ihn als den erwarteten wahren Geliebten ihr förmlich vorzuführen , oder sie , wie ein Kind , den frohen Fund gleichsam selbst tun zu lassen ; gelänge diese List und wisse man sie kühn und klüglich durchzuführen , so sei Hoffnung zur Kur vorhanden . - Diese Ansicht schien so ganz nicht zu verwerfen . Doch Theobald behauptete zuletzt : er müsse bleiben , sie müsse ihn von Zeit zu Zeit vor Augen haben , ein ruhiges , bescheidenes Benehmen , der Anblick seines stillen Kummers werde günstig auf sie wirken , er halte nichts auf künstliche Anschläge und Täuschungen , er denke , wenn irgend noch etwas zu hoffen sei , auf seine Weise eine weit gründlichere und dauerhaftere Heilung zu erzielen . Nunmehr aber würden wir es unter der Würde des Gegenstands halten und das Gefühl des Lesers zu verletzen glauben , wenn wir ihn mit den Leiden des Mädchens ausführlicher als nötig , auf eine peinliche Art unterhalten wollten , so viele Anmut ihr Gespräch auch selbst in dieser traurigen Zerstörung noch immer offenbaren mochte . Deshalb beschränkt sich unsere Schilderung einzig auf das , was zum Verständnis der Sache selbst gehört . » Fräulein , du kannst ja Lateinisch « , sagte sie einmal zu Margot , » was heißt der Funke auf lateinisch ? « » Scintilla « , war die gutmütige Antwort . » So , so ; das ist ein musterhaftes Wort , es gibt ordentlich Funken ; aber du wirst es nur geschwind erdacht haben ? Tut auch nichts , desto besser vielmehr : ich will künftig , wenn ich dir etwas über die Augen des Bewußten zu sagen habe , in seiner Gegenwart nur bloß Scintilla sagen , dann merk aufs grüne Flämmchen - Bst ! hörst du nichts ? er regt sich hinterm Ofenschirm - nämlich , er kann sich unsichtbar machen - Ei das weißt du besser wie ich . Und , Fräulein , wenn du wieder mit ihm buhlst , mir kann es ja eins sein , aber gewarnt hab ich dich . « » Was soll mir das - Liebe Agnes ! « » O ihr habt einander flugs im Arm , wenn niemand um den Weg ist ! Ich bitte dich , sag mir , wie küßt sich ' s denn mit ihm ? ist er recht häßlich süß ? merkt man ihm an , daß er den Teufel im Leib hat ? - Fräulein , weil dir doch nichts dran liegt , ob er hie und da noch andre Galanterien neben dir hat , so will ich dir gleich einige nennen kannst ihn damit necken : Erstlich ist da : eine schöne Komtesse - fürnehm , ah fürnehm ! Sieh , so ist ihr Anstand - « ( hier machte sie eine graziöse Figur durchs Zimmer ) » Zieh ihn nur damit auf ! Aber angeführt seid ihr im Grund doch alle miteinander . Du willst mir nicht glauben , daß er mit der Zigeunerin verlobt ist ? Wenn ich Lust hätte , könnt ich den Ort wohl nennen , wo der Verspruch gehalten wurde und wer den Segen dazu sprach , aber fromme Christen beschreien so was nicht . Überhaupt , ich werde jetzt zur Schlittenfahrt müssen . Du leihst mir deinen Zobel doch wieder ? « Margot verstand , was sie im Sinne hatte , und gab ihr das Kleidungsstück . Nach einiger Zeit kam sie sehr artig geputzt , wie der Frühling und Winter , aus ihrem Zimmer hervor , ging in den Garten und zum Karussell , wo sie sich dann gewöhnlich in einen mit hölzernen Pferden bespannten Schlitten setzte . Der Boden durfte nicht gedreht werden , sie behauptete , es komme alles von selbst in Gang , wenn sie die im Kreise springenden Rosse eine Zeitlang ansehe , und es mache ihr einen angenehmen Schwindel . Nannette setzte sich mit ihrer Arbeit in den Schatten der nächsten Laube . Bald gesellte sich Agnes zu ihr , forderte sie auf , nicht traurig zu sein und verhieß : ihr Bruder werde nun bald ankommen und sie beide entführen » Nicht wahr , wir wollen fest zusammenhalten ? Du bist im Grund so übel dran wie ich mit diesen Lügengesichtern . Ja , ja , auch dir gehn die Augen nach und nach auf , ich merkte es neulich , wie dir grauste , als dich der Bösewicht Schwester hieß . Zwinge dich nur nicht bei ihm , er kann uns doch nicht schaden . - Jetzt aber sollst du etwas Liebes sehen , das wird dich freuen : Lies diese Blätter , du kennst die Hand nicht , aber den Schreiber . Sie sind mein höchster Schatz , mehr , mehr als Gold und Perlen und Rubinen ! Ich mußte sie dem Höllenbrand abführen , er hatte sie mir unterschlagen . Nimm sie drum fein in acht und lies ganz in der Stille , recht in herzinniger Stille . « Sie ging und ließ Nannetten das Liederheft zurück , dessen wir schon bei Gelegenheit der hinterlassenen Papiere des Schauspielers erwähnt haben . Da diese Gedichte » An L. « überschrieben waren und Agnes unter ihren Namen eine Luise hatte , so eignete sie sich dieselben völlig zu , nicht anders als sie wären von Theobald an sie gerichtet worden . Überdies hatte sie eine Silhouette in jenen Blättern gefunden , von der sie sich beredete , es sei ihr Bild . Man traf sie etliche Male darüber an , daß sie zwei Spiegel gegeneinanderhielt , um ihr Profil mit dem andern zu vergleichen . Vielleicht ist es dem Leser angenehm , von jenen Gedichten etwas zu sehen und sich dabei des Mannes zu erinnern , der , wie einst im Leben , so jetzt noch im Tode , das Herz des unglücklichen Kindes so innig beschäftigen mußte . * Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte , Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen , Die starre Welt zerfließt in Liebessegen , Und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte . Wenn ich den Blick nun zu den Bergen richte , Die duftig meiner Liebe Tal umhegen - O Herz , was hilft dein Wiegen und dein Wägen , Daß all der Wonne herber Streit sich schlichte ! Du , Liebe , hilf den süßen Zauber lösen , Womit Natur in meinem Innern wühlet ! Und du , o Frühling , hilf die Liebe beugen ! Lisch aus , o Tag ! Laß mich in Nacht genesen ! Indes ihr , sanften Sterne , göttlich kühlet , Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen . * Wahr ist ' s , mein Kind , wo ich bei dir nicht bin Geleitet Sehnsucht alle meine Wege , Zu Berg und Wald , durch einsame Gehege Treibt mich ein irrer , ungeduldger Sinn . In deinem Arm ! o seliger Gewinn ! Doch wird auch hier die alte Wehmut rege , Ich schwindle trunken auf dem Himmelsstege , Die Gegenwart flieht taumelnd vor mir hin . So denk ich oft : dies schnell bewegte Herz , Vom Überglück der Liebe stets beklommen , Wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen ; Im ewgen Lichte löst sich jeder Schmerz , Und all die schwülen Leidenschaften fließen Wie ros ' ge Wolken , träumend , uns zu Füßen . * Wenn ich , von deinem Anschaun tief gestillt , Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge , Da hör ich oft die leisen Atemzüge Des Engels , welcher sich in dir verhüllt . Und ein erstaunt , ein selig Lächeln quillt Auf meinen Mund , ob mich kein Traum betrüge , Daß nun in dir , zu himmlischer Genüge , Mein kühnster Wunsch , mein einzger , sich erfüllt . Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn , Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen ; Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin , Zum Himmel auf - da lächeln alle Sterne ! Ich kniee , ihrem Lichtgesang zu lauschen . * Schön prangt im Silbertau die junge Rose , Den ihr der Morgen in den Busen rollte , Sie blüht , als ob sie nie verblühen sollte , Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose . Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose , Sein Auge trinkt sich voll von sprühndem Golde , Er ist der Tor nicht , daß er fragen wollte , Ob er das Haupt nicht an die Wölbung stoße . Mag einst der Jugend Blume uns verbleichen , So war die Täuschung doch so himmlisch süße , Wir wollen ihr vorzeitig nicht entsagen . Und unsre Liebe muß dem Adler gleichen : Ob alles , was die Welt gab , uns verließe - Die Liebe darf den Flug ins Ewge wagen . * Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage , Dem Kuckuck horchend , in dem Grase liegen , Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen Im friedevollen Gleichklang seiner Klage . Da ist mir wohl ; und meine schlimmste Plage , Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen , Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen , Wo ich auf eigne Weise mich behage . Und wenn die feinen Leute nur erst dächten Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden , Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden . Denn des Sonetts vielfältge Kränze flechten Sich wie von selber unter meinen Händen , Indes die Augen in der Ferne weiden . In der Karwoche O Woche , Zeugin heiliger Beschwerde ! Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne , Und breitest im verjüngten Strahl der Sonne Des Kreuzes dunklen Schatten auf die Erde . Du hängest schweigend deine Flöre nieder , Der Frühling darf indessen immer keimen , Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen , Und alle Vöglein singen Jubellieder . O schweigt , ihr Vöglein hoch im Himmelblauen ! Es tönen rings die dumpfen Glockenklänge , Die Engel singen leise Grabgesänge , O schweiget , Vöglein auf den grünen Auen ! Ihr Veilchen , kränzt heut keine Lockenhaare ! Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße , Ihr wandert mit zum stillen Gotteshause , Dort sollt ihr welken auf des Herrn Altare . Wird sie sich dann in Andachtslust versenken , Und sehnsuchtsvoll in süße Liebesmassen Den Himmel und die Welt zusammenfassen So soll sie mein - auch mein ! dabei gedenken . * Agnes war inzwischen mit Henni spazierengegangen . Sie führte ihn ins freie Feld hinaus , ohne recht zu sagen , wohin es ginge , ein nicht seltener Fall , wo ihr jedesmal eine dritte zuverlässige Person unbemerkt in einiger Entfernung hinten nachzufolgen pflegte . Agnes brachte seit einiger Zeit die schöne Sammetjacke , das Geschenk ihres vermeintlichen Liebhabers , kaum mehr vom Leibe ; so trug sie dieselbe auch jetzt , und sah trotz einiger Nachlässigkeit im Anzug sehr reizend darin aus . Unter ordentlichen Gesprächen gelangten beide zu dem nächsten Wäldchen und in der Mitte desselben auf einen breiten Rasenplatz , worauf eine große Eiche einzeln stand , die einen offenen Brunnen sehr malerisch beschattete . Agnes hatte von diesem Brunnen , als von einer bekannten Merkwürdigkeit , gelegentlich erzählen gehört . Es ist dies wirklich ein sehenswertes Überbleibsel aus dem höchsten Altertum und äußerlich noch wohlerhalten . Die runde Mauer ragt etwa eine halbe Mannshöhe über den Erdboden vor , die Tiefe , obgleich zum Teil verschüttet , ist noch immer beträchtlich , man konnte mit mäßiger Schnelle auf sechszehn zählen , eh der hineingeworfene Stein unten auf dem Wasser aufschlug . Sein Name » Alexis-Brunn « bezog sich auf eine Legende . Agnes verlangte die Sage ausführlich von Henni zu hören , und er erzählte wie folgt . » Vor vielen hundert Jahren , eh noch das Christentum in deutschen Landen verbreitet gewesen , lebte ein Graf , der besaß eine Tochter , Belsore , die hatte er eines Herzogs Sohn , mit Namen Alexis , zur Ehe versprochen . Diese liebten einander treulich und rein ; über ein Jahr sollte Alexis sie heimführen dürfen . Mittlerweile aber mußte er einen Zug tun mit seinem Vater , weit weg , nach Konstantinopel . Dort hörte er zum erstenmal in seinem Leben das Evangelium von Christo predigen , was ihn und seinen Vater bewog , diesen Glauben besser kennenzulernen . Sie blieben einen Monat in der gedachten Stadt und kamen mit Freuden zuletzt überein , daß sie sich wollten taufen lassen . Bevor sie wieder heimreisten , ließ der Vater von einem griechischen Goldschmied zwei Fingerringe machen , worauf das Kreuzeszeichen in kostbaren Edelstein gegraben war ; der eine gehörte Belsoren , der andere Alexis . Als sie nach Hause kamen und der Graf vernahm , was mit ihnen geschehen , und daß seine Tochter sollte zur Christin werden , verwandelte sich seine Freude in Zorn und giftigen Haß , er schwur , daß er sein Kind lieber würde mit eigner Hand umbringen , eh ein solcher sie heiraten dürfe , und könnte sie dadurch zu einer Königin werden . Belsore verging für Jammer , zumal sie nach dem , was ihr Alexis vom neuen Glauben ans Herz gelegt , ihre Seligkeit auch nur auf diesem Weg zu finden meinte . Sie wechselten heimlich die Ringe und gelobten sich Treue bis in den Tod , was auch immer über sie ergehen würde . Der Graf bot Alexis Bedenkzeit an , ob er etwa seinen Irrtum abschwören möchte , da er ihn denn aufs neue als lieben Schwiegersohn umarmen wolle . Der Jüngling aber verwarf den frevelhaften Antrag , nahm Abschied von Belsoren , und griff zum Wanderstab , um in geringer Tracht bald da bald dort als ein Bote des Evangeliums umherzureisen . Da er nun überall verständig und kräftig zu reden gewußt , auch lieblich von Gestalt gewesen , so blieb seine Arbeit nicht ohne vielfältigen Segen . Aber oft , wenn er so allein seine Straße fortlief , bei Schäfern auf dem Felde , bei Köhlern im Walde übernachten blieb und neben soviel Ungemach auch wohl den Spott und die Verachtung der Welt erfahren mußte , war er vor innerer Anfechtung nicht sicher und zweifelte zuweilen ob er auch selbst die Wahrheit habe , ob Christus der Sohn Gottes sei , und würdig , daß man um seinetwillen alles verlasse . Dazu gesellte sich die Sehnsucht nach Belsoren , mit der er jetzt wohl längst in Glück und Freuden leben könnte . Indes war er auf seinen Wanderungen auch in diese Gegend gekommen . Hier , wo nunmehr der Brunnen ist , soll damals nur eine tiefe Felskluft , dabei ein Quell gewesen sein , daran Alexis seinen Durst gelöscht . Hier flehte er brünstig zu Gott um ein Zeichen , ob er den rechten Glauben habe ; doch dachte er sich dieser Gnade erst durch ein Geduldjahr würdiger zu machen , währenddessen er zu Haus beim Herzog , seinem Vater , geruhig leben und seine Seele auf göttliche Dinge richten wolle . Werde er in dieser Zeit seiner Sache nicht gewisser und komme er auf den nächsten Frühling wiederum hieher , so soll der Rosenstock entscheiden , an dessen völlig abgestorbenes Holz er jetzt den Ring der Belsore feststeckte : blühe bis dahin der Stock und trage er noch den goldenen Reif , so soll ihm das bedeuten , daß er das Heil seiner Seele bisher auf dem rechten Wege gesucht und daß auch seine Liebe zu der Braut dem Himmel wohlgefällig sei . So trat er nun den Rückweg an . Der Herzog war inzwischen dem Erlöser treu geblieben , und von Belsoren erhielt Alexis durch heimliche Botschaft die gleiche Versicherung . Sosehr ihn dies erfreute , so blieb ihm doch sein eigener Zweifelmut ; zugleich betrübte er sich , weil es im Brief der Braut beinah den Anschein hatte , als ob sie bei aller treuen Zärtlichkeit für ihn , doch ihrer heißen Liebe zum Heiland die seinige in etwas nachgesetzt . Er konnte kaum erwarten , bis bald das Jahr um war . Da macht er sich also zu Fuße , wie er ' s gelobt , auf den Weg . Er findet den Wald wieder aus , er kennt schon von weitem die Stelle , er fällt , bevor er näher tritt , noch einmal auf die Knie und eilt mit angstvollem Herzen hinzu . O Wunder ! drei Rosen , die schönsten , hängen am Strauch . Aber ach , es fehlte der Ring . Sein Glaube also galt , aber Belsore war ihm verloren . Voll Verzweiflung reißt er den Strauch aus der Erde und wirft ihn in die tiefe Felskluft . Gleich nachher reut ihn die Untat ; als ein Büßender kehrt er zurück ins Vaterland , dessen Einwohner durch die Bemühungen des Herzogs bereits zum großen Teil waren bekehrt worden . Alexis versank in eine finstere Schwermut ; doch Gott verließ ihn nicht , Gott gab ihm den Frieden in seinem wahrhaftigen Worte . Nur über einen Punkt , über seine Liebe zu der frommen Jungfrau , war er noch nicht beruhigt . Eine heimliche Hoffnung lebte in ihm , daß er an jenem wunderbaren Orte noch völlig müsse getröstet werden . Zum drittenmal machte er die weite Wallfahrt , und gücklich kommt er ans Ziel . Aber leider trifft er hier alles nur eben wie er ' s verlassen . Mit Wehmut erkennt er die nackte Stelle , wo er den Stock entwurzelt hatte . Kein Wunder will erscheinen , kein Gebet hilft ihm zu einer fröhlichen Gewißheit . In solcher Not und Hoffnungslosigkeit überfiel ihn die Nacht , als er noch immer auf dem Felsen hingestreckt lag , welcher sich über die Kluft herbückte . In Gedanken sah er so hinunter in die Finsternis und überlegte , wie er mit anbrechendem Morgen in Gottes Namen wieder wandern und seiner Liebsten ein Abschiedsschreiben schicken wolle . Auf einmal bemerkt er , daß es tief unten auf dem ruhigen Spiegel des Wassers als wie ein Gold- und Rosenschimmer zuckt und flimmt . Anfänglich traut er seinen Augen nicht , allein von Zeit zu Zeit kommt der liebliche Schein wieder . Ein frohes Ahnen geht ihm auf . Wie der Tag kommt , klimmt er die Felsen hinab , und siehe da ! der weggeworfene Rosenstock hatte zwischen dem Gestein , kaum eine Spanne überm Wasser , Wurzel geschlagen und blühte gar herrlich . Behutsam macht Alexis ihn los , bringt ihn ans Tageslicht herauf und findet an derselben Stelle , wo er vor zweien Jahren den Reif angesteckt , ringsum eine frische Rinde darüber gequollen , die ihn so dicht einschloß , daß kaum durch eine winzige Ritze das helle Gold herausglänzte . Noch voriges Jahr müßte Alexis den Ring , wäre er nicht so übereilt und sein Vertrauen zu Gott größer gewesen , weit leichter entdeckt haben . Wie dankbar warf er nun sich im Gebet zur Erde ! Mit welchen Tränen küßte er den Stock , der außer vielen aufgegangenen Rosen noch eine Menge Knospen zeigte . Gerne hätte er ihn mitgenommen , allein er glaubte ihn dem heiligen Orte , wo er zuvor gestanden , wieder einverleiben zu müssen . Unter lautem Preise der göttlichen Allmacht kehrte er , wie ein verwandelter Mensch , ins väterliche Haus zurück . Dort empfängt ihn zugleich eine Freuden- und Trauerbotschaft : der alte Graf war gestorben , auf dem Totenbett hatte er sich , durch die Belehrung seiner Tochter gewonnen , zum Christentum bekannt und seine Härte aufrichtig bereut . Alexis und Belsore wurden zum glücklichsten Paare verbunden . Ihr erstes hierauf war , daß sie miteinander eine Wallfahrt an den Wunderquell machten und denselben in einen schöngemauerten Brunn fassen ließen . Viele Jahrhunderte lang soll es ein Gebrauch gewesen sein , daß weit aus der Umgegend die Brautleute vor der Hochzeit hieherreisten , um einen gesegneten Trunk von diesem klaren Wasser zu tun , welches der Rosentrunk geheißen ; gewöhnlich reichte ihn ein Pater Einsiedler , der hier in dem Walde gewohnt . Das ist nun freilich abgegangen , doch sagen die Leute , die Schäfer und Feldhüter , daß noch jetzt in der Karfreitag- und Christnacht das rosenfarbene Leuchten auf dem Grund des Brunnens zu sehen sei . « Agnes betrachtete einen vorstehenden Mauerstein , worauf noch ziemlich deutlich drei ausgehauene Rosen und ein Kreuz zu bemerken waren . Henni leitete aus der Geschichte mehrere Lehren für seine arme Schutzbefohlene ab ; sie merkte aber sehr wenig darauf und zog ihn bald von dem Platze weg , um nahebei einen kleinen Berggipfel zu besteigen , welcher sich kahl und kegelförmig über das Wäldchen erhob . » Der Wind weht dort ! Ich muß das Windlied singen ; es ist sehr ratsam heute « , rief Agnes , voraneilend . Sie standen oben und sie sang in einer freien Weise die folgenden Verse , indem sie bei Frag und Antwort jedesmal sehr artig mit der Stimme wechselte , dabei sehr lebhaft in die Luft agierte . » Sausewind ! Brausewind ! Dort und hier , Deine Heimat sage mir ! Kindlein , wir fahren Seit vielen Jahren Durch die weit weite Welt , Und wollen ' s erfragen , Die Antwort erjagen , Bei den Bergen , den Meeren , Bei des Himmels klingenden Heeren - Die wissen es nie , Bist du klüger als sie , Magst du es sagen . - Fort ! Wohlauf ! Halt uns nicht auf ! Kommen andre nach , Unsre Brüder , Da frag wieder . Halt an ! Gemach , Eine kleine Frist ! Sagt , wo der Liebe Heimat ist , Ihr Anfang , ihr Ende ! Wer ' s nennen könnte ! Schelmisches Kind , Lieb ist wie Wind , Rasch und lebendig , Ruhet nie , Ewig ist sie , Aber nicht immer beständig . - Fort ! Wohlauf auf ! Halt uns nicht auf ! Fort über Stoppel , und Wälder , und Wiesen ! Wenn ich dein Schätzchen seh , Will ich es grüßen ; Kindlein , ade ! « Gegen Abend hatte sich Agnes ermüdet zu Bette gelegt ; der Präsident war eine Zeitlang bei ihr gewesen , auf einmal kam er freudig aus ihrem Schlafzimmer und sagte eilfertig zu Theobald hin : » Sie verlangt nach Ihnen , gehn Sie geschwinde ! « Er gehorchte unverzüglich , die andern blieben zurück und er zog die Türe hinter sich zu . Agnes lag ruhig auf der Seite , den Kopf auf einem Arm gestützt . Bescheiden setzte er sich mit einem freundlichen Gruß auf den Stuhl an ihrem Bette ; durchaus gelassen , doch einigermaßen zweifelhaft sah sie ihn lange an ; es schien als dämmerte eine angenehme Erinnerung bei ihr auf , welche sie an seinen Gesichtszügen zu prüfen suchte . Aber heißer , schmelzender wird ihr Blick , ihr Atem steigt , es hebt sich ihre Brust , und jetzt - indem sie mit der Linken sich beide Augen zuhält - streckt sie den rechten Arm entschlossen gegen ihn , faßt leidenschaftlich seine Hand und drückt sie fest an ihren Busen ; der Maler liegt , eh er sich ' s selbst versieht , an ihrem Halse und saugt von ihren Lippen eine Glut , die von der Angst des Moments eine schaudernde Würze erhält ; der Wahnsinn funkelt frohlockend aus ihren Augen , Verzweiflung preßt dem Freunde das himmlische Gut , eh sich ' s ihm ganz entfremde , noch einmal - ja er fühlt ' s , zum letztenmal , in die zitternden Arme . Aber Agnes fängt schon an unruhig zu werden , sich seinen Küssen leise zu entziehen , sie hebt ängstlich den Kopf in die Höhe : » Was flüstert denn bei dir ? was spricht aus dir ? ich höre zweierlei Stimmen - Hülfe ! zu Hülfe ! du tückischer Satan , hinweg - ! Wie bin ich , wie bin ich betrogen ! - O nun ist alles , alles mit mir aus . - Der Lügner wird hingehn , mich zu beschimpfen bei meinem Geliebten , als wär ich kein ehrliches Mädchen , als hätt ich mit Wissen und Willen dies Scheusal geküßt - O Theobald ! wärest du hier , daß ich dir alles sagte ! Du weißt nicht , wie ' s die Schlangen machten ! und daß man mir den Kopf verrückte , mir , deinem unerfahrnen , armen , verlassenen Kind ! « Sie kniete aufrecht im Bette , weinte bitterlich und ihre losgegangenen Haare bedeckten ihr die glühende Wange . Nolten ertrug den Anblick nicht , er eilte weinend hinaus : » Ja lache nur in deine Faust und geh und mach dich lustig mit den andern - es wird nicht allzu lange mehr so dauern , denn es ist gottvergessen und die Engel im Himmel erbarmt ' s , wie ihr ein krankes Mädchen quält ! « Die Schwägerin kam und setzte sich zu ihr , sie beteten ; so ward sie ruhiger . » Nicht wahr ? « sprach sie nachher , » ein selig Ende , das ist ' s doch , was sich zuletzt ein jeder wünscht ; einen leichten Tod , recht sanft , nur so wie eines Knaben Knie sich beugt ; wie komm ich zu dem Ausdruck ? ich denke an den Henni ; mit diesem müßte sich gut sterben lassen . « In diesem Ton sprach sie eine Weile fort , vergaß sich nach und nach , ward munterer , endlich gar scherzhaft , und zwar so , daß Nannetten dieser Sprung mißfiel . Agnes bemerkte es , schien wirklich durch sich selbst überrascht und beschämt , und sie entschuldigte alsbald ihr Benehmen auf eine Art , welche genugsam zeigt , wie klar sie sich auf Augenblicke war : » Siehst du « , sagte sie mit dem holdesten Lächeln der Wehmut , » ich bin nur eben wie das Schiff , das leck an einer Sandbank hängt und dem nicht mehr zu helfen ist ; das mag nun wohl sehr kläglich sein , was kann aber das arme Schiff dafür , wenn mittlerweile noch die roten Wimpel oben ihr Schelmenspiel im Wind forttreiben , als wäre nichts geschehn ? Laß gehen wie es gehen kann . Wenn erst Gras auf mir wächst , hat ' s damit auch ein Ende . « Der Maler verließ den folgenden Tag in aller Frühe das Schloß : der Präsident selbst hatte dazu geraten und ihm eines seiner Pferde geliehen . Es war vorderhand nur um einen Versuch mit einigen Tagen zu tun , wie das Mädchen sich anließe , wenn Theobald ihr aus den Augen wäre . Er selbst schien bei seiner Abreise noch unentschlossen , wohin er sich wende . Auf alle Fälle ward ein dritter Ort bestimmt , um zur Not Botschaft für ihn hinterlegen zu können . Von W * war nicht die Rede noch kürzlich hatte er dorthin um Frist geschrieben , im Herzen übrigens gleichgültig , ob sie ihm gewährt würde oder die ganze Sache sich zerschlüge . Die größere Ruhe , die man bei Agnes , seit der Gegenstand ihrer Furcht verschwunden ist , alsbald wahrnehmen kann , wird nach und nach zur stillen Schwermut , ihre Geschwätzigkeit nimmt ab , sie ist sich ihres Übels zuzeiten bewußt und der kleinste Zufall , der sie daran erinnert , ein Wort , ein Blick von seiten ihrer Umgebung kann sie empfindlich kränken . Auffallend ist in dieser Hinsicht folgender Zug . Der Präsident , oder Margot vielmehr , besaß ein großes Windspiel , dem man , seiner ausgezeichneten Schönheit wegen , den Namen Merveille gegeben . Der Hund erzeigte sich Agnesen früher nicht abgeneigt , seit einiger Zeit aber floh er sie offenbar , verkroch sich ordentlich vor ihr . Ohne Zweifel hatte diese Scheu einen sehr natürlichen Grund , Agnes mochte ihn unwissentlich geärgert haben - genug , sie selber schien zu glauben , es fühle das Tier das Unheimliche ihrer Nähe . Sie schmeichelte dem Hund auf alle Weise , ja gar mit Tränen , und ließ zuletzt , da nichts verfangen wollte , betrübt und ärgerlich von ihm ab , ohne ihn weiter ansehn zu wollen . Seit kurzem bemerkte man , daß sie ihren Trauring nicht mehr trug . Als man sie um die Ursache fragte , gab sie zur Antwort : » Meine Mutter hat ihn genommen . « » Deine Mutter ist aber tot , willst du sie denn gesehen haben ? « » Nein ; dennoch weiß ich , sie hat den Ring mit fort ; ich kenne den Platz , wo er liegt , und ich muß ihn selbst dort abholen . O wäre das schon überstanden ! Es ist ein ängstlicher Ort , aber einer frommen Braut kann er nichts anhaben ; ein schöner Engel wird da stehn , wird fragen , was ich suche , und mir ' s einhändigen . Auch sagt er mir sogleich , wo mein Geliebter ist und wann er kommt . « Ein andermal ließ sie gegen Henni die Worte fallen : » Mir kam gestern so der Gedanke , weil der Nolten doch gar zu lange ausbleibt , gib acht , er hat mich aufgegeben ! Und , recht beim Licht besehn , es ist ihm nicht sehr zu verdenken ; was tät er mit der Törin ? er hätte seine liebe Not im Hause . Und überdies , o Henni - welk , welk , welk , es geht zum Welken ! Siehst du , wie es nun gut ist , daß noch die Hochzeit nicht war ; ich dachte wohl immer so was . Nun mag es enden wann es will mir ist doch mein Mädchenkranz sicher , ich nehm ihn ins Grab - Unter uns gesagt , Junge , ich habe mir immer gewünscht , so und nicht anders in Himmel zu kommen . Aber den Ring muß ich erst haben , ich muß ihn vorweisen können