. Franziska Götz schrieb mit blutendem Herzen über den Vater und die Mutter , doch den Doktor Theophile konnte sie nicht erwähnen . Von der Zukunft aber schrieb das Fränzchen ebenfalls ; es bat die Kusine , in keiner Not des Lebens zu vergessen , daß das Fränzchen immer da sei , um mitzufühlen und mitzuleiden , um zu trösten und wo möglich zu helfen . Diesen Brief hatte Franziska mit großem Bangen ganz verstohlen geschrieben , und längere Zeit währte es , ehe sich eine Gelegenheit fand , ihn der Post zu übergeben ; denn wenngleich die Tante mit der Welt abgeschlossen hatte , so war es doch nicht leicht , etwas gegen ihren Willen zu unternehmen und auszuführen , und die Geheime Rätin Götz wollte nicht , daß jemand aus ihrem Hause mit der entflohenen Tochter Briefe wechsele . - Das Fränzchen erzählte nicht , wie schwer ihr von der Tante das Leben gemacht worden war , aber selbst die schwächsten Andeutungen genügten dem Kandidaten . Heiß und kalt überlief es ihn , wenn er sich vorstellte , was das arme Mädchen zu erdulden hatte , während er in seiner Stube in der Grinsegasse in seinen Phantasien , mit der Pfeife im Munde , auf und ab spazierte und zwischen seinen Gedanken an das Fränzchen - an sein großes Manuskript dachte . Das Billett , das er nach Empfang des letzten Schreibens des Oheims Grünebaum an den Geheimen Rat richtete , hatte dieser nicht erhalten ; Jean hatte es aufgefangen , und die gnädige Frau hielt es nicht für nötig , Gemahl und Nichte davon in Kenntnis zu setzen . Den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum hatte Franziska dagegen richtig durch die Zeitung erfahren , und Hans und Fränzchen sprachen in der Annenstraße von der guten Base und dem biedern Oheim . Ach der Tod ist uns nichts Neues mehr ! sagte Fränzchen . » Beide haben wir oft den kalten Flügelschlag über und neben uns gehört , es ist mancher Platz leer geworden uns zur Seite . Es ist so traurig , o so traurig ! Serrez les rangs , sagten die alten Soldaten , die in Paris meinen Vater besuchten , wenn sie hörten , daß wieder ein Kamerad gestorben sei . Es ist ein böses Kommandowort in der Schlacht , denn die kommenden Kugeln fahren immer wieder durch geschlossene Kolonnen , aber es ist doch ein gutes Wort im Leben - serrez les rangs ; wir sollen die Liebe , die wir den Toten mit ins Grab geben , nicht den Lebenden entziehen - . « » Nein , nein , nein ! « rief Hans , » das sollen wir nicht . Was für eine trostlose Welt würde das geben , wenn die Toten alle Liebe mit sich hinabnähmen in die Gruft ! Das wird geschehen , wenn die Erdenuhr ablaufen will , und dann erst wird es recht sein , aber dann werden auch alle Sonnen und Sterne ihre leuchtenden Augen abwenden , es wird dunkel werden und kalt , immer dunkler und kälter - dann wird es recht sein , daß jeder Hunger , jedes Sehnen unter sich geht , daß alle Liebe mit in den Sarg gelegt wird . Dann dürfen auch die letzten Blumen im Garten zu den Totenkränzen gebrochen werden - es wird ja niemand übrigbleiben , der noch seine Lust an ihnen haben könnte . « » Den Gestorbenen , welche die gute alte Frau in den Gassen sah , gehört dann die Welt , in der es kein Sehnen mehr gibt , in der alles ausgeglichen ist « , sagte Franziska . » Sonne und Sterne haben dann der neuen Welt ihr Antlitz zugewendet , und alle Nachtigallen der Erde steigen als Lerchen dort wieder aufwärts . « Sie sprachen nun von dem Tode des Onkels Theodor , Franziska erzählte , wie seine Kräfte täglich abnahmen , wie er aber auch täglich mehr von seinem früheren förmlichen Wesen verlor , wie er so gern von seinem elterlichen Hause , seinen beiden Brüdern sprach und wie er einen Brief an den Onkel Rudolf anfing , ihn aber nicht zu Ende bringen konnte . Franziska erzählte , wie der Onkel Theodor den Brief Kleopheas sich geben ließ und ihn bis zu seiner Todesstunde in der Brusttasche seines Frackes trug , nachdem jenes erste Schreiben , welches anlangte , als Henriette Trublet das Haus in der Parkstraße verließ , von der Gattin zerrissen worden war . Am neunten Dezember , morgens acht Uhr , fand Jean seinen Herrn vollständig angekleidet , im schwarzen Frack und mit weißer Halsbinde , tot vor seinem Schreibtisch sitzend und erfüllte das Haus mit seinem Geschrei . Die Frau Geheime Rätin kam und war sehr gefaßt ; sie sandte zu dem Hausarzt der auch nur sagen konnte , daß der Herr Geheime Rat tot sei und dann sandte sie zu ihrem Notar . Aimé schrie jämmerlich und schlug mit Händen und Füßen aus , als man ihm seinen Vater zum letztenmal zeigen wollte . Die Dienerschaft gehorchte zum erstenmal dem Fränzchen ohne Widerstreben - das Fräulein war von der Tante Aurelie mit der Besorgung des Begräbnisses beauftragt worden , und die Dienerschaft scheute sich vor dem Toten in ähnlicher Weise wie der arme Aimé . Auf dem Schreibtisch , an welchem sitzend der Geheime Rat Götz starb , fand man unter seiner erkalteten Hand , die noch im Krampf die Feder hielt , einen Stempelbogen , auf welchem die Worte standen : » Ich vergebe - « Dann hatte die Feder in der Hand des vom Tod Getroffenen einen Strich über das Blatt gemacht ; der Geheime Rat hatte nicht schreiben können , wem und was er vergebe . Seine Witwe nahm das Blatt an sich , ohne zu sagen , wie sie darüber denke . Sie , die Witwe , erklärte auch , daß es genüge , den Verwandten ihres Gatten den Todesfall durch die Zeitung anzuzeigen . Es war schade , daß das Fränzchen das Leichenbegängnis des Geheimen Rates nicht schilderte , denn es ging im höchsten Trauerstil vor sich . Die Spitzen der Gesellschaft und der Justiz erschienen in Person dazu oder schickten doch wenigstens ihre Kutschen ; aber das Fränzchen saß im Hause , in der Studierstube ihres Onkels , und weinte . Sie allein weinte wirklich ; alle andern waren nur ein wenig betäubt durch den Duft von Königsräucherpulver und Chlorkalk . Zweiunddreißigstes Kapitel Das war ein Wunder über alle Wunder , so hoch oben in der Annenstraße bei der Frau Brandauer zu sitzen - Hand in Hand - , während es wieder anfing zu schneien , und von allen diesen Dingen und von dem , was kommen sollte , zu sprechen ! » Du armes Kind , was hast du alles erlitten ! « rief Hans , » aber nun sage mir auch , wie du in diesen Raum gekommen bist , wer dich hierhergeführt hat - O Gott , wie du gelebt hast in den letzten Tagen . Es ist so kalter Winter , und der geringste Vogel hat sein Nest , das ihn vor der Kälte birgt , dich aber hat man hinausgejagt - « Franziska schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf . » Ich bin aus eigenem Willen gegangen « , sagte sie . » Man hat nicht das Fenster geöffnet und gerufen : Da flieg , Rotkehlchen ! Ich bin freiwillig gegangen , und niemand hätte mich in jenem Hause zurückhalten können . Ach , es ist nicht viel gewesen , was ich mit meinem Herzen und mit meinen Händen tun konnte , und als das Haus nach dem Begräbnis des guten Onkels wieder in Ordnung gebracht war , da konnte ich gar nichts mehr tun . Mich fror so sehr in des Onkels Studierstube , und einen andern Aufenthaltsort gab es nicht mehr für mich im Hause ; denn mein Stübchen hatte ich an ein altes Fräulein , das von der Kusine der Tante zum Trost geschickt war , abtreten müssen , und dieses Fräulein nahm auch alle Besorgungen , die sonst mir anvertraut gewesen waren , über sich . Die Tante sah ich fast gar nicht mehr . Ich hatte kein Recht mehr in diesem Hause , seit der Onkel tot war , und ich bin fortgegangen . « » Und du hattest niemand , um dir zu raten , um dir zu helfen ! « rief Hans ; aber das Fränzchen lächelte zum erstenmal ganz fröhlich . » Oh , bin ich nicht eine fast ebenso tapfere und gewandte Pariserin wie die arme Henriette Trublet ? Ich war nicht ganz von Geld entblößt , und dann bin ich ja auch das Kind des Kapitäns Götz , die Tochter des abenteuernden Soldaten und Freiheitskämpfers . Es wäre nicht sehr ehrenvoll für mich gewesen , wenn ich meinen Weg nicht gefunden hätte . Ach Gott , trotz dem tiefen Schmerz um den Onkel fühlte ich mich ja frei - meine eigene Herrin ; es durfte niemand mehr zwischen mich und mein Gefühl treten - alle schweren Ketten waren von mir abgefallen ! Und wahrlich , es war etwas von meines Vaters wildem Mut und Geist an dem Tage in mir , an dem ich unter meinem Regenschirm auszog , um mir ein Schlupfwinkelchen zu suchen . Ich habe dieses gefunden und nun gesessen während der letzten Tage und habe der guten Frau Brandauer viele wunderliche Fragen über mein junges Dasein beantworten müssen ; aber wir sind gut miteinander fertig geworden und haben einander ordentlich ins Herz geschlossen . Ich habe an Kleophea und an den Herzensonkel Rudolf geschrieben , jetzt werden sie die Briefe wohl erhalten haben ; ach , und ich wollte , ich wäre jetzt bei Kleophea ! « Sie sprachen mit leiser Stimme von dem Doktor Theophile Stein , und wie er auftreten werde , nun seine Frau von der reichen Mutter verstoßen und enterbt worden sei . Das Fränzchen weinte bitterlich über das Los der unglückseligen Kleophea ; und draußen schneite es immerzu , es sollte ein harter , böser Winter über die Welt kommen . - Sie standen jetzt am Fenster und sahen auf das Gestöber - schweigend standen sie eine geraume Weile . » Es ist ein weiter Weg nach Grunzenow « , sagte Hans . » Es wird auch ein beschwerlicher Weg sein . Wie willst du die Mühen bestehen , mein Lieb ? Jetzt wollte ich wohl , ich besäße den Zaubermantel , daß ich ihn um dich schlagen und dich warm darin über das weiße , winterliche Land forttragen könnte . « Fränzchen hob das Gesichtchen zu dem Freunde empor und lächelte durch die Tränen , welche es um Kleophea Stein geweint hatte : » Deine Liebe ist ja der Mantel , in welchem du mich an dein Herz genommen hast ! Wie könnte mich frieren an deinem Herzen , in deiner Liebe ? Und dazu soll ich eine Heimat an jenem Orte finden , ich , die ich niemals eine rechte Heimat gehabt habe , ich , die ich vom Leben immer so barsch hin und her geschoben worden bin durch Mangel und Überfluß , durch allen Wirrwarr und Zwiespalt ! Wie könnt ich den Schnee , den Winter fürchten unter deinem Mantel , Johannes , an deinem Herzen ? « » O Liebe . Liebe « , rief Hans , » ja du hast recht , wir sind gefeit gegen allen Erdenfrost und - sturm . Wir hören den Wind brausen , aber wir fühlen ihn nicht - « » Und den Onkel Rudolf werde ich sehen - endlich , endlich werde ich ihn wiedersehen ! Auch an seinem Herzen bin ich so sanft gebettet ! Gottes Segen über ihn ! « fuhr das Fränzchen fort . » Und den guten Oberst und den guten , alten Pastor werde ich sehen . O Johannes , wie großen Dank sind wir denen schuldig ! Es ist so märchenhaft schön ; o Gott , und das schönste ist , daß aller Kinderlebensmut dazu wieder herabgekommen ist vom Himmel . Ach , wäre nicht Kleophea , die helle , reine Kinderfreude käme auch wieder herab - O Johannes , Johannes , habe mich recht lieb , recht , recht lieb ! « Johannes Unwirrsch antwortete nicht auf diese letzten Worte des Fränzchens aus dem einfachen Grunde , weil er es nicht konnte . Er nahm die Braut nur fester in die Arme , und sie barg ihr Gesicht an seiner Brust . Erst nach einiger Zeit sprachen sie weiter von dem Weihnachtsschnee und davon , daß es ganz und gar nicht recht sei , sich vor ihm zu fürchten . Sie sprachen von dem Onkel Rudolf , dem Obersten von Bullau samt seinem Grips und seinen Hunden ; sie sprachen von dem trefflichen Pfarrherrn Josias Tillenius , und bis ins einzelnste beschrieb Hans nach besten Kräften Land und Leute zu Grunzenow an der Ostsee . Er beschrieb das Dorf , den Gutshof und das Pastorenhaus ; vor allem aber suchte er den Eindruck zu beschreiben , welchen das Meer auf ihn gemacht hatte . » Ich fürchte mich nicht vor dem Meer « , sagte Franziska . » Manchmal kommt es mir ganz traumhaft vor ; dann bin ich ein ganz kleines Mädchen in den Armen meiner Mutter , dann sehe ich den Mond aufsteigen über den schwarzen Wassern , und eine lebendige , tanzende Lichtstraße wird bis zum Horizont . Es ist wunderlich , des Meeres im Sonnenlicht kann ich mich nicht mehr entsinnen , obgleich ich es oft gesehen haben muß auf der langen Fahrt von Montevideo bis Havre-de-Grâce Ich entsinne mich auch keines Sturmes , obwohl wir einen sehr grimmigen auszuhalten hatten , wie mir mein Vater nachmals erzählt hat . Das Schiff hieß der Amphitryon , und im Jahr achtundzwanzig oder neunundzwanzig kamen wir nach Paris zurück . Ich freue mich so sehr auf das Meer , es hat mich gar sanft geschaukelt in meiner allerfrühesten Kindheit . « » Du hast soviel gesehen , soviel erfahren , mein Lieb « , sagte Hans ganz kleinmütig . » Eine halbe Weltumseglerin bist du , und was ist alles in Paris vor den Fenstern deines Stübchens vorübergezogen ! Du hast so reiches , buntes Leben kennengelernt , und nun ziehe ich dich mit mir in die tiefste Armut und Einsamkeit , wo wir nur die alten Freunde , die armen Fischersleute , die See und uns selber haben ! « » O welch ein Reichtum - welch eine weite , weite Welt ! « rief das Fränzchen , die Hände faltend . » Wie hätte ich in meinen kühnsten Träumen hoffen können , so überschwenglich reich , so unsäglich glücklich in so weitem Wirkungskreis zu werden . O Johannes , wer hätte es gedacht , daß wir beide so glücklich werden könnten ? Aber wir wollen auch glücklich machen ; wir wollen nicht selbstsüchtig nur in uns allein leben , unsere Herzen sollen in unserer Liebe nicht enge werden ; - wir wollen Liebe und Glück geben , und beide sollen nicht weniger werden . « » Das wollen wir ! « sagte Hans feierlich , und in seinen Gedanken stand er wieder im nächtlichen Schneetreiben mit dem Pastor von Grunzenow an der Mauer der dunklen Hütte , in der kein Licht mehr brannte , auf deren Herde kein Feuer mehr glimmte , deren Leben erloschen war für alle Zeiten . - Es schneite immer lustiger . Die Kinder in der Gasse sprangen und jauchzten in dem wirbelnden Gestöber . Ein schwarzer Rabe flatterte über die Dächer , setzte sich auf einen Schornstein , schüttelte den Schnee von den Fittichen und schrie mit heiserer Stimme sein Behagen in die Welt hinaus . Hans hielt sein Mädchen umschlungen , und immer tiefer und tiefer versanken alle die dunklen Zeichen und Merksteine auf ihren jüngst durchschrittenen Wegen . Trotz der frischen Gräber , trotz der armen Kleophea wurden Hans und Fränzchen immer mehr und mehr von der sichern Ruhe des Glücks überkommen . Hans sah sich in dem Stübchen seiner Braut um und verglich es mit seinem Aufenthaltsort in der Grinsegasse ; er zeigte sich als ein ungemein würdiger und aufmerksamer Haushalter und Beobachter , bis das Fränzchen zu seinem großen Unbehagen nach dem Hungerbuche fragte . Er wehrte sich anfänglich so gut als möglich gegen die Fragen , bis er endlich zwischen Lachen und Erröten gestand , wie es mit dem Ding bestellt sei und wie oft er das vortreffliche Schriftstück wieder zerrissen habe . Nun war es sehr hübsch , wie das Fränzchen für das berühmte , aber leider noch nicht in Erscheinung getretene Werk Partei nahm und das Wort ergriff . Der Kandidat Unwirrsch konnte nur leise auf die Zeit der Muße zu Grunzenow hindeuten und mit Behagen auch in dieser Hinsicht herrliche und liebliche Dinge in Aussicht stellen , nachdem er wieder einmal alle Zweifel an der Möglichkeit der saubersten Vollendung der Handschrift niedergekämpft hatte . Nun ließ sich ein nicht sehr leichter Schritt auf der Treppe vernehmen , es klopfte an der Tür , und eine recht martialische Frau trat , ohne den Hereinruf abzuwarten , ein , setzte den schweren Marktkorb nieder und verwunderte sich nicht wenig über den Besucher ihres » Fräuleins « . Als sie aber mit Namen , Stand und sonstigen Eigenschaften und Würden des jungen Herrn bekannt gemacht worden war , erheiterte sich ihr Blick , sie reichte dem Kandidaten zum Gruß eine Hand , die ihn lebhaft an die arbeitsselige Hand seiner Mutter erinnerte . Und der Geruch von Seife und frischer Wäsche , welchen die Frau Brandauer in das Zimmer mitbrachte , mußte ihn ebenfalls ganz und gar anheimeln . Hans erkannte zu seiner hohen Freude , daß das Fränzchen wirklich hier in gute Hände gefallen sei und daß das Geschick freundlich über sie gewacht habe . Er stattete der Frau Brandauer seinen und des Herrn Leutnants Götz besten Dank ab , wurde aber grob angeschnauzt und gefragt , was er sich denke , ob solch ein liebes Fräulein einem nicht vom Himmel auf die Seele gebunden würde wie ein verlorenes Königskind ! Die Frau Brandauer verlangte den Dank des Herrn Leutnant Götz und des Herrn Kandidaten Unwirrsch nicht , aber sie ließ den erstern Herrn bestens grüßen , empfahl sich seinem » gnädigen Wohlgefallen « und ließ ihm sagen , daß sie verhoffe , er werde dankbar für den Schatz sein , den ihm der liebe Gott in dem lieben Fräulein verliehen habe . Darauf hätte sie den Kandidaten sehr entrüstet fast beim Kragen genommen , weil er » sich nicht schämte , in solcher Jahreszeit und bei solchem Wetter solch eine arme , herzige junge Dame zu den Mongolen . Tartaren und Lappländern wollens und nollens zu schleppen « . Sie bat das Fränzchen , ja die Sache dreimal zu überlegen ; hier sei der Ofen warm , und jede Hyazinthe besehe sich bei solchem Wetter den Schnee am besten durchs Fenster . Als ihr der Gedanke kam , daß es » da oben « sogar noch Wölfe und Bären gebe , wurde sie von ihren fast mütterlich-sorglichen Gefühlen so sehr überwältigt , daß alle tröstenden Versicherungen des Kandidaten und Franziskas sie nicht beruhigten ; und nur die Frage , ob es möglich sei , den Herrn Johannes zum Mittag einzuladen , konnte sie wieder zum Bewußtsein und auf die Füße bringen . Es mußte möglich sein , und es war möglich . Ein köstlicheres , seligeres Mahl hatte man dem armen , hungrigen Kandidaten noch niemals in seinem Leben bereitet . Immer märchenhafter wurde die Welt - immer märchenhafter . Das geringste Gerät in dem Gemach und auf dem Tische war wie ein Stück Hausrat aus dem Haushalt der guten Feen , der guten Waldmütterchen ; - alles hatte ein Etwas an sich , was nicht aus der Werkstatt , der Fabrik oder dem Kaufmannsladen stammte . Hans Unwirrsch würde sich gar nicht verwundert haben , wenn das irdene Salzfaß einen Tanz um die Suppenschale begonnen , wenn die Suppenschale ihm und der Braut aus der Tiefe ihres Bauches Glück gewünscht hätte und wenn der Rabe , der vorhin sich auf dem Schornstein niederließ und den Schnee von den Flügeln schüttelte , an das Fenster gekommen wäre , um dem Brautpaar einen Gruß aus dem Reich der Zwerge und zwei goldene Ringe von dem Könige der Bergkobolde zu überbringen . Daß er - Hans Unwirrsch - dabei unaufhörlich an jene Zeit denken mußte , in welcher er ebenfalls an des Fränzchens Seite , aber an dem Tische der Frau Geheimen Rätin Götz gesessen hatte vermehrte nur noch den Zauber des Augenblicks . Zu kurze Wochen waren seit jenen häßlichen Tagen vergangen , als daß es nicht gespensterhaft aus ihnen in die blühende Gegenwart herübergehaucht hätte ; aber dieses Gruseln gehört zu dem Märchenbehagen wie alles andere . Es wurde nun das Nähere über die Reise nach Grunzenow verabredet , und die Frau Brandauer gab auch ihren besten Rat dazu . Es war jedoch nicht viel zu bereden , nachdem die Stunde der Abfahrt festgesetzt worden war . Fränzchens Habseligkeiten hatten in einem winzigen Koffer Raum ; sie war mit noch weniger Gepäck belastet als Hans , da sie keine Bibliothek mit sich herumschleppte wie dieser gelehrte Thebaner . Auf den kürzesten Wink konnte sie , ein echtes Soldatenkind , zu jedem Marsch bereit sein . O über diesen kleinen Koffer ! Er wurde dem Kandidaten Unwirrsch gezeigt , und der Kandidat Unwirrsch stand daneben und sah auf ihn und das Fränzchen , welches kniend den Deckel abhob , um dem Freunde das Miniaturbild ihrer Mutter und den polnischen Orden des Weißen Adlers ihres Vaters zu zeigen . O über diesen armen , kleinen Koffer ! So zierlich geglättet und gefältelt , so sorglich , eingeschachtelt und künstlich an seinen Ort gelegt erschien alles darin ! Wie die Zaubernuß , die drei Ballkleider und eine sechsspännige Kutsche mit Kutscher , Läufer und Lakaien barg , war dieser Koffer ; - eine ganze behagliche und wohleingerichtete , stille und friedliche Haushaltung stieg in der Phantasie des Kandidaten daraus hervor , und hundert freundliche Geisterchen flogen empor , summten um des Kandidaten Haupt und flüsterten ihm von dem Meer , dem Gutshof und dem Pfarrhof von Grunzenow , vom knisternden Feuer am Winterabend , von der zerzausten Laube im Pfarrgarten am heißen Sommernachmittag , von diesem und jenem so vielerlei , so bunt durcheinander ins Ohr , daß er sich - auf den nächsten Stuhl setzen mußte , weil ihm Kopf und Herz zu sehr aus dem Gleichgewicht gerieten . Nicht das geringste fand sich , was das Fränzchen hätte hindern können , schon am folgenden Tage mit dem Mittagszug dem Kandidaten nach Grunzenow zu folgen ; - immer märchenhafter , immer märchenhafter wurde das Leben , je klarer und einfacher es sich gestaltete Nun waren gar die Stunden zu zählen bis zu dem Augenblick , in welchem Hans die Braut aus dieser Stadt , die ihnen beiden so wenige freundliche , freudige Tage , aber dabei das höchste Glück ihres Lebens gegeben hatte , fortführen konnte . Nun kam der Abend , und die Lichter flammten auf in der Annenstraße , und es leuchteten alle Fenster hinaus auf den weißen Schnee , der keinen Schritt und kein Geröll der Räder laut werden ließ . Die Frau Brandauer zündete ebenfalls ihre kleine Lampe an , und der Tag , der für den Kandidaten Hans Unwirrsch in so großer Unruhe , Verwirrung und Angst begonnen hatte , neigte sich in Seligkeit und im süßesten Frieden seinem Ende zu . » Jaja « , seufzte die Frau Brandauer , » junges Volk will seinen Weg gehen ; es liegt einmal so in der Natur . Wer hätte gedacht , Herzensfräulein , als Sie neulich so leise , leise an meine Tür klopften und fragten , ob hier das Stübchen wäre , das in der Zeitung stände , wer hätte gedacht , daß Sie dem Stübchen und der alten , dummen Witwe Brandauer so bald wieder untreu werden würden . O je , o je , Herr Kandidate - da in der Tür stand das Fräulein in ihrem schwarzen Kleide wie ein Engel , und die Händchen waren so kalt und die Füße ; und wir alle zwei beide standen und sahen uns an , und dann gab es mir einen Knuff in den Rücken wie von oben , und ich knickste und sagte : Ja , und der Nachbar Grillmann auf der andern Seite des Ganges hintenheraus habe mir geholfen , es in die Zeitung zu bringen . Da haben wir denn diese Wochen zusammengehalten wie zwei gute Leute . Ach Gott , das Beste vergeht immer am schnellsten , und der Sommer dauert einem lange nicht so lange als der Winter , und so ist denn keine Hülfe , morgen sitze ich wieder allein , und diese Stube ist wie ein alter , leerer Scherben , in dem das Winterröschen ausblühte . « » Wir wollen einander nie vergessen « , rief Franziska , die Hand der guten Frau gerührt drückend , » Der liebe Gott hat mich zu Ihnen geführt , und Sie haben die Fremde empfangen , wie eine Mutter ihre Tochter in der Verlassenheit aufnehmen würde . Ich will auch immer wie eine Tochter an Sie denken , liebe , liebe Frau Brandauer . « Die gute Witwe lachte und weinte und küßte das Fränzchen : » Herzchen , es wäre ja das größte Unrecht , wenn ich Ihnen das Glück mißgönnte ; - so einem kleinen , ängstlichen , abgejagten Vögelchen ! Herr Kandidate , Gott hat Ihnen ein gutes Gesicht gegeben , und so hoffe ich , daß er Ihnen ein gutes Herz dazu geschenkt hat ; - in Gottes Namen denn , nehmen Sie das Fräulein mit sich fort , und Gott helfe Ihnen beiden weiter , anjetzt durch den Schnee und dann durchs liebe lange Leben bis in die ewige Seligkeit , und ich will an diese Tage und Wochen denken , als ob ich ein Zeichen in mein Leben gelegt hätte wie ins Gesangbuch . « Hans dankte der guten Frau aus vollem Herzen für ihr Vertrauen und ihre guten Wünsche ; dann aber mußte er der Nachbarn wegen , und vorzüglich des Nachbars Grillmann wegen , der ein ziemlich neugieriger und naseweiser Patron zu sein schien , für diesen Abend Abschied nehmen . Wie schwer er sich , von dem Stübchen im vierten Stockwerk der Nummer vierunddreißig in der Annenstraße trennte , wollen wir nicht beschreiben ; wie er dann unten im Schnee stand , die Hand auf das jubelnde Herz drückte und nach dem Lichte in der Höhe starrte , wollen wir der Einbildungskraft der Leser überlassen . Wie er , berauscht vom Glück , es möglich machte , die Grinsegasse zu finden , wie er seiner tauben Wirtin die Wohnung kündigte , wie er seinerseits seine Sachen zusammenpackte und die Glaskugel des Vaters vorsichtig von der Decke nahm , wie er die letzte Nacht in der Grinsegasse schlief - das alles mag der Leser sich ebenfalls ausmalen . Der Morgen fand ihn wach , aufgeregt und reisefertig ; der Mittag fand ihn an des Fränzchens Seite im Eisenbahnwagen . Und die Sonne schien auf den Schnee ; es war sehr kalt , und die Schaffner und die Reisenden hatten sehr rote Nasen . Rotgeweinte Augen hatte die Frau Brandauer , die mit dem Taschentuch zum Abschied winkte . Ja , junges Volk will seinen Weg gehen ! Ein letzter Gruß für die brave Frau aus der Annenstraße - ein letzter Blick auf das zurückbleibende Menschengedränge . - » Alles fertig - vorwärts ! « Dreiunddreißigstes Kapitel Es war der vierundzwanzigste Dezember , und alle die jungen Damen , welche Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen für den Rücken gestickt hatten , die Seelen der Männer , der jungen und alten , zu fangen , nach dem Wort des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel , Vers siebenzehn und achtzehn , waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge , die da kommen sollten . Es warteten sehr viele Leute - große und kleine - auf kommende gute Dinge ; - der Himmel war am Morgen und Mittag so blau , wie man es sich nur wünschen mochte , die Sonne bestrahlte glitzernd die weiße Weihnachtswelt und färbte sich erst am Nachmittag blutrot , als sie in den aufsteigenden Nebel hinabsank . Es schien , als ob die Sonne es wisse , daß hunderttausend Christbäume auf ihren Niedergang warteten , und es schien , als ob sie gutmütig-froh ihren Lauf beschleunige . Um fünf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stückchen feuriges Gold hinter dem Horizont versunken - der Heilige Abend war da , war endlich gekommen , nachdem sich Millionen Kinderherzen so lange nach ihm gesehnt hatten . Um fünf Uhr läuteten alle Glocken im Lande den morgenden Festtag ein , und die Kuchen waren fertig ; es wurde Friede in der Brust auch der scheuereifrigsten Hausfrau , Um sechs Uhr stand jeder festlich geschmückte Tannenbaum in vollem Lichterglanz , und wer noch froh und glücklich sein konnte , der war es gewißlich um diese Stunde , in welcher sich das Himmelreich derer , die da sind wie die Kinder , auch dem trübsten Blick öffnet und das dunkelste Herz hell macht . Das war ein Reisetag ! Das war ein Tag , um der Heimat zuzueilen ! Hans Unwirrsch und Fränzchen Götz bedurften keines Zaubermantels , keines übernatürlichen Beförderungsmittels mehr ; der Postwagen oder vielmehr Postschlitten , der sie gen Freudenstadt führte , war selber ein zauberhaftes Vehikel , das dreist mit Oberons fliegender Muschel , mit dem fliegenden Koffer der arabischen Märchen , mit dem hölzernen Gaul , auf welchem der Ritter Peter mit dem silbernen Schlüssel und die schöne Magelone ritten , es aufnehmen konnte