie den Becher der Lust reichen , und barmherzig - in gewissem Sinn - sind die Abgeschafften auch ; kurz - ohne weitere Charade : die Demimonde wird ausgewiesen . « » Und das hat der Kriegsminister verfügt ? Welcher Zusammenhang ? « - » Ich finde auch keinen , aber die Leute sind über die Maßregel entzückt . Einmal sind sie immer froh , wenn etwas geschieht : von jeder neuen Verordnung erwarten sie eine Wendung , wie manche Kranke , die jedes angewandte Mittel als mögliches Heilmittel begrüßen . Wenn das Laster aus der Stadt getrieben ist - meinen die Frommen - wer weiß , ob dann der offenbar erzürnte Himmel nicht wieder seine Huld über die Bewohner ergießt ? Und jetzt , da man sich auf die ernste , entbehrungsvolle Zeit der Belagerung vorbereitet , was sollen da die tollen , verschwenderischen Hetären ? So erscheint den meisten - die Betroffenen ausgenommen - die Maßregel als eine würdevolle , moralische und nebstbei noch eine patriotische , da eine große Anzahl dieser Frauen Fremde sind . Engländerinnen , Südländerinnen , ja sogar Deutsche - vielleicht Spioninnen darunter ! » Nein , nein , jetzt hat die Stadt nur Platz für ihre eigenen Kinder und nur für ihre tugendhaften Kinder ! « Am 28. August kam es noch schlimmer . Wieder eine Ausweisung : binnen drei Tagen hatten alle Deutsche Paris zu verlassen . Das Gift , das tötliche , langwirkende , welches in dieser Maßregel lag , davon hatten die Rezeptschreiber wohl keine Ahnung : damit war der Deutschenhaß geweckt . Wie lange dieses Unglück noch über den Krieg hinaus furchtbare Früchte tragen sollte - das weiß ich heute . Von da ab waren Frankreich und Deutschland - diese zwei großen , blühenden , herrlichen Länder nicht mehr zwei Nationen , deren Heere einen ritterlichen Zweikampf ausfochten : in das ganze Volk drang der Haß für das ganze gegnerische Volk . Die Feindschaft ward zu einer Institution erhoben , die sich nicht auf die Dauer des Krieges beschränkt , sondern als » Erbfeindschaft « ihren Bestand unter kommenden Geschlechtern sichert . Ausgewiesen - binnen drei Tagen die Stadt verlassen müssen - : ich hatte Gelegenheit zu sehen , wie hart , wie unmenschlich hart dieser Befehl manche brave , harmlose Familie traf . Unter den Geschäftsleuten , welche uns zu der Ausstattung unseres Heims Waren lieferten , befanden sich mehrere Deutsche : ein Wagenfabrikant , ein Tapezierer und ein Kunsttischler . Seit zehn bis zwanzig Jahren in Paris niedergelassen , wo sie einen häuslichen Herd gegründet , wo sie sich durch Heirat mit Parisern verschwägert hatten , wo sie alle ihre geschäftlichen Verbindungen besaßen - und jetzt mußten sie fort , binnen drei Tagen fort , ihr Haus verschließen ; alles verlassen , was ihnen lieb und gewohnt war ; ihr Vermögen , ihre Kundschaft , ihren Erwerb einbüßen - - Bestürzt kamen die armen Wichte zu uns gerannt und teilten uns das Unglück mit , das sie betroffen ; auch die Arbeit , die sie eben für uns zu liefern im Begriffe waren , mußte eingestellt , die Werkstätte geschlossen werden . Händeringend und mit Thränen in den Augen klagten sie uns ihr Leid : » Ich habe einen kranken alten Vater , « sagte der Eine , » und meine Frau sieht täglich ihrer Niederkunft entgegen und in drei Tagen müssen wir fort ? - » Ich habe keinen Sou im Hause , « jammerte der Andere , » alle meine Kunden , die mir Geld schulden , werden nicht so schnell ihre Verpflichtungen einhalten , und ich selbst kann nun meine Arbeiter , welche Franzosen sind , nicht auszahlen - noch acht Tage und ich hätte eine große Bestellung erledigt , die mich zum wohlhabenden Mann gemacht hätte - und jetzt muß ich alles im Stiche lassen ... « Und warum , warum war Alles das über die Armen hereingebrochen ? Weil sie einer Nation angehörten , deren Heer erfolgreich seine Pflicht that , oder weil - um in die Ursachenkette weiter zurückzugreifen - weil ein Hohenzollern vielleicht in Zukunft einen angetragenen spanischen Thron anzunehmen sich einfallen lassen könnte ... Nein , auch dieses » weil « ist nicht bei der letzten Ursache angelangt , dasselbe deckt nur den Vorwand , nicht die Ursache zu jenem Kriege . - Sedan ! » Kaiser Napoleon hat seinen Degen übergeben . « Die Nachricht überwältigte uns . Da war denn richtig eine große , geschichtliche Katastrophe eingetreten . Die französische Armee geschlagen - ihr Führer schwach und matt , so war die Partie denn aus - von Deutschland glänzend gewonnen . » Aus , aus ! « jubelte ich ; » gäbe es schon Leute , die das Recht hätten , sich Weltbürger zu nennen , die könnten heute ihre Fenster beleuchten ; gäbe es schon Tempel der Humanität , aus diesem Anlaß müßten Tedeums gesungen werden - die Schlächterei ist aus ! « » Frohlocke nicht zu früh , mein Schatz , « mahnte Friedrich . » Dieser Krieg hat schon lange nicht mehr den Charakter einer auf dem Brette der Schlachtfelder gekämpften Partie - die ganze Nation kämpft mit . Für eine vernichtete Armee werden zehn neue aus dem Boden gestampft . « » Wäre denn das gerecht ? Es sind doch nur deutsche Soldaten ins Land gedrungen , nicht das deutsche Volk - also kann man ihnen nur wieder französische Soldaten gegenüberstellen . « » Daß Du immer wieder an Gerechtigkeit und Vernunft appelierst - Du Unvernünftige - einem Rasenden gegenüber . Frankreich rast vor Schmerz und Zorn , und vom Standpunkt der Vaterlandsliebe ist sein Schmerz heilig , sein Zorn gerechtfertigt . Was sie nun auch verzweifeltes thun - persönliche Ichsucht ist nicht dabei , sondern höchster Opfermut . Wenn nur die Zeit schon da wäre , wo die Tugendkraft , die dem Menschenverbande innewohnt , von der Vernichtungsarbeit ab- und der Beglückungsarbeit zugewendet würde ! Aber dieser unselige Krieg hat uns von diesem Ziele wieder ein gutes Stück zurückgeschleudert . « » Nein , nein - ich hoffe , der Krieg ist jetzt zu Ende . « » Wenn auch ( was ich übrigens bezweifle ) , es sind die Saaten zu künftigen Kriegen gestreut - und wäre es nur die Hassessaat , welche die Ausweisung der Deutschen enthält . So etwas wirkt weit über das lebende Geschlecht hinaus . « Der 4. September . Wieder ein Gewaltakt , ein Leidenschaftsausbruch - und zugleich wieder ein Heilmittel zur Rettung des Vaterlandes : der Kaiser wird abgesetzt . Frankreich erklärt sich als Republik . Was Napoleon III. und seine Armee gethan : es gilt nicht . Fehlgriffe , Verrat , Feigheit - das Alles haben einige Personen - der Kaiser und seine Generäle - verbrochen ; das hat nicht Frankreich gethan , dafür ist es nicht verantwortlich . Indem der Thron gestürzt ward , hat man die Blätter , worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen , einfach aus dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen . Jetzt erst wird das Land selber Krieg führen , wenn anders Deutschland es wagt , die verruchte Invasion fortzusetzen ... » Wie aber , wenn Napoleon gesiegt hätte ? « fragte ich , als mir Friedrich obige Mitteilungen gemacht . » Dann hätten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm aufgefaßt . « » Ist das gerecht ? « » Kannst Du Dir diese Frage denn nicht abgewöhnen ? « Meine Hoffnung , daß die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende gebracht , mußte ich bald schwinden sehen . Alles um uns geberdete sich kriegerischer als je . Die Luft war mit wildem Groll und heißer Rachgier geladen . Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestürzte Dynastie . Die Schmähreden , die Pamphlete , die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die unglücklichen Feldherrn regneten , die Verdächtigungen und Verleumdungen , der Schimpf , der Spott - : es war ekelerregend . Damit glaubte die rohe Menge die ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwälzen ; und nun diese Menschen zu Boden lagen , bewarf man sie mit Kot und Steinen - und jetzt erst würde das Land es zeigen , daß es unüberwindlich sei . Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt . Die Gebäude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden geräumt oder gar eingerissen . Die Umgebung wird zur Einöde . Truppen von Menschen ziehen von draußen mit ihrem Haushalt in die Stadt . O diese traurigen Züge von Wagen und Packpferden und beladenen Menschen , die da die Trümmer ihrer aufgestörten Herde durch die Straßen wälzen ! Das hatte ich schon einmal in Böhmen gesehen , wo das arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh , und nun mußte ich in der fröhlichen , glänzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen - es waren dieselben ängstlichen , trüben Mienen , dieselbe Mühseligkeit und Hast , dasselbe Weh . Endlich , Gottlob , wieder einmal eine gute Nachricht : Durch englische Vermittelung angeregt , wird in Ferrières eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre und Bismarck veranstaltet . Da würde man doch zu einer Einigung , zu einem Friedensschluß gelangen ! Im Gegenteil ! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar . Schon seit einiger Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsaß-Lothringen befürwortet . Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben . Das historische Argument für den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur teilweise haltbar , daneben wird das strategische Argument vorgebracht : » als Bollwerk bei voraussichtlichen , zukünftigen Kriegen unentbehrlich . « Und bekanntlich sind ja die strategischen Gründe die hochwichtigsten , die unumstößlichsten - daneben darf sich ein ethischer Grund erst in zweiter Linie geltend machen . - Andererseits : die Kriegspartie war von Frankreich verloren worden ; war es nicht billig , daß dem Gewinner ein Preis zufiel ? Hätten im Falle ihres Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen ? Wenn der Ausgang eines Krieges nicht für den einen oder den anderen Teil Gebietserweiterung zur Folge haben soll , wozu wird dann überhaupt Krieg geführt ? Unterdessen läßt das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten : die Deutschen sind schon vor den Thoren von Paris . Die Abtretung Elsaß-Lothringens wird offiziell verlangt . Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch : » Keinen Zoll unseres Territoriums - keinen Stein unserer Festungen « - ( pas un pouce - pas une pierre ) . Ja , ja - tausend Leben - nur keinen Zoll Erde . Das ist der Grundgedanke des patriotischen Geistes . » Man will uns demütigen , « riefen die französischen Patrioten , » eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trümmern begraben . « Fort , fort ! entscheiden wir jetzt . Wozu ohne Notwendigkeit in einer belagerten fremden Stadt verbleiben , wozu unter Leuten leben , die von keinen anderen als Haß- und Rachegedanken erfüllt sind , die uns mit scheelen Blicken und oft mit geballten Fäusten betrachten , wenn sie uns deutsch reden hören ? Freilich , ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris , aus Frankreich hinaus ; man hatte überall Gefechtsgebiete zu passieren , der Eisenbahnverkehr war für Privatreisende häufig verschlossen ; unseren Neubau im Stiche lassen , war auch nicht angenehm , aber gleichviel : unseres Bleibens war nicht mehr . - Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben ; die Erregungen , die ich in letzter Zeit durchgemacht , hatten mich so stark erschüttert , daß meine Nerven darunter litten . Ich wurde häufig von Schüttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrämpfen befallen . Schon waren unsere Koffer verpackt und Alles zur Abfahrt bereit , als ich wieder einen Anfall bekam , diesmal so heftig , daß ich ins Bett gebracht werden mußte . Der herbeigeholte Arzt erklärte , daß ein Nervenfieber oder gar eine Gehirnentzündung im Anzug sei und man vorläufig nicht daran denken dürfe , mich den Strapazen einer Reise auszusetzen . - Ich lag lange , lange Wochen darnieder . Nur eine sehr traumhafte Erinnerung ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben . Und sonderbar : eine süße Erinnerung . Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines Aufenthaltes - eine belagerte Stadt - unaufhörlich sich zu und dennoch , wenn ich daran zurückdenke : es war eine eigentümlich freudenvolle Zeit . Freuden , ja , so recht intensive Freuden , wie Kinder sie zu empfinden pflegen . Die Gehirnkrankheit , die ich durchgemacht , die fast immerwährende Abwesenheit oder doch nur halbe Anwesenheit des Bewußtseins machte , daß alles Denken und Urteilen , alles Erwägen und Überlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur ein vager Daseinsgenuß zurückblieb , wie solcher - wie gesagt - von Kindern , namentlich von zärtlich gewarteten Kindern , empfunden wird ... An zärtlicher Wartung fehlte es mir nicht . Der Gatte , besorgt und liebend , unermüdlich , war Tag und Nacht um mich . Auch die Kinder brachte er häufig an mein Lager . Was mein Rudolf mir alles vorerzählte ! Ich verstand es meist nicht , aber seine liebe Stimme erklang mir wie Musik ; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia , unserer Herzenspuppe , wie süß belustigte mich erst das . Da gab es hundert kleine Scherze und Einverständnisse zwischen Friedrich und mir über das Gebahren unserer Tochter ... Worin diese Scherze bestanden , das weiß ich auch nicht mehr ; aber ich weiß daß ich lachte und mich freute - ganz unbändig . Jeder der gewohnten Späße schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je öfter wiederholt , desto witziger und köstlicher . Und mit welcher Wonne ich die gereichten Tränkchen schlürfte : da bekam ich täglich zur bestimmten Stunde eine Limonade - so etwas göttertrunkähnliches habe ich während meines ganzen gesunden Lebens nicht gekostet - und allabendlich eine opiumhaltige Arznei , deren sanfteinschläfernde , in bewußten Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefühle seliger Ruhe durchrieselte . Dabei wußte ich , daß der geliebte Mann an meiner Seite war , mich hütend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz . Der Krieg , der draußen vor den Thoren wütete , von dem wußte ich beinahe nichts mehr ; und wenn mir doch zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte , so betrachtete ich das Ding als etwas so fern liegendes , so mich durchaus nicht berührendes , als spielte es sich in China oder auf einem anderen Planeten ab . Meine Welt war hier in diesem Krankenzimmer - in diesem Rekonvalescentenzimmer vielmehr , denn ich fühlte mich genesen - dem Glück entgegen . - - - - - - - - - - - - - - - Dem Glücke ? Nein . Mit der Genesung kam auch das Verständnis wieder und die Auffassung des gräßlichen , das uns umgab . Wir waren in einer belagerten , hungernden , frierenden , jammererfüllten Stadt . Der Krieg wütete noch fort . Inzwischen war der Winter hereingebrochen , eisigkalt . Jetzt erfuhr ich erst , was während meiner langen Bewußtlosigkeit alles vorgefallen . Die Hauptstadt des » Bruderlandes « , Straßburg , die » wunderschöne « , die » echt deutsche « , die » kerndeutsche Stadt « ist beschossen worden ; ihre Bibliothek zerstört , im Ganzen fielen 193 722 Schüsse - vier oder fünf in der Minute . Straßburg ist genommen . - Das Land gerät in wilde Verzweiflung - jene Verzweiflung , welche in Raserei und Wahnsinn ausartet . Man schlägt im Nostradamus nach , um darin Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden , und neue Seher lassen sich mit Weissagungen vernehmen . Ärger noch : Besessene treten auf : es ist wie ein Rückfall in mittelalterliche , höllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht ... » Könnte ich zu den Beduinen ! « rief Gustav Flaubert . » Könnte ich in das halbbewußte Traumland meiner Krankheit zurück ! « so klagte ich . Jetzt war ich wieder gesund und mußte all das erfahren und erfassen , was Grauenvolles um uns vorging . Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde folgende Notizen vor : 1. Dezember . Trochu setzt sich auf den Höhen von Champigny fest . 2. Dezember . Hartnäckiges Gefecht um Brie und Champigny . 5. Dezember . Die Kälte wird immer strenger . Ach , die zitternden , blutenden , armen Wichte , die draußen im Schnee gebettet - sterben . Auch hier in der Stadt wird furchtbar an Kälte gelitten . Der Verdienst ist auf Null gesunken . Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen . Was gäbe Mancher drum , wenn er nur ein paar Stückchen Holz da hätte - und wäre es der gewisse Thron von Spanien ... 21. Dezember . Ausfall aus Paris . 25. Dezember . Eine kleine Abteilung preußischer Kavallerie wird aus den Häusern der Ortschaften Troo und Sougé mit Flintenschüssen begrüßt ( das ist Patriotenpflicht ) . General Kraatz befiehlt die Züchtigung dieser Ortschaften ( das ist Kommandantenpflicht ) und läßt brennen . » Anzünden « lautet das Kommandowort , und die Leute - vermutlich sanfte , gutmütige Bursche - gehorchen ( das ist Soldatenpflicht ) und legen den Brand an . Die Flammen schlagen zum Himmel und die armen Heimstätten stürzen krachend ein über Mann und Weib und Kind - über fliehende , weinende , brüllende und brennende Menschen und Tiere . O du fröhliche , o du selige , o du heilige Weihnachtszeit ! Soll Paris nun ausgehungert werden , oder auch beschossen ? Gegen letztere Annahme sträubt sich das Kulturgewissen . Diese » ville-lumière « , dieser Anziehungspunkt aller Völker , diese glänzende Stätte der Künste - mit ihren unersetzlichen Reichtümern und Schätzen bombardieren wie die erste beste Citadelle ? Nicht denkbar ; die ganze neutrale Presse ( so erfuhr ich später ) protestiert dagegen . Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen ermuntert dazu : das sei das einzige Mittel , den Krieg zu Ende zu führen und die Seinestadt erobern - welcher Ruhm ! Die Proteste übrigens sind es gerade , welche gewisse Kreise in Versailles bestimmen , diese strategische Maßregel - weiter ist ja eine Beschießung doch nichts - zu ergreifen . Und so geschah es , daß ich unterm 28. Dezember mit zitternden Zügen niederschrieb : » Es ist da ... Wieder ein dumpfer Schlag ... Eine Pause - und wieder - « Weiter schrieb ich nicht . Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen jenes Tages . In dem » Es ist da « lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung , eine Erleichterung , ein Nachlassen der beinah schon unerträglich gewordenen Nervenanspannung . Was man so lange teils erwartet und befürchtet , teils für menschenunmöglich gehalten - es war nun da . Wir saßen beim Gabelfrühstück ( das heißt wir aßen Brot und Käse - die Lebensmittel waren schon karg ) , Friedrich , Rudolf , der Hofmeister und ich , als der erste Schlag erdröhnte . Wir Alle erhoben betroffen die Köpfe und wechselten Blicke . Sollte dies ? ... Aber nein - es war vielleicht ein zugefallenes Hausthor oder sonst etwas . Nun war ja Alles still . Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf , ohne nur des Gedankens zu erwähnen , welchen jener Ton in uns erweckt hatte . Da - nach drei bis vier Minuten - kam es wieder . Friedrich sprang auf : » Das ist die Beschießung , « sagte er , und eilte ans Fenster . Ich folgte ihm . Von der Straße drang ein Gemurmel herauf , Gruppen hatten sich gebildet : die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte . Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestürzt - zugleich erklang eine neue Salve . » Oh monsieur et madame - c ' est le bombardement ! « Zu der offenen Thür herein drängten nunmehr sämtliche anderen Diener und Dienerinnen bis herab zum Küchenjungen . Bei solchen Katastrophen - Kriegs- , Feuer- oder Wassernot - da fallen alle gesellschaftlichen Schranken , da laufen alle Bedrohten zusammen . Viel mehr als vor dem Gesetze , mehr noch als vor dem Tode - der in seinen Bestattungsceremonien solche Standesunterschiede kennt - fühlen sich Alle gleich vor der Gefahr . C ' est le bombardement - c ' est le bombardement ! « Jeder , der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam , stieß diesen selben Ruf aus . Es war entsetzlich - und dennoch , ich erinnere mich genau meiner Empfindung : ein gewisses bewunderndes Erschauern , eine Art Genugthuung , etwas so Gewaltiges zu erleben , mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor der eigenen Lebensgefahr dabei nicht zu erbeben . Die Pulse schlugen mir , ich fühlte etwas wie - wie soll ich ' s nennen ? - Stolz des Mutes . Das Ding war übrigens weniger schauervoll , als es im ersten Augenblick geschienen . Keine brennenden Gebäude , keine angstschreienden Menschenhaufen , keinen unaufhörlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel - sondern immer nur dieses dumpfe , ferne , von langen und längeren Zwischenräumen getrennte Rollen . Man fing nach einiger Zeit beinahe an , sich daran zu gewöhnen . Die Pariser wählten als Spaziergangsziel solche Punkte , von welchen aus man die Kanonenmusik besser hören konnte . Hier und da fiel ein Geschoß auf die Straße und platzte , aber wie selten kam Einer dazu , zufällig in der Nähe zu sein . Zwar fielen manche tötliche Bomben herab , aber in der Millionenstadt hörte man von diesen Fällen nur so vereinzelt , wie man auch sonst gewohnt ist , unter den Lokalnachrichten seiner Zeitung verschiedene Unglücksfälle zu vernehmen , ohne daß es einem besonders nahe ginge : » Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerüst gefallen « oder » eine anständig gekleidete Frauensperson sich über das Brückengeländer in den Fluß gestürzt « u. dgl. m. Der eigentliche Kummer , der eigentliche Schrecken der Bevölkerung , das war nicht das Bombardement : das waren der Hunger , die Kälte , die Not . Aber eine solche Nachricht von einem unheilbringenden Geschoß hat mich tief erschüttert . Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins Haus : » Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder François ( 8 Jahre alt ) und Amélie ( 4 Jahre , welche eine durch das Fenster fliegende Bombe erschlagen hat . Um stille Teilnahme wird gebeten . « » Stille « Teilnahme ! Ich stieß einen lauten Schrei aus , nachdem ich das Blatt überflogen . Ein Gedanke , ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer , der in dieser schlichten Traueranzeige lag .. ich sah unsere beiden Kinder , Rudolf und Sylvia - nein , es war nicht auszudenken ! Die Nachrichten , die man erhält , sind spärlich ; alle Postkommunikation natürlich unterbrochen ; nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der Außenwelt verkehrt . Die Gerüchte , die allenthalben auftauchen , sind der widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausfälle , oder man verbreitet die Kunde , daß der Feind schon im Begriffe sei , Paris zu erstürmen , um es an allen Ecken anzuzünden und dem Erdboden gleich zu machen ; oder man versichert , daß , ehe man einen einzigen Deutschen in die Mauern dringen ließe , die Kommandanten der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen würden . Es wird erzählt , daß die sämtliche Bevölkerung des Landes , namentlich aus dem Süden ( » le midi se lève « ) über die Belagerer im Rücken herfällt , um ihnen den Rückzug abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten . Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre - deren Richtigkeit sich später bestätigte - bis zu uns . So von einer auf der Straße von Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik , wobei Greuelthaten sich zutrugen : außer Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den bereitstehenden Eisenbahnwaggons , um an deren Stelle Platz zu nehmen . Von Tag zu Tag wird es schwerer , Lebensmittel zu beschaffen . Die Fleischvorräte sind erschöpft ; es gibt schon längst keine Rinder und Schafe mehr in den angelegten Viehparks ; bald sind auch alle Pferde verzehrt , und es beginnt die Periode , wo die Hunde und Katzen , die Ratten und Mäuse , schließlich auch die Tiere des jardin des plantes , selbst der so beliebte , arme Elephant als Speise dienen müssen . Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen . Stunden- und stundenlang müssen die Leute vor den Bäckerläden in der Reihe harren , um ihre kleine Ration zu bekommen , doch die meisten gehen leer aus . Erschöpfung und Krankheiten machen reiche Todesernte . Während gewöhnlich in der Woche 1100 Menschen starben , weisen die