die Schwester . Der Vater , sagten sie , schlummere noch sehr sanft . Das Frühmahl war eingenommen , die Pferde standen vor dem Haustore , die Mutter verabschiedete sich von mir , die Schwester begleitete mich zu dem Wagen , küßte mich dort auf das innigste und freudigste , ich stieg ein , und der Wagen fuhr in der noch überall dicht herrschenden Finsternis davon . Ich war nie mit eigenen Postpferden gefahren , weil ich die Auslage für Verschwendung hielt . Jetzt tat ich es , mir ging die Reise noch immer nicht schnell genug , und auf jeder Post , wo ich neue Pferde und einen neuen Wagen erhielt , deuchte mir der Aufenthalt zu lange . Ich hatte den Vater um den Brief nicht gefragt , der mit den Zeichnungen oder mit dem Tische gekommen war , auch hatte ich mich nicht um die Art erkundigt , wie diese Dinge eingelangt seien . Der Vater hatte ebenfalls nichts davon erwähnt . Ich beschloß , meinem Vorhaben treu zu bleiben und hierüber eine Frage nicht zu stellen . Nach einer nur durch das notwendige Essen von mir unterbrochenen Fahrt bei Tag und Nacht kam ich gegen den Mittag des zweiten Tages in dem Rosenhause an . Ich hielt vor dem Gitter , gab einem Knechte , der gar nicht erstaunt war , weil er an mein Gehen und Kommen in diesem Hause gewohnt sein mochte , meinen Koffer , sendete Wagen und Pferde auf die letzte Post , in die sie gehörten , zurück , ging in das Haus und fragte nach meinem Freunde . Er sei in seinem Arbeitszimmer sagte man mir . Ich ließ mich melden , und wurde hinaufgewiesen . Er kam mit lächelnd entgegen , als ich eintrat . Ich sagte , er scheine zu wissen , weshalb ich komme . » Ich glaube es mir denken zu können « , antwortete er . » Dann werdet Ihr Euch nicht wundern , « sagte ich , » daß ich in diesem Jahre , für welches ich schon Abschied genommen habe , mittelst einer sehr eiligen Reise noch einmal in Euer Haus komme . Ihr habt meinem Vater eine doppelte Freude erwiesen , Ihr haßt zu mir nichts gesagt , mein Vater hat mir auch nichts geschrieben , wahrscheinlich , um den Eindruck , wenn ich die Sache selber sähe , größer zu machen : ich müßte ein sehr unrechtlicher Mensch sein , wenn ich nicht käme und für den Jubel , der in mein Herz kam , nicht dankte . Ich weiß nicht , wodurch ich es denn verdient habe , daß Ihr das getan habt , was Ihr tatet ; ich weiß nicht , wie Ihr denn mit meinem Vater zusammenhänget , daß Ihr ihm ein so kostbares Geschenk macht , und daß Ihr mit den Zeichnungen so in Liebe an ihn dachtet . Ich danke Euch tausendmal und auf das herzlichste dafür . Ich habe Euch für alles Freundliche , was mir in Eurem Hause zu Teil geworden ist , in meinem Herzen gedankt , ich habe Euch auch mit Worten gedankt . Dieses aber ist das Liebste , was mir von Euch gekommen ist , und ich biete Euch den heißesten Dank dafür an , der sich am besten aussprechen würde , wenn es mir nur auch einmal gegönnt wäre , für Euch etwas tun zu können . « » Das dürfte sich vielleicht auch einmal fügen , « antwortete er , » das Beste aber , was der Mensch für einen andern tun kann , ist doch immer das , was er für ihn ist . Das Angenehmste an der Sache ist mir , daß ich mich nicht getäuscht habe , und daß Euer Vater an den Sendungen Freude hatte , und daß die Freude des Vaters auch Euch Freude machte . Im übrigen ist ja alles sehr einfach und natürlich . Ihr habt mir von den altertümlichen Dingen erzählt , welche Euer Vater besitzt , und welche ihm Vergnügen machen , Ihr habt von seinen Bildern gesprochen , Ihr habt ihm Schnitzwerke gebracht , für welche er eigens einen kleinen Erker seines Hauses umbauen ließ , Ihr habt Euch große Mühe gegeben , die Ergänzungen zu den Schnitzereien zu finden , habt sogar meinen Rat hiebei eingeholt , und es war Euch unangenehm , befürchten zu müssen , daß Ihr das Gesuchte trotz alles Strebens nicht finden würdet . Da dachte ich , daß ich vielleicht mit einem meiner Gegenstände Eurem Vater ein Vergnügen machen könnte , besprach mich mit Eustach , und sandte den Tisch . Das Übersenden der Zeichnungen war auch ganz folgerichtig . Ihr habt im vorigen Jahre mit vieler Mühe hier und im Sternenhofe Abbildungen von Geräten gemacht , um Eurem Vater nur im allgemeinen eine Vorstellung von dem zu geben , was hier ist . Wie nahe lag es also , ihm Zeichnungen zu schicken , in denen noch weit mehr , weit Umfassenderes und weit Edleres enthalten ist , obgleich sie nur die Sammlung eines einzelnen Menschen sind , und weit hinter dem zurückstehen , was an Prachtwerken hie und da besteht . Wir haben vielerlei an alten Geräten hier , wir können etwas entbehren , haben schon manches weggegeben , und geben gerne etwas einem Manne , der damit Freude hat , und der es zu pflegen und zu achten versteht . « » Es würde mir sehr viel Schmerz machen , « sagte ich , » wenn Ihr nur im entferntesten denken könntet , daß ich mit meinen Handlungen auf ein solches Ergebnis habe hinzielen können . « » Das habe ich nie geglaubt , mein junger Freund , « antwortete er , » sonst hätte ich die Sachen gar nicht geschickt . Aber es ist die zwölfte Stunde nahe . Gehet mit mir in das Speisezimmer . Wir wußten zwar von Eurer Ankunft nichts ; aber es wird sich schon etwas vorfinden , daß Ihr nicht Hunger leiden müsset , und daß auch wir nicht einen Abbruch leiden . « Mit diesen Worten gingen wir in das Speisezimmer . Nach dem Essen wurde ich von Gustav in meine Wohnung geleitet , die immer in reinlichem Stande gehalten wurde , und die jetzt von einem schwachen Feuer wohltätig erwärmt war . Mir tat eine Ruhe etwas not , und die mäßige Wärme erquickte meine Glieder . Im Laufe des Nachmittages sagte mein Gastfreund zu mir : » Es ist nie ein so schöner Spätherbst gewesen als heuer , meine Witterungsbücher weisen keinen solchen seit meinem Hiersein aus , und es sind alle Anzeichen vorhanden , daß dieser Zustand noch mehrere Tage dauern wird . Nirgends aber sind solche klare Spätherbsttage schöner als in unseren nördlichen Hochlanden . Während nicht selten in der Tiefe Morgennebel liegen , ja der Strom täglich in seinem Tale morgens den Nebelstreifen führt , schaut auf die Häupter des Hochlandes der wolkenlose Himmel herab , und geht über sie eine reine Sonne auf , die sie auch den ganzen Tag hindurch nicht verläßt . Darum ist es auch in dieser Jahreszeit in den Hochlanden verhältnismäßig warm , und während die rauhen Nebel in der Tiefgegend schon die Blätter von den Obstbäumen gestreift haben , prangt oben noch mancher Birkenwald , mancher Schlehenstrauch , manches Buchengehege mit seinem goldenen und roten Schmucke . Nachmittags ist dann gewöhnlich auch die Aussicht über das ganze Tiefland deutlicher als je zu irgend einer Zeit im Sommer . Wir haben daher beschlossen , heuer noch eine Reise in das Hochland zu machen , wie ich es in früherer Zeit schon in manchen Jahren getan habe . Die Entfernungen sind dort nicht so groß , und sollten sich die Vorboten melden , daß das Wetter sich zur Änderung anschicke , so können wir jederzeit den Heimweg antreten und ohne viel Ungemach den Asperhof wieder erreichen . Morgen wird Mathilde und Natalie eintreffen , sie fahren mit uns , auch Eustach begleitet uns . Wolltet Ihr nicht auch den Weg mit uns machen und einige Tage der lieblichen Spätzeit mit uns genießen ? Kömmt dann Schnee oder Regen , wenn wir wieder in meinem Hause angelangt sind , so werdet Ihr wohl auf dem Postwagen Eure Heimreise machen können , und das Wetter wird Euch nicht viel anhaben . « » Es kann mir nie viel anhaben , « entgegnete ich , » weil ich gegen seine Einflüsse abgehärtet bin , auch könnte mir in dem Gefühle , welches ich gegen Euch habe , keine größere Annehmlichkeit begegnen , als einige Zeit in Eurer Gesellschaft zu reisen ; aber zu Hause wissen sie nichts davon und erwarten mich wahrscheinlich schon bald . « » Ihr könntet sie ja in einem Briefe verständigen « , sagte er . » Das kann ich tun « , erwiderte ich . » Wenn ich auch gleich nach meiner Ankunft nach einer viele Monate dauernden Abwesenheit wieder fortgereist bin , wenn sie mich auch schon in den nächsten Tagen erwarten , so werden sie doch einsehen , daß ein längerer Aufenthalt in der Gesellschaft eines Mannes , zu welchem ich in einer Angelegenheit wie die zwischen uns vorgefallene gereist bin , nur in der Natur der Sache gegründet ist . Sie würden es weit übler nehmen , wenn ich unter den bestehenden Verhältnissen nach Hause käme , als wenn ich noch eine Weile bei Euch bleibe . « » Ich habe Euch meine Frage und mein Anerbieten gestellt , « antwortete mein Gastfreund , » handelt nach Eurem besten Ermessen . Was Ihr tut , wird wohl das Rechte sein . « » Ich schreibe sogleich den Brief . « » Gut , und ich werde ihn sofort auf die Post senden . « Ich ging in meine Zimmer und schrieb einen Brief an den Vater . Es war wohl das Rechte , was ich tat . Wie schwer würden es mir Vater , Mutter und Schwester verziehen haben , wenn ich mich nicht mit Freude an einen Mann zu einer kurzen Reise angeschlossen hätte , der so an unserm Hause gehandelt hat . Als ich mit dem Briefe fertig war , trug ich ihn hinab , und der Knecht , der gewöhnlich zu allen Botengängen verwendet wurde , wartete schon auf ihn , um nebst anderen Aufträgen ihn an den Ort zu bringen , in welchem er auf die Post kommen sollte . Am anderen Tage , schon im Verlaufe des Vormittages , kamen Mathilde und Natalie . Es schien , daß allen die Ursache , weshalb ich , nachdem ich schon Abschied genommen hatte , wieder in das Rosenhaus gekommen war , Freude machte . Sie sahen mich freundlicher an . Selbst Natalie , die mich so gemieden hatte , war anders . Ich glaubte einige Male , wenn ich abgewendet war , ihren Blick auf mich gerichtet zu wissen , den sie aber sogleich , wenn ich hinsah , weg wendete . Gustav schloß sich mit ganzem Herzen an mich an und hatte darüber kein Hehl . Ich wußte schon , daß er mir immer seine Neigung in großem Maße zugewendet habe , und ich erwiderte sie aus dem Grunde meiner Seele . Nachmittags wurden die Vorbereitungen zur Reise gemacht , und am anderen Morgen noch vor Aufgang der Sonne fuhren wir ab . Mit Mathilde fuhren Natalie und ein Dienstmädchen , mit meinem Gastfreunde fuhren Eustach , Gustav und ich . Mit Roland sollten wir irgend wo im Lande zusammen treffen , er sollte eine Strecke mit uns reisen , und für diesen Fall war es dann bestimmt , daß Gustav in dem Wagen der Mutter untergebracht werden mußte . Die eigentümliche Art des Hochlandes erzeugte einen eigentümlichen Plan des Reisens . Wir hatten nämlich beschlossen , über manchen steilen und länger dauernden Berg hinan zu gehen , eben so über manchen hinab . Dies sollte die ganze Gesellschaft zuweilen zusammen bringen , zuweilen trennen . Man konnte auf diese Art manches gemeinschaftlich genießen , manches vereinzelt , sich aber in Kürze davon Mitteilungen machen . Ehe noch die Sonne den höchsten Punkt ihres Bogens erklommen hatte , waren wir bereits die Dachung empor gekommen , welche das niedrere Land von dem Hochlande trennt , und fuhren nun in das eigentliche Ziel unserer Reise hinein . Mein Gastfreund hatte recht . In dem milden , sanften Schimmer der Nachmittagsonne , die hier fast wärmer schien als in den Ebenen und Tälern des Tieflandes , fuhren wir einem lieblichen Schauplatze entgegen . Selbst untergeordnete Umstände vereinigten sich , die Reise angenehm zu machen . Die sandigen Straßen des Oberlandes , welche auch sehr gut gebaut waren , zeigten sich , ohne staubig zu sein , sehr trocken , was von den Wegen in der Tiefe nicht gesagt werden konnte , die teils durch die täglichen Morgennebel getränkt , teils ihres schweren Bodens halber schon in langen Strecken feucht , kühl und schmutzig waten . So rollten wir bequem dahin , alles war klar , durchsichtig und ruhig . Nataliens gelber Reisestrohhut tauchte vor uns auf oder verschwand , so wie ihr Wagen einen leichten Wall hinan ging oder jenseits desselben hinab fuhr . Die Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel , aber schon tief gegen Süden , gleichsam als wollte sie für dieses Jahr Abschied nehmen . Die letzte Kraft ihrer Strahlen glänzte noch um manches Gestein und um die bunten Farben des Gestrippes an dem Gesteine . Die Felder waren abgeerntet und umgepflügt , sie lagen kahl den Hügeln und Hängen entlang , nur die grünen Tafeln der Wintersaaten leuchteten hervor . Die Haustiere , des Sommerzwanges entledigt , der sie auf einen kleinen Weidefleck gebannt hatte , gingen auf den Wiesen , um das nachsprossende Gras zu genießen , oder gar auf den Saatfeldern umher . Die Wäldchen , die die unzähligen Hügel krönten , glänzten noch in dieser späten Zeit des Jahres entweder goldgelb in dem unverlorenen Schmuck des Laubes oder rötlich , oder es zogen sich bunte Streifen durch das dunkle , bergan klimmende Grün der Föhren empor . Und über allem dem war doch ein blauer , sanfter Hauch , der es milderte und ihm einen lieben Reiz gab . Besonders gegen die Talrinnen oder Tiefen zu war die blaue Farbe zart und schön . Aus diesem Dufte heraus leuchteten hie und da entfernte Kirchtürme oder schimmerten einzelne weiße Punkte von Häusern . Das Tiefland war von den Morgennebeln befreit , es lag samt dem Hochgebirge , das es gegen Süden begrenzte , überall sichtbar da und säumte weithinstreichend das abgeschlossene Hügelgelände , auf dem wir fuhren , wie eine entfernte , duftige , schweigende Fabel . Von Menschentreiben darin war kaum etwas zu sehen , nicht die Begrenzzungen der Felder , geschweige eine Wohnung , nur das blitzende Band des Stromes war hie und da durch das Blau gezogen . Es war unsäglich , wie mir alles gefiel , es gefiel mir bei weitem mehr als früher , da ich das erste Mal dieses Land mit meinem Gastfreunde genauer besah . Ich tauchte meine ganze Seele in den holden Spätduft , der alles umschleierte , ich senkte sie in die tiefen Einschnitte , an denen wir gelegentlich hin fuhren , und übergab sie mit tiefem innerem Abschlusse der Ruhe und Stille , die um uns waltete . Als wir einmal einen langen Berg emporklommen , dessen Weg einerseits an kleinen Felsstücken , Gestrippe und Wiesen dahinging , andererseits aber den Blick in eine Schlucht und jenseits derselben auf Berge , Wiesen , Felder und entfernte Waldbänder gewährte , als die Wägen voran gingen , und die ganze Gesellschaft langsam folgte , vielfach stehen bleibend und sich besprechend , geriet ich neben Natalien , die mich , nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten , fragte , ob ich noch das Spanische betreibe . Ich antwortete ihr , daß ich es erst seit kurzem zu lernen begonnen habe , daß ich aber seit der Zeit immer darin fortgefahren sei , und daß ich zuletzt mich an Calderon gewagt habe . Sie sagte , von ihrer Mutter sei ihr das Spanische empfohlen worden . Es gefalle ihr , sie werde nicht davon ablassen , so weit nämlich ihre Kräfte darin ausreichen , und sie finde in dem Inhalte der spanischen Schriften , besonders in der Einsamkeit der Romanzen , in den Pfaden der Maultiertreiber und in den Schluchten und Bergen eine Ähnlichkeit mit dem Lande , in dem wir reisen . Darum gefalle ihr das Spanische , weil ihr dieses Land hier so gefalle . Sie würde am liebsten , wenn es auf sie ankäme , in diesen Bergen wohnen . » Mir gefällt auch dieses Land , « erwiderte ich , » es gefällt mir mehr , als ich je gedacht hätte . Da ich zum ersten Male hier war , übte es auf mich schier keinen Reiz aus , ja mit seinem raschen Wechsel und doch mit der großen Ähnlichkeit aller Gründe stieß es mich eher ab , als es mich anzog . Da ich mit unserem Gastfreunde später einmal einen größeren Teil bereiste , war es ganz anders , ich fand mich zu dieser Weitsicht und Beschränktheit , zu dieser Enge und Großartigkeit , zu dieser Einfachheit und Mannigfaltigkeit hingeneigt . Ich fühlte mich bewegt , obwohl ich an ganz andere Gestalten gewohnt war und sie liebte , nämlich an die des Hochgebirges . Heute aber gefällt mir alles , was uns umgibt , es gefällt mir so , daß ich es kaum zu sagen im Stande bin . « » Seht , das geht immer so « , erwiderte sie . » Als ich mit meinem Vater zum ersten Male hier war , freilich befand ich mich noch in den Kinderjahren , war mir das unaufhörliche Auf- und Abfahren so unangenehm , daß ich mich auf das äußerste wieder in unsere Stadt und in deren Ebenen zurück sehnte . Nach langer Zeit fuhr ich mit der Mutter durch diese Gegenden und später wiederholt in derselben Gesellschaft wie heute , außer Euch , und jedes Mal wurde mir das Land und seine Gestaltungen , ja selbst seine Bewohner lieber . Auch das ist eigentümlich und angenehm , daß man Wagenreisen und Fußreisen verbinden kann . Wenn man , wie wir jetzt tun , die Wägen verläßt und einen langen Berg hinan geht , oder ihn hinab geht , wird einem das Land bekannter , als wenn man immer in dem Wagen bleibt . Es tritt näher an uns . Die Gesträuche an dem Wege , die Steinmauern , die sie hier so gerne um die Felder legen , ein Birkenwäldchen mit den kleinsten Dingen , die unter seinen Stämmen wachsen , die Wiesen , die sich in eine Schlucht hinab ziehen , und die Baumwipfel , welche aus der Schlucht herauf sehen , hat man unmittelbar vor Augen . In Ebenen eilt man schnell vorbei . Hier ist gerade so eine Schlucht , wie ich sprach . « Wir blieben ein Weilchen stehen und sahen in die Schlucht hinab . Beide sprachen wir gar nichts . Endlich fragte ich sie , woher sie denn wisse , daß ich die spanische Sprache lerne . » Unser Gastfreund hat es uns gesagt , « erwiderte sie , » er hat uns auch gesagt , daß Ihr Calderon leset . « Nach diesen Worten gingen wir weiter . Die andere Gesellschaft , welche vor uns gewesen war , blieb im Gespräche stehen , und wir erreichten sie . Die Gespräche wurden allgemeiner , und betrafen meistens die Gegenstände , welche man eben entweder in nächster Nähe oder in großer Entfernung sah . Weil nach Untergang der Sonne gleich große Kühle eintrat , und unsere Reise nicht den Zweck hatte , große Strecken zurück zu legen , sondern das zu genießen , was die Zeit und der Weg boten , so wurde , als die Sonne hinter den Waldsäumen hinab sank , Halt gemacht und die Nachtherberge bezogen . Die Einteilung war schon so gemacht worden , daß wir zu dieser Zeit in einem größeren Orte eintrafen . Wir gingen noch ins Freie . Wie schnell war in kurzem der Schauplatz geändert . Die belebende und färbende Sonne war verschwunden , alles stand einfärbiger da , die Kühle der Luft ließ sich empfinden , in der Tiefe der Wiesengründe zogen sich sehr bald Nebelfäden hin , das ferne Hochgebirge stand scharf in der klaren Luft , während das Tiefland verschwamm und Schleier wurde . Der Westhimmel war über den dunkeln Wäldern hellgelb , manche Rauchsäule stieg aus einer Wohnung gegen ihn auf , und bald auch glänzte hie und da ein Stern , die feine Mondessichel wurde über den Zacken des westlichen Waldes sichtbar , um in sie zu sinken . Wir gingen nun in ein Zimmer , das für uns geheizt worden war , verzehrten dort unser Abendessen , blieben noch eine Zeit in Gesprächen sitzen , und begaben uns dann in unsere Schlafgemächer . Am andern Tage war ein klarer Reif über Wiesen und Felder . Die Nebelfäden unserer Umgebung waren verschwunden , alles lag scharf und funkelnd da , nur das Tiefland war ein einziger wogender Nebel , jenseits dessen das Hochgebirge deutlich mit seinen frischen und sonnigen Schneefeldern dastand . Kurz nach Aufgang der Sonne fuhren wir fort , und bald waren ihre milden Strahlen zu spüren . Wir empfanden sie , der Reif schmolz weg , und in kurzem zeigte sich uns die Gegend wieder wie gestern . Wir besuchten eine Kirche , in welcher mein Gastfreund Ausbesserungen an alten Schnitzereien machen ließ . Es war aber gerade jetzt nicht viel zu sehen . Ein Teil der Gegenstände war in das Rosenhaus abgegangen , ein anderer war abgebrochen und lag zum Einpacken bereit . Die Kirche war klein und sehr alt . Sie war in den ersten Anfängen der gotischen Kunst gebaut . Ihre Abbildung befand sich unter den Bauzeichnungen Eustachs . Als wir alles besehen hatten , fuhren wir wieder weiter . Nachmittags gesellte sich Roland zu uns . Er hatte uns in einem Gasthause erwartet , in welchem unsere Pferde Futter bekamen . Ich konnte , da wir uns eine Weile in dem Hause aufhielten , und später bei einer andern Gelegenheit , da wir eine Strecke zu Fuß gingen , wieder bemerken , daß seine Blicke zuweilen auf Natalien hafteten . Er hatte Zeichnungen in einem Buche , das er bei sich trug , und er hatte Bemerkungen und Vorschläge in sein Gedenkbuch geschrieben . Er teilte von beiden einiges mit , soweit es die Reise gestattete , und versprach , abends , wenn wir in der Herberge angelangt sein würden , noch mehreres vorzulegen . Am nächsten Tage nachmittags kamen wir nach Kerberg und besahen die Kirche und den schönen geschnitzten Hochaltar . Mir gefiel er jetzt viel besser , als da ich ihn in Gesellschaft meines Gastfreundes und Eustachs zum ersten Male gesehen hatte . Ich begriff nicht , wie ich damals mit so wenig Anteil vor diesem außerordentlichen Werke hatte stehen können ; denn außerordentlich erschien es mir trotz seiner Fehler , die , wie ich wohl sah , in jedem Werke altdeutscher Kunst zu finden sein würden , die ich aber in dem Bildnerwerke , das auf der Treppe meines Freundes stand , nicht fand . Wir blieben lange in der Kirche , und ich wäre gerne noch länger geblieben . Vor der Ruhe , dem Ernste , der Würde und der Kindlichkeit dieses Werkes kam eine Ehrfurcht , ja fast ein Schauer in mein Herz , und die Einfachheit der Anlage bei dem großen Reichtume des Einzelnen beruhigte das Auge und das Gemüt . Wir sprachen über das Werk , und aus dem Gespräche erkannte ich jetzt recht deutlich , daß früher auch vor diesem Werke die zwei Männer auf meine Unkenntnis Rücksicht genommen hatten , und ich dankte es ihnen in meinem Herzen . Ich nahm mir vor , einmal von dieser Schnitzarbeit ein genaues Abbild zu machen und es meinem Vater zu bringen . Ich äußerte mich , wie schön , wie groß einmal die Kunst gewirkt habe , und wie dies jetzt anders geworden scheine . » Es sind in der Kunst viele Anfänge gemacht worden « , sagte mein Gastfreund . » Wenn man die Werke betrachtet , die uns aus sehr alten Zeiten überliefert worden sind , aus den Zeiten der egyptischen Reiche , des assyrischen , medischen , persischen , der Reiche Indiens , Kleinasiens , Griechenlands , Roms - vieles wird noch erst in unsern Zeiten aus der Erde zu Tage gefördert , vieles harrt noch der zukünftigen Enthüllung , wer weiß , ob nicht sogar auch Amerika Schätzenswertes verbirgt - , wenn man diese Werke betrachtet , und wenn man die besten Schriften liest , die über die Entwicklung der Kunst geschrieben worden sind , so sieht man , daß die Menschen in der Erschaffung einer Schöpfung , die der des göttlichen Schöpfers ähnlich sein soll - und das ist ja die Kunst , sie nimmt Teile , größere oder kleinere , der Schöpfung und ahmt sie nach - , immer in Anfängen geblieben sind , sie sind gewissermaßen Kinder , die nachäffen . Wer hat noch erst nur einen Grashalm so treu gemacht , wie sie auf der Wiese zu Millionen wachsen , wer hat einen Stein , eine Wolke , ein Wasser , ein Gebirge , die gelenkige Schönheit der Tiere , die Pracht der menschlichen Glieder nachgebildet , daß sie nicht hinter den Urbildern wie schattenhafte Wesen stehen , und wer hat erst die Unendlichkeit des Geistes darzustellen gewußt , die schon in der Endlichkeit einzelner Dinge liegt , in einem Sturme , im Gewitter , in der Fruchtbarkeit der Erde mit ihren Winden , Wolkenzügen , in dem Erdballe selber , und dann in der Unendlichkeit des Alls ? Oder wer hat nur diesen Geist zu fassen gewußt ? Einige Völker sind sinniger und inniger geworden , andere haben ins Größere und Weitere gearbeitet , wieder andere haben den Umriß mit keuscher und reiner Seele aufgenommen , und andere sind schlicht und einfältig gewesen . Nicht ein einzelnes von diesen ist die Kunst , alles zusammen ist die Kunst , was da gewesen ist , und was noch kommen wird . Wir gleichen den Kindern auch darin , daß , wenn sie ein Haus , eine Kirche , einen Berg aus Erde nur entfernt ähnlich ausgeführt haben , sie eine größere Freude darüber empfinden , als wenn sie das um Unvergleichliches schönere Haus , die schönere Kirche oder den schöneren Berg selbst ansehen . Wir haben ein innigeres und süßeres Gefühl in unserem Wesen , wenn wir eine durch Kunst gebildete Landschaft , Blumen oder einen Menschen sehen , als wenn diese Gegenstände in Wirklichkeit vor uns sind . Was die Kinder bewundern , ist der Geist eines Kindes , der doch so viel in der Nachahmung hervorgebracht hat , und was wir in der Kunst bewundern , ist , daß der Geist eines Menschen uns gleichsam sinnlich greifbar , ein Gegenstand unserer Liebe und Verehrung , wenn auch fehlerhaft , doch dem etwas nachgeschaffen hat , den wir in unserer Vernunft zu fassen streben , den wir nicht in den beschränkten Kreis unserer Liebe ziehen können , und vor dem die Schauer der Anbetung und Demütigung in Anbetracht seiner Majestät immer größer werden , je näher wir ihn erkennen . Darum ist die Kunst ein Zweig der Religion und darum hat sie ihre schönsten Tage bei allen Völkern im Dienste der Religion zugebracht . Wie weit sie es in dem Nachschaffen bringen kann , vermag niemand zu wissen . Wenn schöne Anfänge da gewesen sind , wie zum Beispiele im Griechentume , wenn sie wieder zurück gesunken sind , so kann man nicht sagen , die Kunst sei zu Grunde gegangen ; andere Anfänge werden wieder kommen , sie werden ganz anderes bilden , wenn ihnen gleich allen das nämliche zu Grunde liegt und liegen wird , das Göttliche ; und niemand kann sagen , was in zehntausend , in hunderttausend Jahren , in Millionen von Jahren oder in Hunderten von Billionen von Jahren sein wird , da niemand den Plan des Schöpfers mit dem menschlichen Geschlechte auf der Erde kennt . Darum ist auch in der Kunst nichts ganz unschön , so lange es noch ein Kunstwerk ist , das heißt , so lange es das Göttliche nicht verneint , sondern es auszudrücken strebt , und darum ist auch nichts in ihr ohne Möglichkeit der Übertreffung schön , weil es dann schon das Göttliche selber wäre , nicht ein Versuch des menschlichen Ausdruckes desselben . Aus dem nämlichen Grunde sind nicht alle Werke aus den schönsten Zeiten gleich schön und nicht alle aus den verkommensten oder rohesten gleich häßlich . Was wäre denn die Kunst , wenn die Erhebung zu dem Göttlichen so leicht wäre , wie groß oder klein auch die Stufe der Erhebung sei , daß sie vielen ohne innere Größe und ohne Sammlung dieser Größe bis zum sichtlichen Zeichen gelänge ? Das Göttliche müßte nicht so groß sein , und die Kunst würde uns nicht so entzücken . Darum ist auch die Kunst so groß , weil es noch unzählige Erhebungen zum Göttlichen gibt , ohne daß sie den Kunstausdruck finden , Ergebung , Pflichttreue , das Gebet , Reinheit des Wandels , woran wir uns auch erfreuen , ja woran die Freude den höchsten Gipfel erreichen kann , ohne daß sie doch Kunstgefühl wird . Sie kann etwas Höheres sein , sie wird als Höchstes dem Unendlichen gegenüber sogar Anbetung , und ist daher ernster und strenger als das Kunstgefühl , hat aber nicht das Holde des Reizes desselben . Daher ist die Kunst nur möglich in einer gewissen Beschränkung , in der die Annäherung zu dem Göttlichen von dem Banne der Sinne umringt ist und gerade ihren Ausdruck in den Sinnen