und ich bin wieder der , der ich war . Die Frau erstaunte erst über diese Forderung , sie sagte aber freundlich , gleich gesammelt : Recht gern , lieber alter Freund , wenn das Ihnen helfen kann.- Sie bot ihm den Mund , und er drückte mit zitternden Lippen einen langen Kuß auf die ihrigen , ging dann weinend aus der Tür , ohne noch ein Wort zu sprechen , und erschien am folgenden Tage nicht , sowenig wie am dritten . Erst am vierten erhielt nun Friedrike diesen zweiten seltsamen Brief ; nimm ihn hin , Freund , und lies ihn selbst . « Elsheim las für sich , indes ihn Leonhard auf kurze Zeit verließ , um nach seinen Gesellen im Vorhause zu sehen . Der Brief lautete so : Werte Frau Vielleicht will es das Schicksal so , daß der Mensch nur Mensch sein kann und darf , indem er zugleich Vieh ist . Ist das , wie die meisten stillschweigend glauben , so liegen sich Mensch und Vieh immerdar in den Haaren und katzbalgen miteinander , bald dieses , bald jener oben und unten . Denn es ist so . Wie oben , oder vielmehr wehe dem , der korrigieren wollte ! Als Peter der Grausame von Kastilien von seinem Bruder Heinrich umgebracht wurde , konnte dies nur geschehen , indem ein dabeistehender Ritter den Heinrich , welcher schon unten lag und gewiß geliefert war , bei den Beinen hervorzog , und ihn auf den Peter legte . Nun konnte dieser erst vom Bruder erstochen werden . Artlich ist es in einer nicht unebenen Komödie , wenn ein sicherer Stefano auch bei den Beinen den Trinkulo unter dem Mantel eines Mondkalbes hervorzieht , und ihn so als Menschen und Bekannten erklärt und autorisiert . Aber in beiden Fällen weiß ich nicht so ganz gewiß , ob Vieh , oder Mensch gewonnen habe ; denn Peter hatte bei seinem Schlimmen viel Gutes , und Trastamar bei manchem Guten viel Schlimmes ; und noch gefährlicher stellt sich die Frage , ob Trinkulo , oder Caliban das dummere Tier ist . Bei solchen starken Fällen hat die Weltgeschichte noch nie etwas gewonnen . Kehren wir es aber ganz um , und setzen , wie viele getan , statt Menschen Engel : o so hebt die konfuseste aller Konfusionen nun erst an ! Muß ein Engel , wie der Finger des lebendigen Direktors in Körper und Kopf seines hölzernen Polichinell puppenspielend arbeitet , der Engel , eine erniedrigte Seele , ebenso in dem Gehäuse von Fleisch und Bein und Blut und Schleim und Gehirn und Schmutz hantieren , kann alles , was man in uns das Göttliche , Edle , Unsterbliche nennt , nur so sichtbar und handgreiflich und bewundernswert ausfallen : so möchte ich mir künftig einmal die Freiheit nehmen , meinen Schöpfer zu fragen , ob denn das Satire sein solle , uns so gar gröblich den Esel zu bohren ; es rieche und schmecke etwas nach einem schlechten Scherz . Jedes gute , oder schlechte Werk rezensiert sich selbst . Darum hauen , stechen und schießen sie in unsern vielbeliebten Kriegen ineinander hinein , darum rauben sie und morden uns Geld und Gut , darum treten sie einander hohnlachend mit Füßen , und alles mit Recht , denn , wahrlich , wahrlich , die Kreatur ist nichts wert , und man kann sich an ihr nicht versündigen . O Du , mein Heiland ! Du , großes Du , Du hast es freilich anders gepredigt . Die Liebe hätte ja keinen Sinn ; Erbarmen und Mitleid wären ja nur Aberwitz , wenn vom höchsten Gott bis zum lahmen ärmsten Bettler hinab sie sich nicht des tiefer Gefallenen , des Verirrten , des Leidenden und Preßhaften , des Hungernden des an der Liebe Verzweifelnden , der Seele , die sich im Schlamm wie der Regenwurm , ringelt und ängstigt , erbarmten , sie emporhöben , sie , wie jene Heiligen den Aussätzigen , an ihre Brust nähmen und erwärmten . Und was hätte denn diese göttlichste Liebe zu tun , wenn nicht dieses ? Wäre nichts Schlechtes , Verächtliches , Armseliges da , so hätte sie ja kein Handwerkzeug , um damit zu arbeiten und aus dem elenden kantigen Brett das teure , kostbare vergoldete Schränkchen , in dem nachher Goldpokale stehen , zu hobeln und fein und mit recht mitleidigem Erbarmen zu schnitzeln . So nimmt der Mensch , er selbst Materie , Schleim , Schmutz Lehm , Knochen und Erde , die sogenannte Materie , nicht bloß in der Gestaltung seines Bruders , und daß er diesen nährt und kleidet , in Schutz . Durch Arbeit , Tätigkeit und Schweiß ist diese Anstrengung eine fortwährende Erlösung des Staubes vom Tode . Des Unendlichen Allgegenwart wird kenntlicher , und durch den Hammer und Meißel , Pinsel , Pflugschar und Sense , Federkiel , Druckerpresse und Nadel drückt der Mensch allem Unlebendigen den Bruderkuß auf und spricht , wie der Schaffende ehemals : » Habe eine Seele ! « Aber so denkst Du gar nicht , und darum hommt mir wieder das Zittern an , da ich zufällig von Kuß spreche . O welcher Augenblick ! Gewiß ist in diesem Moment durch die Magie meines Innern irgendwo ein Geist jung oder geboren worden , und schläft noch in einer Blume Deines kleinen Gartens , und indem Du nun vorbeigehst und meinst , Du erfreuest Dich nur etwas mehr an der hellen Färbung und lieblichen Düftung , ist die leichte Wonne Dir entstanden , weil dieser aufkeimende Geist in Dich schlüpft , und nun Dein nächstes liebes Kind wird , das wohl schon im Embryo in Dir die Wohnung dem kleinen unsichtbaren Sohn meiner Entzückung zubereitet hat . So steht es wahrscheinlich um die sogenannte Ehe und Treue . Diese Magie der Liebe ist allmächtig . Und so wäre ich neulich fast gestorben , aber Du fühltest , Du wußtest nichts davon . Liegen wir doch auch so in unserer närrischen Blätterknospe , und ich dehne mich nun schon siebenundsechszig Jahre in meiner Hülse , und schlage bald dieses , bald jenes Blättchen um , um mit meinen blöden Augen hinauszuschauen , und irgend etwas zu ergattern , was mir über die Bedeutung meines rätselhaften Gefängnisses recht eigentlich einen Aufschluß geben könnte ; aber immer vergebens . Ein entzückter Kuß eines Seraphs , der sich verlobte , und der die Magisterwürde eines Cherubims erhielt , hat mich Seele nämlich so freudiglich und magisch erzeugt - und nun muß ich immer noch auf das dumme Paar warten , das jenen Embryo in ihrer Ehe pflanzt , und die dann vorüberwandeln , mich loben , damit ich in die neue keimende Frucht schlüpfe , um hier endlich sterben zu können , und dann in einem neuen Leben weiterzuleben . Du verstehst mich aber gar nicht ; Du willst mich auch nicht verstehen : das habe ich wohl in Deinem Kuß neulich gefühlt . Und warum ? Du nicht mein Du ? Nicht ? Es wäre mehr als entsetzlich , denn es gibt für mich kein anderes in allen Erd- und Himmelsräumen . Ja jetzt , das weiß ich nun ganz gewiß , liebe ich . Das ist die Liebe , die ich erlebt habe . Warum lebt sie mich nicht aus und schält mich weg aus dieser leeren Hülse ? Allenthalben habe ich Rat und Trost gesucht , und habe auch jetzt bei den Dichtern meinen dürren Eimer in den Brunnen hinuntergetaucht , um meinen brennenden Durst zu löschen . Fast alle reden von Liebe , aber immer nur spielend , dahlend , ohne Gewissen und innerlichste Erlebung . Der Reiz begeistert sie , der farbige Saum der Abendwolke , der fast erlischt , indem man sich daran freut . Ja , ja , es ist so , die Menschen , auch in der scheinbaren Begeisterung , können nicht über das Ich hinaus , und geraten zeitlebens nicht an das Du . Den Ovidium , den ich niemals in meiner Jugend gelesen habe , wollte ich mir zu Hülfe rufen ; denn er hat einen eigenen berühmten Traktat unter dem Titel Remedium amoris elaboriert . Da kam ich gut an . Nicht einmal mein Sinn , geschweige mein Herz , mochte das Zeug gutschmeckend finden . Das Vieh , was des Abends in den Stall getrieben wird , sagt mir mehr und Lieberes . Alter Narr mit der langen Nase ! wie hast du nur die Zeit an diese vielen unnützen Verse wenden können ? Vielleicht geschah dir kein großes Unrecht , daß sie dich verbannten . Alle diese Lateiner - nur fatal und fatal . Sie kannten dich nicht ; sie wußten vom Christentum nichts . Ja Saus und Braus , Wohlleben , Trunk , Zerstreuung , Kuß und Wollust - wenn das Leben ein Bacchanal ist und sein soll , dann sind sie im Recht . Aber die Leiden des jungen Werther ! Ja , das ist empfundene und erlebte wahre Liebe ! Aber grausam wird das Herz erschüttert und zermalmt . Er war jung , und der Dichter vielleicht jung , und ich Greis habe dieses Büchlein wie eine Offenbarung gefaßt und verstanden . Ach , werte Madame , hättest Du das Büchlein nur einmal gelesen ! Doch was hilft ' s , wenn Deine Seele nur nach dem Notwendigen und Vernünftigen dürstet ? Das Salz ist nicht dumm geworden , aber Zunge und Gaumen haben nicht Geschmacksorgane . Warum soll ich denn noch weiter faseln ? Es wird nicht anders , Madame , ich bin und bleibe Dero verrückter Fülletreu - denn mit dem Magister ist es auch vorbei . Leonhard war zurückgekommen , und Elsheim sagte : » Eine sonderbare Korrespondenz ! doch ist dieses zweite Schreiben schon gemäßigter und etwas besonnener , es deutet die nahe Genesung an . « » Wollen wir jetzt den alten Mann besuchen ? « fragte Leonhard . Elsheim war willig , und sie gingen durch die Stadt . » Wo führst du mich hin ? « sagte Elsheim endlich , als Leonhard stillstand , und in ein großes Haus hineintreten wollte ; » dies ist ja das Narrenspital . « » Nicht anders « , erwiderte Leonhard ; » aber folge mir getrost , es wird dich kein trauriger Anblick peinigen . « Sie stiegen die große Treppe hinan , und seitwärts öffnete sich jetzt ein ziemlich großes und helles Zimmer , dessen freie und unvergitterte Fenster auf den Garten führten . Elsheim hatte Mühe , beim ersten Anblick den alten Magister wiederzuerkennen . Sein blasses Gesicht , von schneeweißen Locken geziert , erschien ihm viel edler , als damals ; sein Blick war sanft und wie verklärt ; in seinem stillen Lächeln schien der Ausdruck eines außerordentlichen Glücks und einer wohltuenden Beruhigung zu schweben . Um ihn her am Tische saßen Knaben und Mädchen ; auch Franz , der Pflegesohn Leonhards . Alle erhoben sich , als der Baron eingetreten war , und dieser rief : » Ich muß nicht stören , geehrter Freund , sonst entferne ich mich wieder . « Der Alte reichte ihm mit dem Ausdruck anständiger Vertraulichkeit die Hand und sagte : » Keine Störung , Herr Baron , die Stunde war eben beschlossen . « Die Kinder erhoben sich alle , nahmen Abschied , verneigten sich vor dem Alten , und einige küßten ihm die Hand . Jetzt setzten sich die Freunde zu dem Greise nieder , und Elsheim sagte , daß er sich freue , ihn in so schöner Gesundheit und Munterkeit , ja fast verwandelt , nach einem Zeitraum von einigen Jahren wiederzufinden . » Etwas wundern Sie sich auch gewiß « , sagte der Alte freundlich lächelnd , » mich allhier in dieser Behausung anzutreffen . « » Ich kann es nicht leugnen « , erwiderte der Baron mit einiger Verlegenheit , » ich vermutete nicht , daß Sie gerade hier wohnten . « » Dies eben « , sagte der Magister , » ist vor dem Grabe mein letztes Asyl . Werter Herr Baron , ich bin noch einmal in meinen allerletzten Tagen auf einer hohen Schule gewesen , und habe mich vor unserer werten Frau Leonhard als Doktor habilitiert und prostituiert . So habe ich mich denn in die Reihe der wahren Menschen inskribieren lassen , nachdem ich mein letztes Examen bestanden ; aufweisen kann ich die Testimonia , daß ich viele recht bedeutende Narrheiten durchgemacht habe und erbötig bin , wenn es die Not erfordert , mich auch künftig nicht saumselig finden zu lassen . Doch hat man mich auch vielleicht pro emerito erklärt und mir alle Geschäfte abgenommen . Sie werden erfahren haben , daß mich damals der Genius erfaßte , der tief in unserm Innersten unsichtbar als Regulator sitzt . Nur in seiner Unsichtbarkeit kann er regieren . Wenn es so kopfüber geht , daß keiner seiner Befehle , die aus seinem Cabinete ausgehen , respektiert wird ; wenn er sich selbst und sein majestätisches Angesicht zeigen muß , so erzittern alle Kräfte und angestellten Diener so vor seinen furchtbar mächtigen Augen , daß sie ganz ohnmächtig erlahmen , und niemals wieder zu brauchen sind . So wird der Mensch , was seine Nebengeschöpfe toll und rasend nennen . In der Jugend sendet dann jener Regulator oft Zorn , Verdruß , Reisen , Arbeit , Ermüdung , Reiten toller Pferde , Leidenschaft und Genuß der Liebe , um die meuterischen Kräfte zu bändigen , sie durch ein Spielwerk zu zerstreuen und ihren Blick nach außen zu richten , damit er unvermerkt die Herrschaft wieder an sich nehme . Bei dem jungen Werther mißlang aber auch alles , und so steht es denn auch mit einem Alten sehr schlimm , der schwach und einsam auf seinem Stübchen zwischen wenigen Büchern den Spektakel in sich erleben soll . So schlug ich denn damals , als ich meinen Brief eingegeben , um mich ; ich wollte mich ermorden , ob ich gleich in diesem Geschäft als ein frommer Christ gar keine Übung hatte ; kurz , ich nahm keine Raison an , denn jenes Haupt des Unsichtbaren war mir wirklich sichtbar erschienen . Aber ein verständiger und menschenfreundlicher Doktor , welcher auch in der Psychologie nicht unerfahren war , brachte mich hieher , und als er durch Härte und Freundlichkeit meine Tobsucht überwunden , bin ich denn nun durch ihn und Gottes Beistand und Güte so taliter qualiter hergestellt und gesund . Weil wieder Sanftmut und Demut in mir die Oberhand gewonnen hatten , so wurde ich hier einquartiert als ein stiller , friedlicher Revenant , der aus jener Gegend , wo die Räuber hausen und morden , zwar geplündert und geschlagen , aber doch lebend wiederkehrte , zwar recht mürbe gemacht und matt , gar nicht kampflustig mehr , aber gesammelt und in sich gekehrt . Und so hat man mir denn auch erlaubt , meine Lieblingsbeschäftigung wieder vorzunehmen , und die lieben Kleinen im Schreiben , Rechnen , in der Grammatik und im Lesen zu unterrichten . Sie ahnden nicht , meine Herren , welche Wonne das ist , so mit Kindern umzugehen , die Fragen zu hören und zu beantworten , die Neugier zu sehen , ihre Innigkeit und Freundschaft zu mir . Glauben Sie mir , meine Freunde , allnächtlich werden die guten Kindlein , die nämlich , die nicht mutwillig von ihren Eltern verdorben werden , von zarten und kleinen Engeln besucht , die ihnen in den Träumen Saft und Gewürz von den Früchten des Paradieses einflößen und einträufeln , und so duftet mir aus Rede und Gesinnung ihrer Seelen Ruch des Paradieses entgegen . Daß ich wieder Unterricht in unserer heiligen Religion gebe , hat man mir nicht bewilligen wollen , und ich kann diese Einschränkung nicht tadeln ; denn da mein Geist eine Zeitlang abgefallen war und rebellierte , so ziemt es sich nicht , daß ich vom Ewigen und seiner Offenbarung spreche und lehre ; es sei genug , daß ich ihn still anbete und um Vergebung bitte . « Elsheim betrachtete und hörte den alten Mann mit Verwunderung . Ein so friedliches Genügen , ein so behaglicher , ruhseliger Ausdruck war ihm noch in keiner Physiognomie erschienen . » Sie kommen also jetzt nicht zu unserm Freunde Leonhard ? « saget er dann , um nur etwas zu sprechen . » Nein , mein verehrter Herr Baron « , erwiderte der Alte . » Ich glaube , jetzt endlich ein gesetzter Man geworden zu sein ; aber wer kann wissen , ob ich in einem unseligen Augenblick doch nicht noch einmal über die Stränge schlüge ; denn jene Kobolde , die unser Leben stören wollen , sind unermüdlich in ihrer Geschäftigkeit , und blasen selbst aus der toten Asche , geschweige wo sie noch Kohlen merken , das Feuer auf . Ich weiß auch jetzt , daß die Frau Leonhard deswegen so liebenswürdig ist , und daß ich sie auch deswegen so innigst geliebt habe , weil sie mich und mein Wesen , vollends mein philosophisches Delirium nicht verstanden hat und niemals verstehen wird . Oh , über das Verstehen ! Was ist es denn ? Wo hebt es an , wo hört es auf ? Wenn mir eine Frucht , die ich speise , gedeihen soll , so muß sie mir nicht gerade widerstehen ; sie reizt mein Auge , sie ist meinem Gaumen wohlschmeckend ; nun wirke sie kühlend und stärkend auf meine inneren Organe , und wieviel wird noch erfordert , gearbeitet , gekämpft und abgesondert , bis sie wahrhaft verdaut ist und echter Nahrungsstoff geworden ! Wenn wir sie gleich im allerersten Augenblick verständen , und sie uns gleich Kraft und Nahrung gäbe : was hätten wir daran zu verdauen , um sie uns durch dieses künstliche und geheimnisvolle Manöver anzueignen ? Auch als Unsterbliche werden wir ewig lernen , und niemals damit zu Ende kommen . Oh , es ist eine unendliche Wonne , immerdar in sich etwas Neues zu erfahren , und zum erst Begriffenen hinzuzulernen . Hat man eine weite Bahn durchlaufen , so kehrt man oft mit Erstaunen zum allerersten Anfang zurück , und freuet sich , wenn sich an diesem wieder Neues entdecken läßt . Sie wird mich in jenem Geisterleben näher kennenlernen und mich allgemach verstehen , und ich werde dann ihr hiesiges Nichtverstehen immer mehr begreifen , und dabei lernen , daß in dieser Unfähigkeit doch wieder ein tieferes Geheimnis lag , als ich ergründet zu haben glaubte . Denn nur das Ungleiche kann sich verstehen und lieben . Sie ist mir freundlich gesinnt ; täglich läßt sie mich durch Franz grüßen , der ihr meinen Gruß zurückbringt ; dieses genügt . Diesen lieben Knaben werden Sie freilich jetzt auf das Gymnasium senden , was auch notwendig ist ; er wird mich aber doch noch zuweilen besuchen können . « » Gewiß « , sagte Leonhard , » und Sie wissen es ja , ich selbst komme auch von Zeit zu Zeit gern zu Ihnen und freue mich , wenn es Ihnen wohlgeht , und Sie mit Ihrer Lage zufrieden sind . « » Ich kenne Ihre Freundschaft « , sagte der Alte , indem er Leonhard die Hand gab ; » ich weiß auch , daß es Ihnen was Bedeutendes kostet , daß Sie mich alten Verliebten als eine merkwürdige Rarität hier hinein gestiftet haben . Da sitze ich nun als ein Denkmal vom Zorne Amors , dessen Herrschaft ich in der Jugend stets verlachte . « » Ich möchte Ihnen wohl etwas zeigen « , fing Leonhard wieder an ; » aber als ich Ihnen vor einiger Zeit einmal erzählte , daß ich in Nürnberg den alten Alfert , Ihren Jugendfreund , gefunden habe , wurden Sie so traurig und bewegt , daß ich jenes sonderbaren Zusammentreffens niemals wieder erwähnt habe . « » Damals war ich noch etwas unwirsch « , sagte der Magister ; » aber nun müssen Sie mir recht bald alles aufs umständlichste erzählen , was Ihnen mit dem lieben Menschen begegnet ist . Ei , was war das ein munterer Bursche ! Was man einen Springinsfeld nennt ! Doch was wollten Sie mir zeigen ? « » Sehen Sie « , sagte Leonhard , » dieses alte Exemplar des alten Andreas Gryphius , was Sie damals in Ihrer frohen Zeit nach Jessen mitnahmen , um es dem Vater zu schenken . « Der Alte griff hastig nach dem Buche und schlug es auf . Dann betrachtete er lange die Zeilen seiner jugendlichen Handschrift und seinen zierlich unterzeichneten Namen . » Wollen Sie es behalten « , fragte Leonhard , » als ein Andenken jenes Jugendfreundes ? « » Nein « , sagte der Magister ; » er hat es Ihnen verehrt , und wenn Sie so mein Freund sind , wie ich es mir wünsche , macht Ihnen dies Buch , als eine Kuriosität aus meinem Lebenslauf , gewiß mehr Freude , als mir selber . Ich war dazumal zu sehr betört . Den Poeten selber möchte ich auch nicht lesen , denn Sie haben mich seitdem durch Ihren Bücherschatz allzusehr verwöhnt . Ja , Schiller und Goethe sind deutsche Poeten , und der Shakespeare ein echter Mann ; und daß unser lieber Schiller so vor ganz kurzer Zeit , nachdem ich seine Werke erst hatte kennen lernen , so früh hat sterben müssen , hat mich innigst betrübt . « » Aber , lieber alter Herr « , sagte Elsheim , » werden Sie mich denn nicht einmal besuchen , da ich Sie so innig hochachte und liebe ? « » Verzeihen Sie mir , Herr Baron « , entgegnete der Alte , » wenn ich Ihnen mit einem bestimmten Nein entgegne . Ich überschreite ebensowenig meinen Bann-oder Burgfrieden , wie jener Götz von Berlichingen , welchen Sie neulich auf Ihrem Schloßtheater aufgeführt haben . « » Aber gehen Sie gar nicht aus ? « fragte der Edelmann ; » genießen Sie die Luft gar nicht ? « » Doch , doch « , antwortete jener ; » hier in diesem Garten lustwandele ich , sooft ich nur will , denn ich bin frei und an keine Stunden , wie die übrigen , gebunden . Aber ich gehe auch oft mit diesen - und , sehen Sie , mein Herr Baron , jetzt ist ihre festgesetzte Zeit , da wandeln die seltsamen Philosophen schon auf den sonnigen Plätzen und in den Baumgängen . « Elsheim warf einen Blick in den Garten und sagte dann : » Aber , Liebster , diese da , Kranke , Elende und Törichte - « » Nun freilich « , sagte der Magister laut lachend , » sterbliche Menschen , wie unser Falstaff sagt , sterbliche Menschen ! - Die Brüderschaft können wir doch nicht verleugnen . Kommen Sie manchmal hieher zu mir , Herr Baron , wenn Sie mich liebhaben ; Sie sehen , mein Stübchen ist hübsch und vom Gebäude dort entfernt , und wenn Sie jene Spekulanten nicht selber aufsuchen , sollen Sie hier niemals von ihnen gestört werden . « Sie nahmen Abschied , und unterwegs sagte Leonhard : » Nun ? Ist der Alte nicht auf seine Weise glücklich ? « » Gewiß ! « erwiderte der Freund ; » er mußte wohl auch diesen sonderbaren Umweg machen . « » Ja wohl « , sagte Leonhard , » eben er , der damals so herzhaft an meinem Tische seinen unbedingten freien Willen verteidigte . « » Sonderbar immer « , sagte Elsheim , » daß er noch Kinder unterrichtet , und daß du den Franz hieher geschickt hast . « » Kann es denn schaden « , erwiderte Leonhard , » wenn der Knabe es schon in früher Jugend lernt , daß ein achtungswürdiger Mann , den er lieben muß , hier beherbergt ist ? « Sie standen jetzt auf dem großen Platz . » Ich habe eine Bitte an dich « , sagte Elsheim , » laß mich heut mittag mit dir essen , ganz , wie du alltäglich lebst mit deiner Familie . « Leonhard sah ihn ernsthaft an und sagte dann : » Lieber , ich weiß in der Tat nicht , ob dir das passen wird . Du denkst vielleicht , ich bin allein mit Frau und Kind . Nein , ich habe es nie über mich gewinnen können , wie ich sehe , daß es jetzt andere wohlhabende Meister eingeführt haben , daß sie ihre Gesellen und Lehrburschen außerhalb des Hauses essen lassen , oder ihnen doch in einem anderen Zimmer für sie allein den Tisch decken . Nein , beim Mittagstisch lebe ich ganz mit meinen Leuten , ganz als Bürger und ihresgleichen . Sie genießen mit mir aus einer Schüssel , und nur des Abends lasse ich sie meist allein für sich selbst . Darum nahm ich auch neulich deine Einladung nur ungern an , mit dir zu essen , um meine Hausordnung nicht zu stören . Du wurdest also die Gesellen bei mir sitzen finden , und ob sie mich gleich respektieren , so spricht doch jeder mit , so wie es ihm gut dünkt ; wir reden von den Arbeiten , sie erzählen oft von ihren Schicksalen und Erfahrungen , Neuigkeiten des Handwerks , die sie auf der Herberge hören . Ich suche , ohne den Altklugen zu spielen , ihre Gedanken zu berichtigen und immer bei ihnen das Ehrgefühl zu wecken , das richtige , welches dem Charakter des echten Bürgers zum Grunde liegen muß . Darum lieben sie mich aber auch und würden , das weiß ich , ihr Leben für mich wagen . Auch hält kein Liederlicher oder Unordentlicher lange bei mir aus . Die Lehrburschen dürfen nicht sitzen ; auch dürfen sie nur antworten , wenn sie gefragt werden . Du würdest auch , Lieber , keinen Wein erhalten , denn diesen trinken wir an unserm Tische nur an Festtagen ; und keiner , weder ich , noch die Frau oder Franz ( wenn nicht eins krank ist ) , dürfen etwas genießen , was uns die andern beneideten , oder wodurch sie sich zurückgesetzt fühlten . Nach Tische , in meiner Stube , oder auf dem Hofe , können wir uns am Weine laben . « » Das ist ja gerade alles so , wie ich es wünsche « , sagte Elsheim . » Es ist sehr schädlich , daß seit lange die sogenannten höheren Stände so völlig abgesondert vom Bürger und Handwerker leben , daß sie diesen nun gar nicht kennen , und auch das Vermögen verlieren , ihn kennenzulernen . Nicht nur geht das schöne Vertrauen verloren , wodurch sich Höhere und Niedere verbinden und einfügen würden , welches eben aus dieser Kenntnis Stärke und Kraft erwirkte ; sondern der Vornehmere kommt nun auf den törichten Wahn , daß seine Art und Weise des Haushalts , die nichtssagende Etikette , die er einführt , sein nüchternes Leben mit den Bedienten und Domestiken ein besseres , anständigeres sei , und diese Torheit verdirbt nachher den Bürgerstand . Nicht nur der Gelehrte , sondern auch der wohlhabende Handwerker will nun die adlige Nüchternheit bei sich einführen , die kalte Entfernung von der dienenden Menschenklasse , den leeren Schein , der in Bequemlichkeit , wahrem Genuß und frischem Leben immerdar die Wirklichkeit vertreten muß . Ja , es kommt dahin , daß der Bürger sich alles dessen schämt , was , wenn er seine Stellung begreift , reelle Vorzüge sind , um die ihn der verständige Adlige beneiden möchte . « » Wenn du so denkst , so folge mir « , beschloß Leonhard ; » unserm Emmrich hat es schon einigemal bei uns recht wohlgefallen . « Sie setzten sich um den runden Tisch . Die Frau saß links neben dem Meister , und bei dieser Elsheim , der heute Franzens Stelle einnahm . Rechts beim Meister saß der älteste Gesell , der Hannoveraner ; der heitere Martin war seitdem hinaufgerückt und der zweite geworden ; dann folgten noch vier Gesellen . Beim letzten stand der älteste , schon hochgewachsene Lehrbursche , welcher in der künftigen Woche zum Gesellen gesprochen werden sollte , und neben diesem standen fünf kleinere , deren letzter demnach an der Tafelrunde der Nachbar des kleinen Franz wurde , der als der Sohn des Hauses auf seinem Stuhle saß . Eine reinliche Magd gab das Geschirr und wechselte die Teller ; die Meisterin legte vor , aber den Braten zerschnitt der Meister . Elsheim ergötzte sich an diesen Einrichtungen , und unterhielt sich bei seiner fröhlichen Sinnesart besser , wie in mancher vornehmen Gesellschaft . Es war nahe daran , daß der Hannoveraner seinen Abschied nehmen und in seine Vaterstadt zurückkehren wollte , um sich dort als Meister zu setzen ; darum behandelte ihn Leonhard schon im voraus mit mehr Achtung . » Ich erzählte dir damals , ehe ich abreisete , mein Gottfried « , sagte Leonhard , » von jener sonderbaren Erscheinung oben im tirolischen Gebirge , welche - ein Zwerg , oder was es war - durch Wirtschaften mit Tonnen und Fässern einen alten Gesellen , mit welchem ich wanderte , völlig um seinen Verstand brachte . « » Ich weiß , Meister « , sagte Gottfried ; » Sie sagten noch , Sie wußten sich das Ding nicht zu erklären . « » Seitdem « , fuhr Leonhard fort , » habe ich die Erklärung gefunden , und ich will sie dir und Martin , der damals auch zugegen war , mitteilen , damit ihr nicht doch etwa meint , es könne ein Spuk gewesen sein . « Martin sagte : » Unser Magister stritt an dem Tage noch viel mit dem Meister , und behauptete immer , es gäbe keine solche Gewalt in uns , die auch den Menschen solchergestalt beherrsche , daß er nichts dagegen vermöge . So ? ' meinte der Meister ,