Ach , wenn ich nur Einen hätte ! « Darin sind alle Weiber gleich , dachte Leonhart . - Er sah nach der Uhr und schauderte . Es ist doch eigentlich ein wahrer Skandal . Hier sitzt man nun und sauft regelmäßig für zehn Mark Wein , den die Weiber austrinken ! Zehnmal macht schon hundert Mark auf die Weise . Freilich , was ist billiger in diesem verwünschten Berlin ! Ein Ekel ergriff ihn vor seinem hartnäckigen Versimpeln in dieser thörichten Anhänglichkeit an zeit- und geldverzehrende angebliche » Studien « -Manieren . Was ihn solche Lokale lehren konnten ( tiefere Kenntniß des weiblichen Charakters in seiner entarteten Entfesselung ) , hatte er doch längst gelernt . Elende Schwäche der Gewohnheit . Aber an eben dieser Schwäche gehen tausende junger Existenzen in Berlin zu Grunde , Studenten , Maler , Musiker . - Selbst ein gewisser Ort war hier lebensgefährlich wegen seiner Unsauberkeit . Alles schwamm dort durcheinander , so daß selbst die Stiefeln durchnäßt wurden . Ein scheußliches Symbol für den sonstigen moralischen Schnupfen , den man sich holt . » Nicht wahr , mein Kind , wir Beide gehen ganz allein nachher eine halbe Stunde spazieren , um uns abzukühlen ? « Er bejahte , wenn sie rasch mache . Draußen ging das Gezanke mit den Mamsells wieder los und einige späte Nachtgäste , die erschienen waren , um Jux zu machen , wurden ersucht sich » etwas plötzlich « zu entfernen . Er hatte es satt , so lange zu warten , während sie draußen geschäftlich herumschimpfte . Er trat daher hinaus mit Ueberzieher und Stock . Da er sie nicht sah , wollte er schon hinuntergehn , als sie von oben mit Muff , Hut und Mantille kam . Sie rief entrüstet : » Na , was ist das ? « » Ich warte , « erwiderte er . » Aber bitte , sehr rasch ! « Sie maß ihn mißtrauisch und sagte unvermittelt : » Ach , Sie sind mir ein fauler Jakob ! - Nur einen Moment , daß ich Kasse mache ! « Aber auch das dauerte endlos ; ihn ergriff ein unbesieglicher Widerwille . » Ich muß wirklich gehn , « sagte er plötzlich . » Gut , dann machen Sie , daß Sie fortkommen , « entfuhr es ihr . Er verbeugte sich kalt . » Ich danke für die gnädige Entlassung , « drehte sich auf den Hacken um und ging . » Das war neulich von Dir ein gemeiner Zug ! Mich da im Pelz stehn lassen . « » I , so lange zu warten hatt ' ich weder Zeit noch Lust . « » Da sieht man , wie Du mich liebst ! Aber auch gar nicht ! « » Oho , ich liebe Dich fürchterlich ! « » Fürchterlich - das ist schon nichts , das ist Ironie . Du kommst mal alle acht Tage und denkst : Willst mal zu der Frau ' raufgehn und mit ihr eine Flasche Wein trinken . Das ist ganz gemüthlich . Aber Liebe ! Liebe für mich allein ! « Er sah sie fest an und sagte ruhig : » Warum liebst Du mich denn ? « Sie gerieth wieder in Extase und fiel ihm um den Hals : » Wie reizend das wieder herauskam ! - Warum ! ich Dich liebe ? Erstens , weil ich Dir ganze Nächte lang zuhören könnte , wenn Du erzählst - zweitens , weil Du so schöne Augen hast - und drittens , weil Du anständig bist . « » Na ja ! « Er küßte sie . - » Ich muß Dir ja das Küssen beibringen . Das verstehst Du nicht . « » Aber ich laß mich gern küssen . « » Oho , das klingt verdächtig . « » Wie , hast Du schon je gesehn , daß ich mich küssen ließ ? « » Nein , ich hab ' s nicht gesehn , das ist eben das Schlimme , « brummte er ironisch . » O Du ! « Sie preßte ihn innig an sich . » Riech mal ! « Damit drückte sie sein Haupt an ihren üppigen Busen , wie sie das mit wohlberechneter Absicht zu thun liebte . » Ach wie berauschend ! « gähnte er , den Parfüm einsaugend . » Wenn wir erst verheirathet sind , berausche ich Dich noch anders . « Sie küßte ihn glühend ab . » Na , nur zu ! Ich bin bereit , Sphinx . « Er lächelte neckisch , weil er wußte , daß ihn das gut kleidete . Richtig quietschte sie auch : » O die Grübchen ! « und stellte sich wie bezaubert , indem sie jedoch » auf den Schreck « Glas auf Glas hinunterstürzte und ihn ebenfalls animirte . » Denn wie Du weißt , mein Schatz , Liebe ist Liebe und Geschäft ist Geschäft . « So verschwanden die Flaschen natürlich eilig genug , da ja die wackern Mamsells regelmäßig ihr Theil erst einschenkten und wegtrugen - als Preis für das Alleinlassen des Pärchens . Sie wurde ihm heut so langweilig mit ihrem Erzählen von ihren schweren Träumen und schlaflosen Nächten , und von den vielen gemeinen Insinuationen , die man an sie richte ( das » kräftige junge Weib , das etwas bedürfe « ) , und von den Geschenken und Nachstellungen ihrer Anbeter , - daß er sich gähnend erhob und bald das Weite suchte , von ihr die Treppe halb hinab verfolgt . Als er nach acht Tagen wieder erschien , war sie nicht sichtbar , sondern fröhnte im hintern Zimmer dem Champagner mit irgend einem Verehrer . Als er nach wenigen Minuten ging , rauschte sie heraus , ihm nach , in einem schwarzen Atlaskleid mit hochgerötheten Wangen . Er kniff das eine Auge zu , zeigte auf die bewußten Wangen und sagte » O ! « » Julitz war heut göttlich ! « rief sie mit affectirter Absichtlichkeit , indem sie den Kopf junonisch zurückwarf kund ihn fest anblickte . Hoffte sie etwa , daß ihm das eifersüchtigen Aerger errege ? Er verbeugte sich lächelnd , küßte ihre Hand und sprach väterlich : » Julitze nur weiter , Kind . Meinen Segen hast Du . « » Wir müssen doch auch ' was für die Unsterblichkeit thun ! « Es war spät und kein Gast mehr anwesend , als er nach etwa zehn Tagen kurz vor 11 Uhr wieder vorsprach . Sobald sie ihn erblickte , schoß sie mit einem kleinen Aufschrei auf ihn zu . - - » Neulich sah ich Dich auf der Straße mit einem Andern zusammengehn . Du bemerktest mich auch und fast mich nicht gegrüßt . Ich dachte , Du würdest hinter mir herkommen ... aber nichts . Siehst Du , sagte ich zu meiner Schwester , das ist meine verschmähte Liebe . « Er stellte das natürlich in Abrede . » Ach , rede man ich . Wohl hast Du mich gesehn . Neulich auch glaubte ich Dich vor einem Bilderladen zu sehn ... ich trat an den Herrn heran , der Dir ähnlich sah ... da sah ich erst , er war lange nicht so hübsch wie Du . Ach , das ist den bei mir so eine Tollheit im Kopf : Ich sehe Dich überall , ich glaube Dich überall zu treffen und hinterher als ein Andrer . « Sie erzählte dann eine Geschichte von ihrem Edelmuth , wie sie Unter den Linden einem überfahrenen alten Arbeiter die Droschke zum Nachhausefahren bezahlt . » Ja , die Reichen haben kein Herz , nur die Armen . « Sie hatte ihm anfangs - sie blieben vorn , da hinten noch Weingäste saßen - gegenübergesessen , indem sie ihn ernstforschend betrachtete und die Beine bequem übereinanderschlug . Da er aber ihren Fuß dabei emporgehoben und geküßt hatte , sprang sie auf » dafür bekommst Du einen ordentlichen « und gab ihm einen Kuß , daß man es bis hinten hörte . » Ach was soll ich mich geniren ! Mögen sie alle reden was sie wollen ! « Damit setzte sie sich ihm auf den Schoß und ließ ihren Gefühlen freien Lauf . » Erzähl mir wieder ' was Interessantes ! Du weißt ja alles , alles ! « Sie plauderten lang und breit und sie hörte ihm stets mit gespanntester Aufmerksamkeit zu . Als Olga einmal an den Tisch kam , nahm sie zufällig Leonharts Handschuhe auf , die auf dem Tisch lagen . Dabei blieb ihr Auge plötzlich wie gebannt hängen . Aergerlich steckte er sie in die Tasche , ohne sich etwas dabei zu denken . - In ihrem Liebestaumel blieben beide bis zwei Uhr zusammen und sie selber geleitete ihn hinaus . - Als er nach Hause schritt , kam ihm ein plötzlicher Argwohn . Unter der nächsten Laterne prüfte er seine Handschuhe . Er wollte seinen Augen nicht trauen : da stand groß und breit sein Name ! Die Waschanstalt hatte ihn beim Waschen hineingeschrieben und er hatte nichts davon bemerkt ! - » Nun gut , wir wollen sehn « dachte er . » Neulich hast Du gesagt , « hob sie an , » wir gehörten alle zum Thierreich . Dann frage ich mich nur , wozu es dann so viele furchtbar kluge Köpfe giebt - wie z.B. Dein Köppken da , Du ! « » Siehst Du , das hast Du wieder gar nicht verstanden , mein Kind . Nämlich , entwickelt aus dem Thierreich als höhere Gattung werden wir doch ewig bleiben , selbst wenn wir alle thierischen Functionen , als da sind : Essen , Trinken , Schlaf und Beischlaf « ( sie lachte auf und steckte den Finger in den Mund , indem sie ihn lüstern anschielte ) , » völlig abwerfen könnten ... « » Glaubst Du denn wirklich , daß das geschehen könnte ? « unterbrach sie ihn hastig . » Ach , das wäre gar nicht schön . - Ja , was hat man denn sonst vom Leben ? « Sie richtete sich straff auf und sah ihn funkelnden begehrlichen Auges an . » Oho , da haben wir wieder den ollen knuftigen Weltschmerz ! « lachte er auf . » Na , den vertreibe ich Dir , wenn wir erst verheirathet sind . « » Wie er das sagt ! « Sie fiel ihm um den Hals . » Ach , das wird ein Leben ! Morgens stehn wir auf , trinken Kakau und « betonte sie mit Wichtigkeit » nichts dazu . Dann zweites Frühstück : Rührei mit Schnittlauch oder Sardellenbrötchen . Dann essen wir zu Mittag - ach , ein Spargelgemüse zum Beispiel - « Er lachte unbändig . » Nein , diese Eßphantasie ! « » Nun ja , « schmollte sie . » Ich muß Dir doch angeben , wie ich Dich pflegen will . Denn was soll denn sonst , « flüsterte sie ihm schelmisch ins Ohr , » aus der Nacht werden ? Am Nachmittag liest Du mir wundervolle Bücher vor . Und dann gehn wir gleich nach dem Essen zu Bett ... schon um zehn . « Dabei fiel sie ihm an die Brust und drückte sich fest an ihn an . » Ach ! « seufzte er mit ironisch übertriebener Affektation . » Wär ' s schon so weit ! « » Ja , das möchtest Du wohl gleich ! ... Aber auf vier Wochen , nicht ? O ich kenne Dich Bösewicht ! « » O nein , « sagte er , indem er sie glühend umarmte . » Ich liebe Dich wirklich . « » Wahr und wirklich ? « fragte sie schwimmenden Auges . » Sag ' mal , wieviele hast Du geküßt seit vorigen Montag ? « Er sann nach . » Ich will mal genau nachdenken ... keine . « » Keine ? O ! « Sie umschloß ihn mit beiden Armen in einem Paroxysmus der Leidenschaft . » O so komm doch , heirathe mich ! Worum die Andern mich anbetteln , darum flehe ich Dich an . Reise mit mir fort , aus der ganzen Welt fort , an den Genfer See . Dort schaffst Du Deine wunderbaren Werke und ich setze mich zu Deinen Füßen und höre Dir zu ... « » Meine wunderbaren Werke ! « Es schmeichelte ihm aber doch . » Ach , die giebt ' s gar nicht ! Ich schreibe ein Coursbuch . « » Du mit Deiner dummen Ironie ! Ja wohl schreibst Du sie . « Sie holte einen Augenblick tief Athem und ein tiefernster Ausdruck glitt über ihre Züge . » Ich habe alles verloren , alles , Mann , Geliebter und Freund . Alles was ich dachte , hab ' ich mit meinem Mann getheilt . Und wenn man nun Niemanden mehr hat , dem man sich vertrauen kann und so isolirt lebt wie ich ... Vater , Mutter , Schwester - das ist alles nichts , die verstehen mich alle nicht . Und Freundschaft - pah ! Das ist alles nur Falschheit , Neid , nichts andres . Man darf Keinem trauen . « » Sehr richtig , « sagte Leonhart ruhig , » die einzige wirkliche Freundschaft ist die zwischen Mann und Weib . « » Ja , « rief sie , » Dir , Dir möcht ich mich ganz vertrauen . O Deine treuen blauen Augen ! So süß , so ... Wenn Du kommst , dann bin ich selig . Merkst Du nicht , wie meine Augen dann leuchten ? Mit Dir plaudre ich ganz wie mit ... als wärst Du mein bester Freund . Und nicht wahr , Du wirst mich nie verrathen , Du wirst immer lieb zu mir sein ? « Das schöne Weib brach in Thränen aus und schmiegte sich an ihn , als wäre er ein Rettungsanker in allgemeinem Schiffbruch . Er beruhigte sie durch Liebkosungen und trocknete ihre Thränen mit seinen Küssen . » Heut seh ' ich schlecht aus , nicht ? « fuhr sie plötzlich auf , und mit weiblicher Logik abspringend , erzählte er dann , wie sie beim Photographen gewesen sei und dieser ihr empfohlen habe , eine Parthie ihres Halses zu zeigen . Sie knöpfte dabei ihr Kleid oben auf , schlug den Sammetkragen hoch und zeigte , wie . » Mir war ' s ganz ungewohnt . Denn mein seliger Mann erlaubte nie , daß ich decolletirt ging . - Wenn wir Beide nächsten Winter zum Maskenball gehn , wie Du mir versprachst ( nicht wahr , wir thun es doch ? « Er nickte ) , » dann geh ich decolletirt . Denn dem Mann gehört Alles . « » Ich bin aber noch nicht Dein Mann . « » Das thut nichts . Du machst eine Ausnahme . Ach was heirathen ! Man schafft sich einen guten Freund an . Ja , Du natürlich ... ei , sieh mal her ! « Sie knöpfte blitzschnell ihre Taille auf und entblößte die schneeweißen wogenden Hügel . » Wie gefall ich Dir ? « ... es war still , kein Gast im Lokal ... Vorn hörte man nur die Mamsells beim Dominospielen miteinander zanken ... sie waren so ganz allein ... Aus Leonhart ' s Tagebuch . Ich verachte einen Mann , zumal einen jungen Mann , der sich nicht eines Weibes wegen wie ein Narr oder ein Geistesgestörter benehmen kann . - So Aehnliches bemerkt Thackeray wiederholt in seinen Romanen , er , der feinste Menschenkenner der neueren Zeit . Im » Pendennis « findet sich eine schöne Stelle , wo der stolze knorrige Warrington dem jungen Pendennis seine Bekanntschaft anträgt . Als der freudig Erstaunte ihn später fragt , wie er zu dieser Auszeichnung komme , erwidert der ältere lebensgereifte Mann : er habe von der Jugendtollheit des jungen Herrn vernommen , wie er eine Schauspielerin , eine abgefeimte Kokette , durchaus heirathen wollte und mit Mühe vor diesem Wahnsinn bewahrt wurde . Das sei ihm das Merkmal einer tüchtigen Natur gewesen . - Tiefste Seelenkenntniß liegt in dieser Bemerkung . Es scheint ein leicht begreifliches Naturgesetz , daß ideale und zugleich leidenschaftliche Naturen sich mit Vorliebe in rohe und gemein denkende Weiber verlieben . Der Fond ihrer idealisirenden Liebeskraft ist so groß , daß ebenbürtige und würdige Ideale nicht genügenden Stoff für diesen Ueberfluß von Gefühl und Hingebung bieten würden . Wie wäre sonst die wahnsinnige Leidenschaft genialer und großer Männer für so geringfügige oder verächtliche Liebesobjecte zu erklären ! Die erotische Begierde macht zwar manchmal Feige zu Helden , Faulpelze zu Fleißigen , und so fort . Aber viel häufiger tritt der Fall ein , daß sie , selbst wenn sie nebenbei zu höchster Anspannung aller Fähigkeiten reizt , den Charakter von Grund aus vergiftet und verschlechtert . Sie macht Verschwiegene indiscret , Wahrheitsliebende verlogen , Nobeldenkende brutal und boshaft . Sie verwirrt den Sinn für Pflicht und Recht , sie raubt jedes Gefühl der Selbstachtung und Würde . » Aus Klugen macht Thoren die mächtige Liebe « heißt es schon in der älteren Edda . Nichts ist erbarmungswilliger , als einen edeln und ritterlichen Mann , der sich danach eine Eva zum Fall verlocken ließ , hinterher aus der Taumel zur Nüchternheit erwachen zu sehn . » Und er erkannte , daß er nackt war . « Die Wuth gegen den früher begehrten oder besessenen Gegenstand gährt dann derartig , daß sich der Groll sogar in indiscreter Rohheit Luft macht . Man rächt seine eigne Verblendung und stachelnde Reue an dem früheren Idol , das doch im Grunde stets denselben Werth oder Unwerth besaß . Nur in uns selbst liegt die Schönheit und das Begehrenswerthe der Begierde . Die Seele will aus sich selbst heraus und fiebert einer Afterschöpfung , einem schöneren Etwas , entgegen , das in Wahrheit gar nirgends existirt als im Hirn des Liebenden . - Wo liegt Anfang und Ende einer starken Leidenschaft , wenn sie plötzlich über Nacht aus äußeren Anlässen erlöschen kann ! Man begreift vollkommen , wie diese oder jene Leidenschaft entstehen , wachsen , sich ausrasen konnte . Man begreift sogar alle Thorheiten und Narrheiten , zu denen sie veranlaßte ; man würde vielleicht in ähnlichem Falle ebenso handeln . Wie aber ist es möglich , daß eine allesverschlingende wahnsinnige Liebe plötzlich , in sich selbst verzehrt , erlöschen kann - auch ohne daß sie volle Befriedigung gefunden ? Schwache Naturen allerdings mögen in einer Art temporären Irrsinns daran zu Grunde gehn . Starke hingegen , und wenn sie bis zur äußersten Grenze gegangen , können plötzlich sich ein Ziel setzen , ohne sonderliche Willensanstrengung . Die Begierde erlischt einfach , auch ohne Sättigung , auch ohne zwingende Umstände - falls sie störend in den sonstigen Lebenszweck eingreift . Auch dann , wenn der Minnekranke fest entschlossen war , sein Ich dem Du zu opfern . » Alles hat seine Zeit , « sagt der Prediger . Aber die Fluth und Ebbe des Gefühls hat , so natürlich sie scheint , doch etwas Räthselhaftes . Bah , kommt mir nicht mit pathetischen Phrasen - es giebt keine Liebe , sei sie die reinste und selbstaufopferndste , die ein gewisses Stadium überdauert . Oder sie ist bereits eine ernstliche Affection des Gehirns . Ich habe einen lieben Freund . Ich warnte diesen vor einer gewissen anrüchigen Dame . Er nahm sehr ernstlich ihre Partei und schimpfte über die Klatschsucht der Welt . Hinterher erfuhr ich aus unumstößlichen logischen Thatsachen , daß er - er ist sehr verheirathet - mit dieser gefälligen Dame ein flüchtiges sinnliches Verhältniß gehabt . Neulich setzte er sich hin und unterhielt mich wiederum von der Tugend einer anderen Dame , zu welcher die ganze Welt , weil er ' s ein wenig öffentlich trieb , ihm nahe Beziehungen unterschob . Er erzählte mir ganz unmögliche Tugendhaftigkeiten , wie sie in Romanen der » Gartenlaube « vorkommen könnten , - alles mit dem Bestreben , das gewisse Weib in meinen Augen zu heben und dadurch die Existenz einer intimen platonischen Freundschaft mit derselben plausibel zu machen . Wie ein stummes Bild des Glaubens faltete ich andachtsvoll die Hände . Aber es imponirte mir doch . Das heißt gehandelt wie ein Kavalier . III. » Wissen Sie was , schreiben Sie uns einen Messerschneide-Artikel ! Etwas gegen Boulanger , wissen Sie . « » Weswegen ? « » Was für eine Frage ! Es liegt im Interesse des Blatts . « » Möglich . Aber ob in meinem Interesse ? « » Herr Doctor , ich bin erstaunt .. « » Und ich erst ! Gott , seien wir doch keine Kinder ! Die Hauptsache dabei ( ich will ja den Artikel gern schreiben ) ist die : Was - nützt - es mir ? « » Aber das hätte ich nie von Ihnen gedacht ! So wenig Eifer ! Natürlich werden wir Ihnen den Artikel sehr hoch berechnen . « » 50 Pfennig pro Zeile ? « höhnte Kratzenthal . » Nein , alter Freund . Da fällt mir ein : Warum schreiben Sie denn den Artikel nicht ? « » Ach ! « Kössel kratzte sich hinter den Ohren . » Das ist eine sehr sehr prekäre wichtige Affaire . Das kann nur eine ganz gewiegte Feder - wie die Ihre , Herr Doctor Kratzenthal . « » Ach zu gute « schnaufte dieser durch die Nase . » Sie wiegen mein gewiegte Feder in sanfte Illusionen « . Mit einem Wort , er sprang plötzlich auf , » Sie selbst fürchten sich den Artikel zu verbrechen und wollen einen stillen Compagnon dazu . Ich wittere Unrath . Holla , der Bankier Hollmann ! « Kratzenthal brach in ein wieherndes Gelächter aus , schlug seinem Chef auf die Schulter und grinste : » Spekulirt auf Baisse ! - All right ! 100 Mark pro Zeile - 100 Zeilen Umfang - macht 10000 Mark - dann schreibe ich ihn , den Messerschneide-Artikel . « Nämlich im Sinn all der früheren Messerschneidungen , welche fast jedes Blatt wie eine Art monatlicher Excremente von sich giebt . Solche Schauderaffaire erzählte Schmoller dem staunenden Leonhart , als er mit diesem das Zeitungszimmer des Café Bauer durchstöberte , ob sie nicht Beide wieder irgendwo beschimpft worden seien . Er hatte angeblich diese Scene belauscht , als er die Redaction eines großen Blattes heimsuchte . Dann erzählte er noch , wie plötzlich ein schrecklicher Skandal dort losgebrochen sei , da die Gattin des Chefredacteurs Kössel , eine frühere Köchin , diesem grade wie gewöhnlich ihren allabendlichen Gardinenpredigt-Besuch auf der Redaction abgestattet habe . - Dieser professionelle Verfolger der Bosheit sog sich freilich solche Geschichten oft rein aus den Fingern . So galt es ihm diesmal , das bekannte Verhältniß von Börse und Presse in ein Späßchen zu bringen . Allein , es schien nicht so bös gemeint , wie es klang . Aus Klatsch , Nichtigkeit und Jämmerlichkeit setzt sich ja das unselige Leben des Berufsschriftstellers zusammen und als einzige Rache bleibt ihm die böse Zunge . Jedermanns Hand ist wider ihn drum ist seine Hand wider Jedermann . Verzweiflung lachte aus Schmoller ' s Verleumdungsmanie . Das Unberechenbare war hier nie das Unentschuldbare . Grade wie Leonhart fühlte er sich dämonisch zum Geifern getrieben . » Kratzenthal platzt noch vor Gift , wie die Ratte in ihrem Loch . Kössel sagte mir mal , man müsse die ewige Wuth Kratzenthals nur bedauern , da sie von Hämorrhoiden herrühre . « » Das ist keine Entschuldigung . Aber ich kann mir nicht helfen : obschon er mein Todfeind , halte ich ihn für einen Ehrenmann , « versetzte Leonhart ruhig . » Ehrenmann - ach Du bist doch immer der Alte ! « knurrte Schmoller . » Wie hat der Mensch sich immer ruppig gegen Dich benommen ! « » Das tangirt aber nicht seine sonstige Ehrenhaftigkeit . Denn daß er meine Recensionsexemplare andauernd todtschweigt und dem Antiquar verkloppt , diese Naivetät theilt er ja mit allen Preßbengeln . Er ist muthig und unabhängig , erinnert mich immer an einen Dachshund - bissig und brav . « » Ja , die Beine hat er sich krumm gelaufen wie ein Teckel - das stimmt . Übrigens sind sie alle toute même chose ! Jeder Redacteur schießt Probepfeile eingebildeter Willkühr , ob nun von liberalem oder conservativem Göttersitz ! Da ist mir doch die Schwefelsäure der Berliner Tagesstimme noch lieber , als dieser salzlose Ohnmachtgeifer ! « » Ist er eigentlich ein getaufter Jude ? « » Und ob ! Drei Juden in eins ! Darum belfert er ja auch soviel gegen jüdische Gesinnung , um seine Abkunft vom Mühlendamm zu verdecken . « » So ' was ist mir allerdings doppelt widerlich . « Leonhart runzelte die Stirn . » Ich kenne ungetaufte Ehrenmänner . Für getaufte grüne Judenjungen , die ihre Stammesgenossen begeifern , sollte man aber eine Extraruthe parat halten . - Doch wie gesagt , ich glaube , wir beurtheilen Kratzenthal ganz falsch . Grade weil er ein ewiger Krakehler ist , halte ich ihn für einen ehrlichen Kerl . Allerdings leidet er als neuer Lessing an hochgradigem Größenwahn . « Wer litte zwar nicht daran ! dachte er heimlich . - Darin freilich kamen Beide überein , daß die conservative Presse der fortschrittlichen ganz würdig sei , » daß sie alle Beide stinken . « Unpartheilichkeit ? wie haißt ? ! » Sieh da , Federigo , Du hier ? « tönte eine Stimme neben ihm . » Ei , Holbach , und was treibst Du hier ? « » Komm doch an unsern Tisch - Kasimir Pakosch ist hier ! « Holbach lud mit seiner üblichen gewinnenden Liebenswürdigkeit ein , so daß Schmoller und Leonhart bald einem bleichen Herrn mit genialisch zerwühltem Haarwuchs gegenübersaßen . Er trug einen schwarzen Sammetrock und einen weißen Hut mit Schleier , sowie Hosen von weißem Kaschmir . Außerdem lehnte er sich auf einen schwarzen Stock mit breitem Silberknopf , dem das Lasalle ' sche Motto eingravirt : » J ' attendrai mon temps . « Er bedurfte dieser Stütze seines jungen Greisenalters , da er hinkte . Ueber dies Hinken verbreitete er zwar , er sei bei Mars la Tour verwundet ; Böswillige schrieben es jedoch ganz andern Ursachen zu . Dies war der berühmte Kasimir Pakosch , der Regenerator der deutschen Zukunftsbühne . Leonhart kannte ihn bis ins Mark seiner Herzensschöne von dem Tage her , wo er sich ihm gemeldet , um die Hauptrolle seines Festspiels » Sedan « zu spielen , welches von einem » Dramatischen Verein « aufgeführt wurde . Dieser unglaubliche Scherz des hinkenden Dichters fand seine Erklärung in dem Umstand , daß gleich darauf Pakosch ' s dämonische Weltschmerztragödie » Der Mulatte « in Berlin aufgeführt wurde und er durch diesen Coup die scharfe Kritikerfeder Leonharts lahm legen wollte . » Ach , mein theurer Herr Leonor ! « grüßte huldvoll der große Mann . » Und was macht Ihr Drama Der Wärwolf , von dem Sie mir einst erzählten ? Wird es denn endlich mal aufgeführt ? « Diese boshafte Theilnahme erbitterte den Andern dermaßen , daß er anzüglich erwiderte : » Ach nein ! Da sind überall solche Streber , die ihre Stücke von Hamburg bis Frankfurt und München zum Schrecken des Publikums anbringen , weil sie mit den Theaterregisseuren unter einer Decke spielen und den sogenannten Künstlerinnen Gedichte und Bouquets widmen . Man weiß ja , wie so ' was gemacht wird . Ja , und weil Sie sich nach meinem Drama so gütig erkundigen - : was macht Ihre Frau Gemahlin ? Das muß ja doch immer unsere erste Frage an Sie , verehrter College , sein . « Pakosch erröthete leicht , weil er die Beleidigung wohl empfand . Seine Frau , eine morphiumsüchtige Lady Macbeth , welche er nebst einer Villa von dem früheren geschiedenen Gatten ( ein kleiner gemeiner Ehebruch lag vor ) zum Geschenk genommen hatte , besorgte nämlich all seine litterarischen Geschäfte . War er bloß dünkelhaft bis zum Exceß , so raste sie einfach vor Größenwahn , so daß sie zeitweilig in einer Maison de santé sich beruhigen mußte . Sogar der milde Holbach ( der freilich für die kleinsten Gebrechen seiner Nebenmenschen ein scharfes Auge und hinterm Rücken eine gar böse Zunge hatte , falls einer mal nicht seinen egoistischen Zwecken dienen wollte ) entrüstete sich , als ihm Frau Pakosch einst einen herablassenden Brief schrieb : » Solche Oberflächlichkeiten wie Sie , lieber Freund , über das letzte Buch meines großen Gatten , darf man an meinen Mann überhaupt nicht schreiben ! « .. Tiefgekränkt und rachedürstend schob Pakosch eine Rose aus seinem Knopfloch und reichte sie Leonhart : » Danke für die Nachfrage ! Da , mein lieber Leonor , riechen Sie ! Da können Sie ja später sagen , daß Sie mit Kasimir Pakosch an einer Rose gerochen haben ! ! « » O ich Seeliger ! Nennen Sie mich nicht immer Leonor , mein Guter ! Ich heiße Leonhart - Leon , der Löwe und hart - leicht zu behalten . « Leonhart empfahl sich , indem er eine Einladung zur Eröffnung eines neuen stilvollen Bierrestaurants vorwies . » Was wolltest Du mit dem Dolche , sprich ? « rief Schmoller . » Da bin ich ja auch eingeladen , wie sich ' s gebührt . Ich wollt ' es diesem Bierjungen auch gerathen haben ! Ein Lokal eröffnen ohne mich , den Spezialkenner Berlins , hoho ! Nie ohne dieses ! Ich sage Dir , vor mir zittern Verleger und Bierverleger . « - - In dem fürchterlich altdeutsch eingerichteten Restaurant trug sogar die Buffetdame ein altdeutsches Mieder mit Puffen und alles roch nach süffiger Lebenslust , als ob die Herbarien blauer Blümelein von all den Fahrenden Sängern hier auf dem Altar