Worte des Doctors erregt hatten , war vorübergebraust , und an die Stelle des wilden Zornes eine schwermuthsvolle Trauer getreten , daß die Menschen dieser herrlichen Erde nicht werth seien und in ihres Sinnes Thorheit sich , gegen das Geschick , Schmerzen und Qualen ohne Zahl bereiteten . Er hatte , den Kopf in die Hand gestützt , am Fenster gesessen . Dann erinnerte er sich , daß es wohl an der Zeit sei , die Gesellschaft aufzusuchen und zu begrüßen . Er kleidete sich um , nahm eine Nelke aus dem Blumenstrauß und ging hinunter . Als er die Thür des Wohnzimmers öffnete , aus welchem die Fensterthür nach dem Rasenplatze führte , hörte er Stimmen und als er ein paar Schritte in das leere Zimmer hinein gethan hatte , sah er auch schon einen Theil der Gesellschaft , die auf dem Rasen mit dem Lieblingsspiel der Baronin , dem Reifenspiel eifrigst beschäftigt war . Er näherte sich leise der Thür und blieb auf demselben Platze stehen , von welchem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn zum ersten Male erblickt hatte , als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bäumen hervortrat . Die Gesellschaft bestand aus dem Baron und der Baronin , Mademoiselle Marguerite und Herrn Timm , Malte und Bruno und einer jungen Dame , die Oswald den Rücken zugewandt hatte , so daß er nur die schlanke leichte Gestalt , deren reizende Formen ein einfaches weißes Gewand gar anmuthig hervortreten ließ , und das üppig dichte , leicht gekräuselte , blauschwarze Haar bemerken konnte , welches in der Mitte gescheitelt und hinten lose zusammengesteckt , die Linien des wundervoll schön geformten Kopfes in weichen Umrissen nachzeichnete . Oswald ' s Blicke waren , wie von einem Zauber , an diese jugendliche Gestalt gefesselt , die , ohne den Platz zu verlassen , beinahe regungslos dastand , und nur in regelmäßigen Zwischenräumen die Arme hob , um den Reif aufzufangen , den Bruno , ihr Nachbar , mit nie fehlender Sicherheit stets so schleuderte , daß er in einem Halbbogen unmittelbar auf ihren Stock herabschwebte , oder den eben aufgefangenen Reif weiter zu schicken an Malte , der ihn ein jedes zweite Mal fallen ließ und sich bitter beklagte , Helene werfe so schlecht , und Helene thue es ihm nur zum Aerger und es müße ein Anderer an Helenen ' s Stelle treten . So komm ' hierher , Helene , sagte die Baronin , Du wirfst auch wirklich sehr schlecht . Mutter und Tochter tauschten mit den Plätzen , und Oswald konnte jetzt voll in ' s Antlitz sehen . Es war eins der Gesichter , die man nie wieder vergißt , wenn man einmal mit fühlenden Augen hineingeschaut , an die sich noch der Greis über ein halbes Jahrhundert weg mit wehmüthiger Freude erinnert , wie er sich an einen warmen Sommerabend erinnert , als er - ein kleiner Schulknabe - mit den Brüdern im Garten spielte und aus der Laube das Lachen der großen Mädchen klang : eins der Gesichter , die uns , wenn wir noch so traurig sind , anlächeln , wie ein Sonnenblick an einem düstern Herbsttage , die , wenn es in unserm Herzen noch so öde ist , uns wieder an Poesie und Alles , was schön und göttlich ist , glauben machen . Oswald stand in Bewunderung verloren , wie man vor einem wunderherrlichen Gemälde anbetend stehen bleibt . Es war nicht das liebliche Oval des reizenden Gesichtes ; es waren nicht die großen , dunkeln , träumerischen Augen , die aus den langen schwarzen Wimpern mit einem so zauberischen Lichte leuchteten ; es waren nicht die vollen rosigen Lippen , die so freundlich lächeln konnten ; es war nicht das dunkle Incarnat des sammetweichen Teints - es war eben Alles in Allem . Wer kann die Sonnenstrahlen fangen ? wer die Töne der Nachtigall auf Noten bringen ? wer die Schönheit zergliedern ? Oswald versuchte es auch nicht ; er fühlte nur , daß er etwas Schöneres nie im Leben gesehen habe , nie wieder sehen werde , und es war ihm , als ob ein holder Traum , den er oft und oft geträumt , nun endlich in Erfüllung gegangen , als ob die blaue Blume , nach der er allüberall vergeblich gesucht , nun endlich gefunden sei . Er wollte die Gesellschaft begrüßen , aber es war , als ob sein Fuß an den Boden gefesselt wäre . Eine ihm unerklärliche Angst ergriff ihn , ein banges Zagen , als ob jetzt etwas Ungeheures geschehen müsse , als werde in diesem Augenblick von geheimen Mächten des Schicksals über das Wohl und Wehe seines Lebens entschieden ; er hätte fliegen mögen , weit , weit fort , in die tiefste Einsamkeit . Da bemerkte er , daß der alte Baron , dem es draußen zu kühl werden mochte , aus dem Kreise ausgeschieden war und sich dem Hause näherte . Er raffte sich gewaltsam empor und trat durch die Fensterthür dem Kommenden entgegen . Sein Erscheinen wurde natürlich sofort bemerkt und ein allgemeines : ah , Herr Stein ! sieh da , Herr Doctor ! bewillkommnete ihn , während Bruno , den Anderen voraus , mit ein paar mächtigen Sprüngen bei ihm war und ihn umarmt hatte , ehe er an Jene herangetreten und sie begrüßen konnte . Das ist ja charmant , Herr Doctor ; sagte die Baronin mit ihrem gnädigsten Lächeln . Wir waren schon untröstlich bei dem Gedanken , Sie noch wochenlang entbehren zu müssen und nun sind Sie schon wieder in unserer Mitte . Was sagen Sie denn , daß wir so bald wieder umkehren mußten ! Der arme Grenwitz , er ist recht krank gewesen ! Geh hinein , lieber Grenwitz ; es ist wirklich schon recht kühl draußen . Wir wollen Alle hineingehen . - Und unser kleiner Kreis hat sich unterdessen vergrößert . Wo ist denn Helene , - Hélène , venez ici , ma chère ! Lassen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorstellen ; ich habe ihr Hoffnung gemacht , daß Sie die Güte haben wollen , ihr zu helfen , die vielen , vielen Lücken in ihren Kenntnissen etwas auszufüllen , denn Sie glauben nicht , welch eine Stümperei eine solche Pensionats-Erziehung in wissenschaftlicher Hinsicht ist ! Nicht wahr , Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schüler aufnehmen ? Wollen wir hineingehen ? Ich denke , wir bleiben Alle etwas im Salon beisammen . Ohne Zweifel , sagte Herr Timm , der gegen seine Gewohnheit bis jetzt sehr still gewesen war ; saure Wochen , frohe Feste , Tages Arbeit und Abends eine gemüthliche Bowle , wie der alte Geheimrath sagt . Das soll keine Anspielung sein , gnädige Frau , bei Leibe nicht ! Aber es wäre Ihnen doch nicht unlieb , wenn ich es für eine Anspielung nähme , sagte die Baronin , die heute Abend entschlossen schien , Alle zu bezaubern . Ich müßte lügen , wollte ich das Gegentheil behaupten , sagte Herr Timm , die Hand auf ' s Herz legend ; und Sie wissen , gnädige Frau , daß mir alle Lüge in den Tod verhaßt ist . Eh bien ! sagte die Baronin , und Sie sollen die Ingredienzien selbst bestimmen ; wollen Sie sich darüber mit Mademoiselle in Einvernehmen setzen ? Famos , sagte Herr Timm , gnädige Frau , ich muß Ihnen die Hand küssen ; und nachdem er den Worten die That hatte folgen lassen , zog er die kleine Französin bei Seite , ihr das Recept zu einer » famosen Bowle « mitzutheilen . Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beisammen gewesen , Herr Timm hatte einige komische Lieder eigener Composition am Clavier recht hübsch vorgetragen , einige burleske Scenen , in denen er zu gleicher Zeit als zwei oder drei verschiedene Personen auftrat und mit zwei oder drei verschiedenen Stimmen redete , ausgeführt , kurz , er hatte Alles , was in seinen Kräften stand , gethan , um die nach den ersten zehn Minuten ziemlich einsilbig gewordene Gesellschaft zu unterhalten , und trotz alledem die von ihm selbst gebraute Bowle auch ziemlich allein ausgetrunken - als die Baronin zum Aufbruch mahnte . Herr Timm erbat sich als einzigen Ehrensold für seine Bemühungen am heutigen Abend die Erlaubniß , den Damen vom Hause die Hand küssen zu dürfen , eine Erlaubniß , die ihm von der Baronin mit gnädiger Bereitwilligkeit , von Fräulein Helene aber nicht zugestanden wurde , die kurz und trocken , und die schönen Brauen ein wenig zusammenziehend , bemerkte , der Künstler müsse seinen Lohn in sich selbst tragen . Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben , aber Oswald schnitt die weiteren Auseinandersetzungen ab , indem er » gute Nacht « wünschte und mit Bruno ( Malte hatte sich schon früher entfernt ) das Zimmer verließ und so Herrn Timm , der in demselben Theile des Schlosses wohnte , zwang , sich ebenfalls zu empfehlen . Ueberhaupt hatte Oswald seinen neuen Freund heute Abend nicht gerade freundlich behandelt , wodurch sich dieser in keiner Weise stören ließ , sondern in seinem übermüthigen Geschwätz fortfuhr , bis sie sich , vor ihren Thüren angekommen , trennten . Gott sei Dank ! sagte Oswald , als er sich mit Bruno in seinem Zimmer allein sah ; endlich sind wir den lästigen Schwätzer los . Und ich habe Dich noch gar nicht um Verzeihung bitten können , daß ich neulich beim Abschied so kalt und gleichgiltig war ; Dir noch nicht danken können , daß Du brüderlich Alles vergessen hast - mir ein so freundliches Willkommen bereitet hast . Nicht wahr , diese Blumen sind von Dir ? Ja - Und der Epheukranz dort um die Stirn des Apollo ist von Dir ? Ja - Und Du hast den Lehnstuhl an die rechte Stelle gerückt ? Ja - Du lieber , lieber Junge ! komm , wir wollen uns Beide hineinsetzen , und nun sollst Du mir von Deinen Irrfahrten erzählen , von den Städten , die Du gesehen , von den Cyklopen , die Du geblendet , von den Leiden , die Du erduldet hast in Deiner lieben Seele - Alles der Ordnung gemäß , weißt Du , wie Polyphem seine Schafe melkt . Oswald hatte sich in den Stuhl geworfen und Bruno zu sich gezogen . So saßen sie ; und der Knabe schmiegte sich innig an seinen einzigen Freund , und fing an zu erzählen , erst mit satyrischer Laune die Hinfahrt schildernd , wie bald der Baron und bald Malte nicht hatten rückwärts fahren können , wie zuletzt Beide auf dem Bock gesessen hatten , und der Diener im Wagen - und wie er , Bruno , vergnügt gewesen sei , als immer neue Städte und neue Dörfer vor seinen Blicken auftauchten , und nun zuletzt das große Hamburg . Dann nahm seine Erzählung einen andern Ton an . Er schilderte mit allem Ernste den Eindruck , welchen die Stadt auf ihn gemacht hatte , die vielen stattlichen Häuser , das Gedränge in den Straßen , das Treiben im Hafen , die vielen Schiffe , das Alsterbassin , in welchem sich die vielen Lichter spiegelten und welche zauberische Wirkung das hervorbringe , wenn man langsam am Rande hinspaziere , und wie er einmal beinahe in ' s Wasser gefallen wäre , wenn ihn Helene nicht gehalten hätte . Und nun , nachdem Helenens Namen erst einmal genannt war , tauchte er immer wieder auf , wie ein leuchtender Stern aus treibenden Wolken , wie Helene geweint habe , als sie von Hamburg abreisten , wie sie auf das Wort ihrer Mutter : es scheint Dir nicht viele Freude zu machen , zu Deinen Eltern zurückzukehren , die Thränen getrocknet , aber auch auf der ganzen Reise kaum einmal wieder gelächelt habe . Denn sie sei sehr stolz , aber auch sehr , sehr gut gegen Alle , die sie lieb habe , zum Beispiel gegen ihren Vater , und auch gegen ihn , obgleich er durchaus nicht behaupten wolle , daß sie ihn lieb habe - so arrogant sei er durchaus nicht - aber so viel sei gewiß , daß sie eines Abends , als es schon sehr spät war und er , von dem vielen Fahren müde , die Augen nicht mehr aufhalten , vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen konnte , es sich ruhig gefallen ließ , als sein Kopf in der Schlaftrunkenheit auf ihre Schulter sank , und dort wohl eine halbe Stunde liegen blieb . Das werde er ihr nie vergessen und wenn er einmal Gelegenheit haben sollte , ihr einen Dienst zu leisten , dann wünsche er nur , daß es dabei um Hals und Kragen gehe , sonst hätte es doch keine rechte Art. So sprach der Knabe und seine Worte fielen dicht wie Feuerfunken aus einem Gebäude , das in hellen Flammen steht , und seine Wangen glühten . Oswald bemerkte wohl , daß das schöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht hatte ; aber wie groß , wie allmächtig dieser Eindruck war , welche Revolution in dieser frühreifen , übermächtigen Natur eine erste , wie ein Lavastrom hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte - das ahnte er nicht . Er scherzte über seines Lieblings feurigen Enthusiasmus , um so witziger und feiner , als er denselben in nicht geringem Grade theilte , und Bruno , der sich von Oswald Alles gefallen ließ , lachte mit und lächelnd und scherzend sagten sie sich gute Nacht . Bruno ging in seine Kammer , Oswald setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl . Auf dem Tisch vor dem Sopha brannte die Lampe , dennoch bemerkte Oswald das Flimmern des Mondes , der eben über die Buchen des Walles heraufstieg ; ein einzelner Stern in der Nähe der Mondsichel schimmerte aus dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels . Durch das offene Fenster strömte die weiche balsamische Nachtluft - es war so still , daß man die fallenden Thautropfen hörte . Und jetzt , während Oswald saß und lauschte , klangen , wie die Töne einer Aeolsharfe , auf einem Flügel mit kunstgeübter Hand angeschlagene Accorde zu ihm herüber , erst leise , leise als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken , dann ganz allmälig lauter . Die Accorde flossen zusammen zu der Melodie eines Liedes , und bald begann eine weiche Altstimme das Lied zu der Melodie zu singen . Oswald konnte die Worte nicht vernehmen , aber sie schienen sanft und traurig zu sein , wie die Melodie , deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen sprach . Diese Musik zu dieser Stunde würde Oswald entzückt haben , auch wenn er nicht hätte ahnen können , wer die Sängerin war . Jetzt aber , wo er wußte , daß es Niemand sein konnte , als das schöne Mädchen , vor dem sich heute Abend , wie vor einer überirdischen Erscheinung , seine Seele anbetend geneigt hatte , bei dessen Anblick es über ihn gekommen war , wie die Offenbarung einer höheren Welt - klangen die tiefsten Saiten seines Herzens mit , und wie der Gläubige , was in ihm wogt und drängt , in ein Gebet zu gießen versucht , so fühlte Oswald den Drang , in Worten auszusprechen , was seine Seele so mächtig erregte . Er erhob sich wie trunken aus dem Sitz am Fenster ; er schritt an den Tisch und schrieb , kaum wissend , was er schrieb : Nie , seit der wunderbaren heil ' gen Stunde , Die Milton ' s keuscher Dichtermund besang , Als von des ersten Menschen reinem Munde Das erste süße Wort der Liebe klang , - Und alle Vöglein sangen ' s in der Runde , Und jedes Blümlein aus der Knospe sprang - Nie ist ein Weib auf Erden je erschienen , Dem , so wie Dir , die Engel sichtbar dienen . O , Du bist lieb ! lieb , wie der Gott der Träume , Der uns Vergessenheit der Schmerzen bringt ; So hold , wie Mondschein der durch Blüthenbäume In unser lauschig dunkles Zimmer dringt - Süß , wie Dein Sang , der durch die stillen Räume In tiefer Nacht zu mir herüberklingt - Du bist so schön , daß man wie sie Dich nannte , Für die der Krieg um Troja einst entbrannte . Doch Krieg und Wunden ziemen nicht dem Schönen ! Als unser Heiland ist es uns gesandt . Es soll uns wieder mit uns selbst versöhnen , Die wir zu stürmisch durch die Welt gerannt ; Und wie mit seiner Harfe gold ' nen Tönen , Isai ' s Sohn des Saulus Weh gebannt , So wird aus Deinen liebetiefen Augen Manch ' düstrer Blick sich Licht und Hoffnung saugen Aus Deinen holden Augen ! wo sie strahlen In ihrer dunklen , märchenhaften Pracht , Da sind vergessen alle Erdenqualen , Da wird es hell in tiefster Leidensnacht , Wo sie erglänzen , wird in kummerfahlen Gesenkten Stirnen Leben neu entfacht Tiefmüder Pilger , die in allen Landen Die blaue Blume suchten und nicht fanden . O Blume , Mädchen ! nie leg ab die Krone , Die jetzt auf Deinem jungen Haupte ruht , Gieb nimmer Raum dem frevelhaften Hohne , Daß , was so engelschön , nicht engelgut ! Wie heute , stets , in heil ' ger Unschuld , wohne , In aller guten Geister treuer Hut , Auf daß getrost in trüber Erdenferne Verirrte Wand ' rer folgen Deinem Sterne . Oswald trat wieder an ' s Fenster ; der Mond und der Stern waren von einer schweren Wetterwolke bedeckt , die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war ; der Gesang war verstummt , lauter rauschte der Nachtwind in den Bäumen . Er schloß das Fenster und suchte sein Lager auf , aber es dauerte lange , bis der Schlaf das fieberhafte Wogen seines Blutes sänftigte . Neununddreißigstes Capitel Als Oswald am nächsten Morgen unter den Papieren auf seinem Schreibtisch kramte , fiel ihm ein Briefchen in die Hände , das er gestern Abend übersehen hatte . Er erkannte sogleich die Handschrift , welche mit ihren bald kühnen und großartigen , bald kritzlich verworrenen Zügen so problematisch war , wie der Charakter des Schreibers . Das Billet war von Oldenburg und lautete : So eben erhalte ich eine Nachricht , die mich nöthigt , sofort eine größere Reise anzutreten , von der ich nicht zu bestimmen vermag , wie lange sie dauern wird . Unter acht Tagen schwerlich . Ich schreibe diesen Brief , um ihn auf Grenwitz abzugeben , im Falle ich Sie nicht persönlich sprechen sollte , was mir sehr leid thun würde , da ich Ihnen Vieles zu sagen hätte . Unsere Czika nehme ich mit , da mir die Solitude während meiner Abwesenheit kein sicherer Aufenthalt für das Kind scheint . Bis zu dem Termin , den uns die Zigeunerin gestellt hat , bin ich jedenfalls zurück . Bis dahin leben Sie wohl ! In großer Eile und noch größerer Freundschaft A.v.O. Oswald fühlte sich durch diesen Brief eigenthümlich berührt , denn er ahnte irgend einen Zusammenhang zwischen dieser plötzlichen Abreise Oldenburg ' s und der Abreise Melitta ' s. War es , daß er in der letzten Zeit wiederum so viel über das Verhältniß der Beiden , das ihm durch Melitta ' s in der Mitte abgebrochene Erzählung in einem ganz neuen Lichte erschienen und doch noch lange nicht hinreichend aufgehellt war , nachgedacht hatte ; war es nur der Umstand , daß der Brief Oldenburg ' s so dunkel gehalten war - genug , Oswald empfand es als eine Art Beleidigung , daß er nach dieser Seite fort und fort auf Räthsel stieß . Er nahm sich vor , noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann anzufragen , ob ein Brief Melitta ' s an ihn da sei . Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung , als sein Auge auf die Verse fiel , die er gestern Abend geschrieben hatte . Er mußte lächeln , als er sie jetzt durchlas . Da hat Dir Deine leidige Phantasie wieder einmal einen dummen Streich gespielt ; sprach er bei sich . Es braucht Dir nur Jemand von einem hübschen Mädchen zu erzählen , das einen Andern , als Deine Hoheit , heirathen soll , und Du geräthst in einen Paroxysmus des Mitleidens mit dem jungen Mädchen und einen Paroxysmus des Hasses gegen den jungen Mann . Und hernach brauchst Du das Mädchen nur selber zu sehen und zu finden , daß sie große dunkle leuchtende Augen hat und überhaupt interessanter aussieht , als die Backfische im Allgemeinen , und ein Knabe braucht Dir nur eine halbe Stunde von besagtem Backfisch vorzuschwärmen , so fühlst Du Dich gemüßigt , so überschwängliche Verse zu schreiben wie diese hier , die ich in das Feuer des Ofens stecken würde , wenn wir uns nicht unglücklicher Weise in den Hundstagen befänden . Indessen stellte Oswald das Autodafé nicht an , obgleich die Flamme eines Lichtes dieselbe Wirkung gethan haben würde , wie das Feuer im Ofen , sondern legte das Blatt ganz sorgfälltig in sein Pult . Der Morgen grüßte so freundlich aus dem thaufrischen Garten herauf , daß er dem Verlangen , ein wenig zwischen den blumenreichen Beeten und in den schattigen Laubgängen umherzuschlendern , nicht widerstehen konnte . Ueberdies war es noch sehr früh - noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Beginn des Unterrichts - die Knaben schliefen noch . Oswald eilte und suchte seinen Lieblingsplatz auf , den mächtigen Wall , der Schloß und Garten und Hof umfaßte und auf welchem es sich unter den Buchen und Nußbäumen gar anmuthig promenirte , besonders am Morgen , wenn die rothen Sonnenstrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch lustiger als sonst auf dem grün überwachsenen Graben ihr Wesen trieben . Er schlenderte langsam dahin , die reizenden Einzelnheiten des wonnigen Morgens mit allen Sinnen genießend , heute um so mehr , als die Lieblichkeit , die sanfte Schönheit ; die ihn hier rings umher anlächelte , gar seltsam mit der öden Monotonie der Meeresküste , die er in der letzten Zeit beständig vor Augen gehabt hatte , contrastirte . Heute Morgen war es ihm beinahe unbegreiflich , wie er sich von seiner düstern Laune so ganz habe beherrschen lassen können . Der Doctor hatte recht : die Einsamkeit ist ein süßes berauschendes und zuletzt tödtliches Gift . Ich muß den Doctor öfter zu Rathe ziehen . Ein klarer Kopf , der die Dinge und Menschen und Verhältnisse stets in dem rechten Lichte sieht . Aber in Betreff der zwischen Fräulein Helene und ihrem Vetter projectirten Heirath irrt er sich doch . Erstens ist sie noch viel zu jung , zweitens ist sie viel zu schön und drittens will ich es nicht ! Hören Sie , Madame la Baronne : ich will es nicht ! Sie werden Ihr sauberes Project nicht ausführen , wenn Sie auch noch so sehr Ihre großen herrschsüchtigen Augen rollen und sich zu Ihrer ganzen stattlichen Höhe emporrichten . Es war ein Glück , daß Oswald diese Worte nur leise durch die Zähne murmelte , denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog , die durch ein dichtes weit vorspringendes Gebüsch noch schärfer gemacht wurde , fand er sich plötzlich Fräulein Helene , die von der andern Seite kam , gegenüber . Dies Zusammentreffen war für beide Theile so überraschend , daß das junge Mädchen nur mit Mühe einen leisen Schrei unterdrückte , und Oswald in seiner Verlegenheit nicht wußte , ob er die junge Dame anreden , oder grüßend stumm vorübergehen solle . Aus diesem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit , die es ganz begreiflich fand , daß der junge Hauslehrer , von dessen Unterhaltungsgabe sie gestern Abend keine besonders große Meinung bekommen , nicht die Geistesgegenwart besitze , aus dem Stegreife eine Conversation zu beginnen ; und deshalb glaubte , eine Bemerkung ihrerseits über den schönen Morgen dürfte das für die Situation Passendste sein . Der schöne Morgen hat Sie auch herausgelockt , wie ich sehe . Ja , mein gnädiges Fräulein , der Morgen ist in der That sehr schön . Köstlich . Haben Sie immer so herrliches Wetter in der letzten Zeit gehabt ? Immer ; das heißt , einige Regentage ausgenommen . Wenn man den Himmel so blau sieht , sollte man schlechtes Wetter für ein Märchen halten , meinen Sie nicht auch ? Gewiß . Fräulein Helene mochte glauben , daß diese geistreiche Unterhaltung nun lange genug gedauert habe , und da sie zufällig an einer Stelle angelangt waren , wo eine schmale Treppe von dem Wall hinab in den Garten führte , so hielt sie es in ihrem und ihres einsilbigen Begleiters Interesse für gerathen , diese Gelegenheit , die Scene abzubrechen , nicht unbenutzt zu lassen . Haben Sie eine Ahnung , welche Zeit wir haben ? Halb sieben . Schon ? Da muß ich eilen , in ' s Schloß zurückzukommen , ehe Mama meine Abwesenheit bemerkt . Fräulein Helene nickte vornehm mit dem Kopfe , stieg leicht die Treppe hinab und ging langsam zwischen den Blumenbeeten dem Hause zu . Dem Glücklichen schlägt keine Uhr , sagte Oswald bei sich , als er der jugendlich schlanken Gestalt nachschaute , glücklich habe ich sie also durch meine meteorologische Bemerkungen nicht gemacht ; und ihre Eile , in ' s Schloß zu gelangen , war weniger groß , als die von mir fortzukommen . Jedenfalls scheint sie noch Zeit genug zu haben , sich ein reizendes Bouquet zu pflücken . Ohne Zweifel für mich . Ich habe augenscheinlich eine vollständige Eroberung gemacht . Wie sie mich mit ihren wunderbaren Augen , so mitleidig halb und verächtlich , anblickte , als wollte sie sagen : ich thue Dir wohl einen großen Gefallen , wenn ich Dich mit Deiner Blödigkeit allein lasse ! Sie ist stolz , sagte Bruno ; gewiß , aber wie köstlich steht ihr dieser Stolz ; wie kann ein Mädchen mit diesem Gesicht , diesen Augen , diesem Haar anders als stolz sein . Es ist die Atmosphäre , in die sie so nothwendig gehört , wie ein Adler in die höchsten Lüfte . Der Adler ist auch stolz und kein Mensch nimmt es ihm übel . Wie schön das Mädchen ist ! eine prächtige Schönheit , die das helle Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht , die nur noch schöner zu werden scheint , je köstlicher der Rahmen ist , der sie umgiebt . Eine unheimliche Schönheit , die uns fesselt und erstarren macht , wie die der tödtlich schönen Muse . Dies Mädchen eine Blume ? wo waren meine Augen gestern ? sie ist kein lyrisches Gedicht voll Vogelsang und Sonnenschein , sie ist eine schwermüthige Ballade , in der Schwerter klirren und Herzen verbluten , während oben aus dem Thurme ein weißes Tüchlein weht . - Und halt ! jetzt weiß ich ' s : es ist das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitz , wie Albert vortrefflich sagt - Zug für Zug ! es ist das Gesicht Harald ' s , in ' s Weibliche übersetzt , dieselben dämonischen Augen , derselbe berauschend sinnliche Zug in den vollen , fast zu vollen Lippen , dieselbe Kraft in dem üppig dichten blauschwarzen Haar , das sich über der breiten festen Stirn aufkräuselt ! - Vortreffliche Frau Mama ! Sie irren sich sehr , wenn Sie glauben , daß diese Stirn sich so gutwillig unter Ihre Beschlüsse beugen wird ; ausgezeichneter Baron Felix , Sie müssen Ihrem Namen wahrhaftig Ehre machen , wenn Sie in diesem Falle reüssiren wollen ! Der Morgen ist in der That köstlich , und man sollte wirklich , wenn man den Himmel so blau sieht , schlechtes Wetter für ein Märchen halten . Die Baronin war erstaunt über das Interesse , mit welchem Oswald heute bei Tisch , und mehr noch in einer längeren Unterredung , die sie nach der Mahlzeit hatten , auf ihre Gedanken einging und verschiedene von ihr aufgeworfene Fragen betreffs des Unterrichts erörterte : ob es nicht bei der großen Hitze zweckmäßiger sei , die Lectionen um sieben , statt wie bisher um acht zu beginnen ? ob man die Nachmittagstunden nicht lieber ganz ausfallen lassen wolle ? ob die Bücher , aus welchen Helene bis jetzt Geschichte und Literatur studirt habe , für sie noch brauchbar seien ? ob zwei Lectionen wöchentlich für Helenen ' s Fortbildung hinreichen ? und ob er den Morgen oder den Abend für die geeignetere Zeit halte ? Auch der alte Baron war auf das angenehmste überrascht , als er an Oswald einen aufmerksamen Zuhörer der langen Geschichte seiner kleinen Leiden fand . Er hatte Oswald , der ihn stets mit vieler Höflichkeit behandelt hatte , im Herzen immer für einen braven und liebenswürdigen jungen Mann gehalten , trotz des entschiedenen Widerspruchs seiner Anna-Maria und der mindestens zweifelhaften Zustimmung des Pastors Jäger ; und er war ordentlich froh , daß er dieser Gesinnung heute , wo auch die Baronin sie zu theilen schien , endlich einmal einen Ausdruck geben konnte . Ueberhaupt schien die Reise einen sehr günstigen Einfluß auf die Baronin gehabt zu haben . Mademoiselle Marguerite , der man in dieser Beziehung wohl ein Urtheil zutrauen durfte , behauptete gegen Albert , sie ist verändert totalement , sie hat mich nicht gescholten ein einziges Mal , den ganzen Tag ; worauf Albert erwiderte : ja , ich finde selbst , der alte Drache ist heute beinahe genießbar . Mit einem Worte , es herrschte heute ein so gutes Einvernehmen , wie noch nie in der Gesellschaft auf Schloß Grenwitz . Jeder schien die Gründe , die er hatte , mit Diesem oder Jenem weniger zufrieden zu sein , vergessen oder doch in den Hintergrund geschoben zu haben , und da aus der Stimmung