Liebe und wagte auch nicht zu denken , daß Anna mich nicht lieben sollte . Den wahren Grund der schreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht ; denn ich hatte keine Ahnung davon , daß in jenem Alter das rote Blut weiser sei als der Geist und sich von selbst zurückdämme , wenn es in ungehörige Wellen geschlagen worden . Anna hingegen mochte sich hauptsächlich vorwerfen , daß sie nun doch für ihr Nachgeben , dem Feste beizuwohnen , bestraft und ihre eigene Art und Weise , unser Verhältnis nach ihrem freien und zarten Fühlen sich entwickeln zu lassen , gewaltsam gestört worden sei . Wäre ich ein paar Jahre älter gewesen als sie , so hätte ich ein gewisses Recht und damit auch die Kraft und Sicherheit gehabt , ihre Sprödigkeit zu überwinden und zu beruhigen ; so aber vermehrte meine eigene Ratlosigkeit die Vorwürfe , die sie sich machte , während doch alle Schuld auf mir lag . Ja , es schien nun ausgemacht , daß eigentlich mein Plan , daß sie heute die Bruneckerin vorstellen sollte , während ich den Rudenz machte , das Ereignis herbeigeführt und daß unsere Küsse in den seltsamen Kleidern wohnten , welche wir anhatten . Jedenfalls hätte ich ohne diesen Umstand noch lange warten können , bis uns eine solche Vertraulichkeit widerfahren wäre . Ein gewaltiges Rauschen in den Baumkronen rings um uns weckte uns aus der melancholischen Versenkung , die eigentlich schon wieder an eine andere Art von schönem Glück streifte ; denn meiner Erinnerung sind die letzten Augenblicke , ehe uns der starke Südwind wachrauschte , nicht weniger lieb und kostbar als jener Ritt auf der Höhe und durch den Tannenwald . Auch Anna schien sich zufriedener zu fühlen ; als wir uns erhoben , lächelte sie flüchtig gegen unser verschwindendes Bild im Wasser , doch schienen ihre anmutig entschiedenen Bewegungen zugleich zu sagen Wage es ferner nicht , uns berührend zu begegnen , bis die rechte Stunde gekommen ! Die Pferde hatten längst zu trinken aufgehört und standen verwundert in der engen Wildnis , wo sie zwischen Steinen und Wasser keinen Raum fanden , zu stampfen oder zu scharren ; ich legte ihnen das Gebiß an , hob Anna auf den Schimmel , und denselben führend , suchte ich auf dem schmalen , oft vom Flüßchen beeinträchtigten Pfade so gut als möglich vorwärtszudringen , während der Braune geduldig und treulich nachfolgte . Wir gelangten auch wohlbehalten auf die Wiesen und endlich unter die Bäume vor dem alten Pfarrhause . Kein Mensch war daheim , selbst der Oheim und seine Frau waren auf den Abend fortgegangen , und alles still um das Haus . Derweil Anna sogleich hineineilte , zog ich den Schimmel in den Stall , sattelte ihn ab und steckte ihm sein Heu vor . Dann ging ich hinauf , um für den Braunen etwas Brot zu holen , da ich auf ihm noch dem Schauspiele zuzueilen gedachte . Auch forderte mich Anna gleich dazu auf , als ich in die Stabe kam . Sie war schon umgekleidet und flocht eben ihr Haar etwas hastig in seine gewohnten Zöpfe ; über dieser Beschäftigung von mir betroffen , errötete sie aufs neue und ward verlegen . » Reut dich denn « , sagte ich , » dieser Tag so ganz und gar ? « - » O nein ! « erwiderte sie , auf ihr Kostüm deutend , welches schon zusammengelegt auf dem Tische lag , die Krone obenauf , » ich will auch diese Sachen aufbewahren , und sie sollen nie mehr getragen werden ! « Ich ging hinab , den Braunen zu füttern , und während ich ihm das Brot vorschnitt und ein Stück um das andere in das Maul steckte , stand Anna an dem offenen Fenster , ihr Haar vollends aufbindend , und schaute mir zu . Die gemächliche Beschäftigung unserer Hände in der Stille , die über dem Gehöfte lagerte , erfüllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glücklichen Ruhe , und wir hätten jahrelang so verharren mögen ; manchmal biß ich selbst ein Stück von dem Brote , ehe ich es dem Pferde gab , worauf sich Anna ebenfalls Brot aus dem Schranke holte und am Fenster aß . Darüber mußten wir lachen , und wie uns das trockene Brot so wohl schmeckte nach dem festlichen und geräuschvollen Mahle , so schien auch die jetzige Art unseres Zusammenlebens das rechte Fahrwasser zu sein , in welches wir nach dem kleinen Sturme eingelaufen und in welchem wir bleiben sollten . Anna gab ihre Zufriedenheit auch dadurch zu erkennen , daß sie das Fenster nicht verließ , bis ich weggeritten war , und mir noch ein liebevoll schalkhaftes Adieu nachrief . Gleich vor dem Dorfe kam der Schulmeister heimgefahren mit dem oheimlichen Ehepaar , denen ich sagte , daß Anna schon zu Hause sei , und ein Stück weiter stieß ich auf des Müllers Knecht , welcher dessen Pferd nach Hause führte . Da ich vernahm , daß schon alles bei dem Zwinguri versammelt und dort ein großes Hallo sei , auch der Weg dahin nicht mehr weit war , gab ich meinen Gaul auch dem Knecht und eilte zu Fuß weiter . Zum Zwinguri hatte man eine verfallene Burgruine bestimmt , welche auf dem höchsten Punkte einer Bergallmende steht und eine weite Aussicht ins Gebirge hinüber gewährt . Die Trümmer waren durch einiges Stangen- und Brettergerüst so bekleidet , als ob sie eben im Aufbau statt im Verfalle wären , und mit den Kränzen der triumphierenden Tyrannei behangen . Die Sonne ging eben unter , als ich ankam und sah , wie das Volk das Gerüste zusammenbrach und mit den Kränzen auf einen gewaltigen Holz- und Reisighaufen warf und diesen anzündete . Hier ging auch die Verherrlichung des Tell vor sich , statt vor seinem Hause , doch nicht mehr nach der geschriebenen Ordnung , sondern infolge einer allgemeinen Erfindungslust , wie der Augenblick sie in den tausend Köpfen erweckte , und der Schluß der Handlung ging unbestimmt in eine rauschende Freudenfeier über . Die weggejagten Zwingherren mit ihrem Trosse waren wieder herangeschlichen und gingen um unter dem Volke als vergnügte Gespenster ; sie stellten die harmloseste Reaktion vor . Auf allen Hügeln und Bergen sahen wir jetzt die Fastnachtsfeuer brennen ; das unsrige flammte bereits in großem Umfange , wir standen in einem Kreise hundertweise darum , und Tell , der Schütz , zeigte sich jetzt auch als einen guten Sänger , sogar als einen Propheten , indem er ein kräftiges Volkslied von der Sempacherschlacht vorsang , dessen Chorzeilen von allen wiederholt wurden . Wein war in Menge vorhanden , es bildeten sich mehrere Liederchöre , schlichte , einstimmige , welche alte Lieder sangen , wie vierstimmige Männerchöre mit neuen Liedern , gemischte Singschulen von Mädchen und Jünglingen , Kinderscharen , alles sang , klang und wogte durcheinander auf der Allmende , über welche das Feuer einen rötlichen Schein verbreitete . Vom Gebirge herüber wehte immer stärker und wärmer der Föhn und wälzte große Wolkenzüge über den Himmel ; je dunkler die Luft wurde , desto lauter ward die Freude , welche , zunächst um Burgtrümmer und Feuer in einem großen Körper lagernd , weiterhin die Halde hinab sich in viele Gruppen und einzelne verteilte , die bald noch im rötlichen Scheine streiften , bald in der Dunkelheit jauchzten . Noch weiterhin summte die Lust aus den dunklen Gefilden und widerglänzte zuletzt wieder sichtbar in den zahlreichen Flammen am Horizonte . Der uralte gewaltige Frühlingshauch dieses Landes , obschon er Gefahr und Not bringen konnte , weckte ein altes , trotzig frohes Naturgefühl , und indem er in die Gesichtet und in die wilden Flammen wehte , ging die Ahnung zurück vom Feuerzeichen des politischen Bewußtseins , über die Christenfeuer des Mittelalters , zu dem Frühlingsfeuer der Heidenzeit , das vielleicht zur selben Stunde , auf derselben Stelle gebrannt . In den dunklen Wolkenlagern schienen Heerzüge verschwundener Geschlechter vorüberzuziehen , manchmal anzuhalten über dem nächtlich singenden und tönenden Volkshaufen , als ob sie Lust hätten , herabzusteigen und sich unter die zu mischen , welche ihre Spanne Zeit am Feuer vergaßen . Es war aber auch eine köstliche Stelle , diese Allmende ; der bräunliche Boden , vom ersten Anflug des ergrünenden wilden Grases überschossen , dünkte uns weicher und elastischer als Sammetpolster , und vor der fränkischen Zeit schon war er für die Bewohner der Gegend dasselbe gewesen , was heute . Die Stimmen der Weiber waren mit der Nacht lauter geworden ; während die älteren schon fortgegangen und die verheirateten Männer sich zusammentaten , um vertraute Zechstuben aufzusuchen , begannen die Mädchen ihre Herrschaft unbefangener auszuüben , erst in lachenden Kreisen , bis zuletzt alles beieinander war , was zusammengehörte , und jedes Paar auf seine Weise sich zeigte oder verbarg . Doch als das Feuer zusammenfiel , lösten sich die verschlungenen Menschenkränze und begannen in großen und kleinen Gruppen dem Städtchen zuzuziehen , wo auf dem Rathause sowie in einigen Gasthäusern Pfeifen und Geigen sie erwarteten . Ich hatte mich in dem Gedränge unstet herumgetrieben ; denn wo es die Geschlechter miteinander zu tun haben , wird auf den Vereinzelten keine Rücksicht genommen , und jeder ist nur mit dem Gegenstande seiner Neigung beschäftigt , das Errungene festhaltend oder das noch nicht Errungene mit seinen Wünschen verfolgend . So war ich achtlos zurückgeblieben und vergnügte mich an der verlöschenden Glut , um welche außer einigen Knaben nur noch jene Fratzgestalten herumtanzten , weil das für sie nichts kostete . Sie sahen in den flatternden Hemden und mit den hohen Papiermützen aus wie Gespenster , die dem grauen Gemäuer entstiegen . Einige zählten auch die Münzen , welche sie etwa erhascht , andere suchten aus dem Feuer noch ein verkohltes Holzscheit zu ziehen , und besonders sah ich einen , welcher sich zu den tollsten Sprüngen angestrengt und den ich für einen jungen Taugenichts gehalten , nunmehr nach der Entlarvung als ein eisgraues Männchen zum Vorschein kommen und sich hastig mit einem rauchenden Fichtenklotze abquälen . Ich wandte mich endlich hinweg und ging langsam davon , unschlüssig , ob ich nach Hause gehen oder dem Städtchen zusteuern sollte . Mein Mantel , der Degen und die Armbrust waren mir längst hinderlich ; ich nahm alles zusammen unter den Arm , und indem ich rascher von der Allmende herunterschritt , fühlte ich mich so munter und lebenslustig wie am frühen Morgen , und je länger ich ging , desto stärker erwachte mir ein unbändiger Durst , einmal die Nacht zu durchschwärmen , und zugleich ein mächtiger Zorn , daß ich Anna so leichten Kaufes entlassen . Ich bildete mir ein , ganz der Mann dazu zu sein , in hohem Liebesglücke ein Liebchen eine festliche Nacht entlangzuführen , unter Tanz , Becherklang , Scherz und Kuß . Ich machte mir die bittersten Vorwürfe , den einzigen Tag so ungeschickt und schwachmütig verpfuscht zu haben , und stellte mir zugleich voll Eitelkeit vor , daß es Anna ebenso ergehe und sie vielleicht schlaflos auf ihrem Lager sich nach mir sehne ; denn es mochte schon zehn Uhr vorüber sein . Unversehens war ich in dem Flecken angelangt , welcher von Musik ertönte , und als ich in einen übervollen Saal trat , in welchem die blühenden Paare sich drehten , da klopfte mein Blut immer unwilliger und heißer ; ich bedachte nicht , daß wir die einzigen sechszehnjährigen Leutchen gewesen wären , die sich im offenkundigen Vereine zeigten , noch weniger , daß unsere heutigen Erlebnisse zehnmal schöner und bedeutsamer waren als alles , was diese lärmende Jugend hier genießen konnte , und daß ich mich in der Erinnerung derselben reich und glücklich genug hätte fühlen sollen . Ich sah nur die Freude der Zwanzigjährigen , der Verlobten und Selbständigen , und maßte mir ihr Recht an , ohne im mindesten zu ahnen , daß mein prahlerisches Blut , sobald ich Anna wirklich zur Seite gehabt hätte , augenblicklich wieder zahm und sittig geworden wäre . Es gereicht mir auch nicht zur Ehre , daß es ihrer leibhaften Gegenwart bedurft hätte , zur Bescheidenheit zurückzukehren . Doch als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren Geglaubter tapfer begrüßt und in den Strudel gezogen wurde , blendete mich das Licht der Freude , daß ich mich und meinen Arger vergaß und der Reihe nach mit meinen drei Basen tanzte . Nach diesen tanzte ich mit einem fremden zierlichen Mädchen ; allein ich erhitzte mich immer mehr , ohne zufrieden zu sein ; die Lust , welche im ganzen soviel Geräusch machte , ging mir im einzelnen viel zu langsam und nüchtern vor sich . So freudestrahlend alle die jungen Leute dreinblickten , schien es mir doch nur ein matter Schimmer zu sein gegen den Glanz , der in meiner Phantasie wach geworden . Unruhig streifte ich durch einige Trinkstuben , die neben dem Saale waren , und wurde von einer Gesellschaft junger Burschen angehalten , welche purpurroten Wein tranken und dazu sangen . Hier schien meine Sehnsucht endlich ein Ziel zu finden , ich trank von dem kühlen Wein , dessen schöne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel , und fing leidenschaftlich an zu singen . Kaum hatte ein Lied geendet , so begann ich ein anderes , schlug ein rascheres Tempo an und erhob bei ausdrucksvollen Stellen die Stimme , daß sie bald die anderen übertönte . Verwundert , daß der Duckmäuser aus der Stadt noch besser trinken und lärmen könne als sie , wollten die Burschen nicht zurückbleiben , wir feuerten uns gegenseitig an , ich sang und sang immerzu und bemerkte erst bei einem Rundgesange , wo ich eine Weile schweigen mußte , daß sämtliche Bäschen durch die Türe guckten und mich mit vergnügtem Erstaunen in meiner Gloria sitzen sahen . Sie lachten mir zu , winkten mir drohend , weil ich ihr Panier verlassen , und forderten mich auf , wieder zu tanzen . Aber ich war nun ein gemachter und angesehener Mann unter meinen Gesellen , ganz wie einst als Knabe , wo ich eine Zeitlang den Renommisten gespielt , und als einige davon sich wieder nach Mädchen umsahen , brach ich mit zwei wilden Jünglingen auf , das Städtchen zu durchziehen . Arm in Arm stürmte ich mit den gesunden Bauerssöhnen über die Straße , wir gaben uns die lustigsten Redensarten zum besten , sangen und empfanden das reine und edle Vergnügen , welches entsteht , wenn Ungleiches sich eint und zu Gefallen lebt . Doch schon im nächsten Tanzhause , in welches wir traten , verlor ich einen um den andern meiner neuen Freunde , indem sie hier fanden , was sie wahrscheinlich gesucht hatten , und ich setzte allein , aber rastlos , meinen Streifzug fort . Hie und da schaute ich einen Augenblick zu , trank bei Bekannten ein Glas , erwiderte ungesäumt und etwas gesalzen die Späße , die man an mich richtete , bis ich in eine Stube kam , wo an einem großen runden Tische noch vier von den barmherzigen Brüdern saßen . Zwei waren schon abgefallen und verschwunden ; die hier saßen , hatten bereits ihren dritten Rausch hinter sich und befanden sich nun in jenem lässigen Zustande , in welchem erfahrene Zechbrüder einen lustigen Tag austönen lassen , wohlgeschliffene Witze machen und ihren Wein so trinken , als ob sie nicht mehr viel darum gäben , sich aber wohl hüten , schließlich einen Tropfen stehenzulassen . Etwas entfernt von ihnen saß am gleichen Tische die Judith , welcher die Brüder der Sitte gemäß ein Glas geboten . Sie schien sich ganz allein bei dem Feste umgesehen zu haben und sich nun am besten zu gefallen , die Witze und Verfänglichkeiten dieser Herren schlagfertig zurückzugeben und sie in Respekt zu halten , wozu es keiner geringen Gewandtheit und Kraft bedurfte . Sie saß ebenso lässig da , zurückgelehnt und halb abgewandt , und warf ihre Erwiderungen gleichmütig hin . Die Mönche hatten ihre Flachsbärte abgelegt und die gefärbten Nasen gewaschen ; nur der älteste , welcher einen angehenden Kahlkopf und eine natürliche Feuernase besaß , prangte noch mit dem hohen Rot derselben . Dies war der Unnützeste und rief mir zu , als ich vorübergehen wollte » Heda , Grünspecht ! wo hinaus ? « Ich stand still und erwiderte » Guter Freund ! Ihr habt vergessen , den Zinnober von Eurer Nase zu wischen , wie die anderen Herren doch getan ! Ich mache Euch hiemit aufmerksam , damit Ihr nicht etwa Euer Kopfkissen rot macht . « Das Gelächter der übrigen nahm mich sogleich in den holden Bund auf ; ich mußte mich setzen und ein Glas annehmen , worauf sie sagten » Und dennoch , könnt Ihr glauben , daß dieser Kerl es noch für nötig befunden hat , heut seine Nase zu schminken ? « - » Das war freilich « , erwiderte ich , » ebenso töricht , als wenn man eine Rose schminken wollte ! « » Und dazu viel gefährlicher « , versetzte ein anderer , » denn eine Rose schminken heißt ein Werk Gottes verbessern wollen , und der liebe Gott verzeiht ! Aber eine rote Nase schminken heißt den Teufel verhöhnen , und der verzeiht nicht ! « So ging es fort ; sie verhandelten nun seinen Kahlkopf , wobei ich aber bald weit zurückblieb , indem sie über diesen Gegenstand allein wohl zwanzig verschiedene Witze machten , welche in der Phantasie die lächerlichsten Vorstellungen erregten und von denen einer den andern an Neuheit und Kühnheit der Bilder überbot . Judith lachte , als die Taugenichtse über sich selbst herfuhren , und als der Angegriffene dies sah , suchte er sich aus dem Feuer zu retten , indem er sich gegen sie wendete . Sie saß da in einem schlichten braunen Kleide , die Brust mit einem weißen Halstuche bedeckt , welches ein wenig ihren prächtigen Hals sehen ließ ; um diesen lag eine feine Goldkette und verlor sich im Halstuche , sonst trug sie keinen Putz als ihr schönes braunes Haar . Der Kahlkopf blinzelte mit den Augen und sang : » Mein Schatz , um deinen weißen Hals Geht eine Schnur von Katzengold , Die führt an deinem Busam Teuf in dein falsches Herz ! « Judith erwiderte schnell » Damit Ihr meinen weißen Hals einmal vergeßt , will ich Euch auch ein Lied von etwas Weißem berichten ! « und sie sang nicht , sondern sagte einfach wohlklingend : » Es ist eine üble Zeit ! Luna , die weiland keusche Maid , Liebäugelt auf den Köpfen alter Sünder Am hellen Tag und höhnt uns arme Kinder . Schäm dich , Mondschein ! Ich tat das Fenster auf In dunkler Nacht und suchte Lunas Lauf ; Da glänzt ' sie frech an meines Hauses Schwelle , Wild goß ich Wasser auf die weiße Stelle . Schäm dich , Mondschein ! « Ihre Mutter war gestorben , auch hatte sie seither in einer ausländischen Lotterie mehrere tausend Gulden gewonnen , da sie aus langer Weile sich mit dergleichen Dingen befaßte . So schien sie nun mehr als je für schwere und leichte Schnapphähne ein guter Fang , und der Kahle glaubte sie , nachdem er verschiedene Anleihen bei ihr gemacht , welche sie ihm lachend gewährte , im Sturme nehmen zu können , ward aber ebenso lachend abgewiesen . Das obige Liedchen aber schien sogar auf ein schlimmes Abenteuer zu deuten , welches er auf seiner Freite bestanden . Denn mit einer ganz heillosen Diskretion sahen sich die drei übrigen an , mit funkelnden Augen und mühsam verhaltenem Munde , indem sie anfingen , halblaut zu summen : » Hm ! hm ! - hm ! hm ! hm ! hm ! hm ! hm ! - hm ! hm ! hm ! « Der Rhythmus dieses Gesummes war so verführerisch , daß ich mit einstimmte und eine stolze Glückseligkeit empfand , mit den Spöttern singen zu dürfen hm hm hm ! hm hm hm ! - es war still und feierlich in der nur noch schwach erleuchteten Stube , und mit feierlicher Behaglichkeit setzten wir die seltsamen Takte fort . Judith lachte hell auf und rief » O ihr Kindsköpfe ! « Da brachen wir laut aus » Ha ha ha ! - ha ha ha ! « Der Gehöhnte aber spähte umher , zog unversehens dem lautesten Spötter ein hervorguckendes Blatt aus der Kutte und las dessen Überschrift » Christliche Wochenbötin , ein konservatives Volksblättlein « . Der Spott entlud sich nun auf den Überraschten , dessen schwache Seite sein Konservatismus war , den er weder genugsam zu erklären noch zu verteidigen vermochte . Diese Benennung war erst seit einiger Zeit im Umlauf und fing einige Leute , welche vorher im Nebelhaften geschwebt . Der Kahle forderte den Konservativen auf , er solle einmal sagen , was er sich eigentlich darunter denke , wenn er behaupte , konservativ zu sein . Dieser wollte tun , als ob er hierüber keinen Spaß verstehe , und wünschte mit wichtigem Gesicht , nicht zu politisieren ! Doch ein anderer rief » Die Erklärung ist schon im Paradies zu suchen ! Als Adam den Tieren ihren Namen gab , war eines darunter , das wedelte gar bedächtig mit den Ohren und sagte , es sei konservativ ; es konnte aber keinen Grund hiefür angeben , und Adam sagt : Du sollst Esel heißen ! « Erbost rückte dieser nun mit seinem innersten und eigentlichen Grunde , der seine fixe Idee war , heraus und warf dem Radikalismus vor , daß er den Wein versäuert und verteuert hätte . Wenn man noch ein süßes und billiges Glas trinken wolle , so sei dieses einzig in den abgelegenen altväterischen Wirtschaften zu finden , wo die alten Zöpfe hinkröchen , sich vor der Welt zu verbergen . » Sauft « , schrie er , » den radikalen Rachenputzer eurer berühmten politischen Wirte ! Ich halt es mit den Zöpfen ! « Da allerdings etwas Wahres in diesem Vorwurfe lag , so entbrannten die drei übrigen ihrerseits im Zorne , schalten den Konservativen einen Verleumder und suchten ihm zu beweisen , daß er ohne den Radikalismus gar keinen Wein zu riechen bekäme , weder guten noch schlechten , daß er selbst als konservativer Parteibedienter völlig überflüssig wäre und von seinen Zöpfen den Schuh unter den Rücken erhielte statt des stärkenden Weinchens der Proselytenbelohnung . Dies führte zu einem hitzigen Gefechte , worin die Herren gegenseitig ihre Grundsätze , Tatsachen und Parteichefs heruntermachten , und das in Ausdrücken , Vergleichungen und Wendungen , Schlag auf Schlag , wie sie kein dramatischer Dichter für seine Volksszenen treffender und eigentümlicher erfinden könnte ; nicht einmal nachzuschreiben wären sie , so leicht und blitzähnlich entsprangen die Witze aus den Voraussetzungen , welche bald scharf zutreffend , bald böslich ersonnen , doch immer sich auf die Verhältnisse und Personen gründeten und zu immer neuen Gruppen verschlangen . Ein Leitartikel oder eine Rede wäre zwar aus diesem Turnier nicht zu schöpfen gewesen ; doch konnte man sehen , welch eine ganz vertrackte Kritik das Volk auf seine Weise führt und wie sehr sich derjenige trügt , welcher , von der Tribüne herunter zu zweifelhaften Zwecken das » biedere , gute Volk « anrufend , irgendein wohlwollendes und naives Pathos voraussetzt . Selbst Äußerlichkeiten , Angewöhnungen und körperliche Gebrechen , wurden in einen solchen Zusammenhang mit den Worten und Handlungen hervorragender Männer gebracht , daß die letzten nur eine notwendige Folge der ersten zu sein schienen und man glaubte , in den ungelehrten , aber phantasiereichen Volksherren die doktrinärsten Physiognomisten vor sich zu sehen . Mancher angesehene Mann ward hier zu einem lächerlichen oder unheimlichen Popanz umgeschaffen , daß er leibhaft zu sehen war , und selbst die Verteidigung desselben hätte etwas Demütigendes für ihn gehabt , wenn er sie gehört hätte . Wie in einer ganz anderen Welt war ich hier als bei dem Schulmeister ; und doch fühlte ich mich gleich zu Hause und schlürfte die starken und rücksichtslosen Redensarten , die spöttischen und wilden Einfälle ebenso andächtig ein wie die gewählten ruhigen Worte von Annas Vater , ohne deswegen den Verkehr mit diesem zu verachten . Ich schien mir dort ein anderer und hier ein anderer und doch immer der gleiche zu sein . Ich freute mich , daß mein Leben eine Seite um die andere vor mir auftat , und war stolz darauf , indem ich mir einbildete , daß diese lustigen Männer mich ihrer Gesellschaft würdig hielten und ihre Witze vor mir nicht zurückhielten . Mit Vergnügen dachte ich an den Schulmeister und wie ich fürder ernsthaft und anständig mit ihm disputieren wolle , während ich doch noch von was anderm wüßte ; denn es schien mir nun darauf anzukommen , nirgends ausgeschlossen zu sein und alles zu übersehen , in welchem Vorsatze ich mir unendlich klug vorkam und nicht bemerkte , daß meine Einsicht bereits hintergangen war und ich als ein rechter Knabe in den Schlingen der schönen Judith saß ; denn ihrer Anwesenheit war ein guter Teil meiner Behaglichkeit zuzuschreiben . Die barmherzigen Brüder waren durch die Politik wieder rüstig und munter geworden und hatten die Flaschen wieder füllen lassen , obgleich Mitternacht lange vorüber , als Judith plötzlich aufbrach und sagte » Frauen und junge Knaben gehören nun nach Hause ! Wollt Ihr nicht mitkommen , Vetter , da wir den gleichen Weg haben ? « Ich sagte ja , doch müßte ich erst nach meinen Verwandten sehen , welche wahrscheinlich auch mitkommen würden . » Die werden wohl schon fort sein « , erwiderte sie , » denn es ist spät ; wenn ich nicht darauf gerechnet hätte , daß ich mit Euch gehen könnte , so wäre ich auch längst fort . « - » Oho ! « riefen die Zecher , » als ob wir nicht auch da wären ! Wir alle begleiten Euch ! Das soll nicht gesagt sein , daß die Judith nicht Begleiter zur Auswahl habe ! « brachen auf und sorgten , noch den frischen Wein unterzubringen , während Judith mir winkte und , auf dem Flur angekommen , sagte » Diese vier Heiden wollen wir schön anführen ! « Auf der Straße sah ich , daß der Saal , wo meine Vettern und Basen sich aufgehalten , schon dunkel war , und mehrere Leute bestätigten ihre Heimkehr . So mußte ich der Judith folgen , als sie mich durch ein dunkles Seitengäßchen ins Freie und durch einige Feldwege auf die Landstraße führte , daß wir einen Vorsprung gewannen und die vier Männer hinter uns rufen hörten . Indem wir eilend weiterschritten , gingen wir um einige Spannen entfernt nebeneinander her ; ich hielt mich spröde zurück , während mein Ohr keinen Ton ihres festen und doch leichten Schrittes verlor und begierig das leise Rauschen ihres Kleides vernahm . Die Nacht war dunkel , aber das Frauenhafte , Sichere und die Fülle ihres Wesens wirkte aus allen Umrissen ihrer Gestalt wie berauschend auf mich , daß ich alle Augenblicke hinüberschielen mußte , gleich einem angstvollen Wanderer , dem ein Feldgespenst zur Seite geht . Und wie der Wanderer mitten in seiner Angst sein christliches Bewußtsein wachruft zum Schutze gegen den unheimlichen Begleiter , trug ich während des verlockenden Ganges einen geistlichen Hochmut der Sprödigkeit und der Unfehlbarkeit in mir . Judith sprach von den Männern und lachte über sie , erzählte mir unbefangen die Dummheiten , die der eine ihr gemacht , und fragte mich , ob Luna nicht eine alte Mondgöttin wäre ? Wenigstens habe sie das immer vermutet , wenn sie jenes Lied in einem alten Buche gelesen ; es habe auch gut für den Schlingel gepaßt . Dann fragte sie mich plötzlich , warum ich so stolz geworden sei und sie seit Jahren nie mehr angesehen , viel weniger besucht habe ? Ich wollte mich damit entschuldigen , daß sie keinen Verkehr mit dem Hause meines Oheims pflege und ich daher schicklicherweise nicht allein sie besuchen könne . » Ach was ! « sagte sie , » Ihr seid ja auch noch mein Vetter und könnt mich von Rechts wegen wohl heimsuchen , wenn Ihr wollt ! Damals , wo Ihr so jung gewesen , habt Ihr mich so gern gehabt , und Ihr seid mir immer ein wenig lieb ; aber jetzt habt Ihr ein Schätzchen , in welches Ihr verliebt seid , und meint , keine andere Frau mehr ansehen zu dürfen ! « - » Ich ein Schätzchen ? « erwiderte ich , und als sie diese Behauptung wiederholte und Anna nannte , leugnete ich die Sache auf das bestimmteste . Wir waren unversehens beim Dorfe angekommen , in welchem noch viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute über die Straße gingen ; Judith wünschte ihnen aus dem Wege zu gehen , und obgleich ich nun füglich meine Straße hätte ziehen können , leistete ich doch keinen Widerstand und folgte ihr unwillkürlich , als sie mich bei der Hand nahm und zwischen Hecken und Mauern durch ein dunkles Wirrsal führte , um ungesehen in ihr Haus zu gelangen . Sie hatte ihre Äcker verkauft und nur einen schönen Baumgarten nächst dem Hause behalten , in welchem sie ganz allein wohnte . Der genossene Wein erhöhte die Aufregung , in welcher ich mich befand , wie wir so durch die engen Wege hinschlüpften , und als , bei dem Hause angekommen , Judith sagte » Kommt herein , ich will noch einen Kaffee kochen ! « und ich hineinging und sie die Haustüre fest hinter uns verriegelte , da klopfte mir das Herz wie mit Hämmern , während ich mich übermütig des Abenteuers freute und mich vermaß , dasselbe zu meiner Ehre , aber verwegen zu bestehen . An Anna dachte ich gar nicht , mein wallendes Blut verfinsterte ihr Bild und ließ nur den Stern meiner Eitelkeit durchschimmern ; denn genau erwogen , wollte ich nur um meiner