erinnern , daß sich ein gegebenes Wort niemals einseitig löst , daß es sein Recht durch alle Ewigkeiten erheischt , und daß Elise Dir das Deine niemals zurück geben will , darüber ist sie mit sich einig . « » Darüber ist sie mit sich einig ? « erwiederte ich fragend . » Fest ! « entgegnete der Comthur . Der letzte Hebel warf das ganze Gebäude über den Haufen . Verabredet also , rief eine Stimme in mir . Sie trauen dem Herzen nicht , das sie künstlich einsargen , und mit Gewalt begraben wollen ! Was ist aus Elise geworden , wenn sie dazu ihre Hand bietet ? Ist es , wie jene denken ? - Ungroßmüthige , wie konntest du ! - Ich brauchte Zeit , mich zu fassen . Der Comthur betrachtete mich staunend . Ich ließ ihn eine kleine Weile . Dann sagte ich gelassen : » Habe ich doch Elise nicht um die Rückgabe meines Wortes gebeten , wie kommt sie dazu , mir im voraus es zu verweigern ? « Er erröthete , ich aber fühlte einen häßlichen Frost durch meine Adern gehen , und setzte deshalb auch kalt hinzu : » das Unwiderrufliche denke ich ja nicht zu widerrufen , weshalb drängt man mich denn ? und zu was ? « » Ich könnte eher fragen , « fiel er , sich aus seiner liegenden Stellung mehr als sonst in die Höhe richtend , etwas gebieterisch ein , » warum Du Dich drängen läßt ? Worauf wartest Du denn noch ? Was soll geschehen , um Deine Verpflichtung unerläßlicher , die Lage der gekränkten Frau noch demüthigender , Dich selbst endlich entschlossener zu machen ? « » Von allen diesen Fragen , « entgegnete ich leise , mit halbem Lächeln , » kann nur die letzte an mich gerichtet sein , und darauf , lieber Onkel ! giebt es wohl in mir eine Antwort , doch halte ich sie für Andere nicht verständlich , darum vermag ich sie nicht laut werden zu lassen . « » Du vermagst oder Du willst vielmehr nicht , « sagte er empfindlich . » Was hilft das Eine ohne das Andere ? « warf ich ihm entgegen . Er stand auf . » Wir sind uns nur selten , « hob er , gedankenvoll vor sich hinsehend , an , » in unsern Meinungen und Urtheilen begegnet , wir scheinen auch jetzt sehr verschiedener Ansicht zu sein . Verschiedener Ansicht ! « wiederholte er , um nicht zu sagen Gefühl . » Denn ich denke nicht , daß Dir das zartere Empfinden der Ehe , in welchem wir nothwendig zusammentreffen müßten , fremd sein könnte , wenn nicht eine andere Art , diese zu betrachten , sich zwischen unsern Gesichtspunkt schöbe . « » Meine Art , « versicherte ich gelassen , » ist ganz einfach die , mit möglichster Freiheit das zu thun , was geschehen muß . Man ist aber nicht jeden Augenblick frei in sich . Bis der rechte kommt , bitte ich Sie , mich nicht zu verkennen und sich nicht beunruhigen zu wollen . « » Und Elise ? « fragte der Comthur . » Da wir noch lange einen Weg zu gehen haben , « erwiederte ich bestimmt , » so wird sie wohl nicht verschmähen , ihren Schritt nach dem meinen zu richten , und sich nicht treiben lassen , wenn ich sie bitte , länger , als es die Welt gut heißt , mit mir still zu stehen . « Der stolze Mann maß mich mit funkelndem Blick . Doch hielt er an sich . Er ging einigemal an mir vorüber , im Zimmer auf und ab , ohne , wie es schien , sogleich ein passendes Wort finden zu können . » Hugo ! « sagte er darauf , sanft die Hand auf meinen Arm legend , » Du bist sonst weder hart noch herrisch , was ist es , daß Dich jetzt dazu macht ? Ich überlasse Dir , den Grund davon zu finden . Ich glaube aber , wer im Rechten ist , der braucht sich eben nicht gegen weichere Gefühle zu steifen , noch kalt zu thun , damit man nur nicht an den Sommer denke , und frage , wo denn plötzlich das frühere Leben hingekommen sei ? Geh nur ! geh ! « setzte er hinzu , » Du bist in der Liebe ein Egoist ! und das kann sie am wenigsten vertragen . « Er verließ das Zimmer . Ich blieb in Gedanken zurück . Ich schrieb darauf Alles das nieder . Er hat unrecht , ich versichere Dich . Es klingt wohl , als wäre es was , aber die Menschen verderben es immer , daß sie den Menschen in Worte übersetzen wollen . Es faßt sich das gemischte Leben niemals im Einzelnen heraus ; und was die ganze Seele füllt , davon behält der Andere nur ein Stück in der Hand . Ich kann es einmal nicht ertragen , daß man der Meinung wegen , auch das in Fesseln schlägt , worüber man viel meinen , doch schwerlich mehr wissen kann , als sich jedem Einzelnen auf seine Weise offenbart . Fragt man , wie Du es immer hören wirst , was denn aus der Welt werden soll , wenn man dieser geheimen Offenbarung vertrauen und fremder Bestimmung kein Recht darüber gönnen wolle ? Dann bitte ich , mir zu sagen , ob man wisse , was denn jetzt daraus wird ? Nein , der Onkel hat nicht Recht . Ein Egoist ! ein Egoist ! Weil ich nicht wie ein Handschuh auf jede Hand passe ! Und was ist er denn ? Woran lag ihm zumeist , als er jenes viel berühmte Doppelopfer brachte und bringen ließ . Rettete er nicht auf Unkosten des Mädchens , dem er sich verlobte , was ihm mehr als das Mädchen galt ? Neben des Gesetzes Vollziehung den Ruf , für den er ja heute noch allein lebt . Ein Egoist ! was das gleich Worte sind ! Der Zehnte weiß nicht , was er dabei denkt ! - - - - Walter kommt nicht ! Könnte ich nur die fatale Unruhe los werden ! Glaubst Du nicht auch , daß der Mensch sehr vom Blute abhängt ? Ich spüre eine Beklemmung , ein Pochen in den Pulsen ! alle Gegenstände , die ich denke , stehen wie hinter einem dichten Flor . Je schärfer ich den Willen darauf richte , je deutlicher ich sehen möchte , desto dunkler ballen sich Schatten auf Schatten , zuletzt ist es völlig Nacht in mir . Auch sie ! Ihr Bild geht in dem dunkeln Gewoge unter . Heute wollte ich mir ' s zurückrufen , ich hatte eine ordentliche Unruhe darnach . Es plagte mich , daß die Erinnerung nicht weichen , und ich doch die Anschauung nicht festhalten konnte . Ich strebte , mir das Mondlicht , den Glanz , den es verbreitet , die Bäume , die bekannte Stelle , das sonderbare , kranke Wesen , jedes einzeln recht vorzustellen . Umsonst ! Immer das Hin- und Herbewegen vorüberfliegender Dunstberge . Es ist das Blut ! weiter nichts ! Ich sei abergläubisch , beschuldigtest Du mich einmal . Denkst Du , ich fürchte , die Erscheinung neulich Nachts bedeute mir etwas ? Ich sage Dir ja , ich erkannte die Fremde wieder . Was liegt da weiter für eine Bedeutung verborgen . Es ist mir bloß darum , zu wissen , wer sie ist ? Es wird wohl das Gescheuteste sein , daß ich Walter aufsuche . So hetzt Einer den Andern . Alle suchen ! Was werden wir finden ? Der Comthur an Sophie Ich war bei Ihnen , Liebe ! Sie sind in der Messe , sagte man mir . Ich wollte Ihnen sagen , was ich mich nun genöthigt sehe , Ihnen zu schreiben . Es ist mir leid . Sie hätten mich wohl beruhigt , und wären sich selbst dadurch klarer geworden , statt daß ich Ihnen nun alles Unangenehme so über den Hals schicken und es dem Himmel überlassen muß , wie Sie damit fertig werden . Sie brauchen in Ihren Muthmaßungen nicht weit zu gehen , um sogleich auf Hugo zu stoßen . Ich weiß wohl , daß Sie längst seinetwegen Besorgnisse hegten , ohne diese eingestehen zu wollen . Es konnte Ihnen , so wenig wie Elisen , die Spannung seines verstörten , unstäten Wesens entgehen . Er selbst glaubt sich krank . Der Arzt fand sein Blut aufgeregt , doch sonst keine Spur gestörter Gesundheit . Sein Kammerdiener Birkner sagte uns darauf , sein Herr bringe alle Nächte außer dem Bette , beim Schreibtisch , zu ; soviel er bemerkt , bleibe er indeß müßig vor demselben sitzen , halte die Feder in der Hand , sehe angestrengt bald auf dieses , bald auf jenes beschriebene Blatt , scheine aber nichts zu lesen . Wenn ihm endlich die Augen zufielen , dann fahre er in die Höhe , stürze aus Fenster , oder laufe auch hinunter in den Garten , von wo er häufig erst beim Anbruch des Tages mit allen Zeichen innerer Erschütterung zurückkomme . Dies nun , und Mehreres , was ich sonst noch im Hause erfuhr , bewies mir , daß etwas Fremdes , nicht in sein früheres Geschick Verflochtenes , ihn in unnatürliche Kämpfe verstrickt halte . Ich wollte dem auf die Spur kommen , deshalb ging ich zu ihm auf ' s Zimmer . Er mochte eine Ahndung meiner Absicht haben . Verschlossen , und mit einer Eisrinde überzogen , trat er mir entgegen . Wir hatten eine seltsame Unterredung , während welcher er in dem Maße zurückgezogener ward , als ich mich in meinem Eifer fortgerissen fühlte . So sagte ich zu viel und er zu wenig , was mich verdroß , weil ich ihn eigentlich stacheln und zu Eröffnungen zwingen wollte . Ich wäre zu weit gegangen , hätte ich mich nicht gefaßt , hätte ich nicht dem Verlaufe nachgedacht . Da konnte es denn nicht fehlen , daß mir Eins und das Andere in Hugo ' s Worten besonders auffiel , und ich eine fremde Härte , eine Sprödigkeit darin wahrnahm , die mich auf gänzliches Verlieren an einen neuen , ihn durchaus beherrschenden Gegenstand seines Herzens , oder seiner Phantasie schließen ließ . Ich erschrack , und warf ihm noch eine ernste Warnung ins Gewissen , ehe ich ging . Er that nichts , mich eines Bessern zu überzeugen . So stolz stand er mir niemals gegenüber . Ich war sehr geneigt , dies hochfahrende Benehmen auf Rechnung eines beunruhigten Gewissens zu schieben , und ward hierin bestärkt , als ich erfuhr , Hugo habe den schlauen Walter in geheimen Aufträgen versandt . Nehmen Sie hierzu , das Umherschweifen bei Nacht , rechnen Sie den plötzlichen Aufschub seiner Heirath , mit vielen andern Nebenumständen zusammen , und sagen Sie selbst , ob der Verdacht , daß eine neue Liebe , eine heimliche Verbindung ihn von Elisen abziehe , wie diese ihn früher von Emma abzog , etwas Undenkbares sei ? Aber wo den Gegenstand dieser finstern , unseligen Leidenschaft suchen ? Ich verlor mich in Muthmaßungen . Jetzt , Sophie ! ist der Graf seit zwei Tagen fort , mit Post abgereist , ohne vorhergegangene Anstalten , ohne hinterlassene Befehle , ohne irgend eine Maßregel , die auf besonnenen Entschluß deutet , und - kaum getraue ich mir ' s zu denken , geschweige denn auszusprechen . Doch auffallend muß es sein , daß auch die Fremde in unserer Nachbarschaft mit einemmale verschwunden ist . Ich wage keine bestimmte Beziehung hier festzustellen , allein - wenn es wäre , wenn Alles verabredet , wenn die Intrigue vollkommen zu machen , der Schein der Gemüthskrankheit eine Komödie wäre ? - Liebe ! ich überlasse Ihrem Scharfsinn das Uebrige . Was meinen Sie aber , daß wir Elisen sagen ? Ich wollte das an diesem Morgen mit Ihnen verabreden . Es war zu einer Stunde , in der ich Sie allein zu finden hoffen durfte , da unsere Freundin lange schläft , oder doch wenigstens das Bett erst spät verläßt . Es muß ihr auffallen , nichts von Hugo zu sehen und zu hören . Was können wir aber gescheuter Weise ersinnen , das ihr genügen würde ? Das Herz ist in solchen Fällen klüger als der Kopf , wenn Verstand verstehen heißt . Ich fürchte , die Arme ist nicht lange mehr zu täuschen ! Bestimmen Sie , liebe Sophie ! über mich . Ich versichere Sie , wie immer , meines Gehorsams . Antwort Sie haben mir die Augen geöffnet ! Das war es auch ! O wagen Sie es , wagen Sie es dreist , da an eine Beziehung zu glauben , wo sie ein Blinder entdecken würde . Sie wissen , ich bin von Natur lebhafter , als ich gewöhnlich erscheine . Ich habe es gelernt , diese Lebhaftigkeit in dem Maße zu beherrschen , als ich der Gelassenheit bedurfte . Vielleicht macht mich das Erworbene zuversichtlicher , als ich es zu sein Ursache habe , vielleicht halte ich mich nur für gefaßt und überlegt , weil mich Andere dafür halten . Ich weiß es nicht genau . Ich weiß daher auch nicht , ob mich Leidenschaft oder klare Einsicht in diesem Augenblicke leitet ? Aber das weiß ich , daß ich den Zusammenhang des unerhörtesten Betrugs ganz deutlich , ganz in seinen Einzelnheiten bedingt , schreiend wahr zu erkennen glaube , und es kaum begreife , wie erst jetzt die Bedeutung unzählig auffallender Umstände mir entging . Ich erinnere Sie hier nur an das Eintreffen der Unbekannten in dieser Gegend , gerade , nachdem Hugo von einer mehrtägigen Abwesenheit zurückkehrte , von welcher Niemand den Zweck , noch die Veranlassung kannte . Dann , das stete , unerwartete Zusammentreffen jener mit dem Grafen , in Augenblicken , wo sie ihn mit Elisen beschäftigt wußte . Trat sie nicht den Abend an den Wagen der Ohnmächtigen , als diese in das Amthaus getragen ward ? Sah man sie nicht in jener Nacht vor dem Fenster der Kranken umherschleichen und erlauschen , was im Zimmer vorging , während Rührung und überraschtes Mitgefühl Ihrem Neffen das neue , unbesonnene Gelübde entrissen ? Trafen wir sie nicht Abends bei der Nachhausefahrt von Wehrheim , dicht vor dem Orte im Kahne ? Und sah ich nicht , daß Hugo die Unruhe , die mich so unerklärbar befiel , in erhöhetem Maße theilte ? Soll ich Ihnen nun noch sagen , daß die räthselhafte Verkappung und das Spukhafte in dem Betragen der Fremden nur dazu diente , Unberufene aus ihrer Nähe zu entfernen , ihr aber die Freiheit verschaffte , Nachts die Gegend zu durchstreifen , den Grafen auf seinen Jagdritten zu treffen , ja sich im Burgbezirk , im Schloßgarten , im Wildzwinger , auf Emma ' s Bank unter ihren Lieblingen sehen zu lassen ! Ich schaudre , tritt mir Alles in seiner unleugbaren Wirklichkeit vor die Seele . Und nun fort ! Und auch er ! Unglückliche Elise ! so dreist , so sündhaft wurdest Du betrogen ! Ja , was sagen wir ihr aber ? was wir fürchten ? Ich wage es nicht . Denn hege ich gleich keinen Zweifel über meinen Verdacht , so besitzen wir doch nicht hinreichende Beweise , um auf eine Muthmaßung hin , ein Herz unbarmherzig zu zerreißen . Wir müssen sie noch hinhalten . Ist es , wie ich mir ' s vorstelle , so kann es kein Geheimniß bleiben . Wir sind dann vorbereitet , haben uns gesammelt , und können sie besser aufrecht halten , als jetzt , wo mein Blut kocht , und das Gefühl zwischen bitterer Empörung und heißem Schmerze hin- und hergetrieben wird . Wachsam müssen wir bleiben . Keinen Augenblick darf sie ohne mich sein , denn es theilen auch Andere unsern Argwohn , und mehr als eine Stimme sagt , was wir noch zu denken zögern . Also für jetzt Behutsamkeit und Schweigen , lieber Freund ! Der Comthur an Sophie Zu rechter Zeit , Liebste ! haben Sie es in Zweifel gestellt , ob die angeborne Lebhaftigkeit Sie nicht dennoch öfter übereile , als Sie glauben . Ich meine , wir haben Beide rascher empfunden , als das Rechte gefunden . Muß ich auch Sie , wie mich selbst daran erinnern , daß die Oberhofmeisterin um die Fremde wußte ? daß diese mit ihr und dem Kloster in Verbindung steht ? daß sie ärztliche Besuche hatte , daß ihr Krankheitszustand folglich anerkannt und mit Sorgfalt beobachtet wurde ? Hierin also , ist wenigstens keine List zu vermuthen , und wie diese einzelne Widerlegung alles andere widerlegt , leuchtet Ihnen gewiß so gut ein , wie mir . Ein Glück daher , daß die Freundschaft zaghaft macht , und Sie weise handeln , weil Sie zärtlich empfinden . Freilich , liebe Freundin ! freilich , » Behutsamkeit und Schweigen ! « Elise darf nichts von unsern voreiligen Schlüssen ahnden . Vielleicht hilft uns Hugo bald über alle Zweifel hinaus . Noch wissen wir nichts von ihm . Auch Walter zeigt sich nicht , und mir liegt dazu ob , keine Unruhe zu verrathen , ich muß über die Schritte meines Neffen vollkommen unterrichtet scheinen . Meine Haltung hält ihn in der Meinung aufrecht . Möchte er bald die peinliche Anstrengung enden ! Antwort Sie haben recht . Und doch - ich weiß nicht , wie Alles zusammenhängt , aber - er ist der Fremden gefolgt . Sein Sie dessen gewiß . Elise weiß es . Der alte Gartenknecht Carl hat es ihr verrathen . Hugo war bei ihm . Er hatte ihn über jeden kleinen Umstand im Betreff der schleunigen Abreise der Dame befragt . Er soll sehr blaß , sehr matt und angegriffen dabei ausgesehen haben , so , als laste ein schweres Unglück auf ihm . Zweimal , sagte Carl , sei der Graf in einem Wagen bei ihm gewesen . Er durchlief das leere Haus , sah sich wild und unstät darin um , und jagte dann mit einem gemietheten Bauernpferde bis zur nächsten Station , von wo er das Pferd zurückschickte . Der Bote , der es gebracht , erzählte , der gnädige Herr habe sich durch denselben Postillon weiter fahren lassen , der die Spukdame gefahren habe . Dort im Städtchen spreche man wunderliches Zeug darüber . Die alte Marthe , der man längst wieder die Freiheit gab , saß gerade auf einem Steine vor dem Posthause , als der Graf so eilig drängte , fortzukommen . Sie lachte , und schüttelte den Kopf . Nachher hat sie gemeint : sie kenne die Dame wohl , der er nachziehe , sie seien einander auf ihren Nachtwanderungen begegnet , aber sie dürfe sie gegen Niemand nennen , auch wisse sie nicht , ob sie lebendig sei ? Urtheilen Sie , liebster Freund ! in welchen Zustand dies wüste Geschwätz , zusammengenommen mit dem , was wirklich ist , die unglückliche Elise versetzt . Einen kurzen Augenblick schien sie mir beherrscht von dem Gewicht ihres Geschicks . Ich fürchtete aufs Neue für ihre Gesundheit . Jetzt drückt sie Zweifel und Sorge hinunter . Sie will nichts fürchten oder doch nicht das Ansehen davon haben . Mir dünkt das so unnatürlich , daß es mich , mehr als laute Verzweiflung , peinigt . Die Sache ist ruchtbar geworden , Curd schreibt in diesem Augenblick an mich . Der Brief hat einen sehr ernsten , gespannten Ton . Ich weiß nicht recht , wie ich ihn verstehen soll ? Kommen Sie heute noch zu uns , Sie sollen mir Ihre Meinung darüber sagen . Ach kommen Sie ja ! Wir bedürfen Ihres Beistandes alle Beide . Agathe an die Gräfin Ulmenstein Ich bin die glücklichste Person von der Welt , liebste Mama ! Denken Sie doch , eben schickt mir Rosalie durch einen Lakaien von Marienthal , wo der Hof jetzt ist , zwei , in aller Eile mit Bleistift geschriebene Zeilen , in denen sie mir sagt : der Fürst habe ihr bei der Tafel aufgetragen , mich zu avertiren , daß die Cabinets-Ordre so eben ausgefertigt sei , durch welche Curd vom Militär ins Civil versetzt , und als Jägermeister mit angemessener Gehaltserhöhung angestellt sei . Ich dachte , ich solle närrisch vor Freude werden . Gesprungen , gejauchzt habe ich ! Stellen Sie sich doch nur die enorme Auszeichnung vor ! Das wird wieder lange Gesichter anderwärts geben ! Schade nur , daß Curd gerade auf den Einfall kam , einen Abstecher zu seiner Mutter zu machen , und nun nicht hier ist , dem Fürsten seine Danksagung zu Füßen zu legen . Er setzt mich dadurch in ganz ungeheure Verlegenheit . Was soll ich nun Rosalie antworten , da sie mir doch auf höchsten Befehl die erwiesene Gnade mitgetheilt , und ich folglich gegen sie nicht erwähnen darf , daß Curd ohne Urlaub verreiste ? Noch ein großes Glück , daß ich wenigstens den Vorschlag , Curd zu begleiten , ablehnte . Im Vertrauen , die brave Landdame soll unglaublich langweilig , und Ort und Haus sehr einfach sein , deshalb wollte ich meine Visite lieber zur gelegenern Zeit verschieben , wenn man einmal eine Parthie mit recht vielen lustigen , jungen Leuten aufs Land machen , und sich um jeden Preis amusiren möchte . Diese kluge Ueberlegung bringt mir den Vortheil , die Nachricht weit früher erfahren zu haben , um Ihnen , beste Mama ! die Stafette , da es noch Zeit ist , Ihren Rath zu benutzen , nach Ulmenstein schicken zu können . Sagen Sie mir nun , bitte , recht genau , wie ich nach Marienthal schreiben soll ? Machen Sie mir lieber den Brief . Der Fürst verlangt sicher , ihn zu sehen . Er interessirt sich sehr für mich , und ich hätte den Tod davon , wenn ich irgend einen Fehler machte , und er bemerkte es . Ich küsse Ihnen die Hand schon im Voraus , beste Mama ! Ihre glückliche Agathe . Antwort Ich erwartete die endliche Erfüllung meiner wiederholten Bitten seit mehreren Tagen , mein Kind ! Es ist mir sehr lieb , daß man nicht länger damit säumte . Ich lief Gefahr , compromittirt zu werden . Curd hatte viele Mitbewerber . Es brauchte aller meiner Tenacität , um mich nicht irre machen zu lassen . Ich bin nicht müde geworden , immer dasselbe zu wiederholen , und habe Andere so müde gemacht , daß sie aus Verdruß Ja sagten . So ist Dein Mann Jägermeister geworden , mein Herzchen ! Aber das muß ich Dir gestehen , eine deplacirtere Aufwallung von kindlicher Zärtlichkeit habe ich auch in meinem Leben nicht gesehen , als die , in einem moment de crise eine Wallfahrt zu dem älterlichen Heerde zu machen . Der gute Curd wußte ja ganz genau , wovon es sich handelte , und daß die Entscheidung vor der Thür war . Was fiel ihm denn ein ? Es embarassirt mich wirklich erstaunt , daß er abwesend ist . Dummes Ding ! Schreiben darfst Du gar nicht . Das wäre sehr ungeschickt . Setze Dich nur gleich in den Wagen und fahre hinaus nach Marienthal , schütze eine Krankheit Deines Mannes vor , und bitte um die Erlaubniß , statt seiner , Deinen Dank an den Tag legen zu dürfen . Du hast sehr recht , ohne mich , würdet Ihr Euch nie zu helfen wissen . Guten Abend , liebe Agathe ! Sei ja vorsichtig in Deiner Freude . Die Zunge geht so oft mit Dir durch , und nichts ist nöthiger , als diese zu rechter Zeit zügeln zu können . Wann kommt denn Curd zurück ? Weißt Du ? Leontin war diesen Morgen bei mir . Er hat mir recht sehr gefallen . Er sieht unglaublich interessant aus . Er hatte immer eine charmante Phisiognomie , aber seitdem ihm die Liebe , ce regard voilé gab , finde ich ihn unwiderstehlich . Lebe wohl , mein Kind ! Ich denke immer noch , er und Rosalie werden frühe oder spät ein Paar . Es giebt gewisse Leute mit einem Bischen Verstand , und erstaunt viel Courage ! Ich weiß nicht , ob Du die Leute kennst , und erfahren hast , daß sie nur eine Sache zu denken brauchen , um sie auszuführen . Adieu , kleine Katze ! Die Tante an Elise Es geht etwas vor , liebe Seele ! Ich weiß nicht was ? auch nicht wo ? Aber es wird so unruhig um mich ; und wenn ich erst die Leute viel hin und herreisen sehe , und sie nirgend bleiben , nirgend ausruhen können , dann habe ich schon genug . Ich bin von Natur ängstlich , das ist wahr , sehr ängstlich , ich kann mich deshalb auch wohl irren , und darum will ich nicht mit Bestimmtheit sagen , was ich fürchte . Doch fürchte ich , daß es auch Dich mit betrifft . Sieh ' mal , den Curd kennst Du . Er ist wild und störrisch . Wenn auch die feine Welt ihn erst glatt geschliffen und ihm dann ein modisches Wesen angewöhnt hat , so steckt doch der alte Kern in der neuen Schale , und der Kern ist fest , ja herbe , aber wenn man auf die rechte Stelle kommt , da wird er süß , ich versichere Dich , recht lieblich . Das ist unsers Landes Art so . Der Vater war auch von dem Schlage , und viele aus der Familie . Nun siehst Du , um wieder auf meine Muthmaßungen zu kommen . Ich weiß , daß Curd nicht vergessen kann , nicht im Guten , nicht im Schlimmen . Vor ein Paar Tagen kommt er hier her . Mein Gott ! wie finster sah er aus ! Die Falte zwischen der Stirn ward schwarz , wenn er in Gedanken vor sich hin sah . Ich kenne das an allen Männern seines Stammes , so wie sie über irgend ein Vorhaben brüten . » Curd ! « warnte ich ihn . Er wußte gleich , was ich sagen wollte . » Sein Sie unbesorgt , liebe Mutter ! « lächelte er . Ich war aber nicht ohne Sorge , konnte es auch nicht sein , ob er sich gleich zusammen nahm , und that , als sei er Geschäfte halber hierher gekommen , die die Wirthschaft angingen . Das Ding sah aber anders aus . Der Gerichtshalter mußte noch spät des andern Abends kommen , nachdem mein Sohn den ganzen Tag in seinem Zimmer geschrieben hatte . Er machte sein Testament . Ich merkte es recht gut , und wußte auch weshalb ? Ich ließ aber alles gehen , wie es wollte . Ich mochte mich in nichts mischen . Den folgenden Morgen war er weggefahren , ehe ich erwachte . Zu seinem gewesenen Vormunde , dem alten Deichhauptmann , ließ er mir sagen . Der Förster und der junge Amtsschreiber waren mit ihm in den Wagen gestiegen . Es konnte ja sein , daß er zum Deichhauptmann fuhr . Ich hätte auch nicht daran gezweifelt , wäre so mancherlei nicht vorhergegangen . Nun stutzte ich doch , und schwankte in mir . Die ersten vier und zwanzig Stunden , die brachte ich leidlich genug hin . Als aber der zweite Abend kam , es acht , neun , zehn Uhr schlug , und die Leute nach unserer stillen Weise im Hause schlafen gingen , wußte ich vor Angst meines Bleibens nicht . Ans Bett konnte ich nicht denken . Ich ging aus einer Stube in die andere . Es war kühles Wetter . Ich saß endlich in meinem kleinen Eckkämmerchen vor dem Kamin , der treue Waldmann neben mir auf dem Stuhl und die alte , knurrende Mise auf meinem Schooß . Katzen und Hunde , dachte ich bei mir , lernen sich vertragen , und wärmen sich an einem Feuer , und das Herz muß mir wegen zwei vernünftigen Menschen zum Zerspringen schlagen . Du weißt wohl , wenn Einem so recht angst und wehe in der Seele ist , dann hört man in allen Ecken etwas gehen und sprechen . Mir kam es so vor , als wäre der ganze Hof voll Leute . Ich lief wohl zehnmal ans Fenster . Es rührte und regte sich nichts draußen . Wieder nicht ! seufzte ich . Denn heute hatte ich meinen Sohn bestimmt zurück erwartet . Ich wurde nun auch müde . Nun so will ich nur immer auch schlafen gehen , nahm ich mir vor . Die silberne Wachsstockscheere hielt ich schon in der Hand , da winselte Waldmann , wie er wohl Nachts zu thun pflegt , ehe er bellt . Mir ward mit einemmale wieder bange . Ich setzte den Wachsstock auf den Tisch , ohne ihn anzustecken . Vor dem Hause regte sich etwas . Waldmann sprang jetzt vom Stuhl und schnupperte umher . Ich rief ihm zu , da schlug er laut und heulend an . Es fuhr mir durch alle Glieder . Im Hof sprachen Mehrere leise . » Es ist ja noch Licht drinnen , « hörte ich Curd ganz deutlich sagen . Gottlob ! da ist er ! rief ich , und im selben Augenblick kratzte der ungeduldige Hund auch , wie außer sich , an die Thür , und kam dann zu mir gelaufen , blaffte und sprang wieder zurück ; kurz , zeigte , daß er den Herrn wittre . Mein Sohn öffnete während dem die Thür , Er kam mir so todtenblaß vor , daß ich ihn nicht gleich erkannte . » Liebe Mutter , « sagte er , und sah aus , als wenn er spaßhaft sein wollte , aber seine Stimme war