Paris nachgegeben und vor ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht . Paris ist ein Saal der Freude ! Die Straßen sind Gärten , in denen das Volk tanzt und spielt , die beiden Königinnen , von ihrem ganzen Hofstaate umgeben , durchziehen sie in offnen Triumphwagen , welche die Stadt hat bauen lassen . - Unsere Reisewagen sind gepackt ; wir erwarteten nur Ihre Rückkehr , um das Hotel Soubise zu beziehen ; machen Sie danach Ihre Einrichtungen ! « » Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten können , « erwiederte Leonin - » ich fühle mich sehr unwohl - etwas Ruhe ist mir durchaus nöthig ! « Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf , mit dem Wunsche , zu widersprechen ; aber aufs neue leuchtete ihr die Ueberzeugung seiner sichtlichen Erschöpfung ein . So gern sie sich ' s geläugnet hätte , es war gar nicht zu übersehen - er war krank - jedenfalls in einer Gemüthsstimmung , die eine kleine Sammlung wünschen ließ ; da sie ihn wenig so darzustellen verhieß , wie es die Marschallin wünschte . So trennte man sich . Kein Wort hatte das überfüllte Herz Leonin ' s erleichtert . Diese harte Frau , die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen gereizt , das er fühlte begangen zu haben , zeigte eine Gleichgültigkeit , die nicht einmal nachfrug , ob oder wie es vollzogen . Keine Theilnahme , kein Dank , Nichts versöhnte den ungeheuren Schritt , den er gethan . Zurückgedrängt ward er mit jeder Empfindung , die ihn fast zu ersticken drohte , als nehme man ihr Dasein für unmöglich an ; und was man ihm dagegen bot , waren die erbärmlichen Wichtigkeiten dieser äußern Welt ! Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen ; ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn , ja , eine Ansicht über seine Mutter brach sich Bahn , die ganz gegen den kindlichen Enthusiasmus stritt , den er bisher empfunden . Es war ein fürchterliches Gericht in ihm , und die größte Strafe der Sünde erreichte ihn : der Preis , um den er gesündigt , sank in dem Augenblicke , wie er ihn errungen hatte ! - Eine glühende Hölle schien ihm dies glänzende Treiben des Hofes , welches jede Besinnung erstickte , jede Regung verstieß , die nicht in ihre erkünstelten Zustände paßte . Eine Einöde schien sie ihm zugleich , von tödtender Langweile erfüllt , ohne Reiz , ohne Erquickung - der Felsblock des Sysiphus - mühsam täglich emporgewälzt , täglich zurückstürzend dieselbe Bahn - für das Erfolglose immer denselben Aufwand von Mühe begehrend . Fast bewußtlos sank er auf sein Lager , und Keiner aus seiner Umgebung wagte mehr , den jungen Erben zu stören , dessen Ansehn so wenig den glänzenden Aussichten entsprach , die Alle für ihn eröffnet wußten . Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor , und sie verließ , nach den passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater , das Palais Crecy , ohne daß sie selbst ihren Sohn wiedergesehn , oder die Bitte der trauernden Louise um diese Gunst gestattet hätte . Dies Mal sollte der Marschall ihr zu Hülfe kommen ! Er befand sich bereits in Paris ; aber sie wußte es mit Sicherheit , daß sie ihm nur zu sagen brauche , Leonin sei krank in Versailles angekommen , und er werde in der nächsten Stunde dahin reisen , wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestüm vertrauen durfte , der weder die Einwendungen Anderer hörte , noch sich ihnen fügte , und unfehlbar Leonin ' s Krankheit für nicht bedeutend genug ansehn mußte , um ihn länger von dem Schauplatze entfernt zu halten , den ihn einnehmen zu sehen , seine ganze Seele erfüllte . Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrübten Mutter , das Unwohlsein Leonin ' s der Königin und seiner nun öffentlich erklärten Braut mitzutheilen . Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel , der in Paris herrschte , der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu vereinigen schien , so fand jede Erklärung gefälligen Eingang , die von Niemandem ein langes Nachdenken oder Zuhören begehrte . Nur Viktorine , die sich stets selbst behielt , der diese Dinge nur so nahe traten , als sie wollte , hörte die Nachricht der Marschallin mit veränderter Farbe ; und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat , um ihr Muth einzureden , fühlte sie die kindlichste Zärtlichkeit gegen ihn , und Beide trennten sich mit erhöhter Liebe . Diese Empfindung war Viktorine überhaupt viel mehr geneigt , ihrem künftigen Schwiegervater , als der Marschallin zu widmen . Sie mißtraute ihr . Dies vollendet gehaltene Wesen , welches , wie das untrüglichste Rechenexempel sich immer in den Forderungen der großen Welt auflöste , empörte ihren offenen Karakter , der durch freie geistige Entwickelung , so viel es diese Zeit zuließ , die Etikette lästerte . Sie hatte überdies einen ahnenden Verstand . Sie war zu unschuldig , um manche Dinge wissen zu können ; aber sie ahnte dann eben , daß nicht Alles in Ordnung sei , und fehlte selten in ihren Voraussetzungen . Am nächsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem großen Spielzimmer der Königin , während sich im Nebensaale der glänzendste Ball entwickelte , welchen die Königin als Abschiedsfest gab , und an dem Theil zu nehmen , ihr unmöglich war , als die Marschallin plötzlich zusammenschreckte und einen Augenblick starr nach der Thür blickte . Viktorinens Augen folgten diesem Blick , und sie konnte die Ursache nicht errathen , bis der Marquis de Souvré ihr auffallend ward , der sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit halb lachend , halb neckend durch die Menge drängte . Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklärt . Er kommt aus Leonin ' s Krankenzimmer , sagte sie sich ; sie selbst fühlte ein tiefes Erbeben und zugleich ein sanfteres Gefühl gegen die Marschallin , was ihr sagte : sie ist doch Mutter ! Souvré stand sogleich vor ihnen . » Willkommen , Marquis ! « sagte die Marschallin . » Wie verließen Sie meinen Sohn ? « » Auf dem Wege , zu den Füßen seiner schönen Braut seine Genesung abzuwarten , « erwiederte der Marquis , beide Damen begrüßend . » Doch verließ ich das Terrain in dem Augenblick , als der Marschall seine Position dort nahm . Einer solchen bewaffneten Macht gegenüber , nehme ich gern sogleich meinen Rückzug - denn er bleibt stets Sieger - wovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus überzeugt waren . « » Der Marschall hat stets den liebenswürdigen Ungestüm eines Jünglings , « lächelte die Marschallin - aber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvré , der , seine Ueberlegenheit fühlend , auch nicht durch die kleinste Aeußerung verrieth , was sie so sehr zu wissen wünschte . » Belehren Sie mich , ob ich recht hörte , ist dies ein Abschiedsfest ? « - fragte er , sich zu Victorinen wendend - » muß Leonin in Wahrheit zu spät kommen , sich in dem Glanze des Hofes mit seinem unermeßlichen Glücke brüsten zu können ? « » Ihre Majestät werden von morgen an ihre Andacht bei den Carmeliterinnen halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren Privat-Apartements empfangen , « erwiederte Victorine . » Ach , « sagte Souvré , » ich lebe auf ! So hoffe ich , werden wir auch dort noch im kleinen Zirkel mindestens einiger hundert Personen , das Vermählungsfest meines glücklichen Vetters und seiner schönen Braut erleben ! « » Lassen wir das ! « rief Victorine stolz und gereizt . » Soll ich Ihnen etwa die Feierlichkeiten dabei vorzählen , damit sie Ihre verschiedenen Hofkleider ausstauben lassen ? Ich passe nicht zum Referiren und setze immer den Takt voraus , es zu fühlen , ehe ich es selbst andeuten muß . « » Allerliebst ! « lachte Souvré - » also das hat die Liebe noch nicht bewirkt ! So nah ' an dem gehorsamsten , demüthigsten Zustande - ich meine die Ehe , « setzte er sich verbeugend hinzu - » und doch so wild , so gereizt , wie eben aus dem Kloster entkommen ? Schöne Viktorine , ich warne Sie - lenken Sie ein ! Leonin ist nur anscheinend ein schwermüthiger Schäfer , innerlich und wo es gilt , ein reißender Löwe ! « Die Marschallin horchte auf . Dies schien ihr der erste Wink . Doch Souvré blickte nur Victorinen herausfordernd an - er schien jene vergessen zu haben . » Erlauben Euer Gnaden , daß ich mich beurlaube ! « sagte Victorine , sich tief vor der Marschallin verneigend . » Die vortrefflichen Manieren des Herrn Marquis zwingen hier eine Frau , die Flucht zu ergreifen . « » Fliehen Sie Ihren Sieger ? « rief Souvré - » Sie haben nun einmal Ihre Stellung in der Welt verloren . Ein Mal besiegt , erleben Sie nichts mehr , als Niederlagen ! Ich , Ihr ältester Freund und Verehrer , mußte doch daran meinen Antheil haben ! « Victorine rollte achselzuckend ihren Fächer vor ihm auf und verschwand in dem Nebensaale . Eben wandte die Marschallin sich zu dem Marquis , entschlossen , ihn zur Sprache zu bringen , da eilte Souvré , die Herzogin von Bellefond zu begrüßen , die ihren großen Reinigungszug , wie die Hofleute ihn nannten , wobei sie jeden Fehler der Etikette rügte , durch den Saal hielt . » Soll ich Ihnen helfen , meine Beschützerin - meine Wohlthäterin ? « rief Souvré . » Wie Noth thut sicher hier Ihre glanzvolle Herrschaft im Reiche der Etikette , wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des Königsmantels etwas sehr nahe getreten ist . Die Luft ist davon noch etwas verdorben , wie ich spüre ! « » Ach , Marquis , Marquis , « erwiederte Madame de Bellefonds , mit so heiserer Stimme , daß ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Bären glich - » das fürchte ich nicht zum zweiten Male zu erleben ! Denken Sie ! den ganzen Tag auf der Straße ! Ihre Majestät die Königin sehen zu müssen , wie diese Populace sich zu ihr drängte - Anreden gestatten zu müssen auf offner Straße , ohne nur die Namen dieser Geschöpfe zu kennen , viel weniger ihren Adelsgehalt - ja , am Ende lieber Nichts von ihnen wissen zu wollen ; da doch nur zu erfahren stand , daß sie aus der Hefe wären . Alle unter dem einen Hute sich bergend , als Bürger von Paris ! Bürger von Paris , Marquis ! Ich hätte weinen können über den Wahnsinn , der sie glauben ließ , durch diesen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majestät berechtigt zu sein ! Und dann die Humanitätsideen der hohen Herrschaften ! Niemand , den man in seine Schranken verweisen durfte , wodurch dem Volke der Muth wuchs bis zur Raserei ! Können Sie denken , daß davon die Rede war , einige von den Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen ? So daß denn also kein einziger Platz rein geblieben wäre ! Aber ich drohte meinen weißen Stab in Stücken zerbrechen zu wollen , wenn man diesen Plan ausführe , und da unterblieb es , trotz dem , daß der Marquis Fenelon , dieser sogenannte große Geist , mich fragte : ob ich dächte , daß diese Herren Deputirten , die ein Paar Millionen kommandirten , weniger Bildung hätten , als meine Herzöge und Grafen ? « » Nun in Wahrheit , « lachte Souvré - » diese rasende Behauptung hätte Euer Gnaden tödten können ! « » Fast Marquis , fast war es so weit ! Und Ihr hört es an meiner Stimme , es ist mir Alles auf die Brust gefallen . Es war meine letzte Anstrengung , und in der Antwort , die ich ihm gab , schlug die Stimme um . Marquis , sagte ich , um so schlimmer ! So sind es übertünchte Gräber , in denen sie nichts zu verdecken hätten , als Hobel oder Elle - und der Bursche , der mir zu den Schuhen Maaß nimmt , hat in meinen Augen mehr Werth , als diese impertinenten Masken , die sich unsere Vorzüge anzumaßen wagen . « » Vortrefflich , vortrefflich ! « rief Souvré ; » mit welchem Geiste Sie Ihren Willen auszudrücken wissen . Es müßte für die Nachwelt verzeichnet werden ! - Gottlob , daß Frankreich die Herzogin von Bellefond als Wache vor dem Throne dieser sanften , nachgiebigen Königin hat ! Es ist die einzige Rettung , der einzige Schutz gegen die andrängende Volksbildung , die , wie ich im vollen Ernste hörte , sich allerlei Nachahmungen der höheren Stände erlauben soll ; und wie lächerlich und unglücklich auch solche Versuche sind , sie bleiben doch jederzeit ein Aergerniß und verrathen einen gefährlichen Sinn , der im Entstehen erstickt werden muß . « - » Ja wohl , Marquis ! Sie haben nur zu Recht ; aber ich beschwöre Sie , hören Sie auf davon zu sprechen - ich muß sonst mein Flacon gebrauchen . Ach , Marquis , wer hatte sonst nur nöthig , diese Klasse in den Mund zu nehmen ! Wir hatten Handwerker , die nur unsere Haushofmeister und Kammerfrauen sprachen ; und ich hätte es nicht für möglich gehalten , daß ich mich jemals über einen Bürgerlichen würde ärgern können . Aber hören wir auf - es greift mich an , und ich bin beschämt über den Gegenstand ! « - » Nun so sagen Sie mir etwas Neues vom Hofe , « rief Souvré - » Sie wissen , ich war mit dem jungen Grafen Crecy abwesend . « - » Ja , ja , ich erinnere mich ! - Doch sagen Sie Marquis , warum sehen wir Sie allein zurückkehren ? Ist man so lau und nachlässig in der Bewerbung um ein Ehrenfräulein Ihrer Majestät ? « » O , Madame , « sagte Souvré , » welche Voraussetzung ! Er ist wie ein Wahnsinniger Tag und Nacht gereist , als er die Weisung zur Rückkehr erhielt , und da hat er sich erkältet . Doch , es wird vorübergehn ! Euer Gnaden haben sicher schon über die Vermählung des Paares Ihre Dispositionen gemacht ; darf ich im Vertrauen sein ? « » Sie sind mein Verzug ! « erwiederte die Herzogin mit einer steifen Grimasse , die Lächeln andeuten sollte , » und wollen immer Alles voraus wissen . Doch ist es zu erwähnen , wie Ihre Gesinnung wirklich sich stets unbefleckt rein erhält , und ich habe deshalb manche Rücksichten ! « Der Marquis verneigte sich , und Madame de Bellefond fuhr fort : » Die Zeit erlaubt keine Festlichkeiten - Ihre Majestät muß sich bereit halten - Sie wissen , das erste Hauptquartier wird in Nancy sein - wir müssen uns auf den Weg dahin begeben , um dann mit Seiner Majestät zugleich einziehen zu können . Natürlich können aber der Graf und Mademoiselle de Lesdiguères nicht bei demselben Hofstaat , in derselben Karosse vielleicht , die Reise antreten , ohne vermählt zu sein . Das haben denn auch Ihre Majestäten erwogen , und ich habe selbst die etwas streitsüchtige Lesdiguères zum Schweigen gebracht . - Nun soll es also ein Impromptu werden ! Wie ich höre , hat es aber die eigensinnigste Hofdame , die ich je unter Aufsicht hatte , durchgesetzt , daß die Frau Königin den Herrn Erzbischof von Noailles um die Abtretung seiner Funktionen an Monsieur Fenelon , diesen überspannten Pfarrer von St. Sulpice , gebeten hat . Das war hinter meinem Rücken geschehen ; die Königin wird von dem jungen Mädchen beherrscht ; doch hatte sie die Gnade , sich bei mir deshalb zu entschuldigen . Sie fühlte wohl , daß sie mir ins Amt gegriffen ! Doch mein Kind , Sie sehen , wir haben nicht mehr viel Zeit , und der Bräutigam fehlt ! Dieser junge Mensch , Marquis , im Vertrauen , ähnelt nicht sehr seinen musterhaften Eltern ! Krank zu werden , wenn man seine Anstellung bei Hofe antreten soll , hat immer etwas gegen den Respekt und gegen die vollkommene Feinheit , die wir bei solchen Gelegenheiten vorherrschen lassen müssen . Wer kann mir nachsagen , daß ich je krank war ? Aber das ist so der Spuck , der sich gern einschleichen möchte , den alle diese Herren Dichter , Philosophen und Gelehrte verbreiten , und den sie Menschenrechte , oder Naturgebote , oder Gott weiß wie nennen . Aber ich frage Sie , Marquis , ist es schicklich , daß man so etwas bei Hofe hört , wo lauter Edelleute vom ersten Range leben ? - Ich frage Sie , mein Lieber - wenn Monsieur Molière im Vorzimmer des Königs frühstücken darf , und Seiner Majestät ihn anredet , als wäre er ein Mensch , wie jeder andere , da haben wir freilich nichts Besseres zu erwarten ! Sonst , Marquis , begaben wir uns in die große königliche Loge , und vor uns auf den Brettern , in dieser unüberschreitbaren Entfernung , ließen wir alle diese Herren machen , was sie konnten , und frugen nicht nach , ob es sogenannte Dichter , Philosophen und Gelehrte waren . Machten sie es gut , wurde geklatscht , machten sie es schlecht , wurden sie wieder weggejagt . Das erhielt aber die Luft rein ! Da waren unsere Cavaliere ohne jene sonderbaren Manieren , die jetzt einen jungen Mann in den Zwanzigern erkranken lassen , wenn er eine Hofcharge antreten soll und sich vermählen ! « » Euer Gnaden zürnen , wie ich merke , « sagte Souvré , » ich muß Fürbitte thun ! Ihr Zürnen würde nicht allein den Schuldigen unglücklich machen , sondern besonders die Eltern , die Sie doch anerkennen ! « » Sie sind ein gutes Kind , Marquis , ich weiß es wohl . Nun sehen Sie , Sie sollen Recht behalten ! Ich gehe und rede die Marschallin an . « Damit schritt sie auf die indeß von mehreren Bekannten umgebene Marschallin zu ; und da bei ihrer Annäherung gleich Alles Platz machte , konnte sie , wenn sie es beabsichtigte , mit Jedem reden , wie in ihrem Privat-Kabinette . » Marschallin , « sagte sie - » ich muß so einen kleinen Wink geben . Die hohen Herrschaften sind voll Gnade für Ihr Haus , wie dies eine so bedeutende Familie auch erwarten darf . Es sind Auszeichnungen beabsichtigt , die wir allerdings zu schätzen und zu würdigen wissen werden ; - aber die Jugend , meine Liebe , man weiß wohl , wie das jetzt geht - die Jugend hat nicht das alte Mark der Ehrfurcht in den Gliedern , - da müssen wir nachhelfen , bis sie es lernt . Krankheiten sind immer kein Grund , gegen die Befehle der hohen Herrschaften zu handeln . - Nun , wem sage ich das ? Sie , meine Liebe , sind ja die vollkommenste Dame des Hofes ! Sie werden mich verstehen und darnach Ihre Maaßregeln nehmen ! « » O , meine theure Herzogin , « rief die Marschallin mit dem süßesten Lächeln - » wer kann Sie in Ihren anmuthigen Belehrungen übertreffen ! Sie haben eine Gabe , anzudeuten - den Weg zu bezeichnen - die einzig in ihrer Art ist ! Glauben Sie mir , ich habe Sie verstanden - um so mehr , da mein eigenes Gefühl Ihnen längst auf diesem Wege entgegen kam . « » Ich weiß - ich weiß ! « sagte die geschmeichelte Herzogin - » Sie sind vollkommen zu Hause in der guten alten Welt des Hofes , in der wir wenigstens noch einige Male vereint mit solchen Mitteln die Brücken abbrechen werden , die die Populace nach uns hinauf zu bauen trachtet ; - doch still , still , Marschallin , wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen , - es zieht schon herab , dafür Gedanken haben zu müssen . « - - Leonin war an der Seite des Marschalls von Crecy in Paris eingetroffen . Die Marschallin empfing sie mit einer so mittheilenden Zärtlichkeit , daß Beide vollständig in ihre Hände fielen . Sie lud den Marschall zur Tafel , da die Stunde dazu heran gekommen war , und er willigte ein , erweicht durch die Nähe seiner Kinder und die guten Manieren seiner Gemahlin ; - ward aber fast gerührt über dieselben , als in dem Augenblicke , wie er den ersten Becher Wein forderte , im Vorzimmer sein lärmendes Musikchor , was die Marschallin sonst nie in ihrer Nähe duldete , zu verabscheuen vorgab , und welches jetzt , von ihr selbst dazu beordert , das Vorzimmer eingenommen hatte - einen seiner wilden Lieblingsmärsche zu spielen begann . » Sie sind im Ernste sehr höflich , meine Liebe ! « sagte er mit der uns bekannten Grimasse , die Rührung andeutete - » Sie lieben diese fröhlichen Stücke nicht - und ich muß Ihnen meinen Dank sagen . « » Nun , Marschall , « erwiederte seine Gemahlin - » wir haben , denke ich , auch nicht oft die Ehre , den Helden der Fronde an unserer Tafel zu sehen . Es ist billig , unsere Neigung nicht zu befragen , wenn wir es ihn nicht bereuen lassen wollen . « Dagegen schickte der ungemein erheiterte alte Herr nach diesem ersten lärmenden Versuche die ganze Bande in ihr Quartier und ließ sich eine Goldbörse von seinem Kammerdiener bringen , um für die Dienerschaft seiner Gemahlin auf jeden Teller , den man ihm wegnahm , in jeden Becher , den er leerte und zum Füllen reichte , ein Paar Lonisd ' or zu werfen . So hatte die Marschallin ihre Absicht erreicht , Leonin bei seiner Rückkunft augenblicklich aus sich herauszureißen und den Umständen , wie sie hier herrschten und wie bestimmt waren , ihn zu beherrschen , unter zu ordnen . Die eisernen Formen , die ihn sogleich einschlossen , mußten ihn überzeugen , daß er hier nur nachgeben könne . Dieses anscheinend herzlicher hervor tretende Familienfest sollte dabei seinen idyllischen Träumen - wie die Marschallin sich ausdrückte - schmeicheln , ihn hier einen Reiz mehr erkennen lassen , um den Werth des zurück gewiesenen Glückes zu entkräften . Gegen Ende der Tafel ward dem Marschalle gemeldet , daß sich , wie gewöhnlich bei seinem Diner , bei der Nachricht seiner Rückkehr mehrere Personen in seinem Vorzimmer gesammelt hätten . » O hierher , Marschall , hierher ! « rief seine Gemahlin - » Alles , wie Sie es gewohnt sind ! « - Fort flogen die Diener , und bald erschienen einige der vornehmsten Personen des Hofes , da der sonst gewöhnliche militärische Hofstaat des Marschalls bereits der Armee gefolgt war . Doch berührte es Leonin wie ein elektrischer Schlag , unter ihnen den Herzog von Lesdiguères zu bemerken , der mit aller verwandtschaftlichen Bevorrechtung den Marschall und Leonin umarmte , und zwischen dem sanft gestimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil sank . » Nun , Marschall , wie ich Eure rothen Vorreiter sah , konnte ich dem Vergnügen nicht wiederstehen , selbst von Euch zu hören . Und sagt , wie steht es dort mit dem neuen Cavalier der Königin ? « fuhr er neckend fort , Leonin anblinzelnd ; - » mir deucht , die Reise dauerte nicht lange ! Das war Diensteifer , Vicomte ! Nicht wahr , bloß Diensteifer ! « - Ein schallendes Gelächter des Marschalls und des witzigen Herrn Herzogs folgte dieser Rede , und Leonin , der plötzlich den Wahnsinn der Rettungslosigkeit fühlte , griff nach der Maske , die zu dem erwarteten Fastnachtsspiele paßte , und als er das erste Lächeln erzwang , hätte der Schmerz seines Herzens ihm fast einen lauten Schrei ausgepreßt . Auch die Marschallin hielt den Athem an - der Moment war entscheidend . Er ward schneller selbst , als sie erwartet hatte , in die neuen Verhältnisse gedrängt - wie Viel hing davon ab , daß er schon die rechte Stärke gewonnen habe ! Aber sie sah , daß die blasse , hohle Wange sich plötzlich röthete , das trübe Auge lebendig ward , er den bisher unberührten Becher Wein hinunter stürzte , und sich dann rasch zum Herzog wendend , mit überlauter Stimme ausrief : » Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht mißbilligen ? « » Nun , nun , « sagte der Herzog - » man sagt , Mademoiselle de Reetz habe auch dereinst von unserm ähnlichen Eifer erzählen können ! Doch merke ich , junger Herr , das gehört nicht mehr in mein Departement - nun , ich habe nichts dagegen , wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet ! « Dabei zog er Leonin in seine Arme und herzte und küßte ihn - und Leonin fühlte , er habe diese schon längst völlig abgemachte Sache , an der kein Mensch mehr zweifelte , in diesem Augenblicke bestätigt . Wir dürfen nicht verbergen , daß die Erinnerung an Viktorinens jugendliche Schönheit , an ihre Trefflichkeit , in demselben Augenblicke lebendig in ihm erwachte - und der Seufzer , der ihm entstieg , galt dem Schmerze , ihrer nicht mehr werth zu sein . - Und Souvré saß lachend und jeden Scherz erhöhend an derselben Tafel ! Leonin wußte noch nicht , was er ausgerichtet hatte , und seine Ehre hing jetzt an dem Ausspruche dieses Mundes . Souvré wußte dies Alles , und mit teuflischer Lust quälte er sowol die Marschallin , als den von ihm so bitter verachteten Knaben ; denn vergeblich hatte seine hohe Verbündete nach ihm gesandt zu allen Stunden ; er war zu keiner zugänglich gewesen und erschien erst , da alle Fragen unmöglich waren . Doch die Marschallin war längst entschlossen , jede Unsicherheit abzuwerfen und die Dinge , die sie nicht wußte , so anzunehmen , wie sie zu den Schritten paßten , die jetzt ihrer Ueberzeugung nach nicht mehr ausbleiben konnten . Sie war daher ungemein erfreut , als sie Leonin eben so getrieben , und ihn den entscheidenden Augenblick mit einer Fassung bestehen sah , deren grimassenhafte Weise nur sie zu verstehen vermochte . Herr von Dreux und der Marquis Vieuville unterbrachen diese Spannung . Man hob die Tafel auf ; Herr von Vieuville verkündigte die glänzenden Siege der Armee , die Flucht des Herzogs von Lothringen und den Beschluß der Königin , am andern Mittag ihre Reise anzutreten . - » Madame de Bellefond , « setzte er lächelnd und heimlich zur Marschallin gewendet , hinzu , » ist von der Rückkehr des jungen Grafen unterrichtet . Sie läßt Euer Gnaden sagen , die ganze Familie Crecy-Chabanne würde in voller Parüre diesen Abend bei der Königin erwartet . « Die Marschallin fühlte , daß sie kalt ward ! Die Wichtigkeit des Moments entzog sich ihr nicht . Aber , was auch Abweichendes ihr Inneres berühren mochte , die äußere Form war ihr so durchaus die dringendste Anforderung , ihr so bequem und gewohnt , daß sie stets , jeder anders wirkenden Anregung entgegen , den ungestörten Mechanismus derselben betreiben konnte . » Meine Herren , « sagte sie - sich laut redend gegen Gemahl und Sohn wendend - » Ihre Majestät wollen uns Alle noch diesen Abend empfangen - Frau von Bellefond befiehlt im großen Hofkostüme ! « » Weiß Gott , ich gehe hin ! « rief der Marschall - » ich will unsere gute , schöne Königin noch ein Mal sehen , wie wenig das Hofleben auch eigentlich mehr für mich paßt ! « Schon unterrichtete der Marquis Vieuville den Marquis de Souvré , bei Seite tretend , von den Absichten der Königin , und Souvré sah ein , er müsse jetzt Leonin Etwas von seinen Nachrichten geben , wenn nicht ein Aergerniß eintreten solle . - Er benutzte daher den Moment , wo Leonin zu erreichen war , und flüsterte ihm zu : » Muth , Muth - Sie sind frei ! « » Frei , « stammelte Leonin erbleichend - » frei ! « rief er noch ein Mal ; und schon fühlte er den Werth dieses Ausspruches , den neuen ihn bestürmenden Anforderungen gegenüber . - » Hat sie eingewilligt ? Gott , wie ertrug sie es ? « » Später , später ! « rief Souvré - » jetzt thut Ihnen nichts so Noth , als Ihre Freiheit ! Darum begnügen Sie sich damit , daß ich Ihnen versichere , daß Sie frei sind . « Leonin fühlte diese Wahrheit . Er beruhigte sich damit und flog der neuen Richtung seines Lebens mit der Hast eines Menschen entgegen , der nicht mehr den Muth hat , in sein Inneres zu blicken . - Als die Marschallin im großen Hofkostüme , mit Juwelen beladen , ihr Ankleidezimmer verließ , um in den Wagen zu steigen , stand der Marquis de Souvré vor ihr , und sein boshaftes Auge überlief die anmaßende Erscheinung der stolzen Frau - er sann der Hoffnung nach , sie zu erschüttern . » Madame , « sagte er - » ich darf über den Gegenstand , um dessenwillen Sie mich zu sprechen wünschen , nicht im Zweifel sein - beruhigen Sie sich , Ihr Sohn ist frei ! « » Das habe ich vorausgesetzt , « sagte sie kalt - » was wollte solche Person auch für so angemaßte Rechte hervorbringen ? « » So war es nicht , Madame , « sagte Souvré scharf - » Ihr Recht war in guter Ordnung . Kein Gerichtshof von Frankreich hätte es bezweifeln können ; - und eher hätte man den König bewogen , seine Krone niederzulegen , als sie , diesen Rechten zu entsagen ! « » Ihr scherzt , «