den politischen Fanatismus ebensowenig wie für den religiösen interessiere ; daß sie aber gern einem Hilflosen , der brauchbar für ihre Absicht sei , einen Platz in ihrer Umgebung anweisen wolle , vorausgesetzt , daß er es verstehe , sich auf diesem Platz zu halten . Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das große Eisfeld , das unter dem Namen mer de glace ebenso berühmt als sehenswürdig ist . Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben ; und auf diesem Punkt , einem der interessantesten in Europa , ließ er sich durch Lelio einer der berühmtesten Frauen von Europa vorstellen , deren Schönheit und Genialität ihn versöhnte mit der untergeordneten Stellung , die er bei ihr einnehmen sollte . Hätte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht , sein Privatsekretär zu werden : so hätte Florentin ihn mit der äußersten Verachtung zurückgewiesen ; aber Privatsekretär bei einer italienischen Primadonna , das war etwas ganz anderes ! sie gehörte zu den Celebritäten des Jahrhunderts , sie war ein großes Genie , und Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrönten Sprößling der Freiheit - einesteils , weil es die breitgetretene Bahn der Alltäglichkeit verlasse und eigene Wege einschlage ; andernteils , weil es mannigfache Kämpfe gegen eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfänglichen Masse zu bestehen habe . Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprößling ansah , der durch die Ungunst der Verhältnisse noch nicht gekrönt sei , so fand er eine gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen großen Genies , wenn auch nicht in der Begabung , so doch in der Richtung . Judith war indessen mit seinem Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn . » Wie lebt man denn mit der Signora Judith ? « fragte er seinen Freund . » O sehr gut ! « entgegnete Lelio . » Sie ist sehr ungeniert und gönnt Jedem seine Freiheit ; sie behandelt alle Leute , die mit Huldigung , Verehrung etc. etc. zu ihr kommen , über einen Leisten - und Gott weiß , wer nicht zu ihr kommt ! Prinzen und Journalisten , Banquiers und Künstler , Neugierige und Touristen , Bettler und Krösusse ! - Sie nimmt , wie eine marmorne Göttin , jeden Ausdruck der Bewunderung an , möge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrauß oder ein fades Gedicht , durch eine Liebeserklärung oder einen Diamantenschmuck . Zuweilen aber ist sie launenhaft , und dann nicht selten insolent . « » Wer ist der primo amoroso ? « fragte Florentin . Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stieß das unnachahmliche » Eh ! « der Italiener aus . » Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen ? « rief Florentin . » Ich frage ja nur , um mich auf meinem Platz zu orientieren und um nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen . « » Niemand kann das verraten , was er selbst nicht weiß , « erwiderte Lelio kaltblütig . Als Florentin ihm aber mit spöttisch fragendem Blick in die Augen sah , gab er lächelnd zur Antwort : » O nein ! - Ich kann Dir nur sagen , daß ich mich um ihre intimen Verhältnisse gar nicht bekümmere und kann Dir nur raten , in dieser Beziehung meinem Beispiel zu folgen . Ein gemeines Weib ist sie nicht ! aber .... « - » Nun - aber ? « rief Florentin gespannt . » Aber vielleicht ein böses ! « » Bah ! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen ? « » Nein ; doch mit eiskalter Koketterie . Sie verlangt große Triumphe . Leute wie Dich und mich beachtet sie gar nicht . « Lelio ' s Aufrichtigkeit verdroß Florentin ungemein und er gab seine Fragen hinsichtlich Judith ' s aus Empfindlichkeit auf . Wie nun auch seine eigenen Beobachtungen ausfallen mochten , er blieb ihr Privatsekretär und war bereits drei Jahre in dieser Stellung , als sie ihren Aufenthalt in der Villa Diodati nahm . Judith ' s Schönheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen ; verloren - alle Frische und Weichheit der Jugend , allen Schmelz der ersten , unwiederbringlichen Blüte ; gewonnen - eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck und Haltung . Sie schien beständig zu denken : Es ist nichts anzufangen mit dem Leben ! ich weiß es aus Erfahrung ! - - Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten , hell erleuchteten Salon der Villa Diodati , wo Madame Miranes sie erwartete , und ihr entgegen rief : » Lelio ist endlich zurückgekehrt ! « » O glückliche Nachricht ! « rief der russische Fürst . » Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil Casta Dia zu hören . « » Bester Fürst , « sagte Judith , » ich begreife gar nicht diese Marotte . Sie haben ja unzählige Male die Norma gehört . « » O welch ein Unterschied , sie zu hören auf der Bühne , als Oper und mit dem ganzen Publikum - oder im Salon , und gerade diese eine Arie ! das ist ein Genuß , der nur wenigen Lieblingen des Glückes zu Teil wird . « » Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das , was ich Ihre Marotte nenne , « erwiderte Judith . Aber der Fürst fuhr fort : » Ich flehe Sie an , Signora , lassen Sie den Herrn Lelio rufen , daß er seinen Platz am Pianino einnehme und die Casta Dia akkompagniere . Legen Sie Ihren Burnus nicht ab ! er drappiert Sie unvergleichlich und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin . « Da alle Herren die Bitte des Fürsten unterstützten , sagte Judith endlich zu Florentin : » Hätten Sie wohl die Güte , uns den Lelio zu holen ? « Ein Sturm des Entzückens brach aus und der junge Engländer wurde gesprächig vor froher Erwartung und sagte : » Von den Druidinnen , die in meiner Heimat Wales recht eigentlich zu Hause waren , erzählt die Sage : sie hätten Lieder von so wundersamer Schönheit gesungen , daß sie die Meeresstürme damit bezaubert und zur Ruhe gebracht hätten . Das fällt mir immer ein , wenn ich Signora Judith die Norma singen höre . « » Nur mit dem enormen Unterschied , « fiel der Fürst ein , » daß die Signora Stürme erregt , nicht beschwichtigt . « - Florentin trat so eben mit einem ganz verstörten Gesicht wieder ein und berichtete dem erwartungsvollen Kreise , Lelio lasse sich entschuldigen , er liege bereits im Bett . » Desto besser ! « sagte Judith und warf ihren Burnus ab . » Sie brauchen über dies Mißgeschick nicht fassungslos zu sein , Fiorino . « » Aber ich desto mehr ! « rief der Fürst . » Seit vierzehn Tagen bin ich hier festgehalten durch ... « » Ihre Marotte ! « warf Judith lächelnd ein . » Gut also ! durch meine Marotte ; werde von einem Tag auf den anderen vertröstet : Wenn Lelio kommt ! - Er kommt , der Unglückliche , und legt sich mitten im Tage - denn es ist ja wohl kaum sieben Uhr - legt sich zu Bett ! « » Morgen ist auch noch ein Tag , « sagte Judith . » Nicht mehr für mich ! « rief der Fürst klagend aus . » Meine Paßerlaubnis ist bis zur äußersten Grenze abgelaufen ; ich muß fort . « » Welche Sklaverei ! « rief Florentin . » Nun ja , « entgegnete der Russe kalt , » ohne einige Sklaverei lebt sich ' s nicht auf dieser sublunarischen Welt . Ketten von Oben und Unten , von Innen und Außen sind unser aller Los . Der eine gehorcht dem Czar , der andere dem Volk , der dritte einem geheimnisvollen Alten vom Berge , der vierte einem schönen Augenpaar : Ketten allüberall ! Nur ein Mensch ohne alle Beziehungen könnte sich ihrer entledigen ; damit würde er jedoch aufhören , Mensch zu sein . « » Dennoch ist es sehr hart , « rief unbesonnen der Marquis d ' Avallon , » von solchen Beziehungen umsponnen zu sein , die für eine geringe Überschreitung polizeilicher Ordnung nach Sibirien führen . « » Oder nach Cayenne , « entgegnete der Fürst mit seinem verbindlichsten Lächeln . Madame Miranes machte es sich zur besonderen Aufgabe , allen Gesprächen , die eine scharfe Wendung zu nehmen drohten , die Spitze abzubrechen . Bei den vielen und verschiedenartigen Menschen , die zu ihrer Tochter kamen , wachte sie darüber , daß sich alles in Ruhe und Harmlosigkeit bewege und unterhalte , und daß vor allen Dingen nie eine politische Diskussion geführt werde , von der nichts zu erwarten sei , als Erbitterung für die Redner und Langeweile für die Zuhörer . Jetzt rief sie lebhaft : » Was Sibirien und Cayenne ! ich sage etwas ganz anderes ! ich sage Clarens ! wir wollen morgen mit dem Dampfboot eine Exkursion an das Waadtländische Ufer machen und in Clarens die bosquets d ' Héloise durchwandeln . « Alle gerieten wieder in gute Laune . Marquis d ' Avallon sagte triumphierend , der Genfersee trage eine wahre Krone von berühmten Namen ; aber die glänzendsten unter diesen gehörten doch der » großen Nation « an : Voltaire , Rousseau , Madame de Staël . Dagegen behaupteten die Engländer , Lord Byron mit seiner schwunghaften Poesie überwiege bei Weitem die beiden Letzteren , und Gibbon ' s skeptische Intelligenz dürfe sich mit Voltaire messen . » Das Schloß von Chillon hat durch Lord Byron gleichsam eine unsterbliche Seele bekommen , « sagte der junge Engländer . » Rousseau hat dasselbe für Clarens getan , « versetzte der Franzose . » Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein für die Krone des Leman ? « wendete sich der Fürst an Judith . » Mein Vater war ein Spanier , « antwortete sie , » und meine Kindheit verlebte ich in Cadix . « » O herrlich ! « rief Florentin . » Diese großen Genies , die sämtlich für das höchste Gut der Menschheit , für die Freiheit , schrieben und wirkten , haben nicht bloß ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurückgelassen . Der Genius der Freiheit , der jetzt über der Schweiz sein Banner schwingt , ist hervorgegangen aus ihren Mühen , ihren Anstrengungen , ihren Studien , ihren Nachtwachen . Wahrlich , sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Stätten , die sie unsterblich gemacht haben . Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Clarens gehuldigt wird , und Voltaire ' s in Ferney , der Frau von Staël in Coppet , Gibbon ' s in Lausanne und Lord Byron ' s auf dem ganzen See : so ist doch auch Vevay nicht zu vergessen . Dort ist das Grab eines Mannes der Tat , eines politisch großen Mannes ..... « - - » Oh ! No ! « unterbrachen ihn die Engländer , Vater und Sohn , die ihr Reisehandbuch auswendig wußten . » Wer war der Mann ? « fragte Judith gespannt . » Es war Ludlow - einer jener Männer , die Carl von England auf ' s Schaffot schickten . « » Wir sind Whigs , « sagte der alte Engländer , » aber wir lieben nicht das Schaffot für die Könige . « » Ein sehr guter Geschmack , Mylord ! « versicherte Madame Miranes . » Der Signor Fiorino hat Sympathien , vor denen man schaudert . « » Ich meinesteils , « sagte Judith , » schaudere vor all diesen prunkhaften Sympathien mit Leuten , die doch weiter nichts getan , als eine Masse Bücher in die Welt geschleudert haben , welche von Millionen , ohne den mindesten Nachteil für Leib und Geist - nicht gelesen - hingegen von Tausenden zu ihrem größten Schaden gelesen werden . In die Bewunderung des Genies legt man eine lächerliche Übertreibung . « » Aber was soll man bewundern , wenn nicht das Genie - diese göttliche Flamme des menschlichen Geistes ! « rief der Fürst verwundert . » Das ist es eben , « entgegnete Judith , » man weiß nicht , was man bewundern soll , und deshalb verfällt man auf diesen Kultus , bei welchem unausbleiblich ein paar Weihrauchkörner für den Adoranten selbst abfallen , indem sich jeder - versteht sich in tiefster Stille des Herzkämmerleins - eine gewisse Ähnlichkeit oder Beziehung , oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht . « Der junge Franzose , der bei der Wasserfahrt gesagt hatte , die Schöpfung sei das Werk Gottes , besann sich , ob er nicht einen Mann nennen solle , der gleichfalls an dem Ufer dieses Sees , in dem kleinen Städtchen Thonon , in großer Mühsal und Demut seine glorreiche Laufbahn begann und von dessen Schriften das Gegenteil von Judiths Behauptung galt : denn es ist ein Schaden für die Seelen , die Werke des heiligen Franz von Sales nicht zu kennen . Aber wenn sich auch der französische Mut bis zu der Verwegenheit erhob , Gott als den Schöpfer der Natur zu bekennen , so ging er doch nicht so weit , um auf Gottes übernatürliche Schöpfung , die Gnadenwelt - und auf deren übernatürliche Genie ' s , die Heiligen - Judith mit ihrem ungestillten Bewunderungsverlangen hinzuweisen . In der Gesellschaft von zwei Jüdinnen , zwei Hochkirchlern , einem Russen und einem Kommunisten den heiligen Bischof von Genf als überebenbürtig von Voltaire und Gibbon zu nennen - nein ! zu dieser Großtat des Glaubens erschwang der Marquis d ' Avallon sich nicht und er , der einzige , der von dem großen und liebenswürdigen Heiligen hätte sprechen können , er nannte ihn nicht . Endlich empfahlen sich die Herren und begaben sich nach Genf zurück . Als Judith mit ihrer Mutter allein war , sagte sie zu Florentin : » Was ist denn dem Lelio widerfahren ? Sie kamen ja in einem entsetzlichen Zustand von ihm zurück . « » Das wird er Ihnen selbst sagen ! « brach Florentin aus . » Mir fehlen die Worte , um eine solche Schmach zu bezeichnen . « » Hat er gestohlen ? « rief Madame Miranes beängstigt . » Oder ein anderes Verbrechen begangen ? « fragte Judith , ihrerseits beunruhigt . » Er hat gebeichtet ! « sagte Florentin dumpf . » Nun , was denn ? « fragte Madame Miranes neugierig . » Hat er Ihre oder seine Geheimnisse ausgeplaudert ? « » O Gott ! Sie verstehen das nicht ! « rief Florentin ungeduldig . » Er ist ein Apostat der Gewissensfreiheit geworden ! er ist zum Kreuz zurückgekrochen ! er hat das Joch der Pfaffenherrschaft auf seine Schultern genommen ! Ha ! so sind diese Italiener : unzuverlässig bis in ' s Mark hinein ! « » Aber , bester Fiorino , weshalb wüten Sie so ? « sagte Judith gelassen . » Sie predigen ja Gewissensfreiheit für jedermann . Nun , so lassen Sie doch auch dem armen Lelio das Recht , die Freiheit seines Gewissens zu wahren und zu üben , wie es ihm zusagt . « » Wenn es ihn von der Sache der allgemeinen Geistesbefreiung abtrünnig macht - nein ! und abermals nein ! « » Das ist leeres Gerede ! warum soll er seine Idee von Freiheit der Ihren - oder der Idee von Millionen opfern ? Wo ist das Richtige ? wo ist die Wahrheit ? wer bürgt dafür ? auf diesem Gebiet beweisen große Zahlen gar nichts ! Millionen können irren und einer kann ihnen gegenüber das Rechte und Richtige verteidigen und die Wahrheit behaupten . Also nicht über Lelio hergefallen , mein Bester ! « » Sie sind ein großes musikalisches Genie , Signora , « rief Florentin empört , » und haben überhaupt manche eminente Fähigkeit . Geht Ihnen aber nicht das wahre Licht der Erkenntnis auf und bemühen Sie sich nicht , für dasselbe zu wirken - was einer geistreichen Frau in einer bewunderten Stellung so leicht ist - so werden Sie nie mitzählen unter den Größen des Jahrhunderts . « Er stürmte hinaus und Madame Miranes sagte : » Das fehlte noch ! eine Barrikadengöttin für den Signor Fiorino ! Liebes Kind , ich habe andere Wünsche für Dich . Du hast jetzt ein großes Vermögen und eine große Berühmtheit erworben ; es wird nun Zeit , an eine glänzende Heirat zu denken . Wie gefällt Dir der russische Fürst ? « » Gar nicht , « sagte Judith trocken . » Es wäre doch nicht übel , Fürstin - - wie heißt er denn eigentlich ? - zu werden . Nach so vielen Theaterkronen würde sich eine solide Fürstenkrone gar passend auf Deiner Stirn ausnehmen und Dein Streben wahrhaft krönen . « Madame Miranes küßte die Stirn ihrer Tochter und verließ den Salon . Judith legte sich matt in einen Sessel zurück und sagte halblaut : » Welch ' eine Menagerie - von Menschen umgibt mich ! « Da öffnete sich die Balkontüre , die Vorhänge rauschten und Orest trat in den Salon . Judith sah ihn befremdet an und sagte : » Was fällt Ihnen ein , Graf Orestes ! wir sind beide zu alt , um Versteckens zu spielen . « » Ich spiele nicht , Signora , « erwiderte Orest und setzte sich ihr gegenüber ; » und ich wünschte sehnlichst , daß auch endlich einmal das Spiel von Ihrer Seite aufhören möge . « » Zu dieser , wie es scheint , höchst ernsten Unterhaltung - denn Sie sehen finster wie die Nacht aus - wollen wir doch eine gelegenere Stunde wählen , « sagte Judith und wollte aufstehen . Aber Orest ergriff ihre Hände , hielt sie fest und sagte : » Mit nichten , Judith ! glauben Sie , ich hätte drei Stunden auf dem Balkon gewartet , um mich jetzt fortschicken zu lassen ? um Sie morgen wieder nicht allein , sondern in Ihrer Menagerie zu finden ? um von Tag zu Tag , von Jahr zu Jahr , in der immer gesteigerten Qual der Ungewißheit zu verharren ? Nein , Judith ! das geht nicht mehr ! Sie müssen mir Rede stehen . « » Gut ! « sagte sie , schob ihren Lehnstuhl zwei Schritte zurück , legte die Arme über einander und sah ihn an mit ihren wunderschönen , wie schwarze Diamanten glänzenden Augen , über welche lange Wimpern einen zarten , dunkeln Schleier warfen . Sie sah bezaubernd aus . Orest betrachtete sie eine Weile , drückte dann heftig beide Hände vor ' s Gesicht und sagte halbleise : » Judith ! .... ich liebe Dich ! « » Darauf hab ' ich nichts zu antworten ! « sagte sie . » Ha ! « rief er , sprang auf und stampfte wild mit dem Fuß auf den Boden ; » wenn Sie nicht darauf antworten können , so dürfen Sie es auch nicht anhören . « » Wer hört es nicht gern , das süße Wort von der Liebe ? « entgegnete Judith mit so weichem Ausdruck in Ton und Blick , daß Orest wieder gefangen und entwaffnet wurde und zärtlich bat : » Aber das Wort werde erwidert , Judith ! « » Ich bin von wenig Worten , Graf Orestes , das wissen Sie ja längst . « » Wie Sie mich foltern ! « rief er . » O armer Martyrer der Liebe , « entgegnete sie lächelnd . » Und wenn ich des Martertums überdrüssig werde ? « » So verleugnen Sie mich ! « sagte Judith in einem Tone , der mit tausend Schlingen sein Herz umspann ; » aber erwarten Sie nie von mir , daß ich je zu Ihnen von Liebe sprechen könnte ! Dadurch wird das Weib des Mannes Sklavin ; er weiß sich geliebt - und triumphiert . Das Weib hingegen findet keinen Triumph in der Gewißheit , geliebt zu werden - sondern ein Glück . Er kann sprechen ; schweigen muß sie . « » Bis auf einen gewissen Punkt können Sie recht haben . Allein das Schweigen darf nicht lange genug währen , um Zweifel zu wecken . « » Graf Orestes ! ich habe Ihnen einmal vor Jahren ein Wort gesagt . Wissen Sie es noch ? « » Ob ich es weiß ! ob es mir nicht Tag und Nacht das Herz durchklingt ! Judith ! Alles für alles - so lautete das Wort . « » Das ist doch gewiß klar und verständlich ; und Sie haben es dennoch mißverstanden . Als Sie zuerst in Mailand um meine Liebe warben , da sprach ich : Alles für alles ! - und Sie ? was taten Sie , Graf Orestes ? - Sie gingen hin und vermählten sich mit Ihrer schönen Cousine . Kaum waren die Flitterwochen vorüber , so lagen Sie wiederum zu meinen Füßen . Konnte ich anders , als diese - Liebe kann ich unmöglich sagen ! - als diese Sorte von Liebe tief zu verachten ? Wer auf die Zusage : Alles für alles - so antwortet , der versteht sich nicht auf die Liebe des Weibes , überhaupt nicht auf die Liebe des Herzens - und eine andere mag ich nicht ! - Damals sprach ich Ihnen unumwunden meine Verachtung aus und stieg bei Ihnen im Preise , als Sie erkannten , daß ich so leichten Kaufes nicht zu gewinnen sei . Sie wurden erzürnt , gekränkt , Sie gaben Ihre Liebesversicherungen nicht auf und sprachen viel vom Drang der Umstände und von schuldiger Berücksichtigung der Familienverhältnisse - was mich natürlich nicht im mindesten von Ihrer Liebe zu mir überzeugen konnte . All ' die heftigen Szenen , all ' die bitteren Vorwürfe , welche ich Ihnen hätte machen können , machten Sie mir unter dem Vorwand Ihrer glühenden Leidenschaft - was mich natürlich , als eine armselige Komödie , sehr langweilte . Und so trennten wir uns , wie ich glaubte - auf immer ! Aber Sie kamen wieder , Sie suchten mich von neuem auf , Sie drängten sich an mich ; meine Kälte , meine Gleichgültigkeit stieß Sie nicht zurück ; Sie behaupteten , nicht von mir lassen zu können - und dies haben Sie allerdings bewiesen , denn seit drei Jahren sind Sie , bald nach längeren , bald nach kürzeren Pausen , nach Paris , nach der Insel Wight und wieder nach Paris mir gefolgt . Diese Beharrlichkeit würde mich rühren und ich könnte sie wohl als einen Beweis von aufrichtiger Liebe betrachten , wenn ich nicht wüßte , daß versagtes Glück reizender für das Menschenherz ist , als erlangtes ; denn um die Hoffnung schwebt stets ein Abglanz von der Unendlichkeit und auf der Erfüllung liegt stets ein Schatten des Todes - die Endlichkeit . So sind Sie nicht allein ; so ist der Mensch , so ist sein melancholisches Schicksal . Aber weil ich das weiß , so betrachte ich die Extravaganzen Ihrer Leidenschaft und Ihr Beharren bei derselben auch noch nicht als die wahre Liebe . Die muß sich aussprechen in einer Tat , einer entscheidenden lebenumfassenden Tat ; und deshalb sage ich heute , wie damals : Alles für alles . Nur sage ich es jetzt mit noch größerer Entschiedenheit , denn Sie sind mir jetzt eine Ehren erklärung für die tötliche Beleidigung schuldig , eine frivole Liebelei bei mir gesucht zu haben . « » Das hab ' ich nie ! « rief Orest und ließ die Hände sinken , mit denen er , so lange Judith sprach , sein Gesicht bedeckt hatte . » Das nie ! ich habe immer gefühlt , daß Sie die Herrin meines Schicksals sein würden und habe niemals begehrt , den Zauberbann zu lösen , der mich an Sie fesselte . Zu Ihren Vorwürfen , daß ich mich mit meiner Cousine vermählte , muß ich schweigen - denn ich hab ' es getan ! ich wußte , daß mein Glück in dieser Ehe nicht liege - und ging sie dennoch ein . Ich war ein leichtsinniger Tor , der sich von den Verhältnissen überrumpeln ließ , oder besser gesagt , der vor ihnen erlag . Sie haben keine Ahnung davon , was das ist : die Familientradition , dies Forterben des Standes , des Namens , des Vermögens , der Erinnerungen , der Wirksamkeit , von einem Geschlecht auf das andere . Sie ist so mächtig , daß ich mich ihr gegenüber gefangen und wehrlos fühlte . « » Kann sein ! « erwiderte Judith . » Indessen mag doch auch die Schönheit der Gräfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben . « » Eifersucht , Judith ? « rief Orest freudestrahlend . » O wenn das ist , so werden Sie begreifen , in welchem Kreuzfeuer ich stehe , wenn ich sehen muß , wie man Ihnen huldigt - und wie ich zittern muß bei dem Gedanken , daß einer unter den vielen Ihr Herz gewinnen könnte - und daß ich dieser Eine vielleicht nicht bin ! O dann werden Sie Mitleid mit mir haben , nicht wahr , Judith ? « » Wer hat denn Mitleid mit mir , Orest ? « sagte sie sanft . » Sie gehen zurück zu Gräfin Windeck .... « - » Ein Wort von Ihnen , Judith , und ich bleibe ! « » Alles für alles ! - Ist dies das Wort , Graf Orestes , welches Sie nicht hören möchten ? « » Judith ! « sagte er mit gepreßter Stimme , » Sie sind ein dämonisches Weib . « » Das sagen die Männer sehr leicht , sobald man nicht mit ihnen einverstanden ist , « erwiderte sie kalt . » Und das muß abwechseln mit dem Ausruf : herzloses Weib ! « » O könnte ich Sie doch hassen , Judith ! « rief Orest , sprang vom Stuhl auf , hielt mit beiden Händen seinen Kopf und eilte auf den Balkon . » Stürzen Sie sich nur nicht in den See ! - er ist sehr kalt ! « rief ihm Judith nach . » Armer Orest ! « setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme halblaut hinzu . Als er nicht kam , folgte sie ihm auf den Balkon . Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt , die Arme auf das Eisengeländer - und den Kopf auf die Arme gelegt . » Kommen Sie doch herein , Orest ! « sagte Judith und berührte ganz leise sein gesenktes Haupt . » Die Luft ist feucht und der nächtliche Tau schädlich . « Er stand auf und folgte ihr in den Salon , willenlos wie ein Kind . » Ich kann Sie nicht hassen , Judith ! « seufzte er . » Graf Orestes , « nahm sie wieder mit ihrem kühlen Tone das Wort , » Sie veranlassen immer Gespräche mit mir , bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden und Gefahr laufen , in ein kaltes oder ein hitziges Fieber zu verfallen , je nachdem die Wagschale mit Haß oder Liebe sich mir zusenkt . Ist das vernünftig ? ist das liebenswürdig ? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann anfangen ? « » Ihn lieben , Judith . « » Vor der Hand nicht ! sondern ihm Gute Nacht wünschen , « antwortete sie scherzend , schellte und sagte zu dem eintretenden Diener : » Graf Windeck ' s Wagen . « Orest machte Anstalt , den Befehl zu überhören , indem er sich in einen tiefen Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm . Da öffnete und schloß sich leise eine Seitentüre des Salons ; und als er aufblickte , war Judith verschwunden und er allein . Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben ! murmelte er und blickte ihr zornig nach . Dabei fiel sein Auge auf den Burnus , der über dem Lehnstuhl hing , in welchem Judith ihm gegenüber gesessen hatte . Er sprang auf , ergriff den unschuldigen Burnus , zerriß das feine Gewebe von oben bis unten , drückte es an seine Lippen - und eilte zu seinem Wagen . Als er fortrollte , kehrte Judith in den Salon zurück , fand ihren Burnus zerrissen am Boden liegen , hob ihn auf und sagte für sich : » Du armer Mantel ! auf dem Webstuhl zu Marocco träumte dir vielleicht davon , in die Klauen eines Tigers oder eines Löwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden - und jetzt erfüllt sich Dein Schicksal nicht in Afrika ' s Wüste durch wilde Bestien , sondern am eleganten Genfersee durch ein Menschenkind ! « Sie wickelte sich in ihren zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon , und ging auf demselben auf und nieder , eine Stunde , und noch eine Stunde - und fand nicht einmal die Ruhe der Ermüdung in diesem rastlosen Wandeln : so unruhig waren ihre Gedanken . Immer drängten sich diese Gedanken der Zukunft zu ; aber nicht , um sich über freundliche und glänzende Bilder hingleiten zu lassen ; nicht , um bei Phantasiegebilden von Freuden und Genüssen zu verweilen , oder um Lebensverhältnisse mit lieblichen Farben auszumalen . O nein ! - Lechzend , atemlos , durstig , standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten : Was birgst du mir ? Was bringst du mir ? Bist du die Sphynx , die das Rätsel meines Lebens mir vorlegt ? und muß ich unter deinem steinernen Griff umkommen , wenn ich es nicht löse ? Gelöst hab ' ich meine Aufgabe nicht , denn ich habe keine Befriedigung gefunden . Und doch hab ' ich alles erreicht , was ich damals in den Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm . Ich habe Gold , Ruhm und Bewunderung