jetzt zu Stuttgart im Dienst als Packer bei einem Kaufmann und meint , er könn ' s sein Leben lang nicht besser kriegen . Nächstens will er mir all Woch ein Geldle schicken . « » Das Land da drüben ist so groß , wie ich mir habsagen lassen , daß wir ein halbes Fürstentum in Besitznehmen könnten . Das wär doch ein ander Leben . « » Mein letzte Stütz sollt ich hergeben oder gar selber mitgehen und vielleicht unterwegs , wie der Jonas , von einem Fisch gefressen werden ? « » Ahne , der Fisch hat ihn ja wieder ausgespien « , bemerkte der Knabe dazwischen . » Und das Reis ' geld « , fuhr sie fort , ohne auf die Bemerkung zu achten , » wär für uns alle zusammen nicht gnug . « » Ob mein Vater die vierhundert Gulden auf einmal hergibt oder auf zweimal , kann ihm gleichgültig sein , wenn ' s ihm überhaupt mit dem Anerbieten Ernst ist . Glaubt Ihr wirklich , Schwieger , daß er ' s ehrlich meint ? « » Daß er ' s anders tut , als er gesagt hat , glaub ich nicht , dagegen das glaub ich , daß ihm zu trauen ist , denn warum ? er möcht Ihn eben fort han , weil er sich vor Ihm fürchtet und weil der ganz Fleck in Ängsten vor Ihm ist . « Der Geächtete lachte stolz . » Ich glaub ferner auch « , fuhr sie zutraulich fort , » daß der Amtmann mit unter der Sach steckt ; denn dem wär ' s ebenmäßig wohl , wenn er nichts mehr mit Ihm zu tun hätt . « » Der Amtmann ? « sagte er . » Wenn das der Fall ist , so muß man sich vor Finten hüten . Der arbeitet an einem doppelten Plan . Mag leicht sein , daß er fürlieb nimmt , wenn er mich über alle Berg weiß , aber noch lieber ist ' s ihm , wenn er mich wieder unter seine Klauen kriegen und einliefern und eine Belobung davontragen kann . Nein , Schwieger , wenn ich gewußt hätt , daß der Amtmann im Spiel ist - seht ja zu , daß Ihr die Hand nicht zu einem falschen Spiel bietet ! « » Ich vermut ' s ja nur « , sagte sie . » Mein Herz denkt an nichts Args . Wer wird denn auch gleich so ängstlich sein ? « » Ängstlich ! « rief der Geächtete , und sein ganzer Stolz flammte auf : » wer kann mir nachsagen , daß ich jemals Angst hab blicken lassen ? « » Nu , nu , man redt ja nur . Eins ist so wenig nutz wie das ander . Wer alle Stauden will fliehen , kommt nie in Wald , und hinwiederum , dem Trauwohl hat man den Gaul weggeritten . Für heut hat ' s jedenfalls kein Gefahr , denn kein Mensch weiß , daß Er da ist . « » Doch will ich nicht über Nacht bleiben . « » Ja , und wenn sie dann wieder mitten in der Nacht Haussuchung halten wollen , so läßt Er ihnen wieder das Nachsehen . Denn besser in der Acht als in der Hacht , besser der Nam als der Leib am Galgen . « » Wenn man durch meinen Vater mit dem Amtmann unterhandeln könnt , daß die Christine frei würd , unter der Bedingung , mit mir nach Pennsylvanien zu gehen , so könntet Ihr mir ja an einen sichern Ort Meldung tun . Aber ohne den Jerg ist ' s nur halb gelebt . Ein Mann wie mein Schwager wär mir mehr wert als ein Kapital in dem großen wüsten Land , wo man Wälder ausstocken und mit den Wilden kämpfen muß . « » Wenn die Kinder im Bett sind , so wollen wir weiter reden « , sagte sie und trug das Eßgeschirr hinaus . » Vater « , sagte der Knabe jetzt , der lange auf einen Augeinblick , wo er auch etwas reden durfte , gewartet hatte , » Vater , ich hab mich so lang drauf gefreut , bis Er auch einmal wiederkommt . « Die helle Stimme des Knaben tat dem Geächteten tief im Herzen wohl . » So , Friederle « , sagte er , » hast dich auf den Vater gefreut ? Sieh , ich hab euch auch was mitgebracht . « Mit diesen Worten zog er aus der Tasche allerlei Spielzeug , das er in müßigen Stunden künstlich geschnitzt hatte . » Die Docken gehören deinem Christinele , die gibst ihr morgen früh , wenn sie aufwacht . « Er legte das Kind , das in seinem Arme eingeschlafen war , auf das Bett und brachte aus seinen anderen Taschen noch mehr der Herrlichkeiten hervor . » Da sind für dich Soldaten , Fußvolk und Reiter , auch etliche Kanonen dabei , weil ' s jetzt Krieg ist , und damit deine Schulkameraden nicht sagen können , du habest nicht so schöne oder nicht schönere Spielsachen als sie . Lernst auch brav ? Erzähl mir einmal , was heut in der Schule vorgekommen ist . « » Die Geschicht vom Simson ist gelesen worden « , antwortete der Knabe . » Hast du mitlesen dürfen ? « fragte der Vater . » Kannst lesen ? « » Noch nicht ganz gut « , sagte der Knabe , » ' s kommt nur hie und da ein kleiner Vers zum Lesen an mich . Aber die Geschicht hat mir mächtig gut gefallen , wie der Simson den Löwen zerrissen hat und wie er mit dem Eselskinnbacken tausend Philister geschlagen hat und hat ihnen das Stadttor in der Nacht fortgetragen und Füchs in ihre Felder trieben mit brennende Schwänz , und wie er zuletzt das Haus eingerissen hat , daß es auf ihn und alle Philister zusammengefallen ist . « » Du gibst ja recht acht « , sagte der Vater freundlich . » Möchtest vielleicht auch ein Simson werden ? « Der Knabe sah ihn verwundert an . » Gelt , das verstehst du nicht ? Was möchtest denn werden ? « » Ich möcht werden , was mein Vater ist . « » Was ist denn dein Vater ? « Der Knabe sah ihn starr an und antwortete auf wiederholtes Fragen : » Ich weiß nicht . « » Warum sagst du denn , du möchtest werden , was dein Vater ist , und weißt es nicht ? « » Ha , so sagt jeder Bub , wenn man ihn fragt , was er werden wöll . « » So ! Wie heißen sie denn deinen Vater ? « » Er sei söllig stark , so daß alles Angst vor ihm haben müß . « » So ? und was sagen sie sonst von ihm ? « Der Knabe schwieg . » Wie gehen denn deine Kameraden in der Schule mit dir um ? Sag ' s , ich will ' s wissen . « » Sie lassen mich nicht ins Buch neingucken , so daß mir der Schulmeister schon oft eine besondere Bibel geben hat , und einmal , wo sie wüst gegen mich gewesen sind , hat der Schulmeister zu ihnen gesagt , sie sollen mich gehen lassen , ich sei ein unglücklich ' s Kind , ich könn nichts dafür . « » Für was ? « Der Knabe schwieg . » Ich befehl dir ' s , ich will wissen , was sie von deinem Vater gesagt haben . « Er mußte seinen Willen im gebietendsten Tone geltend machen , bis der Knabe endlich schüchtern und zögernd antwortete : » Sie sagen - Er hab - gestohlen . « » Und wenn das wahr ist , so willst du dennoch werden , was dein Vater ist ? « » Ja . « » Was ist einer , der stiehlt ? « Er bedurfte abermals der größten Anstrengung , um aus dem Knaben die Antwort herauszubringen : » Ein Dieb . « » Ein Dieb also willst werden ? « » Ja . « » Wart , ich will dir einen Denkzettel geben ! Ahne , wo ist die Rute ? « Er gewahrte nicht , daß die Alte nach langer Abwesenheit erst in diesem Augenblick wieder in die Stube trat und die Türe ein wenig hinter sich offen ließ . Sie bat für den Knaben , als sie hörte , um was es sich handle , und suchte dem unglücklichen Vater bemerklich zu machen , daß das Kind sich nicht auszudrücken vermöge und daß er ihm noch keine Unterscheidung zumuten dürfe . » Nein « , sagte er unerbittlich , » man soll mir nicht nachsagen , daß ich den Buben zu solchen Gedanken angeleitet oder ihm ' s auch nur zugelassen hab , und wenn ich keine Rute haben kann , so tut ' s auch die Hand . « Er zog den Knaben zwischen die Knie und patschte ihn mit seiner kräftigen Hand so nachdrücklich , daß derselbe mit offenem Mund schnaubte und schnappte ; doch gab er keinen Laut des Schmerzes von sich . » Was heulst nicht , du Krott ? « fragte der Vater , in seinem wenig überlegten Besserungsgeschäfte innehaltend . » Ich hab immer gehört , mein Vater hab nie geheult , wenn man ihn auch noch so arg geschlagen hab « , antwortete der Knabe , nicht trotzig , aber mit entschiedenem Tone und seinem Vater ruhig ins Auge sehend . Dieser ließ die Hand sinken und zog den Knaben in seine Arme . » Ach , Friederle , mein Kind , mein lieb ' s Kind « , rief er , » ich hätt dich ja gewiß nicht geschlagen , wenn ich allezeit bei dir wär und dich im Guten unterweisen könnt . Aber ein Dieb sollst und darfst du mir nicht werden , das verbiet ich dir hoch und teuer . Glaubst du , daß ich ' s gut mit dir mein ? « » Ja « , sagte der Knabe , indem er ihn mit seinen blauen Augen aufrichtig ansah . » Willst mir ' s nachtragen , daß ich dich geschlagen hab ? « » Nein . « » Willst mir versprechen « - er drückte ihn immer heftiger an sich und schrie ihm die Worte ins Ohr : » Werd brav ! werd rechtschaffen ! Du mußt nicht meinen , es müsse dir auch gehen wie deinem Vater ! Es geht nicht jedem so , es darf dir nicht auch so gehen ! Wenn du älter bist und mehr weißt als jetzt , dann wirst du einsehen , daß du kein Dieb zu werden brauchst , wenn du deinem Vater anhänglich sein willst . Dann wirst du aber auch verstehen , daß dein Vater nicht so schlecht gewesen ist , wie die Leut von ihm gesagt haben . Und deine Mutter , die du so wenig gesehen hast , ist eine gute Mutter , Kind , und kann nichts dafür , daß sie nicht öfter nach dir sieht , und wenn sie wieder bei dir sein kann - - « Die Stimme brach ihm , er schlug die Hände vor die Augen und legte den Kopf auf den Tisch . Es wurde ganz still , nur daß man tief aus seiner Brust herauf ein unterdrücktes Schluchzen hörte . Die Alte sah sich einen Augenblick um , setzte sich dann so , daß sie dem Tische und der Türe den Rücken zukehrte , und begann hierauf mit einer Stimme , die abscheulich lautete , das geistliche Lied zu singen : » Valet will ich dir geben , du arge falsche Welt . « Der Geächtete hatte seinen Empfindungen eine kurze Zeit freien Lauf gelassen , da weckte ihn ein durchdringendes Geschrei seines kleinen Sohnes : » Vater ! Vater ! Philister über dir , Simson . « Er fuhr auf und starrte , die Augen voll Tränen , in die Stube , aber die Bewegung hatte nur dazu gedient , seinen Kopf einer Schlinge preiszugeben , die im gleichen Augenblicke fest um seinen Hals zugezogen wurde . Die Stube war voll bewaffneter Männer . Er fuhr mit der Hand nach dem Halse , um sich von der Schlinge freizumachen . Da schrie der Fischer , der unter den vordersten war : » Hand weg , oder du mußt verworgen ! « Zugleich wurde die Schlinge noch fester angezogen , so daß er taumelte . Er ließ ab vom Widerstande und war nach kurzer Zeit an Armen und Beinen so fest geschnürt , daß man ihn ohne Gefahr fortschaffen konnte . Die Alte schickte sich heulend und schreiend an , mit ihrer trüben Ampel zum Haus hinauszuleuchten , und beteuerte ihm fortwährend , daß sie an dem Unglück unschuldig sei . » Mag sein « , erwiderte er , sie mit ungewissen Blicken messend , » aber dir , Fischerhanne , ist ' s geschworen - und wenn ihr mir auch die Arm fesselt , die Schwurfinger kann ich doch noch bewegen - der nächste Streich , den du mir spielst , ist dein Tod . « - » Verhoffentlich wird kein weiterer nötig sein « , sagte der Fischer , und alle lachten zusammen . Während ein Teil der Wachmannschaft den Gefangenen so eilig fortschleppte , daß er nur noch mit den Augen seinem Knaben ein Lebewohl zuwinken konnte , stöberte ein anderer , den Fischer an der Spitze , in der Stube herum . Die Alte , als sie dies bemerkte , überließ den Fortgehenden die Sorge , wie sie sich ohne Licht zurechtfinden wollten , und eilte in die Stube zurück , konnte es aber nicht verhindern , daß die Hasen , als offenbares Herrschaftseigentum , in Beschlag genommen wurden . Der Knabe war außer sich , und die Nachbarn , welche halb teilnehmend , halb neugierig hinter den Häschern in die Stube gedrungen waren , versuchten ihn umsonst zu trösten . Nachdem die Alte sich über den Verlust ihres soeben zum Geschenk erhaltenen Wildbrets einigermaßen beruhigt hatte , schwatzte sie ihm vor , sein Vater werde nur ein wenig zur Mutter nach Göppingen gebracht und werde bald wiederkommen . Er ließ sich nach und nach beschwichtigen ; über eines aber konnte er sich nicht zufrieden geben : » Mein Vater « , sagte er , » hat sonst nie geheult , und jetzt haben sie ihn grad geholt , wo er geheult hat . « In diesem Augenblicke kam der Schütz , zu spät , um an der Gefangennehmung , zu welcher er beordert war , teilzunehmen , aber früh genug , um der Alten eine Nachricht zu bringen , die sie ganz darniederschmetterte . » Wisset Ihr auch , Hirschbäurin « , sagte er , » daß Euer zweiter Sohn in Stuttgart hat Soldat werden müssen ? Er hat einem Soldaten zur Desertion geholfen , und der Oberst Rieger , der dem Herzog sein Kriegsvolk zusammenwirbt , hat darauf gemeint , er sei ihm als Stellvertreter ebensogut oder noch lieber . « Sie warf sich zu Boden und raufte ihre Haare . Diesmal war ihr Schreien und Heulen ernstlich gemeint . » Jetzt hab ich mein Stecken und Stab verloren ! « jammerte sie . 31 » Paß auf , Beck ! « sagte der obere Müller , mit seinem Knecht eintretend , im Hausgang zu dem Bäcker , der mit einem großen Kruge Weins gelaufen kam : » Paß auf , heut kriegst das Haus voll Leut ! Der halb Fleck ist auf ' m Marsch zu dir und will ' s probieren , ob dein Kesselfleisch so gut ist , wie ' s dein Weib selig hat machen können . Wir sind die ersten und wollen gleich ein gut ' s Plätzle besetzen . « Der Bäcker lachte und stieß statt der Antwort die Türe auf , durch die man die Stube bereits überfüllt von Gästen sah . » Der Müller meint , er sei der erst zur Metzelsupp ! « rief er diesen zu . Ein allgemeines Gelächter empfing den verspäteten Gast . » Mach nur , daß du hersitzst ! « riefen einige , indem sie zusammenrückten und ihm und dem Knechte Platz machten : » ' s ist eine Staatssau gewesen , aber kannst froh sein , wenn du nur noch das Schwänzle von ihr triffst ! « Ungeachtet dieser Drohung , die nicht so ernstlich gemeint war , ließen sich ' s der Müller und sein Knecht trefflich schmecken , während die Gäste den Bäcker lobten , der seit dem schon lange erfolgten Tode seiner Frau keine Metzelsuppe gegeben hatte , und sich zugleich darüber freuten , daß man bei den guten Aussichten auf das heurige Jahr auch einmal wieder einen billigen Wein trinken könne . Nachdem der Müller seinen Magen gefüllt , sah er sich im Kreise der Gäste um . » Was , der Profos ist auch da ? « rief er . » Ich hab gemeint , Ihr lieget am Gliederweh darnieder und könnet kein ' Fuß und nächstens kein ' Zahn mehr regen . « » Die alten Knochen sind ' s Leben gewohnt « , erwiderte der Invalide . » Ich hab auch glaubt , ich werd der Beckin Quartier machen , und jetzt ist sie mir lang vorangegangen . Ich hab eigentlich kein Gliederweh , ' s sind eben Flüß , die mir im Leib rumziehen , bald da , bald dort , ich mein manchmal , sie fahren mir bis in die Krücken hinein , und oft werfen sie mich so bösartig ins Bett , daß ich schier nimmer aufstehen kann . « » Lasset nur den Wein tapfer durch die Gurgel laufen , alter Kriegsknecht , der wird Euch die Flüß schon ' naustreiben . Daß dich ! aber jetzt muß ich mich verwundern , daß der Fischerhanne auch so viel Courage hat und ins Wirtshaus geht ! Nun , du darfst dir heut schon was gönnen : hast gewiß bei dem gestrigen Fang etwas Schön ' s verdient , gelt ? « Der Fischer schmunzelte . » Wenn man sich für den Flecken in Gefahr begibt « , sagte er , » so könnt man , denk ich , mehr ansprechen , als die paar Gulden , aber doch ist ' s immer besser als gar nichts . « » Die Gefahr muß nicht so groß gewesen sein « , bemerkte der Müller : » wie ich hör , habt Ihr ihn mit der Schling gefangen ? « » Ja ! « rief ein anderer . » Die Schling ist ein Einfall vom Fischerhanne gewesen . Das ist das sicherste Mittel : wenn einer nicht weich geben will , so zieht man eben zu , dann vergeht ihm die Kraft , und er wird zahm wie ein Lamm . « » Ich hätt zugezogen , bis er hingewesen wär « , versicherte der Fischer , » denn wenn der loskommen wär , so möcht ich doch auch sehen , wer mir behaupten könnt , es hab kein Gefahr gehabt . « » Gottlob « , sagte der Müller , » daß der Kerl aufgehoben ist . Jetzt kann man doch wieder ruhig schlafen und ungeängstigt leben . Ich hoff , dasmal werden sie ihn fester verwahren , daß man endlich sicher vor ihm ist . Warum schüttelt Ihr den Kopf , Profos ? Meint Ihr , er werd doch wieder auskommen , oder wär ' s Euch lieb ? « » Nein « , erwiderte dieser , » für ihn selber wär ' s das best , er blieb gefangen , wie er ist . Was kann ihm die Freiheit wert sein , wenn die ganz Welt immer mit Stecken und Stangen auf ihn aus ist , um ihn zu fangen ? Ich mein nur , ' s ist halt doch kurios , daß ein ganzer Flecken mit so viel starken Männern vor dem einzigen Menschen zittert . Und was hat er eigentlich getan ? « » Was er getan hat ? « schrie alles zusammen . » Ist er nicht von Hohentwiel ausbrochen ? « » Nun ja « , sagte der Invalide , » das tät jeder von uns auch , wenn ihm das Gefängnis entleidet wär , und er wär so geschickt wie er , um eine halbe Unmöglichkeit zu vollbringen . « » Und zweimal aus dem Zuchthaus ! « sagte der Müller . » Und hat sich beidemal freiwillig wieder gestellt « , entgegnete der Invalide . » Dazu gehört doch ein gutes Gewissen . « Ein unwilliges , höhnisches Gelächter war die Antwort auf diese Bemerkung . » Der Profos hat immer ein wenig zu ihm gehalten « , bemerkte der Fischer . » Er hat auch immer eine gute Seit gehabt « , versetzte der Invalide . » Wenn man übrigens kein ' anderen Grund hat , ihn zu fürchten , so müßt man eigentlich jeden , der stark und verschlagen ist , umbringen , damit er einem nicht schaden kann , wenn ' s ihm etwa einfallen sollt . « » Hat er denn sonst nichts getan ? « schrie der Müller . » Ich will die Diebstähl , die er bei seinem Vater begangen hat , nicht so hoch anschlagen : aber ist er nicht erst kurz verwichen dem Lammwirt in Metzig und Keller einbrachen und hat ihm Fleisch , Brot und Wein genommen ? « » Requiriert « , sagte der Invalide . » Was ? « schrien die andern . » Requirieren heißt man das bei den Soldaten « , erläuterte der Invalide ruhig . » In der Kampagne , wenn ' s nichts zu beißen und zu brechen gibt , kommt man zum Bauern in die Visit und holt sich Fleisch , Brot , Wein , Hühner , Gäns , Eier , kurz , was man finden kann , und wenn das ein Verbrechen wär , so müßt vom General bis zum Gemeinen runter alles gehenkt werden . Der fürnehmst Offizier schämt sich nicht dran . Und da geht ' s oft zu , daß mir ' s in der bloßen Erinnerung weh tut . Der Frieder ist noch bescheiden , nimmt nicht mehr , als er für den Hunger und Durst braucht , und hat dem Lammwirt doch nicht das übrig Fleisch zu Fetzen verhauen und den Wein in Keller laufen lassen , wie ' s der Soldat oft und viel tut . Es ist jetzt ohnehin Krieg in der Welt ; denket euch , der Feind komm in den Flecken , oder auch der Freund , denn ' s macht ' s einer wie der ander , dann tätet ihr die Hundert oder Tausend gern gegen den einzigen Marodeur eintauschen und tätet sagen : der hat ' s doch noch gnädig gemacht . « » Das ist was anders « , sagte der Müller . » Der Krieg verlangt ' s eben einmal so , er muß die Leut ernähren . « » Wenn man mich lebenslang auf die Festung setzt und mich nach meinem Entkommen überall verfolgt und mein Weib einsperrt , das ist auch eine Art Krieg . Sag jeder von euch , was er tät , wenn er so ' nausgestoßen wär wie ein wild ' s Tier . Man kann doch nicht immer Rüben fressen , und im Winter wachsen nicht einmal Rüben . Und wenn er auch gar nichts nähm als eure Rüben , so tätet ihr doch auch sagen , es sei gestohlen . « Seine Worte hatten , wenigstens vorübergehend , einen unverkennbaren Eindruck gemacht . Der Invalide fuhr , auf denselben bauend , fort : » Es ist , wie wenn die Leut ein bös Gewissen hätten , das sie an dem Menschen auslassen müßten . Er raubt nicht , er mordet nicht , und doch hat der Fleck eine Angst vor ihm , daß es eine wahre Schand ist . Noch eh er jemand außer seinem Vater ein Stückle Brot genommen hat , ist ein Schreck von ihm ausgangen , und wenn ' s geheißen hat : der Sonnenwirtle kommt , oder er ist da , so ist alles auf und davon , wie man sich vor einem wütenden Tier salviert . Und der Nam ist vor ihm hergangen wie ein schwarzer Schatten , und mich sollt ' s nicht wundern , wenn er dem Schatten endlich folgt und in seine Fußstapfen tritt . « » In was für Fußstapfen « , fragte der Fischer , » ist er denn gangen , wie er beim Pfarrer einbrechen ist und hat ihm den Kelch samt den Hostien gestohlen ? « » Für selbiges Stückle hätt ich ihm das Fell recht brav vergerben mögen « , sagte der Invalide , » und dennoch hat sich ' s anders damit verhalten als man ' s nennt . Ich frag jeden , der das Ding mit seinen fünf Sinnen ansieht , ob etwas Abgefeimt ' s dran ist , wie man ' s dafür ausgeben hat . Der Pfarrer verweigert ihm die Kopulation , weil er sie nicht zahlen kann . Darüber kann jeder andächtige , in Jesu Christo geliebte Zuhörer , wie man uns von der Kanzel anredet , denken , wie er will ; ich find in der Bibel nichts davon , daß das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit bloß gegen Bezahlung zu haben sei und anders nicht ; aber , wie gesagt , das geht mich nichts an , das kann jeder mit sich selbst ausmachen . Der Bub drauf - denn ein Bub ist er gewesen , wie mancher sonst , der im dreiundzwanzigsten Jahr heiratet , ebenmäßig ein Bub ist und erst von seinem Weib gezogen wird - der Bub , sag ich , bricht in der nächsten Nacht dem Pfarrer ein , ohne allen Schlachtplan , rafft zusammen , was er erwischt , natürlich Kleinigkeiten , läßt auch noch den Kelch samt Hostien mitlaufen und steckt die Sachen in seines Vaters Stroh , damit sie gleich am andern Morgen dem Knecht ganz gewiß in die Hand fallen müssen . Daß er Grütz im Kopf hat , das leugnet ihm sein ärgster Feind nicht ab . Heißt aber das Grütz , wenn man eine Tat tut , von der am andern Tag jedes Kind sagen muß : das hat niemand anders getan , als des Sonnenwirts Frieder ! Heißt das Grütz , wenn man den Raub so versteckt , daß in der nächsten Stund alles rauskommen muß ? Entweder hat er ' s absichtlich getan , weil er lieber wieder im Zuchthaus gewesen wär als in der Welt haußen , oder er ist ganz rappelköpfisch gewesen und hat gar nimmer gewußt , was er tut . Ein wüster Streich ist ' s gewesen , ja , das streit ich nicht , aber noch viel dümmer als wüst . Wo wird ein Dieb von Profession so wüst und dumm und bubenmäßig sein ' Mutwillen ausüben ? Und doch hat man ihn zu einem Dieb und Räuber von Profession gestempelt und hat ihn lebenslänglich auf die Festung geschickt . Hätt man ihn mir geben , ich hätt ein paar Stecken an ihm verschlagen , und dann noch ein ' drüber , weil ich immer auf den Bursch was gehalten hab . « » Auf die Art « , bemerkte der Fischer mürrisch , » kann man alles Lumpenpack in Schutz nehmen , bis man zuletzt selber ihresgleichen wird . Grad so hat der Sonnenwirtle auch angefangen : der hat zuerst sein ' m Vater ' n Zigeuner ins Haus schleifen wollen , und nachher hat er sich mit dem Hirschbauren und seiner Tochter gemein gemacht , und so ist er von einem bösen Trappen auf den andern kommen . « » Mir wird ' s ganz übel « , rief der Invalide , » wenn ich ' s mit anhören muß , wie einer , der selber arm ist , arme Leut verwirft . Wenn ein paar Arme beieinander sind , so klagen sie , man laß die Armut nicht gelten , und in der Kirch singen Arm und Reich miteinander , die Menschen seien alle gleich ; sowie einer aber einmal darnach leben will , so fallen arm und reich über ihn her . Die Liebschaft hätt er unangefangen lassen können , ich hab ' s ihm mehr als einmal gesagt , wiewohl das Mensch auch nicht so übel gewesen wär ; aber daß er sich zur Armut gehalten hat , grad das muß ihm einmal ' n Stuhl im Himmel erwerben , mag ' s in der schnöden Welt noch mit ihm gehen wie ' s will . « Während der Invalide so die einzelnen Einwendungen , die ihm gemacht wurden , niederschlug , hörte er nicht , wie das Murmeln und Murren um ihn her immer stärker wurde . » Von was für einem Ausbund ist denn da die Red ? « rief der Müllerknecht erbittert , » man sollt meinen , das wär ein Muster , nach dem sich ein jedes richten müßt , und wenn man nach dem Namen fragt , so ist ' s ein Mörder , der seinem Nebenmenschen ohne weiteres das Messer in Arm sticht ! « » Das ist auch ein wüster Streich gewesen « , sagte der Invalide , der sich nicht irre machen ließ : » aber mit ' m Zuchthaus ist er doch , mein ich , hart genug abbüßt worden . Zum Messer greifen freilich nicht alle , denn da gehört schon ein wenig mehr Mut dazu , aber mit ' m Prügel oder mit ' m Stuhlfuß ist jeder gleich bei der Hand , wenn der Wortwechsel hitzig wird , und es fällt ihm nichts Gescheit ' s mehr ein , und da schlagen sie einander so über die