Kummer erfüllt , daß er nun zu seinen Fahnen zurückkehrt . Die Ehre gebietet es , antwortete der Graf finster , er kann nicht anders . Aber , sagte der junge Mensch ängstlich , indem er den Arm des Grafen heftig drückte , ohne es zu wissen , wenn uns nun dieser gute , freundliche St. Julien , der uns beide liebt , der mich selbst die Waffen brauchen lehrt , ein Mal feindlich gegenüber steht , ist es nicht wie ein Brudermord , wenn wir unser Schwerdt auf seine Brust richten ? Gott wird solch Zusammentreffen verhüten , sagte der Graf abgewendet . Wenn es aber doch geschähe , fragte der Jüngling dringend , was wäre in solchem schrecklichen Falle unsere Pflicht ? Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden , sagte der Graf , wenn es irgend möglich ist , ohne unsere Sache zu verrathen . Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschütz ihn niederschmettern und das Unglück erfahren , wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten ? fragte der junge Mensch mit bewegter Stimme . Dann beweinen wir einen gefallenen Freund , sagte der Graf mit hervorbrechendem Schmerz . Was quälst Du mich mit diesen Vorstellungen ? Das ist es ja eben , was meine Seele ängstigt ; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder lieben gelernt . Ich sehe es ja , welche Bande ihn an dieß Haus fesseln werden , und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehören und das Schicksal fügt vielleicht einmal das Gräßlichste . Doch , fuhr er nach einigem Besinnen fort , diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne , daß es thöricht ist , sich diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben . Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend vorher beschlossen wurde , hatte die Gräfin den Obristen gebeten , mit seiner Tochter auf Schloß Hohenthal bis zur Rückkehr der Herren zu verweilen , und dieser hatte gern ihren Wunsch erfüllt , und Therese verließ am andern Morgen Emiliens Zimmer , wo sie die Nacht zugebracht , indem ihre Freundin sich zur Gräfin begab , und wollte ungestört im Garten sich ihren Träumen und Hoffnungen überlassen , denn der alte Obrist liebte sein einziges Kind zu sehr , als daß er ihr seine Unterredung mit dem Grafen hätte verschweigen können . Sie wandelte sinnend , ein milder Ernst ruhte auf der schönen gesenkten Stirn und ein halb wehmüthiges Lächeln umschwebte die wie Purpurrosen glühenden Lippen . Vertieft in Gedanken , hatte sie nicht auf ihren Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt , so daß plötzlich der Graf Robert und sein junger Freund vor ihr standen . Eine glühende Röthe bedeckte beim Anblick des Grafen das edle , ausdrucksvolle Gesicht , und der Zauber der Schönheit , die ihm nie so reizend erschienen war , fesselte die Zunge des liebenden Mannes . Der Jüngling Gustav zog sich nach den ersten Begrüßungen zurück , und Therese war allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel , der herbstlich mild sich über ihnen wölbte . Der Graf fand endlich Worte , die lang gehegte innige Zärtlichkeit seines Herzens zu enthüllen , und Theresens Seele war zu einfach , das Gefühl in ihrem Busen zu rein und edel , als daß sie es dem Freunde hätte verbergen mögen ; aber dennoch versagten ihr die Lippen , als sie nach Worten suchte . Die schönen braunen Augen füllten sich mit Thränen und blickten mit so tiefer , rührender Zärtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes , daß er die holde Antwort verstand und das liebliche Geschöpf , von seliger Freude trunken , in seine Arme schloß . Er drückte einen Kuß auf den rosigen , lebenswarmen , unentweihten Mund , und indem ihn die Schauer des Entzückens durchbebten , erschrak die unschuldige Jungfrau vor dem neuen , unbekannten Gefühl und entwand sich sanft den umschlingenden Armen . Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden , und führte die Geliebte zum greisen Vater und bat hier um die Bestätigung seines Glücks . Der Obrist erhob die Hände dankend zum Himmel und flehte mit lautem , freudigem Gebet um Segen für seine geliebten Kinder . Es waren die Minuten des reinsten Entzückens entschwunden , in denen der Mensch , in höheren Empfindungen lebend , sich selbst und die Gegenwart vergißt . Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein , und indem die irdischen Verhältnisse wieder mit Klarheit hervortraten , wurden die Freunde an die Pflichten gegen diejenigen gemahnt , deren Großmuth ihr Glück erst möglich machte . Der Obrist führte seine Kinder selbst zur Gräfin , die er mit Emilien im Saale antraf , und machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt . Er hatte dieß mit Ruhe und Würde thun wollen , aber ihn bewältigte die Rührung und die Thränen flossen über die vom Alter gefurchten Wangen . Ihnen und Ihrem edeln Gemahl , schloß er , danke ich die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glück meines Kindes . Er wollte nach diesen Worten die Hand der Gräfin küssen , sie aber entzog sie ihm , um ihn gerührt und ehrerbietig zu umarmen . Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr Gefühl , sagte sie , und ich bin Ihnen Dank schuldig . Ich habe meinen Vater so früh verloren , daß mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter niemals empfand , bis ich sie , indem ich Ihr Wohlwollen erkannte , fühlen lernte . Emilie neigte sich glückwünschend gegen den jungen Grafen und drückte mit inniger Liebe ihre Freundin an die Brust , und es durchzitterte ihren Busen ein so wehmüthiges Gefühl , indem sie die junge , glückliche Braut in ihren Armen hielt , daß sie den Saal verließ , sobald es , ohne auffallend zu sein , geschehen konnte , um in der Einsamkeit ein Gefühl zu überwinden , das sie um so mehr ängstigte , weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien . Als sie allein war , schien es ihr , als ob ein Schleier von ihrem inneren Auge hinweggehoben sei . Sie erkannte nun mit Klarheit , was ihre dunkle Sehnsucht schon lange angedeutet hatte . Das Leben ohne St. Julien schien ihr trübe und öde , und mit unaussprechlicher Trauer mußte sie sich eingestehen , daß die nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde , das , ihr unbewußt , ihr die Bahn des Lebens bezeichnet hatte . Früh gewöhnt indeß , die Schmerzen der Seele zu besiegen , kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück , und ihre Stirn erschien so heiter , daß Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte , den ihre junge Brust verschloß . XII Die Reisenden hatten , um nach der Festung * * * zu gelangen , mehr als eine Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den folgenden Morgen . Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche Kleider geworfen hatten , begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten . Im Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen , die alle vorgelassen sein wollten , wie es dem Grafen schien . Ein Kammerdiener stand an der Thüre , und der Graf näherte sich ihm und bat , indem er seinen Namen nannte , ihn zu melden . Der Kammerdiener neigte sich höflich , indem er nach einem jungen Manne blickte , der in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach . Des Grafen Augen folgten dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann , den er schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte , als er den Obristen Thalheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste . Ohne Verlegenheit näherte sich der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene , und des Arztes blitzende Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz . Ein Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt , denn zur rechten Zeit fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein , und er beschloß nun mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken zu ertragen . Der junge Lorenz näherte sich , ohne den Arzt weiter zu beachten , mit ruhiger , kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte , ob ein dringendes Geschäft ihn zum Kommandanten führe , da er nur in diesem Falle gemeldet werden dürfe , weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei . Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit unverschämter Höflichkeit gestellten Frage , daß der Graf so gut wie der Arzt gezwungen war , sich zu beherrschen , um sich nicht durch einen Menschen verletzt zu zeigen , der dessen unwerth schien . Jener antwortete also mit Kälte , daß er darum ersuchen müsse , ihn gleich zu melden , weil es allerdings dringend nöthig sei , daß er seine Excellenz , den Herrn Kommandanten , spräche . Der junge Lorenz verließ ihn , wie es dem Grafen schien , mit einer spöttischen Verbeugung , die sehr kalt erwiedert wurde , und verschwand durch die Thüre , die zu dem Kommandanten zu führen schien . Wenn die Thüre geöffnet wurde , erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu werden , aber so oft einer , der Gehör gefunden hatte , das Kabinet des Kommandanten verließ , wurde ein anderer der Harrenden eingeführt , und den Grafen und seine Begleiter schien Niemand zu beachten . Der junge Lorenz erschien wieder im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber , ohne ihn anzureden , und dieser konnte sich nicht überwinden , seine Verwendung noch ein Mal zu fordern . Er erstaunte über sich selbst , sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines französischen Generals zu finden , und nur die Liebe , welche er für St. Julien empfand , konnte ihn bestimmen , das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu erwarten . St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen , um einen Offizier zu erblicken , an den man sich wenden könne , aber nur Personen , die wie Kaufleute und Handwerker aussahen , waren als Bittende im Vorsaale , und der Kammerdiener an der Thür , dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet waren , so oft ein neuer Bittender in das Heiligthum drang . Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit großer Geringschätzung : Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben , so thun Sie am Besten , mir Ihre Mittheilung zu machen , denn der Herr General wird sich schwerlich mit Ihnen einlassen , und auch gegen mich , bitte ich , sich kurz zu fassen , denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören . Wer sind Sie denn eigentlich hier , fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme , daß Sie sich in die Geschäfte des Herrn Generals mischen wollen ? Es gehört eine große Beschränktheit des Geistes dazu , sagte Lorenz mit großer Ruhe , es nicht ohne Frage einzusehen , daß ich hier angestellt bin ; aber Sie werden doch nicht in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein , um es nun nicht zu begreifen , daß ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen . Es war klar , daß Lorenz , der verschiedene Male von dem Arzte war schnöde behandelt worden , ohne es rächen zu können , jetzt ihn veranlassen wollte , in der Heftigkeit , die ihm eigen war , sich zu vergessen und ungebührlich laut im Vorsaal des Generals zu werden . Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln , daß er alle empfangenen Beleidigungen auf ein Mal rächen könnte . Der Graf sah den Kunstgriff gelingen und wußte nicht gleich , wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte , denn wenn er sich selbst entschloß , sich in das Gespräch der Beiden zu mischen , so konnte er nicht wissen , ob der Uebermuth des jungen Lorenz nicht so weit gehen würde , auch ihn zu beleidigen , und er fühlte , daß es seiner gleich unwürdig sei , eine Beleidigung dieses Menschen zu rügen , wie zu ertragen . Alle diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt , der kampffertig da stand , mit glühenden Wangen und halb zugedrückten blitzenden Augen . Nur eines Wortes hätte es noch bedurft und seine Brust hätte sich ohne Rücksicht des furchtbaren Zornes entladen ; da rettete ihn ein Zufall , den er oftmals während des Laufes seines Lebens segnete . Die Thüre wurde geöffnet , und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte französisch : Der Herr General kann heute Niemand mehr hören , da andere Geschäfte seine Zeit in Anspruch nehmen , und Wer noch etwas vorzutragen hat , mag morgen um dieselbe Stunde wieder erscheinen . Sagen Sie das deutsch , Herr Sekretair , fuhr er zu Lorenz gewandt fort , für diejenigen , die nicht französisch verstehen . Mit einem boshaften Blick auf den Arzt , wiederholte Lorenz , nachdrücklich betonend , die Worte des Adjudanten , und die noch im Saale gewartet hatten , verließen ihn mißmüthig , und Lorenz hatte die Unverschämtheit , mit eimem Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen , so daß sein Blick zu fragen schien , was ihn nach dieser Erklärung noch bestimmen könne , zu verweilen . Der Graf , auf ' s Aeußerste darüber empört , sich auf diese demüthigende Weise abgewiesen zu sehen , wollte eben den Adjudanten anreden , zu dem auch schon St. Julien treten wollte , als die Flügelthüre geöffnet wurde und der Kommandant , von einigen Adjudanten begleitet , heraustrat . Der Graf , mit all der natürlichen Würde , die ihm eigen war , und mit der Höflichkeit der Gebehrden , die durch die Erziehung und das Leben in der großen Welt erworben wird , trat dem Kommandanten entgegen und sagte : Mein Herr General , wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt , so bitte ich Sie , mir , dem Grafen Hohenthal , und dem Kapitän St. Julien noch einen Augenblick Gehör zu verleihen . Der General verbeugte sich verbindlich und fragte , zu dem Kammerdiener gewendet : Weßhalb sind die Herren nicht gemeldet ? Der Kammerdiener deutete stumm auf Lorenz , und dieser sagte ohne alle Verlegenheit : Da Ew . Excellenz befohlen haben , die Personen nach der Reihefolge , wie sie gekommen sind , vorzulassen , und der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam , so glaubte ich keine Ausnahme machen zu dürfen . Es ist gut , sagte der General kurz ; ich hatte Ihnen befohlen , vorläufig die Vorträge derer zu hören , die nicht französisch verstehen , um Zeit zu ersparen . Vergessen Sie nicht , daß dieß Ihr Hauptgeschäft ist . Er lud hierauf den Grafen und St. Julien ein , ihm in sein Kabinet zu folgen , und der Arzt schloß sich uneingeladen an , indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Feind Lorenz schoß . Mit ächt französischer Höflichkeit wurde das Geschäft behandelt . St. Julien fand nicht die Schwierigkeiten , die er befürchtet hatte . Er erhielt als dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate , um seine Gesundheit zu befestigen , wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte . Der Graf empfing die für seine Behörde wichtige Bescheinigung , und der General dankte ihm verbindlich , daß seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten habe , den er damals , als er sich seiner angenommen , doch als einen Feind hätte betrachten müssen . Der Graf erwiederte , daß er überzeugt sei , ein französischer Krieger würde in ähnlichen Fällen eben so handeln und in dem leidenden Menschen keinen Feind erblicken . Wenn aber die Rettung des Kapitäns , fuhr er fort , als ein Verdienst anerkannt werden muß , so darf ich mir dieß nicht anmaßen , denn mein Beistand würde ihn kaum einige Stunden erhalten haben . Daß er lebt und blühend vor uns steht , haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des Herrn Doktor Lindbrecht zu danken . Der Graf erwähnte aus Mitleid das Verdienst des Arztes , denn dieser stand seitwärts und drückte mit großer Verlegenheit sein ansehnliches Manuskript an die Brust , welches er in der Nacht ausgearbeitet hatte , um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen , auf welche Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei . Er hatte dieß Manuskript im Busen , um es auf den ersten Wink vorzulegen , und nun richtete Niemand eine Frage an ihn , kein Mensch kümmerte sich um ihn und er hatte alle seine Philosophie nöthig , um diese Vernachläßigung des Verdienstes mit Anstand zu ertragen . Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte , die sein Herz einigermaßen erquickten , und entschuldigte sich gegen den Grafen , daß ihm seine Zeit für jetzt nicht erlaube , das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu genießen , er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen . Der Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an , und Alle verließen das Kabinet des Generals , und indem sie den Vorsaal betraten , in welchem Lorenz noch auf und ab ging , nahmen alle drei Abschied vom General , der seine Einladung wiederholte und sagte : Ich hoffe , mein Herr Doktor , daß Sie den Herrn Grafen begleiten werden . Ein Sonnenschein triumphirender Genugthuung verbreitete sich über des Arztes Gesicht , und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt hatte , sah er seitwärts nach Lorenz , ohne ihn zu grüßen , und ging wie ein siegender Held hinweg . Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl bei dem Kommandanten ein . Der Graf sowohl , als der General fühlten , daß eine freundschaftliche Annäherung unmöglich sei , denn obgleich der Friede geschlossen war und die Franzosen nun als Freunde in Preußen zu stehen behaupteten , so konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen , daß der Druck , den sie fortwährend auf das Land ausübten , sie den Preußen nicht als solche zeigen konnte . Auch das eigne ritterliche Gefühl sagte den bessern Franzosen , daß die Preußen , nach den großen Demüthigungen , die sie erlitten , sich nicht eher aufrichtig mit ihnen versöhnen könnten , bis die Schmach wieder getilgt wäre . Es war also natürlich , daß der Graf und der General nur über sehr allgemeine Gegenstände sprachen , und sich nur so weit näherten , wie es Männern von Welt die Sitte gebietet . Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden Gesellschaft und sein schroffes , seltsames Betragen wurde hier noch auffallender , als unter schonenden Freunden ; auch tadelte er sich innerlich , daß er , ohne daß die Pflicht es gebot , an einer Gesellschaft Antheil nahm , deren Dasein schon sein patriotisches Gefühl verletzte , und er würde vielleicht den Grafen gar nicht begleitet haben , wenn er nicht seinen Feind Lorenz hätte demüthigen wollen , der am Ende der Tafel saß , wohin der Arzt nun von Zeit zu Zeit übermüthige Blicke richtete . Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch . Er besorgte nämlich , St. Julien werde , wie er es sich unter Freunden erlaubte , ihn auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen , und er wußte nicht , wie er dann seine Fassung behaupten sollte ; doch sah er zu seiner großen Freude bald , wie ungegründet diese Besorgniß war . St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden mit der ernsthaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel gegenwärtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darüber , wie er dem Eifer , der Geschicklichkeit und der unermüdlichen , uneigennützigen Sorgfalt seines Arztes und Freundes sein Dasein verdanke . Dies war genug , um die lebhaften Franzosen seine seltsamen Manieren vergessen zu machen , und sie überschütteten den Arzt mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafür , daß er ihnen einen braven Kameraden erhalten habe . Der überglückliche Arzt bewegte sich heftig hin und her auf seinem Stuhle , um nach allen Richtungen hin , über seine erfüllte Pflicht sprechend , für das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken . Erstaunt war er aber , daß die Franzosen sein Französisch größtentheils nicht verstanden , und daß es ihnen St. Julien oft wie eine fremde Sprache übersetzen mußte , und zum ersten Male kam er auf die Vermuthung , daß es nicht Anmaßung und Eigensinn sein möchte , wie er früher glaubte , wenn ihm Dübois Winke über seine Aussprache des Französischen gegeben und zuletzt , da er sie nicht beachtet , nur immer Deutsch mit ihm geredet hatte . St. Julien schien bei dem Anblick französischer Uniformen und Feldzeichen alle andern Verhältnisse vergessen zu haben . Mit Begeisterung erfüllten ihn die Berichte von Schlachten und Siegen , an denen seine Tischgenossen Theil genommen hatten , und er seufzte über die Unthätigkeit , zu der er selbst indeß durch seine gefährliche Verwundung war gezwungen worden . Er fragte nach manchen von seinen Bekannten und Kameraden , und wenn er auch von vielen hörte , daß sie in den Schlachten geblieben waren , in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte , so hatten doch auch andere militärischen Rang und Ehren erkämpft , während sein eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb , und er betrachtete mit einer Art von Neid ihr Loos . Als das Gespräch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit über alle diese Gegenstände geführt worden war , sagte einer der Adjudanten zu St. Julien : Da Sie doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Theilnahme erkundigen , so wundert es mich , daß Sie gar nicht an die drei Brüder Lambertis denken , die doch beinah Ihr Geschick getheilt hätten . Was ist aus ihnen geworden ? fragte St. Julien mit großer Bewegung . Der älteste , erwiederte der Adjudant , ist in der Schlacht bei Friedland geblieben , der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen , und den jüngsten , der bei Friedland einen Arm verloren hat , habe ich vor einigen Monaten in Berlin gesprochen ; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen . Mit seiner Gesundheit aber stand es in Folge seiner gefährlichen Verwundung noch so schlecht , daß er bei meiner Abreise noch in Berlin bleiben mußte , um sich einigermaßen zu erholen , ehe er die weite Reise unternehmen konnte . Er theilte mir auch Ihr unglückliches Ende mit , denn er hielt Sie für todt . Und was sagte er darüber , fragte St. Julien mit großer Spannung . Er erzählte mir , sagte der Adjudant , daß Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht , darauf des andern Morgens etwas spät mit ihnen ausgeritten wären , und um an dem gegebenen Sammelplatze wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu können , hätten Sie einen Führer angenommen , der Sie auf kürzeren Wegen durch das Gebirge zu führen versprochen habe . Dieser aber sei ein Verräther gewesen , denn er habe Sie gänzlich vom Wege abgeleitet , und endlich wären Sie in der Einöde eines sich weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preußischer Truppen gestoßen , bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei . Von den Preußen angegriffen , hätten Sie , theurer St. Julien , nach der tapfersten Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen müssen , und auch Ihre Freunde , die Lambertis , wären nahe daran gewesen , Ihr Loos zu theilen , weil sie sich , aus mehreren Wunden blutend , schon ermattet gefühlt hätten , als Hörnertöne aus der Ferne das feindliche Detachement vermuthlich zu seinem Regimente riefen , denn ohne sich um den Todten zu bekümmern und ohne die Lebenden weiter zu bekämpfen , wären die Feinde so eilig als möglich davon gesprengt , und den Lambertis blieb nichts übrig , als ihren gefallenen Freund zu beweinen . Der jüngste Lamberti hatte Ihre Uhr , Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen , um bei seiner Rückkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem unglücklichen Ende eines geliebten Sohnes zu überreichen . Es ist ein Glück , sagte St. Julien mit sehr bewegter Stimme , daß meine Muter anders unterrichtet ist und also , wenn der theilnehmende Bote die Zeichen meines Todes überreicht , nicht so heftig erschüttert werden kann , wie er vermuthlich erwartet . Und verhält es sich so mit der Geschichte Ihres Unglücks , wie eben erzählt wurde ? fragte der General . Alles verhält sich so , erwiederte St. Julien , der mit großer Anstrengung seine Fassung zu behaupten strebte . Der Graf hatte während dieses Gesprächs St. Julien aufmerksam beobachtet , und ihm entging es nicht , wie gewaltsam dieser sein Gefühl niederkämpfte . Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des junges Mannes denen des Grafen , und eine dunkle Röthe bedeckte augenblicklich sein Gesicht , wodurch der Letztere überzeugt wurde , die Sache verhalte sich anders . Sie lebten in großer Vertraulichkeit mit den Lambertis , begann der Adjudant von Neuem . Ich glaube , Sie sind sogar verwandt . Weitläuftig , sehr entfernt , erwiederte St. Julien kurz , um das Gespräch zu endigen . Die Lambertis sind aber Italiener , sagte der Adjudant . Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin , erwiederte der junge Mann , und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter den gebührenden Dank für ihre Theilnahme an meinem unglücklichen Ende abzustatten . Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu glauben , daß St. Julien über seine beinah tödtliche Verwundung darum ein hartnäckiges Stillschweigen beobachtet hatte , um nicht Gräuel und Verbrechen seiner eigenen Familie zu enthüllen . Er suchte ihn also auch jetzt von der unangenehmen Nothwendigkeit zu erlösen , noch mehr über diesen Gegenstand zu sprechen , und gab der Unterhaltung durch einige zweckmäßige Fragen eine andere Richtung . Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich . Es war leicht zu bemerken , daß St. Juliens natürliche Heiterkeit ihn verlassen und einem trüben , ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte . Der Graf fühlte sich erleichtert , als er , im Gasthofe angekommen , die nöthigen Befehle geben konnte , um die Rückreise nach Schloß Hohenthal anzutreten , denn der Aufenthalt unter französischen Kriegern , umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen , beklemmte seine Brust , und ihn verwundete tief , was St. Julien in Entzücken versetzt hatte . Beide gaben sich also aus verschiedenen Gründen einem schwermüthigen Sinnen hin . Nur der Arzt war vollkommen heiter ; er hatte den vollständigsten Sieg über seinen Feind Lorenz davon getragen , der an der Tafel des Kommandanten wenig war beachtet worden , während er selbst , nach seiner Meinung , die größten Auszeichnungen genossen hatte . Er war auch der erste , der Neigung zeigte , ein Gespräch anzufangen , als sie die Festung hinter sich hatten . Ich hätte nicht gedacht , begann der Arzt seine Rede , daß die Franzosen so höflich und liebenswürdig sein könnten , wie ich sie heute gefunden habe , und wenn sie den Uebermuth aufgeben wollten , alle anderen Völker zu beherrschen , so würde ich mich nicht weigern , sie als Kinder der civilisirten Welt , als Brüder in der großen europäischen Familie zu betrachten . Der Graf mußte bemerken , daß die letzte Unterhaltung an der Tafel des Kommandanten der Festung * * * einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt hatte , da selbst diese Aeußerung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es dem Grafen überließ , eine Antwort darauf zu geben , dessen Stimmung ebenfalls nicht heiter genug war , um in alle Ansichten des Arztes einzugehen . Es wurden also ziemlich stumm die ersten Meilen zurückgelegt . Je mehr sie sich aber Schloß Hohenthal näherten , um so lebhafter fühlte St. Julien das Glück , noch zwei Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu dürfen , und die Lebhaftigkeit des Geistes , der Frohsinn der Jugend waren zurückgekehrt , noch ehe der Wagen durch das Thor des Schlosses rollte . Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen , und wie einen neu gewonnenen Freund schloß er mit großer Freude St. Julien in die Arme , denn er hatte innerlich gefürchtet , der Kommandant der Festung * * * würde Schwierigkeiten machen , die Rückkehr zu erlauben , und vielleicht darauf bestehen , daß St. Julien sogleich zu seinem Regiment abreisen solle . Die Gräfin bewillkommnete ihn mit sichtbarer Rührung , und Emilie , die halb hinter derselben verborgen stand , sendete einen Blick zärtlicher , seliger Freude zu ihm hinüber , der ihm das Herz in seinen Tiefen bewegte , und ihm schien es , als ob er jetzt es zum ersten Male wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfände , wie wahr und innig er in diesem Hause geliebt sei , wo ihn die zartesten Bande umschlossen . Als die ersten freudigen Begrüßungen vorüber waren , wollte der Graf den Frauen erzählen , wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfüllt habe , aber ehe er noch seinen Bericht begann , erschien der Prediger , der es wußte , daß die Freunde diesen Abend zurück erwartet würden , um so bald als möglich zu hören , wie es bei dem feindlichen General gelungen , und zu sehen , ob St. Julien wirklich wieder zurückgekehrt sei , woran auch er , wie der Graf Robert , gezweifelt hatte . Die Freude und die Glückwünsche wurden bei seinem Eintritte erneuert , aber er selbst kürzte sie gern ab , um zu erfahren , was der Graf über seinen kurzen Aufenthalt in der Festung * * * mittheilen würde . Dieser konnte natürlich nur die Höflichkeit und Gefälligkeit des Kommandanten rühmen , der ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewährt hatte , St. Julien noch zwei Monate bei sich zu sehen , und zwar ohne Nachtheil für den jungen