das weiße zarte Gesicht der Leiche sah . Das Begräbnis sollte vom Hause des Oheims aus stattfinden , und zu diesem Ende hin mußte Anna erst über den Berg getragen werden . Es erschienen daher Jünglinge aus dem Dorfe , welche die Bahre abwechselnd auf ihre Schultern nahmen , und unser kleines Gefolge der nächsten Angehörigen begleitete den Zug . Auf der sonnigen Höhe des Berges wurde ein kurzer Halt gemacht und die Bahre auf die Erde gesetzt . Es war so schön hier oben ! Der Blick schweifte über die umliegenden Täler bis in die blauen Berge , das Land lag in glänzender Farbenpracht rings um uns . Die vier kräftigen Jünglinge , welche die Bahre zuletzt getragen , saßen ruhend auf den Tragewangen derselben , die Häupter auf ihre Hände gestützt , und schauten schweigend in alle vier Weltgegenden hinaus . Hoch am blauen Himmel zogen leuchtende Wolken und schienen über dem Blumensarge einen Augenblick stillzustehen und neugierig durch das Fensterchen zu gucken , welches fast schalkhaft zwischen den Myrten und Rosen hervorfunkelte im Widerscheine der Wolken . Wenn Anna jetzt die Augen hätte aufschlagen können , so würde sie ohne Zweifel die Engel gesehen und geglaubt haben , daß sie hoch im Himmel schwebten . Wir saßen , wie es sich traf , umher , und mich rührte jetzt eine große Traurigkeit , so daß mir einige Tränen entfielen , als ich bedachte , daß Anna nun zum letzten Mal und tot über diesen schönen Berg gehe . Als wir ins Dorf hinuntergestiegen , läutete die Totenglocke zum ersten Mal ; Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Hause , wo man den Sarg unter die Nußbäume vor die Tür hinstellte . Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das Gastrecht bei dieser letzten Einkehr ; es waren nun kaum anderthalb Jahre vergangen , seit jener fröhliche Festzug der Hirten sich unter diesen selben Bäumen bewegte und mit bewundernder Lust Annas damalige Erscheinung begrüßte . Bald war der Platz voll Menschen , welche sich herandrängten , um der Seligen zum letzten Mal ins Angesicht zu schauen . Nun ging der Leichenzug vor sich , der außerordentlich groß war ; der Schulmeister , welcher dicht hinter dem Sarge ging , schluchzte fortwährend wie ein Kind . Ich bereute jetzt , keinen schwarzen ehrbaren Anzug zu besitzen ; denn ich ging unter meinen schwarzgekleideten Vettern in meinem grünen Habit wie ein fremder Heide . Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesdienst beendigt und mit einem Choral beschlossen , scharte man sich draußen um das Grab , wo die ganze Jugend , außergewöhnlicherweise , einen sorgfältig eingeübten Grabgesang mit gemäßigter Stimme sang . Jetzt ward der Sarg hinabgelassen ; der Totengräber reichte den Kranz und die Blumen herauf , daß man sie aufbewahre , und der arme Sarg stand nun blank in der feuchten Tiefe . Der Gesang dauerte fort , aber alle Frauen schluchzten . Der letzte Sonnenstrahl leuchtete nun durch die Glasscheibe in das bleiche Gesicht , das darunter lag ; das Gefühl , das ich jetzt empfand , war so seltsam , daß ich es nicht anders als mit dem fremden und kalten Worte » objektiv « benennen kann , welches die Gelehrsamkeit erfunden hat . Ich glaube , die Glasscheibe tat es mir an , daß ich das Gut , was sie verschloß , gleich einem hinter Glas und Rahmen gebrachten Teil meiner Erfahrung , meines Lebens , in gehobener und feierlicher Stimmung , aber in vollkommener Ruhe begraben sah ; noch heute weiß ich nicht , war es Stärke oder Schwäche , daß ich dies tragische und feierliche Ereignis viel eher genoß als erduldete und mich beinahe des nun ernst werdenden Wechsels des Lebens freute . Der Schieber wurde zugemacht ; der Totengräber und sein Gehilfe stiegen herauf , und bald war der braune Hügel aufgebaut . Achtes Kapitel Auch Judith geht Am andern Tage , als der Schulmeister zu erkennen gab , daß er nun seinen Schmerz in der Einsamkeit allein mit seinem Gott überwinden wolle , schickte ich mich an , mit der Mutter nach der Stadt zurückzukehren . Vorher ging ich zur Judith und fand sie beschäftigt , ihre Bäume zu mustern , da die Zeit wieder gekommen war , wo man das Obst einsammelte . Der Herbstnebel traf gerade heute zum ersten Mal ein und verschleierte schon den Baumgarten mit seinem silbernen Gewebe . Judith war ernst und etwas verlegen , als sie mich sah , da sie nicht recht wußte , wie sie sich zu dem traurigen Erlebnis stellen sollte . Ich sagte aber ernsthaft , ich wäre gekommen , um Abschied von ihr zu nehmen , und zwar für immer ; denn ich könnte sie nun nie wiedersehen . Sie erschrak und rief lächelnd , das werde nicht so unwiderruflich feststehen ; sie war bei diesem Lächeln so erbleicht und doch so freundlich , daß der Zauber mich beinahe umkehrte , wie man einen Handschuh umkehrt . Doch ich bezwang mich und fuhr fort daß es ferner nicht so gehen könne , daß ich Anna von Kindheit auf gern gehabt , daß sie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt und meiner Treue versichert gewesen sei . Treue und Glauben müßten aber in der Welt sein , an etwas Sicheres müßte man sich halten , und ich betrachte es nicht nur für meine Pflicht , sondern auch als ein schönes Glück , in dem Andenken der Verstorbenen , im Hinblick auf unsere gemeinsame Unsterblichkeit , einen so klaren und lieblichen Stern für das ganze Leben zu haben , nach dem sich alle meine Handlungen richten könnten . Als Judith diese Worte hörte , erschrak sie noch mehr und wurde zugleich schmerzlich berührt . Es waren wieder von den Worten , von denen sie behauptete , daß niemals jemand zu ihr solche gesagt habe . Heftig ging sie unter den Bäumen umher und sagte dann : » Ich habe geglaubt , daß du mich wenigstens auch etwas liebtest ! « » Gerade deswegen « , erwiderte ich , » weil ich wohl fühle , daß ich an dir hange , muß ein Ende gemacht werden ! « » Nein , gerade deswegen mußt du erst anfangen , mich recht und ganz zu lieben ! « » Das wäre eine schöne Wirtschaft ! « rief ich , » was soll dann aus Anna werden ? « » Anna ist tot ! « » Nein ! Sie ist nicht tot , ich werde sie wiedersehen , und ich kann doch nicht einen ganzen Harem von Frauen für die Ewigkeit ansammeln ! « Bitter lachend stand Judith vor mir still und sagte : » Das wäre allerdings komisch ! Aber wissen wir denn , ob es eigentlich eine Ewigkeit gibt ? « » So oder so « , erwiderte ich , » gibt es eine , und wenn es nur diejenige des Gedankens und der Wahrheit wäre ! Ja , wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeschwunden und sich gänzlich aufgelöst hätte , bis auf den Namen , so wäre dies erst ein rechter Grund , der armen Abwesenden Treue und Glauben zu halten ! Ich habe es gelobt , und nichts soll mich in meinem Vorsatz wankend machen ! « » Nichts ! « rief Judith , » o du närrischer Gesell ! Willst du in ein Kloster gehen ? Du siehst mir darnach aus ! Aber wir wollen über diese heikle Sache nicht ferner streiten ; ich habe nicht gewünscht , daß du nach der traurigen Begebenheit sogleich zu mir kommest , und habe dich nicht erwartet . Geh nach der Stadt und halte dich ein halbes Jahr still und ruhig , und dann wirst du schon sehen , was sich ferner begeben wird ! « » Ich seh es jetzt schon « erwiderte ich , » du wirst mich nie wieder sehen und sprechen , dies schwöre ich hiemit bei Gott und allem , was heilig ist , bei dem bessern Teil meiner selbst und - « » Halt inne ! « rief Judith ängstlich und legte mir die Hand auf den Mund ; » du würdest es sicher noch einmal bereuen , dir selbst eine so grausame Schlinge gelegt zu haben ! Welche Teufelei steckt in den Köpfen dieser Menschen ! Und dazu behaupten sie und machen sich selber weis , daß sie nach ihrem Herzen handeln . Fühlst du denn gar nicht , daß ein Herz seine wahre Ehre nur darin finden kann , zu lieben , wo es geliebt wird , wenn es dies kann ? Du kannst es und tust es heimlich doch , und somit wäre alles in der Ordnung ! Sobald du mich nicht mehr leiden magst , sobald die Jahre uns sonst auseinanderführen , sollst du mich ganz und für immer verlassen und vergessen , ich will dies über mich nehmen ; aber nur jetzt verlaß mich und zwinge dich nicht , mich zu verlassen ; dies allein tut mir weh , und es würde mich wahrhaft unglücklich machen , allein um unserer Dummheit willen nicht einmal ein oder zwei Jahre noch glücklich sein zu dürfen ! « » Diese zwei Jahre « , sagte ich , » müssen und werden auch so vorübergehen , und gerade dann werden wir beide glücklicher sein , wenn wir jetzt scheiden ; es ist nun gerade noch die höchste Zeit , es ohne spätere Reue zu tun . Und wenn ich dir es deutsch heraussagen soll , so wisse , daß ich mir auch dein Andenken , was immer ein Andenken der Verirrung für mich sein wird , doch noch so rein als möglich retten und erhalten möchte , und das kann nur durch ein rasches Scheiden in diesem Augenblicke geschehen . Du sagst und beklagst es , daß du nie teilgehabt an der edleren und höheren Hälfte der Liebe ! Welche bessere Gelegenheit kannst du ergreifen , als wenn du aus Liebe mir freiwillig erleichterst , deiner mit Achtung und Liebe zu gedenken und zugleich der Verstorbenen treu zu sein ? Wirst du dich dadurch nicht an jener tieferen Art der Liebe beteiligen ? « » Oh , alles Luft und Schall ! « rief Judith ; » ich habe nichts gesagt , ich will nichts gesagt haben ! Ich will nicht deine Achtung , ich will dich selbst haben , solange ich kann ! « Sie suchte meine beiden Hände zu fassen , ergriff dieselben , und während ich sie ihr vergeblich zu entziehen mich bemühte , indes sie mir ganz flehentlich in die Augen sah , fuhr sie mit leidenschaftlichem Tone fort : » O liebster Heinrich ! Geh nach der Stadt , aber versprich mir , dich nicht selbst zu binden und zu zwingen durch solche schreckliche Schwüre und Gelübde ! Laß dich - « Ich wollte sie unterbrechen , aber sie verhinderte mich am Reden und überflügelte mich : » Laß es gehen , wie es will , sag ich dir ! Auch an mich darfst du dich nicht binden , du sollst frei sein wie der Wind ! Gefällt es dir - « Aber ich ließ Judith nicht ausreden , sondern riß mich los und rief : » Nie werd ich dich wiedersehen , so gewiß ich ehrlich zu bleiben hoffe ! Judith ! leb wohl ! « Ich eilte davon , sah mich aber noch einmal um , wie von einer starken Gewalt gezwungen , und sah sie in ihrer Rede unterbrochen dastehen , die Hände noch ausgestreckt von dem Losreißen der meinigen , und überrascht , kummervoll und beleidigt zugleich mir nachschauend , ohne ein Wort hervorzubringen , bis mir der von der Sonne durchwirkte Nebel ihr Bild verschleierte . Eine Stunde später saß ich mit meiner Mutter auf einem Gefährt , und einer der Söhne des Oheims führte uns nach der Stadt . Ich blieb den ganzen Winter allein und ohne allen Umgang ; meine Mappen und mein Handwerkszeug mochte ich kaum ansehen , da es mich immer an den unglücklichen Römer erinnerte und ich mir kaum ein Recht zu haben schien , das , was er mich gelehrt , fortzubilden und anzuwenden . Manchmal machte ich den Versuch , eine neue und eigene Art zu erfinden , wobei sich aber sogleich herausstellte , daß ich selbst das Urteil und die Mittel , die ich dazu verwandte , nur Römern verdankte . Dagegen las ich fort und fort , vom Morgen bis zum Abend und tief in die Nacht hinein . Ich las immer deutsche Bücher und auf die seltsamste Weise . Jeden Abend nahm ich mir vor , den nächsten Morgen , und jeden Morgen , den nächsten Mittag die Bücher beiseite zu werfen und an meine Arbeit zu gehen ; selbst von Stunde zu Stunde setzte ich den Termin ; aber die Stunden stahlen sich fort , indem ich die Buchseiten umschlug , ich vergaß sie buchstäblich ; die Tage , Wochen und Monate vergingen so sachte und heimtückisch , als ob sie , leise sich drängend , sich selbst entwendeten und zu meiner fortwährenden Beunruhigung lachend verschwänden . Jedoch brachte der Frühling eine kräftige Erlösung aus diesem unbehaglichen Zustande ; ich hatte nun das achtzehnte Jahr überschritten , war militärpflichtig geworden und mußte mich am festgesetzten Tage in der Kaserne einfinden , um die kleinen Geheimnisse der Vaterlandsverteidigung zu lernen . Ich stieß auf ein summendes Gewimmel von vielen hundert jungen Leuten aus allen Ständen , welche jedoch bald von einer Gruppe grimmiger Kriegsleute zur Stille gebracht , abgeteilt und während vieler Stunden als ungefüger Rohstoff hin- und hergeschoben wurden , bis sie das Brauchbare zusammengestellt hatten . Als sodann die Übungen begannen und die Abteilungen zum ersten Mal unter den einzelnen Vorgesetzten , welches vielumhergeratene Soldatennaturen waren , zusammenkamen , wurde mir , der ich nichts bedacht hatte , unter Gelächter mein langes Haar dicht am Kopfe weggeschnitten . Aber ich legte es mit dem größten Vergnügen auf den Altar des Vaterlandes und fühlte behaglich die frische Luft um meinen geschorenen Kopf wehen . Jetzt mußten wir aber auch die Hände darstrecken , ob sie gewaschen und die Nägel ordentlich beschnitten seien , und nun war die Reihe an manchem biedern Handarbeiter , sich geräuschvoll belehren zu lassen . Dann gab man uns ein kleines Büchelchen , das erste einer ganzen Reihe , in welchem Pflichten und Haltung des angehenden Soldaten in wunderlichen Sätzen als Fragen und Antworten deutlich gedruckt und numeriert waren . Jeder Regel war aber eine kurze Begründung beigefügt , und wenn auch manchmal diese in den Satz der Regel , die Regel aber hintennach in die Begründung hineingeraten war , so lernten wir doch alle jedes Wort andächtig auswendig und setzten eine Ehre darein , das Pensum ohne Stottern herzusagen . Endlich verging der Rest des ersten Tages Über den Bemühungen , von neuem stehen und einige Schritte gehen zu lernen , was unter dem Wechsel von Mut und Niedergeschlagenheit sich vollendete . Es galt nun , sich einer eisernen Ordnung zu fügen und sich jeder Pünktlichkeit zu befleißen ; obgleich dies mich aus meiner vollkommenen Freiheit und Selbstherrlichkeit herausriß , so empfand ich doch einen wahren Durst , mich der Strenge hinzugeben , so komisch auch ihre nächsten kleinen Zwecke waren , und als ich einigemal nahe an der Strafe hinstreifte , und zwar nur aus Versehen , überkam mich ein wahrhaftes Schamgefühl vor den Kameraden , welche sich ihrerseits ganz ähnlich verhielten . Als wir soweit waren , mit Ehren über die Straße zu marschieren , zogen wir jeden Tag auf den Exerzierplatz , welcher im Freien lag und von einer Landstraße durchschnitten wurde . Eines Tages , als ich mitten in einem Gliede von etwa fünfzehn Mann nach dem Kommando des Instruktors , der unermüdlich rückwärts vor uns herging , schreiend und mit den Händen das Tempo schlagend , so schon stundenlang den weiten Platz nach allen Richtungen durchmessen hatte , kamen wir plötzlich dicht an die Landstraße zu stehen und machten dort halt und Front gegen dieselbe . Der Exerziermeister , welcher hinter der Front stand , ließ uns eine Weile regungslos verharren , um einige Ausstellungen an unseren Gliedmaßen anzubringen . Während er hinter unserm Rücken lärmte und schalt , soweit es ihm Gesetz und Sitte nur immer erlaubten , und wir so mit dem Gesichte gegen die Straße gewendet ihm zuhörten , kam ein großer , mit vier Pferden bespannter Wagen angefahren , wie die Auswanderer ihn herzurichten pflegen , welche sich nach den Seehäfen begeben . Dieser Wagen war mit ansehnlichem Gute beladen und schien mehreren Familien zu dienen , die nach Amerika zogen . Kräftige Männer gingen neben den Pferden , vier oder fünf Frauen saßen auf dem Wagen unter einem bequemen Zeltdache nebst mehreren Kindern und selbst einem Greise . Aber diesen Leuten hatte sich Judith angeschlossen ; denn ich entdeckte sie , als ich zufällig hinsah , hoch und schön unter den Frauen , mit Reisekleidern angetan . Ich erschrak heftig , und das Herz schlug mir gewaltig , während ich mich nicht regen noch rühren durfte . Judith , welche im Vorüberfahren , wie mir schien , mit finsterm Blicke auf die Soldatenreihe sah , erschaute mich mitten in derselben und streckte sogleich die Hände nach mir aus . Aber im gleichen Augenblicke kommandierte unser Tyrann » Kehrt euch ! « und führte uns wie ein Besessener im Geschwindschritte ganz an das entgegengesetzte Ende des weiten Platzes . Ich lief immer mit , die Arme vorschriftsmäßig längs des Leibes angeschlossen , » die Daumen auswärts gekehrt « , ohne mir etwas ansehen zu lassen , obgleich ich heftig bewegt war ; denn in diesem Augenblicke war es mir , als ob sich mir das Herz in der Brust drehen wollte . Als wir endlich das Gesicht wieder der Straße zuwandten , nach den maßgebenden Zickzackgedanken im Gehirne des Führers , verschwand der Wagen eben in weiter Ferne . Glücklicherweise ging man nun auseinander , und indem ich mich sogleich entfernte und die Einsamkeit suchte , fühlte ich , daß jetzt der erste Teil meines Lebens abgeschlossen sei und ein anderer beginne . Neuntes Kapitel Daß Pergamentlein Wie lang ist es her , seit ich das Vorstellende geschrieben habe . Ich bin kaum derselbe Mensch , meine Handschrift hat sich längst verändert , und doch ist mir zu Mut , als führe ich jetzt fort zu schreiben , wo ich gestern stehenblieb . Dem unveränderlichen Lebenszuschauer sind Stern und Unstern gleich kurzweilig , und er zahlt seinen wechselnden Platz unbesehen mit Tagen und Jahren , bis seine fliehende Münze zu Ende geht . Der Wendepunkt , welcher mit dem Entschwinden der ersten Jugendzeit und der Judith unvermerkt genaht war , zeigte sich in der Notwendigkeit , meine Kunstübungen nunmehr einem Abschluß entgegenzuführen . Es galt , jenen Weg in die weite Welt anzutreten , nach welcher so viele tausend Jünglinge täglich ausfahren , von denen so mancher nie mehr wiederkommt . Diese alltägliche Angelegenheit war meinesteils so beschaffen , daß ich für eine beschränkte Zeit ohne Nahrungssorgen noch dem Lernen obliegen konnte , mit der Aussicht jedoch auf einen bestimmten Tag , an welchem ich auf mir selber zu stehen hatte . Eine von Vatersseite vor Jahren mir zugefallene geringe Erbsumme lag nach gesetzlichen Vorschriften in der Verwaltung des Oheims , welcher mir zum Vormunde bestellt war , obgleich er sich selten im meine Sachen mischte . Da fragliches Geld aber den Aufenthalt an der Künstlerschule ermöglichen sollte , die ich in herkömmlicher Weise gewählt , so war eine vormundschaftliche Verhandlung nötig , um dasselbe flüssig machen und aufbrauchen zu dürfen . Der Fall war im ländlichen Heimatorte ganz neu , und niemand vermochte sich zu erinnern , daß jemals die schlichten Landmänner der Waisenbehörde darüber zu Gericht gesessen seien , ob ein junger Musensohn sein Vermögen zusammenpacken und aus dem Lande fahren dürfe , um es buchstäblich zu verzehren . Dagegen hatten sie seit einiger Zeit das lebendige Beispiel eines Menschen unter sich , der dieses Geschäft ohne ihr Zutun verrichtet hatte und der Schlangenfresser genannt wurde . An entfernten Orten unter dem Schutze leichtsinniger und unwissender Eltern aufgewachsen , hatte er gleich mir ein Maler werden wollen und sich in Sammetröcken und engen Beinkleidern , mit langen Locken und Sporen an den Füßen auf Akademien herumgetrieben , bis das Gut und die Eltern verschwunden waren . Dann schien er noch jahrelang mit einer Gitarre auf dem Rücken sich beholfen zu haben , ohne jedoch auch auf diesem Instrumente etwas Ordentliches vorbringen zu können , bis er unlängst als ein alternder Mensch in das Dorf heimgeschoben und in das Armenhäuslein gesteckt wurde , wo ein Dutzend alte Weiber , Idioten und ausgeglühte Lebenskünstler der untersten Ordnung zusammen hausten und zuweilen schrien und lärmten , als ob sie im Fegefeuer säßen . Seine Vergangenheit war wie eine dunkle Sage . Niemand wußte etwas Bestimmtes davon , ob er jemals Talent besessen und etwas gekonnt habe oder nicht , und er selbst schien auch keine Erinnerung daran mehr zu besitzen . Keine Äußerung oder Handlung verriet , daß er einst unter gebildeten Menschen gewesen und einer Kunst obgelegen , außer wenn er gelegentlich sich rühmte , daß er einmal schöne Kleider getragen habe . Seine einzige Geschicklichkeit bestand darin , sich auf tausend Wegen einen Schluck Branntwein zu verschaffen und Schlangen zu fangen , die er wie Aale briet und schmauste ; auch machte er sich auf den Winter einen Topf voll Blindschleichen ein , als ob es Neunaugen wären , und schleppte denselben aus einer Ecke in die andere , um den Schatz vor den Nachstellungen seiner Hausgenossen zu sichern , die im Punkte des Eigennutzes nicht harmloser waren als die Lebensvirtuosen höhern Ranges . Wie nun ein einziger Unhold dieser Art eine ganze Gegend verwüsten und alle Herzen gegen das Musenzeug aufbringen kann , so war auch mir der Schlangenfresser nicht zur guten Stunde im Dorfe aufgetaucht , als ich mich jetzt einfand , um der besagten Verhandlung beizuwohnen . Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon , da ich am Wege eine große vorjährige Distel , die aussah wie der Tod von Ypern , ins Büchlein zeichnete und der Kerl , zwei tote Schlangen an einer Gerte über der Schulter tragend , einen Augenblick stillstand , mir zusah , grinste und kopfschüttelnd weiterging , als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe . Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehmals rostbrauner Farbe , bis oben zugeknöpft , an den nackten Beinen Pantoffeln , die mit verblichenen Rosen gestickt waren , und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze ; ich seh ihn noch heute davonschlurfen . Dieses Gespenst rumorte offenbar in den Köpfen der drei oder vier Gemeindevorsteher , welche als Waisenamt um einen Tisch versammelt saßen und meine Person mit vorsichtiger Neugier einen Augenblick betrachteten ; denn der Oheim hatte für gut gefunden , mich selbst einzuführen und vorzustellen , damit ich im Notfall seinen Vortrag ergänzen und näher beleuchten möge . Die Männer schienen mir aber Gesichter zu machen wie solche , die eine unliebsame Sache halb und halb kommen sahen und nun sagen Da haben wir ' s ! Sie mochten wohl mit Verwunderung beobachtet haben , wie ich schon seit Jahren allsommerlich Feld und Wald durchstreifte und da oder dort den weißen Leinwandschirm aufspannte , ohne daß ihre Gemarkung dadurch zu besonderm Rufe zu gelangen schien oder fremde Reisende kamen , das merkwürdige Land aufzusuchen . Die Frage , ob ich bei dem lustigen Handwerk eigentlich etwas verdiene und mein Brot erwerbe , hatten sie einstweilen auf sich beruhen lassen , da niemand etwas von ihnen verlangte ; jetzt kam der Handel an den Tag . Sie benahmen sich zwar anfänglich sehr zurückhaltend , als der Oheim die Sache dargelegt und erklärt hatte . Keiner mochte zuerst einen Mangel an Verstand und Einsicht beurkunden oder sich als einen unbescheidenen Verächter dessen zeigen , was ihm unbekannt war . Nichtsdestoweniger prägten sie sich deutlich ein , daß ein rundes Stück Vermögen , das jetzt so sicher in der Schirmlade lag wie Lazarus in Abrahams Schoß , binnen einer gegebenen Zeit tatsächlich verschwinden sollte . Schnell stellte sich jeder , nach seiner eigenen Lage und Persönlichkeit , vor , zu was ein solches Geld nützlich wäre . Der eine hätte eine Wiese gekauft , als Erbstück für Kind und Kindeskind , eine Wiese , die einige Stücke Vieh nährte ; der andere warf sein Auge auf eine Kammer Rebenlandes an vorzüglicher Lage , wo auch im schlimmsten Falle noch ein trinkbarer Wein wuchs ; der dritte kaufte in Gedanken dem Nachbaren ein Wegrecht ab , welches seinen Feldbesitz der Länge nach durchschnitt , und der vierte endlich vermutete , er würde den betreffenden Werttitel , welcher ein altes Pergamentlein war , als ein gutes Zinsstück , desgleichen man nie weggeben sollte , einfach behalten . Indem sie dergestalt ihre Maßstäbe an die unsichtbare Sache legten , für welche ich die Wiese , den Weinberg , das Wegrecht und das Pergamentlein hingeben wollte , stellte jene sich immer sichtbarer dar , aber als ein nichtiger Nebel , ein ungreifbarer Dunst , und der Älteste gewann den Mut , seine Bedenken mit einem trockenen Hüsteln verziert zu äußern . Ihm folgte einer um den andern . Es scheine doch , hieß es , nicht ratsam , das einzige und wenige , was man besitze und sicher in der Hand habe , an ein Ungewisses zu tauschen , da es keineswegs verbürgt sei , daß ich meinen Zweck erreichen und das Gewünschte wirklich erlernen werde . Für diesen Fall wäre es vielleicht klüger , jetzt schon anzunehmen , ich besäße das Geld nicht , und mir sonstwie zu behelfen . Dann würde es für Tage der Krankheit , der Not oder Verarmung einst plötzlich willkommen sein und mit Vorsicht verwendet werden können . Man habe auch etwa gehört , daß bedeutende Gelehrte oder Künstler , von frühsten Jahren an in die Welt gestellt , sich durch ihren Arbeitsfleiß haben ernähren und ihre Kunst dabei zugleich erlernen und großmachen müssen , ja daß gerade die dadurch angewöhnte unablässige Tätigkeit und Emsigkeit solchen Leuten ihr Leben lang zustatten gekommen und sie das Größte habe erringen lassen . Dies Lied hörte ich nun zum zweiten Male in meinem kurzen Leben , und es gefiel mir noch immer nicht . Die Männer , welche also verhandelten , saßen um einen runden Tisch herum und hatten ihr Glas dünnen säuerlichen Weines vor sich stehen ; ich dagegen , als der Gegenstand der Beratung , saß allein an einem langen Tische , dessen Ende sich in der Gegend der Türe im Halbdunkel verlor . In dieser Dämmerung hockte der Schlangenmann , der sich unbemerkt hereingeschlichen hatte , während ich mich oben im hellern Lichte befand , ein Fläschchen dunkelroten Weines vor mir . Das war freilich ein großer Taktfehler , obgleich er der Gemeindewirtin zur Last fiel , die mir den Wein vorgesetzt und die ich abzuweisen nicht besonnen genug war . Der Oheim , der bei den Vorstehern saß , trank von dem nämlichen Weine , eines kleinen Magenleidens wegen , wie er den Bauern sagte . Einer der letztern , der sein Stückchen Weißbrot wie Marzipan behandelte und die auf den Tisch gefallenen Krümchen mit dem Handbissen so sorglich auftupfte , als ob es Goldstaub wäre , fuhr nun fort : Er verstehe nichts von der Sache , aber allerdings schiene es ihm auch zweckmäßiger gewesen zu sein , wenn der junge Mann , statt sich auf das kleine Erbe zu verlassen , die Jahre her , da er bei der Mutter gelebt , sich auf den Erwerb eingeübt und auf die bequemlichste Weise der Welt diejenige Summe zusammengespart hätte , deren er nun bedürfe . So wäre nun bereits für die Zukunft gesorgt ; denn wer sich bei guter Zeit angewöhnt habe , an den kommenden Tag zu denken und keine Arbeit ohne Hinblick auf ihren Wert zu verrichten , der könne von dieser Gewohnheit gar nicht mehr lassen und wisse sich überall zu helfen , wie ein Soldat im Felde . Das sei auch eine gute Kunst , die je früher , je besser erlernt werde ; er möchte deshalb geradezu raten , daß ich mich frischen Mutes mit einem bescheidenen Reisegelde und dem Vorsatze auf den Weg mache , mich jetzt schon durch die Welt zu bringen . Ich werde doch wohl die ganzen Jahre her irgend etwelche Fertigkeiten erworben haben , oder ob dies nicht der Fall sei ? Auf diese Frage , welche ebenso richtig wie unrichtig gestellt war , wendete sich alles und blickte nach , mir herüber . Der Schlangenfresser war aus seiner Dämmerung allmählich in meine Nähe gerutscht und belauerte aufmerksam meinen Wein und die Verhandlung zugleich ; so wurden wir auch alle drei , der rote Wein , der Schlangenfresser und ich , ins Auge gefaßt , und ich fühlte , daß ich so rot wurde wie der Wein , als eine vielsagende Stille eintrat . Das wackere Getränke zeugte gegen meine Bescheidenheit und Sparsamkeit , der Genosse an meiner Seite gegen meine Lebenspläne , und zwar so laut , daß niemand für nötig hielt , ein Wort hinzuzufügen . Es blieb deshalb , nachdem der Eindringling hinausgeschickt worden , noch ein gutes Weilchen still , bis der Oheim das Wort ergriff , um das festgefahrene Schifflein wieder flottzumachen . Man könne das nicht so nehmen , wie die Herren Vorsteher meinen , sagte er ; das wäre , wie wenn ein Bauer sein Scheffel Korn , anstatt es zur Aussaat zu verwenden , aufbewahren wollte , bis eine Hungersnot käme , und dazwischen bei andern Leuten auf Tagelohn ginge . Zeit sei bekanntlich auch Geld , und es wäre nicht wohlgetan , einen jungen Menschen zu zwingen , jahrelang sich mühselig durchzuschleppen , um das zu erlernen , was er in kürzerer Zeit erreichen könne mit frischem Einsatz eines