gerecht gewesen , und an Allem dem trug , wenn er ' s recht bedachte , auch Angelika wieder die Schuld ! Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust . Da brannte er ihn immerfort , der Schmerz : Angelika liebte Herbert , sie selbst hatte es ihm gestanden , fast ohne sein Zuthun , freiwillig gestanden ! Er war sehr unglücklich ! - Der Caplan , die Herzogin wußten es , ja - und was das Schlimmste war , es wußte es auch der Marquis ! Er hatte diesen niemals gern gesehen . Die große Leichtfertigkeit desselben , seine Lust an kleinlichen Erfolgen , selbst die Weise , in welcher er sich über seines Königshauses , seines Vaterlandes und über sein eigenes Schicksal fortzusetzen wußte , däuchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht würdig . Daß der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte , seinen Gast von dem Amtmanne , von einem seiner Diener , anklagen zu hören , daß der Marquis ihn dazu zwang , ihm Vorstellungen zu machen , war ihm widerwärtig - und ernstliche Vorstellungen mußte er ihm machen , denn es waren bereits mehrfach ähnlich klagende Berichte zu des Freiherrn Ohr gedrungen . Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen . Seine Nerven waren abgespannt , sein ganzes Wesen bedrückt , und das nasse , bleifarbige Gewölk , das keinen Sonnenstrahl hindurchließ , die unbewegte , schwere Luft des schwülen Herbsttages waren nicht geeignet , ihn zu befreien oder zu beleben . Die Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber gegangen , der Baron , äußerst mäßig in Speise und Trank , hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein getrunken , um zu vergessen , was ihn drückte , oder um sich wenigstens über die ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu helfen . Während man speiste , bestellte er sein Pferd , um auszureiten , indeß der Nebel , welcher den ganzen Tag beherrscht , hatte sich endlich in einen jener Regen verwandelt , denen man es ansieht , daß sie lange währen ; und weil er Luft und Bewegung nöthig hatte , nahm er wieder zu der Gallerie - so nannte man jenen Saal im Erdgeschosse - seine Zuflucht . Dorthin folgte ihm wie gewöhnlich der Marquis . Es war dem Freiherrn eben recht . Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem Zimmer auf und nieder gegangen waren , sagte der Freiherr : Haben Sie vielleicht davon gehört , Marquis , daß ich meinen Amtmann entlasse ? Nein , versetzte der Marquis , aber Sie thun sicherlich sehr wohl daran ! Weßhalb ? Was wissen Sie davon ? fragte der Freiherr . O , der Mensch hat einen Ton , Manieren ! Er spielt den bourgeois gentilhomme . Er ist sicherlich einer von denen , die auch bei Ihnen gerades Weges auf die sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern würden , wenn man sie nicht im Zügel hielte . Er wußte ja gar nicht mehr , was ihm geziemte und wer er war ! rief der Marquis , in dem sicheren Glauben , sich dem Freiherrn damit angenehm zu machen . Aber er verfehlte seine Wirkung . Es verdroß den Baron , seinen Amtmann von dem Fremden tadeln , es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen , daß er ein Ungebührliches unter seinen Leuten geduldet habe , und mit der ihm eigenthümlichen stolzen Würde sprach er : So sollten wir in unseren Tagen um so ernstlicher darauf denken , es nicht zu vergessen , wer wir sind und was uns ziemt ! Der Marquis blieb stehen . Er hatte in seiner gegenwärtigen Abhängigkeit jenes Ehrgefühl nicht verloren , an welches der Freiherr seine Mahnung erhob , es hatte sich im Gegentheil durch seine jetzige Lage steigern müssen , da es mit seiner anmuthigen Person das Einzige war , was ihm von den Umständen nicht genommen werden konnte ; und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurückgeworfen , um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschützers wenigstens im Aeußern so viel als möglich gleich zu stellen , sagte er : So ziemt es mir sicher auch , zu erfahren , Herr Baron , womit ich diese Anmahnung verschuldet ! Es war seit gestern das zweite Mal , daß ein jüngerer von ihm abhängiger Mann , ein Mann , dem der Baron sich in jeder Rücksicht überlegen wußte , sich ihm herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte , und unwillkürlich sagte er sich , wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei , der den Marquis ermuthigt habe . Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung , und lebhaft auffahrend , rief er : Vor allen Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt , es mir zu ersparen , daß meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten meines Gastes beklagen müssen . Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verführt , mein Unterförster hat sich über Sie zu beschweren gehabt , der Amtmann .... Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Franzosen , entweder weil er diese Art von Vorwürfen nicht eben erwartet haben mochte , wirklich eine komische Wirkung hervor , oder er hoffte , sich mit einem Scherze am leichtesten der Verlegenheit entziehen zu können , denn er rief lachend : Parbleu , mein Herr Baron , eine Hofdame , eine Prinzessin wäre mir allerdings lieber gewesen , aber weßhalb wollen Sie einem jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib gleich zum Verbrechen machen ? Irre ich mich nicht , so haben auch Sie sich seiner Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden , Herr Baron ! Der Freiherr ballte die Hand zusammen , die er vornehm in den Falten seines Jabots hielt . Wir sprechen von Ihnen , nicht von mir , Marquis ! sagte er mit scharfer Betonung . Der Amtmann hat gedroht , vorkommenden Falles sein Hausrecht wider Sie zu brauchen , und ich wüßte nicht , wie ich ' s ihm wehren könnte ! Der Marquis sprang einen Schritt zurück , seine Wange erbleichte . Ich war lange Zeit ihr Gast , Herr Baron ! rief er . Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage bringen , einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen , an den einer meiner Leute seine Hand gelegt hat . Sicher nicht , Herr Baron , denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit entheben , Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise geltend zu machen ! sagte der Marquis und verließ mit einer förmlichen und gemessenen Verbeugung die Gallerie . Der Baron konnte nach seiner letzten Aeußerung nichts Anderes von dem Marquis erwartet haben , und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still , als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte . Nicht daß eben der Marquis sich entfernte , berührte den Freiherrn so unangenehm , denn dieser war ihm grade heute wieder sehr mißfällig gewesen , aber er selber fand sich wie verwandelt , und das war ' s , was ihn peinigte . Er , der sein ganzes Wesen zu einem würdevollen Gleichmaße herangebildet , der eine Aufgabe und eine Befriedigung darin gefunden hatte , dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten , er fand sich in einer Stimmung , in einer Verfassung , welche ihn dieses Gleichgewichts beraubte , welche ihn zu Handlungen hintrieb , die er selbst als ungehörige bezeichnen mußte und die ihn zu immer neuen , widerwärtigen Erörterungen drängten , in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach . Es giebt solche Augenblicke , ich habe solche Zeiten schon erlebt , sagte er , sich zu beschwichtigen , während er mit festem , stolzem Schritte , als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbstherrlichen Kraft , langsam in der Gallerie umherwanderte . Solch ein Zeitpunkt war ' s ja auch , in welchem ich vor Jahren mich von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline , die arme Pauline , als ein Glückspfand in mein Leben aufnahm . Er seufzte , als er sich daran erinnerte . Er hatte lange nicht an sie gedacht , nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder lebendig vor die Seele getreten , und er konnte es jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue , die ihn sonst gequält hatte . Pauline hatte ihm allein angehört mit ihrem Herzen , sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod , sie hatte keinen Anderen geliebt , als ihn ! Er preßte die Lippen gewaltsam auf einander . Das war es ! Das war es , was ihm seine Ruhe , seine Fassung raubte , was ihn kein Auge hatte schließen lassen in der Nacht ! Es war ein Bruch in sein Leben gekommen . Er fühlte sich in seiner Ehre angetastet , und der Mann , der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte , stand so tief unter ihm , daß er die erfahrene Beleidigung nicht einmal , wie es unter Edelleuten üblich , hätte rächen können , auch wenn er dies gewollt hätte . Angelika ' s Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt , nie wahrhaft beglückt ; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört , und nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können , war ein schwerer Verlust für ihn . Er hatte sich in ihr geirrt , sich betrogen , und er konnte dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen , welche die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren . Es konnte nicht fehlen , daß er die Frau , welche ihm diese Wunde geschlagen hatte , bald als die alleinige Ursache aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah . Es war sein innerer Kummer , es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm , die ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise , fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten . Es war Angelika , deren Schuld den Bruch mit Adam veranlaßt ; auch der verdrießliche Handel mit dem Marquis , der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte berauben konnte , welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude und eine Ehrensache gewesen war , ließ sich schließlich auf Angelika ' s Schuld zurückführen , und doch mußte er sie , wenn er sich nicht selber Preis geben wollte , um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen , während eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte . Aber um Angelika ' s willen sollte die Herzogin nicht scheiden . Das wenigstens mußte er zu verhindern suchen . Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Mißtrauen begrüßt und eben in diesen Tagen ihn vor der Herzogin gewarnt , der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet . Er durchschaute das Spiel , welches Angelika , wie er meinte , zu spielen gewillt war , aber er versprach sich , daß sie es nicht gewinnen , nicht auf seine und seiner Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte . Siebzehntes Capitel Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse nie erlebt . Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer , der Marquis leistete ihr Gesellschaft . Der Freiherr aß gar nicht zu Nacht , und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt . Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des Marquis . Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen , die leichte Reisekalesche fertig zu halten , ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der Stadt geschickt worden . Man fragte den Diener des Marquis , was denn geschehen sei , daß sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche . Er konnte das nicht sagen . Man wollte erfahren , ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe . Auch das wußte er nicht , und die Kammerfrau der Herzogin , von der man Auskunft erwarten durfte , ließ sich gar nicht sehen . Des Vermuthens , des Fragens , des Meinens und des Prophezeiens war auf den Treppen , in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern gar kein Ende , und doch brachte man ' s zu keinem festen Abschlusse . Nur das Eine wußte man sicher , die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen Auftrag , der Secretair behauptete sogar , einen Brief gebracht . Die Herzogin läßt auch packen , sagte der Diener , welcher nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte , und als ich eben fortging , kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr . Es geschah sonst niemals , daß der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung aufsuchte , ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen , denn er wünschte ihr auch in seinem Schlosse das Gefühl zu erhalten , daß sie Herrin bei sich sei . Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thüre . Die Kammerfrau öffnete ihm und ließ ihn ein , aber die Herzogin war nicht anwesend . Erst als er nach ihr fragte , trat sie aus dem Nebenzimmer hervor . Ihre Haltung , ihr Blick waren noch ruhiger , noch würdevoller als gewöhnlich , und ohne abzuwarten , was er ihr zu sagen habe , reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit sanfter Freundlichkeit : Sehen Sie , mein Cousin , da stehen wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse , von denen ich Ihnen oft gesprochen habe , vor einem jener Zufälle , die uns unerwartet daran mahnen , daß nichts in unserem Leben Dauer hat , und die uns davor warnen , uns keiner friedensvollen Sicherheit zu überlassen ! Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt , und während der Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm , wies sie , mit einer leichten Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend , daß sie in seinem Beisein eine solche Anordnung treffe , ihre Kammerfrau an , die Schreibgeräthschaften , welche auf dem Tische standen , in ihre Schatulle einzupacken . Als die Dienerin sich entfernt hatte , sagte der Freiherr , indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte : Lassen Sie uns nicht dem Schicksale aufbürden , was in unserer Hand liegt , meine Freundin ! Gönnen wir einem Zufalle , gönnen wir der Unüberlegtheit und dem heißen Temperamente eines jungen Mannes nicht die Macht , dasjenige zu zerstören , was wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben , unsere Freundschaft , und uns dessen zu berauben , was mir wenigstens ein Unersetzliches ist ! Gehen Sie nicht von uns , Herzogin , ich bitte Sie darum ! Sein Ton war weich , seine Geberde mild und traurig , denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht . Er liebte es , mit großmüthigem Herzen die Menschen , welche in seiner Nähe lebten , zu beglücken , und wohin er in diesem Augenblicke sah , wußte er , daß man seiner mit Unzufriedenheit gedachte . Das Schloß , das Amthaus , Alles stand in düsterm Lichte vor ihm . Alles versagte sich ihm , Alles verließ ihn , worauf er sich gestützt hatte ; und nun wollte auch sie , die bewährte Freundin , von ihm gehen , die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte , der er gewähren konnte , was sie sonst nirgends fand : eine Heimath und eine Sorgenfreiheit , die sie von ihm , dem Blutsverwandten , dem alten Freunde , ohne das Gefühl erniedrigender Wohlthat anzunehmen vermochte . Die Herzogin in Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen , wäre ihm ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre , seiner Standes- und Familienehre gewesen . Sie kannte ihn auch genugsam , um seine Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurtheilen , und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen . Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben . Sie befand sich nicht mehr in der Lage , in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Vermögen und Einflusse begegnen konnte . Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt , sich in die Verhältnisse zu schicken , und sich beschieden , für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen , welche sie über diejenigen ausübte , von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur schwer ertrug ; denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen , daß sie in dem Herrschen an und für sich einen Genuß empfinden und daß ihre Befriedigung nur bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande , über den sie herrschen , abhängig ist . Sie konnte hier in Richten , wie die Verhältnisse jetzt lagen , zusehen , abwarten , geschehen lassen , ohne Langeweile dabei zu empfinden ; sie brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren , welche man von beiden Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte , im Auge zu behalten , um den rechten Moment nicht zu verfehlen , in welchem ein geschickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen mußte . Sie hatte sich ihre Stellung in Schloß Richten zu gewinnen und zu behaupten gewußt , und sie war ihr lieb und lieber geworden , je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte . Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war , und Hof gehalten hatte in ihrer Weise , so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Theile Deutschlands festgesetzt , und das Zartgefühl der Baronin , die Großmuth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet . Allen ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet , ja , der Freiherr hatte es in der schonendsten und liebenswürdigsten Art dahin gebracht , ihr allmählich in Form eines Darlehens ein Nadelgeld auszusetzen , groß genug , auch den Marquis zu versorgen ; und wenn die Herzogin auch über die Summen , welche sie empfing , jedes Mal einen Schuldschein zu unterzeichnen verlangte , so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht , daß die Summen in den Büchern nicht auf ihren , sondern auf des Freiherrn Namen eingetragen wurden , und daß dieser die Quittungen , welche sie ausstellte , stets selbst vernichtete , damit sie niemals , auch nicht etwa von seinen Erben , gegen die Herzogin geltend gemacht werden konnten . Aus diesem Zustande , dem wünschenswerthesten , welcher sich augenblicklich für sie denken ließ , hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt , und wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten Ehrgefühls auch an nichts weiter denken konnte und mochte , als den Anforderungen des letzteren genug zu thun , so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden Phantasie , welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefährtin eines scharfen Verstandes ist , sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber , und sie konnte nicht zweifelhaft sein , was hier geschehen könne , was ihr zu thun obliege . Daß der Marquis nicht bleiben , wenigstens für jetzt nicht in Richten bleiben könne , verstand sich von selbst . Aber eben weil er gehen mußte , war sie zu bleiben genöthigt , denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem Unterhalte schaffen ; indeß freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht , da sie ihren Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte , und nach den ersten lebhaften Erörterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben , daß sie sich zu ihrem Schmerze und , wie sie hoffe , auch zu seinem und dem Bedauern der Baronin in die traurige Nothwendigkeit versetzt finde , auf seine großmüthige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt zurückkehren zu müssen , gegen deren Oede und Schrecken sie unter seinem Dache , an seinem Heerde , unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so friedliche und beglückende Zuflucht gefunden habe . Alles , um was sie sich erlaube , ihn noch zu bitten , sei , daß er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch einmal anweisen lasse , und daß er ihr vergönnen möge , sich seines Wagens und seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen , in welcher sie zuerst zu übernachten denke und in der sie Postpferde für ihr weiteres Fortkommen finden könne . Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet , welchen solch ein Schreiben eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen würde , und sie hatte sich nicht darin getäuscht . Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen , daß sie Befehl gegeben hatte , hier und da einen der Gegenstände und der Geräthschaften , deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war , aus dem Gemache zu entfernen , und in der That bedünkte ihn diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich . Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte , das Schloß nicht zu verlassen , nur mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete , sprach er nach kurzem Schweigen : Hören Sie , meine Freundin , wie draußen der Wind die starren Aeste der Bäume schüttelt , das Jahr geht abwärts , das Wetter ist schlecht ! Er hielt inne , nahm dann ihre Hand und sagte : Auch unser Leben , Margarethe , wie wir uns gegen diese Erkenntniß in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen , ist kein aufsteigendes mehr , der Weg wird übersichtlich , welcher noch vor uns liegt , und was wir auf demselben an Glück noch etwa finden könnten , das sollten wir freiwillig nicht vermindern ! Wir ? nahm die Herzogin das Wort , wir ? Wie dürfen Sie Ihr Schicksal dem meinigen vergleichen , theurer Freund ? Sie haben Renatus , den Sohn , der Ihnen fröhlich und gesund heranwächst , Sie stehen inmitten Ihrer Heimath , Sie besitzen die Liebe einer jungen , edeln Frau ! - Aber was fehlt Ihnen , mein Freund ? rief sie , sich plötzlich unterbrechend . Was habe ich denn gesagt , das sie betrübt ? Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen , der mir Ihr Gesicht so bleich erscheinen macht ? Der Freiherr zögerte , ihr zu antworten , weil er zum ersten Male die Unwahrheit der Herzogin erkannte . Was bedeutete es , daß sie ihn auf die Liebe seiner Gemahlin hinwies , sie , der Angelika das unglückliche Geheimniß ihrer Liebe zu dem Architekten anvertraut hatte ? Es widerstrebte ihm , sich der Täuschung hinzugeben , die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien , es widerstand ihm eben so , ihr zu bekennen , daß er ihre Absicht durchschaute ; aber sie ließ ihm zum Ueberlegen keine Zeit , denn mit größter Wärme seine Hände ergreifend , rief sie : O , mein Freund , wäre ich so unglücklich gewesen , eine schmerzhafte Saite in Ihrem Leben zu berühren ? Wüßten Sie etwa , was ich Ihrer Kenntniß vorenthalten zu sehen hoffte , daß selbst diese schöne , edle Natur .... Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . Lassen Sie das , lassen Sie das , meine Freundin ! sagte er . Es ist nicht weise , von einem Unwiederbringlichen zu sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen , besonders wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine erlittene Täuschung fortzuhelfen vermag ; und ich darf es leider sagen : meine letzte Täuschung liegt jetzt hinter mir ! - Er seufzte , unterdrückte , was er noch sagen zu wollen schien , und sie schwiegen beide . Sie könnten mich tadeln , nahm nach einer Weile die Herzogin das Wort , daß ich Sie nicht benachrichtigt , daß ich überhaupt das Vertrauen der armen Angelika angenommen habe . Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen , und da mir der Eindruck , welchen jener junge Mann auf die Baronin seit dem ersten Tage seiner Ankunft gemacht hatte , nicht entgangen war , wußte ich keine besseren Hände für die Bewahrung des traurigen Geheimnisses , als die meinigen . Ich brachte sie dahin , sich mitzutheilen , ich selbst enthüllte ihr , was in ihrer Seele vorging , damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos überließ ; ich that , was in meinen Kräften stand , sie zu zerstreuen . O , es war nicht meinetwegen , daß ich Sie immer wieder antrieb , neue Gäste einzuladen , auf neue Vergnügungen zu sinnen ! Und es ist wahr , die Baronin hat mit sich gekämpft , mit sich gerungen lange Zeit ; aber Sie kennen das Frauenherz und seinen zärtlichen Eigensinn ! Sie kennen die unbezwingliche Gewalt der Leidenschaft ! - Sie brach plötzlich in ihrer Rede ab . Ja , ich kenne sie , sprach der Freiherr dumpf , ich kenne sie ! - Er erhob sich und trat an das Fenster . Die Nacht war sehr finster . Eine Weile ließ die Herzogin ihn stehen , dann näherte sie sich ihm , legte ihren Arm leise auf den seinigen und sagte : Es thut Ihnen nicht gut , mein Freund , so schweigend in das Dunkel hinaus zu sehen . Richten Sie sich auf , mein Freund ! Es giebt kein Uebel , das unheilbar wäre , wenn man es ernstlich zu heilen wünscht ! Sie irren , meine Freundin ! entgegnete der Freiherr . O , rief sie , ich glaube an das Eisen , das die Wunde heilen kann , welche es geschlagen ! Eine Fabel , eine Fabel , wie so vieles Andere , an das wir auch geglaubt haben ! bedeutete er mit trübem Lächeln . Lassen Sie es mich wenigstens versuchen , mein Cousin ! bat die Herzogin . Des Freiherrn Züge belebten sich . Heißt das , daß Sie nicht von uns gehen , Margarethe ? Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem Zustande einander überlassen ? rief sie . Muß ich denn nicht bleiben , um von Ihnen zu erlangen , was Sie mir gewähren , gleich jetzt gewähren müssen ? Sprechen Sie , sprechen Sie , meine theure Margarethe ! sagte der Freiherr . Ich verlange nichts für mich , und doch ist es die höchste Beruhigung für mein Herz , die ich begehre , sagte sie . Ich verlange , daß mein Freund , der selbst im Leben viel geirrt und viel gefehlt hat , und mancher Vergebung benöthigt gewesen ist , seiner Gattin verzeihe , und daß ich es sei , der den Verzeihenden , den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt ! Der Freiherr antwortete nicht . - Ich kann nicht verzeihen , was erlitten zu haben ich nicht vergessen kann ! entgegnete er endlich , und die frühere Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz . So beruhigen Sie wenigstens die Frau , welche Ihnen Ihren Sohn geboren hat , befreien Sie ihr den Sinn , damit das Kind nicht weiter von ihrer Schwermuth leide , und lassen sie die Zeit walten und mich versuchen , was die Freundschaft kann ! bat sie aufs Neue und noch dringender , als zuvor . Sie sind der gute Engel unseres Hauses ! rief der Freiherr . Nicht doch , nur eine verläßliche alte Frau , entgegnete ihm die Herzogin , nur eine Frau , der es die höchste Befriedigung gewähren würde , Ihnen endlich einmal zu irgend etwas nütze sein zu können . Sie reichte dem Baron die Hand , er küßte sie ihr , und ihren Arm in den seinen legend , gingen sie ohne zu sprechen mehrmals in dem Gemache auf und ab , bis der Freiherr das Wort nahm und sie bat , ihr Vermittleramt nun auch zwischen ihm und dem Marquis zu üben , da er sie nicht der Gesellschaft ihres Bruders zu berauben und ihr den Aufenthalt in diesem Schlosse dadurch für die Zukunft nicht weniger angenehm zu machen wünsche . Aber davon wollte sie nicht hören . Es sei nöthig , sagte sie , ihrem von ihr verwöhnten Bruder zu beweisen , was er hier in der großmüthigen Gastfreundschaft des Freiherrn besessen und leichtsinnig verscherzt habe , nöthiger noch , daß er strebe , sich eine ihm angemessene Thätigkeit im Heere oder sonst im Dienste des Königs zu suchen , bei welcher sein lebhafter Sinn sich genug thue , seine Anlagen und Kenntnisse ihre entsprechende Verwerthung finden könnten . Ihr Bruder sei zu jung , um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden , auf das zu verzichten sie ein großes Opfer gekostet haben würde ; und da der Freiherr ihre Meinung theilte , verstand es sich von selbst , daß er sich erbot , den Scheidenden mit den Empfehlungen und Anweisungen auszurüsten , deren er für die Erreichung seiner Zwecke bedürftig sein konnte . Er sagte sodann , daß er ihr sofort die Summe senden werde , um welche sie ihn gebeten hatte , und ersuchte sie selbst , ihm darüber den gewohnten Schuldschein auszufertigen . Sie schellte ihrer Kammerfrau . Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und bringen Sie es her ! befahl sie . Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte sich ausschließlich mit dem Marquis . Während sie dann den Schuldschein unterzeichnete , sagte sie mit einem tiefen Seufzer : Das wird hinreichen , seine Bedürfnisse zu decken , bis er eine Anstellung erhält . Nicht doch , nicht doch , rief der Freiherr , welcher ihr einen Beweis zu geben wünschte , wie lieb es ihm sei , sie bei sich behalten zu können , diese Summe muß Ihnen bleiben , Sie können sich deren nicht entäußern , Theuerste ! Den Marquis