, wirklich verlobt , ist doch eine riesige Neuigkeit ... Leben Sie wohl , Herr Achthuber . Ich fliehe ... « » Gleichfalls . Das heißt : ich bleibe ! Wiedersehn , Herr Baron ! « » War Drillinger bei Ihnen gewesen ? « fragte der Photograph Attenkofer eintretend . » Bin ihm an der Ecke begegnet , er schien aber so in Gedanken und machte so lange , eilige Schritte , daß er mich gar nicht sah . « » Ja , das ist auch so einer , dem der liebe Gott die Füße mehr zum Davonlausen , als zum festen Schritt oder zum Zustoßen und Zertreten gegeben hat . Der richtige Modejournaloffizier außer Dienst in seinem Äußern . In seinem Innern ? Wer weiß ! Ich hatte mir ihn anders vorgestellt , weniger abgenutzt und effeminiert , weniger ermüdet und zerfahren . Er hat einen Stich ins Hysterische . Künstlerisch ist er nicht uninteressant . Ganz klug werde ich erst aus ihm werden , wenn ich ihn einmal unter mein Modellierholz bekomme ... Helden nur unter scharfem Kommando , in Reih und Glied , wo ' s kein Entrinnen gibt ; auf sich selbst gestellt , schändliche Zärtlinge ... Und so etwas macht das Weibsvolk toll ... Ich hab ' das Motiv ... Ein guter aktueller Typus . Der soll mir nach Mister John an die Reihe kommen . « » Schon wieder in Gedankenarbeit ? Ich will Sie nicht lange stören . Ich wünsche Ihren Rat , lieber Freund . Raßlers Neffe hat mir diesen Morgen angetragen , in sein Geschäft einzutreten . Soll ich annehmen ? Er bietet mir eine sehr angenehme Stellung . Ich wäre damit vielem aus dem Wege , was mir bisher das Leben verbitterte . « » Natürlich sollen Sie annehmen . Aber mit klarem Kontrakt . Alle Raßler sind mehr oder weniger Tröpfe und Spitzbuben . « » Sie sind streng , aber ich danke Ihnen für den Wink . Mein ganzes Unglück war meine Armut . Und als armer Teufel wurde ich immer noch ausgebeutet und wo man mich nicht ausbeuten konnte , verfolgte man mich . « » Selbstverständlich . Den Armen traut man stets das Erbärmliche zu . Die Wohlhabenden gelten zugleich als die Wohldenkenden . Sie Narr des Mitleidens und der Entsagung ! Nur der Erfolg , je materieller er sich in Besitztümern ausspricht , desto besser - gibt moralische Autorität . « » So klug bin ich endlich auch durch Schaden geworden . Im Raßlerschen Geschäfte hoffe ich die Mittel zu erwerben , um ... « » Ich wiederhole : strammen , klaren Kontrakt . Was gibt ' s sonst Neues ? « » Ihr Kollege Echter ... « » Verzeihung , Konkurrent wollen Sie sagen . Unter den Künstlern gibt ' s heutzutage keine Kollegen , nur Konkurrenten . Nur Stümper und Lumpe trumpfen sich altfränkisch als Kollegen auf . Echter ist wenigstens kein Stümper . Er ist ein Konkurrent , den man ernst nehmen muß . Was ist ' s mit ihm ? « » Echter hat richtig den Auftrag bekommen , für den König den großen Relief-Fries , Triumphzug des Bacchus und der Ariadne auszuführen . Er hat mich gestern ersucht , den Karton zu photographieren . « Achthuber runzelte die Stirn . » Also hat er mir richtig die schöne Beute abgejagt ... « » Professor Schnürle , der alle Schleichwege kennt , die zum König führen , soll ihm wacker geholfen haben . Ein unermüdlicher Wühler ... « » Das überrascht mich weniger . Dieser Pinselmeister ist ja mit den Füßen und der Schnautze geschickter , als mit den Händen , daher seine raschen Erfolge . Schnürle und die andern akademischen Dunkelmänner sind ja wütend auf mich und haben allen Grund dazu , seit ich allmählich mit meiner Richtung durchdringe und die jungen Talente sich um mich scharen , obwohl ich weder Ämter noch Ehren und Würden und Aufträge zu vergeben habe . Aber dieser Echter ! ... Wie ist denn seine Arbeit ? « » Nicht übel . Das Durcheinanderwogen von liebestrunkenen Gestalten ist sogar vortrefflich . Allein gewisse Gruppen scheint er Ihrem Entwurfe direkt gestohlen und nur wenig umgeformt zu haben , um ' s nicht merken zu lassen , zum Beispiel die zwei Frauen , die sich taumelnd in die Arme sinken , - wissen Sie , wozu Ihnen die Bertha Hohenauer damals Akt gestanden - und die andern , die vom Veitstanz des Rausches ergriffen . Auch die Szene , wo ein Triton die eben errungene Geliebte jubelnd in die Höhe hebt , daß ihre ganze unverhüllte Schönheit sichtbar wird , während ein Satyr lüstern nach ihrem Fuße hascht , erinnert an Ihre Konzeption ; nur ist bei Echter alles geleckter und ohne Ihr Leben und Ihre Kraft . « » Mag ' s ihm wohl bekommen ! Beim Künstlerfestzug zu König Ludwigs Zentenarfeier werde ich ihm doch einen Possen spielen ... « » Echter und Schnürle sollen auch von den Zwergerschen Plänen durch Konsul Schmerold Wind bekommen haben und nun Himmel und Hölle in Bewegung setzen , um den Leuten den Geschmack daran zu verderben . « » Das wird ihnen schwerlich gelingen , wenn sie nicht dem ganzen Architektenverein von heute auf morgen andere Köpfe aufsetzen können - Köpfe nach dem Strohwischkopfmuster des Herrn Professors Schnürle . Zwerger hat das Votum des Architektenvereins und - sein Genie für sich . Daran werden die Sturmböcke zerschellen . « » Aber einen rechten Hexensabbat wird ' s doch geben . « » Hexensabbat , ja ... « Und nach einigem Nachdenken : » Lieber Attenkofer , wenn nicht alle Wetterzeichen trügen , liegt ein ganz anderer Hexensabbat in der Luft , ein viel größerer , klassischerer - und dieser größere wird den kleineren verschlingen . Vor Schnürles Lakaienpolitik braucht uns nicht bange zu sein . Wir gehen einem Umschwung entgegen , mit Riesenschritten , glauben Sie mir - und dieser Umschwung , wird die Lakaienwirtschaft auch in der Kunst wegfegen wie Spreu . Dann werden wir wieder reinen Tisch und reine Luft haben . Sagen Sie nur , der Achthuber hat ' s gesagt . Vielmehr : sagen Sie gar nichts . Halten Sie nur Augen und Ohren offen . Reifsein ist alles - und arbeiten und sich nicht vor Tod und Teufel fürchten . Ich gehöre ja ohnehin zu jenen , die immer Feinde nötig haben , um scharf bei der Arbeit und fröhlichen Herzens zu bleiben ; Feinde sind mir so notwendig wie das tägliche Brot ; sie sind meine Wohlthäter , meine Lustmacher , meine Hofnarren , meine Sklaven . Nur ganz schmutzige , ekelhafte und insipide Gesellen wie der Preßbandit sind mir zuwider wie Läuse und Wanzen ... Inzwischen photographieren Sie ruhig Echters Triumphkarton , ausgeführt ist er deswegen , doch noch nicht , und lassen Sie sich ordentlich bezahlen . Nichts mehr aus Gratis- Kunstbegeisterung und um einen Gotteslohn , verstanden ? « » Ach ja , Herr Achthuber , « setzte jetzt der Photograph mit einer Stimme ein , die ins Falsett umschlug , was gar spaßhaft mit seiner Hünengestalt kontrastierte : » Eine Bitte hätte ich auch noch , speziell für mich . Wenn ich jetzt mein Geschäft auflöse , habe ich eine Menge alter Verbindlichkeiten zu bereinigen ... « » Und dazu brauchen Sie Geld - und das soll ich Ihnen pumpen ? O Sie Schwärmer ! Gedulden Sie sich bis heute Abend , wenn ' s dunkel wird , will ich mit Ihnen fechten gehen ... « » O , das würde schwerlich ein Triumphzug werden . « » Ich fürchte auch . Vielleicht schinde ich morgen etwas von dem Bilderwucherer in der Maximilianstraße heraus , der mein Hofbräuhaus-Idyll am Tisch der Ungespundeten zur Vervielfältigung erworben hat . Der Hund Weiler lauert zwar auch schon auf den Knochen und zeigt die Zähne ... Der soll sichs Maul wischen . Also morgen - vielleicht ! « - - Max v. Drillinger war auf dem Nachhauseweg in das Café Viktoria eingetreten , hatte sich Papier und Tinte geben lassen und bei einem Glas Marsala an einem stillen Ecktischchen folgende Zeilen an seine kleine Fifette geschrieben : » Nur einen Augenblick des Glücks in Deinen üppigen , süßen Armen , mein liebes , blühendes Herzensweibchen ! Ich brenne vor Ungeduld nach Dir , nach Deinem Leib , nach Deiner Seele ! Du sollst dieses Mal keine Jeremiade von mir hören , mein niedliches , braunes Reh , unser Wiedersehen soll eitel Wonne und Trunkenheit sein und seligster Rausch . Nach der Zuchthausexistenz dieser letzten Woche und den Höllenqualen , die ich erduldet , laß mich eingehen in Deinen Himmel . Kein Weib der Welt weiß zu beglücken wie Du : Beglücke mich , Du Holde , Einzige ! Heut Nacht zur bekannten Stunde im bekannten Hause in der Buttermelcherstraße . Ich werde die Wirtin benachrichtigen , daß sie alles bereit hält . Willst Du mich überselig machen - mein Blut rast nach Dir , wenn ich Dich mir so vorstelle ! - so komme etwas früher und erwarte mich in Deiner betäubenden Anmut und Deinem Liebreiz mit aufgelösten Haaren , ohne Korsett , in dem blauen Schlafrock , vorn offen , und in den durchbrochenen blauen Strümpfen . Du einziger , duftiger , unaussprechlich süßer Engel - Dein , Dein , Dein Max . « Dann schrieb er einige Worte an die Wirtin und übergab beide Briefe einem Expreßboten . In der Maximilianstraße - der Weg an der Isar , durch die Quaistraße , war ihm unheimlich - suchte er dem Oberst Wotan auszuweichen , allein der grimmige Degen schnitt ihm den Seitengang ab . Den Schlapphut bis zu den borstigen Brauen herabgezogen , schwarzgallige Worte auf den verächtlich aufgeworfenen Lippen , hatte er den leichtfüßigen Baron gestellt . Nachdem sich Drillinger hoch und heilig , verschworen hatte , weder mit einem gewissen Paillard eine mehr als rein zufällige Begegnung , noch mit dem Schlemming , Schneidmeyer und tutti quanti seit einer Ewigkeit überhaupt eine persönliche Beziehung gehabt zu haben , fuhr der Oberst fort : » Gut , dann hat man mich wieder angelogen . Aber lassen Sie sich das als Warnung dienen : Sie haben rührige Feinde , denen kein Mittel zu schlecht ist , Sie mit dem anrüchigen , der Spionage verdächtigen Gesindel in Zusammenhang zu bringen . Jetzt , wo in Bayern ohnehin so viele Wasser getrübt sind - Sie verstehen mich . Semper aliquid haeret . Weit vom Ziel ist gut vorm Schuß . « » Ich verreise morgen ohnehin auf einige Wochen . « » Da thun Sie gut daran . Ich bin auch höllisch hauptstadtmüde , zeitungsmüde , klatschmüde . Ewig diese Königs- und Kabinets- und Künstlergeschichten , das wird ja so langweilig , daß einem das Schilfrohr zum Bauch herauswächst . Remplem . Ich geh ' fort . Dieses nüchterne Pendantenvolk mit seiner Arroganz und unheilbaren Troddelose ... Hab ' auch das Bier satt , will meine Eingeweide mit Rotwein auswaschen . Ist ja auch gar kein Bierwetter , immer Kälte und Regen ; eine Salvator- und Maibock-Saison ohne lachenden Sonnenschein , das ist gegen alle Weltordnung . Ich rutsche über den Brenner nach Südtyrol hinab ; da gibt ' s noch Frühling und lustige Menschen und trinkbaren Wein . « » Aber die Ungespundeten , Herr Oberst , wenn alles geht ? « » Hören Sie damit auf ! Wer ist heute noch ungespundet ? Alle halten den Knebel im Mund und den Zapfen im Loch , weil sie der nächsten Viertelstunde nicht trauen ... Apropos , gestern bin ich die Isar hinauf , um in den Buchenwäldern von Großhesselohe und Grünwald ein wenig nach dem Frühling zu sehen . Zufällig kam ich auch nach Höllrieglskreuth und in den Steinbruch , wo der Meister Effenbach seine Werkstatt für freie Religion und Menschlichkeit aufgeschlagen hat . Wenn der Mann so fortfährt , wie ich ihn gefunden habe , gehört er nicht mehr in die Philosophie und in die Soziologie , sondern in die Komödie . Hält dieser Mensch jetzt , der selbst nichts zu nagen und zu beißen hat , auch noch ein Asyl für verrückte Weibsleute ! Machte mir da eine uralte büßende Magdalena , die ' s jedenfalls längst nicht mehr juckt , mit Bibelsprüchen und mystischen Prunkworten die Honneurs ! Remplem . Die Weiber verderben alles . Wo ein Unterrock weht , wird die Luft unrein . Und noch dazu alte Weiber , die ihre Jugendsünden nicht vergessen können und über die Verderbtheit der Welt seufzen ... Auch eine vegetarische Kinderbewahranstalt plant dieser Heilige im Steinbruch ! Heutzutage , wo man nur durch furchtbare Kraft und Rücksichtslosigkeit noch einigermaßen mit der Welt fertig wird ! Ich hab ' s ihm auch gesagt : wenn Ihr durchaus Kinder machen und großfüttern wollt , so säugt sie wenigstens mit Blut und bestellt ihnen Löwinnen und Tigerweibchen als Ammen , so bekommt Ihr vielleicht einen Nachwuchs , wie man ihn heute brauchen kann . Anders nicht . Remplem . Was geht ' s mich an ? Also ich geh ' fort . Andere Luft , andere Menschen , anderen Trunk ! « » Und andere Weiber , Herr Oberst , trotz alledem . « » Remplem . « - - Zwei Tage später hatte auch Max v. Drillinger mit seiner Fifette ein Billet über den Brenner genommen . In einem Geheimfach seines Reisekoffers ruhten drei unerbrochene Briefe von der Frau Kommerzienrat Leopoldine Raßler . Er hatte keine Ahnung davon , daß seine verschmähte Geliebte seit dem letzten Zusammenprall mit ihrem Gatten den ersten Stock der kommerzienrätlichen Wohnung verlassen hatte und in den Gartensalon hinabgesiedelt war , wo sie in schwerer Krankheit darniederlag . Vorerst wußte nur der Hausarzt und der alte Beichtvater aus dem Lehelkloster , daß die Folgen einer Faussekouche die Kranke zwischen Tod und Leben schweben ließen . Im Interesse seines Familienlebens hatte der Kommerzienrat ausstreuen lassen , daß seine Frau auf Weisung des Arztes aus dem ersten Stock ausgezogen sei und die Gartenwohnung mit Rücksicht auf die größere Stille und ozonreichere Luft gewählt habe ; ein Nervenleiden habe zu dieser Veränderung des Aufenthalts Veranlassung gegeben . Die Teilnahme im Hause an dem Leiden der Frau Raßler war eine allgemeine . Die Postoffizials , ließen sich täglich nach dem Befinden der verehrten Kommerzienrätin erkundigen . Auch die englische Familie bezeigte ihr Mitgefühl in ihrer Weise , obwohl sich Mister Aston und Mistreß Wood über den dummen Zufall ärgerten , der ihre angenehme Emotion über die vor einigen Tagen aus der Isar gefischte Leiche mit der abgeschnittenen Nase nun mit der betrübten Stimmung über einen schweren Krankheitsfall im eigenen Hause kreuzte . » Sie wird doch nicht sterben ? « fragte Mama Wood ihren Familien-Statistiker Harry ; » das wäre der erste Todesfall in München , der uns nahe ginge - oder ging schon ein anderer voraus , mein Sohn ? « Worauf Harry lakonisch erwiderte : » Nein , Mama . « Seit Harry seiner Kusine Vivian gestanden , daß er den Preßbanditen regelrecht niedergeboxt habe , und die zarte , aber heldensinnige Dame dieses Geständnis mit einer enthusiastischen Liebeserklärung erwidert hatte und dem nichts Schlimmes ahnenden Harry an den Hals flog , war der glückliche Statistiker und Boxer sehr wortkarg geworden . Auch hatte er über Frau Raßlers Leiden eigene Gedanken und Empfindungen , die er niemand anvertrauen mochte . So Trübes hatte ihm die Isar noch nie gerauscht wie in diesen Tagen . Max v. Drillinger hatte vor seiner beschleunigten Abreise - in Hetz und Hast - andere Sorgen . Er mußte den Bankier Weiler schriftlich um einen Tausendmarkwechsel ersuchen nach Riva am Gardasee , nachzusenden gegen Schluß des Monats - » Alles Übrige ordnen wir nach meiner Rückkehr . « Er hatte seiner Köchin Resl die kränkelnde Brigitta auf die Seele zu binden und der unter Thränen Abschied nehmenden Alten die tröstliche Versicherung zu geben : » Alles Übrige wegen Ludwig und was ich Dir von Afra angedeutet , erkunden und ordnen wir nach meiner Rückkehr . « Er hatte infolge seiner Antwort auf ein Inserat in den Neuesten Nachrichten noch in aller Eile ein Stelldichein am » Chinesischen Turm « im englischen Garten zu erledigen - und als die geheimnisvolle Dame » Amüsement « im Dämmer des Abends sich als Bertha Hohenauer entschleierte und mit feurigen Reden von seinem » schönen , edlen und kunstsinnigen Wesen , das stets einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht « die Annäherung abrunden wollte , gab er auch ihr die Antwort : » Alles übrige Vierhändige ordnen wir nach meiner Rückkehr . « Jawohl , auch die Bertha Hohenauer möchte mit ihrer abgegriffenen Klaviatur zu den schönen Künsten zurückkehren ... Mit rauchendem Kopfe jagte er heim . Davon mit der Schmerzstillerin , mit der entzückenden Fifette ! Davon ! Den Doktor Trostberg hatte er vor seiner Abreise nicht mehr besucht . Er hätte ihn auch nicht angetroffen . Drillinger war schon über alle Berge , als Trostberg eines Abends von seiner Fahrt in die Königsschlösser aus den Alpen ganz verstört heimkehrte . Bemühungen , den König zu sehen und zu sprechen , waren erfolglos gewesen . Hatten ihn die Lakaien nur zum Besten gehabt , als sie ihn drei Tage lang nicht aus dem neuen Frackanzug kommen ließen und ihn von Schloß Berg am Starnberger See nach Schachen und von da nach Neuschwanstein und Linderhof sprengten , immer mit der Versicherung , dort würde er endlich auf das wandernde Hoflager treffen ? Nein . Die guten Leute wußten ' s selbst nicht besser . Der König war wie von einer wilden Phantomjagd ergriffen und fortgewirbelt , in dieser Zeit bald da , bald dort in den Voralpen , ohne verfolgbaren Plan , ohne längeren Aufenthalt , zuletzt in dem halbfertigen Schloß auf der Herreninsel in Chiemsee während einiger Nachtstunden . Alle Wasser- und Beleuchtungskünste mußten plötzlich spielen , tausend Kerzen flammen , aufblitzen die Wunder einer Märchennacht - und dann war wieder alles vorbei , ausgelöscht und verweht wie ein mitternächtiger Geisterspuk ... Leise krachten und bebten die Fundamente ... Auf der Heimfahrt machte Trostberg einen Abstecher nach Forstenried , einen befreundeten Arzt zu besuchen , der dort als Irrenpfleger des geisteskranken Bruders des Königs in dem Jagdschloß des einsamen Waldes seinem traurigen Amte lebte . Was mußte er da aus dem Munde des Arztes hören ! Der König sei geisteskrank , so geisteskrank wie sein wahnumnachteter Bruder , eine Hilfe gebe es nicht mehr , und ein Wechsel in der Regierung des Landes sei nur noch eine Frage von heute auf morgen ! Aus dem Flüstern der Dienstleute in den Vorgemächern und Korridoren , aus dem geheimnisvollen Kommen und Gehen hoher Staatswürdenträger , die hier in der Stille des Waldes mit berühmten Irrenärzten über das Schicksal des Königs beratschlagten - des Königs , der schon von Wahnsinnsfurien von Schloß zu Schloß gehetzt , noch seinen herrscherstolzen Allmachtstraum träumte - aus allen Mienen , aus Reden und Schweigen konnte er lesen , daß Ungeheures sich vorbereite ... Wie eine unheimlich drohende , schwarze Gewitterwolke am sonnenbeglänzten Himmel über einer stillblühenden Frühlingslandschaft , so schwebte jetzt das Schicksalsbild des flüchtigen , von Schloß zu Schloß rasenden Königs vor seiner Seele , und tief erschüttert in seinem Gemüte , mühte sich Doktor Trostberg vergebens , wieder heimgekehrt in seine Klause , seiner eigenen unstäten Gedanken Herr zu werden . Zu verschiedenenmalen in der Nacht war er an das Bett seines Dieners getreten und hatte den schnarchenden Klown geweckt mit Fragen wie : » Gabriel , was macht Dein Kopf ? Gabriel , sind meine Freunde auch bei Sinnen ? Gabriel , ist Baron Drillinger nicht dagewesen ? Gabriel , hat Maximilian Schlichting nichts von sich hören lassen ? « Was der Diener von dem Besuche des Barons Drillinger zu melden wußte , klang wenig beruhigend . Er unterbrach ihn mit der Frage nach dem Kommerzienrat Raßler , und ob dieser das Schweinebild gekauft habe . » Nein , « antwortete Gabriel schlaftrunken , » Raßler ist nicht mehr zurechnungsfähig , er hat das Bild nicht einmal angesehen , obwohl ich ihn daran erinnert habe , daß an der Stelle der Quaistraße , wo heut sein Hans steht , vor zehn Jahren noch mein Zirkus wie in einer Wüstenei gestanden habe , mein Zirkus , wo ich mit den ersten gelehrten Schweinen Furore machte und man weder an die Erbauung der Quaistraße noch an den Kommerzienrat Raßler dachte . Alles half nichts , er mochte nichts von dem Bilde wissen , er ist unzurechnungsfähig . Ich schwöre einen Eid darauf , er ist verrückt . « » Und mein Maximilian Schlichting , wie steht ' s mit ihm ? Erzähl ' mir ' s ! « » Ich weiß es nicht anders , als wie mir ' s die Monika erzählt hat . Monika hat bittere Thränen dazu geweint und wollte sich von mir nicht trösten lassen . Der Herr Schlichting sei auf den Tod krank , habe den Typhus und Delirien . Und dann sei ein Herr Kuglmeier , ein böser Mensch , zu ihm gekommen und habe dem Kranken erzählt , seine Schwester Flora habe sich verlobt , und auf diese Nachricht ist ' s mit dem Kranken noch ärger geworden . Die Monika , nämlich des Schneiders Tochter , bei dem Schlichting wohnt , pflegt den Kranken und weicht nicht von seinem Bett . Wenn er stirbt , hat sie gesagt , dann bringe sie sich ins Zuchthaus . Warum ? hab ' ich sie gefragt . Ich habe das Haus angezündet aus Eifersucht , hat sie gesagt und ich zünde es noch einmal an , hat sie gesagt , und brenne alles nieder . Gute Nacht , Herr Doktor , jetzt kann ich nichts mehr erzählen von diesen Leuten : die sind alle verrückt , weil sie keine Philosophie im Leibe haben ... « Und der Diener warf sich auf die andere Seite und schnarchte weiter . » Verrücktheit fragt nichts nach Philosophie , Gabriel . « Er horchte noch lange nach der rauschenden Isar zum Fenster hinaus . Der Tag graute , als er sein Lager aufsuchte . » Paranoia , Paranoia ! Da soll man den - Mut haben einzuschlafen , wenn man nicht weiß , wie man in der Frühe aufwacht ... Wenn man nicht sicher ist , daß man im Schlafe sich nicht selbst verliert ... daß man von der Morgensonne als Narr angeschienen und angeschrieen wird . Paranoia ... « Nach einer Weile erhob er sich wieder vom Bette und tappte mit bloßen Füßen in die Schlafkammer des Klowns und rüttelte und schüttelte ihn , bis er erwachte . Ein trübes , fahles Licht kam durch die Scheiben , ein gräßlicher Wind umwimmerte das Haus . » Ach Herr , es war ein schöner Traum ... Festzug im Zirkus ... ich war König mit einer wunderschönen Krone , und die Schleppe meines Purpurmantels umtänzelten und umgrunzten mit Frohlocken und Vivat meine gelehrten Schweinchen , alle in Gala-Uniform ... « » Gabriel , hattest Du stets Vertrauen zu Dir selbst ? « » Im Zirkus immer , Herr ! « » Hattest Du nie Mißtrauen gegen Dich , gegen Deinen Verstand ? « » Im Zirkus und mit meinen Schweinen nie , Herr ! Das Publikum jubelte uns zu und bewarf uns mit Blumen , Äpfeln und Orangen . Es war der schönste Festzug meines Lebens . Die Krone stand mir sehr gut , nur mit dem Szepter that ich mich hart , es war zu lang , zu schwer ... Und die Schweine , ach die Schweine , alle in goldener Uniform , und so gelehrt , so ... graziös ... so ... « Er schnarchte wieder ein , in seinen glücklichen Traum wie in ein weiches Kissen zurücksinkend . Still rauschte die Isar . » Paranoia ! « sagte der Doktor und ging kopfschüttelnd in sein Schlafzimmer zurück . » Ich hätte ihn doch in seinem Zirkus lassen sollen , in seinem Festspielhaus , bei seinen gelehrten Schweinchen ... Armer Gabriel , glücklicher Narr ! Ach , und wir andern , die Schauspieler der Vernünftigkeit , die Theatraliker der Weltweisheit ! « Doktor Trostberg ging vom Schlafzimmer ins Studierzimmer , in den » Tempel der Weltlitteratur « ; von allen Bücherrücken glaubte er das Wort » Paranoia « zu lesen . Er trat aus Gartenfenster . Wie traurig des Königs Büste in der Mauernische lächelte ! Wie der Wind an dem dürren Lorbeerkranz auf dem hoheitsvollen Haupte zerrte und zauste ! Und jetzt - nein , zurück ins Schlafzimmer ! Er zog die Fenstervorhänge dicht zu , vergrub sich tief in die Kissen und schlief und träumte in den düstersten Regentag hinein . Was er geträumt ? Als er sich beim Frühstück seine Traumbilder ordnen wollte , kam er nicht über Bruchstücke hinaus . Zwei riesig aufgebauschte Gestalten , die eine in bunten , die andere in schwarzen Gewändern , Frau Welt und Frau Vernunft , die gute Hur ' , wie Luther sie nennt - umschwebten die Thore und Zinnen der Königsschlösser und begehrten vergeblich Einlaß ... Dann wiederum die schwarze Wolke am blauen Himmel - Transfiguration derselben über dem Starnberger See in lichte , klagende Engelschöre , wie die Götterjungfrauen auf dem Himalaya im Urvasi-Theater - die Roseninsel steigt aus dem See aus , höher und höher , wie in einer Apotheose , verwandelt sich in ein Purpurkissen , darauf Krone und Szepter wie Sonnen glänzen - dann ein zuckender Blitz hinab in den See , dann ein Donnerschlag weithin hallend , dann ein nachtschwarzer Schleier , der alles bedeckt , die Alpen , die Königsschlösser , den See , München , die ganze Welt , - das Geheimnis des Todes ... Dem Zufall sei Dank : Zwergers Brief , den er unter den während seiner Abwesenheit eingelaufenen Postsachen fand , gab seinen Gedanken eine andere Richtung . Zuerst muteten ihn die Blätter ganz anachronistisch an , wie eine uralte Handschrift , die man in dem verschütteten Pompeji ausgegraben und die so seltsame Mähr kündet von Menschen und Schicksalen , die seit tausend Jahren verschollen . Aber je weiter er las , desto gewaltiger und heiterer faßte ihn der Geist der Modernität , der aus diesen Zeilen spottete , scherzte , klagte , fluchte , segnete , hoffte . Er legte von Zeit zu Zeit die Blätter weg , lachte vor sich hin , drehte sich eine frische Zigarette und sprach für sich selbst : » Dieser Umfang , diese Fülle ! Ich schwatze gewiß auch mein ehrlich Teil zusammen , wenn ich einmal im Zug bin - das bringt das Jahrhundert der parlamentarischen und publizistischen Schwatzsucht so mit sich - aber was zu viel ist , ist zu viel . Das flutet und rauscht ja daher wie die Isar bei Hochwasser ! Das ist ja ein Buch , eine Parlamentsrede ! Eine Parlamentsrede zum Fenster hinaus ins zeitungsfressende Land hinein ! Armer Zwerger , auch du hast deinen Beruf verfehlt , du , ein Mann der Baukunst , der schweigsamsten , vornehmsten , diskretesten , aller Künste ! Ich weiß wohl , es ist ein Vergnügen , in ungezügeltem Plauderton über fremde Thorheit herzufallen , in suveräner Kritik an allem Menschen- und Affenwerk kein gutes Haar zu lassen - es ist sogar ein lukratives Vergnügen , wenn man wie unsere Landtagsschwätzer und Kritikschmierer noch dafür bezahlt wird ... Ach , dem heimatfernen Einsiedler kann man ' s eigentlich nicht verdenken , wenn ihm das Herz mit der Zunge und der Feder durchgeht ... Einsiedler ? Was ? Mit einem Frauenzimmer ? Auch du , Brutus ? Mein keuscher Joseph ? Nun wird auch dir mit deiner Gottähnlichkeit bald bange werden ! So spottet der Stärkste seiner selbst und weiß nicht wie ... Wie ein Simson will er die Welt der Kunst aus den Angeln heben - und liegt einer Delila im Schoße und merkt ' s nicht , wie sie sacht die Schere erhebt und seine Locken bedroht und mit seinen Locken seine Kraft vernichtet ... O komm ' nur und sieh , wie die Natur selbst die Könige vernichtet , du König aus eigener Kraft , du Suverän von Talentes Gnaden ! « Und immer wieder drängte sich das Bild des unglücklichen Fürsten in seine Gedanken . Er vermochte nicht , den pompeijanischen Brief des Freundes heute zu Ende zu lesen . » Ein Wahnsinnswind geht durch die Welt und bläst mit seinem Gifthauch die besten Köpfe an ... Lauter Hysteriker der Phantasie ... « Mit diesem schwermütigen Wort legte Doktor Trostberg den Brief aus der Hand . Den leise hereintretenden Klown mit einem langen , kalten Blick fixierend , schrie er ihn in plötzlicher Wallung an : » Versiegle Deinen Kopf mit einem großen Siegel und umpanzere Dich mit siebenfachem Erz , Hanswurst ! « Und dann : » Geh und stelle mir einen Bürgen für die Vollsinnigkeit unserer Irrenärzte ! Einen Bürgen , hörst Du ? Ich trau ' ihnen nicht . Woher nehmen sie das Vertrauen in ihre eigene Gesundheit ? In ihre eigene närrische Unfehlbarkeit ? ... « Eine tiefe , düstere Traurigkeit hatte sich des Doktors bemächtigt . 5. Vom Petersturme , dem altersgrauen Senior der zwanzig oder fünfundzwanzig Türme Münchens und seiner Vororte , schlägt die siebente Stunde ; sonor , wuchtig , wie mit des schönsten Bierbasses tönender Allgewalt schmetterts durch die heiße , dumpfe Abendluft der bayerischen Kunst- und Biermetropole . Der erste strahlende blitzblaue Frühlingstag geht zur Ruhe und schenkt den Werkleuten in Schreibstuben und Ateliers , in Fabriken und Handwerksbuden den ersehnten Feierabend - den Feierabend vor dem Himmelfahrtsfeste Christi . Sieben ! Und nun brummt ' s und tönt ' s in die Runde mit eherner Stimme von Turm zu Turm Erlösung von Staub und Hitze und Schweiß ... Erlösung beim frischen Anstich , beim schäumenden Maßkrug in der gemütlichen Kneipe , im traulichen Kellerschatten . Ja ,