daß er mit den Krähen auf der Zinne sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht . An der Liedertafel ist er Cäsar und freut sich seiner Siege , in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken , und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dünn ; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen . Seine Leibgarde , der Baß , hat den Katarrh . In der Welt , in der Gesellschaft und auf Reisen , da ist er Goethe , und zwar ein recht menschlicher , voll herablassender Güte , er wandelt , er steht , wirft ein kurzes Wort hin , nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen , hält die Hände auf den Rücken , das macht sich alles ; nur zuweilen speit er aus , und zwar herzhaft , das trifft nicht , da geht die ganze Illusion zum Teufel . Die Verwirrung , die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlaßt , ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen ; Zelter zum Beispiel läßt nichts die Maut passieren , was er nicht schon versteht , und eigentlich ist das doch nur Musik , was grade da beginnt , wo der Verstand nicht mehr ausreicht , und die ewig vernichtenden Quergeister , die es so gut meinen , wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern : daß die nicht begreifen , daß sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen , wenn sie es nur mit dem ausfüllen , was sie verstehen , indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen , und daß sie höhere Offenbarung nie erfahren , wenn sie ewig gescheiter sein wollen , wie ihre Botschafter , die Phantasie und die Begeistrung . Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind , so spricht sie der Philister , vor Schreck sie nicht zu verstehen , oft nur halb , oft rückwärts aus , und nun stehen die sonst so beweglichen , blitzenden , naßkalt , langwierig , beschwerlich und freilich unverständlich im Weg . Dagegen ist der Begeisterte ein anderer : mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr , sie läßt sich nicht definieren , sie kann dem Gemüt wohl ihre Wirkung , aber nicht ihren Ursprung mitteilen , daher die plötzliche reife Erscheinung des Genies , das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war , nun in sich selbst erhöht , hervorbricht ans Tageslicht , unbekümmert , ob die Ungeweihten es verstehen , da es mit Gott spricht ( Beethoven ) . So steht ' s mit der Musik , das Genie kann nicht offenbar werden , weil die Philister nichts anerkennen , als was sie verstehen . - Wenn ich mir da meinen Beethoven denke , der , den eignen Geist fühlend , freudig ausruft : » Ich bin elektrischer Natur , und darum mache ich so herrliche Musik ! « Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes . Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne ( Menschen ) , ohne welche kein Geist , keine Musik . Wollust , ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall , Einsicht der Beherrschung , der Tragung , der Erregung des Geistes ; - nimmermehr in der Musik , was verklungen ist , hatte seinen eignen Tempel . Der ist mit ihm versunken , Musik kann nur ewig neu erstehen . Sonderbares Schicksal der Musiksprache , nicht verstanden zu werden . Daher immer die Wut gegen das , was noch nicht gehört war , daher der Ausdruck : » Unerhört . « Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als ein Holzbock gegenüber ( Zelter muß vermeiden , dem Beethoven gegenüberzustehen ) , das Bekannte verträgt er , nicht weil er es begreift , sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den täglichen Weg . Was kann einer noch , wenn er auch alles wollte , solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben führt , da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf . Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens , was schon da war , aber nicht , was da kommen soll , er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben , vom Gesetz . Jede Kunst steht eigenmächtig da , den Tod zu verdrängen , den Menschen in den Himmel zu führen ; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen , da steht sie mit geschornem Haupt , beschämt , was freier Wille , freies Leben sein soll , ist Uhrwerk . Und da mag nun einer zuhören , glauben und hoffen , es wird doch nichts draus . Nur durch Wege konnte man dazu gelangen , die dem Philister verschüttet sind , Gebet , Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit , auch in dem Unbegreiflichen . - Da stehen wir an den unübersteiglichen Bergen , und doch : da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen . Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr . Dem Hrn . R. die ungemachte Weste , seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr geblendet , als daß ich mir das rechte Maß hätte denken können , die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos , als daß ich ihm eine hätte schicken mögen , aber lauter und lauter Vergißmeinnicht in der Weste ! - Er mag nicht wenig stolz darauf sein . Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein , dies schön zu finden , so soll er nur auf mein Wort glauben , daß ihn alle Menschen darum beneiden werden ; noch muß ich erinnern , daß sie als Unterweste getragen wird . Nun , er wird mir gewiß schreiben und wird sich bedanken . - Und Du ? - hm . Du Einziger , der mir den Tod bitter macht ! - Bettine Grüß doch die Frau recht herzlich von mir , - es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich . Adieu Magnetberg . - Wollt ich auch da - und dorthin die Fahrt lenken , an Dir würden alle Schiffe scheitern . Adieu einzig Erbteil meiner Mutter . Adieu Brunnen , aus dem ich trinke . An Bettine Du erscheinst von Zeit zu Zeit , liebe Bettine , als ein wohltätiger Genius , bald persönlich , bald mit guten Gaben . Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet , wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird . - - - - - - - - - - - - - - - Daß Du mit Zeltern manchmal zusammen bist , ist mir lieb , ich hoffe immer noch , Du wirst Dich noch besser in ihn finden , es könnte mir viel Freude machen . Du bist vielseitig genug , aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn , und besonders , was die Musik betrifft , hast Du wunderliche Grillen in Deinem Köpfchen erstarren lassen , die mir insofern lieb sind , weil sie Dein gehören , deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will ; im Gegenteil , wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll , so wünsch ich Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet . In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhängen und ihn mir trauen , ich will Dir auch nicht verhehlen , daß Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben , und so manches , was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen , wieder anregen , was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt ; bei Dir wäre sehr zu wünschen , was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern , daß nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten müsse ans Licht . Ich muß Dir doch auf ' s dringendste anempfehlen , diesen weisen Rat so viel wie möglich nachzukommen , denn obschon ich nicht glaube , daß hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde , so wären doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten . Von den guten Musiksachen , die ich Dir verdanke , ist schon gar manches einstudieret und wird oft wiederholt . Überhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort . Von mir kann ich Dir wenig sagen , als daß ich mich wohl befinde , welches denn auch sehr gut ist . Für lauter Äußerlichkeiten hat sich von ihnen nichts entwickeln können . Ich denke , das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun . Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis , wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast . Fahre fort von Zeit zu Zeit , wie es Dir der Geist eingibt . Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste . Meine Frau grüßt und dankt zum schönsten . Riemer hat wohl schon selbst geschrieben . Jena , wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben . Den 11. Januar 1811 G. An Goethe Also ist mein lieber Freund allein ! - Das freut mich , daß Du allein bist , Denke meiner ! - Lege die Hand an die Stirne und denke meiner , daß ich auch allein bin . In beiliegenden Blättern der Beweis , daß meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist , ja , wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen , als indem ich mich in Deine Gegenwart denke . Ich habe eine kalte Nacht verwacht , um meinen Gedanken nachzugehen , weil Du so freundlich alles zu wissen verlangst , ich hab doch nicht alles aufschreiben können , weil diese Gedanken zu flüchtig sind . Ach ja , Goethe , wenn ich alles aufschreiben wollte , wie wunderlich würde das sein . Nimm vorlieb , ergänze Dir alles in meinem Sinn , in dem Du ja doch zu Hause bist . Du und kein andrer hat mich je gemahnt , Dir meine Seele mitzuteilen , und ich möchte Dir nichts vorenthalten , darum möcht ich aus mir heraus ans Licht treten , weil Du allein mich erleuchtest . Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht . Über Kunst . Ich hab sie nicht studiert , weiß nichts von ihrer Entstehung , ihrer Geschichte , ihrem Standpunkt . Wie sie einwirkt , wie die Menschen sie verstehen , das scheint mir unecht . Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur , hiermit sag ich alles , was ich von ihr weiß . Was geliebt wird , das soll der Liebe dienen , der Geist ist das geliebte Kind Gottes , Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur , das ist die Kunst . Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst . Was Du fühlst , das wird Gedanke und was Du denkst , was Du zu erdenken strebst , das wird sinnliches Gefühl . Was die Menschen in der Kunst zusammentragen , was sie hervorbringen , wie sie sich durcharbeiten , was sie zu viel oder zu wenig tun , das möchte manchen Widerspruch erdulden , aber immer ist es ein Buchstabieren des göttlichen Es werde . Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt , die sich nicht regt , die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag ? - Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht , in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfüllt wird ? - Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hütte sogar ? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere ? - Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist ! Ach , was fragst Du nach der Kunst , ich kann Dir nichts Genügendes sagen ? Frage nach der Liebe , die ist meine Kunst , in ihr soll ich darstellen , in ihr soll ich mich fassen und heiligen . Ich fürchte mich vor Dir , ich fürche mich vor dem Geist , den Du in mir aufstehen heißest , weil ich ihn nicht aussprechen kann . Du sagst in Deinem Brief , der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht ; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet , jetzt aber , wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert , was hab ich da aufzuweisen , als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen ; siehe da ! Er war mißhandelt und unterdrückt . - Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst ? - Dieser innere Mensch , der ans Licht begehrt , daß ihm Gottes Finger die Zunge löse , das Gehör entbinde , alle Sinne erwecke , daß er empfange und ausgebe ! - Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke , das wir durch ihre Inspiration vollbringen ? Kunstwerke sind zwar allein das , was wir Kunst nennen , durch was wir die Kunst zu erkennen und zu genießen glauben . Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen , die wir uns von ihm machen , über die Gesetze , die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen , ebenso erhaben ist die Kunst über das , was die Menschen unter sich von ihr geltend machen . Wer sie zu verstehen wähnt , der wird nicht mehr leisten , als was der Verstand beherrscht . Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind , der hat die Offenbarung . Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung , und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende . - Die Kunst ist Zeugnis , daß die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird , und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen , so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken , von dem sie die Sprache ist . Es ist nicht nötig , daß wir sie verstehen , aber daß wir an sie glauben . Der Glaube ist der Same , durch den ihr Geist in uns aufgeht , so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht , da er der Same ist einer unsterblichen Welt . Da das höchste Wunder wahr ist , so muß wohl alles , was dazwischen liegt , eine Annäherung zur Wahrheit sein , und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre . Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit ? - Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist ; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein , die von ihrem Lichte fabeln . - Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit , denn die Liebe gibt das Leben allein . Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit , denn die Liebe belebt den Geist allein ; wärme mein Herz durch Deinen Geist , den Du mir einhauchst , so hab ich den Geist Gottes , der nur allein vermag ' s. Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch , um das Evangelium juventutis weiterzuführen , und habe viel gedacht , was ich nicht sagen kann . Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert , diese benützen zu können nach Bedürfnis , ist Meisterschaft ; sie auf den Schüler überzutragen , ist Belehrung ; hat der Schüler alles erfaßt und versteht er es anzuwenden , so wird er losgesprochen ; dies ist die Schule , durch welche die Kunst sich fortpflanzt . Ein so Losgesprochener ist einer , dem alle Irrwege zwar offen stehn , aber nicht der rechte . Aus der langgewohnten Herberge , in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte , entlassen , ist die Wüste des Irrtums seine Welt , aus der er nicht herauszutreten vermag , jeder Weg , den er ergreift , ist ein einseitiger Pfad des Irrtums ; des göttlichen Geistes bar , durch Vorurteile verleitet , sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen , hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt , so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht . Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben . Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst , der hat seiner Kunstgriffe vergessen , dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten , und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen . Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht , ist zwar oft ergreifend , aber nicht überzeugend , weil der Maßstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind , die nicht passen , wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist ; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zuläßt , daß etwas sei , was nicht in ihm begriffen ist , und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt . Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz : » Es ist nichts neues , alles ist vor der Imagination erfunden . « Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mißbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen , in das Scheinerfinden , wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt , sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind , und in die Erzeugungen , die so weit gehen , als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist , etwas zu fassen . Je klüger , je abwägender , je fehlerfreier , je sicherer , desto wohlverstandener , von und für die Menge , und dies nennen wir Kunstwerke . Wenn wir eines Helden Standbild machen , wir kennen seine Lebensverhältnisse , verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise , ein jeder einzelne Teil enthält einen harmonischen Begriff seiner Individualität , das Ganze entspricht dem Maße der Erfahrung im Schönen , so sind wir hinlänglich befriedigt . - Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks , die durch das Genie gefördert wird ; diese ist nicht befriedigend , sondern überwältigend , sie ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung , sondern die Offenbarung des Genies selbst , in der Erscheinung . Ihr werdet nicht sagen : » Dies ist das Bild eines Mannes , der ein Held war « , sondern : » Dies ist die Offenbarung des Heldentums , das sich in diesem Kunstwerk verkörperte . « Zu solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung , sondern Leidenschaft , oder vielmehr Erleiden einer göttlichen Gewalt . Und welcher Künstler das Heldentum ( ich nehme es als Repräsentant jeder Tugend , denn jede Tugend ist lediglich Sieg ) so darstellt , daß es die Begeistrung , die seine Erscheinung ist , mitteilt : der ist dieser Tugend nicht allein fähig , sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren . In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube , der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff ; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk , welches erleuchtet . In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis , die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand , und der Mensch selbst ist die Empfängnis . - In allem ist ein Verein der Liebe , ein Ineinanderfügen geistiger Kräfte . Jede Erregung wird Sprache , Aufforderung an den Geist ; - er anwortet : - und dies ist Erfindung . Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung : das Vermögen des Geistes , auf eine Frage zu antworten , die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat , sondern die vielleicht bewußtlose Tendenz der Erzeugung ist . Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach außen haben einen solchen tief verborgnen Grund ; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt , um aufs neue Atem zu schöpfen , so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele , um aufs neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen . Die Seele atmet durch den Geist , der Geist atmet durch die Inspiration , und die ist das Atmen der Gottheit . Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen , Erzeugen ; das Senken des göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes , - so erzeugt , gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist ; so , durch den Geist in der Seele , so durch die Seele in dem Leib . Der Leib ist die Kunst , - sie ist die sinnliche Natur , ins Leben des Geistes erzeugt . In der Künstlersprache heißt es : Es kann nichts neues erfunden werden , alles ist schon vorher dagewesen ; ja ! Wir können auch nur im Menschen erfinden , außer ihm gibt es nichts , denn da ist der Geist nicht , denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen . Der Erfinder ist die Liebe . Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein gründet , so liegt außer diesem Umfaßten kein Dasein , kein Erfundenes . - Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden , wie der Geist der Liebe in dem von ihr begründeten Dasein waltet . Der Mensch kann nicht erfinden , sondern nur sich selbst empfinden , nur auffassen , erkennen , was der Geist der Liebe zu ihm spricht , wie er sich in ihm nährt und ihn durch sich belehrt . - Außer diesem Gewahrwerden der göttlichen Liebe , in Sprache der Erkenntnis umsetzen : ist keine Erfindung . Wie könnte der Geist nun erfinden wollen , da nur er das Erfundene ist , da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist , die ihm einzuflößen der göttlichen Liebe Genuß und Nahrung ist , da sein Atem nur das Verzehren dieser Leidenschaft ist , und da seine Erzeugnisse nur das Verkörpern dieser Leidenschaft sind . Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe , das Geliebtsein . Das Erfinden , das Aussprechen ist das Einflößen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist . Die Schönheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit , die sie in der Befriedigung ihrer Leidenschaft hat . - Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist , den sie erzeugt , den sie mit Leidenschaft durchdringt , daß er sie begehre ; dieses Begehren zu befriedigen , erzeugt ihren Genuß , dieses Mitgefühl ihres Genusses , ihrer Seligkeit , spricht der Geist durch Schönheit aus . Die Schönheit verkörpert sich durch den liebenden Geist , der die Form mit Leidenschaft durchdringt , so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes durchdringt . Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schönheit des Geistes aus , wie der von Leidenschaft erfüllte Geist die Schönheit der Liebe ausspricht . - Und so ist die Schönheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des liebenden Geistes , wie die Schönheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der liebenden Gottheit ist . Mein Freund glaubt vielleicht , ich sei mondsüchtig , da wir heute Vollmond haben , ich glaub ' s auch . Den 1. August 1817 Nicht geahndet hab ich es , daß ich je wieder so viel Herz fassen würde an Dich zu schreiben , bist Du es denn ? oder ist es nur meine Erinnerung , die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt ? Ach , wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten , daß Du die Deinigen hineinlegen möchtest , daß ich sie beide an meine Lippen drücken könnte . - Ich fühl es jetzt wohl , daß es nicht leicht war , mich in meiner Leidenschaftlichkeit zu ertragen , ja ich ertrage mich selbst nicht , und mit Schauder wende ich mich von all den Schmerzen , die die Betrachtung in mir aufwühlt . Warum aber gerad heute , nachdem Jahre vorüber sind , nachdem Stunden verwunden sind , wo ich mit Geistern zu kämpfen hatte , die mich zu Dir hin mahnten ? Heute bedachte ich es , daß vielleicht auch du nie eine Liebe erfahren habest , die bis ans End gewährt habe , heute hatte ich die Haare in Händen , die Deine Mutter sich abschnitt , um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen , und da faßte ich Herz , einmal will ich Dich noch rufen , was kann mir widerfahren , wenn Du nicht hörst ? Die Leute gehen jetzt häufig in die Kirche , sie gehen zum Abendmahl , sie sprechen viel von ihrem Freund und Herrn , von dem Sohn ihres Gottes ; ich habe nicht einmal den Freund bewahrt , den ich mir selbst erwählte , mein Mund hat sich geschlossen über ihn , als ob ich ihn nicht kenne , ich habe das Richtschwert der Zunge über ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt , siehst Du , so wenig Gutes ist in mir , da ich doch damals so gewiß besser sein wollte als alle , die so sind . Mir träumte vor drei Jahren , ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen Knien sitzend , an einer langen gedeckten Tafel , Du zeigtest mir ein Licht , was tief herabgebrennt war und sagtest : » So lange hab ich dich an meinem Herzen schlafen lassen , alle Gäste sind von der Tafel weggegangen , ich allein bin , um deine Ruhe nicht zu stören , sitzengeblieben , nun werfe mir nicht mehr vor , daß ich keine Geduld mit dir habe « - ja wahrlich , das träumte ich , ich wollte Dir damals schreiben , aber eine Bangigkeit , die mir bis in die Fingerspitzen ging , hielt mich davon ab ; nun grüße ich Dich nochmals durch alle Nacht der Vergangenheit und drücke die Wunden wieder zu , die ich so lange nicht zu beschauen wagte , und warte ab , ob Du mich auch noch hören willst , eh ich Dir mehr erzähle . Bettine Den Tag , an dem ich dies geschrieben , geriet das Komödienhaus in Brand , ich ging nach dem Platz , wo Tausende mit mir dies unerhörte Schauspiel genossen , die wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder wurden von Windstößen zerrissen , die Hitze hatte die schon tröpfelnden Wolken verzehrt oder zerteilt , und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der Sonne sehen , der Rauch wurde zum rötlichen Schleier . Das Feuer senkte sich in die innern Gemächer und hüpfte von außen hier und dort auf dem Rand des Gebäudes umher , das Gebälke des Daches war in einem Nu in sich hereingestürzt , und das war herrlich ; nun muß ich Dir auch erzählen , daß es währenddem in mir jubelte , ich glühte mit , der irdische Leib verzehrte sich , und der unechte Staat verzehrte sich mit , man sah durch die geöffnete Türe , durch die dunkeln toten Mauern alle Fenster schwarz , den Vorhang des Theaters brennend niederstürzen , nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer , jetzt ging ein leises Knistern durch alle Fenstern , und sie waren weg , ja , wenn die Geister solcher Elemente einmal die Flügel aus den Ketten los haben , dann machen sie es arg . In dieser andern Welt , in der ich nun stand , - dachte ich an Dich , den ich schon so lange verlassen hatte ; Deine Lieder , die ich lange nicht gesungen hatte , zuckten auf meinen Lippen , ich allein vielleicht unter den Tausenden , die da standen , die schauderten , die jammerten , ich allein fühlte in seliger einsamer Begeisterung , wie feuerfest Du bist - ein Rätsel hatte sich gelöst , deutlicher und besser konnte der Schmerz , der oft in früheren Zeiten in meiner Brust wühlte , nicht erläutert werden , ja es war gut , mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebäude nieder , frei und licht ward ' s in meiner Seele , und die Vaterlandsluft wehte mich an , - noch eins will ich Dir davon erzählen : in den ersten Nachmittagsstunden schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt , wie der Mond aufging , hüpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern , in den Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwärzten Masken . Am dritten Tag schlug die Flamme aus den tiefgehöhlten Balkenlöchern . Gelt , mehr läßt sich nicht erwarten , - willst Du mir nun über all diesen Schutt die Hand wieder reichen , willst Du bis ans End mich warm und liebend für Dich wissen , so sag ein Wort , aber bald , denn ich habe Durst . Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt , die Gedanken arbeiten sich auf ungeebnetem Weg durch , und doch denk ich mich noch wie den schäumenden Becher in Deiner Hand , aus dem Du gern nippen magst . Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat , so kannst Du sehen , welche Farbe meine Liebe zu Dir hat , denn immer kommt ' s mir vor , als ob ' s grad so innig rot und so ruhig , und der goldne Samenstaub auch , so ist Dein Bett in meinem Herzen bereitet , verschmähe es nicht . Meine Adresse ist Georgen-Straße Nr. 17. An Goethe Weimar , den 29. Oktober 1821 Mit Dir hab ich zu sprechen ! - Nicht mit dem , der mich von sich gestoßen , der Tränen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat , vor dem weichen die Gedanken zurück . Mit Dir Genius ! Hüter und Entzünder ! Der mit gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte , mit Dir , der es mit heimlichem Entzücken genoß , wenn der jugendliche Quell brausend , empörend über Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen Füßen , da es mir genügte , Deine Knie zu umfassen . Aug in Aug ! Einzig Leben ! Keine Begeistrung , die über