oder , was eine von ihm sehr beliebte Stätte zu sein schien , auf den Düngerhaufen der Gehöfte , wo er die sich ihm Verschreibenden mit Jauche taufte - oder auch auf hohen Bergen oder freien Feldern mit einer ganzen höllischen Genossenschaft und allen Nahewohnenden , die sich ihm ergeben wollten , zur Veranstaltung von Hexentänzen und scheußlichen Orgien . Bald zogen die geistlichen Gerichte dieses Unwesen vor ihren Stuhl ; aber anstatt durch Aufklärung und Belehrung dem dämonischen Hange der menschlichen Natur entgegen zu wirken , bestärkte man denselben durch Nähren des Aberglaubens , indem man alles nicht gleich Erklärliche zu einem Uebernatürlichen stempelte . Daran knüpfte sich eine schauderhafte Verfolgungssucht , welche nicht nur ganz Unschuldige und nur böswillig von feindlich gesinnten Personen Angeklagte den gräßlichsten Martern und dem schrecklichsten Tode unterwarf , sondern auch Schuldige machte . Denn da es bald als Leichtsinn , bald als Gotteslästerei galt , die Möglichkeit solcher Zaubereien und Teufelspakte zu leugnen , wiewohl im aufgeklärten Nürnberg die Sache wenig Anklang fand , so bemächtigte sich besonders zuerst der unwissenden niedern Klasse der Glaube daran , und dazu kam der Reiz der Neugier und der Verführung durch eigene Gelüste , die Sache doch auch zu versuchen und zu sehen , was sich durch Zaubersprüche , Hexensalben und Getränke erzielen lasse - wenn es auch nicht gleich so weit ging , die persönliche Erscheinung und Hülfe des Teufels in Anspruch zu nehmen , oder sich ihm mit Gut und Blut zu verschreiben . Zu Denen , welche am begierigsten waren dergleichen Dinge zu versuchen , gehörte die alte Jacobea ; und sie konnte es um so kühner versuchen , als man in Nürnberg noch keinem Menschen den Proceß als Hexe gemacht hatte und sie hoffen durfte , daß sie Dies oder Jenes durch ihre Zaubermittel werde bewerkstelligen können , ohne deshalb in den Verdacht der Hexerei zu kommen . Jetzt eben braute sie aus allerlei Giftwurzeln und thierischen Eingeweiden unter Absingung des Hexensegens ein Pulver , von dessen kleinsten Theilen sie sich eine langsam , aber sicher tödtende Wirkung versprach . Von draußen schlug niederströmender Regen an das kleine trübe Fenster , und da es schon ziemlich dunkel war , bemerkte Jacobea um so weniger , daß Jemand wiederholt an das Fenster pochte . Die schwarze Katze , die an der verriegelten Thüre Wache hielt , hatte ein feines Gehör und sprang unwillig miauend wider das Fenster . Sei es durch diesen Sprung oder durch das stärkere Pochen und Drücken von außen ; der lockere Wirbel des einen Fensterflügels wich , dieser sprang auf , und eine dürre alte Hand schob ihn noch weiter zurück und eine heisere Stimme rief : » Jacobea ! laß mich ein ! « Jacobea fuhr zusammen von kaltem Schauer überrieselt . Kam jetzt wirklich der Gott-sei-bei-uns ! selber , den sie in einem sinnverwirrten Spruche angerufen , ohne sich viel dabei zu denken ? Auf solch ' eine Erscheinung war sie doch nicht vorbereitet . Sie zitterte an allen Gliedern und fiel auf die Kniee . Aber lauter rief es draußen : » Jacobea ! laß mich nicht länger im Regen stehen ! Nimm die Nestler-Kathi auf , wie sie einstens Dich aufgenommen ! « Die Alte sprang auf . Das war eine Frauenstimme ! die Nestler Kathi ! Sie hatte sie lange nicht gesehen , aber dieser Name und diese Stimme riefen Erinnerungen aus ihren besten Tagen wach . Sie sprang auf und eilte die Hausthür zu öffnen . Ein Frauenzimmer in ärmlich bürgerlicher Kleidung und vielleicht ein Jahrzehent jünger als Jacobea trat ein , warf einen durchnäßten Leinenmantel ab und ein großes Paket an die Erde . » Da komm ' ich mit Sack und Pack ! « sagte die Eintretende . » In Regensburg , das der Herzog Albrecht so gut wie zumauern läßt , mocht ' ich nicht bleiben und bin mit Tausenden ausgewandert , die auch nicht viel mehr zu verlieren haben als das Leben . Nun dacht ' ich in Nürnberg ein Unterkommen zu finden , wollt ' aber bei Euch erst einkehren und mir Rath erholen . Und Ihr laßt mich unbarmherzig eine Stunde im Regen stehen und vergeblich pochen und rufen . « » Konnt ' ich denken , daß Ihr es waret ? « sagte Jacobea ; » hätt ' ich doch eher sonst wen erwartet denn Euch , Muhme , die ich so lange nicht gesehen ! Läßt man doch auch in nächtlicher Zeit nicht gleich Jedes ein ! « » Hab ' t Ihr da etwas Warmes ? « fragte die Angekommene auf den Kessel deutend : » es würde mir gut thun . « » Das hier schwerlich ! « antwortete Jacobea , » aber es ist fertig und der Kessel kann einem andern Platz machen . « Indeß sie sich anschickte eine Suppe zu bereiten , besprachen die beiden Frauen , die sich lange nicht gesehen , ihr wechselndes Geschick , und Katharina Nestler erzählte das ihres Sohnes Konrad , das wir schon aus dessen eigener Mittheilung an Ulrich kennen , und damit ihr eigenes , dem sie nur hinzuzufügen hatte , daß sie nun , wo sie um ihres Sohnes Willen keine Ursache mehr habe zu verheimlichen , daß nicht ihr angetrauter Gatte , sondern der reiche Herr Christoph von Scheurl der Vater ihres Sohnes sei , sie jetzt , da sie obdachlos sei und mit ihrer ganzen geringen Habe aus dem bedrohten Regensburg geflüchtet , von Scheurl , der , wie sie gehört , die schönste Nürnbergerin gefreit , an der selbst König Max Gefallen gefunden , zu verlangen , daß er ihr auf ihre alten Tage zu leben gebe , nachdem er sich ihrer Jugend gefreut , und sie des Sohnes , der ihr eine Stütze hätte sein sollen , sich beraubt sah durch eben diese eigene Sünde , wie die des Vaters , die erst so spät an den Tag kam und erst nach zwanzig Jahren die Strafe mit sich brachte , die ihr sonst so oft auf dem Fuße folgt . Jacobea triumphirte bei dieser Mittheilung . Sie malte Scheurl ' s Bild in den schwärzesten Farben und das seiner Gemahlin nicht minder . Sie versicherte bestimmt zu wissen , daß diese von Kindesbeinen an ein verworfenes Geschöpf gewesen ; durch ihre Amme , die zuletzt mit in diesem Hause gewohnt , gab sie vor , über sie die genauesten Mittheilungen zu haben - ja , sie bürdete Elisabeth sogar die Schuld an dem Tode der Amme auf , die Jacobea allein selbst trug durch ihren langsam tödtenden Gifttrank . Jacobea erzählte , daß Elisabeth zu der Kranken gekommen und dieselbe wahrscheinlich mit für sie mitgebrachten Leckerbissen vergiftet habe , damit sie nicht noch habe ein Verbrechen beichten können , das sie gemeinschaftlich mit Elisabeth begangen , und wie diese seit demselben Tage , an dem sie noch bei einem nächtlichen Stelldichein mit einem Baubruder , der vor einem gemeinen Steinmetzgesellen nur das voraus habe , daß er wie ein Mönch zu leben gelobe und doch sein Wort nicht halte , sei ertappt worden , alles mögliche Schlechte auf Jacobea zu bringen suche , so daß sie schon lange nach einem Mittel strebe , sich dieser gefährlichen Feindin zu entledigen oder sie doch zu demüthigen , die scheinheilige Sünderin . Sie sei ihrem Mann auch nicht treu und habe ihn doch nur um seines Reichthums Willen geheirathet , er aber müsse ganz nach ihrer Pfeife tanzen . Dies war der Hauptinhalt von Jacobea ' s Schilderung , die sie in allen möglichen grellen Farben immer wieder neu aufzutragen suchte und die ihre Wirkung bei Katharina nicht verfehlte . » Zufällig weiß ich , « sagte Jacobea , » daß Frau Elisabeth eine ihrer Dienstmägde fortgejagt , an der Herr Scheurl Gefallen gefunden , und noch keine neue Magd dafür hat ; kein größerer Possen könnte Ihr geschehen , und Euch und mir kein größerer Gefallen , als wenn sie Euch an deren Statt in das Haus nehme , vielleicht Euch gerade trauend , weil Ihr schon bei Jahren seid , und wenn Ihr dann ihr und ihm einmal fühlen ließet , daß Ihr gerade viel ältere Rechte auf ihn hab ' t als die hochmüthige Gemahlin . « Frau Katharina lächelte sehr wohlgefällig zu diesem Plan , und beschloß ihn auszuführen und gleich morgen ihr Heil zu versuchen . Freilich durfte sie sich nicht merken lassen , daß Jacobea sie sende , obwohl sich diese damit abgab , Gesinde zu vermitteln , aber so , daß ihre Hülfe meist nur von Bademeistern , Gastwirthen und andern Leuten von zweifelhaftem Rufe angenommen ward , da nur gemeine Dirnen ihre Vermittlung beanspruchten - eben so wenig , daß sie mit ihr verwandt und bekannt war und jetzt ihre erste Nacht unter ihrem Dache zugebracht . Katharina ging daher am andern Tage wie sie gekommen mit ihrem Bündel Sachen als eine Hülfesuchende aus Regensburg , die dafür ihre Dienste anbot , zu Frau Elisabeth , und ward glücklich von derselben sogleich als Magd behalten , da Elisabeth Mitleid hatte mit der Lage der unglücklichen Flüchtigen und meinte : man könne es ja mit ihr versuchen und sehen , zu welcher Art von Arbeit sie sich am besten eigne . Katharina war noch rüstig und anstellig , aber freilich war sie nach zwanzig Jahren voll Arbeit und Sorge keine verführerische Schönheit mehr , als welche einst Herr Scheurl sie in Regensburg getroffen , noch war dieser überhaupt im Stande in der neuen Dienstmagd , die er , weil sie nahe an den Fünfzigen war , keines Blickes weiter würdigte , eines von den vielen Frauenzimmern wieder zu erkennen , an denen er einst ein sinnliches Wohlgefallen gefunden . Und Katharina hütete sich wohl ihn an sich zu erinnern , ehe ihr dazu eine passende Stunde erschien . So waren ein paar Wochen vergangen , in denen sie zuweilen heimliche Zusammenkünfte mit Jacobea gehabt und von ihr Rathschläge oder Aufträge empfangen hatte . Dieser lag daran , den Ring Streitberg ' s wieder zu erhalten , den Ezechiel an Elisabeth verkauft und den Jacobea in ihrem Besitz haben wollte , weil sie wußte , wie Streitberg zürnte , daß sein Pfand in diese Hände gekommen , und dringend verlangte es wieder zu haben . Gelang dies Jacobea ' s List eher als der des Juden , so war damit auch dieser , der jetzt mit ihr zerfallen war , wieder in ihren Händen . Sie hatte darum Katharina den Ring geschildert und jetzt erfahren , daß ihn diese auch gesehen , wie er mit andern Ringen an einem goldenen Kettlein befestigt sei , daß Elisabeth immer an sich trage , und zwar , weil sie zu viel Ringe besaß , um alle an ihre Finger zu bringen . Sie hatte ihren Schmuck , wenigstens den , welchen sie täglich zu tragen pflegte , auf ihrem Nachttisch neben ihrem Himmelbett liegen , und es war also nur möglich sich dessen zu bemächtigen , während sie schlief oder doch ehe sie Toilette gemacht hatte . Jacobea gab Katharinen ein kleines Pulver , von dem sie versicherte , daß es einen sehr langen Schlaf erzeuge , wenn es in einem Getränk genossen werde , und daß sie während dessen sich gewiß werde in Elisabeth ' s Schlafzimmer schleichen können , in dem diese seit ihrer Krankheit und Genesung allein schlief . Dann solle Katharina die Kette mit den Ringen auf den Boden werfen und die Ringe darauf herumrollen lassen ; Elisabeth werde dann bei ihrem Erwachen gewiß meinen , daß dies durch sie selbst oder einen Zufall geschehen , und wenn nur ein Ring sich nicht gleich wiederfände , nicht anders vermuthen können , denn daß er in einer Ritze der Diele oder Mauer verschwunden sei . - Jetzt wartete Katharina nur auf die günstige Gelegenheit , sowohl Elisabeth diesen Streich zu spielen , als auch mit Scheurl allein zu sprechen , sich ihm zu erkennen zu geben und ihn zu fragen : ob er zeitlebens sie gut versorgen wolle , oder ob sie seiner Gemahlin und ganz Nürnberg erzählen solle , was sie bisher nur um ihres Sohnes Willen verheimlicht . In einer späten Abendstunde hatte Elisabeth noch nach einem Becher Meth und Wasser verlangt , und da die Magd , welche sie zunächst zu bedienen , an- und auszukleiden pflegte , einmal hatte ausgehen dürfen und noch nicht zurück war , so hatte Katharina sich beeilt deren Stelle zu versehen . Jetzt kam sie eben mit dem schöngeformten silbernen Becher , der innen vergoldet und außen von goldenen Blumen umrankt war , die Treppe herauf , in der andern Hand eine brennende Lampe , als sie den Hausherrn hinter sich herkommen hörte . Die Gelegenheit war günstig , jetzt konnte sie ihn allein sprechen , ihm in sein Zimmer leuchten , und nicht eher von ihm weichen , bis er sie erkannt und ihr Alles versprochen hatte , was sie wünschte . Elisabeth konnte warten ; sobald Katharina mit Herrn Scheurl einig geworden , hatte sie ohnehin nicht mehr Lust , sich länger von dessen Gemahlin befehlen zu lassen , und diese Demüthigung galt ihr mehr als der Verdruß , den sie durch den Verlust des Ringes empfinden werde , und Katharina berechnete schnell , daß der Vortheil , den sie jetzt erringen könne , doch dem vorgehe , den möglicher Weise ihr Jacobea gönnen werde , wenn sie ihr zu dem Ringe verhelfe . Herr Christoph Scheurl kam wie gewöhnlich etwas taumelnd und mit rothglühendem Gesichte heim . Katharina leuchtete ihm schweigend voraus in sein Zimmer und zündete die darin befindliche Lampe an . » Wie kommst Du denn heute hier herein ? « fragte Scheurl mit lallender Zunge . Katharina antwortete : » Nun , Ihr kam ' t ja hinter mir drein , und es schien mir , als wenn Ihr den Weg nicht gut allein finden würdet - « » Was unterstehst Du Dich ? « rief er aufbrausend , weil ihn nie etwas so sehr in Wuth bringen konnte , als wenn man ihn betrunken hielt , auch wenn er es wirklich war , nur darum weil er eine Ehre darein setzte , Unmassen geistiger Getränke vertilgen zu können , ohne davon angefochten zu werden . » Ei , so laßt einmal sehen , « begann Katharina , sich dicht neben ihn stellend ; » kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht ? « Scheurl sagte : » Was soll das freche Betragen einer Magd , die eben so schnell fortgejagt werden kann , als sie gemiethet worden . Meine Frau hat Deine Vorgängerin fortgejagt , weil sie jung und nett war und mir gefiel - Dich kann ich fortjagen , weil Du das Gegentheil davon bist und mir nicht gefällst . « » Das lügt Ihr ! « rief Katharina , » denn einst gefiel ich Euch ! « Herr Scheurl ward immer aufgeregter und roher Katharina aber immer dreister , legte ihrer Zunge keine , Fesseln mehr an , erinnerte Scheurl an seinen Aufenthalt in Regensburg bei der schönen Nestler-Kathi , und sagte Alles , was sie sich vorgenommen zu sagen . Es war ein Gespräch , das bei der innerlichen wie äußern Rohheit der Betheiligten und bei der niedern Culturstufe ihres Zeitalters , seiner Sitten und Ausdrucksweise sich nicht wiederholen läßt . Herr Christoph Scheurl zeigte dabei weder ein Interesse für den Mönch gewordenen Sohn , noch für dessen Mutter , noch empfand er Reue über ein Vergehen , das er sich längst gewöhnt hatte , sich selbst niemals als ein solches anzurechnen ; aber er wünschte doch nicht , daß ihn eine Person wie Katharina zum Stadtgespräch machte , noch daß eine solche , die ihm so unbequem werden konnte , in seinem Hause lebe . Er gab ihr einen Beutel mit Gold , den er bei sich hatte , und versprach ihr eine ansehnliche Summe , die er ihr alljährlich senden wolle , wenn sie noch diese Nacht sein Haus , so bald wie möglich auch Nürnberg verließe und über Alles schweige , nach wie vor - außerdem aber , fügte er hinzu , finde ein Rathsherr von Nürnberg noch Mittel und Wege , eine flüchtige Landläuferin unschädlich zu machen . Indeß Katharina noch überlegte , griff Herr Scheurl nach dem Becher , den sie einstweilen aus der Hand gestellt . » Was ist das ? « fragte er . » Es ist Meth ; ich wollte ihn Eurer Frau als Nachttrunk bringen . « » Sie mag sich ihn selber holen , « sagte er ; » wenn sie durstig ist , ich bin es auch wieder geworden . « Katharina dachte : mag er es trinken ; während er einschläft , kann ich überlegen , was ich thun will ; ich habe noch das halbe Pulver für Elisabeth . Aber Scheurl hatte kaum mit einem raschen Zuge den Becher zur Hälfte geleert , als er ihn fluchend zur Erde warf und sagte : » Das schmeckt zu schändlich ! « Katharina erschrak unwillkürlich , und da Scheurl auf sein Bett taumelte , dachte sie : mag er schlafen - indeß versuche ich noch mein Heil bei Elisabeth . Und sie ging hinab in die Küche , den Trank noch einmal zu mischen . Indeß ahnte sie nicht , daß ihr Jacobea statt des Schlafpulvers ein Gift gegeben , das , wie sie gehört , nicht auf der Stelle tödten , aber den blühendsten Organismus in einen häßlichen , verwelkenden verwandeln sollte , und zwar allerdings während einer Nacht voll Schlaf und Ohnmacht . Ein solches Zaubermittel glaubte Jacobea gefunden zu haben und sich dadurch am wirksamsten an Elisabeth zu rächen ; da sie aber wußte , daß Katharina zwar ein rohes , aber doch zu solcher That ein zu weiches Gemüth hatte , so hatte sie ihr nur die harmloseste Wirkung ihres Pulvers gesagt . Indeß hatte es in der That nicht diese zauberhafte , an welche sie selbst glaubte , sondern die eines schnell zerstörenden Giftes ; unter dessen Einwirkungen rang der reiche , mit allen Gütern der Erde gesegnete Christoph Scheurl , der sich immer des heitersten Lebensgenusses gerühmt , verlassen und allein in einer furchtbaren Nacht . Das Gift raubte ihm die Kraft , sich seiner Glieder zu bedienen - er konnte weder einen Ruf noch ein Geräusch hervorbringen , laut genug , die entfernten Hausbewohner zu wecken und herbeizulocken . - Indeß kam Katharina mit dem zweiten Becher des verhängnißvollen Trankes an Elisabeth ' s Thür ; sie war verschlossen , und da Katharina pochte , fragte Elisabeth ungeduldig , was man sie noch störe ? Ich bringe den bestellten Nachttrunk , « antwortete Katharina . » Nun mag ich ihn nicht , « antwortete Elisabeth , die sich schon schlafen gelegt , durch die verschlossene Thür ; » und ein andermal wünsche ich von Euch schneller bedient zu sein , oder gar nicht . « Katharina ging brummend ab . Aber dies entschied bei ihr . Hätte sie heute noch sich in den Besitz des Ringes setzen können , so würde sie Scheurl ' s Wunsch erfüllt haben und verschwunden sein ; so aber blieb sie , da sie überhaupt noch unschlüssig gewesen , ob dies nicht das Bessere sei , damit sie erst noch einmal , wenn Scheurl nüchtern sei , mit ihm sprechen und sich seiner fortdauernden Unterstützung versichern könne . - Man war es gewohnt , das Herr Scheurl , wenn er vielleicht später oder mit einem größern Rausch als gewöhnlich heimgekommen , bis in den Tag hinein schlief , und weder seiner Frau noch der Dienerschaft fiel es auf , daß er bis um acht Uhr sich noch nicht gezeigt hatte . Als aber noch eine Stunde nach der andern vergangen war , im Comptoir Leute auf ihn warteten , und auch Georg Behaim kam , sich mit ihm über eine eilende Geschäftsangelegenheit zu besprechen , ging Elisabeth mit diesem selbst in sein Gemach , dessen Thür wie gewöhnlich nicht verschlossen war . Da lag Scheurl halb aus dem Bette gesunken , regungslos mit gebrochenen Augen und krampfhaft verzerrtem Gesicht , das blau und dunkel unterlaufen einen entsetzlichen Anblick bot . Die zusammengeballten Hände zeugten ebenfalls von vergeblichen Anstrengungen und Kämpfen ; es schien , als habe er versucht aufzuspringen , vielleicht nach Hülfe zu rufen , und sei von körperlichen Schmerzen überwältigt und gelähmt zusammengesunken , unfähig sich von der Stelle zu bewegen . Er war noch halb angekleidet , und so mußte das Uebel oder der Tod gleich bald nach seiner Heimkehr über ihn gekommen sein , denn er pflegte dann immer augenblicklich sein Lager zu suchen . Denn der Tod war es doch , obwohl es weder Elisabeth noch Georg im ersten Schrecken als möglich erschien . Sie hoben Beide vereint den schweren Körper auf sein Lager , Elisabeth suchte vergeblich an ihm nach einem Puls- oder Herzschlag , und Georg rief die Dienerschaft zusammen , zu Doktor und Bader zu laufen , sie eiligst herbeizuholen , und fragte Alle , wann der Herr diese Nacht nach Hause gekommen und wer ihn zuletzt gesehen ? Aber darauf gab Niemand Antwort , wie groß auch die allgemeine Bestürzung war ; Niemand wollte ihn gesehen haben , auch Katharina nicht , die von Elisabeth speciell befragt ward , als sich diese besann , daß dieselbe noch gegen Mitternacht an ihre Thür gekommen , um ein Getränk zu bringen , das eine Stunde vorher von ihr verlangt worden war . Katharina behauptete , es könne nicht so lange Zeit gewesen sein - und sie habe sich gleich gewundert , daß Frau Scheurl indeß schlafen gegangen und sie gescholten . Es sei möglich , daß sie der Schlaf in der Küche übermannt habe , ohne daß sie es gewußt , denn es sei allerdings sehr spät und sie sei sehr ermüdet gewesen ; den Herrn habe sie nicht kommen hören . Bestürzung und Entsetzen zeigte Katharina gleich den Andern . Elisabeth verlor zwar weder ihre gewohnte Geistesgegenwart noch Kraft , aber sie war todtenblaß und zitternd vor Schreck , Thränen strömten aus ihren Augen und ihre Worte klagten sich selbst an , daß sie in dem qualvollsten Todeskampf des Gatten fern von ihm gewesen und die Pflichten eines treuen Weibes nicht hatte an ihm in seinen letzten Stunden über können . Sie hatte den Gatten nicht geliebt , und die Achtung , die sie damals vor ihm besaß , als sie ihm ihre Hand reichte , die hatte sich allerdings auch gegen ihn gemindert und verloren , seit sie mit ihm vermählt war und sein ausschweifendes und zügelloses Leben kennen gelernt hatte . Aber die eigene Selbstachtung hatte ihr geboten , seine Schwächen und Fehler zu verschleiern , ihm Achtung vor der Welt zu zeigen und eine pflichttreue Hausfrau zu sein , die alle Schwüre hielt , welche sie ihm am Altar gelobt hatte . Darum fiel es gerade jetzt doppelt schwer auf ihr Gewissen , daß er hatte sterben müssen ohne ihre zarte pflegende Hand , ohne ihren sorgsamen Beistand , der ihn vielleicht hätte retten können . Zwar war sie auch daran unschuldig , denn es war mit Bewilligung ihres Gemahls geschehen , daß sie seit ihrer Krankheit in einem andern Flügel des Hauses schlief als er ; denn seine lärmenden Gewohnheiten hatten die Leidende gestört , und er fand es auch bald bequemer , daß seine Gemahlin nicht immer wußte , wo und wie er seine Nächte zubrachte , und hatte gern in ihren Vorschlag gewilligt . Aber dennoch empfand es Elisabeth jetzt wie eine Pflichtverletzung , daß sie nicht aufgemerkt , wann er nach Hause gekommen , und einen möglichen Hülferuf von ihm nicht gehört hatte , daß er vielleicht vergeblich nach ihr verlangt in seiner letzten Stunde ; denn er war ja auch immer gut und aufmerksam gegen sie gewesen , er hatte sie auf den Händen getragen und ihr alle Wünsche mit stolzer Freude erfüllt - wenn er auch daneben sich selbst so wenig als ihr jeden erlaubten , sich selbst auch keinen unerlaubten Wunsch versagte . Sie hatten immer in Eintracht neben einander gelebt , wenn auch weder mit- noch für einander . Und so gesellte sich zu Elisabeth ' s Selbstvorwürfen auch das tiefste Mitleid für den so ganz verlassen und qualvoll Gestorbenen , dem sie gern die aufmerksamste Pflegerin gewesen wäre . Als sie dies Alles schon fühlte , noch ehe es klar zu denken oder auszusprechen , war sie der Ueberzeugung , daß er bei irgend einem schwelgerischen Nachtmahl sich übernommen , zu Hause und im Bette sich habe erholen wollen und vom Schlag gerührt worden sei , wie gerade oft bei den kräftigsten Körpern ein plötzlicher Tod erfolgen kann . Aber da der Doktor und Bader kamen und die Leiche untersuchten , da schüttelten Beide bedenklich Achseln und Köpfe , murmelten erst heimlich zusammen , und sprachen es dann laut aus vor dem ahnenden Schwager und der schönen Wittwe , die selbst mit forschte nach dem Urtheil der gelehrten Herren : » Es ist nicht anders möglich : Euer Eheherr ist an Gift gestorben ! Der ganze Zustand des Leichnams bezeugt es - und da , auch am Boden diese dunklen Flecke von einer ätzenden Flüssigkeit . Waren diese schon früher ? « Elisabeth starrte auf die bezeichnete Stelle , nicht weit von dem Bette , auf die sie vorher noch nicht gesehen . Sie wußte es genau , gestern waren diese Flecke noch nicht : ein großer schwarzer Fleck und dann nach den Seiten gespritzt kleinere dunkle Punkte , wie wenn etwas von oben herab vergossen worden wäre . Gift ! Aber wie war das möglich ? Der lebenslustige , glückliche Scheurl war keines Selbstmordes fähig ! das sagten Alle , das behauptete auch Elisabeth . Man durchsuchte das ganze Zimmer ; es hätte sich in diesem Falle vielleicht noch ein Gegenstand finden müssen , der das Gift enthalten , aber es war keiner aufzufinden . Aber welche fremde Hand sollte es gethan haben ? Der ganzen Dienerschaft war er ein gütiger , freigebiger Herr , ebenso erwies er sich fast der ganzen Stadt , und man konnte wohl sagen , daß er keinen Feind hatte in ganz Nürnberg , daß kein Haß ihn traf , der seiner Person gegolten hätte . Es gab Leute genug , die sich über ihn lustig machten und ihn beneideten - aber man wußte keine , die an ihm etwas zu rächen gehabt , oder denen er bei Erreichung irgend eines Zieles im Wege gewesen wäre . Elisabeth sprach das selbst aus und wollte an den Mord so wenig glauben wie an den Selbstmord - aber Georg nahm sie leise bei der Hand , daß sie nicht weiter so sprechen sollte , und der Bader sagte bedenklich : » Der Gemahl der schönsten Nürnbergerin konnte wohl Feinde haben , denen er im Wege war . « Elisabeth schauderte - aber im nächsten Augenblick sagte sie : » Sendet nach den Schöppen ; das Entsetzlichgeschehene muß auf das strengste untersucht werden - man wird mir den Tod des Gatten rächen helfen , der zu den ersten Geschlechtern und Rathsherren dieser Stadt gehört . « » Und dabei denkt auch , wie Ihr Euere eigene Ehre retten könnt , « flüsterte der Bader ihr leise aber hämisch zu und ging . Elisabeth war wie vom Blitz getroffen - jetzt erst enthüllte sich ihr die Gefahr , in der sie schwebte . Im Bewußtsein ihrer Unschuld an einem großen Verbrechen hatte sie sich das kleine Versehen : ihrem Gemahl nicht beigestanden zu haben , da er sich übel befand , was sie doch nicht wußte , als ein Verbrechen vorgeworfen - und jetzt konnten Andere sie als eine Schuldige betrachten , von der man das Leben ihres Gatten fordern würde ! Und mitten in diesem Augenblick eines neuen Entsetzens kamen Martin Behaim und Stephan Tucher , die abwesend gewesen waren , mit der Kunde zurück : daß man endlich Weyspriach ' s Burg mit Sturm und Brand genommen , daß kein Stein des alten Raubnestes auf dem andern geblieben , und das , was die Flammen nicht gefressen und vernichtet , von den Stürmenden und der Rache der Hörigen der Erde gleich gemacht worden sei . Der Ritter von Weyspriach sei entkommen , aber Eberhard von Streitberg gefangen genommen worden ; im Triumph bringe man ihn in die Stadt , sammt vielen den Bürgern und Kaufleuten geraubtem Gut , darunter noch einen Theil der überseeischen Schätze Martin Behaim ' s. Jetzt war es mit Elisabeth ' s Kraft zu Ende - mit einem Schrei fiel sie in ihres Bruders Arme . Auch dieser Schrei mußte wider sie zeugen ; denn derselbe Augenblick , in dem sie ihn ausstieß , war auch der , in welchem die herbeigerufenen Gerichtspersonen eintraten , um den Thatbestand zu untersuchen und die ersten Zeugen zu vernehmen . Mußten sie nicht diesen Schrei für den Schreckensruf nehmen , mit dem eine Verbrecherin sich selbst verrieth - als diejenigen kamen , welche vorerst nur Rechenschaft von ihr fordern wollten und noch gar keine Anklage erhoben ? Dieser Schrei war sehr verdächtig ! Aber Elisabeth hatte ihn ausgestoßen vor der Nachricht , daß Streitberg gefangen war und nach Nürnberg gebracht . Im ersten Augenblick dachte sie noch gar nicht an sich , sondern an ihn ; sein Loos war so gut als entschieden : er ward dem Henker überantwortet und auf offenem Markt gerichtet . Elisabeth liebte ihn schon lange nicht mehr ; sie floh jede Erinnerung an ihn wie ein Schreckgespenst mit verzerrten Zügen ; sie hatte nur Widerwillen , Scham und Entsetzen empfunden , wenn sie ihn wiedersah ; sie würde ruhig aufgeathmet haben , wenn sie erfahren hätte , daß er todt sei , und jetzt hätte sie täglich gewünscht , daß sein Schuldbewußtsein ihn zur Flucht treiben und daß diese gelingen möchte ,