er in seiner Nähe verweile , ohne ihn zu begrüßen . Sie erzählte ihm darauf , daß jener nicht mehr oben im Schlosse wohne , sondern mit dem ganzen Hausstande in das Kloster unten im Tale gezogen sei , um dem Arzte näher zu sein , da er seit dem Mordanfalle auf dem Feste des Herzogs beständig kränkle . » Überhaupt « , fügte sie hinzu , » ist er jetzt mit einem Hausgeschicke so beschäftigt , daß ihm alles andre ziemlich gleichgültig sein wird . Unsereiner , die von Haus und Hof weggekauft worden ist , tut es recht wohl , zu sehn , wie die Fügungen der Natur sich nicht abkaufen lassen , und dem größten Rechner eine unsichtbare Gestalt zur Seite geht , welche allerhand Ziffern dem Kalkül einmischt , auf die er nicht gezählt hatte . « Da diese Anspielungen sein verwandtschaftliches Gefühl beleidigten , so suchte er dem Gespräche eine andere Wendung zu geben , und befragte sie über einige Verhältnisse des Hofes , an dem sie ihre Rosenzeit zugebracht hatte , worüber er denn auch gleich die genaueste und freigebigste Auskunft erhielt . Sie ging hinaus , um einige Bestellungen für das Abendessen zu geben , welches er mit ihr einnehmen sollte , und er benutzte diese Pause , sich in ihrem Zimmer umzuschauen . Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln der ersten Familien des Landes hing an den Wänden umher , zwischen denselben sah man viele vornehme Gesichter in Miniaturporträts . Als er den Inhalt eines kleinen Bücherschranks musterte , erblickte er sämtliche Jahrgänge des Gothaer historisch-genealogischen Kalenders in Reihe und Glied aufgestellt , damals einundsechzig an der Zahl , welche in solcher Vollständigkeit sich wohl schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mögen . » Das ist mein Zirkel « , sagte sie lächelnd , als sie ihn in die Betrachtung dieser Dinge versenkt fand . » Die Stammbäume habe ich selbst gezeichnet , und mich dabei im Gedächtnis der Personen erfreut , die ich gekannt , und wenn ich die Blätter der Kalender aufschlage , so blühen mir bei jeder Familie Geschichten entgegen . Die Gegenwart kann mir nicht gefallen , Zukunft hat ein armes Fräulein bei Jahren nicht mehr , da suche ich denn an der Vergangenheit , in der das Leben etwas wert war , meine Tage zu fristen . « Er fühlte , welcher Ton hier anzuschlagen sei , um sich behaglich zu empfinden . In einem der Kalender blätternd , nannte er den Namen eines der darin verzeichneten gräflichen Häuser , und hörte sogleich aus dem Munde seiner Wirtin das anmutigste Reise- und Liebesabenteuer , welches den Stammherrn vor soundso vielen Jahren betroffen hatte . Nun waren die Schleusen der Unterhaltung einmal aufgezogen . Erzählungen entwickelten sich aus Erzählungen , eine Geschichte nach der andern schachtelte sich ein , und wenn der ursprüngliche Faden schon ganz verlorengegangen zu sein schien , so sprang irgendwo wieder durch eine Hof- und Staatsfigur unvermutet der Zusammenhang hervor . Scheherezade schien aus ihrem Grabe erstanden zu sein , um einem andächtigen Zuhörer die Gesamtchronik des Lebens der höheren Stände zu veroffenbaren . Hermann fühlte sich auf das angenehmste gefesselt , und berührte die Speisen kaum , welche inzwischen aufgetragen worden waren . Alle diese Verwicklungen , Galanterien , Mißverständnisse , Entzweiungen und Versöhnungen , welche so vielen hohen Personen , von denen die meisten ihr Blatt in der Geschichte besaßen , einen bedeutenden Teil ihrer Zeit hinweggenommen hatten , drehten sich zwar eigentlich um nichts , aber es war das liebenswürdigste Nichts , was man sich denken konnte , und selbst der feine Duft zierlicher Sünde , welcher sich durch die Kapitel dieses weitschichtigen Romans hindurchzog , verlieh den Begebenheiten , wie sehr man sie auch hin und wieder tadeln mußte , einen besondern Reiz mehr . Was aber die Hauptsache war : eine lebende Person gab in diesen Historien ihr Leben , das was ihr das Leben bedeutet hatte , aus , und Lebendiges wirkt immer , es sei auch was es sei . Als die erzählende Dame einmal Atem schöpfen mußte , und hiedurch eine Unterbrechung ihrer Mitteilungen entstand , nahm Hermann die Gelegenheit zu reden , wahr , und sagte : » Eins ist mir bei Ihren Geschichten höchst merkwürdig . Ich sehe Fürsten , Heerführer und Staatsmänner , welche mit dem größten Ernste das Schicksal der Völker geleitet und entschieden haben , während der Zeiten ihrer würdigsten Tätigkeit in die leichtesten , ja leichtfertigsten Händel verstrickt . Was uns andre leidenschaftlich abwärts getrieben haben würde , scheint sie , wie ein flüchtiges Aroma , nur zu noch energischerem Wirken zu begeistern , und das Bewußtsein , welches uns in derartigen Strudeln abhanden gekommen wäre , in ihnen zu steigern . Es kommt mir daher fast so vor , als ob man , um die recht großen Dinge in der Welt zustande zu bringen , weniger arbeiten , als genießen müsse , und daß Mühe und Fleiß eigentlich doch nur Ameisenwerk schaffen . « Theophilie versetzte : » Das ist Philosophie , und auf diese habe ich mich nie verstanden . Aber die Uhr schlug eins , und ich muß Sie entlassen , so gern ich auch die Nacht hindurch noch fortplauderte . « - Ihre Wangen glühten von den lebhaften Gesprächen , ihre Augen glänzten von fröhlicher Aufregung . Beim Abschiede gab sie ihm die Hand und sagte : » Ich ahne , weswegen Sie gekommen sind , glaube aber nicht , daß Ihr Vorhaben Ihnen gelingen werde . In jedem Falle haben Sie an mir eine treue Freundin . « Er tappte die Wendeltreppe , auf welcher das Licht der aufgehängten Lampe erloschen war , hinunter , und klinkte an der Pforte , um hinaus und nach dem Wirtshause zu gelangen . Zu seinem großen Schreck war sie verschlossen . Über einen Gang sich tastend , nicht ohne Furcht , irgendwo zu stürzen oder anzulaufen , fühlte er zwar mehrere Türen , aber kein Drücker wollte seiner Bemühung zu öffnen , weichen . Er horchte , ob sich nicht ein Geräusch wollte vernehmen lassen , aber umsonst ; in dem ganzen Gebäude herrschte eine Totenstille . Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu müssen , suchte er die Wendeltreppe wieder und klimmte empor . Er hoffte , Theophilien noch wach zu finden . Oben stieß er an eine Türe , die gleich aufging . In dem dunklen Gemache stand etwas , wie ein Bette ; wie es schien , mit Kissen versehen . Kurz entschloß er sich , und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu stören , warf er sich in seinen Kleidern auf die Lagerstätte , die , sonderbar schmal und kurz , ihm nach einer ermüdenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach . Wirklich schlief er ein , erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in seiner Nähe . Er rieb sich die Augen , und konnte , als er ganz munter geworden war , nicht zweifeln , daß er neben dem Schlafzimmer Theophiliens , und von ihr nur durch eine dünne Tapetentüre geschieden , sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte . Höchst bestürzt über diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich , um seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Geräusch zu verraten . Aber er hörte in diesem gespannten , ängstlichen Zustande nur um so genauer , und verlor kein Wort von dem , was die Schläferin mit den vier Wänden laut verhandelte . Sie redete nicht , wie dies sonst zu geschehen pflegt , in abgebrochnen Worten , sondern fließend , zusammenhängend , als setze sie die Erzählungen des Abends fort . Plötzlich macht sie eine Pause ; es war Hermann , als ob sie sich im Bette aufrecht setze . Sie brach in ein leises , inniges Lachen aus , daß es durch die Nacht unheimlich klang . Nun begann sie französisch zu sprechen , und mit Erstaunen hörte er die Namen seines Oheims , der Tante und des Grafen Julius . Dieses Erstaunen wurde Bestürzung , Scham , ja Entsetzen , als sich nach und nach eine Geschichte vernehmen ließ , in welcher jene Personen die handelnden Figuren waren , und welche am allerwenigsten für die Ohren des Neffen taugte . So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewußte , ihrer Sinne nicht Mächtige , Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses . Er wendete sich , um nichts weiter zu hören , aber immer zog ihn das Gelüste des Schrecks nach der verhängnisvollen Kunde , und erst als die Redende aufhörte , sank er erschöpft zurück . Ein Schrei erweckte ihn . Es war heller Tag . Theophilie stand im Morgengewande vor ihm . » Um des Himmels willen ! « rief sie , » wie kommen Sie in dieses mein Zimmer ? Ich hätte den Tod von Ihrem Anblicke haben können . « - Er versuchte , seine Sinne zu sammeln , und stammelte die Geschichte seiner Einsperrung und seines Fehlgehens daher . Noch hatte er nur auf sie geachtet . Wie ward ihm aber , als er seine Lagerstatt in Augenschein nahm ! Ein seltsames Bette ! In einem Sarge hatte er geschlafen , in einem Sarge , welchen Tabourets umstanden , auf denen die zu einem vollständigen Leichenanzuge gehörigen Stücke lagen . Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf . Theophilie lächelte . » Tun Sie doch , als sähen Sie Gespenster , und doch ist es das Gewöhnlichste , Bekannteste , was Ihre Augen erblicken « , sagte sie . Sie lud ihn zum Frühstücke ein . Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangerührt stehen ließ , und noch immer , wie abwesend , dasaß , stieß ihn Theophilie an , und rief : » Wie ist es möglich , daß ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann so außer Fassung bringen können ? Ich bin allein , eine Fremde unter Fremden . In Ihrer Tante starb die einzige Freundin , welche ich noch hatte . Was ist natürlicher , als daß ich mir meine letzte Behausung und Hülle fürsorglich zubereiten ließ , da mir die Arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst doch nicht leisten werden . Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde früher . « Sie hatte bald ihren fröhlichen Ton völlig wiedergefunden , neckte ihn mit seinem Tiefsinn , und meinte , das Abenteuer , einen jungen Mann so Wand an Wand zu beherbergen , sei allerliebst . » Und ungefährlich für Tugend und Ruf « , sagte sie mit freiem Scherze , wie er nur ihr anstand , » denn dieser Jüngling war eine Leiche , und scheint , auch auferstanden , noch keine Kraft gesammelt zu haben . « Er versuchte , in diese Scherze einzustimmen ; es wollte nicht gelingen . Nachdenklich versetzte er : » Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen . Es ist eigen , daß ich gerade jetzt , wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben herandrängen , mich wider Willen in einem Gehäuse ausstrecken mußte , worin , wenigstens auf geraume Zeit , Sinn und Gefühl und Erinnerung erlöschen werden . « Zweites Kapitel Er stieg den Berg zum Kloster hinunter . Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen , welche er nun im einzelnen musterte , berührten seine Auge noch unangenehmer , als tages zuvor . Diese anmutige Hügel- und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt und zerfetzt zu sein . Das freie Erdreich mit Bäumen und Wasser , welches die Seele sonst von jedem Drucke zu erlösen pflegt , lastete auf der seinigen mit stumpfem Gewichte , weil es doch auch nur als Sklav ' im Dienste eines künstlich gesuchten Vorteils sich zeigte . Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen , lagerte sich über der ganzen Gegend ein mit widerlichen Gerüchen geschwängerter Dunst , welcher von den vielen Färbereien und Bleichen herrührte . Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand , ward ihm wohler . Rings um die wellenförmige Erhöhung , auf welcher die Gebäude standen , zogen sich die schönsten Blumenpartien . Alle Umgebungen waren in einen wohlausgestatteten Garten verwandelt worden . Orangerien und Gewächshäuser zeigten sich an mehreren Punkten . Er fand den Oheim , zu dem er ohne weiteres geführt wurde , in seinem Comptoir , umgeben von vielen Geschäftsleuten und Kommis . Sie saßen um einen großen grünen Tisch nach Art eines Kollegiums , der Oheim nahm in einem Lehnstuhle die Oberstelle ein . Er begrüßte Hermann mit kurzen , freundlichen Worten , und bat ihn , zu verziehen , bis die Konferenz beendigt sei , welche darauf ihren Gang ungestört weiter nahm . Hermann konnte bald an den Verhandlungen sehn , daß hier keine Geschäftsführung im gewöhnlichen Sinne stattfinde . Nicht ein Herr mit verschiednen , nur die Ausführung besorgenden Dienern war vorhanden , sondern ein jeder Geschäftszweig hatte seinen unabhängigen Vorstand , welcher innerhalb desselben frei nach eignem Ermessen verwaltete . So trat in der Versammlung ein Direktor der Glasfabrik , der Bergwerke , der Brau- und Brennerei , der Webstühle , der Porzellanmanufaktur hervor , und noch manche andre Fabrikstätten wären zu nennen . Diese Vorstände berichteten dem Oheim die Resultate ihrer Tätigkeit in der verfloßnen Woche . Wo mehrere oder alle Gewerbszweige ineinandergriffen , wie bei dem Verkehr mit Amerika , wurde die Beratung ganz kollegialisch , die Stimmenmehrheit entschied streitige Punkte . Jedes Departement schien auch seine abgesonderte Kasse zu haben , denn die Vorstände rechneten miteinander ab , und es kam vor , daß einer von dem andern sich eine Anleihe erbat , die dann auch , wie die dabei gemachten Bemerkungen erwiesen , ihre kaufmännischen Zinsen tragen mußte . Ein Sekretär , welcher am untern Ende der Tafel saß , führte über den Einhergang Protokoll . Die Autorität des Oheims bestand nur in der Präsidentschaft . Er hörte die Berichte der einzelnen Direktoren an , äußerte darauf seine Meinung , die jedoch niemals wie ein Befehl klang , lächelte beifällig , wenn sie angenommen wurde , und ließ es geschehn , wenn der Referent sie verwarf . Trat eine allgemeine Beratung ein , so beschränkte er sich darauf , die Debatte zu leiten , abschließlich den Inhalt der verschiedenen Meinungen zusammenzufassen , und bei Stimmengleichheit durch sein Votum zu entscheiden . Hermann wohnte mit Verwunderung dieser Sitzung bei . Die Größe der zirkulierenden Summen , die Mannigfaltigkeit der Geschäfte , die Unabhängigkeit der Verwaltungen , und dann doch wieder ihre innige Verzweigung , der Blick nach Rio und Vera Cruz , der sich von Zeit zu Zeit auftat , alles dieses zusammengenommen gab ihm das Bild des Welthandels und zugleich eines » königlichen Kaufmanns « der Gegenwart . Wunderbar stach gegen die kolossale Gestalt dieses Betriebes die körperliche Erscheinung des Herrn und Meisters ab . Hermann fand den Oheim sehr verändert . Er saß gebeugt , und mit dem Kopfe zitternd in seinem Lehnstuhle , und nur die Augen , sowie seine Reden verrieten noch die ungeschwächte geistige Kraft . Als die Geschäftsvorstände sich entfernt hatten , bewillkommte ihn der Oheim , sich mühsam im Sessel emporrichtend . Hermann nötigte ihn zum Sitzen zurück , und wollte nach den ersten Reden die Absicht seines Kommens darlegen . » Laß es « , sagte der Oheim , » du kennst meine Grundsätze darüber . Oder wenn du dich durchaus getrieben fühlst , die Sache weiter zu verfolgen , so warte damit noch ein acht Tage , sieh dich indessen in der Gegend und in den Fabriken um , vielleicht kommst du dadurch selbst von deinem Vorsatze ab . « » Wenigstens müssen Sie diesen vernehmen « , sagte Hermann . » Ich kann die Ungewißheit , worin ich über Cornelien schwebe , nicht länger ertragen . Was Sie mir damals auf dem Schlosse des Herzogs eröffneten , wurde in Eile und Zerstreuung gesprochen ; eine ruhige Überlegung verhinderte das unglückliche Ereignis , welches Sie zu schleuniger Abreise zwang . Cornelie hat mir auf alle meine Briefe nicht geantwortet . Eine Entscheidung will und muß ich haben , und deshalb bin ich hier . « » Diese Entscheidung soll dir werden « , versetzte der Oheim , den der bewegte Ton , mit dem Hermann sprach , nicht ungerührt zu lassen schien . » Warte die Zeit ab . Ich will ja dir , ich will keinem mit Absicht Unrecht tun , gönne mir ein paar Tage , die Sache noch einmal für und wider zu überlegen , und unterdessen sei mein Gast . « Mit dieser Erklärung mußte Hermann vorderhand zufrieden sein . Bei Tische erwartete er vergebens Cornelien , nach deren Anblicke er sich sehnte und den er doch fürchtete . Dagegen zeigte sich Ferdinand auf einen Augenblick . Sowie der Knabe aber Hermanns ansichtig wurde , färbten sich seine Wangen hochrot , er warf entrüstet die Serviette auf den Teller und rannte hinaus . Der Oheim schickte ihm einen zornigen und kummervollen Blick nach . Nachdem die Verlegenheit , welche durch diesen unzweideutigen Auftritt entstanden war , sich verloren hatte , überblickte Hermann die Tischgesellschaft . Sie war ziemlich zahlreich , und bestand wohl aus dreißig Personen . Die Hausgenossen , die unverheirateten Geschäftsleute und Vorstände , und mehrere junge Engländer und Franzosen , welche , angezogen vom Rufe des Oheims , bei ihm in die Lehre gingen , bildeten sie . Man setzte sich , sobald die Suppe erschien , ohne auf die Ausfüllung einiger leeren Plätze zu warten ; das Gespräch war ziemlich laut , und Hermann konnte bemerken , daß der Ton , welcher hier herrschte , sehr ungezwungen , ja derb war . Der Oheim sprach halbleise nur mit seinem nächsten Nachbar , und sah meistenteils niedergeschlagen vor sich hin . Von Frauenzimmern war , außer einigen Wirtschafterinnen , niemand zu erblicken . Als man schon ziemlich weit in der Mahlzeit vorgeschritten war , erschienen die verspäteten Tischgenossen ; Hermann sah überrascht zwei alte Bekannte wieder , den Rektor und den Edukationsrat . Letztrer begrüßte ihn freundlich , dagegen dankte der Rektor kaum der Bewillkommnung , und schien die ganze Tafel über mit einer heimlichen Entrüstung zu kämpfen . Nach Tische suchte Hermann mit dem Oheim ins Gespräch zu kommen , und sich über so manches , was hier bereits seine Aufmerksamkeit gereizt hatte , Belehrung zu verschaffen . » Ich bin heute morgen Zeuge einer Verhandlung gewesen « , sagte er , » nach der es den Anschein gewann , als hätten Sie sich bereits zur Ruhe gesetzt , und andern Ihr ganzes Geschäft übertragen . Und dennoch widerspricht dem alles , was ich von Ihnen sonst sehe und weiß . « » Wenn ich nicht irre , sagte ich dir schon einmal , daß man nur bis auf einen gewissen Punkt besitze « , versetzte der Oheim . » Erreicht das Vermögen eine Größe , welche das Maß der sogenannten Wohlhabenheit übersteigt , sind die Geschäfte zu einem hohen Grade der Ausdehnung gediehen , so muß man andre schalten und walten lassen . Wer dann noch selbst in alles eingreifen , jedes einzelne in eigner Person ordnen zu können wähnt , macht über kurz oder lang die Erfahrung , daß nichts nach seinem Willen geschieht , und wird allerorten getäuscht und betrogen . Ich sah diesen Wendepunkt meines Schicksals , als ich das Kloster und die Besitzungen des Grafen angekauft hatte , und meine Fabrikplane anfingen , in Erfüllung zu gehn . Deshalb entschloß ich mich , aus meinen Dienern und Faktoren , welche zum Glück sich in meiner Schule tüchtig herangebildet hatten , selbständige Herrn zu machen , ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien , welche ich für die verschiedenen Geschäftszweige bestimmt hatte , vorzustrecken , und einen jeden übrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen . Bis jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden . Die Direktoren treiben das Geschäft zu eigner Ehre und Vorteil , und bringen deshalb einen weit lebhafteren Schwung hinein , als wenn sie nur meine Handlanger wären , die wöchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange , und da in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehört wird , so lenke ich im Grunde alles nach wie vor . « » Eins fiel mir auf « , sagte Hermann . » Warum lassen Sie von Anleihen , welche ein Institut von dem andern macht , Zinsen geben , da doch das gesamte Betriebskapital Ihnen gehört ? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die Interessen zu entrichten . « » Nicht so ganz « , versetzte der Oheim . » Die Direktoren haben nur von den reinen Überschüssen ihren Anteil . Sie müssen sich daher bestreben , die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen ; und da dies in den meisten Fällen gelingt , so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat und nicht bloß zum Schein . « Jemand , der wie ein Metallarbeiter aussah , kam und brachte ein Päckchen Papiere in einem blauen Umschlage . » Es sind die bestellten Kassenscheine « , sagte er , » sehen Sie zu , ob sie Ihnen recht sind . « Der Oheim nahm die Papiere aus dem Umschlage , hielt sie gegen das Licht , prüfte die Stempel , und gab einige Stücke an Hermann . Dieser sah , daß es Banknoten waren , über größere und kleinere Summen lautend , mit dem Geschäftssiegel und der Namensunterschrift des Oheims versehen . » Es ist gut so « , sagte er zu dem Arbeiter , » die Proben gefallen mir , und ihr könnt nun die euch aufgegebne Anzahl verfertigen . Ich habe es für vorteilhaft gehalten , dieses Papiergeld zu kreieren , dessen Honorierung mir von allen bedeutenden Handelshäusern in den benachbarten Städten zugesagt worden ist « ; mit diesen Worten wandte er sich gegen Hermann . » Es ist ein leichtes Zahlungsmittel für alle meine Angehörigen und Arbeiter , und ich erspare damit ebensoviel bares Geld , welches nun wieder andrerorten tätig sein kann . Ich sehe « , fuhr er fort , » in den so übel berüchtigten Anleihen der Staaten nichts Schlimmes . Nicht in der vorhandnen Masse der edlen Metalle , sondern in den produktiven Kräften beruht der Reichtum einer Nation , und es ist gleichgültig , ob diese Kräfte durch Silber und Gold , oder ob sie durch Papier in Bewegung gesetzt werden , ja , es ist ein gutes Zeichen , wenn man zu letzterem greifen muß , um den Überschuß der Tätigkeit auszugleichen . « Ein kleiner Rollwagen fuhr unter dem Fenster vor , von zwei rüstigen Burschen gezogen . Der Oheim sah mit einem schwermütigen Lächeln seine schwachen und gebrechlichen Füße an , und sagte : » Dagegen hilft nun freilich weder Spekulation , noch Papiergeld . Willst du , neben diesem kindischen Fuhrwerke hergehend , mich durch die Anlagen begleiten ? « Hermann half ihm in den Wagen , und das Gespann setzte sich in Bewegung . Der Oheim ließ sich durch seinen Blumengarten fahren , welcher von der geschmackvollsten Auswahl und sorgfältigsten Pflege zeugte . Bei den schönsten Exemplaren mußte der Wagen stillhalten , der Oheim hob die Kelche mit leiser Hand auf , und senkte seinen sehnsüchtigen Blick in ihre bunte Tiefe , oder sog den Wohlgeruch verlangend ein . Zwischen dieser zarten Beschäftigung fuhr er fort , den Neffen über Handels- und Gewerbsverhältnisse zu unterrichten . Auf einer Anhöhe , welche die eigentlich botanische Region bildete , stand ein Gartenhaus , worin die Bibliothek befindlich war , die zu solchem Platze sich eignete . Der Oheim stieg aus , nahm ein Werk zur Hand und schlug darin etwas nach . In einiger Entfernung , an der Abdachung des Hügels sah Hermann Leute beschäftigt , und ging , da der Oheim bei seiner Lektüre blieb , zu ihnen . Man hatte eine Wand des Hügels mit künstlichem Fels umsetzt , zwischen dessen Spalten Rhododendren und andre Staudengewächse blühten . In der Mitte öffnete sich dieser Felsen zu einem Gewölbe , dessen Ausmauerung die Arbeiter beschäftigte . Hermann vernahm auf Befragen , daß das Gewölbe bestimmt sei , die Reste der Tante aufzunehmen , welche der Oheim nur vorläufig im Erbbegräbnisse des Schlosses habe niedersetzen lassen . Dieser Platz aber sei zu ihrer Ruhestätte erwählt worden , weil sie denselben vorzugsweise geliebt habe . Wirklich hatte man von dort die reizendste Aussicht . Gerade aus der Tiefe , beinahe senkrecht ihr gegenüber , stieg ein mächtiger Fels auf , den eine schöne frische Wiese , von klaren Quellbächen befeuchtet , umgrünte , hinter demselben erhob sich die Waldhöhe , von welcher das Schloß stolz herabblickte . Das Maschinenwesen war nach dieser Seite noch nicht vorgedrungen . Man sah auf Berg und Tal , wie sie Gott geschaffen hatte . Was Hermann von den Marmoren , die weither geschafft würden , von den prächtigen Gußeisenarbeiten , die der Oheim bestellt habe , vernahm , überzeugte ihn , daß Gattenliebe hier das kostbarste Mausoleum gründen wolle . Sich selbst hatte der Oheim in dieser Gruft auch die letzte Rast bestimmt , wie die Arbeiter sagten . Er saß noch bei sinkendem Abend , und lange nachdem die Leute den Platz verlassen hatten , an dieser ernsten Stätte . Dachte er an die Erzählung aus Theophiliens Schlafreden , so mußte er wünschen , geträumt zu haben ; denn hatte sie wirklich gesprochen und die Wahrheit gesagt , so erschien der ganze Zustand der armen Menschen ihm unselig hohl und lügnerisch . Drittes Kapitel In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Führer , welchen der Oheim ihm beigegeben hatte , die Gegend , und besah die Fabriken . Fast alle Zweige dieser Art menschlicher Tätigkeiten hatten sich hier im Umkreis weniger Stunden abgelagert . Man mußte wirklich über den Geist des Mannes erstaunen , der in verhältnismäßig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte . Aus einfachen Landbauern waren Garnspinner , Weber , Bleicher , Messer- und Sägenschmiede , Glasbläser , Töpfer , Vergolder , ja sogar Zeichner und Maler gemacht worden . Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte , welche diese Verwandlung bewerkstelligt hatten , sagten sie , daß nichts leichter gewesen sei . Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen , welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten . Alsobald sei der Nachahmungstrieb , besonders bei den jüngeren Leuten , rege geworden , da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe , welche , zum Dienen bestimmt , unzufriednen Geistes , sehr froh gewesen wären , einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden . » Auf diese Weise « , sagten die Vorsteher , » hatten wir in wenigen Jahren aus den Bewohnern der Gegend selbst unsre Pflanzschule herangebildet . Nun sind von den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die Fremde gegangen . Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden , ein Mittelstand neben der bäuerlichen Aristokratie , ähnlich den englischen Verhältnissen . Der Erstgeborne erbt den Hof , und wird nach dem Hofe benannt , setzt also auch eigentlich allein die Familie fort , die andern Söhne und die Töchter gehn in die Fabriken , und legen sich in der Regel von ihrer Beschäftigung neue Namen bei , gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs , und ohne daß die Verbote der Obrigkeit , welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet , etwas fruchten wollen . « Mußte Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter Menschen sehr ersprießlich finden , und sah er auf allen Maschinenstätten , in jedem Lager und Speicher die größte Ordnung und Nettigkeit , wurde es ihm hier recht klar , welch ein großes Ding das Geld , und ein diese Weltkraft bewegender verständiger Geist sei , so fehlte auf der andern Seite viel , daß ihn alle die nützlichen und lehrreichen Anschauungen , welche er auf dieser Wanderung einsammelte , erfreut hätten . Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen die mathematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleißes , gegen die Verdrängung lebendiger Mittel durch tote , und er konnte dieses Gefühls nicht Herr werden , so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah , so große Achtung er vor dem Oheim und seinen Helfern haben mußte . Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter . Jener zweite Stand , von welchem die Vorsteher geredet hatten , unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen , daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft , sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten , welche , bleich und aufgedunsen , auf Wegen und Stegen umherkrochen . Wie die beiden Beschäftigungen , die natürliche und die künstliche , dem Menschen zuschlagen , sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze . Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte , die von Wohlsein strotzten , nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr , deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ . Die Amtleute und Richter klagten sehr über die Vermehrung der Frevel , besonders gegen das Eigentum , seit die Gegend eine so veränderte Gestalt angenommen habe . In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der leichtesten Zänkerei gleich zum Messer . Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schlosse des Herzogs verglich , so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt . Es ist wahr , hier gehörte alles tätig der Gegenwart an , und dort zehrte man von Erinnerungen , bestrebte sich umsonst , der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen , aber jene Örtlichkeiten und ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung , während er hier vergeblich danach rang , den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit sich zum Gespinste zu entfalten . Entschieden war es ihm : wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen ,