die Welt ! « fiel Bianca ein . » Aber hören Sie ! Morgen zwischen vier und fünf Uhr ist Concert im Elbpavillon . Ich muß dort erscheinen , um - doch wozu davon sprechen ! - Am dritten Fenster des Saales vom Millernthor her mit der Aussicht auf die Anlagen werden Sie mich finden . Ich trage ein schwarzes Kleid und ein Sträußchen vor der Brust mit einer dunkelrothen Nelke . « » Adieu , Bianca , auf Wiedersehen ! « Aurel drängte sich durch die fortstürzende Menge hinaus auf die Straße . Der Nebel hing noch wie früher trüb und feucht über der menschenwimmelnden Stadt . Auf den Thürmen schlugen die Glocken an , und der Widerschein einer erst beginnenden Feuersbrunst schimmerte mattroth durch die dicke Luft . Auf den Wällen wurden die Lärmkanonen gelöst - nah und fern hörte man Feuerruf und das Getöse zu Hilfe eilender Menschen . Als der Kapitän sich dem Hafen näherte , vernahm er , daß das Feuer gar nicht unter den vor Anker liegenden Schiffen ausgebrochen sei . Ein kleines schmales Haus auf dem Kajen , in dessen unterstem Geschoß sich eine gemeine Matrosenkneipe befand , war von der Küche aus in Brand gerathen und stand jetzt in vollen Flammen . Bei der stillen Luft und den in Uebermaß vorhandenen Lösch-Mannschaften war keine Gefahr vorhanden . Die meisten Herbeigeeilten hatte die Neugier hergelockt . Sie standen müßig in den anstoßenden Straßen und sahen ruhig dem still brennenden Feuer zu . Einen nicht geringen Theil dieser Zuschauer machten die geputzten Mädchen aus , die noch vor einer Viertelstunde im Freudentaumel des wildesten Tanzjubels geschwelgt hatten . - So angenehm es dem Kapitän auch war , daß er sein Fahrzeug außer Gefahr wußte , so sehr verdroß es ihn , durch den unnützen Lärm in seinem so interessanten Gespräch mit der schönen Bianca gestört worden zu sein . Es war ihm lieb , daß das schöne Geschöpf seiner Bitte gewillfahrt hatte . Er konnte kaum den nächsten Tag erwarten . Während er jedoch langsam und in Gedanken durch die noch sehr lebhaften Straßen nach Hause schlenderte , fiel ihm die Erinnerung an Elwire wieder schwer auf ' s Herz . Seine Sucht nach Abenteuern , verbunden mit Gutmüthigkeit , drohte ihn in Verlegenheit zu bringen . Aus purem Leichtsinn hatte er sich da in einem Athem zwei Mädchen aufgebürdet , von denen beiden er noch nicht wußte , ob sie es auch verdienten , daß sich ein rechtschaffener Mann für sie verwendete . » Gleichviel , « rief er nach einigem Nachsinnen sich ermuthigend zu , » ich habe mich für Beide interessirt , mich gleichsam zum Ritter Beider erklärt , und ein ehrlicher Kerl hält sein Wort ! « Für Elwire mußte zuerst gesorgt werden . Das verlassene Mädchen harrte gewiß mit schmerzlichem Verlangen auf den neuen Morgen und zählte die verrinnenden Minuten . Aurel mußte ein Asyl für sie ermitteln . Das hatte er zwar von Anfang an beabsichtigt , allein nun die Zeit schnell heranrückte und rasches Handeln erheischte , sah der leichtblütige junge Mann ein , daß ihm der Verstand wieder einmal mit der Zunge davon gelaufen sei . Zum Glück kannte er eine würdige vermögende Familie , in deren Hause er häufig ein- und ausging . Dahin mußte er vorerst seine Schutzbefohlene bringen . Zu diesem Entschlusse gekommen , erreichte er sein Haus . Er setzte sich sogleich hin und schrieb noch einige Zeilen an die Frau vom Hause , worin er ihr den Eintritt eines jungen Mädchens in ihre Familie ankündigte . Nähere Ausschlüsse über dasselbe zu geben , behielt er sich mündlich vor . Als Aurel das Billet couvertirte und mit seinem Wappenringe zusiegelte , kam auch Gilbert heim . Der junge Mensch sah ziemlich wüst und beschmuzt aus . » Du warst beim Feuer ? « fragte Aurel . » Ja , Herr Kapitän , ich bin ein solcher Narr gewesen . Hätte ich gewußt , daß weiter Nichts brennte , als eine Käsehütsche , zehn Teufel hätten mich nicht aus dem Bacchussaale gebracht ! Ich war vergnügt , wie ein König . In meinem Leben habe ich mich so vortrefflich noch nicht amusirt ! Gott , welche Gestalten ! Welch süßes Fleisch ! Welche Gluthaugen ! Ich bin ganz toll geworden , Herr Kapitän ! « » Das hör ' ich , « sagte Aurel , der inzwischen die Adresse auf den Brief geschrieben . » Damit Du nun recht bald wieder zu Dir kommst , geh ' jetzt zu Bett und schlafe bis morgen früh sieben Uhr . Hörst Du ? Nicht länger , sonst verfällst Du in Strafe ! Denke , Du seist zur See und schliefst auf Commando . Halb acht Uhr muß dieses Billet an seine Adresse abgegeben sein . Gute Nacht , mein Junge ! « Gilbert empfing den auf duftendes Rosapapier geschriebenen Brief und stierte seinen Gebieter verdutzt an . Da Aurel unbekümmert darum in sein Schlafzimmer ging , warf der Jüngling das Briefchen verdrießlich auf den Tischriß sich die Jacke auf , um freier Athem zu schöpfen , und zog sich brummend ebenfalls in seine Kammer zurück . Viertes Kapitel . Ein Fund . Vor dem Dammthore bewohnte die Wittwe Oehlers mit ihrer erwachsenen Tochter Clara ein heiter gelegenes , von wohlgepflegten Rasenplätzen und dichten Hecken umschlossenes einfaches Haus . Diese Lage unmittelbar vor der Stadt und doch in der kühlen grünen Umarmung eines kleinen Parles vereinigte auf ' s angenehmste die Vorzüge des Stadtlebens mit dem freien Genuß ländlicher Einsamkeit und gestattete der noch rüstigen Frau , Sommer und Winter in dem ihr lieb gewordenen Hause zuzubringen . Madame Oehlers war die Wittwe eines reichen Hamburger Kaufherren , der ihr bei seinem Tode ein großes Vermögen nebst einem blühenden Handelsgeschäft hinterlassen hatte . Die Wittwe suchte nach dem Ableben ihres Mannes für die Fortführung dieses Geschäftes , das sie nicht selbst betreiben konnte , einen zuverlässigen Mann , der sich desselben annehmen sollte , und machte dies in mehreren weit verbreiteten Zeitungen bekannt . Dies geschah um jene Zeit , wo die Grafen von Boberstein und namentlich Adrian mit dem Plane umgingen , in Hamburg , als dem ersten Stapelplatz des norddeutschen Handels , ein eignes Handelshaus zu gründen , um mittelst desselben die Erzeugnisse ihrer Spinnerei mit größerem Gewinn wieder umsetzen zu können . Adrian zog genaue Erkundigungen über die Verhältnisse der Firma Oehlers ein , fand dieselben seinen Wünschen vollkommen entsprechend und machte der Wittwe den Vorschlag , das Geschäft käuflich an sich zu bringen . Man einigte sich in Kurzem über den Kaufpreis , über die Zahlungstermine und was sonst noch bei derartigen Veräußerungen festzustellen und zu berücksichtigen ist . Madame Oehlers war froh , eine große Sorge los zu sein , Adrian hatte unter verhältnißmäßig billigen Bedingungen ein in der großen Handelswelt accreditirtes Geschäft erhalten und konnte nunmehr mit bedeutendem Gewicht an der Börse erscheinen . Ein Geschäftsführer , wie er ihn wünschte , war ebenfalls bald gefunden und somit die Angelegenheiten zweier Familien zu beiderseitiger Zufriedenheit geregelt . Durch das Hin und Wider während der Geschäftsunterhandlungen hatte sich im Verkehr zwischen den Gebrüdern Boberstein oder , wie sie als speculirende Handelsherren sich consequent nannten , am Stein und der Familie Oehlers ein freundschaftliches , auf gegenseitige Achtung gegründetes Verhältniß ausgebildet . Als späterhin Aurel von England herüber kam , um als Rheder festen Fuß in Hamburg zu fassen , öffnete Madame Oehlers dem lebenslustigen Manne ihr gastfreies Haus . Clara , hübsch , jung und aufgeweckten Geistes , eine Meisterin auf dem Fortepiano , das sie leidenschaftlich gern spielte , war für Aurel ein fesselnder Magnet , wenn er auch keine ernstlichen Absichten auf das junge Mädchen hatte , was die Mutter laut , die Tochter vielleicht im Stillen wünschte . Die Flatterhaftigkeit des jungen Kapitäns und sein Hang zu sinnlichen Ausschweifungen konnte den Frauen zwar nicht gar lange verborgen bleiben , allein es störte derselbe doch in keiner Weise den freundschaftlichen Verkehr unter einander . Clara ärgerte sich freilich , so oft ihr wieder ein neuer toller Streich des in der Stadt umher schwärmenden Kapitäns zu Ohren kam , persönlich aber ward er ihr dadurch nur interessanter . Sie war nie freundlicher , zuvorkommender , liebenswürdiger , als wenn sie Aurel recht viele Jugendsünden zu vergeben hatte , und Aurel konnte wieder nie zarter dem jungen Mädchen begegnen , als nach wild durchtobten Nächten . An ein Verhältniß mit Clara oder gar an eine Heirath mit ihr dachte er nicht . Das hatte bei ihm noch lange Zeit ; zuvor wollte er auf die lustigste und mannichfaltigste Weise sein Leben genießen . - Clara hatte eben die singende Theemaschine auf den zierlichen Kohlenhalter gesetzt , um für sich und die Mutter das Frühstück zu bereiten , als der Bediente einen Brief überbrachte . Es war das Billet Aurels . Die Wittwe erbrach es und durchlas mit einigem Staunen die wenigen Zeilen . Sie las sie zwei- und dreimal und legte sie dann kopfschüttelnd neben sich auf ' s Sopha . » Von Aurel ? « fragte Clara neugierig , denn ihr scharfes Auge hatte das Wappen erkannt . » Von unserm abenteuerlustigen Kapitän , « erwiederte die Mutter mit ironischem Lächeln . » Der muntere Herr , scheint es , wird mit jedem Tage ausgelassener , ja kennte ich nicht bereits zur Genüge seine excentrischen barocken Einfälle , so würde ich das , was er mir in diesen Zeilen meldet , gradezu für eine Mystification halten . « » Ja was gibt es denn ? « fragte mit schlechtverhehltem Aerger die Tochter , indem ihre vollen runden Wangen im Feuer der Eifersucht erglühten . » Hat Aurel einen dummen Streich gemacht ? « » Das wag ' ich gegenwärtig noch nicht zu entscheiden , liebe Tochter . Höre , was mir der tolle Mensch schreibt . « Madame Oehlers nahm den Brief wieder auf und las : » Meine verehrteste Freundin ! Wenn Sie beim Lustwandeln irgendwo eine zarte Blume von wunderbarer Farbenpracht und süßem Duft gewahren , die eine frevelnde Hand absichtlich zerstören will , nicht wahr , dann schirmen Sie das bezaubernde Gewächs gegen boshafte Gewalt und bergen sie an Ihrem Busen ? Ich habe durch Zufall heut Abend eine solche Blume gefunden , ein junges Mädchen , weiß , zart , schlank , wie die Lilien in Ihrem Garten , bescheiden , wie ein Veilchen , sanft , gut und schuldlos , wie jedes unverdorbene Frauenherz . Dieses schöne , verlassene Mädchen entriß ich den Händen eines Wüthrichs , der ihr Vater zu sein vorgibt . Sie warf sich mit Freudenthränen vor mir nieder und wollte gar nicht mehr von mir lassen . Was war da zu thun ? Ich versprach dem lieblichen Kinde Schutz und Pflege , aber in meine Kammer kann ich sie doch nicht nehmen ! - Da dachte ich an Sie , meine treffliche Freundin , an Ihre Güte , Ihre sinnige Tiefe , Ihren schönen wohlthuenden Gleichmuth ! Ich dachte auch an die gute liebe Clara und ihre Engelsstimme . Nicht wahr , Sie Beide , Mutter und Tochter , Sie können mir nicht abschlagen , bei einem verlassenen Mädchen so lange Mutter- und Schwesterstelle zu vertreten , bis - ja wie lange denn ! Gott mag es wissen ! Genug , machen Sie sich morgen vor Mittag auf einen Besuch gefaßt , der Sie überraschen wird , und vergeben Sie im voraus für solche Ueberrumpelung und Erweiterung Ihres Familienkreises Ihrem unermüdlichen Kreuzer Aurel . « » Was hältst Du davon , meine Tochter ? « Clara war noch weit ärgerlicher geworden . Sie kniff recht bitterböse den kleinen Mund zusammen und sagte , noch tiefer erröthend : » Ich finde das Verlangen des Herrn Kapitäns über Gebühr ungezogen . Uns ein stockfremdes , vielleicht gar gemeines Mädchen aus freien Stücken ins Haus zu schicken ! Manchmal scheint es wirklich , als leide der gute Mann an Verstandesschwäche . « » Verdamme ihn nicht , liebes Kind ! Aus seinem Schreiben geht hervor , daß er eine gute That entweder gethan hat oder doch hat thun wollen . Dies müssen wir vor Allem ins Auge fassen und darüber das Ungewöhnliche seines Verlangens vergessen . Lassen wir uns immerhin das Mädchen vorstellen , dem unser wackerer Kapitän seinen Schutz zugesagt hat . Entspricht sie unsern Erwartungen , so kann sie bei uns bleiben und Dir eine liebe Gefährtin werden ; sollte sie unsere gewohnte Ordnung stören , uns überhaupt nicht gefallen , so wird es ja doch Mittel und Wege geben , für ein verlassenes Geschöpf auf anständige Weise zu sorgen . « » Ich wette , daß es eine von den saubern Liebschaften des Herrn Kapitäns ist ! « versetzte Clara , ein Stückchen geröstetes Weißbrod mit ihren Perlenzähnen zermalmend , um den aufkochenden Aerger besser verschlucken zu können . » Man kennt den Herrn von dieser Seite , und es wundert mich wirklich , liebe Mutter , daß Sie ihm noch nicht einmal recht tüchtig den Text gelesen haben . Sie könnten es am ersten , vor Ihnen hat er Respekt , und es ist doch wirklich gradezu ein Unglück und eine Schmach , daß ein so gescheidter , tüchtiger , liebenswürdiger junger Mann aus einer so alten und ehrwürdigen Familie sich und seine Ehre so ganz vergißt und wohl auch noch Andere obendrein compromittirt ! « » Auch die Sonne hat ihre Flecken , liebe Tochter , « sagte die Mutter sanft und gelassen . » Kapitän Aurel ist gut , nur etwas flatterhaft ; und das ist für einen Mann von Geist und Herz kein gar zu arger Fehler . Ueberdies sagt man ihm mehr Schlimmes nach , als er verdient . Weil er den Mädchen gefällt , verleumdet man ihn . Das ist so der Welt Lauf . « » Er wird nie ein Mädchen glücklich machen ! Welch Frauenherz soll auch einem solchen Wüstling vertrauen ! « » Jedes , mein Kind , glaube mir ! Man hat zahllose Beispiele , daß solche überlustige Kumpane die besten , treuesten , zärtlichsten und aufmerksamsten Gatten geworden sind . « » Es ist aber doch schlecht ! « » Man kann es nicht billigen , liebe Clara , allein man muß und darf es entschuldigen . « » Ich sehe den Kapitän nicht mehr an , wenn er nicht ein ganz anderer Mensch wird . « » Schwöre nicht darauf ! « versetzte die Mutter lächelnd . » Man nennt uns nicht mit Unrecht das schwache Geschlecht . Ein Wort , ein Blick , eine Bitte versöhnt uns schneller , als wir glauben , und häufig sind grade die Fehler der Männer die scharfen Angelhaken , an denen wider Willen unsere Herzen hangen bleiben . Wir können wohl den Haß der Abwechselung wegen und um uns selbst zu genügen bisweilen versuchen , zur Meisterschaft bringen wir es in ihm nie . Auch aus dem geringsten unserer Blicke leuchtet ein Versöhnungsfunke der vergebenden Liebe , die Gott in unser Herz gelegt hat ! - Und was , mein Kind , was hat Dir der Kapitän gethan , daß Du so gar böse auf ihn bist ? « Clara seufzte , bückte sich , als suche sie etwas am Boden , und trocknete sich verstohlen die Thränen ab . Es war keine Frage , sie liebte Aurel . Die scharfsichtige Mutter bemerkte wohl die heftige Bewegung ihrer Tochter , sie ignorirte sie aber , da sie eine Neigung weder nähren noch unterdrücken wollte , von deren Reife sie sich noch nicht überzeugt hatte . Eben wollte sie das abgebrochene Gespräch wieder anknüpfen , da trat der Bediente ein und meldete Aurel . Clara stand schnell auf und ging in ' s Nebenzimmer . Madame Oehlers gab Erlaubniß , den ungewöhnlich frühen Morgenbesuch einzulassen . - Aurel war an diesem Morgen zeitig aufgestanden , hatte in größter Eile gefrühstückt und sich dann unverweilt auf den Weg nach Klütken-Hannes Keller gemacht . Der Eingang zur Kellertreppe stand bereits offen und war jetzt mit einigen abgetragenen , stellenweise schadhaften Kleidungsstücken behangen , um Kauflustige anzulocken . Auf den obersten Stufen lagen Ringe , Schnallen , Ketten und andere Putzwaaren von unedlen Metallen in kleinen Körbchen zur Beschauung Vorübergehender bereit . Klütken-Hannes selbst saß am Fuß der Treppe auf einem wackeligen Rohrstuhle , rauchte aus kurzer Matrosenpfeife einen widerlich riechenden Tabak und schenkte sich aus einer schmutzigen Flasche in ein halbzerbrochenes Glas Genever , den er gierig hinunterstürzte . Sein freches , verthiertes Gesicht war aufgedunsen und verrieth an den röthlichblauen Flecken , die es schmückten , den Säufer von Profession . Eine ungeheure Warze auf dem linken Backen , zerrissen und in den weißlichgrauen Spalten mit starken Haaren bewachsen , vermehrte noch die thierische Rohheit , die sich in der ganzen Erscheinung des Trödlers aussprach . Als sich der Raum unter der Treppe durch Aurels Eintritt verdunkelte , warf Klütken-Hannes einen schielenden Blick nach oben und goß sich dabei ein frisches Glas Genever in den breiten , von dem struppigen Bartwuchs einer Woche verunstalteten Mund . » Aha , Sie sind ' s , Herr Kapitän , « redete er Aurel an , als er ihn erkannte , stand auf und bemühte sich , ihn mit einer Art Compliment zu begrüßen . » Kann ich dienen ? Echter Genever , scharf und heiß wie Feuer aus der Hölle ! Ist zu brauchen bei solchem verfluchten Hundewetter ! « » Ich danke , Klütken-Hannes . Wie geht ' s Eurer Tochter ? « » Verteufelt gut , Herr Kapitän , aber ich will froh sein , wenn ich sie los bin ! Seit Sie ihr den Kopf verdreht haben und ein vornehmes Fräulein aus ihr machen wollen , hört sie nicht mehr auf mich , die Wetterdirne ! « Der Trödler hatte inzwischen die Thür zum eigentlichen Keller geöffnet und forderte den Kapitän auf einzutreten . Elwire saß im Hintergrunde unter einem schief abfallenden Fenster , das nach dem Hofe hinausging und der unterirdischen Wohnung das einzige Licht gab . Sie war beschäftigt , einige Putzsachen , die sich auch die ärmsten Mädchen zu verschaffen wissen , in ein Bündel zusammenzupacken . Sie erwiederte den freundlichen Morgengruß Aurels durch eine stumme Verbeugung und ein hohes Erröthen , das selbst Nacken und Brust mit flüchtigem Purpur übergoß . Ihre Tracht war ärmlich , aber rein und sauber . Ein Kleid von gestreiftem Kattun , hie und da schon geflickt , umhüllte Elwirens tadellose Glieder und trug durch seine Feinheit nur dazu bei , die herrlichen Formen des ungewöhnlich schönen Mädchens durchschimmern zu lassen . Ein kleiner Fuß , eine schmale schlanke Hand , obwohl von schwerer Arbeit gehärtet , zeichneten sie vor Hunderten ihrer Schwestern aus . Aurel fand das Mädchen heut noch schöner , noch reizender , als am vergangenen Abend , und es reute ihn nicht , ein Wort gegeben zu haben , das ihm noch manche verdrießliche Stunde machen , zu mancher üblen Nachrede Anlaß werden konnte . Um Elwiren Muth einzuflößen , reichte er ihr brüderlich zutraulich die Hand und fragte sie , ob sie noch geneigt sei , heut wie gestern einen Freund und Beschützer in ihm erblicken zu wollen ? Flüsternd bejahte Elwire diese Frage . » Dann wollen wir uns einigen , Klütken-Hannes , und wo möglich im Guten . Was verlangt Ihr , wenn Ihr von Stund ' an jeden Einfluß auf Elwire verlieren , wenn Ihr überhaupt Euch nicht im geringsten mehr um das Mädchen kümmern sollt ? « » Herr Kapitän , « erwiederte der Trödler , » Kind bleibt immer Kind und Vater bleibt Vater , und wenn wir uns zusammen auch nicht immer zum Besten vertragen haben , so waren wir einander doch so zu sagen in ' s Herz gewachsen Nicht wahr , Elwire ? « Elwire seufzte und legte ein paar verschossene Schürzen auf ihrem kleinen Arbeitstischchen zusammen . » Hören Sie ' s ? « fuhr der Trödler fort . » Sie seufzt , daß ihr ' s Mieder knackt , wie lange wird ' s dauern , so fängt sie gar an zu heulen ! O die Mädel und zumal die hübschen , die hängen an ihren Vätern mit einer Liebe , o mit einer Liebe - « Den Schluß des Satzes verschluckte Klütken-Hannes zugleich mit einem frisch eingegossenen Glas Genever . » Und also , sehen Sie , Herr Kapitän , das müssen Sie Alles mit einander , ich meine unsere Liebe und unsern Schmerz , - ja , das müssen Sie bezahlen - baar bezahlen ! « Der schnell genossene schwere Branntwein äußerte bereits seine Wirkungen auf den Trödler , was Aurel möglichste Beschleunigung seines Geschäftes - denn ein solches war das zu treffende Abkommen - wünschenswerth machen mußte . Er hatte einen frechen , betrügerischen , herzlosen , jeder Schandthat fähigen Handelsmann vor sich , der nur auf seinen Nutzen bedacht war und jedes Mittel ergriff , wenn es nur zum Ziele führte . » Klütken-Hannes , « versetzte Aurel , » erinnert Euch , daß Ihr gestern Abend bereits eine ansehnliche Summe von mir erhieltet . Diese will ich Euch schenken . Ihr könnt damit nach Belieben schalten und walten , könnt Euern Trödelkram vergrößern und besser ausstatten , könnt Euch einen wohnlicheren Keller miethen , oder die Summe , wenn Euch das mehr behagt , verjuxen - « » Ja , verjuxen , mein ' Seel ' , das ist ' s Beste ! Verjuxen will ich tausend Mark , wenn ich sie erst habe ! Nun , Herr Kapitän , wie ist ' s mit tausend Mark , he ? Banko , versteht sich und in gutem alten Silber ! Ist ' s nicht ein delikater Bissen für tausend Mark , wie ? Noch keine achtzehn Jahr , weiß wie gefallener Schnee und schuldlos wie ein Gänschen ! Mein ' Seel ' , tausend Mark , ' s ist ein Spottgeld ! « Aurels Blut kochte vor Wuth und Entrüstung , aber er mußte den alten Sünder im Guten zu erhalten suchen , wenn er leichten Kaufes davon kommen wollte . » Ihr kommt wieder auf Eure verruchten Sprünge , Klütken-Hannes , die in ' s Zuchthaus führen , « sagte er in ernstem Tone . » Ich will aus Rücksicht für Euer Kind die gottlosen Worte nicht gehört haben , die Ihr so eben ausstießt , und warne Euch nur , in diesem Tone nicht etwa fortzufahren ! « » Was da , Herr Kapitän , Handel ist Handel , und ob alte Lumpen oder frische junge Mädels , das ist all eins . Der Türke - « » Ich hoffe , Ihr seid ein Christ , Klütken-Hannes . « » So wahr es einen Gott im Himmel und einen Satan in der Hölle gibt ! « » Laßt uns also unsere Angelegenheit wie Christen beendigen . Gestern erhieltet Ihr an funfzig Mark Courant . Ich habe Euch gesagt , daß Ihr dieselben als Euer Eigenthum betrachten könnt . Wenn ich jetzt noch zweihundert Mark zulege , so glaube ich , wird dies vollkommen hinreichend sein , um Eure Helfershelferin , das schlechte Weib , das ich gestern hier traf , befriedigen zu können und auch noch eine erkleckliche Summe übrig zu behalten . « Der Trödler brummte mit unzufriedener Miene , goß sich abermals ein Glas Genever ein und stürzte es auf einen Schluck hinunter . Er taumelte vor Aurel hin und her , denn die ganze bisherige Unterredung war stehend geführt worden . » Ist ein Preis für eine - puh , schämt Euch , Kapitän ! « » Zweihundert Mark , Klütken-Hannes ! Bedenkt , daß Ihr für immer einer großen Sorge und Plage überhoben werdet und daß Euch Elwire keinen Stüber mehr kostet ! « » Oho , rechnen Sie die Thränen für nichts , Kapitän ? Für nichts den Trennungsschmerz ? Ich bin ein Vater , ich ! Und ich habe auch ein Herz , ich , Herr Kapitän ! « Der halbtrunkene Trödelmann schwankte , die Flasche in der einen , das Glas in der andern Hand , während dieser großprahlerisch gesprochenen Worte von einem Bein auf ' s andere . Elwire faltete die Hände und sah mit stieren Augen , leichenblaß und vor Furcht und Scham zitternd , auf den entsetzlichen Vater . » Hier sind zweihundert Mark , Klütken-Hannes , « sagte Aurel , indem er eine strotzende Geldbörse , mit Gold und Silber gefüllt , hervorlangte , dem Trödler die Flasche entriß und die klingenden Münzen ihm in die Hand drückte . » Dafür hört Ihr auf , dieses Mädchen für Eure Tochter anzusehen ; versprecht , Euch nie mehr um sie zu bekümmern , noch nach ihr zu fragen . Seid Ihr das Willens ? « » Ist mir bei allen Branntweinteufeln nicht möglich ! « betheuerte der Trödler , eine wichtige Miene annehmend und sich mit der dicken , rauhen und häßlich behaarten Hand wiederholt auf die breite Brust schlagend , daß es dröhnte . » Ein Trinkgeld muß ich noch haben , sonst schick ' ich zu Mutter Lievers und mein Töchterchen kehrt unter meine Zuchtruthe zurück ! « » Um Gottes willen , edler , großmüthiger Mann , « flehte Elwire , » geben Sie das nicht zu ! Lieber will ich unter freiem Himmel liegen , will hungern und dürsten , als mich dem Willen jenes Weibes unterwerfen ! « » Da hören Sie ' s , Kapitän ! Das Blitzmädel singt , treff ' mich der Schlag , wie eine Drossel ! Noch fünf und zwanzig Mark , und das Vögelchen gehört Ihnen . Sie können ' s dann in einen silbernen oder goldenen Käfig stecken und ihm alle Federn einzeln ausrupfen , wird kein Hahn darüber krähen , sag ' ich Ihnen ! « Aurel zog eine zweite Börse . Er fühlte , daß er seiner Entrüstung über die Scheußlichkeit dieses gänzlich verworfenen Menschen nicht mehr länger Meister werden könne , auch konnte er sich in die Lage des armen Mädchens versetzen , um das der eigene entmenschte Vater wie um ein Stück Schlachtvieh feilschte . Ruhig zählte er fünf und zwanzig Mark ab und warf sie dem Trödler verächtlich vor die Füße . » Hier ist das Geld , mit dem Du Dir für immer den Eintritt zur ewigen Pein erkaufst , jetzt gib Raum , Klütken-Hannes , und sieh Dich vor , daß Du nie meine Wege kreuzest , sonst wehe Deinem Schädel ! « » Der Herr Kapitän haben nur zu befehlen , « erwiederte der Trödler mit grinsendem Lächeln , in dem sich die Freude über den abgeschlossenen Handel kund gab . Zugleich nahm er seine Kappe ab , kniete nach einigem Schwanken nieder und las die verstreuten Silberstücke zusammen , die er sorgfältig nachzuzählen ungeachtet seines Rausches nicht vergaß . Aurel hatte Elwire in seine Arme geschlossen , und indem er einen Kuß auf die kalte Stirn der Schluchzenden hauchte , sagte er gerührt : » Jetzt komm , armes , geduldiges Opferlamm ! Nach so schweren Leiden soll Dich eine heitere Zukunft liebend umfangen . « Während der Kapitän seinen Findling die schlüpfrige Kellertreppe hinaufgeleitete , fiel der matte Wiederschein eines zurückgeworfenen Sonnenstrahles auf die in Körbchen ausgestellten Schmucksachen . Die abgeputzten unedlen Metalle glitzerten wie das reinste Gold und veranlaßten durch ihr trügerisches Glänzen , daß Aurel beim Vorübergehen einen Blick auf das flimmernde Durcheinander warf . Dabei gewahrte er einen kleinen Siegelring , der unter einer vergoldeten Kette hervorguckte und mehr als die übrigen Kostbarkeiten glänzte . Er bückte sich , um einen schärferen Blick darauf zu werfen , und da er glauben mußte , der Ring bestehe aus feinem Gold , so entließ er Elwire aus seinem Arm und hob den Ring auf . Ein Blick darauf machte ihn staunen , er vergaß , was ihn so eben noch ganz beschäftigt hatte , und während er vergebens den Ring an einen seiner starken Finger zu stecken versuchte , rief er mit überlauter Stimme in den Keller hinunter : » Klütken-Hannes , komm sogleich herauf ! Ich will etwas von Dir kaufen ! « Brummend , noch mit dem Sammeln des erhaltenen Geldes beschäftigt , wankte der Trödler die Treppe herauf . » Von wem hast Du diesen Ring gekauft ? « rief ihm Aurel zu , indem er ihm das Kleinod entgegen hielt . » Welchen Ring , Herr Kapitän ? « » Hier , diesen Siegelring , trunkener Schelm ! « Klütken-Hannes schielte mit halbem Auge nach dem Schmuck und versetzte murrend : » Weiß ich nicht mehr ! Irgend ein verkommenes Weibsbild hat ihn mir doch an den Hals geworfen . « » Du lügst , Schurke ! Heraus mit der Sprache , sag ' ich , oder ich behandle Dich wie einen Dieb ! Der Ring ist ächt und trägt das Wappen eines alten Adelsgeschlechtes . « Jetzt ward auch Elwire aufmerksam und bat den Kapitän mit sanftem Blick um die Erlaubniß , den Fund ebenfalls betrachten zu dürfen . Der Trödler murmelte unverständliche Worte in den Bart. » Vater , « sagte Elwire , erröthend , daß sie dem widerlichen , verworfenen Manne diesen Namen geben mußte , » erinnert Ihr Euch nicht mehr , wie Ihr zu diesem Ringe gekommen seid ? « » Wenn dem Herrn Kapitän an dem Goldreif so viel gelegen ist , was bietet er mir dafür ? « fragte Klütken-Hannes ausweichend . » Es sind vier Wochen her , daß Ihr ihn im Kartenspiel gewannt . So wenigstens sagtet Ihr , als ich das Kleinod am Morgen in Eurer Rocktasche fand . « » Der Ring gehört mir , « versetzte der Trödler trotzig , » und wer mir ihn gut bezahlt , soll ihn haben . « » Wer besaß ihn vor Euch ? « fragte Aurel . » Ihr seht , der Ring ist auf den