des Generals Sarsfield . Dieser , erst sechsundzwanzig Jahr alt , brillanter Soldat , voll eiserner Ruhe im Gefecht , faßte ein besonderes Vertrauen zu meinem Bruder , in dem er alle Eigenschaften , die ihn selber auszeichneten , sofort wiedererkannte . Jede Auskunft , die uns erwünscht sein konnte , wurde uns zuteil . Die Division war numerisch nur schwach und bestand aus zwei Infanterie- und vier Kavallerieregimentern , zusammen höchstens fünftausend Mann . Es waren das Infanterieregiment Almeria und das Schweizerregiment Baron Wimpfen , dazu Alcantara- und Numanciadragoner , Kürassierregiment Katalonien und Husarenregiment Granada . Gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft wurde eine vierhundert Pferde starke Avantgarde gebildet und dem Befehle meines Bruders unterstellt . Uns gegenüber stand General Macdonald , der das nördlich von uns gelegene Barcelona mit starken Kräften festhielt und durch Ausführung eines Umgehungsmarsches uns auch das südlich von uns gelegene Tortosa zu entreißen trachtete . Glückte das , so waren wir eingeschlossen und mußten froh sein , uns auf Tarragona zurückziehen und hier wieder einschiffen zu können . Katalonien war dann verloren . Und es kam so . Aber ehe es dahin kam , hatten wir eine Reihe blutiger Gefechte . Aus der Reihe dieser Gefechte greife ich nur das bei Plaa heraus , weil es für mich persönlich entscheidend wurde . Es war am 7. Januar , als wir erfuhren , daß Tortosa über sei . Wir standen damals , die ganze Division Sarsfield , am Nordabhange eines hohen Bergzuges , der in einiger Entfernung von der Küste mit dieser parallel läuft , und hielten , unter täglichen Plänkeleien mit den Vortruppen des Macdonaldschen Corps , die von Lerida nach Tarragona quer über das Gebirge führende Straße besetzt . Solange diese Straße , samt dem Defilee , dem sogenannten Passe von Plaa , in unseren Händen war , hatte der Verlust von Tortosa , so wichtig er war , wenigstens für unsere unmittelbare Sicherheit nichts zu bedeuten ; der Besitz jenes Passes sicherte uns die Rückzugslinie bis ans Meer . Brachten wir die im ganzen genommen nicht große Energie mit in Anschlag , die seitens des Gegners entwickelt wurde , so lag kein Grund vor , unsere Stellung zu wechseln . Da , wo wir standen , wirkten wir offensiv ; gaben wir aber unsere Stellung am Nordabhange auf und zogen uns auf die andere Seite des Gebirges , so zeigten wir jene Besorgnis , die schon einer halben Niederlage gleichkommt . Wir hatten aber den Eifer des Gegners unterschätzt , wenigstens den des Generals Suchet , der , gemeinschaftlich mit Macdonald operierend , diesen an Rührigkeit übertraf . Am 14. Januar kam Meldung , daß eine starke feindliche Avantgarde von der Küste her , also in unserem Rücken , heranmarschiere und unverkennbar die Absicht habe , den Paß bei Plaa zu schließen . Dorf Plaa lag an der uns entgegengesetzten Seite des Gebirges , hart am Fuße desselben . General Sarsfield , als er diese Meldung empfing , war schnell entschlossen ; er verstärkte die bis dahin nur aus vierhundert Pferden der Regimenter Alcantara und Granada bestehende Avantgarde durch zwei Bataillone vom Schweizerregiment Wimpfen und gab meinem Bruder Befehl , in einem Nachtmarsch über das Gebirge zu gehen und noch vor Tagesanbruch das jenseits gelegene Dorf Plaa zu besetzen . Der Aufbruch erfolgte sofort ; ein entsetzliches Wetter aber , Regen und Sturm , bei dem der schmale Fußpfad nur derart passiert werden konnte , daß ein Mann dem andern folgte , verzögerte das Eintreffen in Plaa bis um zehn Uhr morgens . Es war die höchste Zeit ; schon ging die französische Avantgardendivision unter General Eugenio ( so daß sich hier zwei Namensvettern gegenüberstanden ) gegen Dorf Plaa vor , und nur mit äußerster Anstrengung gelang es meinem Bruder , das Dorf bis Mittag zu halten . Um diese Stunde erschien General Sarsfield mit dem Gros und stellte das schon rückwärtsgehende Gefecht wieder her . Aber Terrain war unsererseits nicht zu gewinnen , und als eine Stunde später allerhand Verstärkungen auch beim Feinde eintrafen , ging dieser mit einem vollzähligen Dragonerregiment abermals zum Angriff über . Diesseits war momentan nichts zur Hand als ein in Ablösung unserer Avantgarde in die Front gezogenes Kürassierregiment , die Kürassiere von Katalonien , unter ihrem Kommandeur Don Pedro Gallon . Unmittelbar hinter den Kürassieren hielten wir : Alcantaradragoner und Granadahusaren . Unsere Kürassiere , kaum zweihundert Pferde stark , waren zu schwach und kamen ins Schwanken ; aber im selben Augenblicke , wo mein Bruder das Schwanken wahrnahm , gab er uns das Zeichen zum Angriff , und in langer Linie stürzten wir in die linke Flanke der feindlichen Dragoner . Sie wichen sofort und verwickelten ein hinter ihnen haltendes Chasseurregiment mit in die eigene Flucht . Die Verfolgung ging eine Meile weit , es gab viele Gefangene ; General Eugenio , der persönlich die Flucht aufzuhalten gesucht , wurde niedergehauen und starb am Tage darauf . Es war ein vollständiger Sieg und seitens der Unserigen nicht allzu teuer erkauft ; nur ich verlor viel an diesem Tage : mein Bruder Eugen , wie der General Eugenio , dem er gegenübergestanden hatte , erlag seinen Wunden . Was ich noch zu sagen habe , betrifft nur ihn und mich . Um fünf Uhr war das Gefecht beendet , und ich führte , was ich vom Regiment Alcantara noch zur Hand hatte , wieder auf Plaa zurück . Ich war im ganzen gut davongekommen , hatte aber während des Démêlés von einem französischen Dragoner , den ich packen wollte , einen Stoß mit dem Degengefäß in das Gesicht erhalten , so daß ich , schwarz und angeschwollen , einen schlimmeren Anblick gewährte als mancher Schwerblessierte . So trat ich vor meinen Bruder , von dessen Verwundung ich schon unterwegs gehört hatte . Ich fand ihn in einem Bauernhause von Plaa in Pflege guter Leute . Als er mich sah , drang er darauf , daß ich mich zunächst verbinden lassen sollte , was denn auch geschah . Als ich wieder zu ihm kam , setzte ich mich , und wir begannen zu plaudern . Zunächst von der Affaire , die nun glücklich hinter uns lag . Ich mußte ihm alle Kleinigkeiten erzählen , denen er mit größtem Interesse folgte ; meinem Pferde beispielsweise , einem schönen schwarzen Hengst , war ein Ohr dicht vom Kopfe weggehauen worden , was er sehr bedauerte . Besondere Aufmerksamkeit aber schenkte er einem Tagebuche , das sich in einem Mantelsacke , der mir bei der Beuteverteilung zugefallen war , vorgefunden hatte . Es war von dem ersten Einrücken der Franzosen in Katalonien bis zum 14. Januar 1811 mit großer Genauigkeit geführt und enthielt , von kleinen Croquis begleitet , eine Schilderung fast aller Gefechte , in denen auch wir engagiert gewesen waren . Eugen blätterte halbe Stunden lang in dem Buche und lobte die Unparteilichkeit der Darstellung . Ich glaubte nach allem an nichts weniger als Gefahr und mußte dem Doktor recht geben , der trotz heftiger Schmerzen , über die der Verwundete von Zeit zu Zeit klagte , immer nur von zwei leichten Blessuren sprach . Es waren Degenstiche in die linke Seite . Auffallend erschien mir nur seine Weichheit ; er war in einer gefühlvollen Stimmung , sprach viel von Hause , von unserem alten Vater und trug mir Grüße auf , da er auf einige Wochen noch am Schreiben gehindert sein werde . So verging der Abend . Ich hatte vor , trotz aller Ermüdung bei ihm zu wachen . Es kam aber anders . Bald nach Mitternacht wurde Alarm geblasen , und ich begab mich zu meinem in Front des Dorfes biwakierenden Regiment , das gleich darauf Befehl erhielt , gegen ein der Küste zu gelegenes Städtchen , das den Namen Valls führte , zu rekognoszieren . Meinen Verwundeten ließ ich übrigens in guter Obhut zurück ; ich hatte beim Schweizerregiment Wimpfen um einige Mannschaften zu seinem Schutz gebeten , und es traf sich , daß der Unteroffizier , der diese Mannschaften kommandierte , früher , als mein Bruder noch in Halberstadt garnisonierte , mit ihm in ein und derselben Compagnie des Regiments Herzog von Braunschweig gestanden hatte . Beide freuten sich sehr , sich wiederzusehen . Unser Ritt gegen Valls verlief ohne Bedeutung , kostete aber Zeit und Mühe , und erst in den Nachmittagsstunden des andern Tages kehrten die Truppen , die die Rekognoszierung ausgeführt hatten , nach Plaa zurück . Mehrere Offiziere , denen ich begegnete , sagten mir : es ginge besser mit Eugen . Ich fand ihn auch wirklich ruhiger , ohne Schmerzen , aber sehr matt . Nichtsdestoweniger ließ er sich die kleinen Vorgänge des Tages von mir erzählen , hörte aufmerksam zu und verlangte mehr zu wissen , wenn ich aus Rücksicht auf seinen Zustand schwieg . Plötzlich aber unterbrach er mich und sagte : » Entsinnst du dich noch des Abends auf der Seereise von Cadix nach Tarragona , wo wir mit unsern deutschen Kameraden der Heimat gedachten und wo dann die Frage laut wurde : Wer wird die Heimat wiedersehen ? Ich weiß jetzt einen , der sie nicht wiedersehen wird . « Ich bog mich über ihn und bat ihn , sich nicht durch solche trübe Gedanken aufzuregen ; er hörte mich aber nicht und fuhr dann fort : » Es wird sich heute noch manches ereignen : ich sehe schwarz in die Zukunft . Nimm dich , wenn es zum Gefechte kommt , in acht . Unsere Pferde sind matt zum Umfallen . Vergiß auch nicht , daß man nicht bei jeder Gelegenheit sich rückhaltlos drangeben soll . Man opfert sich sonst leicht ohne Zweck . « Dies waren seine letzten Worte . Ich hatte ihn eben aufgerichtet , um ihm einen Löffel Arzenei zu geben ; als ich ihn wieder auf das Kopfkissen zurücklegen wollte , schien es mir , als ob er sehr blaß würde . Ich faßte seine Hand , sie war kalt ; er drückte die meinige krampfhaft , rang nach Luft und war tot . Dies war am 16. nachmittags . General Sarsfield , als er von dem Hinscheiden hörte , ließ mir sein Beileid ausdrücken und fügte die Bemerkung hinzu : es würde gut sein , den Toten so bald wie möglich in die hochgelegene Klosterkirche von Plaa hinaufzuschaffen ; jede Stunde könne ein neues Gefecht bringen , dessen Ausgang unsicher sei . Ich ließ mir dies gesagt sein . Aus alten Dielen , » vier Bretter und zwei Brettchen « , wurde schleunigst ein Sarg hergestellt und Eugen in der Uniform seines Regiments in die Totentruhe hineingelegt . So schafften ihn einige meiner Dragoner in die Klosterkirche hinauf und stellten ihn dicht an die Altarstufen . Völlig erschöpft von den Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen Tage , hatte ich mich , als die Nacht anbrach , auf eine Schütte Stroh niedergelegt . Ich war so recht von Herzen traurig ; die Bilder meiner Kindheit und ersten Jugend zogen an mir vorüber ; nun war ich allein , ganz allein , und der Bruder , den ich so sehr geliebt hatte , tot . Im Begriff , einzuschlafen , wurde ich durch einen Ordonnanzoffizier geweckt . Er kam vom General und war abgeschickt , um ein Papier zu holen , das Sarsfield beinahe unmittelbar vor Beginn des Treffens bei Plaa an Eugen gegeben hatte . Es sei von Wichtigkeit , er müsse es haben . Ich erinnerte mich des Hergangs sofort , war Augenzeuge gewesen , wie mein Bruder das Papier in sein Reiterkoller gesteckt hatte , und bat deshalb den Offizier , mich bis zur Klosterkirche hinauf begleiten zu wollen , da der Tote noch denselben Rock anhabe , den er vor Beginn des Gefechts getragen habe . Er lehnte aber , Geschäfte vorschützend , ab ; auch mein Diener Francesco , als ich mich nach ihm umsah , war verschwunden . So blieb mir nichts übrig , als allein zu gehen . Ich nahm eine kleine Laterne , die nur ein Glas hatte , und schritt auf das ziemlich weitschichtige Klostergebäude zu . Ein dienender Bruder öffnete mir , erschrak aber , als ich ihn bat , mir nun auch die Kirchentür öffnen zu wollen . » Jetzt in der Nacht bringt mich kein Mensch hinein . « Vergebens sucht ich ihn zu überreden . » Es ist nicht geheuer « , dabei blieb er . Endlich gab er mir wenigstens den Schlüssel zur Kirche , zugleich mit der Weisung : wenn ich zweimal im Schloß gedreht , müßt ich mit aller Kraft gegen die Tür stoßen , weil sie verquollen sei und schwer aufginge . Um bis an die Kirche zu kommen , waren noch zwei lange Kreuzgänge zu passieren . Gerade hier hatte tags zuvor ein erbitterter Infanteriekampf ( der unsererseits durch das Schweizerregiment geführt worden war ) stattgefunden , und alles trug noch die Spuren dieses Kampfes : die Leichen waren zwar weggeschafft , aber die Blutlachen geblieben ; die Standbilder , von den Wänden herabgerissen , lagen zertrümmert am Boden ; selbst die Luft war dumpf und modrig . An diesen Bildern der Zerstörung vorbei ging ich auf die Kirche zu , steckte den Schlüssel hinein , drehte zweimal , stieß die Türe auf , die sich langsam und dröhnend öffnete . Ich legte meinen Mantel ab , der mir jetzt nur hinderlich sein konnte , nahm den Degen in die eine , die Laterne in die andere Hand und schickte mich an , das hochüberwölbte Mittelschiff hinaufzuschreiten . Eine unheimliche Stille herrschte , und der Widerhall meiner Schritte erschreckte mich . So kam ich bis an den Altar . Da stand der Sarg , vorläufig mit einem Brett nur überdeckt . Ich hob es auf , und meines Bruders gläserne Augen starrten mich an . Ich stellte , da kein anderer Platz war , die Laterne zu seinen Füßen und begann langsam Knopf um Knopf den Uniformrock zu öffnen , der sich fest und beinahe eng um seine Brust legte . Ich tat es mit abgewandtem Gesicht ; aber wie ich auch vermeiden mochte , nach ihm hinzusehen , ich hatte doch sein Todesantlitz vor mir . Endlich fand ich das Papier und steckte es zu mir . Dann kam das Schwerste : ich mußte die Knöpfe wieder einknöpfen , da ich es nicht über mich gewinnen konnte , ihn in offener Uniform wie einen Beraubten liegenzulassen . Und als auch das geschehen , trat ich den Rückweg an . Am andern Nachmittage , der Feind griff uns nicht an , wurde mein Bruder mit allen militärischen Ehren durch das Schweizerregiment Wimpfen in derselben Klosterkirche zu Plaa , in der er vierundzwanzig Stunden vor dem Altar gestanden hatte , begraben . An eben derselben Stelle wurden sein Säbel , seine Handschuhe und Sporen aufgehängt und erst einige Monate später , auf Befehl des Generals O ' Donnell , der den Toten dadurch ehren wollte , in die Kathedrale von Tarragona gebracht . Dort befinden sie sich noch . Der Vortragende , als er bis hierher gelesen , rollte das Manuskript zusammen und legte es auf eines der Fensterbretter : die Zuhörer , gesenkten Blickes , schwiegen . Der erste , der sich erhob , war Bninski . » Ich bin selbst Gast in diesem Kreise und fürchte beinahe , mich eines Übergriffes schuldig zu machen , wenn ich vor Berufeneren das Wort ergreife . Aber meine Stellung , was mich entschuldigen mag , ist eine ausnahmsweise . Ich habe zwei Jahre vor Ihnen , Herr von Hirschfeldt , auf denselben Feldern , wenn auch auf der Ihnen feindlichen Seite , gekämpft ; ich kenne die Plätze , von denen Sie uns gelesen : kaum verschwundene Bilder sind mir wieder lebendig geworden . Was Freund , was Feind ! An gleicher Stelle die gleiche Gefahr . Ich bitte , Sie daraufhin als einen mir teuer gewordenen Kameraden begrüßen zu dürfen . « Während dieser Worte hatte Jürgaß die ihm zunächststehende Rheinweinflasche entkorkt und mit einer der Situation angepaßten Raschheit den großen silbernen Kastaliabecher bis an den Rand gefüllt . » Meine Herren , einer jener Ausnahmefälle , wie sie Paragraph sieben unseres Statuts , ich nehme nicht Anstand zu sagen , in seiner Weisheit voraussieht , ist eingetreten . Und so trink ich denn auf das Wohl unseres verehrten Gastes Rittmeisters von Hirschfeldt . Er lebe ! Viele Ehren haben sich auf seinem Scheitel gehäuft , so viele Ehren wie Wunden ; aber eines blieb ihm bis diesen Tag versagt : er hatte noch nicht aus dem Silberbecher der Kastalia getrunken . Auch diese Stunde ist da . Ich trink ihm zu , und er tue mir Bescheid . « Und bei wiederholten Hochs kreiste der Becher . Nach Huldigungen wie diese konnte es Lewin nur noch obliegen , ein Schlußwort zu finden . » Die vorgeschrittene Stunde « , so begann er , » mehr noch das gehobene Gefühl , das uns dieselbe gebracht hat , dringen auf Abbruch und Vertagung . Ich erwarte Ihre Zustimmung . « ( » Ja , ja ! « ) » Unsere nächste Sitzung soll , so sich kein Widerspruch erhebt « ( » Nein , nein ! « ) , » unter Zurückstellung aller bis dahin etwa eingehenden Lyrika , durch die Tagebuchblätter unseres verehrten Gastes , des Herrn von Meerheimb , die heute zu unserm Bedauern nicht mehr zum Vortrag gelangen konnten , eröffnet werden . Ich schließe die Sitzung . « Damit brach man auf in kleineren und größeren Gruppen . Die Mehrzahl hielt sich links ; nur Jürgaß , Bummcke und Hansen-Grell gingen , als sie die Königsstraßenecke erreicht hatten , nach rechts hin auf den Alexanderplatz zu , um in den Tiefen des Mundtschen Weinkellers , natürlich die Kastaliasitzung als Text nehmend , unter Plauderei und Kritik den Abend zu beschließen . Achtes Kapitel Leichtes Gewölk Der andere Morgen war klar und sonnig und gab auch dem Arbeitszimmer des Geheimrats ein helleres Licht , als gewöhnlich in Wintertagen darin anzutreffen war . Ein Strahl fiel bis an den Korb in der Ofenecke , wo das Windspiel in seinem Zwischenzustande von Schlafen und Zittern lag . Die Pendule schlug zehn , und der Geheimrat , mit der Pünktlichkeit , die ihm eigen war , trat in das Zimmer und nahm seinen Platz vor dem Arbeitstische , auf dem auch heute wieder Zeitungen und einzelne an ihn persönlich gerichtete Schreiben unter einem Briefbeschwerer von schwarzem Marmor lagen . Daneben ein elfenbeinernes Papiermesser mit geschnitztem Schlangengriffe . Es war ein klarer Tag , aber er hatte doch sein » leichtes Gewölk « , wenigstens in dem Gemüte des Geheimrats , der denn auch , die gewohnte Ordnung der Dinge verkehrend , heute seinen Frühbesuch bei den Goldfischchen hinausgeschoben und statt dessen sofort nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte . Er flog über die Spalten hin , aber sein Auge ließ unschwer erkennen , daß er nicht las , sondern nur bemüht war , die Unruhe , die ihn erfüllte , vor sich selber zu verbergen . » Guten Morgen , Papa « , klang es wieder wie bei einem früher geschilderten Besuche in seinem Rücken , und ehe er noch sich wenden und den Gruß erwidern konnte , war Kathinka an seiner Seite . Auch sie schien befangen , und ihm scharf nach den Augen sehend , sagte sie : » Du hast mich rufen lassen , Papa ? « » Ja , Kathinka , ich bitte dich , Platz zu nehmen . « » Nicht so . Erst mußt du mich freundlicher ansehen und nicht so feierlich , als ob sich eine Staatsaktion vorbereite . « Der Geheimrat klopfte mit der elastischen Spitze des Elfenbeinmessers auf seinen Schreibtisch und wandte sich dann , indem er seinem Sessel eine kurze Drehung gab , der Fensternische zu , in der Kathinka , den Rücken dem Lichte zu , Platz genommen hatte . Sie saß in Folge davon in einem sehr wirkungsvollen Halbschatten , und der freudige Stolz über die schöne Tochter ließ den Vater auf Augenblicke das Peinliche des Momentes vergessen . Kathinka selbst war sich des Eindrucks , den sie machte , vollkommen bewußt . Sie trug ihr Haar wie gewöhnlich in den Vormittagsstunden in einem goldenen Netze , aber dies Netz hatte sich halb geöffnet , und ein Teil der kastanienbraunen Locken fiel auf den Kragen eines weiten , dominoartigen Morgenkleides . Ihre Füße , leicht übereinandergeschlagen , steckten in kleinen Saffianschuhen , und schnell die Vorteile berechnend , die der Vater aus seinem Spielen mit dem Elfenbeinmesser zog , nahm sie ihrerseits die kleine , neben den Goldfischchen liegende Netzkelle zur Hand , um damit zu spielen . » Ich habe dich bitten lassen , Kathinka , um ein paar Fragen an dich zu richten , Fragen , die mich seit Wochen beschäftigen . Der Brief Tante Amelies hat mir dieselben aufs neue nahegelegt , und ich würde gleich nach deiner Rückkehr mit dir gesprochen haben , wenn nicht die Unruhe der letzten Tage mich daran gehindert hätte . « » Die gute Tante « , sagte Kathinka . » Sie denkt mehr an mein Glück als ich selbst . Ich sollte ihr dankbarer dafür sein , als ich es bin . « » Ich wollte , du könntest es . Die Wünsche , die sie hegt , sind auch die meinen . Und ihre Erfüllung schien mir so nahe . Aber du selbst hast alles wieder in Frage gestellt . Daß ich es bekenne , zu meiner Betrübnis . Wie stehst du zu Lewin ? « » Gut . « » Dies Gut das eine ganze Antwort zu sein scheint , ist doch nur eine halbe . « » Nun , so will ich dir unumwunden die ganze geben . Ich habe Lewin lieb , aber ich liebe ihn nicht . Alles an ihm ist Phantasie ; er träumt mehr , als er handelt . Dies mag als ein Grund gelten . Aber bedarf es denn der Gründe ? Die Tante , die sonst so klug ist , oder vielleicht weil sie es ist , vergißt ganz und gar , wie wenig das Warum in unseren Neigungen bedeutet . Sie will mein Glück , aber sie will es auf ihre Art , und was mir Sache des Herzens ist , ist ihr nur Sache des Hauses . Ich fühle mich aber nicht getrieben , einer Guseschen Hof- und Hauspolitik zuliebe ein Verlöbnis einzugehen oder gar ein Bündnis zu schließen . Das sind Rheinsberger Reminiszenzen , die für Tante Amelie sehr viel , für mich sehr wenig bedeuten . Sie behandelt alles wie die Verbindung zweier regierender Häuser ; das mag schmeichelhaft sein ; aber Lewin ist kein Prinz , und ich bin keine Prinzessin . « » Du vergißt nur eins : Lewin liebt dich . « Kathinka klopfte , während sie den linken Fuß hin - und herschaukelte , mit der Netzkelle leicht auf den Rand des Bassins ; der Geheimrat aber fuhr fort : » Lewin liebt dich , und es ist nicht lange , daß du diese Liebe erwidertest oder doch zu erwidern schienst . Erst die letzten Monate haben alles geändert und du sprichst nun spöttisch von der Verbindung zweier regierender Häuser . Ich schätze den Grafen , aber ich fürchte , es war keine glückliche Stunde , die ihn in unser Haus führte . Hat sich der Graf dir gegenüber erklärt ? « » Nein . « » Glaubst du , daß er dich liebt ? « » Ja . « » Und du ? « Es kam Kathinka gelegen , daß das Windspiel , das sehr bald nach ihrem Eintreten seinen Korb verlassen und zur Empfangnahme von Liebkosungen und Zuckerbröckelchen sich bei ihr eingestellt hatte , inzwischen immer verdrießlicher geworden war . Es lief jetzt , weil die Bröckelchen nach wie vor ausblieben , zwischen ihr und der Etagere , in der sich die Zuckerdose befand , hin und her und begleitete die Unterhaltung durch beständiges Klingeln und Bellen . Der Geheimrat empfand dies ersichtlich als eine Störung , und Kathinka , jede seiner Mienen verfolgend , benutzte die Gelegenheit , um eine Pause zu gewinnen . Sie erhob sich deshalb von ihrem Stuhl , holte die Dose herbei , und eines der Zuckerstücke zerbeißend und zerbrechend , warf sie dem Windspiel , das sich sofort beruhigte , die Krümel zu . Dann tauchte sie den Zipfel ihres Taschentuchs in das Bassin , benetzte ihre Fingerspitzen und sagte : » Deine Frage zu beantworten , Papa , ja , ich habe den Grafen gern . « Der Geheimrat lächelte . » Das wird dem Grafen nicht genügen , Kathinka . Wenn du glaubst , daß er dich liebt , so wirst du dir Rechenschaft geben müssen , ob du seine Neigung erwidern kannst . « » Ich kann es . « » Und du wirst es ? « Sie schwieg ; man hörte den Pendelschlag der Uhr . Endlich sagte der Geheimrat : » Du hast mir genug gesagt , Kathinka , auch durch dein Schweigen . Ich ersehe eins daraus , eins , auf das ich Gewicht lege , daß du , statt einfach dem Zuge deines Herzens zu folgen , Rücksicht nimmst auf das , was mein Wunsch ist . « Kathinka wollte antworten , der Geheimrat aber wiederholte : » Auf das , was mein Wunsch ist « , und fuhr dann fort : » Aber auch dieser Wunsch ist unbeugsam und unabänderlich , und ich kann ihn deinen Wünschen nicht unterordnen . Es verbietet sich . Höre mich . Die Tante wünscht die Partie mit Lewin ; ich wünsche sie auch ; aber ich bestehe nicht darauf . Worauf ich bestehe , das ist allein die Nichtheirat mit Bninski . Sie darf nicht sein , sosehr der Graf persönlich meine Sympathien hat . Die Ladalinskis sind aus Polen heraus , und sie können nicht wieder hinein . Ich habe die Brücken abgebrochen . Ob das Geschehene das allein Richtige war , ist nicht mehr zu befragen ; es genügt , daß es geschehen ist . « » Es war ein Scherz , Papa « , nahm jetzt Kathinka das Wort , » daß ich von Prinz und Prinzessin und von einer Verbindung zweier regierender Häuser sprach . Es hat dich verdrossen , und ich bedaure es . Aber hatt ich nicht eigentlich recht ? Der Graf , wie du dich ausdrückst , hat persönlich deine Sympathien ; er ist reich , angesehen , ehrenhaft , und unsere Herzen und Charaktere stimmen zueinander . Und doch ist alles umsonst , weil es , vergib mir den Ausdruck , in deine Diplomatie nicht paßt . Der gütigste der Väter , immer bereit , mir jeden kleinsten Wunsch zu erfüllen , versagt mir den größten , weil es ihm seine politischen Pläne stört , weil es ihn kompromittiert . « » Ich lasse das Wort gelten , aber in meinem Sinne . Die Furcht vor Kompromittierung ist nicht immer kleinlich und untergeordnet , sie kann auch berechtigt und Existenzfrage sein . Sie ist es für mich . Es handelt sich nicht um Einbildungen oder einen launenhaften Einfall ; all dies berührt meine Ehre mehr , als du glaubst . Ein Mißtrauen gegen mich hat nie geschwiegen , auch nicht nach meinem Übertritt . Von dem Augenblicke an , wo du nach Polen zurückkehrst , mit meiner Zustimmung an der Seite eines Mannes , dessen preußenfeindliche Gesinnungen kein Geheimnis sind , gebe ich dem Verdachte Nahrung , in meiner jetzigen Stellung , die mich Einblick in so manches gewinnen ließ , nur ein Aufhorcher gewesen zu sein . Ich wiederhole dir , was du selber weißt , nur widerstrebend ist die Gesellschaft dem Vertrauen gefolgt , das mir der Hof entgegenbrachte , und büße ich dieses Vertrauen ein , sehe ich es auch nur erschüttert , so schwindet mir der Balken unter den Händen fort , der nach dem Schiffbruch meines Lebens mich noch trägt . Lächle , wer mag . Ich bedarf der Gunst des Königs , der Prinzen ; wird mir diese Gunst genommen , so bin ich zum zweiten Male heimatlos . Und davor erschrickt mein Herz . Nenne das politisch oder nenn es Furcht vor Kompromittierung . Was es auch sein mag , es ist Sache meines Lebens , nicht meiner Eitelkeit . « Kathinka schritt auf den Vater zu , ihm die Stirn küssend , während sie ihren Arm um seine Schulter legte . Dann sagte sie : » Laß mich dir wiederholen , es ist noch kein Wort zwischen mir und dem Grafen gefallen . Ich glaube , daß er absichtlich eine Erklärung vermeidet , denn - um ihn auch vor dir zu verklagen - er hat wie du die Untugend , politisch zu sein . Soviel ich weiß , trägt er sich mit dem Gedanken , wieder in die polnische Armee des Kaisers einzutreten . Gerade der gegenwärtige Augenblick scheint einen solchen Schritt zu fordern . Was aber auch kommen möge , eines verspreche ich : dich für meine Person weder mit Wünschen noch Bitten zu beunruhigen . Ich werde schweigen , und nichts soll durch mich geschehen , das deine Stellung nach oben hin gefährden oder deine Zugehörigkeit zu diesem Lande neuen Verdächtigungen aussetzen könnte . « Dem Geheimrat entging nicht , daß die Worte Kathinkas , trotz eines scheinbaren Eingehens auf seine Wünsche , mit besonderer Vorsicht gewählt waren . Aber er empfand gleichzeitig , daß es zu nichts führen würde , sich minder zweideutiger Zusagen versichern zu wollen . So ließ er es sich an dem halben Erfolge genügen und brach die Unterredung ab . » Es wäre mir lieb « , so schloß er , » du schriebest einige Worte an die Tante . Störe ihr ihre Pläne nicht . Auch um deinetwillen nicht . Die Tage wechseln und wir mit ihnen .