Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen . Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin , der eben mit Melanie von der Krone dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage , ob sie nicht glaube , daß dieser Herr der Prinz Egon wäre , mit den Worten : Über ein Kleines wird man ihn sehen und über ein Kleines wird man ihn nicht sehen ! Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher . Der Prinz ! Der Prinz ! sagte er . Kennt Sie ihn nicht mehr ? Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten , daß sie Alles , was man sie fragte , nur halb verstand . Da meinte sie denn : Viele sind berufen , aber Wenige auserwählt ! Bartusch hätte sie nun lieber sollen stehen lassen . Diese gute Alte war eben durch die lange Gewöhnung an kirchliche Äußerungen , durch überirdische Sehnsucht , zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung , in einen solchen Zustand der Verdumpfung gerathen , daß sie nur das allernächste Wirthschaftliche noch begriff und auf Bartusch ' s erneuertes Drängen , ob sie jenen jungen Mann nicht für den Prinzen Egon halte , unfähig war , sich zu sammeln und vernünftig zu antworten . Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften , der Blinde als wenn er sehen , der Taube als wenn er hören könnte . Seit Jahren schon waren sie gewohnt , ihre Sinne gegeneinander auszutauschen , und so kam es fast , daß der Blinde besser sah als der Taube , und der Taube besser zu hören schien als der Blinde . Sie faßten sich Beide an ; denn das Pferdegetrappel machte den Stand selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt . Der alte Zeck lächelte , weil er viel zu wissen schien , der junge lächelte , weil er entschieden nichts wußte und einfältig war . Jener grüßte in einem fort und sprach laut die lebhaftesten Reisewünsche aus , dieser nickte Allen zu und bestätigte stumm , was der Vater hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach , denn Niemand hörte auf sie ; selbst Dankmar nicht , dem diese Menschen seit dem Besuche des Amerikaners und Heunisch ' s harmlosen Mittheilungen nicht mehr gefielen . Nur Bello kümmerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten Einspänner viel unfreundlicher , als sich für den Abschied und die Ohren der Damen geziemte . Dankmar hörte dem Thiere die Freude an , zu seinem Herrn , dem Fuhrmann Peters , zurückzukommen , von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr zu wissen schien als Peters selbst . Doch suchte er den Lärmmacher ernstlich zu beruhigen . Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine Weile an den Wagenschlägen sich hielten , kam man noch einmal auf den sonderbaren Abschied des Pfarrers zu sprechen , der am Wege oberhalb einer Anhöhe stand und mit dem Tuche Allen nachwehte . Dankmar sagte zu Melanie : Den haben Sie auf dem Gewissen ! Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor , als wenn er beschlossen hätte , den nächsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten ! So soll er uns willkommen sein ! sagte Melanie . Seine Verse verrathen denselben Geist , den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben . Ich glaube es ist ein Poet . Etwas viel Gefährlicheres , sagte Dankmar . Es ist ein Genie ; wenigstens glaubt er es zu sein . An Betrachtungsformen der Dinge , an Reflexionen , sie bald so , bald so spielen zu lassen , scheint er in der That überreich zu sein . Von dieser Gattung Menschen hatt ' ich immer eine Ahnung , wie sie wol sein könnten und nun bin ich begierig , ob sich jetzt mit Ihrer Abreise das in Aufruhr und wilde Gährung gebrachte bedeutende Element in diesem da legen wird und er zurückkehrt zur gewohnten Ordnung und Resignation seines Lebens , oder ob es ihn nicht mehr ruhen läßt und er noch einmal den Faden seines Lebens , den er früher mit der Fürstin im Pietismus fast versponnen hat , zu einem neuen Gewebe anlegt .... Wäre das ein Doctor , sagte Lasally kurz und mit einer Art trockenen Humors , wie Alles was er sprach ; wäre Das ein Doctor , von dem ließ ' ich mich nicht curiren , und wenn mir nichts als ein Finger weh thäte . Es ist wol möglich , sagte Dankmar , daß er Ihnen soviel von dem Wesen einer Entzündung der Hand spräche , soviel geistreiche Wendungen für die Wichtigkeit der Fünfzahl im menschlichen Körper vorbrächte , bis ein ganz prosaischer Chirurg kommen und Ihnen von Ihren fünf Fingern den einen kranken abschneiden müßte . Dankmar sagte Das an der Stelle , wo ihm der vermeintliche Egon die Visitenkarte gegeben hatte .... Darüber zwar geneigt , in Betrachtungen zu versinken , konnt ' er doch solchen ernstern Stimmungen nicht nachgeben ; denn Melanie duldete keine Pause . Man kennt ja jene Stimmung der glücklich Liebenden , wenn sie ihr Geheimniß unter gleichgültig scheinenden Scherzen zu verbergen suchen und von der innern , ihre Brust mit dem Gefühl aller Seligkeiten zu sprengen drohenden Macht getrieben , in holdem Muthwillen bald nach diesem , bald nach jenem Gegenstande und Gedanken greifen , deren wirres Durcheinander wol den oberflächlich Blickenden dann täuscht , dem tiefern Forscher und Kenner der Herzen aber sich gar bald verräth ! Wenn auch hier die Forscher und Kenner fehlten , so fehlten doch Die nicht , die Melanie ' s Natur kannten . Alle wußten , daß der junge Fremde , der auf die Länge ihnen immer höher wuchs und für den Bruder eines in Melanie ohne Erhörung verliebten Malers fast zu hoch von ihr verehrt wurde , nicht Das sein sollte , wofür er sich ausgab . Man flüsterte staunend vom Prinzen Egon . Hatte man doch auch von einem Diener gehört , daß er einen mit einer Krone gesiegelten Brief zur Post gegeben ! War man doch betroffen über seine genaue Kenntniß aller innern und äußern Beziehungen der fürstlich Hohenberg ' schen Familie ! Nur das Wohlwollen schien ihnen befremdlich , das er ihnen Allen nicht entzog . War es der junge Fürst , so hatten sie Alle das Gefühl , daß er ihnen Etwas schenkte , worauf sie kaum Ansprüche machen durften . Und war er freundlich , ihrer finanziellen Ansprüche wegen , so lag darin Etwas , was ihn wieder geringer erscheinen ließ , als seiner Art zu entsprechen schien . Herr von Reichmeyer faßte ihn schon gering . Er nahm oft Gelegenheit , seine Unzufriedenheit mit Vielem auszusprechen , was sich ihm auf der Reise durch die Herrschaften des Fürsten zur Anerkennung oder Rüge darbot , und machte sich in der ganzen vollen Bedeutung geltend , die er dem bedrängten Erben haben mußte . Dankmar , unbekümmert , genoß nur den Augenblick . Er ließ ihn nur noch von Melanie erfüllen . Sie hatte ihm gesagt , daß sie den Intendanten auf dem Heidekruge einholen würden und daß bis morgen das Bild in seinen Händen sein würde .... Mehr bedurfte es nicht ... Er ließ Alles geschehen um des Bildes und um des süßen Abenteuers willen . In vollem Zuge genoß er das Glück des stillen Einverständnisses mit einem reizenden Weibe . Beseligt empfand er die Macht eines einzigen jener Blicke , die aus Melanie ' s dunkeln , liebeverheißenden Augen ihn für tausenderlei gleichgültiges Geplauder , Forschen , Blinzeln , Moquiren entschädigen sollten . Konnte ihm denn entgehen , daß Melanie nur seinetwegen so muthig auf ihrem Rosse aushielt , daß sie nur seinetwegen mit den Leuten am Wege scherzte ? Zwar gab sie sich die Miene , von einer brennenden Sehnsucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden . Sie fragte Jeden , ob sie nicht den schönen Mann in dem eleganten Reisewagen hinter der großen Thierbude gesehen hätten und da durch diese Örter noch der Transport des Mobiliars bei Nacht geschehen war , so stellte sie sich untröstlich , von Niemanden Auskunft zu erhalten .... Hier hat er geschlummert , rief sie , hier haben seine kleinen Ohren sich in die Kissen seines Wagens gedrückt ! Hier über diesen Stein rollten vielleicht die Räder seines Landaus und weckten ihn aus einem Traume , wo ich vielleicht eben vor ihm niederkniete und ihm sagte : Einziger ! Nur du ! Nur du ! Und wenn die Leute über eine gefahrene Thierbude , von der sie sprach , erstaunten , hier und da wol auch Jemand von dem ungeheueren Wagen gehört hatte , so sagte sie Andern wieder , es wäre eine Hütte , die ihr Geliebter mit sich führe , dieselbe Hütte , wo er sie zum ersten male gesehen und die er deshalb mit in sein Schloß nähme , um sie unter eine Glasbedeckung zu stellen .... Mit solchen Scherzen vergingen die ersten Stunden des Morgens , bis man sich am Gelben Hirsche sammelte und dort ein Frühstück einzunehmen beschloß . Comfortables Geschirr und feine Küche hatte man bei sich . Eier und Butter gab die Wirthschaft , die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden Wirthschaftsräthin geführt wurde . Zu verwandtschaftlichen Begrüßungen blieb hier nicht viel Zeit ; denn die so außerordentlich zahlreiche Gesellschaft drängte und setzte alle Hände des Wirthshauses in Bewegung . Der Bruder der Frau Pfannenstiel war wiederum nicht zugegen . Man sagte ihr , sie könnte ihm vielleicht noch begegnen ; er wäre in Helldorf , wo die angesehenen Eigenthümer der Gegend sich zu einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrügers Justus versammelt hätten . Die Wirthschaftsräthin wußte , daß ihr Bruder stark Politik trieb und war froh , daß sie sein drittes Wort nicht hörte : Schwester , thu ' Etwas für mich ! Ich habe ein halbes Dutzend Kinder .... Diese Kinder schmiegten sich denn auch , während die Mutter von der Verlegenheit über soviel Gäste fast überwältigt war , an die Tante , bekamen aber wenig andere Zärtlichkeit von ihr erwidert , als daß sie sich das Zerdrücken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat . Sie würde ihnen gern , sagte sie , von den Leckerbissen der Wagenvorräthe abgegeben haben , wenn sie nicht dann jene Beschädigung hätte fürchten müssen .... Lenchen lächelte dazu fein , ungläubig und betrachtete sie kaum .... Was ist Blutsverwandtschaft , wenn sie nicht durch den ebenbürtigen Geist vermittelt wird ! Unter einem Apfelbaum hinterm Hause nahm die Gesellschaft Platz und breitete ihre Vorräthe aus , während die Dienerschaft auf Käse und Butter aus der Wirthsküche und eine schnelle Revision aller Hühnernester angewiesen war . Frau von Reichmeyer vertheilte Teller , Servietten , Gläser , putzte und reinigte , was ihr nicht sauber schien , während die Justizräthin mit gutmüthigen Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu kehren trachtete . So heiter man schien , so entging es Dankmarn doch nicht , daß er anfing die Gesellschaft zu drücken . Seine Anwesenheit belästigte wol nicht , im Gegentheil mußte sie Allen , selbst Lasally , der oft von seiner Anklage gegen Hackert sprach , interessant erscheinen ; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein befangener . Bartusch hatte sich entschließen müssen , Schlurck ' s Brief mitzutheilen . Er ging heimlich von Einem zum Andern . Man las , man verglich , man zweifelte und glaubte , jenachdem Dankmar in der Laune war , die geheimen Zeichen des Zweifels und des Glaubens , deren Gründe er wol errieth , durch sein Benehmen zu unterstützen oder zu widerlegen . Hätt ' er nicht immer noch annehmen müssen , diese doch hochstrebende , von der großen Gesellschaft verwöhnte Melanie gäbe sich seinen Planen vielleicht doch wol nur hin , weil sie in ihm die Eroberung eines Fürsten zu haben glaubte , er hätte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft zu erkennen gegeben , das er wirklich war . In dieser Stimmung kam ihm ein Gruß sehr willkommen , den ihm ein an dem Apfelbaume Vorübergehender schenkte . Es war Heunisch , der Jäger . Alle kannten ihn . Es befremdete nicht wenig , daß Dankmar , den das seinetwegen stockende Gespräch fast verlegen machte , aufstand , Heunischen , der ins Haus gehen wollte ( er kam durch den Garten , vom Felde her ) auf die Schulter schlug , ihm freundlich die Hand schüttelte und mit ihm nach der Straße zu durch das Haus ging . Die Kinder umjubelten den fleißigen Besucher dieser Stätte , auf der ihm so Schmerzliches begegnet war . Sie grüßten seinen Hund , den sie liebkosten . Sie nahmen dem Onkel , wie sie Heunisch nannten , den Hut und selbst die Flinte ab , die er ihnen heute gab , weil sie nicht geladen war . Das Pulverhorn behielt er . Dankmar knüpfte gleich an Heunisch ' s Erinnerungen an und wollte von Ackermann , von Selmar , von der Ursula und ihrer Erbschaft hören . Während die Gesellschaft im Garten frühstückte , setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor dem Gelben Hirsch , dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes , das über der Thür als Wahrzeichen einer Herberge hing , die man nach der Gesinnung des Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des » Heidekruges « nennen konnte . Gelb hieß der Hirsch wol deshalb , weil das Haus grell gelb angestrichen war oder ... umgekehrt . Wir werden begierig sein , wie die Ansichten des lebhaften , unruhigen , in seinen Finanzen zerrütteten Hirschenwirthes in Helldorf mit denen des Heidekrügers über die Wahl des Justizraths Schlurck zusammentreffen müssen , wollen uns aber einstweilen mit Dem begnügen lassen , was uns unser alter Freund , der gutmüthige Jäger , noch aus seinem grünen Reviere erzählen wird . Elftes Capitel Ein Nachhall aus dem Walde Heunisch , der Förster , war ein so zerstreuter , gutmüthig vergeßlicher Mann , daß er nicht errathen konnte , was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen hatte . Er fing sogleich , als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte , den er neben sich auf die Bank stellte , während Dankmar durch Abrücken Platz machte ... er fing sogleich von Dem an , was Dankmar bereits wußte . Ja , ja , sagte er , hier hab ' ich meine erste Braut , das Riekchen Drossel verloren . Da die Scheune ist , wie Sie sehen , neu gebaut und auch das Wohnhaus ist fast neu ; doch sind ' s schon wieder fünfzehn Jahre her und Alles sieht schwarz und vergessen aus . Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen ? Welches Kreuz ? fragte Dankmar , selbst zerstreut . Das Kreuz um Sägemüller ' s Nantchen ! Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin und erzählen ihm mein Elend ... Dankmar besann sich und bedauerte , sich die Stätte nicht angesehen zu haben . Das Kreuz an dem Wasserstrudel , sagte Heunisch , ist gleich von Hause aus schwarz . Drum hält sich ' s immer wie neu . Die Frau Fürstin ließ es setzen . Sie war doch gut ... und eigentlich ist ' s nicht recht , daß ich öfter hierher gehe als an das Kreuz . Warum nicht ? Hier findet Ihr Trost und Labung . Nein Herr , sagte Heunisch , oft werf ' ich mir ' s wirklich vor , daß ich lieber hierher gehe und mich gewöhnt habe , fast alle drei Tage bei Drossel ' s zu sein , als auf die Sägemühle zu , wo ich selten hinkomme und doch weiß ich nicht , wessen Tod mich mehr geschmerzt hat ... Nantchen ' s oder Riekchen ' s. Nantchen war schelmisch und behend wie ein Reh ; sonst hätte sie mich Riekchen nicht vergessen lassen , die so freundlich hier die Gäste empfing und gleich wenn sie bedient hatte , sich wieder zum Arbeiten hinsetzte , da hinter die Blumen am Fenster . Lieber Gott , ich rede von damals ! Damals lag das Fenster hier unten rechts und Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube . Ich sehe sie noch mit ihrem Kamm von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack .... Jetzt ist der Flügel ganz abgebrannt und neu angebaut , die Scheune ist neu und der Stall . Der Wind trieb den Brand nach Scheune und Stall und im Hause verbrannte Die nur , die verbrennen sollte . Verbrennen sollte ? fragte Dankmar verwundert . Wer wollte denn , daß sie verbrannte ? Ist ' s denn nicht Gottes Rathschluß , so wie so , und was uns bestimmt ist , wer kann ihm entgehen ! antwortete Heunisch nachdenklich . Er kam dann auf die Schwester seiner Braut , die er wol erkannt , aber nicht gegrüßt hatte ... die Frau Wirthschaftsräthin . Überhaupt war er erschrocken , da unter dem Apfelbaum so die ganze » Bescherung « vom Schlosse anzutreffen .... Was sie wol mögen herausgebracht haben über unser Aller Schicksal , fragte er ; denn - nehmen Sie mir ' s nicht übel , Herr ... Sie gehören doch wol auch ... Zu den Gläubigern ? sagte Dankmar kopfschüttelnd und gab ihm den Trost , daß sich der Prinz ohne Zweifel noch entschließen würde , die Herrschaft beizubehalten , worüber Heunisch große Freude bezeugte . Dann aber fuhr Dankmar fort : Aber Heunisch , Sie sind mir ja noch Eins schuldig ... wissen Sie denn nicht mehr ? ... Ich wollt ' Ihnen was erzählen ? Von der Fränz in der Stadt ? Nicht wahr ? Nein ! Nein ! Von den Kugeln unterm Ebereschenbaum ? Erfuhr ich schon ... Nein , nein ! ... Ob die Ursula Marzahn ... gestanden hat , daß ihr der Amerikaner ... Ah Das , Herr ! Ja offen und ehrlich hat sie ' s ! sagte Heunisch lachend . Alles hat sie gestanden , das Geld hergezählt und mir übergeben , freilich in ihrer Art , accurat so , daß Einer , der sie nicht kennt , lieber nichts davon hätte wissen mögen ... Wie denn ? fragte Dankmar , mehr wegen Ackermann ' s und des Knaben , als wegen der Ursula gespannt . Wie ich hinüber kam in mein Haus , erzählte Heunisch , da begegnete mir schon an der Wiese der fremde stattliche Herr mit dem lieben Jungen . Allerliebstes Kind Das ! Nach seinem Geschäft , wenn es doch ein geheimes sein sollte , mochte ich ihn nicht fragen und er sagte selbst weiter nichts davon und grüßte blos . Da er denn aber doch in meinem Hause war , so blieb ich stehen und er fing an recht freundlich zu werden und meinte , daß ihm die Alte nicht gefalle . Ei , Herr , sagt ' ich , die hat schon Manchem nicht gefallen , kommen Sie aber nur wieder mit zurück ; es hat eben Jeder seine Art. Nein , nein , sagte er und der kleine Bursch schmiegte sich ihm ordentlich furchtsam an , sie hat den tauben Schmied da behalten , mit dem sie sich so wahnwitzig curios verständlich macht , daß Leute , die hören können , besser die Ohren zuhalten und davongehen . Hätte mein Junge Drüsen am Hals oder sonst ein Kinderübel , so käm ' ich schon wieder ; denn die Alte scheint mir zu den Wahrsagerinnen , Kartenlegerinnen , und ums gerade herauszusagen , zu den Hexen zu gehören ! Das war rundweg gesprochen , Heunisch ! Da ich mich dagegen im Grunde nicht sträuben konnte und es geschehen lassen muß , wenn man die Ursula so nimmt , wie sie sich eben gibt , so mußt ' ich ihn wol ziehen lassen . Nun aber hielt der Amerikaner mich selber auf und fragte die Kreuz und Quer , nach Feld , Wald und Wiese in Hohenberg und wollte Tausenderlei von unserer Ökonomie wissen . Endlich kam ich in mein Haus , wo ich denn richtig die Ursula mit der goldenen Bescherung antraf . Sie hatte all ihr Gold , es waren hundert doppelte Friedrichsdore , in der Schürze und rief mich gleich an : Schnappauf , Junge ! Schnappauf Junge ? wiederholte Dankmar . Das klingt ja ganz kindlich ! Ich mußte gleich die Mütze hinhalten und in die Mütze , die ich hinhielt , schüttete sie ' s mir , Alles baar und blank und tanzte dabei wie närrisch .... Tanzte ? Sie hielt ' s für Katzengold , sagte sie . Katzengold ? Heunisch , dann müßt Ihr ' s doch wol wiegen lassen . Wie so ? Sie kann ' s ja gleich verhext haben . Ach Spaß ! Ich sah schon , daß die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare sind und über Nacht nicht wieder Kohlen werden . Nächsten Sonntag sollen die Zeck ' s bei uns zu Mittag speisen und da wollen sie denn zusammen abmachen , was sie mit dem vielen Gelde beginnen . Seht ! Seht ! sagte Dankmar , da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben .... Ich mag nicht dabei sein ; antwortete der Jäger . Wo man vielleicht Wein trinkt ? Der Blinde verdirbt mir den Appetit .... Ihr söhnt Euch aus ... Mit einem Habgierigen nicht ! Ist Das so ein Währwolf ? Ein Blutsauger , was das Geld anlangt ... Der blinde Zeck ? Der Mensch ist heimlich , wie ich Ihnen schon gesagt habe .... Unheimlich ... Aber man könnte ihn in Ehren grünen und blühen lassen , was die Arbeit , den Fleiß und die gute Aufführung anlangt .... Und dennoch ? Seine Habgier ! Das ist die Plage ! Er scheint doch in leidlichen Umständen ... Für sich bedarf er nichts , aber sein Junge ... den liebt er , wie ein Affe seine Jungen ... Macht ihm Ehre ... Wol ! Das sag ' ich auch . Aber Alles in seinen gehörigen Grenzen .... Da habt Ihr Recht ! Wie quält er seine Schwester ! Seine Schwester ? Quälen ? Erkennt die Ursula einen Meister ? O Herr , Das ist nicht zu sagen ! Ich warf ihn schon oft zur Thür hinaus ! Was , glaub ' ich , nicht leicht ist . Er hat Arme ! Daß er nicht sehen kann , ist sein einziger Jammer ... aber am Zuschlagen hindert ' s ihn nicht . Er sucht wol , wo es etwas zu fischen gibt ? Für seinen Jungen , für den er sammelt , für den er spart und geizt ... denn es ist wol ein elender Mensch , der Sohn , wenn der Alte einmal ... Die Augen zuthut , kann man nicht sagen ... Kann man nicht sagen ... Aber doch sieht er mit den Händen , mit den Füßen , mit der Nase , mit den Ohren . Da ist in unserm Forsthause ein Schrank ... Sie hätten uns doch besuchen sollen ... Das nächste mal , Heunisch ! Den Schrank hab ' ich der Ursula gelassen , weil er ihr schon bei Marzahn gehörte . Da hat sie alle ihre Papiere drin und Geldsachen und Quacksalbereien und was weiß ich ... Ihr seid , bei Gott , nicht neugierig ! Nein , Herr ! Vertrauen und Accuratesse ! Das war immer mein Wort ! Ich lasse die Ursula in ihren Schrank legen , was sie will . Und wenn der Schlüssel auf dem Tisch läge .... Ihr nähmt ihn nicht ? Ich nähm ' ihn nicht .... Aber Zeck ? Der wäre nicht so rücksichtsvoll ? Auf den Schrank hat er ' s ! Den umschnüffelt er ! Da wittert er Gold und Silber und Erbschaften und Verschreibungen .... Alles für seinen Sohn ? Für den Jungen , der einmal blinder als blind ist , wenn der Alte nicht mehr ist . Doch immer eine väterliche Fürsorge ! Etwas Achtbares dabei ! Ei ja ! Ich will ' s gelten lassen . Ich gönn ' ihm sein Geld , ich gönn ' ihm die Erbschaft , die der feine Herr aus Amerika gebracht hat ... aber ... Von wem kommt denn die Erbschaft ? Im Vertrauen , glaub ' ich - von einem verstorbenen Bruder , der hoffentlich ein seligeres Ende genommen hat als er es verdiente .... Eine seltsame Familie ! Lassen Sie ' s gut sein , Herr ! Ich hab ' s nie wissen mögen , warum sie seltsam ist und so weiß ich auch nicht , warum Schwester und Bruder an das Gold nicht glauben wollen .... Das sie doch mit Händen greifen ? Das sie mit Händen greifen ! Katzengold , sagt die Ursula .... Der Bruder war doch etwa ... kein Falschmünzer ? Stille ! Stille ! Das ist wieder mein vergrabener Brunnen .... Ich war gestern Abend noch an der Schmiede . Der Blinde sitzt vor seinen Goldstücken und klingt Eines an das Andere an , ob es auch echt ist .... Das nenn ' ich Mistrauen ! Ja , ja , Sie lachen , bester Herr ! Ich sitze , weiß Gott , recht unter tollen Geschichten und wenn sie mir denn doch zu bunt werden , geh ' ich hier hinauf in den Gelben Hirsch . Hier ist ' s luftig und frei . Ein gesunder Zug in die Brust hinein stärkt mir die Lungen hier , und hätt ' ich nicht Hunde daheim und ein paar alte Eulen und eine ganze Stube voll Vögel und freilich auch mein Brot im Walde und die Hoffnung , die Fränz kommt einmal aus der Stadt für immer wieder heraus zu mir , ich ginge am liebsten nicht wieder hinein , so schwül wird ' s mir manchmal , denn die Gespensterseherei der Alten nimmt überhand .... Dankmar nahm innigen Antheil an dem guten treuen Menschen und erzählte ihm auch seinerseits Einiges von der Verlegenheit , in die er durch die bei einem ihrer Gespenster gefundenen Kugeln käme ... Das Gespenst da , sagte Heunisch rasch , hab ' ich seitdem auf dem Strich und bin ihm schon so nahe beigekommen , daß ich ihm ein Halt da ! Steh Canaille ! hätte zurufen können . Wirklich ? fragte Dankmar gespannt und fast in der Hoffnung , der Förster möchte ihm nun ja Hackerten als den Verdächtigen bezeichnen , seinen Begleiter , den er von seinen Anzüglichkeiten auf die schöne kleine Franziska schon kannte . Es kam auch so zum Vorschein . Der Jäger sagte : Da Sie selbst darauf kommen ... will ich auch nicht zurückhalten .... Sprecht offen ! sagte Dankmar . Wir sind gute Freunde .... Drum thut mir ' s leid , daß Sie mit dem ... Also der Rothhaarige , der mit mir hier auf dem Gelben Hirsch ... Der Buschklepper , den ich seitdem hier und da herumspuken sehe ... Gestern Nacht hatt ' ich mich bei den Holzschlägern verspätet . Die Leute müssen bis in die helle Mondnacht schlagen , um nur für die Nimmersatts da unterm Äpfelbaum aus unsern jungen Pflanzungen , die sich kaum erholen können , Silber zu münzen . Sprechen Sie leiser ! Ach was ! Sie können ' s hören ! Mit der Frau Wirthschaftsräthin , Herr , können Sie doch nicht unter einer Decke stecken .... Nein ! Heunisch , und wenn ' s eine seidene wäre ! sagte Dankmar lachend und gespannt . Nun ja ! Es mochte gestern schon stark nach zehn Uhr sein , als ich meinen rothen Burschen über die Wiese streifen sah , die vom Plessener Thurm her , hinterm Gebüsch um den Schloßberg , in den Wald führt . Er rannte mehr als er ging . Mein rother Begleiter ? Ich denke wol ! Ich stelle mich hinter einen Baum , um ihn besser zu beobachten . Er sieht sich überall um , und Jeder hätte geschworen , der Kerl hat ein böses Gewissen . Endlich ging er langsamer , ich ihm nach . So mocht ' ich eine halbe Stunde hinter ihm geschlichen sein , als ich sehe , daß Dies der Weg zum schwarzen Kreuz ist , wo mein Nantchen vom Felsen glitt . Es ist ein gespenstiger Ort , fast wie eine Kirche bei Nacht . Rings über dem Wildbach stehen gerade hier rundum alte Bäume und uralte Felsensteine und sehen so zackig und knorrig in die Flut hinunter , daß ich mir schon manchmal gedacht habe , wenn die alten Äste einmal lebendig würden und husch ! wie Schlangen durcheinander führen und dich einmal packten , Heunisch ! Ihr habt Phantasie , Heunisch ! Es preßt mir immer die Kehle , wenn ich an den Ort komme und das Kreuz so ernst , gerade als ob es reden wollte , da oben steht und mir vorwirft , daß ich am Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt hätte , weil ich immer auf dem Gelben Hirsch bin .... Ihr seid zu gewissenhaft , Heunisch ! Nantchen von der Sägemühle freut sich im Grabe , wenn Ihr getröstet seid . Da bin ich denn umgekehrt und hab ' den Schelm aus dem Gesicht verloren . Nun hab ich ' s aber der Ursula erzählt ... wissen Sie , was Die sagte ? Ich bin begierig ... Es ist zum Lachen , fuhr Heunisch fort ; das schwachsinnige alte Weib ließ sich nicht ausreden , daß sie ihren Bruder gesehen hätte . Es ist ja Fritze aus Amerika , sagte sie , der uns das Katzengold gebracht hat und sieh Einer nur nach , unten , im Bach , wo Schön Nantchen stolperte , da liegt noch weit mehr von dem Dreck . Geh hin , Heunisch , da liegt ein ganzer Schatz ! Ja Schatz ! Mein Schätzchen liegt