er sie verlassen hatte . In dieser Nacht aber hätte keiner bei ihr Wache halten dürfen als er allein . Er setzte sich auf den Bettrand , schlang den einen Arm um ihren Hals und umspannte mit der anderen Hand die beiden welken , kühlen Kinderhände . Und wie er so eine Weile gesessen hatte , ihr Köpfchen an seiner Brust , da war es , als ob ein Strom von seinem flutenden Leben in das ebbende hinüberwogte . Sie schlug einen Augenblick lächelnd wie sonst die Lider zu ihm in die Höhe , dann fielen sie ihr zu , und sie schlummerte ein . Die heißersehnte Schlummerruhe , Genesungsruhe ! Er neigte die Lippen auf die wirren Locken über ihrer Stirn , - der erste Bräutigamskuß ! Er sog ihren Odem ein , den göttlichen Lebenshauch ! Er hätte das Klopfen seiner Pulse hemmen mögen , um sie nicht zu erwecken , und doch laut jubeln aus voller Brust : » Dich liebe ich , dich ganz allein ! « Doktor Brand fand Rosen am anderen Morgen noch schlummernd ; aber es war nicht die erquickende Ruhe der Genesung , es war die betäubende der Erschöpfung . Fast schien es , als ob die Schlummernde , ohne wieder zu erwachen , in den ewigen Schlaf hinübergleiten werde , so matt schlug der Puls , so kaum hörbar schlichen die Züge des Atems . Wohl oder übel mußte der alte Symptomiker der Diagnose des jungen Exaktikers zustimmen ; der Blutverlust war stärker gewesen , als er angenommen , und nicht seelische Überwältigung hielt den Körper im Bann , sondern körperliche Erschlaffung die Seele . In welcher Weise aber den Verlust ersetzen , da das liebe Kind die geringste Nahrung verschmähte , der Schlaf , statt zu stärken , abspannte und kein Heilmittel anschlug ? Der alte Herr war am Ende mit seinem Latein , und wie in derartigen kritischen Fällen , wo eben kein Rat mehr zu geben ist , auch ein braver Medikus zu der Auskunft gelangen kann , den Patienten aus seinem Gesichtsfelde zu verweisen , z.B. an die Homöopathie , über welche - bei unkritischen Fällen - kein Sarkasmus beißend genug im Sprachschatze einen Ausdruck findet ; oder in ein entlegenes Bad , dessen Heilkräfte allerdings innerhalb der eigenen Praxis nicht erprobt worden sind , wo aber , falls sie sich an dem Patienten bewähren , die Genesung dem kundigen Berater zugute geschrieben wird , falls sie sich dagegen nicht bewähren , ein Kurverstoß , Diätfehler , Erkältung und so weiter die Schuld zu tragen hat , im allerschlimmsten Falle jedoch der Patient wenigstens nicht unter des Beraters Augen die seinigen schließt , - desselbigengleichen wollte auch Doktor Brand , obschon er skeptisch die Achseln zuckte , gegen das heroische Korrektiv seines neubacknen Kollegen nicht länger Widerspruch erheben . Das Korrektiv , in einem Familienrate , dem auch Lydia beiwohnte , dargelegt , hieß : Transfusion fremden Bluts . Kein neues Mittel , allein selten angewendet . Peter Kurze selbst hatte die Operation nur ein einziges Mal von dem Meister , » zu dessen Füßen er gesessen « - eine von den wenigen euphemistischen Redensarten , deren Peter Kurze sich bediente - , vollziehen sehen , aber mit glorreichem Erfolg . Er nannte sie , natur- und vernunftgemäß , den direktesten Erneuerungsprozeß und würde ihm die weiteste Verbreitung in Aussicht zu stellen gewagt haben , insofern sich die Schwierigkeit überwinden ließe , für jedes blutarme oder blutkranke Individuum ein blutreich gesundes aufzufinden , das sich zur Teilung seines wertvollsten Lebensstoffes entschlösse . Denn von dem Lebensstoff als Lebensmittel höchst wertvoller Vierfüßler wollte der materialistische Doktor nichts wissen ; der Mensch sei zwar auch eine warmblütige Bestie , aber eine Bestie , die durch Vermittlung ihres spezifischen warmen Blutes denkt . Hypothese zwar noch vorderhand , aber keineswegs eine irrationelle : mit Hülfe frischen Lebenssaftes sei sogar ein Greisenleben wieder jung zu machen ! Der Vortrag , mit Begeisterung zu Gehör gebracht , wurde nicht ohne Begeisterung aufgenommen . In Vater Blümel dämmerte die Erwähnung des Verfahrens bei einem seiner alten Heiden , deren Heilverständnis er von den Neueren selten übertroffen achtete ; Lydia sah in dem Akt ein symbolisches Opfer , das ihrem innersten Sinne entsprach ; Dezimus aber stimmte voll beseligender Hoffnung zu . Aus wessen Adern als den seinen hätte der lebenspendende Quell in die der Geliebten denn geleitet werden dürfen ? Noch in der Nacht dampfte Peter Kurze nach der Universitätsstadt , um - des ängstlich schwachen Papa Blümel mehr als überflüssige conditio sine qua non ! - von dem Meister , zu dessen Füßen Peter Kurze gesessen , ein Zeugnis einzuholen ad eins : über die Zulässigkeit der seltsamen Spende für die bedürftige kranke Tochter und ihre Ungefährlichkeit für den verleihenden gesunden Sohn . Ad zwei : - Superlativ aller Überflüssigkeit ! - über Doktor Peter Kurzens Befähigung für die betreffende Operation . Schon am anderen Mittag kehrte er mit einer Siegermiene zurück . Er brachte schwarz auf weiß die absolute Erledigung aller überflüssigen Bedenken vornehmlich des ad zwei ; brachte den erforderlichen Apparat und sogar zwei junge Kollegen , welche des Meisterstücks Zeuge zu werden ein wissenschaftliches Verlangen trugen . Er hätte unverweilt zum Angriff schreiten mögen ; da aber in Rosens Zustand verschlimmernde Symptome sich nicht geäußert hatten und die Hoffnung nicht aufgegeben werden durfte , auch ohne das Wagnis eine Besserung eintreten zu sehen , wurde auf Vater Blümels Verlangen die Operation auf Sonntag nachmittag verschoben . Es war der des ersten Advent und des Sohnes erste Predigt eine weihevolle Vorbereitung zu der lebenspendenden Tat . Das Gotteshaus war am Sonntagmorgen dicht gefüllt , selbst die Untergemeinde durch ihre gesunden Insassen männiglich vertreten , Not lehrt ja beten , und die quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an , zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist . Lydia saß im Herrenstuhl , und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu vor Kirchenluft überwunden . Als während des Morgenliedes » Auf , ermuntere dich , mein Geist « der Kandidat mitten aus den Frauenreihen heraus der kleinen Sidi hohen , hellen Diskant unterschied , hätte der kräftige Zuruf seinen Geist wohl ermuntern können , falls er bänglich bedrückt gewesen wäre . Aber Dezimus war zu tief bewegt , um bänglich bedrückt zu sein . Hatten Muße wie Stimmung zur Vorbereitung ihm auch gefehlt , nach einer Woche wie seiner letzterlebten und über einen Episteltext wie den des dreizehnten Kapitels des Römerbriefes , da läßt sich frei aus dem Herzen heraus am allererwecklichsten reden . War seine ganze Seele doch voll von dem einen : » Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung « und von dem anderen : » Die Stunde ist da , aufzustehen vom Schlaf . « Ja , hätte er auch nichts über die Lippen gebracht als das Gebet für seine Mutter , die einzige der Obergemeinde , die in dieser Woche heimgegangen war , dies Gebet würde mehr Tränen haben fließen lassen als der kunstfertigste Redebau . Beide denn auch mit Tränen in den Augen stießen Lydia und Sidonie unter der Kirchpforte aufeinander , zum ersten Male seit ihrem harschen Bruch . Sie reichten sich schweigend die Hände und lebten fortan nebeneinander , wenn auch nicht wie Schwestern , aber doch als so gute Basen , wie es einer Tochter Joachim von Hartensteins und einer Zöglingin der alten Harfenkönigin gegeben sein konnte . Das strittige Erbobjekt war durch Sidoniens dauernde Übersiedlung in ihres Großvaters Haus erledigt , und auch Lydia hatte in ihrer nächsten Umgebung eine Aufgabe gefunden , die sie an auswärtigen Samariterdienst vorderhand nicht denken ließ . Die Sonne stand am Himmel so hoch und so leuchtend , wie sie am ersten Advent zu steigen und zu leuchten vermag , als man sich im Pfarrhause zu der Tat bereitete , vor welcher das Herz des rüstigen Unternehmers stärker als in seiner bisherigen Praxis , ja als in seinem ganzen bisherigen Leben pochte . Der Wagehals spielte mit seinem » direkten Erneuerungsprozeß « hinsichtlich seines ärztlichen Renommees schlechthin va banque , für seine Heimat mindestens . Das Verfahren war unerlebt und unerhört , in siebenfache mystische Dunstschleier gehüllt . Blut ist eben ein ganz besonderer Saft ; es darf , nein , es muß vergossen werden im Kriege , von der Justiz , auch durch die Chirurgie . Die Zahl der Werbenschen Gemeindeglieder , zumal weiblichen Geschlechts , war nicht gering , die ohne gelegentliche Abzapfung mittelst Schröpfköpfen oder Lanzette ihr Leben bedroht erachtet haben würde ; aber den abgezapften Stoff , anstatt ihn in die Gosse zu schütten , einem Nebenmenschen in den Leib zu filtrieren , das schien ein Frevel wider die Natur , wenn nicht gar gegen den Heiligen Geist , und scheu von der Seite , schier wie ein Schwarzkünstler wurde der allbekannte Lustigmacher des Pfarrhauses angesehen , als er sich vermaß , mit der geheimnisvollsten menschlichen Flüssigkeit wie mit einem Apothekersäftchen umzuspringen ; dahingegen sein stillvergnügter Kumpan , der Hirtendezem , bis dato immer noch ein bißchen über die Achsel angesehen , gleich einem Opferlamm mit weheleidigen Blicken betrachtet ward . Hätte ihn während der Operation etwa der Schlag gerührt , seine braven Werbenschen Landsleute würden einen neuen Märtyrer in ihren Kalender aufgenommen haben . Weder Neugierde noch Teilnahme sind vorherrschende Bauerneigenschaften , da diese außerordentliche Begebenheit aber einmal direkt durch den Emeritus Beyfuß , indirekt durch dessen vertraute Freundin , die litauische Lene , ruchbar geworden war , zogen Teilnehmende und Neugierige herbei , des verwogenen Bluthandels in der Pfarre Zeuge zu werden , und die alte Lene hatte ihre liebe Not , den Zudrang der Nachbarn und Einwohner im Vorgärtchen festzuhalten , während oben im Flur Freund Beyfuß , die Kantoren beider Gemeinden , der Amtsbruder von Bielitz nebst Sidonien , die ja kein Blut sehen konnte , mit gespanntem Atem nach dem Resultat im Krankenzimmer lauschten . Dahinein waren dem Doktor Brand zwei wissensdurstige städtische Kollegen gefolgt , im Verein mit den beiden , welche Doktor Peter Kurze aus der Universitätsstadt herbeigeführt hatte , ein Fünfgericht , und wahrlich kein milde gestimmtes , vor welchem ein junger Praktikus sich , sei es als Koryphäe der Zukunft , sei es als Scharlatan zu erweisen hatte . Der junge Praktikus bezweifelte nicht entfernt das Natur- und Vernunftgemäße der Operation an sich ; er bezweifelte ebensowenig , daß ohne sie die Patientin ihrer Erschöpfung erlegen sein würde . Erlag sie ihr trotz der Operation , so hieß er ihr Mörder und - Doktor Faust , suche dir eine Klientel unter den Wasserpolacken oder den Antipoden ! An eine Stuhllehne geklammert , stand im Hintergrunde der alte Vater zitternd und bleich . Sein liebes Kind , sein jetzt ach ! so weißes Röschen saß aufgerichtet , von Lydias Armen umschlungen , im Bett ; das matte Köpfchen an der Freundin Brust gelehnt , ließ sie anteillos , wenn nicht bewußtlos das Erforderliche mit sich geschehen . Lydias Blicke hingen unverwendet an denen des Freundes , als ob sie dringen wollten in den innersten Grund , dem der lebenspendende Quell entsprang . Er hatte ruhig seinen Arm entblößt und mit einer wollüstigen Empfindung die roten Tropfen aus seiner Schlagader strömen sehen . Als nun aber auch der Geliebten die Pforte , durch die das Leben einziehen sollte , geöffnet ward , da erblaßte er , erbebte , und minutenlang , da kein Hauch im Zimmer rege ward , lag vor seinen Augen ein schwarzer Flor . Aber der Schleier fiel ; ein Schein wie vom Morgenrot flog über das weiße Blütengesicht ; die Lider weit geöffnet , schauten die Augen fragend und halb lächelnd im Kreise umher . Der Greis lag mit emporgehobenen Händen auf seinen Knien ; Jairi Töchterlein war lebendig geworden ! dem Verlobten war es , als hätte sich eine Ehe vollzogen . Ein Moment heiliger Stille , aber nur ein Moment ! Der sieghafte Praktikant winkte mit der Hoheit eines Souveräns die gelehrte und bewegte Versammlung aus dem Krankenzimmer , das während der Stunden eines erhofften , herstellenden Schlummers nur von ihm selbst und der unschädlichen litauischen Lene betreten werden durfte . Kein Laut der Freude , der Frage , nicht einmal ein Lobspruch des genialen Wunderdoktors durfte in dem Gehörfelde der Patientin geäußert werden . Unten aber im geistlichen Gemach , da brach der Jubel aus , und war der Kandidat , als er vor drei Monaten im Ahnensaale der Werben das Ei des Kolumbus zum Stehen brachte , ob seines Blicks und seiner Rede wie ein Genie gepriesen worden , so wurde er heute gefeiert , als hätte er ein Heldenopfer vollbracht . » Edler Freund ! « stand in Lydias strahlenden Augen geschrieben . » Tapferer Kamerad ! « schmetterte die kleine Sidi mit einem starken Händedruck . Der Greis aber zog ihn an sein Herz und stammelte unter Tränen : » In dieser Stunde , mein Sohn , hast du der fremden Frau die Liebe einer Mutter heimgezahlt ! « Ein paar Unzen überschüssiges Blut für mehr als zwanzigjährige Muttertreue ! Ach , wie oft sind es doch so leicht erkaufte Erfolge , die am höchsten angerechnet und am reichsten gelohnt werden ! Die wahren Opfer werden im Verborgenen gebracht , und keiner zählt sie , und keiner zahlt sie heim . » Ein Glückspilz bist du , und ein Glückspilz bleibst du , alter Dezem ! Wer sich mit dir einläßt , hat gewonnen Spiel ! « sagte mit einem Luftsprung Peter Kurze , und nach des Glückspilzes Dafürhalten hatte Peter Kurze den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen . Die geliebte Rose erholte sich wie durch ein Wunder ; Leib und Seele wachten auf gleichzeitig zu Lebenslust und Todestrauer . Nun erst ward sie das Fehlen der Mutter gewahr , nun erst flossen ihre Tränen und dämmerte das Ahnen , daß in einer kurzen Spanne sie völlig eine Waise sein werde . Denn der erste Todesschmerz , und wenn der Verlust längst überwunden wäre , die sorglose Zuversicht zu dem Leben hat er für allezeit ausgelöscht . Die Tochter wußte , was der hinfällige Greisenleib bedeute , und sie hatte von Kind auf dem Vater stärker als der Mutter angehangen . Ihre Züge trugen seitdem ein vertieftes , herzrührendes Gepräge ; Dezimus fand sie reizender denn je ; Vater Blümel aber , der Blumist , sah in ihr nicht mehr die zum Entfalten reife Zentifolienknospe , des Gartens köstlichste Zier , und gottlob ! auch nicht mehr die weiße Rose mit dem lichtgelben Kelch , die wir symbolisch auf unsere Gräber pflanzen , er verglich sie jener lieblichen Gattung , welche » errötende Jungfrau « genannt wird , weil nur ein verschämtes Glühen aus der Tiefe heraus die zarte Hülle durchschimmert . Da er diesen Wandel aber vornehmlich inneward , wenn er die Tochter in der Nähe ihres Verlobten sah , erfüllte sie ihn mit inniger Freude . Der Vater hatte nicht wie seine Gattin auf eine Vereinigung der beiden Kinder gerechnet und sie auch kaum gewünscht . Er hielt geschwisterliche Gewöhnung weder für den Grund , aus welchem bräutliches Verlangen , noch für den , aus welchem die Würde der Ehe erwächst . Wohl war ihm des Sohnes zärtlicheres Bezeigen seit seinen Jünglingsjahren nicht entgangen , Röschen aber , sein Spätling , war über die gewöhnliche Grenze hinaus ein Kind geblieben , und ihre unverändert neckende Vertraulichkeit deutete nicht auf einen wärmeren Herzschlag . Er verlängerte daher geflissentlich des Sohnes Entfernung vom Hause , bis die Vernunft oder vielleicht eine andere Neigung das reine brüderliche Verhältnis zu seiner Tochter hergestellt haben würde . Nun jedoch , da sie unter dem Schatten des Todes seine Braut geworden war , da sie dem Liebenden ein neues Leben zu danken hatte , ahnete er in der errötenden Mädchenblüte das heimliche Erwachen des Weibes , und seine letzte Erdensorge ward mit dieser Wahrnehmung gescheucht : denn ist der Liebesschutz eines Gatten nicht allemal erfüllender als der der treuesten Brüderlichkeit ? Fast in gleichem Verhältnis wie die Kranke im Pfarrhause sich erholte , erlosch die Seuche in der Auengegend , und da nach solchem Abschluß ein besonders günstiger Gesundheitszustand einzutreten pflegt , schloß gegen die Weihnachtszeit hin auch Peter Kurzens erster Wettlauf in der ärztlichen Arena ab . Er schied nicht ganz leichten Herzens , aber mit dem Nimbus eines Doktor Eisenbart . Seine Erfolge hatten in der Nachbarschaft Aufsehen gemacht und er selber weislich dafür Sorge getragen , daß sein Licht auch für weitere Kreise nicht unter dem Scheffel leuchte . Weit über die heimische Provinz hinaus stand in wissenschaftlichen Blättern und unterhaltenden Blättchen zu lesen von dem plötzlichen Halt der Werbener Epidemie infolge des energischen Eingriffs und der rationellen Behandlungsweise eines freiwillig zur Hülfe geeilten jungen Arztes Soundso . Auch die wunderartige Rettung eines halb schon erstorbenen jungen Mädchens durch die bisher selten gewagte Übertragung fremden , kräftigen Blutes wurde an dieser Stelle in fachgemäß wissenschaftlicher Beleuchtung , an jener Stelle in herzrührend populärer dargestellt . Auf diese wirksamen Empfehlungen hin fühlte Doktor Peter Kurze sich befugt , sich in der Universitätsstadt , » dem geistigen Zentrum der Provinz « , zunächst zwar nur als Praktiker niederzulassen , unter günstigen Konjunkturen sich aber auch als Dozent daselbst zu habilitieren . Sattelfest auf jeglichem ärztlichen Flügelroß oder Gaul , leuchtete ihm die so glorreich erprobte Blutmethode als demnächst zu kultivierendes Steckenpferd verheißungsvoll vor . Er fühlte sich als gemachten Mann , als selbstgemachten Mann , als den eigenen Schöpfer seines Glücks . Als gemachten Mann aber auch noch in einem zarteren Sinne als dem medizinisch chirurgischen . Eigentümlicher Rapport mit seinem zweiten Freund : von nicht weniger als drei Huldgestalten umschwebt , und just den nämlichen wie jener skrupulöse Freund , sagte - aber ohne jeglichen Skrupel - Doktor Peter Kurze der Heimatsaue Lebewohl ! Numero eins : die alte Flamme , für das Herz ; Numero zwei : ein weibliches Ideal , für die Phantasie ; unschätzbare Schätze eine jede in ihrer Art. Aber ein gesetzter Mann denkt , wenn er liebt , an Hüttenbauen , und zum Hüttenbauen eines doch immer noch lediglich von der Hoffnung zehrenden Doktors der Medizin war , aus Brotschranks wie anderen Gründen , weder Flamme noch Ideal leider angetan . Dahingegen die dritte , keine Huldgestalt in rationellem Sinn , aber gescheut , pikant , interessant , als demnächstige Erbin mehrerer Rittergüter , zum Hüttenbauen für einen dergleichen Doktor expreß geschaffen schien . Über seinen Erfolg hegte er nicht den geringsten Zweifel . Fräulein Sidonie hatte sich in Gelehrtenkreisen bewegt , wußte daher eine aufgehende Leuchte der Wissenschaft von einem Dreierlicht zu unterscheiden . Fräulein Sidonie trug einen altadeligen Namen , besaß aber hinlänglich Ingenium , um über verrottete Vorurteile erhaben zu sein oder mindestens um Vorurteil gegen Vorurteil mathematisch abzumessen und einzusehen , daß ein ungleicher Schulterbau am Ende eine Freiherrnkrone und mehrere Rittergüter aufwiegt . » Transfusion und Sidonie von Hartenstein ! « mit diesem Feldgeschrei rückte Doktor Peter Kurze in die Arena des geistigen Zentrums seiner Heimatsprovinz ein . Im Frühling wurde es ein halbes Jahrhundert , daß Konstantin Blümel sein erstes theologisches Examen abgelegt hatte . Bis zu diesem Jubiläum , falls er es erlebte , gedachte er sein Amt dem Namen nach beizubehalten , dann sollte der Sohn an seine Stelle treten . Den Sohn drängte es nach diesem Abschluß . Nicht sowohl in seiner Kandidateneigenschaft als in der des Bräutigams , dem das Amt eine nicht mehr bloß mit Freuden , sondern mit Bangen ersehnte Erfüllung bringen mußte . Denn seltsam ! die Rosenwandlung , welche dem Vater so befriedigend erschien , sie erschien dem Verlobten je mehr und mehr befremdlich , und wenn der völlige Besitz die Wandlung nicht rückläufig machte , so hätte er schier verzweifeln müssen . Die errötende Jungfrau , ach ! war sein liebes Röschen nicht mehr ! Nicht , daß sie sich unschwesterlich gegen ihn bezeigt hätte ; im Gegenteil , nur allzu schwesterlich , ja im Grunde erst jetzt schwesterlich , da bisher doch immer mit dem schelmischen Übermute eines Hätschelkindes zu rechnen gewesen war . Nun zeigte sie ihm den Anteil einer mehr Verpflichteten als Berechtigten , sorgte für ihn mit nahezu dem Eifer ihrer seligen Mutter , ging ernsthaft wie eine Freundin auf seine Bestrebungen ein , nannte ihn , Tränen in den Augen , ihren Lebensretter ; aber sie neckte ihn nicht mehr , widersprach ihm nicht mehr , umtändelte ihn nicht mehr wie sonst , und wo war die Liebende , die hoffende Braut ? Hatte sie sich bisher hüpfend an seinen Arm gehängt , sich die Händchen streicheln lassen , Wangen und Stirn ihm zum Kuß gereicht , nun ging sie ehrbarlich an seiner Seite , entzog ihm die Hand , entwand sich den Armen , die sie verlangend umfingen , und ach ! von Sichküssenlassen durfte gar nicht mehr die Rede sein . Anfänglich ehrte Dezimus diese Zurückhaltung als ein geziemendes Traueropfer , oder er dachte wohl auch : sie hat dem Tode in das Auge gesehen und muß erst wieder leben lernen ; bemerkte er aber , wie sie in Gegenwart dritter zu all ihrer früheren Munterkeit zurückkehrte , hörte er die Scherzreden , die sie mit der kleinen Sidi wechselte , überlas er die je mehr und mehr sich wieder freudig stimmenden Briefe , die sie an die Schwestern , an Philipp , Peter Kurzen und sogar Freund Martin schrieb , dann mußte er sich sagen , daß eine natürliche , wenn auch noch so leidvolle Erfahrung das Grundwesen eines Menschen auf die Dauer nicht umwandele und daß das heitere Blumenkind einzig und allein gegen ihn verändert sei . Sollte das in Wahrheit der Umschlag geschwisterlicher in bräutliche Liebe sein ? Die Cousinen Hartenstein trafen sich allabendlich in der Pfarre , und niemals kamen sie , ohne dem Greise irgendeine Erquickung mitzubringen ; die eine eine schöne Blume oder Frucht ; die andere von dem guten Wein , der sich an Papa Mehlborn dauernd als Spezifikum bewährte . Lydia und der Vater unterredeten sich dann erbaulich miteinander , während Sidonie in der Nebenstube auf dem klangvollen Flügel der Harfenkönigin musizierte . Zwar hatte sie ihren eigenen nicht minder klangvollen sich aus der Schweiz nachschicken lassen ; was aber ein richtiger Musikant ist , verlangt nach dem Anklang in einem Menschenohr , und weder das von Papa Mehlborn noch von Muhme Timpel waren akustisch auf ein Echo angelegt . Auch Dezimus leistete seinen kräftigen Baß , und Röschen trillerte wie ein junger Pirol , wenn es , der Trauerzeit entsprechend , auch nur ernste Weisen waren , die zum Vortrag kamen . Nach dem geistlichen Konzert wurde gelesen . Sidonie , die weitaus am reichsten Gebildete des jugendlichen Kreises und mit allem Trefflichen wohl versehen , hatte das Buch des Tages , den Kosmos , in das Haus gestiftet . Ihr Kamerad trug vor , erläuterte und schwelgte dabei in seinem eigensten Element ; der Greis übersetzte , nach seiner Art , die wahrnehmbare Welt symbolisch in die des ahnenden Gemüts ; Lydia , die Hände im Schoß , sog mit großen Augen und der Begierde eines dürstenden Kindes ungekannte Lebensstoffe ein ; Sidonie nickte verständnisvoll , während die Hände wie auf einer Klaviatur sich dehnten und drückten , Rose aber lächelnd mit den zierlichen Fingern Läppchen und Fädchen zu Blättern und Blumen zusammendrehte und nur mit halbem Ohr auf die Wunder der Welterscheinung lauschte , von denen sie sogar nur wenige mit ganzen Augen betrachtet haben würde . Wenn Peter Kurze Zeuge dieser abendlichen Unterhaltungen gewesen wäre , was er indessen nicht ward - möglicherweise weil ein gewisser Korb ihn beschwerte , wahrscheinlichererweise weil er bereits anderweitigen Spuren folgte - , angenommen aber , daß Peter Kurze den Lektor so inmitten der drei ungleichartigen Hörerinnen , die sich gleicherweise seine Freundinnen nannten , hätte sitzen sehen , würde er ihn dem Hahn im Korbe oder , edler ausgedrückt , der Perle im Golde verglichen , ein Uneingeweihter aber eine Braut unter den Freundinnen schwerlich vermutet haben . Zwei von ihnen führte der Freund dann regelmäßig im winterlichen Abenddunkel nach ihren Heimwesen zurück ; Lydia bis an das Schloß , Sidonie die Terrassen hinab zum Gute hinüber ; kehrte er aber dann beflügelten Schrittes sehnsüchtig nach der Pfarre zurück , so hatte die , welche seine Braut hieß , sich bereits zur Ruhe gelegt und dem Vater ihren Gutenachtgruß aufgetragen . Seufzend setzte der Bräutigam , bevor er sich in der Kammer des Vaters auf sein Bett warf , sich an den Arbeitstisch , zerwühlte sich Hirn und Herz , aber die exegetische Abhandlung rückte nicht vor und die über die Sternschnuppen kam ihm gar nicht mehr in den Sinn . So war es denn ein wunderliches Wesen , das in dem stillen Pfarrhause sich umtrieb ; aber froh und reich verlief unter demselben dem Greise der Winter , den er mit ungetrübter Klarheit seinen letzten nannte , ja geflissentlich so nannte , um die Kinder mit seinem Heimgange vertraut zu machen . Seine Körperkräfte schwanden sichtbar , aber die des Geistes und selber die der Sinne blieben rege . Schlummerte er auch oftmals ein , beim Erwachen fühlte er sich aufgefrischt zum Geben und Empfangen . Sein Trachten ging dahin , den friedlichen Zustand , in welchem er schied , ohne Unterbrechung für seine Lieben zu befestigen . An einem Nachmittage bald nach Neujahr , als er mit dem Sohne zum Zweck von dessen Sonntagspredigt das Evangelium von der Hochzeit von Kanaan mit der herrlichen Epistelperikope des zwölften Römerbriefes erläuternd zusammengestellt hatte , winkte er auch die Tochter an seine Seite , und indem er beider Hände in die seinen nahm , sagte er ohne weitere Einleitung : » Und warm im Herzen von dieser öffentlich verkündeten apostolischen Vorschrift , die für den priesterlichen Stand wie für den ehelichen eine goldene Regel ist , verlies dann , mein Sohn , das gesetzliche Aufgebot und erflehe Gottes Segen zu deiner Verbindung mit meinem lieben Kind . « Beide Verlobte stießen einen Schrei aus . Er der hellen Freude , sie des Erschreckens , ja schier des Entsetzens . Der Vater achtete weder des einen noch des anderen , sondern fuhr in seiner natürlichen Gelassenheit fort : » Daß es mein Wunsch ist , als letzten Dienst in meinem Amt eure Hände ineinanderzulegen , vielleicht noch eine kurze Spanne eures Glückes Zeuge zu sein , dürfte gegen manche schwer wiegende Bedenken kaum in Betracht kommen . Aber indem ich eure Vereinigung beschleunige , erleichtere ich euch die Trennung von mir . Denn das ist ja eben der höchste Segen der Ehe , daß sie die Bürde des Lebens erleichtert , weil sie die Tragkraft verdoppelt . Indessen hat , neben der des Gemüts , noch eine zweite weltliche Erwägung diesen Entschluß in mir gereift . Stürbe ich , bevor ihr Mann und Frau geworden , würde die friedliche Ordnung eurer Gegenwart für längere Zeit unterbrochen . Es gäbe ein Rennen und Laufen , das in Trauertagen doppelt störend ist . Entweder müßtest du , Dezimus , bis nach deiner Ordination die Pfarre verlassen und das Amt , das du im wesentlichen verwaltest , einem anderen anvertrauen ; oder Rose müßte im ersten Herzeleid zu einer ihrer Schwestern übersiedeln , da ihr über meinen Begräbnistag hinaus nicht unter einem Dache leben dürftet . « » Und warum , « rief Rose und schüttelte das Strudelköpfchen so unwirsch wie in ihren fröhlichsten Tagen , » warum , Väterchen , sollen Bruder und Schwester nicht wie bisher unter einem Dache leben dürfen ? « » Weil sie Bruder und Schwester nicht mehr sind , sondern Bräutigam und Braut , mein Kind , « versetzte der Vater , » und weil jeder Mensch , aber ein Diener des Amts zumeist , sich den gemeingültigen Gesetzen der Sitte und Schicklichkeit zu fügen hat . « » Aber welchem vernünftigen Menschen fällt denn so etwas - so etwas Albernes ein ? « eiferte Rose . » Und bloß um der dummen Bauern willen sollen wir die Trauerzeit um unsere Mutter mit einem Feste unterbrechen ? « » Wir werden kein Fest feiern , mein Töchterchen . Ich lege in Gegenwart unserer lieben Abendgäste eure Hände still ineinander , und deine verklärte Mutter wird segnend im Geiste unter uns sein . « Der Vater sagte das wohl und sagte es mit Überzeugung . Im Herzensgrunde jedoch hatte der Vorwurf der Tochter Einlaß gefunden . Nicht daß er ihn bei sich selbst unerwogen gelassen , aber daß er ihn von ihr nicht erwartet hätte . Er blickte mit bewundernder Liebe auf sein zartsinniges , treues Kind , und als er gar Tränen in seinen Augen gewahrte , sagte er , nach einer sinnenden Pause , mit jener Kindesunschuld , die sich bis zum Grabesrand in diesem seltenen Menschen der gereiftesten Weisheit verbunden hat : » Wer sollte es nicht würdigen , wenn ein feiner weiblicher Sinn vor der höchsten Erfüllung bangt , solange einem berechtigten Empfinden nicht sein Genügen ward ? Kennen wir denn aber nicht unseren Dezimus ? Er wird in deiner kindlichen Treue eine Bürgschaft mehr für sein eigenes Glück gewahren und sich , auch als dein Gatte , mit der Liebe einer Schwester begnügen , solange der Trauer um eine Mutter nicht ihr Recht geschehen ist . « Dezimus legte schweigend seine Hand in die dargebotene des Greises . Er tat es mit niedergeschlagenen Augen , und wennschon er im Leben nicht selten mit verräterischen Blutwogen zu schaffen gehabt hat , so über und über in Karmin getaucht wird sein ehrliches Gesicht schwerlich je zuvor oder je nachdem gewesen sein , aber auch sein Herz selten peinvoller geschlagen haben . Rose hatte während des Vaters letzten Worten wie versteinert gesessen . Jählings überfiel sie ein Zittern ; sie sprang auf , und die Hände vor das Gesicht geschlagen , floh sie aus dem Zimmer .