der Länge nach vier hohe Fenster zeigte , die so in der Mauer verloren waren , daß sie schmale Kabinette bildeten . Das Zimmer war gewölbt und mit reicher Architektur versehen . Vom Gebälk hing eine große , schön gearbeitete Lampe herab und verbreitete über die nächsten Gegenstände ein klares Licht . Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander , um den ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen . Die Tische waren mit feinen weißen Tüchern bedeckt , und in schicklichen Zwischenräumen mit leeren silbernen Geräthschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt . Am obern Ende , wo die Tafeln zusammen liefen , stand ein hoher Lehnstuhl von Eichenholz , der , ein wenig erhöht , fast einem kleinen Thron ähnlich sah . Ein rothes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Füßen , und davor stand ein kleines Tischchen , ebenfalls mit Tafel-Geräthen besetzt . Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein , daß sie sich in dem Eßzimmer des Hauses befand , und zählte zwölf Lehnstühle , woraus sie auf die Zahl der täglichen Hausgenossen schloß , und den übrig bleibenden Patz an den Tafeln auf öftern größeren Zuspruch beziehen konnte . Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu , in der sie ermüdet auf einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum überblickte . Ach , dachte ihr kindliches Herz mit Zärtlichkeit , ist dies auch Dein Wohnort , geliebter Mann , den ich vergeblich zu erreichen strebe ? Ist an dieser Tafel Dein Platz , und in welcher Beziehung lebst Du hier ? Von da hinweg fiel jetzt ihr Blick gegenüber auf eine sonderbare Einrichtung . In dem ganz steinernen Zimmer sah sie am Ende des Saales , dem erhöhten Platze gegenüber , eine Wand von geschnittenem Eichenholz , noch ein Mal so hoch und breit , als die Eingangsthür , aber für einen solchen Zweck gewiß nicht bestimmt ; denn es war eine flache Wand , vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Hälfte des Ganzen in die Höhe lief . Oben bildete sie einen Absatz , der einen Balkon mit einer Brustlehne hatte , und darüber hing eine silberne Lampe , welche nicht brannte . So sonderbar diese Einrichtung war , konnte sie die junge Lady doch nur vorüber gehend fesseln ; denn das Fenster , woran sie ruhte , ging nach der Seite des Meeres hinaus . Die tiefen regelmäßigen Töne , womit dieses sich am Fuße des Schlosses brach , drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach . Der Mond leuchtete hell , und Maria sah nun , wie schön das Schloß in einer Art Bucht gelegen war , an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestüm des Meeres geschützt . Unter den Fenstern , fast dicht daran grenzend , lief eine Terrasse , die von vergeblichen Versuchen zeugte , den Stürmen des Ozeans gegenüber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken . Ach , welche weit abziehenden Erinnerungen traten damit vor ihren Geist ! Wie gedachte sie der Kindheit , wo sie selbst als eifrige Blumistin so unermüdlich mit den rauhen Elementen ihres Wohnorts gekämpft hatte , ihm einige Blüthen zu erziehen . Voll Theilnahme blickte sie nieder , um zu prüfen , wie weit man hier damit gelangt sei , und so von Bild zu Bild geführt , versank sie in ein tiefes Sinnen über die wunderbare Gestaltung ihres Lebens . Das erste Bedürfniß zarter Jugend , sich vertrauend anzuschließen und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schützender Freunde lenken zu können , dies mußte sie in den schwierigsten Augenblicken ihres Lebens entbehren , und ihren eigenen Geist aufrufen , ihr Stütze und Hülfe zu sein . Wenn sie einen Blick auf ihre Erziehung warf , mußte sie oft glauben , ihre Erzieher hätten ein solches Schicksal für sie geahnet , da sie mit besonderer Sorgfalt sie über das Leben aufzuklären bemüht gewesen waren , und ihren Geist auf Selbstständigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten . Ach , und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben . Wie war sie aus dem Kreise gerissen worden , in dem sie so sicher sie geborgen glaubten ! Wie mußte sie sich sagen , daß die Umstände hier alle Berechnungen vernichtet hatten , weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos hätte sein können . - Mit ihrer innern Freiheit des Geistes hatten sie ihr Hülfsmittel für das Leben geben wollen , aber alle andern Mittel , sich ehrenvoll zu behaupten , waren ihr durch dieselbe Liebe entzogen . Der Name , den sie beibehielt , er sogar war ihr in Zweifel gestellt . Sie durfte es nicht wagen , sich irgend Jemandem verwandt zu nennen , ohne auf schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stoßen , und oft hätte sie die Stirn berühren mögen und sich fragen , ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener Traum gewesen , oder ob jetzt sie ein solcher Zustand quäle , aus dem sie vergeblich zu erwachen strebe . Das erste Zeichen , das sie in der fremden Welt , in die sie so jäh gestoßen war , aus jener frühern erhielt , wie ward es ihr zu Theil , und wo führte sie es hin ? Konnte sie übersehen , daß sie unermeßlich viel gewagt , dem Manne zu folgen , der damit begann , sich frech ihr zu nähern ? Konnte sie sich jetzt geborgen halten , da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Theilnahme zeigte , deren sie doch gewiß sein mußte , im Fall ihr Oheim sie hier erwartete ? und wo Schutz hoffen und suchen , wenn sie verrathen war ? Hier erfüllte sich ihr unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze , es war das Andenken an ihre großmüthigen Wohlthäter auf Godwie-Castle , welche für sie verloren waren . Sie waren für sie verloren ; ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer . Heiße Thränen drängten sich dieser Ueberzeugung nach , und in ihnen tauchte das Bild des edlen Richmond auf , wie er flehend an ihrer Sänfte stand und sie zurückzuführen strebte . Ach , es trat aus diesen letzten Augenblicken ein unvergeßlicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung , ein Blick seiner seelenvollen Augen . Wenn sie , in heiliger Einsamkeit mit sich , ihn jungfräulich schüchtern herauf zu rufen wagte , dann öffneten sich die Pforten ihres Herzens , von seiner sel ' gen Fülle aufgesprengt , und ihr ganzes Wesen blieb lauschend stehen und horchte den Wundern , die einen magischen Kreis , sanft betäubend , um sie zogen . Sie verhüllte schüchtern ihr Haupt . Denn eben ungerufen kam der süße Zauber , und trocknete die bittern Thränen und ließ das tief betrübte Herz erquickt zurück , aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeschmückt . Ein leichter Fußtritt in der Nähe ließ sie schließen , daß sie nicht mehr allein sei . Sie zog den Mantel zurück und erblickte nun eine ältliche Frau , welche sich aus einem anderen Theile des Zimmers der Eingangsthüre nahte und dieselbe sorgfältig mit einem Riegel verschloß . Sodann zündete sie mehrere an den Wänden hängende Lampen an , doch nur auf der Wand , die den Fenstern gegenüber , und ehe Maria , die so eben sich erheben wollte , um sich ihr kund zu geben , dazu gelangen konnte , rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog einen Teppich weg , worunter sich eine Fallthür zeigte , die sie mit großer Schnelligkeit öffnete und so von einander schlug , daß sie zwei Lehnen bildete , woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg . Maria fühlte sogleich , daß sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses gewesen , und unangenehm davon bewegt , schwankte sie , ob sie sogleich das Zimmer verlassen oder die Rückkehr der Frau erwarten solle . Sie entschied sich für das Letztere , da die verriegelte Thür ihr den Wunsch anzeigte , von Außen jede Störung zu verhüten , und sie nicht berechnen konnte , welch größeres Unheil sie anrichte , wenn sie durch ihre Entfernung diesen Eingang unbeschützt ließe . Die Fremde erhielt das Fräulein lange in unerfülltem Harren , und bald drängte sich ihrem Geiste eine Möglichkeit auf , dies Ereigniß mit demjenigen in Verbindung zu denken , den sie überall anzutreffen hoffte . Aber wie schauderte sie bei dem Gedanken , daß unter der Erde seine Wohnung sei ; welch ein Loos mußte ihm dann gefallen sein , wenn seine Gegenwart in solch strenges Geheimniß gehüllt ward . Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen , denn durch ein Geräusch wurden ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet , an der sich außerhalb Schlösser zu rühren schienen . Plötzlich thaten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eichenen Wände auseinander , und zeigten eine kleine Thür , welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewölbten Gange zuließ . In dem alten Manne , der hier hervortrat , erkannte Lady Maria den Hausvogt , der sie empfangen hatte , und der damit beschäftigt , den Eingang durch das Ineinanderschieben der Holzwände zu erweitern , jetzt wieder in demselben Augenblicke verschwand , als sie ihn anrufen wollte . Dennoch blieb sie entschlossen , sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin zu ziehen . Eben erhob sie sich , um dem alten Manne nachzugehen , als sich ihr ein so überraschender Anblick darbot , daß sie von Erstaunen gefesselt in ihren Fenstersitz zurücksank , der sie , in tiefe Schatten gehüllt , jedem Blicke entzog . Es zeigten sich nämlich plötzlich in dem kleinen Eingange der Treppenthür zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier , welche , lange Wachskerzen tragend , die kleine Treppe hinab in den Saal schritten . Ihnen folgte eine große hagere Frau , welche , in der Kleidung einer Ursuliner-Nonne , mit dem Rosenkranze in der Hand , von einem Geistlichen in der Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstützt ward . Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete , erkannte Lady Maria ihren Reisegefährten , aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen und machte sie jetzt wirklich unfähig , sich zu erkennen zu geben . Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen , alle in vorgerücktem Alter , und alle als Ursulinerinnen gekleidet . Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Fallthür entgegen und stiegen schweigend , ohne die Köpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen , als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert , die verborgene Treppe hinab . Der Hausvogt verschloß die Wände , wie die Fallthür hinter sich , so daß die Lady nach einigen Momenten , die noch der Ueberraschung gehörten , zweifelte , ob sie dies Alles wirklich gesehn oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie überwältigt worden sei . Als sie endlich gewiß war , sich nicht getäuscht zu haben , strömte damit zugleich eine Fülle von Beziehungen auf ihr eigenes Schicksal über sie ein , und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf , daß hier in einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmöglich Schutz und Hülfe gesucht haben könne . Diese Folgerungen wurden plötzlich durch ein ungestümes Klopfen und Hämmern an der verschlossenen Eingangsthür unterbrochen , dem gleich darauf ein ängstliches Rufen folgte : O öffnet , öffnet die Thür , habt Erbarmen und kommt hervor , wenn Ihr noch hier seid ! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche Stimmchen überzeugten Maria bald , daß es Margarith sei , welche sich einzudrängen bemühte , und da sie selbst nichts lebhafter wünschte , als diesen Zufluchtsort fremder Geheimnisse zu verlassen , so eilte sie hervor und schob mit leichter Mühe den Riegel zurück . Margarith stürzte nun todtenblaß herein , und verwildert die Blicke umherwerfend rief sie : O , theure Lady , haben sie Euch gesehen ? O sagt es mir ; ich bin verloren , wenn sie Euch sahen ! Sei ruhig , Kind , ich ward , sehr gegen meinen Willen , von Niemand gesehen , aber bringe mich hier fort , denn ich möchte diese , meiner so unwürdige Rolle nicht weiter spielen . Ja , ja ! ich führe Euch fort , rief Margarith , noch immer bleich und zitternd : nichts will ich Euch mehr verbergen ; denn Ihr werdet mich nicht unglücklich machen , und ich muß ja doch verzweifeln ! Angstvoll die Hände ringend und seufzend ließ sie sich jetzt von Maria zur Thür hinausdrängen , und bald hatten Beide das kleine Zimmer erreicht , aus dem sie von dem wunderlichen Kinde zu Anfang fast vertrieben worden war . Kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen , als die Kleine vor Maria auf ihre Knie niederfiel , und in Thränen ausbrechend in dem flehendsten Tone kindischer Angst sie beschwor , ein ewiges Schweigen über das Erlebte zu bewahren . Ach ! Ihr wißt nicht , wie schrecklich ich bestraft werden würde , wenn man wüßte , daß ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verrieth . Ich dürfte nicht frei und , wie jetzt , um meinen guten Vater bleiben ; ich müßte auch in die Gewölbe beten gehn und mich einsperren in die kleinen Zimmer . Ach ! Ihr würdet mich tödten , wenn Ihr Euch gegen den Vater verriethet ; ach , und Euch selbst träfe auch gewiß ein trauriges Loos . Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern , sprach schmerzlich gerührt Lady Maria ; Dein Schmerz ist mir genug , und ich werde ihn nicht durch unbesonnenes Schwatzen erhöhen . Aber bist Du auch sicher , daß Niemand weiter , als Du , um meine Anwesenheit dort weiß ? Kann mich Niemand überführen , daß ich die Wahrheit verhehle ? Nein , nein ! stammelte Margarith , offenbar wieder verlegen werdend ; wenn Ihr es selbst nicht sagt , wird es Niemand erfahren . - Nun so nimm mein Wort , liebes Kind , daß ich schweige , und verscheuche nun jede Furcht und Sorge vor mir , denn Niemanden will ich betrüben , am wenigsten ein so liebes Kind , wie Dich . - Sie neigte sich dabei , sie sanft emporzuheben , und drückte einen leichten Kuß auf die Stirn des sich nun verklärenden lieblichen Mädchens . Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze Natur in einer höchst anmuthigen Geschäftigkeit um Lady Maria . Sie nahm ihr den Reisemantel ab , und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen . Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine . Margarith schob nun den großen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bänkchen zu dessen Füßen , und ruhte nicht , bis Maria alle eigenen Bemühungen für ihr Reisegeräth aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe überließ . Hierzu fühlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages aufgefordert . Es machte ihr Vergnügen , während sie behaglich ruhte , die Kleine mit den Augen zu begleiten , die so anmuthig und geschäftig sich umher drehte , bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwärts vom Kamine Platz nahm und an einem seidenen Netze eifrig zu knöpfeln begann . Dabei schauten die klugen hellen Augen oft zur Lady lächelnd auf , und guckten dann nach dem Fenster und scheu wieder auf ihre Arbeit zurück . Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind , liebes Kind , hob Lady Maria endlich an , so möchte ich wohl erfahren , warum Du mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast . Es muß Dich doch dazu ein wichtiger Grund getrieben haben , indem Du vielleicht das Ereigniß voraussehen konntest , was ich erlebt . Nun , werde nicht wieder ängstlich , fuhr sie fort , da sie sah , daß Margarithens Kopf glühend roth auf die Brust sank , und alle Qualen der Angst und Beschämung sie zu ergreifen schienen . Wenn es Dich sehr ängstigt , will ich warten , bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest , sollte ich hier überhaupt lange verweilen . Ach ! seufzte Margarith und hielt die Hand an die Stirn , ich möchte es Euch lieber sagen , als gegen eine so gütige Dame so einfältig und undankbar erscheinen ; aber Ihr werdet eine gar böse Meinung von mir bekommen , und doch sind wir Beide ganz unschuldig . Beide , sagte Maria , was meinst Du denn ? Ja , rief Margarith , schnell aufstehend , komm nur hervor , Lanci , wir wollen der lieben Dame Alles sagen . Voll Ueberraschung wandte die Lady den Kopf , und sah nun aus der Fenstervertiefung einen Jüngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen gefiederten Mützchen in der Hand hervortreten , der , gleich Margarith , in den glühendsten Purpur der Beschämung gehüllt , schüchtern neben ihr stehen blieb . Kinder , sagte Maria , trotz der hier am Tage liegenden Intrigue , ganz bezaubert von dem Augenblicke dieser schönen jungen Leute , was habt Ihr denn vor ? Weiß denn Dein Vater darum ? Ach , das ist es eben , seufzte Margarith , glaubt Ihr wohl , daß er es nicht leiden will , daß Lanci mich besucht ? Lanci ist mein Vetter , wir wurden groß zusammen , und darum haben wir uns so lieb . Mit eins mußte Lanci aus dem Schlosse , blos weil man zugesehen hatte , wie wir uns jagten auf dem Abhange . Sie thaten ihn zu dem alten Förster im Walde , und er soll mich nicht besuchen . Liebe Lady , da paßt er denn zuweilen auf , wenn Reisende kommen , wie oft geschieht , und kommt so mit herein . So , so , lächelte Maria , und da habe ich ihn heute Abend wohl hier eingeführt ? Ein schneller freundlicher Blitz aus seinen dunkeln Augen , welcher die Fragende traf , sagte Ja , und Margarith setzte nun verschämt hinzu : Seht , liebe Lady , das war meine Angst , als Ihr kamet . Denn Lanci , der schnell wie ein Reh ist , hatte mir schon das Zeichen gegeben , daß ich ihn einlassen sollte , und er klopfte immer wieder , weil er nicht wußte , was mich hinderte zu öffnen . Und auf welche Weise wird denn Lanci eingelassen ? fragte die Lady weiter . Beide schauten nach dem niedrigen Fenster und konnten dann ein kleines Lachen nicht unterdrücken , was sie als schuldlos spielende Kinder bezeichnete , daß Maria unwillkürlich mitlachen mußte . Aber , sprach sie dann , sich zum Ernst zwingend , Ihr seid doch recht leichtsinnige Kinder . Hat es der Vater einmal verboten , so wird es großen Lärm geben , wenn er Lanci findet , und mich däucht , das kann jeden Augenblick geschehen , und dann , Margarith , bist Du doch immer ungehorsam . Ja , sagte hier der Jüngling , der gute alte Vater ist es aber gar nicht , der uns trennt ; er muß es nur thun , weil es Ihro Gnaden haben wollte . Er hat es mehr als hundert Mal gesagt , wenn ich ein ordentlicher Mann würde , sollte Margarith meine Frau werden . Schweig doch davon , Lanci , rief Margarith dazwischen , wer wird davon sprechen . Aber , sagte Lanci , die liebe Dame denkt sonst , wir sind schlechte Kinder . Wir thun es aber blos heimlich , damit , wenn ' s herauskommt , der Vater sagen kann , daß wir beide Schuld haben , und wird Margarith dann fortgejagt , so heirathe ich sie gleich . Nein , sagte Margarith , nicht eher , als bis Du Jäger bist ; das thue ich dem Vater nicht zu Leid , so lang Du Bursche bist . Lanci warf den Kopf hinten über , wie Jemand , der es besser weiß und seiner Sache sehr gewiß ist . Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts sagen wolltet , setzte jetzt Margarith besorgt hinzu . Wahrlich , sagte Maria , lächelnd den Kopf schüttelnd , ich werde ganz schwer von allen Deinen Geheimnissen . Wenige Stunden bin ich erst hier , und zwei wichtige Dinge willst Du schon mich zu verhehlen zwingen . Weißt Du wohl , daß das Letzte mir wichtiger scheint , als das Erste ? Beide sahen sich erstaunt und besorgt an , und rückten dann unwillkürlich dem Sitze Maria ' s näher , sie flehend anblickend . Sieh , ich kann es gar nicht leiden , wenn junge Leute heimlich sind , fuhr Maria fort ; gewiß habt Ihr schon zuweilen , um Eure kleinen Besuche zu verbergen , allerlei List und Lügen sagen müssen , und das ist immer gottlos und kann Euch verderben . Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben , wenn Ihr Euch auch nicht sähet ? Und wenn Lanci Jäger ist und ordentlich um Dich wirbt , wird er Dich schon zur Frau bekommen , da der Vater ihn lieb hat . Treu bleiben , das ist nicht schwer , sprach Lanci , sich männlich aufrichtend , und wenn ich sie zanzig Jahr nicht sehn sollte , bliebe ich ihr treu ; aber wenn ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme , dann hat sie gar keinen Spaß mehr , und muß ganz umkommen in dem alten finstern Schlosse . Das könnt Ihr nur glauben , gnädige Lady , so um gar nichts bestehn wir all ' die Gefahr nicht ; gelogen hab ' ich auch noch nie darum , und vielleicht bewahrt mich Gott davor , da er sieht , daß ich es aus guter Absicht thue . Maria fühlte sich unwillkürlich von dem Gemisch von Liebe und kindlicher Reinheit gerührt , das aus Beider Wesen und Worten sprach . Margarith dagegen war durch des Geliebten Vertheidigung wieder traurig angeregt . Maria fühlte wohl , wie schwer die Furcht einer Trennung auf sie wirke , und da sie den Verhältnissen , von welchen diese jungen Leute bedrängt wurden , noch so neu und fremd war , stellte sie gern ihr Richteramt ein , hoffend , der gute Engel , der so lange mit ihnen war , werde sie ferner schützen . Gott sei Euch gnädig , sagte sie sanft , wie kann ich Euch rathen , da mir Alles hier fremd ist ? Ich kann mich nur durch Schweigen unschädlich machen , das will ich . Betet Ihr zu Gott , daß er Euch behüte und Euer Herz nicht in Unwahrheit verstricke ! Ich will Euch nicht stören , mein Kopf ist ohnehin müde , laßt mich hier ausruhen , und sagt Euch ungestört , was Euer Herz erfreut . Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen sich in den tiefen Fenstersitz zurück , während Maria ungestört ihren Gedanken nachhing . Aber häufig geschieht es , daß unsere Phantasie aufhört thätig zu sein , wenn die Gegenwart mit ihren Erscheinungen uns so nah gerückt ist , daß wir uns jeden Augenblick als selbst thätig erwarten können . Wir schließen dann im Gegentheil uns wie eine Knospe zusammen , um der Wirklichkeit die gesammelten Kräfte darbieten zu können , und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen bunten Bildern an der Erwartung des nächsten Augenblicks . So kam es , daß es Maria unmöglich ward , ein Bild hervor zu heben für ihre eigene Lage , und unbestimmt angeregt , sank ihr müdes Haupt zurück , und sanfter Schlummer wiegte sie bei dem leisen Geflüster der jungen Leute ein . Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes , der ihre Augen traf . Vor dem Tischchen der Tochter , an dem die letztere wieder saß , stand der alte Vogt , einen Armleuchter mit Kerzen haltend , und sprach leise in die freundlich aufmerkende Tochter hinein . Gern , bester Vater , beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten , gern will ich für die arme Dame sorgen , und viel lieber , wenn sie nicht jenen alten Damen anheimfällt , und die freundlichen Zimmer bezieht ; denn ich hoffe doch , da wird sie nicht auch geplagt werden . Schweig , unterbrach sie der Alte , strenger blickend ; thue , was vor Dir liegt , sei dankbar für das Vertrauen Ihrer Gnaden und laß Deine unschicklichen Bemerkungen . Die gnädige Frau hat dem ehrwürdigen Herrn erlaubt , Alles nach seinem Gutdünken einzurichten , und wir waren bis jetzt damit beschäftigt , und ... Halt , lieber Alter , unterbrach ihn hier Lady Maria , unfähig , durch anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhältnisse des Hauses zu stehlen , wenn Deine Worte nicht für mich sind , so fahre nicht fort , denn ich habe , wie Du siehst , ausgeschlafen . Ueberrascht , aber mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit , wandte sich der Alte schnell zur Lady , und sich bis zur Erde beugend , sagte er in der angemessenen Haltung eines Schloßvogts : Meine gnädigste Frau , die Besitzerin dieses Schlosses , beehrt mich , Euch , Mylady , hierselbst willkommen zu heißen , und da der vorgerückte Abend der gnädigen Dame nicht mehr erlaubt , Euch eine Audienz zu ertheilen , ersucht sie Euch , die Zimmer in Besitz zu nehmen , die sie zu Euerm Empfang hat einrichten lassen , und über Dero Diener zu befehlen , die alles Mangelnde zu ersetzen bemüht sein werden . In Wahrheit , guter Alter , erwiderte Maria , indem sie sich mit ihrer eigenthümlichen Hoheit erhob , das Willkommen der Dame , deren Gast ich wider Willen bin , kömmt so spät und nach so unziemlicher Vernachlässigung , daß ich so einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte , als auf die Eurer Herrin beziehen möchte . Doch sei es darum , ich sehe mich nicht ungern blos an Euch und Eure Tochter gewiesen , und bin bereit Euch zu folgen . Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine Gebieterin . Aber Domestiken , die alt geworden im Dienste , sehen nicht ungern an denen , die sie bedienen sollen , einen hohen Anspruch auf äußere Achtung hervortreten ; sie fühlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu vergeben gegen Personen , die sich selbst zu ehren wissen . Der Alte mochte noch außerdem Gründe haben , unserer jungen Heldin Ehrfurcht zu bezeigen , denn es schien , er fühle sich nun ganz an seinem Platze . Er erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem hoch gehobenen Leuchter voran , als sie , in ihren Mantel sich hüllend , bereit schien ihm zu folgen . Auf dem entgegengesetzten Flügel im Erdgeschoß des Schlosses öffnete Miklas jetzt eine Thür , welche die Lady einlud , in ein großes Vorzimmer zu treten , das an seinen leeren weißen Wänden die kostbarsten Stuckaturen , von einem großen Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet , zeigte . Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden , in ein daran stoßendes Kabinet zu treten , wohin nur Margarith die Lady begleitete . Auf das Angenehmste fühlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben überrascht . Es gehörte zu den Zimmern , die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles darzubieten scheinen , was ein sinniges Leben erfordert . Es war angenehm erwärmt , und nur ein mildes Kohlenfeuer glühte noch in dem Marmor-Kamin , der den ganzen Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm . Davor standen auf einem schönen Teppiche mehrere bequeme Sessel , ganz , wie die Wände und Vorhänge des Zimmers , mit grünem Damast und goldenen Borten bedeckt . Es schien , als hätten Freunde so eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben , und Maria konnte sich nicht enthalten , voll Hoffnung und Sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken . Gegenüber zeigte sich das breite hohe Fenster , das in seine tiefen Wände eine kleine Biblothek aufgenommen hatte , wovor ein schön geformtes Lesepult stand , mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn , und an ein kleines Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueberraschung eine Harfe gelehnt . Mehrere Bilder , an den Wänden passend vertheilt , schienen alte Portraits und Heiligenbilder , und entgingen vorerst ihrer Betrachtung , da der Schein der Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte . Auch drängte Margarith , begierig die Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen , sie in das Nebenzimmer , das eben so hoch und schmal , als das erstere , durch ein großes damast-behangenes Bett sich als Schlafzimmer ankündigte . In der Fensternische war hier eine schwerfällige , aber reich besetzte Toilette angebracht , und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vortheilhaft gegen das Fenster aufgestellt . Was aber sogleich Maria ' s Aufmerksamkeit anzog , war eine der Thür gegenüber eingelegte Nische von schwarzem Marmor , worin , von zwei Wandleuchtern , auf denen Kerzen brannten , erleuchtet , sich das Bild einer Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte , von einer so himmlischen Schönheit in Ausdruck und Farbe , daß Margariths Bewegung , womit sie sich augenblicklich davor bekreuzte und das Knie beugte , natürlicher erschien , als ihr schnelles Uebergehen zu den andern Gegenständen des Gemaches . Das Bild ruhte auf einem Untersatz von ebenfalls schwarzem Marmor , welcher ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte , vor welchem ein kleines Betpult stand , worauf sie ein aus ihrer Reise-Equipage entlehntes griechisches Neues Testament erkannte . So schön und sinnig auch diese Einrichtung getroffen war , fühlte Maria doch mit ihrem richtigen Gefühl eine Absichtlichkeit heraus , die sie fast verletzte , und früher als der Gegenstand es verdiente , wendete sie sich davon ab , ihr kleines liebes Eigenthum von dem Betpulte wegnehmend und es auf