. « Einen Schritt trat Robert vor , doch dann blieb er stehen , wie eingewurzelt ; aber Helene Wienand breitete die Arme aus , und - nun war alles gut . Der Sternseher Heinrich Ulex leitete sanft den irrsinnigen Vater zu den beiden Kindern und legte die Hand desselben auf die verbundenen Hände Roberts und Helenes . Der Bankier sah nur den Astronomen an , und als dieser das Haupt neigte , nickte er auch wohl hundertmal hintereinander und lächelte scheu blinzelnd , als freue er sich , daß er etwas tue , was dem weisen Mann gefalle . » Seid glücklich in eurer Liebe , Kinder ! « sagte der Sternseher . » Wenn in diesem Augenblick der Schleier von der Seele dieses Armen fiele , so würde er nicht mehr trennend zwischen euch treten . Preise die Sterne , Sohn ; sie haben dir ein gutes Teil gegeben , und ein hohes Glück hast du gewonnen ; nun halte es fest und laß es dir durch nichts rauben . Du aber , Tochter , erinnere jenen immer , wenn es not ist , daß auch hinter der Entsagung das Glück liegen kann ; - und deine Kinder lehre auch , nach den Sternen zu blicken ; viel schwerer als den Müttern wird es jedem andern spätern Lehrer . « Wir sind durch alles , was nun noch an diesem Abend auf dem Giebel des Nikolausklosters besprochen wurde , selbst geschritten . Sie hatten alle im kleinen Kreise viel erlebt und wohl auch viel erduldet . Viel besser ließ sich das , was in Briefen , die auf der Fahrt ums Kap Hoorn verlorengegangen waren , gestanden hatte , mündlich sagen . Sie gaben nun ausführlich einander Bericht und verschwiegen nichts . Die beiden , welche lieber im stürmenden Meer als in einem hübschen Teich voll Wasserrosen und flüsternden Schilfs versinken wollten , schwebten durch den Raum , und alle im Kreise bis auf den Kranken grüßten in gedankenvoller Trauer die Schatten von Friedrich und Eva Wolf . Als Robert die Erzählung seiner Abenteuer und Schicksale beendet hatte , sprach der Polizeischreiber dem König Salomo die Worte nach , welche wir diesem Buche vorangesetzt haben : » Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den andern . « Mit einem schlauen Blick auf Helene jedoch fügte er hinzu : » Die Weiber aber wetzen tüchtig mit ; - wenn die Sterne ihren Segen geben , so müssen wir am Ende wohl scharf werden . « Von den Plänen , die Robert Wolf schon auf seiner Überfahrt von New Orleans nach Hamburg in Hinsicht auf den Poppenhof gefaßt hatte , sprach er auf dem Turm des Sternsehers nicht . Erst als er mit dem Polizeischreiber in dem alten verräucherten Gemach in der Musikantengasse allein war , teilte er sie dem Pflegevater mit , und nachdem dieser den » jungen Kapitalisten « , den » Glückspilz « aus Poppenhagen beglückwünscht hatte , fand er den Plan » räsonabel « , und man beschloß , an Otto Krokisius zu schreiben . » Ja , kaufe das alte Junkernest « , sagte der Schreiber . » Es liegt eine eigentümliche Gerechtigkeit darin . Führe dein junges Weib als Herrin an den Ort , welchen der letzte Freiherr von Poppen nicht behaupten konnte ; erhalte dem letzten Fräulein von Poppen die Heimat . Wahrlich , die Bauern haben diesmal den Rittern das Spiel abgewonnen ! « Der Morgen dämmerte über die Dächer - der Tabaksqualm war undurchdringlich . Man beschloß , gar nicht mehr zu Bett zu gehen , und Robert kochte , unendlich glücklich und hoffnungsreich , in alter Weise den vortrefflichen Kaffee , dessen Bereitung ihn einst der alte Heimatsgenosse gelehrt hatte . Sechsunddreißigstes Kapitel Die Sterne setzen ihren Willen durch , ihrem Willen befiehlt der Erzähler sich und sein Buch Es war ein stiller wolkenloser Tag in jener herrlichen Jahreszeit , wo Frühling und Sommer sich die Hand reichen . Der Hochwald stand in seiner vollsten , frischesten Pracht , Dämmerung hier , dort blendendes Licht - dort flimmernd Gemisch von Licht und Schatten . Glorreich strahlte die Nachmittagssonne ; aber ahnungsvoller Duft verschleierte alle Ferne . Dicht verwachsen war der Waldweg , der eine Stunde früher als die Kunststraße , welche im Tal sich um den Kaiserberg wand , das Dorf Poppenhagen erreichte . Es kostete Mühe , sich auf diesem Pfade durchzuwinden ; aber er war dafür auch mit allem lieblichen und romantischen Zauber der Wildnis aufs reichste geschmückt . Anmutiges Gerank , knorrige Stämme , Felsentrümmer , rieselndes Wasser , frischgrünes Moos und Blumen waren wie von Künstlerhand darauf verteilt ; die Glut und der Staub der Heerstraße gehörten hier nur in das Reich ungemütlicher Träume . » Noch einen Augenblick , Lieb , und wir haben die Höhe erreicht ! « rief eine klangvolle Männerstimme im Gebüsch der Tiefe . » Reiche mir die Hand , armes Kind ! « Eine andere , lieblichere Stimme antwortete darauf noch ein wenig weiter zurück : » Du beklagst mich wohl noch gar , Robert ? Steig nur voran und habe keine Sorge um mich . Es ist ein wonniglich Atmen hier . « Die Männerstimme wiederholte eine einfache , aber hübsche Melodie , die vorhin ein Waldmädchen den beiden aus der Tiefe Emporklimmenden entgegengetragen hatte ; das Rauschen im Gebüsch näherte sich der Stelle , wo der Pfad den Gipfel des Berges erreichte ; die zwei Wanderer traten aus dem Schatten auf die lichte Stelle , von welcher man die schönste Aussicht weit über den Winzelwald hatte , ohne jedoch nach irgendeiner Seite hin das Ende desselben zu erblicken . Wir kennen die beiden jungen Leute , die sich aus dem Gebüsch loswanden . Es waren Robert Wolf und Helene Wienand ; letztere in schwarzen Trauerkleidern , aber doch mit dem rosigen Schimmer wiederkehrender Lebensfreudigkeit auf den Wangen . » O wie wunderherrlich ! « rief die Braut , an dem Arme des Verlobten atmend ausruhend von den Beschwerden des Weges . Sie hatte tapfer mit dem Gezweig kämpfen müssen , mit neckischen Fingern hatte ihr eine mutwillige Ranke den breiten Hut vom Kopf gezogen und ihr in die Locken gegriffen ; auf ihrer Schulter saß ein Marienkäfer , der sich lieber so anmutig tragen ließ als selber ging . » Und dort hast du Poppenhagen ! « sagte Robert , auf eine Turmspitze zeigend , welche zur Rechten aus einem Tal hervorlugte . Lange blickte das junge Paar stumm nach der angedeuteten Gegend hin , dann erklärte Robert weiter : » Die Felder , welche dort an jenem Berge emporlaufen , gehören zum Poppenhof ; die eigentliche Feldmark des Dorfes kann man von hier nicht sehen . Nun bist du mitten in meiner Jugendheimat , süße Braut ! Ach wie oft habe ich an dieser Stelle gelegen , den Wolken nachsehend und unbestimmte Luftschlösser in den Äther bauend . Welch ein guter alter Bekannter ist jener Baumstumpf dort ! Nur jene Berglehne drüben jenseits der Landstraße war damals nicht abgeholzt ; sonst ist alles heute , wie es damals war , als ich mich hier zum Robinson Crusoe träumte oder den Fahrten Sindbads des Seefahrers nachsann . « » Der silberne Faden , welcher im Herbst so still und langsam durch die Luft schwebt , kann vieles überdauern , welchem der Mensch unendliches Dasein geben möchte . Es ist so traurig , daß der Mensch in sein dunkles Grab gehen muß , wenn die Welt in so lichtem Glanz daliegt . Sieh , welch ein schöner Schmetterling sich dort wiegt , wie er sich schaukelt und sich freut - aber immer , immer muß ich an den toten Vater denken ! « seufzte Helene . » Da unten auf der Landstraße kriecht der Wagen « , sagte Robert Wolf . » Er schleppt langsam die alten Freunde der Heimat zu . Was sollen sie tun , wenn wir so trübe und tränenvoll in all diese Schönheit blicken ? « Die Braut küßte den Verlobten : » Du hast recht , Lieber ; es ist Sünde gegen dich und Gott , jede gute Stunde durch nutzlose Klagen zu verfinstern . Du mußt recht viel Geduld mit mir haben , Robert ; - o deine Heimat ist so schön ! Komm , führe mich weiter hinein ; glaube mir , seit wir gestern die Berge erreichten , ist mein törichtes Herz schon um vieles leichter geworden . « » Bald wird es ganz gesunden , du Süße , Liebe ! « rief Robert . » Nimm meinen Arm , einmal führe ich dich noch recht tief in den Wald , und dann steigen wir hinab in das Dorf und sehen , was die Freunde daselbst gefunden haben und wie der wackere Otto für uns gesorgt hat . « Sie folgten dem Waldwege noch eine Viertelstunde lang , dann betrat der neue Herr des Poppenhofes mit seiner Braut einen andern engen Pfad , der wieder weiter seitwärts abführte . Trotzige Felsen ragten mitten im dunkeln Tannenforst . » Das ist der Kaiserstein « , sagte Robert . » Von jenem Vorsprung stürzte einst Eva Dornbluth meinen Bruder . Fürchtest du dich vor der Wildnis , Herz ? O du solltest den Tannenwald im Sturm , in der Winternacht sehen und hören ! Das gibt ein lustig Sausen , Schwirren , Donnern und Krachen , wenn die Windsbraut mit den Waldgeistern hier ihre Tänze aufführt . Hier links , Liebchen - dort hinaus kommt Sumpf und Moor , das ist der Eulenbruch . Wart nun , gleich führ ich dich wieder ins Licht . Wer den Weg nicht kennt und in der Nacht sich hierher verliert , den können die Irrlichter tüchtig necken und verlocken . Aber die roten Wölfe vom Eulenbruch kennen den Weg und fürchten die Kobolde nicht . « Auf den Tannenwald folgte wieder Buchenwald ; plötzlich faßte Robert die Hand Helenes fester und zog sie schneller vorwärts , einen kleinen Abhang hinan . Droben stand er still , als schon die Sonne über die Berge im Westen hinabgesunken war ; wortlos deutete er auf ein graues , ärmliches , niederes Gebäude , welches auf einer kleinen Wiese einsam , fern von allen andern Menschenwohnungen lag . Nirgends ein lebendes Wesen zu erblicken ! Kein Laut unterbrach die Stille . Helene Wienand umschlang den Geliebten fest , und dieser sagte : » Da ist der Ort ! Da sind alle die roten Wölfe , bis auf unsern Fritz und mich , untergegangen - verdorben , gestorben in Hunger , Jammer und Elend . Am Yuba liegt nun auch Friedrich Wolf neben Eva Dornbluth ; - - mich allein haben die Sterne errettet , ach und bis ins tiefste Herz hinein fühle ich , wie wenig ich selbst zu meiner Rettung , meinem Glück beigetragen habe . In tiefster Demut beuge ich mein Haupt den Sternen ; sie haben mir alles erhalten , was Gutes in mir war ; sie haben mir alles gegeben , was ich bedurfte ; die höchsten , schönsten Wünsche haben sie mir erfüllt ; o Helene , Helene , meine Braut - dort die Hütte - und dein Herz schlägt an dem meinigen - und drunten im Tal die Freunde ! - o wie hat der Letzte der roten Wölfe vom Eulenbruch die Sterne zu preisen ! « » Ich will dir ein gutes Weib sein ! « sagt Helene Wienand ganz leise , und dann fügte sie hinzu : » Sollen wir nun näher dort hingehen ; vielleicht ist die Tür offen ? ! « » Nein , nein ! « rief Robert Wolf ; » ich kann , ich will nicht in jene Tür treten , ich will auch nicht durchs Fenster sehen . Ach du weißt nicht , ahnst nicht , welches namenlose , gräßliche Elend jenes morsche Dach verbarg . Die Sterne haben mich darüber emporgehoben - sie haben mich gelehrt , das fremde Elend in seinen schrecklichsten Schlupfwinkeln aufzusuchen , und so Gott will , will ich keine Gelegenheit dazu leichtsinnig vorübergehen lassen . Aber die Stelle , wo ich selbst , wo meine Eltern , meine Brüder und Schwestern hülflos lagen , ohne daß sich eine Hand eher nach ihnen ausstreckte , als bis es zu spät war , die Stelle will und kann ich nicht mehr sehen . « Helene faßte den Freund fester und flüsterte : » Du hast recht - komm , komm ! Laß uns fort , laß uns fort zu den Freunden . Es wird Abend , sieh , da ist auch schon der Abendstern . « » Grad über dem alten Hause ! « flüsterte Robert ebenso leise wie die Braut . » Wie still und friedlich alles ! Wie als wenn hier nie um Hülfe geschrien worden wäre ! Über der Hütte der Stern - ich will nie mehr an die eine ohne den andern denken . « Sie gingen zurück durch den Wald , und Stern auf Stern trat am klaren Abendhimmel hervor . Auf einem breitern Wege erreichten sie kurz vor dem Dorfe die Kunststraße . Es war jetzt vollständig Nacht , eine helle warme Nacht . Bei jedem Schritte vorwärts stieß das heimkehrende Kind von Poppenhagen auf eine Jugenderinnerung , und auf alles machte Robert die Braut , die er mitbrachte aus der weiten Welt , aufmerksam . Da rauschte der Brunnen am Eingange des Dorfes noch grade so wie sonst ; wie sonst trieben die Kinder auf der Gänseweide ihre Spiele . Es herrschte große Aufregung in Poppenhagen , die Männer und Weiber steckten die Köpfe zusammen ; man lief von Tür zu Tür und gestikulierte ; es war aber auch ein Ereignis , die Rückkehr der » Ortsleute « . Die drei Alten , Ulex , Fiebiger und das Freifräulein , waren freilich so ziemlich vergessen ; nur ganz wenige Grauköpfe erinnerten sich ihrer . Robert Wolf vom Eulenbruch aber war noch in jedermanns Gedächtnis , und jetzt - kam der heim aus der Fremde , so reich , » daß es nicht auszusagen war « . Der Poppenhof gehörte dem roten Wolf vom Eulenbruch , welchen der Pastor Tanne seliger doch gewiß eine geheime Kunst aus seinen Büchern gelehrt hatte ; sonst wäre so etwas doch gewiß nicht möglich gewesen ! Und der volle Mond stieg empor und beleuchtete Berg und Tal , das Dorf , das aufgeregte Volk , die Kirche und den Kirchhof . Auf dem Kirchhof schritt gebückt eine Gestalt unter den Gräbern umher und suchte alte Namen auf eingesunkenen Steinen und morschen Kreuzen . Wo die Hecken des Kirchhofs , des Pfarrgartens und des Gartens der Schulmeisterei zusammenstießen unter der hohen Esche , wo einst Eva Dornbluth mit Fritz und Robert Wolf Zwiesprache gehalten hatte , lehnte jetzt eine ganz junge Schulmeisterin mit einem Kind auf dem Arm und beobachtete scheu neugierig den Greis zwischen den Gräbern , den Mann aus dem Giebel des Nikolausklosters , den Sternseher Heinrich Ulex aus Poppenhagen . Auch Robert und Helene erstiegen die ausgetretenen Stufen , welche auf den Friedhof führten . Der Greis trat ihnen entgegen und seufzte : » Ich finde meine Gräber nicht mehr - nicht eines . Es ist wohl gut so , aber auch sehr traurig . Ach , ich hätte euch doch nicht hierher folgen sollen ! « Er stützte sich schwer auf den Arm des Schülers und ließ sich von ihm führen wie ein Vater von seinem Sohne . Seine Gräber fand Robert Wolf noch und zeigte sie seiner Braut ; nur die Stelle war bereits etwas undeutlich , wo die vier kleinen Särge , die einst im Laufe einer Woche vom Eulenbruch hergetragen wurden , beigesetzt worden waren . Still schritten die drei wieder herab von dem Kirchhof und weiter durch das Dorf . Unter der großen Linde fanden sie den Polizeischreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen bereits im vollen lebhaften Verkehr mit der Gemeinde . Er nahm den Personalbestand des Dorfes an Menschen und Vieh auf und verfehlte nicht , den jungen Gutsherrn und seine Braut dem Kreise der dörflichen Notabilitäten vorzustellen . Der Polizeischreiber war ebenso erregt und melancholisch gestimmt wie die andern , die heute mit ihm gekommen waren ; er hielt es aber für seine Pflicht , in seiner Weise der Stimmung der andern ein Gegengewicht zu geben . Er nahm für jetzt Abschied von dem neugewonnenen Bekanntenkreise und schloß sich dem Sternseher und seinen beiden jungen Begleitern an . In ihrer Gesellschaft überschritt er den Dorfbach , und ein kurzer Weg brachte alle zum Einfahrtstor des Poppenhofes . Hatte sich im Dorfe wenig verändert , so war hier die Umwandlung desto augenscheinlicher . Alles lag in der schlimmsten Verwahrlosung , alles war vernachlässigt und verfallen ; an dem Unbedeutendsten sah man , daß lange Jahre hindurch das Auge des Herrn gefehlt haben mußte . In dem Herrenhause standen die Gemächer leer ; zerschlagene Fenster und zerbrochene Dächer gab es bedeutend mehr als ganze . Düngerhaufen waren über den ganzen Hofraum verzettelt , und ein paar magere Schweine samt einigen Hühnern trieben sich , wie es schien , vollständig herrenlos darauf umher . Ein bösartiger Hofhund zerrte laut heulend an seiner Kette , als habe er die ungeheuerste Verantwortung dafür , daß nichts von dem Schmutz , dem Dünger , den Trümmern abhanden komme . Außer einem kretinartigen Kinde , welches mit einem andern kleinen ähnlichen Geschöpf auf dem Rücken vor den eintretenden Fremden die Flucht nahm , war niemand von den bisherigen Bewohnern des Gutes zu erblicken . In der Mitte des Hofes stand im Mondenschein neben einem alten wunderlichen , halb verfaulten Pfosten noch eine Gestalt ; aber diese gehörte nicht zu den bisherigen Bewohnern des Herrenhauses . Eine rostige Kette hing von dem häßlichen Pfahl , und das Freifräulein Juliane von Poppen hielt diese Kette gefaßt . Als die andern auf sie zukamen , warf sie aber dieselbe von sich , daß sie klirrend um den alten Pfosten schlug . » Was wollen wir hier , Heinrich ? Weshalb sind wir hierher zurückgekommen ? Gib mir deine Hand , Heinrich , deine treue , gute , milde Hand ; laß uns fortgehen , hier ist nicht unsere Stelle ! « Das letzte Fräulein von Poppen gebrauchte fast dieselben Worte , welche der Sternseher Heinrich Ulex auf dem Kirchhofe des Dorfes gerufen hatte . Sie hatten recht , diese beiden Alten ; hier war ihre Heimat nicht mehr . Ihre Füße waren zu müde geworden von dem langen , weiten , mühsamen Wege durch das Leben und trugen die Greise nicht mehr in die wilden Verstecke des Winzelwaldes , wo alle süßen Erinnerungen ihrer Jugend schliefen . Auf dem verwahrlosten Poppenhofe aber gingen nur unheimliche Gespenster aus der vergangenen Zeit um , und aus dem Schutt der Jahre sproßte nicht die kümmerlichste Blume . » Und doch ist nur eine kurze Zeit vergangen , seit wir Kinder waren , Juliane ! « schloß Heinrich Ulex laut eine lange stumme Gedankenreihe . » Eine kurze und doch lange Zeit « , antwortete das Fräulein . » Das ist eben das Schreckliche , daß sich beides so vermischt : wir stehen hier alt und grau in einer neuen Zeit , und doch ist es mir , als sei jener Tag , an welchem deine Mutter hier stand und mein Bruder dich hier mißhandelte , erst eben zu Ende gegangen , als seien jene Sterne dort oben eben jenem Tage gefolgt . « Auch Heinrich Ulex legte jetzt seine Hand leise auf den Schandpfahl und das Halseisen ; dann aber blickte er mit feucht glänzenden Augen empor zu den himmlischen Lichtern und sprach : » Es sind dieselben Sterne , welche jenem Tage zu Grabe leuchteten . Sie lächeln heute , wie sie damals lächelten ; sie wußten , daß es damals nicht anders sein konnte ; sie wissen , daß heute alles gut ist , wie es ist . « Der Polizeischreiber Fiebiger war seit einigen Augenblicken aus dem Kreise der andern verschwunden ; jetzt kam er zurück , begleitet von dem Rechtsanwalt aus Löffelhofen , Otto Krokisius , welcher letztere jetzt erst den Freund und dessen Braut begrüßte . Der Schreiber trug eine Axt und der Advokat eine Erdhacke . » Greif zu , Arzt und praktischer Philosoph ! « rief Fritz Fiebiger aus Poppenhagen , seinem Pflegesohn das Beil in die Hand drückend . » Ans Werk , Otto Krokisius , praktischer Philosoph und beider Rechte Beflissener . Nieder mit dem Dinge ! Herunter damit ! « » Wohl gesprochen , Polizei ! Steigt Ihnen nachher ein Ganzer ! « rief lachend der verlorene Sohn des Konsistorialrats Krokisius . » Wenn Ihr ' s erlaubt , so wird ' s an uns nicht liegen , wenn dieses angenehme antediluvianische Institut noch länger sich eines aufrechten Daseins freut . Wenn es nicht unkindlich wäre , so wünschte ich , daß sämtliche Exemplare von meines Herrn Papas sämtlichen Werken dranhingen . « Der neue Herr des Gutes arbeitete mit einer wahren fieberhaften Hast an der Zertrümmerung des Pfahls , und bald stürzte derselbe zu Boden . » Hier wollen wir einen Brunnen graben , roter Wolf « , sagte Fiebiger . » Hoffentlich wird ein gutes , klares und heilsames Wasser aufspringen . « - Otto Krokisius hatte sein möglichstes getan , einige Zimmer des Schlosses bewohnbar zu machen . Als die Alten und Helene sich dahin zurückgezogen hatten , saß er mit dem Universitätsfreunde noch eine geraume Zeit zusammen , und sie besprachen Nahes und Fernes . » So hast du nun deinen Willen und das alte Räubernest auf dem Nacken « , sagte der Jurist . » Du hast viel Geld , vielleicht zu viel in den Kauf gesteckt . Du bist Arzt , aber die Mutter Erde ist eine gesunde robuste Person , hat den Doktor selten nötig und begnügt sich mit der Hebamme . « » Darüber sorge ich nicht . Ich kenne die Wirtschaft hier im Walde ; bis zum achtzehnten Jahre habe ich hier am Ort selbst tätig mit eingegriffen und weiß so ziemlich Bescheid und werde das Fehlende leicht ergänzen ; auch bin ich für die ersten schwierigsten Jahre noch anderweitig gerüstet . « Otto Krokisius kratzte sich hinter dem Ohr . » Du bist ein Glückspilz , und ich glaube wahrhaftig , das wird sich auch hier wieder zeigen . Ich habe in meinem Leben nur einen Schatz gefunden und gehoben - meine Frau . Wann willst du heiraten ? « » Wenn die Bauern Hochzeit machen , im Herbst . « » Deine Antworten kommen Schlag auf Schlag ; das ist gut . Du hast auch darin , seit wir uns auf jenem Hügel trennten , Fortschritte gemacht . Alter Junge , alles in allem genommen , freue ich mich unendlich , daß du hier sitzest und sitzen bleiben willst . Wir wollen hier zusammenhalten in guter und böser Zeit , und unsere Weiber sollen Rosen um das eherne Band winden . « » So soll es sein ! « sagte Robert Wolf vom Eulenbruch . - - - Es gestaltete sich alles so gut , wie der Mensch eben hienieden unter den Sternen verlangen kann . Trefflich gedeiht Robert mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Poppenhofe . Noch leben die drei alten Freunde in der großen Stadt ; aber Fritz Fiebiger allein vermag es über sich , einen Teil des Jahres im Winzelwalde zu verleben . Von seinem Dreibein im Zentralpolizeihause - Büro Nummer dreizehn - ist er heruntergestiegen ; ein anderer , aber jedenfalls kein Besserer , führt die traurigen Folianten . Aus seiner alten Höhle in der Musikantengasse will aber auch er nicht weichen , obgleich Helene Wolf die längliche Stube » gar nicht hübsch « findet . Die Kinder müssen zur Stadt kommen , wenn sie den Sternseher und das Freifräulein sehen wollen , und sie wollen es oft . Heiter und friedlich geht den drei Alten aus dem Walde die Sonne unter , und durch den roten Glanz blicken immer deutlicher , klarer die hohen Sterne der Ewigkeit . Konrad von Faber ist auf seinen Siebenmeilenstiefeln neulich durch den Winzelwald geschritten und hat einen Brief von Ludwig Tellering auf dem Poppenhofe abgegeben . Ludwig ist ein angesehener , selbstbewußter Bürger des Staats Kalifornien , wie das nicht anders sein konnte . Verschollen ist Julius Schminkert ; aber es ist leicht möglich , daß er irgendwo wieder auftaucht . Von der schönen Angelika wollen wir lieber schweigen , ihr Lebenslauf geht allzusehr in die Tiefe . Wenn jemand den eigenen Tod notieren und mit anmutigen Randglossen versehen könnte , so hätte es Fräulein Aurora Pogge gewiß getan ; sie verschied jedoch , ohne dieses äußerste Problem der Kunst , ein Tagebuch zu führen , gelöst zu haben . Der einstige würdige Vizepräsident des Jockeiklubs , Herr von Bärenbinder , soll einer Zeitungskorrespondenz zufolge vor einigen Wochen mit Frau und Schwiegermutter in Rom zum Katholizismus übergetreten sein . Wir halten das für unwahrscheinlich , sind jedoch nicht berechtigt , es für unmöglich zu halten . Der Partikulier Schwebemeier begönnert die darstellende Kunst nicht mehr ; in den Bewegungsjahren war er eifriger Bürgerwehrmann und nahm sogar eine Verhaftung vor . An der Spitze seiner Rotte arretierte er höchst unmotivierterweise den Partikulier Mäuseler , welcher für seine generalmarschkranke Haushälterin den Doktor holen wollte . Der Polizeirat Tröster hat sich pensionieren lassen und spielt jeden Abend Whist ; der Sanitätsrat Pfingsten wird seine große Praxis noch lange nicht abgeben und spielt ebenfalls jeden Abend Whist . Die Sterne wandeln ihren Weg und achten auf alle Menschen . Wenige der Erdgeborenen kümmern sich darum . Ein Messer wetzet das andere und ein Mensch den andern ; die Sterne aber bringen Messer und Menschen zusammen . Nach den Sternen zu sehen , wenn die Kämpfer aufeinanderdringen und die Klingen aneinanderschlagen , ist gut und nützlich und ein Zeichen nicht gemeinen Geistes , das lehren - Die Leute aus dem Walde .