zu machen ? « fragte lachend der Minister des Hauses . » Nicht so ganz , Excellenz ; vielmehr um der ersten Sängerin ihren Willen zu thun . « » Wie so ? « - » Wie sie wissen , Excellenz , war die Oper fünfmal an Wochentagen bei mäßig besetztem Hause , also natürlicherweise auch ohne viel Spektakel , ohne großen Applaus , weßhalb Frau Wiesengrün-Spitzkopfin , meine Coloratursängerin , erklärte , sie werde den schwarzen Domino das nächste Mal nur an einem Sonntage singen . « » Wer hat denn beim Theater eigentlich zu befehlen ? « » Dem Namen nach ich , Excellenz , in Wirklichkeit dagegen sämmtliche Künstler und Künstlerinnen , die Regisseure , der Inspizient , die Maschinisten , die Schneider und dann die Zimmerleute . « » Ja , ja es ist ein eigenthümliches Verhältniß , « meinte der Oberststallmeister , indem er still vor sich hin lächelte . » Wir kennen das ; namentlich die ersten Damen der singenden und der tanzenden Kunst haben mir vor der Zeit graue Haare gemacht . « » Das ist ja die umgekehrte Welt , « sagte der Minister des Hauses ; » da wären Sie ja der Sklave ihrer Untergebenen . « » Und welcher Sklave ! « versetzte wehmüthig der Intendant , der nachdenkend zum Fenster hinaus blickte . » Von welchen Launen bin ich abhängig , von welchen Kleinigkeiten ! Ich will nicht sprechen von großen Ereignissen , die überall vorkommen können , von einem Unwohlsein , das ohne alle Verschuldung eintritt , von der Krankheit , welche sich eine Sängerin geholt , weil sie die Laune hatte , am ersten feuchten , kalten Frühlingstage den Kaffee im Freien trinken zu wollen . Ich klage nicht über Störungen , die oftmals beim Theater entstehen , wenn sich ein zartes Verhältniß knüpft oder löst , oder über eine heftige Migräne , die gewöhnlich eintritt , weil eine Kollegin besser gefallen oder mehr applaudirt wurde . Gott der Gerechte ! davon will ich nicht sprechen ; nein ! nein ! aber ich werde auf dem Bureau in meinem Hause , zu jeder Tagesstunde geärgert , geplagt , geschunden wegen einer nichtswürdigen Grille , einer Laune , wegen einem neuen Kleide , oder einem Besatz auf ein altes , wegen einer Schleife , wegen eines Wortes , das der Regisseur oder der Kapellmeister einer dieser Prinzessinnen zu viel sagte , wegen eines Zeitungsartikels , und Gott weiß , wegen was Allem sonst noch . « » Sie sind wirklich ein beklagenswerther Mann , « antwortete lächelnd der Oberststallmeister . » Aber , mein lieber Baron , keine Rose ohne Dornen ; - und das müssen Sie schon zugeben « : Rosen wachsen genug in Ihrem Garten . » Euer Excellenz haben gut reden , « entgegnete der Intendant des Hoftheaters , indem er sich verbeugte ; » aber ich versichere Sie nochmals , die Sklaverei , in der ich lebe , ist oft unerträglich . Ich sitze zitternd an meinem Kaffee , - es klingelt . Der Theaterdiener . - Das Stück kann heute Abend nicht sein , Herr H. ist unwohl und kann nicht spielen ; das heißt in Wahrheit , er hat sich ein paar neue himmelblaue Tricots von Paris verschrieben und die sind noch nicht angenommen , oder seine Frau hat ihm gesagt , er plage sich in der letzten Zeit übermäßig und solle nun auch einmal einen Anderen für sich arbeiten lassen . - Bei meinem Mittagessen dieselbe Geschichte : mein Ohr hört oft nicht auf das , was meine Frau spricht , nicht auf das Geplauder der Kinder , es erwartet nur den fatalen Ton der Klingel . Das quält mich so fort den ganzen Tag , beunruhigt Nachts meine Träume ; ja , da erscheint mir der Theaterdiener mit der Meldung , das ganze Personal sei plötzlich davon gelaufen oder gestorben und ich müsse heute Abend Robert den Teufel ganz allein spielen . « » Das mag allerdings hart sein , mein bester Baron , « sagte die Excellenz vom Stalle . » Aber glauben Sie mir , auch ich muß Meldungen der unangenehmsten Art anhören . « » O , Excellenz können Ihr Departement nicht mit dem meinigen vergleichen ! « entgegnete eifrig der Intendant . » Sie haben es mit ruhigen , sanften , ja man kann sagen mit vernünftigen Thieren zu zu thun . - Ich aber - « » Stille ! stille ! « bat der Minister des Hauses . » Lieber Baron , wenn das ihre Primadonna hörte , wir hätten wahrhaftig in dem nächsten halben Jahr keine Oper . - Aber um wieder auf besagten schwarzen Domino zurückzukommen - « » Euer Excellenz scheinen sich gern mit dem schwarzen Domino zu befassen ? « » O lieber Freund , « lächelte einigermaßen geschmeichelt der Minister , » ein ältlicher Mann wie ich ! « - wobei er aber doch einen verstohlenen Blick in den Spiegel warf und dort bemerkte , daß die neue sanft melirte Perücke eine vortreffliche Wirkung hervorbringe . - » Was ich also bemerken wollte , « fuhr er fort , » so hat der Herr für heute Abend ausdrücklich den schwarzen Domino befohlen . Sie wissen , er war die letzten drei Mal verhindert , die Oper zu besuchen . « » Ich kann Seiner Majestät diesmal wahrhaftig nicht helfen , « sprach achselzuckend der Intendant . » Gott der Gerechte ! ich habe es ja bei Madame Wiesengrün-Spitzkopfin auf ' s Allerdringlichste versucht , aber schon bei der leisen Andeutung fuhr sie mit der Hand über die Stirne und versicherte mich , es werde ihr jetzt schon ganz dunkel vor den Augen . « Während dieses Gesprächs war der Hofmarschall ebenfalls leise wieder näher getreten , wurde aber in seiner Aufmerksamkeit durch einen der Oberhoffouriere gestört , der ihm ein Blatt Papier überreichte und ihm ein paar Worte zuflüsterte . » Das ist ja ganz unmöglich ! « rief der Hofmarschall , während Jener sich wieder entfernte . - » Vollkommen unmöglich ! - gar nicht zu machen ? « » Was haben Sie , bester Freund ? « » Seine Majestät läßt mir soeben sagen , « antwortete er , » Sie wünschen Ihr Diner im kleinen blauen Saale zu halten . Ich bitte Sie , meine Herren , bei der jetzigen Jahreszeit ! « » O ! das wird ganz gut gehen , « bemerkte der Minister des Hauses . » Im kleinen blauen Saale ? « fragte mit einem wahren Schrecken der Hofmarschall . » Ich versichere Sie - ganz unmöglich . « » Aber wenn der Herr befiehlt , « sagte lachend der Oberststallmeister , indem er sich der Worte des Andern von vorhin bediente . » Der blaue Saal ist zu klein und zu groß , « versetzte wichtig der Hofmarschall . » Lasse ich einheizen , so haben wir dort gleich eine unerträgliche Hitze ; lasse ich nicht einheizen , so klappern die Zähne vor Kälte . Das ist ein Lokal für den Sommer , man muß die Hausordnung nicht so unterbrechen wollen . « Der Minister das Hauses war unterdessen in das innere Zimmer getreten , kehrte aber bald still lächelnd wieder zurück und sagte dann : » Ich habe um drei Uhr meine Audienz . « Ihm folgte der Oberststallmeister zum Rapport . Doch blieben Seine Excellenz auch nicht lange im kleinen Kabinet , und als er zurückkam , sagte er zu dem Minister , indem er sanft die Augen zufallen ließ und dabei schmatzte , als genösse er etwas sehr Angenehmes : » Seine Majestät werden nicht ausreiten , Sie haben nach drei Uhr einen ihrer kleinen Wagen befohlen und dabei ausdrücklich gewünscht , die neuen Rappen zu probiren . « » Ist das möglich ? « fragte die andere Excellenz . » Es wird sich thun lassen , « entgegnete der Oberststallmeister ; » natürlicherweise hänge ich auch von meinen Untergebenen ab , namentlich von meinem ersten Stallmeister , denn er muß mir die Versicherung geben , daß die beiden Rappen vollkommen eingefahren sind , und das wird er auch schon thun , wenn er bei guter Laune ist . « Jetzt kehrte auch der Intendant von dem Rapport zurück und stellte sich wieder achselzuckend zu der Gruppe am Fenster . » Der schwarze Domino ! « seufzte er kläglich . » Ich weiß in der That nicht , weßhalb Seine Majestät auf diese an sich langweilige Musik so versessen ist . « » Sie werden aber doch den allerhöchsten Befehl befolgen müssen ? « » Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern ; hier befiehlt Seine Majestät , dort will die erste Sängerin nicht . « » Ich fürchte , wir haben den schwarzen Domino nicht , « sagte der Oberststallmeister , » denn Madame Wiesengrün-Spitzkopfin wird sich nicht erweichen lassen . « » Ich glaube es auch nicht , « meinte der Intendant des Hoftheaters . » Ich muß auf die Nachsicht Seiner Majestät bauen ; um mit Schiller zu sprechen : - der See kann sich , der Landvogt nicht erbarmen . « » Aber diesmal wird es schwer halten , « versetzte der Hofmarschall . » Seine Majestät sagten mir , Sie freuen sich auf die heutige Vorstellung außerordentlich . « » Und zu mir sprach der Herr , « entgegnete einigermaßen pikirt der Intendant , » es speise sich im blauen Salon vortrefflich , und er liebe es ebenfalls außerordentlich , da zu diniren . « » Jeder so gut er kann ! « antwortete der Hofmarschall . » Was geschehen kann , geschieht ja gerne . Aber Seine Majestät haben sicherlich nicht an die Beschaffenheit des blauen Saales gedacht . « » Es thut freilich Jeder , was ihm möglich ist , « meinte wichtig der Oberststallmeister ; » es ist ja unsere Pflicht , für das Wohl und die Gesundheit des Herrn zu sorgen . Aber bei solchem Wetter auszureiten , ist gewiß unthunlich . « Damit entfernten sich die beiden Excellenzen Arm in Arm , nachdem sie den Grafen Fohrbach freundlichst gegrüßt . Der Intendant ging ebenfalls seufzend seiner Wege . Der Hofmarschall gab , ehe er sich entfernte , einem der Hoffouriere noch einige geheime Befehle , und da wir auf die Diskretion des geneigten Lesers bauen , so wollen wir demselben in ' s Ohr flüstern , daß der Hofmarschall anordnete , in dem blauen Salon die Vorhänge und Portièren behufs nothwendiger Ausbesserung herunter zu nehmen , auch die Kette des großen Kronleuchters zu untersuchen , die so schadhaft sein müsse , daß es dringend nothwendig sei , sie noch heute durch eine neue zu ersetzen . Das Vorzimmer blieb einen Augenblick leer und der Adjutant ging nachdenkend auf und ab , hie und da lustig in sich hinein lachend , über Alles , was er während des Rapports vernommen . Es dauerte indessen nicht lange , so fuhr draußen abermals ein Wagen an ; es näherten sich Schritte , doch waren sie nicht leise wie die der Minister und Hofbeamten , sondern man vernahm Sporengeklirr und hie und da ein leichtes Aufstoßen eines Kavalleriesäbels : auch hörte man , wie die Wachen ihr Gewehr präsentirten , worauf der Kammerdiener beide Thüren aufriß , um Seine Excellenz den Herrn Kriegsminister einzulassen , der nun in das Zimmer trat im eifrigen Gespräche mit dem Generalstabsarzte der Armee , welcher zugleich als zweiter Leibarzt fungirte . Der Adjutant nahm seine schönste Haltung an , um den hohen Chef und Vater bestens zu begrüßen . Der Kriegsminister war ein großer , stattlicher Mann mit stark ergrautem Haar und Bart , ein schöner alter Herr , der in der Generalsuniform vortrefflich aussah und dessen zahlreiche Orden ebensoviele Gefechte und Schlachten zu bedeuten hatten . Der Generalstabsarzt dagegen war klein , wohlbeleibt , von beweglichem Wesen . Wenn er eifrig sprach , so fuhren seine Augen lebhaft hin und her und sein Arm arbeitete wie ein Telegraph . Seine Excellenz begrüßte den Sohn freundlich mit der Hand , wobei sie ihm zurief : » Bon jour , mon garçon ! « Dann wandte sie sich wieder zu dem Arzte , der sein Gespräch einen Augenblick unterbrochen hatte , und nun zu dem Adjutanten hinlief , mit seiner Rechten dessen Hand freundlich schüttelte und zu gleicher Zeit die Linke auf die breite gewölbte Brust des jungen Offiziers legte . Dann wandte er den Kopf pfiffig lächelnd gegen den Kriegsminister , indem er sagte : » Sehen Euer Excellenz , hier in ihrem Sohne kann ich meine Behauptung ad oculos demonstriren ; das ist eine Kavallerie- , überhaupt eine Militärgestalt , das kann was im Sattel aushalten . Bemerken Sie wohl die gut geformte Taille , die aufschwellende Brust und die breiten Schultern ? « Der alte General sah zufrieden lächelnd auf seinen Sohn und schien dem Arzte Recht zu geben . » Hier kann man die Schultern zusammendrücken , wie man will , da zeigt sich keine Spur von Husten , und wenn man vornen hinklopft , da ist es gerade als höre man ein entferntes Glockengeläute . Und das Untergestell , - solches Zeug braucht man zum Dienst , wenn man es zu Etwas bringen will . - Aber gehen Sie mir nur mit Ihrem Herzog ! « schloß er achselzuckend . » Aber , lieber Freund , « entgegnete ruhig der Kriegsminister , » Sie verkennen offenbar den Standpunkt der Sache . Seine Majestät der König , vielleicht von Bitten bestürmt , haben einmal nachgegeben , haben erlaubt , - nein , haben befohlen , daß der Herzog die Universität und mithin auch die Civilcarrière verlassen soll , um in das Gardedragonerregiment einzutreten . « » In das Gardedragonerregiment ! « rief der Arzt mit einem wahren Aufschrei , indem er beide Hände auf dem hervortretenden Bäuchlein zusammenlegte . » In das Gardedragonerregiment ! « wiederholte er und blickte kopfschüttelnd in die Höhe . » So ist es , « versetzte die Excellenz . » Sie wissen , wie sehr sich Ihre Majestät die Königin dafür interessirt , den Sohn Ihrer Schwester - « » Statt im schwarzen Frack in der glänzenden Uniform zu sehen , « sagte der Arzt krampfhaft lachend . » Meinetwegen soll es so sein ; aber wie bemerkt , Ihre Majestät baten mich sogar darum , ersuchten mich auf ' s Freundlichste , mich bei dem König für die Sache zu verwenden . « » Und Seine Majestät ? « - entgegnete der Arzt mit einem pfiffigen Gesichtsausdruck . » Seine Majestät verlangt natürlich Ihr Gutachten , « erwiderte der Kriegsminister . » Weil Seine Majestät , « versetzte der Doktor mit erhobenem und wichtigem Tone der Stimme , indem er zu gleicher Zeit mit der rechten Hand zu jedem Wort den Takt in der Luft schlug , » ein Herr von der größten Ueberlegung sind , ein Herr , der selbst genau weiß , was zum Militär nöthig ist , wie man zu einem Gardedragoneroffizier aussehen muß , ein Herr , der mit einem Worte - selbst ein vollkommener Soldat ist . « » Aber , lieber Doktor , sind Sie nicht kindisch ! « sagte fast bittend der alte General . » Mir kann es ja am Ende gleichgiltig sein ; aber ich versichere Sie , Ihre Majestät hat sich einmal auf dieses Projekt capricirt ; es ist in der That ein Wunsch von ihr , und es würde sie schmerzen , wenn der Herzog nicht unter das Gardedragonerregimet käme . « » So soll man ihn nehmen ! - nehmen ! - nehmen ! - aber man soll mich nicht fragen . Dann können Sie ihn meinetwegen zum Dragoner , zum Artilleristen , ja zum Kürassier machen ; - oder , « sprach der Arzt plötzlich in einem andern Tone , während er die Hände auf den Rücken legte , » sagen doch Euer Excellenz : der Generalstabsarzt hat diesmal total Unrecht ; garantiren Sie für seine Gesundheit , Sie , ein langgedienter Kavalleriegeneral , - und ich will Ihnen in keinem Titelchen widersprechen . « Bei diesen Worten hustete der Kammerdiener an der Thüre bedeutungsvoll , öffnete dann die Flügelthüre , und die beiden Herren , welche wußten , was es zu bedeuten habe , beeilten sich , in das Kabinet zu treten . Sie blieben nicht sehr lange darin , und als sie wieder heraustraten , sagte der Kriegsminister , indem er den Arzt scheinbar ärgerlich am Arme schüttelte : » Sie sind ein alter hartherziger Kerl ; nächstens halte ich eine große Kavallerieparade und lasse Sie in der Suite mitreiten , bis sie schwarz werden . « » O Excellenz , « entgegnete pfiffig lachend der Doktor , » warum desavouirten Sie mich nicht soeben ? Der Herr schien das fast zu erwarten , aber Sie sind ein - Ihnen ist der Herzog auch lieber auf der Universität als unter dem Gardedragonerregiment . Sprechen Sie über mich bei Ihrer Majestät was Sie wollen und mögen : ich halte still , - denn Recht habe ich . - Sie , Graf Fohrbach , « wandte er sich an den Adjutanten , » müssen mir beistimmen , Sie kennen den Herzog . - Ist das ein Kavallerist ? - Nie ! nie ! ebensowenig als ich selber , und wenn mir Einer das Gegentheil beweist , so will ich alles Praktiziren bleiben lassen und Bärte scheeren . « » Was vielleicht ein großer Vortheil wäre für die leidende Menschheit , « sagte lachend der Kriegsminister , während er seinem Sohne vertraulich die Hand schüttelte und dann mit dem Arzte das Zimmer verließ . Damit war der Rapport beendigt , und der geneigte Leser , den wir nun einmal in die Geheimnisse eingeführt , kann auch von uns verlangen , daß wir ihm ferner mittheilen , wie der heutige Tag bei Hofe zu Ende ging . Wir thun dieß um so lieber , als wir ihm dadurch der Tendenz unserer wahrhaftigen Geschichten gemäß beweisen , daß kein Mensch auf dieser Welt der Sklaverei entgeht und im Stande ist , beständig seinen Willen durchzusetzen , nicht die Bettler , nicht die Höchsten dieser Erde . Seine Majestät der König ritten nicht spazieren wie Sie gewünscht . Dieselben fuhren auch nicht mit zwei Rappen , wie Sie befohlen , und das aus einem ganz eigenthümlichen Grunde . Der dienstthuende Stallmeister nämlich hatte sich herausgenommen , die Pferde vor dem kleinen bekannten Wagen zu verschiedenartigen telegrafischen Depeschen zu benützen , vermittelst deren er mit einer Dame zu korrespondiren pflegte . Fuhr Seine Majestät mit Braunen , so hieß das Ja , hatten dagegen Höchstdieselben Rappen vor dem Wagen , so bedeutete das Nein . Weil nun aber am heutigen Tage dieser dienstthuende Stallmeister aus den angegebenen Gründen für nothwendig hielt , zwei Braunen einspannen zu lassen , so waren die Rappen noch nicht vollkommen sicher und vertraut , weßhalb Seine Majestät auf den gewiß sehr billigen Wunsch , mit ihnen zu fahren , verzichten mußte . Ferner war auch das Diner nicht in dem kleinen blauen Saale , sondern in dem großen rothen . Dasselbe ging auch ziemlich einsilbig und unerfreulich vorüber , denn Ihre Majestät die Königin hatte rothgeweinte Augen , und ließ sich deßhalb entschuldigen . Sie speiste auf dem Zimmer mit ihrer Schwester , der Frau Herzogin , das heißt , sie speisten vielmehr nicht , sondern ergingen sich in verschiedenen Klagen über verfehlte Wünsche im Einzelnen und über den Druck dieses Lebens im Allgemeinen . Dafür endete aber auch dieser Tag wie er angefangen , und als seine Majestät in ' s Theater trat , wurde gemeldet , daß Madame Wiesengrün-Spitzkopfin erkrankt sei und daß dafür Fräulein Topf die - - Norma singen werde , was an sich auch eine sehr schöne Gegend ist . Neununddreißigstes Kapitel . Unter dem Dache . In dem Hause des Buchhändlers Blaffer , Firma Johann Christian Blaffer und Kompagnie , befanden sich unter dem Dache einige Kammern , von denen ein paar , um den Kunstausdruck zu gebrauchen , gegipst waren , die Wände anderer dagegen die ganz gewöhnliche Holzvertäfelung zeigten , mit welcher auch das Dach unterhalb beschlagen war . Eine dieser gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil , welche durch einige höchst merkwürdige Lithographien , durch ein paar alte zerrissene Vorhänge , sowie durch ein Stück Teppich vor dem Bette so comfortable als möglich gemacht war . Da zufälliger Weise durch diese Kammer das große Kamin des Hauses lief , so befand sich hier ein kleiner Ofen , was eigentlich polizeiwidrig war . Doch wußte Herr Beil die Behörde hinter ' s Licht zu führen , denn so oft eine Bauschau oder ein Schornsteinfeger in ' s Haus kam , so brach er die Röhre dieses unbedeutenden Ofens ab und stellte diesen selbst in eine Ecke wie ein altes Rumpelwerk . An Möbeln war in diesem Zimmer nicht viel vorhanden : ein altes Bett , ein paar Stühle , und in einer Ecke eine Kiste , welche der erfinderische Eigenthümer dadurch , daß er einen kleinen Strohsack darauf gelegt und darüber ein Stück carrirten Zeug gebreitet , solchergestalt zu einem Sopha eingerichtet hatte . Auf diesem Sopha nun saßen Herr Beil und August , der Lehrling , stillschweigend neben einander . Es mochte vielleicht sieben Uhr Abends sein ; auf einem kleinen wackeligen Tische , den wir seiner Unbedeutendheit wegen beinahe anzuführen vergessen hätten , stand ein sogenanntes Sparlicht in einem abgenutzten blechernen Leuchter , und die trübe , rothe Flamme desselben verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer . Hiezu kamen noch verschiedene Luftströmungen , die sich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin und her wehten , auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag thaten , indem nun lange dunkle Schatten bald hierhin bald dorthin flogen . Herr Beil hatte seinen Kopf gegen die Wand gelegt , die Nase erhoben und schaute an das Dach empor , während er die Füße weit von sich abgestreckt hatte , und die gefalteten Hände auf seinen Knieen ruhen ließ . Der Lehrling dagegen saß vornüber gebeugt , hatte seine Ellbogen auf die Beine aufgestützt , betrachtete aufmerksam den Fußboden und stieß hie und da einen tiefen Seufzer aus . Herr Beil rauchte eine Papiercigarre , in deren Bereitung er sehr kunstfertig war . - » Aecht spanisch , « pflegte er zu sagen , » ich glaube wahrhaftig , ich habe etwas von dem Blute irgend eines Don Jose di Mendoza ben Calatravera Bajazzo in mir . « Heute Abend aber war er nicht zu Spässen aufgelegt , denn wenn der Lehrling häufig laut seufzte , so that der Commis nicht selten dergleichen leise . In dem Zimmer befand sich in dem Augenblick noch eine dritte Person ; das war eine alte Magd , die eben im Begriffe war , die wenigen Reste eines sehr spärlichen Abendessens abzuräumen . Bald war sie damit fertig , wünschte gute Nacht und verließ dann die Kammer , worauf es hier ganz still wurde . Man hörte nichts als zuweilen das Picken der silbernen Taschenuhr des Lehrlings , die auf dem Tische lag , und dann wieder das Sausen eines Windstoßes , der gegen die Dachziegel strich und ihnen durch diese unsanfte Bewegung einen eigenthümlichen Ton des Mißbehagens entlockte . » So ist denn Alles aus ! « ergriff nach einer längeren Pause der Lehrling das Wort , während er kummervoll sein Gesicht in die Höhe wandte , » Alles ! - Alles ! « » Für Sie nicht , junger Anfänger ! « entgegnete Herr Beil . » Was thut ' s auch , wenn ich morgen dies Haus verlasse ; Sie werden schon einen anderen Commis an die Seite bekommen , der Sie sogar wahrscheinlich viel weniger schuhriegeln wird als ich , der viel behaglicher und freundlicher ist . « » Möglich , möglich ! « » Sehen Sie , undankbares Krokodil , Sie finden das selbst schon möglich . O , ich werde bald gänzlich vergessen sein . « Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit solch schneidendem Tone des tiefsten Weh ' s , daß der junge Mensch an seiner Seite sanft die Hand auf seinen Arm legte und hastig entgegnete : » Ich habe gesagt , es sei möglich , daß nach Ihnen Jemand zu uns käme , der weniger - wie soll ich sagen ? - ja , der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir wäre , der mich aber gewiß nicht so lieb hat wie Sie . « » Hm ! diese Möglichkeit will ich zugeben ; aber sprechen wir nicht weiter davon . Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe höre , so möchte ich vor Vergnügen aus der Haut fahren . « » Was haben Sie denn eigentlich mit Herrn Blaffer gehabt ? « fragte August nach einer Pause . » Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen , « entgegnete der Commis , wobei er tüchtige Rauchwolken aus seiner Cigarre blies . - » Und doch sollte ich es Ihnen eigentlich sagen ; ich will sehen , ob ich eine Handhabe finde , mit der ich die Sache ergreifen kann . - Aber ist es hier nicht unerträglich heiß ? « sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen , während er seinen Rock aufknöpfte ; » man merkt wahrhaftig , daß der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte , so ein bischen elendes Holz erwärmt das kleine Zimmer übermäßig . « » Ja , ich finde es angenehm warm hier ; doch wenn es Ihnen zu heiß ist , können wir die Thüre öffnen . « » Gut , öffnen Sie die Thüre , « erwiderte der Commis , » oder noch besser , verlassen wir einen Augenblick diese Kammer und gehen wir in die andere da gegenüber ! Es ist das eine gute Abkühlung für mich . « » In die meinige ? « fragte der Lehrling . » Nein , in die andere da neben an . « » Also in die , wo Marie gewohnt hat ? « » In dieselbe , theuerster Bruder , « sagte Herr Beil . Darauf erhob er sich langsam von seinem Sitze und trat an den Tisch , um den langen Docht des Lichtes mit einer alten Scheere zu putzen . Nachdem er dieß gethan und die Flamme wieder hell brannte und sein Gesicht , das über dieselbe hingebeugt war , vollkommen beleuchtete , konnte man deutlich sehen , wie blaß er war , wie abgespannt seine Züge erschienen . Sein Haar , sonst gut gepflegt und geordnet , hing wild und wüst an seinem Kopfe herunter ; nur seine Augen glänzten , doch war der Glanz mehr ein unheimliches , fieberhaftes Brennen . » Gehen wir also , « sagte er . Und damit verließen die Beiden die Kammer , um in eine gegenüber liegende einzutreten . Diese hatte ebenfalls weiße Wände , war aber noch unbehaglicher als die andere , indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettstelle bestand , in welcher ein Strohsack lag , der in der Mitte auseinander klaffte und seine Eingeweide sehen ließ . Ferner war hier eine große Bücherkiste , die zu Häupten des Bettes stand , und auf welche sich Herr Beil niederließ . Der Lehrling trat an das Fußende und blickte betrübt zu seinem Freunde hinüber . » Da ist ein gewisser Goethe , « sagte der Commis nach einem längeren Stillschweigen , » der läßt einen sicheren Faust bei einer ähnlichen Veranlassung sehr schöne Worte sagen « ; ungefähr so : Mich faßt ein wahrer Wonnegraus ; Hier möcht ich volle Stunden träumen ! » Und ich möchte gerade so sprechen , nur daß mich statt der Wonne ein tiefer , tiefer Schmerz ergreift , ein Schmerz , den zu ertragen ich nicht im Stande bin , der mein Herz brechen wird . - O Gott ! wie kann ein vernünftiger Mensch ein solches Vieh sein ! So sein Alles , sein ganzes Denken und Fühlen , sein Leben und seine Zukunft an ein Mädchen zu hängen ! - Es ist wahr , aber unbegreiflich . « » O nein , « entgegnete August schüchtern , » ich begreife es . « » Was begreifen Sie , junger angehender Weltbürger , was begreifen Sie von allem Dem , was im Stande ist , mich rasend zu machen ? « » Ich begreife , daß Sie meine Schwester Marie lieben , « erwiderte der junge Mensch . » Das wäre an sich gerade kein Unglück , « sagte der Andere , indem er seinen Kopf auf das hölzerne Gestell stützte und in das leere Bett schaute . - » Lieben ist eine schöne Sache , aber hoffnungslos lieben ist die Hölle . - Hoffnungslos , weil ich ein armer Teufel bin , weil es dem reichen Manne gefällt , die schöne Frucht zu pflücken , da er gerade Appetit darnach verspürt . - Es ist das wieder eine schöne Sklavengeschichte : der Herr befiehlt , dieses schöne und reizende Mädchen solle ihre Mitsklaven verlassen und aus der elenden Dachkammer hinabsteigen in die schönsten Gemächer des Hauses , damit sie - glücklich werde . Ein anderer Mitsklave , dem das harte Leben , das er Jahre lang geführt , nur dadurch erträglich wurde , daß sie hie und da über seinen Weg schritt , daß sie ihn zuweilen freundlich ansah , daß es ihm dann und wann erlaubt war , ihre Hand zu streifen oder mit schauerndem Vergnügen ihren Arm , ihre Schulter zu berühren , wagt es , darüber Vorstellungen zu machen , und da man ihn nicht durchpeitschen kann , so öffnet man ihm die Thüre und stößt ihn wie einen Hund hinaus . - Mich - mich , mich stößt man hinaus in das kalte nasse Wetter , in den Winter der Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens , während er mit ihr im