, es ist unüberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle , ich muß vermuten , daß für die Menschenarten wie die Vögelarten gewisse Zeiten gibt im Jahr , wo sie den Drang zum Singen haben . In Offenbach , das war im Juni und Juli , da wacht ich gleich mit Singen auf , und abends stieg ich immer hoch , wie die Vögel in den besonnten Gipfel fliegen , um der scheidenden Sonne nachzusingen , da war der Taubenschlag meine Tempelzinne , da kamen mir Melodien , sie entsproßten aus leiser Berührung zwischen Ton und Gefühl , sie lösten die Fesseln dem , was in meiner Brust wie im Kerker schmachtete , dem gaben sie Flügel auf einmal , daß es sich heben konnt und ganz frei ausdehnen . - Ich hab oft darüber gedacht , daß Musik so leicht und gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum füge , die doch vom Verstand weit weniger erfaßt und regiert wird wie die Sprache , die nie ohne Anstrengung das Metrum des Gedankens ergründet und entwickelt . Die Melodie , die so in der Singezeit auffliegt , in sich fertig gebildet , der Kehle entsteigt , ohne von dem Geist gebildet zu sein , ist so überraschend , daß sie mir als Wunder erscheint . - Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch gebildet ? - Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes , sich zu reifen ? - Sollen vielleicht Gefühl , Empfindung , Geist ineinander durch die Sprache der Poesie organisch verbunden werden als selbständige wirkende Erscheinungen ? - Haben Gedichte nicht geistige Verwandtschaften ? Nicht Leidenschaften ? Reißt ein Gedicht nicht das andere mit Flammenglut an sich , sind Dichtungen nicht bloße Begeistrung , heiße Leidenschaft füreinander ? - Spricht ein Gedicht Liebe aus , dann muß es ja in sich liebend sein , - es entzündet ja ! - Ich muß ja jeden Gefühlsschritt , jeden Atemzug mitleben , ich lieb ja so heiß wie die gedichterzeugende Begeistrung der Liebe . Es wär Frevel , wollt ich dichten , weil ich den Wein trinke und im Rausch den Gott empfinde . Weil der Vergötterungstrieb des Geistes mich durchschauert . Ich kann ' s nicht erzeugen , das Göttliche , so sag ich Dir , und doch - es ist mir gewiß , daß ich es inbrünstig liebe und es auch im einfachsten Keim erkenne , aber ich selbst werd nicht Lieb erzeugen so wenig als ein Gedicht , ich fühl ' s , und es liegt auch ein geheimer Widerspruch in mir , daß ich nicht gestört sein will in der inneren Werkstätte meines Geistes , durch Gegenliebe . Es begegnet mir aber nichts oder wenig in der Menschenwelt , was einfach genug ist , was ganz reiner Lebenstrieb ist , - was mich rührt , wie der Grashalm , - die frischen Spitzen der Saat , ein Vogelnest mit Treue gebaut , das Blau des Himmels ! - Das alles ergreift mich , als ob ' s menschlich wär , und inniger wie das Menschliche , und die Entzückungen , die es mir erregt , von der Natur berührt zu sein , sind , als ob es eine mich mitfühlende Gewalt berühre , und das wird wohl der liebende Inhalt meiner Seele sein und nichts andres . Es wird Dichtung meiner Natur sein , daß ich so liebe ; - aufnehmend , hingebend , aber nicht aufgenommen werdend . - Drum ! Es ist die Liebe , die dichtet den Menschengeist , und des Gedichtes Inhalt ist Liebe ohne Gegenliebe - die höchste elektrische Kraft ! - Geistestrieb ! - - Der meinige ! - - Vielleicht sind Naturen Gedichtkeime , sie sollen ohne Fehl sich entwickeln , und ist das ihr einziger Beruf . Ich wollt , ich sproßt aus einem großen Dichtergeist , der allerhaben fühlt und menschlich doch auch ; - keine üppige schwärmende Aufregung , nein süße Naturkraft , selbstbewußte - gefühlige , - die aus Innigkeit mich erzeugte , - aus beglückendem Reiz des Frühlingslichts ! Ja , ich wollt , ich wär kein schlecht Gedicht . Gedrängter quellet Zwillingsbeeren und reifet schneller und glänzend voller ! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick , euch umsäuselt des holden Himmels fruchtende Fülle ; euch kühlet des Mondes freundlicher Zauberhauch , und euch betauen - ach , - aus diesen Augen , - der ewig belebenden Liebe vollschwellende Tränen . - Dies Gedicht , ist mir ' s doch , als sei ich es ! So reifend unter den Berührungen der Natur und unter den Tränen des Dichters . Und wie oft hab ich in der Singezeit dies Lied gesungen und mich ganz drin gefühlt , die wachsende Beere , die der Tau der Liebesträne nährt , der nicht ihr geflossen ist . Montag Gestern waren wir in der Elisabetherkirch , der Reif um den Turmknopf war von der Sonn zum Diamant umgeschmolzen , in allen kleinen Rosetten hingen Diamanttropfen ; und der Kreis von Rosen , der um die Pforten in Stein sehr fein gemeißelt ist , war ein Diamantkranz ! Die Kirch sah aus wie im Brautschmuck . Auf dem Kirchhof spielten die Wipfel im spiegelnden Geschmeide . Die Kirch , von der Wintersonne außen so herrlich geschmückt , war so still innen , so einsam helldunkel , und der Teppich , von den heiligen Händen der Elisabeth gewebt , lag vor dem Altar , erblaßt von Farben ohne Prunk , nicht dem Aug erfreulich , nur die Seele rührend ; und da sah ich mich um , daß nur ein blinder Mann an der Tür saß , sonst war die Kirch leer . Da fühlt ich mich elektrisch berührt , wie ' s der Geist der Poesie mir tut . » Herbstgefühl ? « Ja - sollt ich meinen Erzeuger nicht lieben ? - Die ich im Tau seiner heißen Tränen mich wachsend fühl ! - Es beredet mich in der Einsamkeit der Geist der Poesie , wenn der Mond mich anhaucht da oben in den Nächten , und die Luft spielt um mich , dann fühl ich den Dichter über mir , der um Gedeihen für mich fleht zu ihnen , und gibt die vollschwellende Träne hinzu . Nur den Zwillingsbeeren , die frisch und kindlich zu ihm aufstreben , keinem andern schenkt er der ewig belebenden Liebe Tau , so kann ich ja nichts anders sein wollen als die herbe Traube , die milde reift von seinen Feuertränen ; ich hab mir ' s einmal so gesagt und sage mich nicht davon los , wie es auch mein inneres Sein ausspricht und mein Schicksal unter den Menschen . Es ist ein großer Unterschied zwischen den Geistern der Poesie . Manches ist die Natur selbst , die mit deutlichen sinnlichen Worten mich anredet , manches ist vom Genius nach allen Richtungen geprüfter Geist , der in der Unsterblichkeit einfachem Stil die Seele beruft , daß sie den Göttern den Herd weihe und nur immer des Göttlichen gedenke - der Genius bleibend werd ein ihr - in großen Gestalten heilig kühner Gedanken . Und so sind viele Bewegungen im Geist gar verschieden , als könne die Poesie die Seelen rühren wie Saiten , die erbrausen im Feuer , - und wieder still und schüchtern aufblühen wie Keime , die sich umsehen im Lebenslicht , neu geboren , nicht begreifend dies Leben , aber zum Leben vereint . Wenn ich Dir dies sagen könnt , was mich ohnmächtig macht , daß ich schüchtern werd und mich wehre gegen den Eindruck , als müsse ich ihm mein Ohr versagen , und ihm doch heimlich lausche , weil ' s mich hinreißt , und weiß nicht , ob ' s der Klang ist oder der Inhalt , und wie beide wechselnd mich bewältigen und wie ich - ja ich will Dir ' s sagen : - ein göttlich persönlicher Geist dringt auf mich ein , den ich lieben will , lieben muß im Gedicht , daß ich herzzerrissen bin von großer Wehmut . - Nein mehr ! - Tiefer geht ' s : - daß ich ausbrechen muß in ein schmerzlich Ach . - Und wenn ich ' s nicht fühlte , dies Geistige , Persönliche in der Dichtung - über mir schwebend , wie beglückt über seinen Triumph , ich glaub , ich müßte wie wahnsinnig ihm nachirren - aufsuchen und nicht finden - und wiederkommen und mich besinnen und vergehen dran ; und das ist der Goethe , der so wie Blitze in mich schleudert und wieder heilend mich anblickt , als tuen ihm meine Schmerzen leid , und hüllt meine Seele in weiche Windeln wieder , aus denen sie sich losgerissen , daß sie sich Ruhe erschlummere und wachse , schlummernd - im Nachtglanz , in der Sonne ; und die Luft , die mich wiegt , denen vertraut er mich , und ich mag mich nicht anders mehr empfinden zu ihm als in diesem Gedicht , das ist meine Wiege , wo ich mich seiner Teilnahme , seiner Sorge nah fühle und seine Tränen der Liebe auffang und mich wachsend fühle . - Du hast gesagt , wir wollen ihn sehen den Großen , Wolkenteilenden , Ätherdurchglänzenden , und ich hab gesagt , ja wir wollen ihn sehen ! - Aber wie ich ' s gesagt hatte , aus Liebe und Mitfühlen mit Dir , da wurd ich eifersüchtig und weinte zu Haus in der Einsamkeit bittere Tränen , weil ich ' s gesagt hatte : wir wollen ihn sehen ! - Und das kommt daher , weil er so lange schon mächtig mir die Seele besaitet hat und dann hineingreift , sturmaufregend , und mich sanft wieder einlullt wie ein Kind , - und ich bin gern das Kind , auf dem sein Blick befriedigt weilt . Und wär ich nicht genährt von der Natur und wie es aus tiefster Brust ihm hervorquillt ! - wie könnt ich sein , wie ich bin ? - Und weiter will ich doch nichts sein . Und ich weiß gewiß , und nicht alle sind geeignet wie ich , daß der Geist persönlich aus der Dichtung hervor über mir walte und mich reife in seiner geheimsten Seelentiefe vollschwellendem Übermaß . Aber sag Du ! Wie könnt ich atmen und ruhen und keimen , wär ' s nicht in jener Wiege seines Gefühls , im Gedicht ? Und nicht wahr , ich lieg wohl gebettet und kannst mir ' s nicht süßer wünschen ? Ja , Du verstehst es , wie ich ' s meine ; in den Manen hab ich mich zurecht gefunden in Dir , daß Du alles verstehst , und viel tiefer ! - Denn ich empfinde nur , was Deines Geistes Spur Dir lehrt , Du aber weißt alles . Du sagst selbst , wo kein Wunsch uns hinzieht , das ist für uns verloren , und man hält wohl für unmöglich , was nur des Begehrens bedürfte , um wirklich zu sein , und seit Du es mir gesagt hast - und Du sagst , Harmonie der Kräfte ist Verbindung - so hab ich mir ' s denn getraut , weil ich ihn liebe , so nehm ich alles willig hin , Schmerz und Entzücken ; - denn es ist immerdar Entzücken , ihn empfinden ! - Denn er schenkt mir ' s ihn zu fühlen , wie er aus seiner Dichtung Blüte mich anhaucht , das will er , das beglückt ihn , - daß ich erschüttert bin , das begeistert den Dichtergeist , und andre kennen nur die verschloßne Knospe , mir aber öffnet sich die Blüte , und das nimmt mich weg ! - Drum bin ich ihm allein und er mir allein ! - - Und die ganze Welt mag sich seiner teilhaftig meinen , ich weiß , daß es anders ist , und muß drauf beharren , denn sonst verzehrt mich die Eifersucht . - Und Du hast gesagt , » das Aufheben dessen , was eigentlich diese Harmonie ausmachte , müsse auch notwendig diese Verbindung aufheben . « Das wird mir nicht geschehen . Du sagst , » das Geräusch der Welt , das Getreib der Geschäfte , die Gewohnheit , nur die Oberfläche zu berühren , die lassen dieses tiefste und feinste Seelenorgan nicht zur Ausbildung kommen . « - Was spricht mich denn an in dem Geliebten ? - Fühl ich denn nicht das Große und Gewaltige , was viel höher ist als ich selber ? - Ja , was mir höher oft vorkommt als der Geliebte selbst ; und ist es nicht dies , dem ich nachgeh ? - Und erscheint dieses Gewaltige mir nicht auch ganz allein außer ihm ? - Und ist das nicht die Erinnerung an ihn und zugleich auch noch jene höhere Erscheinung , von der Du sagst , daß sie sich durch die Harmonie mit ihr offenbare ? - und kann ich ihm untreu sein in dieser , wenn ich mich der hingebe ? - Und ist es nicht immer dasselbe , was Begeistrung zu erregen vermag ? - Ach nein ! Man kann in der Liebe nicht untreu sein , nur außer ihr . - Ich fühl ' s an der Heiterkeit , die mich beflügelt , daß in der Begeistrung keine Untreue ist . - Ich weiß von keiner Untreue und glaube oft , ich versündige mich an was ich liebe , wenn ich nicht alles liebe . Es sind Dinge ( Naturen , Geister ) , die muß ich lieben , weil sie mich nähren , wie die Pflanze vom Licht , vom Wasser , von Erde und Luft sich nährt . Alles , was mich begeistert , ist mir der Sonne Strahl . Wenn die Sonne eine Blume durchglüht , da fühlt man wohl , daß sie die herablassende ist , und daß die Blume von ihr mit heißer Leidenschaft zehrt . Wer wollte das nicht Liebe nennen , und ob die Sonne Gegenliebe genießt , wer weiß das ? - Ja , wer weiß , ob die Blume ihr wieder gibt ? - Du weißt wohl , wenn die Sonne recht heiß brennt , dann duftet keine Blume , aber abends , wenn sie scheidet , dann duften ihr alle Blumen nach , und morgens , wenn sie kommt , dann duften ihr alle entgegen . - Ob das bis zu ihr hinaufsteige ? - Das frag ich mich , danach sehn ich mich . Und Du sagst , wonach der Wunsch uns hinziehe , das wird möglich , und das glaub ich Dir ; gewiß steigt der Blume Duft zur Sonne , sind ihre Strahlen nicht Gefühlfäden ? - Kann mich was Lebendes berühren , ohne daß ich ' s wieder berühre ? - Sind ihre Strahlen nicht Saugrüssel , mit denen sie aus den Blütenkelchen den Duft saugt ? - Und der Dichter , der sich durch seiner Begeistrung Strahlen die Blumen erschließt , saugt der nicht ihren Duft ? - Ist ' s Begeistrung nicht , wenn vor der Geistessonne die Wolken sich teilen und sie strahlt die Knospe der Seele an ? - Ei , darum duften eben die Blumen nicht , grade wenn die Sonne auf ihnen liegt , weil sie dann mit ihren Strahlenlippen alles selbst trinkt . Nach einem Gewitter , da duftet alles . - Dann kommt sie eilig und wirft sich über sie her , und bald trinkt sie alle Kelche aus , wo denn der Duft nur in ihren Strahl übergeht ; - und wenn sie scheidet , dann duftet ihr alles noch nach , und der Duft zieht nach über die Berge ; denn wenn man bei Sonnenuntergang auf einem Berg steht , da fühlt man den Balsam aus den Tälern heraufsteigen , der Sonne nach ; - das ist am Mittag in der heißen Zeit nicht , weil da die Sonne bis hinuntersteigt und alles allein trinkt ; so ist es zwischen beiden wie zwischen Liebenden , - so können wir auch nicht an ihrer Seligkeit zweifeln . - Nun ist noch die Erde und das Wasser , die nähren noch die Pflanze , diese hält sie in ihrem Schoß , und jenes kommt zu den Wurzeln gedrungen und fällt vom Himmel herab auf sie ; sie verwandeln ihre feinsten Nahrungskräfte , das Heilige ihrer Natur in eine sprechende Erscheinung . - Sind vielleicht Blüten und Kräuter Worte ? - Sprache , in der die Gefühle , der Geist der Erde , des Wassers sich deutlich machen ? - Ist der Duft der Blumen , ihr Schmelz , wohl das Sehnen der Erde - die Begeistrung des Wassers , die in den offnen Kelchen Freiheit hat , aufzusteigen zur Sonne , zu dem was sie lieben ? - Die dunkle Erde stößt aus dem Innersten ihre duftenden Seufzer auf aus den Kelchen ihrer Pflanzen , die aus ihrem Busen aufblühen , hinauf in die fessellose Freiheit ? - Das Wasser , das von seinen kräuselnden Wellen sich immer weiter treiben läßt , hier in der Blume Stengel , im Saft des Baumes gemischt mit allen Kräften der Natur , steigt , nimmt Gestalt an , wird zum Geist , zum Wort , das die Andacht seiner Triebe aushaucht . - Was ist denn aber die Luft ? - Ist die nicht Vermittler zwischen allen ? Der Genius der Welt , der leitet , Leben gibt , ewig den Geist durchatmet ? - Was ist aber Geistesatem ? - Ist der nicht Erkenntnis , Streben , emporzusteigen , sich abzulösen vom Mutterschoß und aufzusteigen zum Geist ? Ist Atmen im sinnlichen Leben nicht dasselbe ? - Drängen sich die Gefühle nicht in Seufzer auf ? - Ohne dies ewige Einsaugen des himmlischen Elements kann der Leib nicht leben , und der Geist stirbt jeden Augenblick ohne jenen leitenden Genius , der sein eigentlicher Lebensatem ist . Die Luft ist der Genius des Lebens , sein höheres Ich , so wie Wasser und Erde seine Erzeuger sind . - Die Luft ist Vermittlerin zwischen dem göttlichen Liebesfeuer und dem jungen kindlichen Streben danach , küssen die Strahlen zu heiß , dann kühlt sie mit sanftem Wehen und erleichtert den verhaltnen Lebensatem ; wie doppelt schlägt das Herz , wenn ihr Strom rascher eindringt ! - - Wie ganz gibt sich ihr das Leben hin , wenn es von mächtigeren Regungen bewältigt wird . Ja , ihr allein vertraut es sich , wenn es von sich selber nicht mehr weiß , sie umlebt das erstorbene , bis Leben eindringt wieder , mächtiger und gewaltiger wie früher . So fühl ich deutlich , wenn mein Geist erstarrt war , es ist Genuß zwischen mir und der Gottheit , der mich weckt , die Luft , die mich nährt und erhält , ohne welche Geist erstorben wär , nie der Seele könnt Nahrung bringen von oben . - Ja alle Offenbarung ist die Geistesluft , die ihn durchatmet , ohne welche er nicht leben kann einen Augenblick , sondern müßt ersticken , und ob er schläft oder wacht , so atmet er doch immer den Genius , die Luft . - Ich bin so glücklich , Günderode , wenn ich hier auf den Bergen stehe und der Wind braust , daß er mich davontragen will , - dann muß ich lachen vor Mutwillen und denk , ob mich der Geist doch auch versucht zu heben und mit mir aufzufliegen . - Die Sonne hat einen heißen Schein , mit dem sie brennt , so hat der Geist auch ein heißes Licht , das brennt , wohin es leuchtet . So kam heut einer nach dem andern zum Beichtstuhl geschlichen in der Kirche , und der Pater , der Beicht saß , guckte mich an , ob ich nicht auch kommen wollt ? - Und aus Blödigkeit geh ich in den Beichtstuhl und beicht , daß ich mich immer verwundern müsse , warum die heiligen drei Könige das göttliche Kind nicht in ihren Schutz genommen haben , sondern haben es im Stall liegen lassen und wären doch überzeugt gewesen , es sei Gottes Sohn , da noch obendrein ein Stern sich am Firmament aufgemacht , um sie hin zu geleiten , sie hätten das Kind sollen mitnehmen in ihr Land . Und doch wären sie weiter gezogen , das käme mir nicht vor , als wenn sie heilig wären , sondern zerstreute Weltleute ; der Beichtvater sagte : » So ist der Weltlauf , sie haben ihre Geschäfte gehabt wie heutzutag auch . - Aber « , sagte er , » das braucht man nicht zu beichten , das sind Sünden wie für die Katz vom Tellerchen zusammengekratzt , da gibt Gott keinen roten Heller davor . - Da bet sie ein halb Vaterunser zur Buß , oder meinetwegen ein viertel . « - Und wie ich aus der Kirche kam in die frische Luft , da war ' s schon drei Uhr vorbei , die Sonne wollt schon bald untergehen . Da kam ich auf den Turm und besann mich , daß ich Dir wollt alles beichten , wie ich Eifersucht gegen Dich gehabt , und hatte Dir nicht wollen gönnen , daß Du mit mir zugleich bei ihm wärst , ich wollt ganz allein mit ihm sein . Aber jetzt bin ich dieser Sünde los , und im Denken teilt sich alles Böse wie Nebel vor den Augen , daß man sieht , es war nur Wahn ; alles , was nicht Großmut ist , das ist nur Wahn . Denn ich mein , der Dichter ist meine Sonne , so bist Du die Luft , die das Böse um mich her verweht und meinen Geist aufsteigen lehrt . Wie kann ich ohne Dich bestehen vor ihm ! - So mag wohl jeder Menschengeist von Elementen genährt werden , die einer dem andern sein muß , und merk Dir ' s , daß Du meine Luft bist , ohne die ich nicht aufatmen kann auch nur einmal . Bettine An die Günderode Dem Clemens hab ich geschrieben , einen langen Brief , und ihm auch von Dir gesagt , daß Du ihm gut bist , und daß ich Dir lange Briefe schreibe , auf die Du nur kurz oder auch wohl gar nicht antwortest . Ich hab ihm erzählt , ich spreche zu Dir , wie zum Widerhall , um mich zu fühlen , zu hören , und lege meinen Gedanken und Einbildungen keinen Zaum an ; und daß es sei , als ob ein guter Genius diese Briefe hervorbringe ; - so antwortet er : » Um deine Briefe ist die Günderode zu beneiden , wenn sie das sind , was dein Genius hervorbringt , wenn sie aber so wenig antwortet , so ist das gar wunderlich , entweder ist nichts zu antworten oder alles schon abgetan . « - Heute schreibt er mir den langen Brief über Dich , ich hab doch recht , er hat Dich lieb und hat Dich nicht wollen beleidigen , und seine Seelen alle sind doch nur eine gute , denn bist Du ein Kind , so ist er es auch zu Dir ; aber Kinder lassen sich nicht drauf ein , empfindlich zu sein , sie sind gleich wieder gut und lassen den Strom vom Ufer wegspülen die Spielzeuge , die sie einander zerbrochen haben , und erfinden sich neue , ergötzlichere . Lese den Brief nicht mit Vorurteilen und denk , daß es neckende Stimmen sind in ihm von Kobolden , die ihm oft selber einen Streich spielen , aber die Seele - die eine , gütige , die sie umschwärmen , die ist doch nur ein Kind wie Du , und was ein freier himmelanstrebender Geist nicht in noch höherem Sinn nimmt als er selber ist , das ist für ihn kleinlich , und was kleinlich ist , das muß man gar nicht annehmen , sonst lernt man die Wahrheit nicht begreifen . - Und ich denk : von allen Geschichten des Herzens und der Seele Berührungen geben wir den Leitfaden der Gottheit in die Hand , die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen . - Und wenn Du mißverstanden wirst , so sieh doch nur den Gott selber an in der Liebe , gegen den kannst Du alles wagen , denn der muß Dich verstehen . - Ich geb Dir Lehren , Günderode , die Dir nicht fremd sind , besinn Dich , auf dem Rhein , wie wir unsren Briefwechsel besprachen , da sagtest Du , es sei eine Seele , die uns mit Liebe an sich ziehe , in jedem Verhältnis , es müsse eine Zeitigung erlangen in uns , sonst sei es Untreue , Mord , Ersticken eines göttlichen Keims . - Und wo eine Anziehungskraft sei , da sei auch eine Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festhalten , dadurch allein könne die Seele wachsen , jede Berührung mit des andern Geist sei bloß Seelenwachstum , so wie alles Reizerweckende bloß sei wie das Erwecken und Entfalten des Pflanzenlebens . - Der Menschengeist bereite sich auf die jüngste Stufe der Natur , auf die der Pflanze , während der Leib auf der letzten stehe , auf der des Tieres , der Leib ersterbe , aber im Geisterreich sei des Geistes erste Metamorphose die Pflanzenwelt . - Du meintest da , ich sei zerstreut und höre auf die Waldhörner am Ufer , nun hörst Du , daß ich doppelte Ohren hab , und daß ich alles nicht allein für mich gehört hab , sondern auch für Dich , denn Du hast es vielleicht schon vergessen . - Du sagtest , Du liebst Dich selbst in mir ; so lieb Dich doch auch selbst im Clemens ; - ich weiß nicht , was ich Dir all sagen möcht . - Erzieh Dir ihn doch , wie Du ihn haben willst , wie Du fühlst , daß er sein müßte , um Dich nicht zu kränken , zu eben dem Leben , das Du ihm der Idee nach zumutest , es ist gewiß das Wahre , was ihm zukommt , und Du selbst sagst ja damit , daß Du ihn der Idee nach höher stellst wie die andern , diese Idee ist ja doch der eigentliche Wirkliche , und denk doch an die andern , die Du der Idee nach gar nicht wohin stellen kannst , sondern mußt sie lassen , was sie sind . Und wenn Du einen Spielkameraden fändest mit so herrlichen , großen Augen , mit so elfenbeinerner Stirn , und er hätte solche Momente , wo die Götter aus ihm prophezeiten , aber er wär unartig und tückisch im Spiel , er biss ' Dir in die Hand und kratzte Dich , wenn Du ihn streichelst , oder er schlüg Dich mit der Peitsche , wolltest Du bloß ihn als einen tückischen Knaben achten und wolltest die frühere Idee von ihm aufgeben ? - So ließest Du ihn also laufen wegen einem Rippenstoß , den er Dir gab , und wolltest von der höheren Idee nicht mehr Notiz nehmen ? - Ach , laß Deine Rippen nicht so empfindlich sein ! Tut ' s doch Gott nicht ! - Er hält sich an das Hohe im Menschen , und alles andere ist nicht für Gott da . - So soll auch alles nicht für Dich da sein , wie bloß das Gute , und wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet , so sollst Du dennoch von ihm wissen und dran glauben . - Entlasse ihn nicht , liebe Günderode , kämpf Dich mit ihm durch , der die Idee in sich trägt , die Du ihm zumutest , und die so hoch ist , daß er hinter ihr zurückbleibt ; denn die andern tragen gar keine Idee in sich , und bleiben nicht zurück und kommen nicht vorwärts . - Da hab ich mich so vertieft in Gedanken , daß ich einschlief , es geschieht mir so oft , daß ich einschlafen muß im besten Denken , wenn ich eben empfind , als wolle ein tieferer Geist in mir wach werden , wo ich höchlich gespannt bin zu erfahren , was sich in mir erdichten will , und statt daß es in mir erwacht , so muß ich drüber einschlafen , als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen lassen , wie sie in mir denkt und empfindet . Es ist ein Zauberer in uns , der sieht uns streben nach seinem Wissen , der macht all mein Streben zunichte , wenn ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh , so schläfert er mich ein . - Ich lese jetzt zum zweitenmal den » Wilhelm Meister « , als ich ihn zum erstenmal las , hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht , ich liebte mit ihr , wie ihr , waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgültig , mich ergriff alles , was die Treue ihrer Liebe anging , nur in den Tod konnt ich ihr nicht folgen . - Jetzt fühl ich , daß ich weit über diesen Tod hinaus ins Leben gerückt bin , aber auch um vieles unbestimmter bin ich , schon so früh drückt mich mein Alter , wenn ich hier dran denke . - Ich hab mit ihr empfunden , ich bin mit ihr gestorben damals , und jetzt hab ich ' s überlebt , und sehe auf meinen Tod herab . Gewiß stirbt der Mensch mehr wie einmal , mit dem Freund , der ihn verläßt , muß er sterben , und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben mußte , weil ich sein Geschick als das meine in ihm empfand , und weil ich es zu sehr liebte und konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen . - Wenn Du das alles überlegst , so wirst Du nachsichtig sein , daß