Ordnung auf meinen Gütern wieder herzustellen ; und daß ich , unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner frühern Jugend , dennoch jetzt weit reicher bin als ich es je zu seyn glaubte , verdanke ich einzig ihm . Schweigt davon nur ganz stille , antwortete mir der gute Max , als ich meinem Danke Worte geben wollte , ich that wohl etwas um Euch , mehr aber noch um des Vaters willen . Ich meine , wenn ich jetzt gut zu machen versuche , was er schlecht machen wollte , so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als etliche Dutzend Seelenmessen , die wir indessen auch nicht versäumen . Euch aber , Vetter ! wenn ich Euch wirklich einen Gefallen that , bitte ich übrigens , da Ihr doch meines Vaters nicht im Guten gedenken könnt , so thut mir die Liebe , und denkt gar nicht an ihn . Er war doch mein Vater und hatte mich lieb , zu lieb ; und das mag leicht sein größter Fehler gewesen seyn . Morgen soll ich ganz allein mit Max herüber reiten , seine Frau und sein Kind zu sehen , er ist einige Jahre älter als ich und schon Hausvater . « Am Abend des folgenden Tages . » Maxens Kind heißt Gabriele ! Gabriele , rief ich , Gabriele ! und riß das kleine zweijährige Mädchen vom Arme der Mutter , so wie sie es mir genannt hatte . Ich konnte es nicht lassen , ich bedeckte es mit tausend glühenden Küssen , es streckte die Aermchen nach mir aus , es lächelte mich an , es wollte mich liebkosen und ich - Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben - Gabriele ! Gabriele ! welch ein Zauber liegt in diesem Namen ! Er ruft den Himmel und die Hölle in meinem Busen wach . « Einige Wochen später geschrieben . » Max ruhte nicht , ich mußte ihm hieher folgen , zum uralten hochgethürmten Sitze meiner Ahnen , am Fuße der Karpathen . Er meinte : wo ich eigentlich zu Hause sey und hingehöre , müsse doch endlich jener Trübsinn weichen , der in meiner Nähe sogar ihn , den immer Lebensfrohen , wie ein böser Geist ergreift , und ihn oft so seltsam beängstigt , daß er das Vorgefühl einer nahen schweren Krankheit zu empfinden glaubt . Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen ; mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufenthalt wählen ; ich bin froh , dieser Mühe überhoben zu seyn , ich gebe mich seiner Leitung hin , und um so lieber , da ich , mit ihm allein , endlich einmal freier athmen kann . Ehegestern langten wir ziemlich spät gegen Abend hier an . Aus Hütten und Bauerhöfen strömte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen , mit Kränzen , mit grünen Zweigen , und endlosen gutgemeinten lateinischen Reden . Hörner und Trompeten lärmten dazwischen , und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns das luftige Losknallen der Feuergewehre , zum fernen Donner umgewandelt , zurück . Max suchte mit seelenvergnügter Erwartung Freude über seine wohlgetroffnen Anstalten in meinen Augen zu lesen , während die trostloseste Erinnerung an unsern Einzug in Schloß Aarheim mir das Herz zerriß . An unsern Einzug ! Gabriele ! an unsern ! Wie war es möglich , daß dieser Ausdruck jetzt mir entschlüpfen konnte ? Unser ! Die Seligkeit des Himmels umfaßte sonst für mich dieß kleine Wort , ich suchte tausendfältige Gelegenheit , es auszusprechen . Jetzt ists damit vorbei ! Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr gemein haben als das Tageslicht . Doch still davon . Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Bäumen vor dem Schlosse und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt , die Max in mir zu wecken gehofft hatte . Noch nie hatte ich so verwaist mich gefühlt als eben hier , in dem von meinen Vätern mir vererbten Eigenthume ; noch nie war es mir so schwer aufs Herz gefallen , wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr hingehöre , seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet . Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf , alle dünken sich , zu mir zu gehören , sie sind bereit , ihr Wünschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen , und ich will gern geben was ich kann ; doch das , was sie eigentlich und mit Recht von mir fordern , vermag ich doch nicht , ihnen zu gewähren . Ich stehe , in Sitte , Kleidung und Sprache ein Fremder , in meinem Vaterlande mitten unter meinem Volke . Warum ließ mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen alten Mauern , unter diesen Menschen , die so große Ansprüche an ihn haben ? Ich wäre dann einfachen Sinnes und doch treu und brav , wie mein Vetter Max ; ich nähme , wie er , das Leben arglos hin , ohne große Ansprüche , wie es gerade käme . Es stände dann gewiß viel besser um meine Ruhe , und doch ergreift mich ein Schauder , wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung , wenn ich es mir recht ausmale , wie es mit mir seyn könnte , wenn Gabriele mir nicht erschienen wäre , wenn Kunst , Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens für mich gar nicht existirten , wenn ich , versunken in farblose Apathie , so hinlebte von einem Tage zum andern , und die Jahre über mir hinrollten , ohne daß ich es anders als an meinen ergrauenden Haaren gewahr würde . Nein ! nein ! ich will fühlen , daß ich bin , sey es auch nur durch den Schmerz ! Doch zurück zu meiner Erzählung unsrer Ankunft . Sie wollen ja , ich soll erzählen . Immer peinlicher ward das beängstende Gefühl , das unter meinen jubelnden Unterthanen mich ergriffen hatte . Immer unmöglicher ward es mir , ihrer Freude , die mit jedem Augenblicke lauter sich aussprach , wenigstens auf halbem Wege zu begegnen . Ich weiß was ich gesollt hätte ; ich fühlte recht gut , welche Erwiderung die rührende Anhänglichkeit dieser Menschen , wenn auch nur an meinem , durch die Zeit ihnen heilig gewordnen Namen , von mir fordern durfte , und doch fürchte ich , theure Gabriele , ich fürchte , ich habe mich nicht benommen wie ich sollte . Ich konnte es nicht , weder mich zu freuen , noch Freude zu heucheln vermag ich , und so kam es denn wohl nicht ohne mein Zuthun , daß das muntre Getöse um mich her allmählig verstummte . Alles begann nach und nach , sich mit scheuem Blick , mit unsicherm Verneigen aus meiner Nähe zurück zu ziehen und endlich sich zu zerstreuen , ehe noch völlige Dämmerung eintrat . Max hat recht ernstlich mein Benehmen getadelt ; ich stand beschämt vor ihm und wußte zuletzt nur körperliches Uebelbefinden zu meiner Entschuldigung anzuführen . Er meint es so gut , und obgleich er mich oft eigensinnig schilt , ist doch sein Herz voll Mitleid mit mir ; aber wie könnte er je Wunden schonend behandeln , deren Möglichkeit er nie begreifen wird . Ich bat ihn also nur , bei einem Feste , das ich allen meinen Unterthanen zu geben Willens bin , mich als Wirth zu vertreten . Dieß stellte die treue Seele völlig zufrieden , nur mußte ich ihm noch versprechen , dabei zu erscheinen , sey es auch nur auf wenige Minuten . Morgen also . Von Morgen an wird laute Freude drei Tage lang unten durch die weiten Hallen meiner Burg tosend dröhnen . Für mich hoffe ich indessen ein stilles Plätzchen zu finden , wohin kein Ton von dorther dringen kann , wo ich allein seyn mag mit meinen lieben Gedanken an ehemals , an Gabrielen . » Sie tanzen , sie singen , sie lachen ; wie das ferne Brausen des Meeres , tönt es selbst zu dem kleinen runden Eckthurm herüber , in welchen ich mich vor alle dem Lärmen geflüchtet habe . Ist das Freude ? Die ungebändigste Lustigkeit eines Bauerngelages , so wie die ausgesuchtesten Feste der vornehmen Welt , was sind sie im Grunde anders als Schlachtmusik , die der arme Mensch sich macht , um nur nicht zu sehen und zu hören , wie der vernichtende Arm der Zeit die Sichel führt . « » Schon beim ersten Eintritte in dieses Schloß kam alles so bekannt mir vor . Das altmodisch gestickte goldne Laubwerk auf den schweren rothsammtnen Gardinen meines Bettes , die vergoldeten Löwenköpfe , welche meinen Schreibtisch tragen , die hohen geschnitzten Stühle , die kolossalen unbeweglichen Tische . Mir war , als hätte ich vor langer Zeit das alles schon gesehen , und doch hatte ich dieses Schloß kaum jemals nennen gehört ; mein Vater besuchte es nie , so lange ich denken konnte , obgleich es unser Stammhaus ist . Von Unruhe getrieben , durchzog ich heute die lange Reihe unbewohnter Zimmer , die noch in ihrer alterthümlichen verbleichenden Pracht genau so wie schon vor hundert Jahren dastehen . Ein großer Saal am Ende derselben hielt mich endlich fest . Von seinen Wänden schienen die Bilder meiner Vorfahren aus ihren breiten kunstreich geschnitzten Rahmen auf mich , den letzten trüben Sohn ihres Stammes , mitleidig herabzublicken , und ich betrachtete sie der Reihe nach . Zuletzt stand ich beim Bilde meines Vaters still , sein trauriges Alter und die Tage meiner , nicht freudiger bei ihm verlebten Kindheit traten mir vor die Seele . Ich versank in immer tieferes Sinnen , so , daß ich über die Stimme des alten Kastellans wirklich zusammenfuhr , der , von mir unbemerkt hereingetreten war . Er ist ein alter fast kindischer Greis , der hier , wo er sein ganzes Leben hinbrachte , in spielender Geschäftigkeit den Tod erwartet . Mit der Redseligkeit des Alters begann er , mir die Geschichte aller Feste und großen Jagden , welche er zu meines Großvaters Zeiten hier erlebt hatte , herzuerzählen , bis ich , um ihn zu unterbrechen , nach einem Bilde fragte , von dessen Existenz der leere Raum neben dem meines Vaters zeugte , und das augenscheinlich aus der Reihe weggenommen war . Der Alte wiegte bedächtig das schneeweiße Haupt , ich hab ' s gerettet , flüsterte er mir endlich zu und öffnete dann eine verborgne Tapetenthüre in einer Ecke des Saals . Beklemmend schlug mir die schwüle eingeschloßne Luft das wohl seit vielen Jahren nicht geöffneten dunkeln Zimmers entgegen , doch trat ich hinein , eigentlich ohne Neugier und ohne zu wissen warum . Der Alte öffnete die Fensterladen und ich sah mich in dem Kabinette einer Dame aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts . Auf dem mit Spitzen auf verblichner rosenfarbner Seide umkleideten Nachttische schimmerten noch die silbernen mit getriebner Arbeit gezierten Putzkästchen ; ein dicht zugezogner Schleier von altmodischen Spizzen verhüllte den kleinen ebenfalls in silberne Schnörkel eingefaßten Spiegel und seitwärts stand eine reich mit Perlmutter und Elfenbein geschmückte Wiege , auf deren seidner Decke wohl längst zerfallne Hände mit mühsamer Kunst eine Grafenkrone gestickt hatten . In ganz eigner Bewegung betrachtete ich die kleine Schlafstätte und die prunkenden Anstalten , welche Mutterliebe und Eitelkeit zum Empfange des hülflosen kleinen Erdenbürgers hier getroffen hatten , den das Schicksal späterhin wohl schwerlich wieder so weich gebettet haben wird , ehe er zu jener Ruhestätte gelangte , die der spanische Dichter die zweite umgekehrte Wiege nennt , und die uns noch tiefern ruhigern Schlaf verheißt . Der Alte machte mich jetzt auf das über der Wiege hängende Bild einer jugendlich schönen Frau aufmerksam . Sie lächelte mit so bekannten Zügen mich an , daß ich den Blick nicht wieder zu wenden vermochte . Plötzlich fiel es wie ein Schleier mir von den Augen , ich stand vor dem Bilde meiner Mutter , ich erkannte dieß Kabinett , in welchem ich , ein glückliches Kind , bis in mein fünftes Jahr neben ihrem dicht daranstoßenden Zimmer gewohnt habe . Ich bin in diesem Schlosse geboren , theure Gabriele , ich wußte es nur nicht , aber der Greis sagte es mir jetzt . Es war meine Wiege an der ich stand , in der auch mein Vater , vielleicht mein Großvater einst ruhten ; denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verändert worden . Die Morgensonne meines Lebens ging mir plötzlich wieder auf und leuchtete um mich her , so klar , daß ich alles , was mich umgab , in ihrem rosigen Abglanz wieder erkannte . Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter , in ihren Augen schienen mir jetzt Thränen zu glänzen , wie in jener Nacht , da ich , halb erweckt von ihren heißen Küssen , sie weinen sah und mit ihr weinend , wieder einschlief . Am Morgen nach dieser Nacht , erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung , der bängsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen . Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof ; ich erkannte jetzt auch in ihm die Stelle , wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt , in welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und , bänglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend , von allen Freuden meiner Kindheit Abschied nahm . Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder gesehen , nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen , und die unglückliche Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden . Ich weinte lange der Mutter nach , endlich vergaß ich sie doch nach Kinderart . Die Liebe blieb aber dennoch in meinem Herzen , und hielt ihr Bild darin fest ; darum erkannte ich es in dem Gemälde gleich wieder , so wie dieses mir vor die Augen trat . Es ist das Einzige was von ihr übrig ist . Dank sey es dem alten treuen Kastellan , der es heimlich gerettet . Alle andere sie darstellenden Gemälde , die sich im Schlosse befanden , wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns , auf Befehl meines erzürnten Vaters verbrannt . Der Unglückliche ! Das Eine Bild in seinem Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen , das wie ein unheilbringender Dämon ihn überall hin verfolgte , alle seine Tage trübte , ihn in Lebenshaß und Bitterkeit erstarren ließ . War es Schuld meiner Mutter , oder ihr Unstern , der hier vorwaltete ? Fern von mir sey es , hierüber forschen zu wollen . Sie hat mich einst geliebt , sie hat um mich geweint , dieß genügt meinem Herzen . Ich beziehe noch heut mein ehemaliges Kabinett , vielleicht senkt in der Wohnung meiner harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde Herz . « » Es ist vergebens . Auch hier , wo ich zuerst athmete , wohnt für mich keine Ruhe ! Gabriele , hörten Sie je das Mährchen von jenem Unglückseligen erzählen , der seit langen Jahrhunderten rastlos umher wandert , ohne den Tod zu finden , von den Menschen geflohen , in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkältend bis tief in das innerste Herz dringt und dem müden Fuße keine Ruhestätte gönnt ? Ich dachte lange nicht mehr daran , aber hier , in diesem Zimmer , wo ich als Kind mit ängstlichem Behagen darauf horchte , und es mir immer wieder und wieder erzählen ließ , hier fällt es mir oft recht grausenhaft ein . Von jeher dünkte mir das Geschick dieses Rastlosen ganz über allen Ausdruck entsetzlich , und nun wandre auch ich so ohne Ruhe und Rast , und wohin ich mich wende , verstöre auch ich jedes glückliche Geschöpf . Lachen und Freude verstummen im Dorfe , so wie ich mich zeige ; meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her , wenn ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nähe bringt ; die alten Leute , welche meinen Großvater , der stets hier gewohnt , noch gekannt haben , sehen meiner bleichen trüben Gestalt bedenklich nach , und flüstern einander mitleidige Bemerkungen , oder abentheuerliche Vermuthungen über mich zu , wenn sie bei meinen einsamen Spaziergängen mir begegnen . Glauben Sie mir es , Gabriele , ich möchte gern Ihrem Willen folgen , ich möchte mich wenigstens zwingen , auszusehen , als nähme ich das Leben wie andre Leute thun ; doch kann ich dafür , daß alles , was ich ergreifen müßte , um zu seyn , wie jene , mir so schaal , so abgeschmackt vorkommt ? « » Jede Noth und jede Freude , jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner Herrschaft , während der ganzen Zeit daß diese mein ist , möchte Max mir jetzt ans Herz legen , und quält mich dabei unaufhörlich , zu entscheiden , ob ich mit dieser oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sey . Dazu wimmelt das Schloß von Nachbarn und Verwandten , die Max zwar allein besucht hat , weil er mit aller freundlichen Gewalt , die er über mich übt , es doch nicht vermochte mich mit sich zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen . Doch da er mein Hierseyn nicht verschweigen konnte , hat er mein Nichtkommen durch den üblen Zustand meiner Gesundheit zu entschuldigen gesucht , und nun strömt alles in freundlicher Theilnahme herbei , den Kranken zu besuchen . Fremde , nie gesehne Gestalten umschwärmen mich , deren Namen ich zu meiner großen Beschämung alle Augenblicke verwechsele , und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des früheren nahen Umgangs mit meinen Eltern , bedeutende Ansprüche an mein Vertrauen und meine Zeit zu haben glauben . Nein , wenn es denn so seyn muß , wenn ich denn im Geräusche leben soll , so will ich es doch lieber in einer großen lebensreichen Stadt , wo ich mitten im Getümmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet dastehen kann , und niemand fragt : was fehlt Dir ? warum blickst Du so trübe ? Ich folge den Einladungen meiner Verwandten , ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten Winter-Aufenthalt . - Und wenn ich nun dort seyn werde , was denn ? « Aus Hippolits Briefen auf der Reise durch Deutschland nach der Schweiz . » Die Sonne geht auf , die Tage sind so lang . Gottlob ! sage ich Abends , nun wird es Nacht , aber die Nacht frommt mir nicht , denn nur die Glücklichen schlafen . Vor der Morgenröthe wecke ich meinen Bedienten , das ganze Haus kommt in Allarm , Pferde müssen herbeigeschafft werden , ein Kourier vorauf , ich habe Eile , fort ! fort ! nur immer rasch vorwärts . Aber wohin ? Die Wege , das Wetter sind entsetzlich , aber nur fort , und wohin ? Weiß ich es denn ? Gabriele ! mußte es denn seyn ? mußten Sie mich denn verbannen ? Ich will nicht klagen , ich unterwerfe mich Ihrem Willen , und wenn ich nur den Gedanken so recht innig , so recht lebendig zu fassen vermag , daß ich durch diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trübe Minuten erspare , dann segne ich mein Elend . Ja , unsre Altväter hatten Recht , welche die Fremde das Elend nannten , das fühle ich . Ich bin in der Fremde ; ausgestoßen aus meiner süßen Heimath , zu der ich nie wiederkehren werde ! und wie elend ! « » Nun habe ich es erjagt ! Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen , ich kann das Siegel nicht brechen , ich muß Ihnen erst danken ; ich habe sie , ich halte sie , die unschätzbaren Züge , die Gabrielens Hand für mich niederschrieb . Dieses Papier hat sie berührt , ihr Athem wehte drüber hin , ihr Auge ruhte darauf ; nein ich kann noch nicht lesen , das Gefühl dieser Seligkeit duldet es nicht . « » Ich wußte , daß ich hier das einzige Glück meines jetzigen Lebens zu finden hoffen durfte , ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde , die ich vorausgeschickt hatte , so wie ich die wohl bekannten Thürme von * * * erblickte . So sprengte ich zum Thor hinein , die Straße hinauf vor das Posthaus ; ich kenne die Stadt noch von vorigen Zeiten her . Am Ziel ergriff es mich mit tödtlicher Angst als wäre kein Brief an mich da . Eiseskälte in allen Gliedern , vermochte ich es kaum , eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und hinzureichen . Da - da - o Gabriele ! ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert . Segen über Sie , tausendfältigen , daß Sie es wählten ! Welche Masse von Seligkeit ruft dieses gefärbte Papier mir zurück ! Es war Regenwetter gewesen , mehrere Tage lang , und Ida und Bella und ich , wir mußten artig seyn und uns neben Ihnen sitzend mit nützlichem Fleiße beschäftigen . Ich Ungeschickter , ich konnte nichts brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts , und ward von den Mädchen verhöhnt , von Ihnen in Schutz genommen , und , o Gabriele ! Sie haben die armen bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen , Sie haben sie mit sich genommen , und nun fliegt eines davon zu mir herüber , von Ihnen gesandt , ein stummer Bote des Friedens und des Entzückens . Ihr Brief ist ernst , er ist mehr als das , würde ich sagen , durchwehte ihn nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Güte und Milde , die Sie niemalen verläßt . Ich hätte bei meinen Verwandten noch verweilen , ich hätte überall im Winter nicht reisen sollen ! so war Ihr Wille . Theure Gabriele ! hätte ich ihn gekannt , ich hätte ihn erfüllt und wäre ich auch zu Grunde darüber gegangen . So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefühl mich hinreißen lassen und wäre untröstlich , ohne die Ueberzeugung , daß Sie mir selbst würden geheißen haben fortzureisen , wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nähe gesehen hätten . Nein ! mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten stürzen wollen ; nicht in jenes Tosen , wo der Schmerz am einsamsten sich fühlt , wo alle Wunden bluten , mit glühenden Krallen unnennbares Weh uns packt und hält und nicht losläßt , und fremdes Lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird , das uns in stummer Angst von Ort zu Ort treibt , aus wüsten Träumen uns wach schmettert , bis der fürchterliche Kontrast zwischen Außen und Innen uns zu wahnsinnigem Thun treibt , in welchem wir Betäubung suchen , weil es keine Ruhe mehr auf Erden giebt . « » Gottlob ! der Winter ist überlebt , die Bäume knospen , die Natur erwacht ! Alte liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf ; die Nachtigallen singen mir auch hier den einen , einen Namen zu , der alle Harmonie der Welt in seinen süßen Tönen vereint . Und die Pappeln ! sie wiegen die grünlich goldigen Häupter hoch in der blauen Luft , und flüstern mit einander , wie jene am Bassin im kleinen Gärtchen - o Gabriele , Gabriele , wie selig und wie elend macht mich Erinnerung ! - Verzeihung , ich wage keine Sylbe mehr . Aber zu Fuße will ich ganz allein die Schweiz durchstreifen , fortwandern , bis ich Abends in todtähnlicher Ermüdung hinsinke , und mir im betäubenden Schlummer vielleicht Vergessenheit wird auf wenige Stunden . So will ich das Ziel meiner Verbannung erreichen ; Sie wollen es ; es sey ! Das Meer und mächtige Ströme und himmelhohe Alpen sollen zwischen uns treten , ich soll sogar der Luft des Landes entsagen , in dem Sie athmen und leben , sogar den mir so lieb gewordenen Tönen Ihrer Sprache . Es sey ! Aber Gabriele , es hilft Ihnen nichts ! Nachts leuchten mir und Ihnen dieselben Sterne , und wenn ich die Augen schließe , stehen zwei dunkele , blitzende Sonnen vor mir , und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz . Sehnsucht spottet des Meers und der Ströme und der Alpen , und zaubert ein unaussprechlich anmuthiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor . Freilich schwindet es bald wieder , und ach ! in welche dunkle hoffnungslose Nacht ! « Aus Konstanz am Bodensee . » Mir war diesen Morgen so still , so ruhig zu Muthe ; aller Jammer der Welt schien sich mir in sanfte Liebesklage auflösen zu wollen . Gewiß , theure Gabriele , auch Sie erlebten solche Stunden , wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt , wo es wie Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Träumen versinken . So lag auch ich heute früh in eine Ecke meines Wagens gedrückt ; rollte viele Stunden weit über Berg und Thal , ich weiß selbst nicht wie lange , aber ich mochte mich nicht regen ; es war , als ob flüsternde Engelstimmchen mir leise zusängen : Bleibe still , sieh dich nicht um , öffne die Augen nicht ; draußen steht der Schmerz , drum bleibe in dir selbst verhüllt . Endlich hielt der Wagen . Mag er immerhin halten , dachte ich , und strebte in meiner süßen Abgeschiedenheit von der Außenwelt zu verharren , aber die überlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider Willen auf . Ich blickte um mich her , und fand mich zu meinem Erstaunen nur in den allergewöhnlichsten Umgebungen , mitten auf dem Marktplatze eines kleinen schwäbischen Landstädtchens . Verdrüßlich sprang ich zum Wagen heraus , ging einige Schritte vorwärts , und glaubte nun von neuem zu träumen , denn eine Zauberwelt , wie durch Feengunst mir aufgeschlossen , lag blühend und duftend im Morgenrothe vor meinen geblendeten Augen . Die ganze unabsehbare Reihe der hohen Schweizer-Gebürge bis zu den Tyroler-Alpen hinauf , stand in schimmernder Ferne vor mir , gleich himmelstürmenden Riesengebilden , in einen weiten feierlichen Halbkreis geordnet . Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu mir herüber , während der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel röthete . An den Seiten der Berge , wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen , glaubte ich sogar die grünen Alpenmatten zu entdecken , so nahe schienen mir mit einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerückt , dem Ihr Wollen mich zusendet . In Andacht und Bewunderung verloren , ward mir , als wandle ich in einem heiligen Tempel . Gabriele , ich war recht fromm in dieser Stunde , ich dachte Sie und mich und meine stille trübe Zukunft . Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf Den , dessen mächtige Hand diese Berge pflanzte und hält . Ich fühlte Muth und Kraft in mir sich neu beleben , und war in dem Momente gerüstet , jeder Bestimmung meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten , sey sie auch düstere Verborgenheit und ewiges Schweigen . O Gabriele , warum konnte diese Stimmung meines Gemüths nicht dauernd bleiben ? warum mußte sie verschwinden wie der Thau der Wiese vor der höher steigenden Sonne ? Ach ! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die Sehnsucht , das fühle ich mehr und mehr mit jedem Tage ! Ich war allmählig in ein offenstehendes duftendes Blüthengärtchen seitwärts , dicht neben der Stadt , hineingerathen , ich wußte selbst nicht wie . Von hier aus übersah ich ganz das tiefe tiefe Thal , das zwischen mir und jenen glänzenden Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete . Und welch ein Thal ist dieß ! Gleich einem herrlich glänzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald , Obsthainen und Weinbergen der prächtige Bodensee zu mir herauf , überall blitzten im Sonnenschein Städtchen , Klöster , Dörfer , einzelne Wohnungen durch das üppigste Grün . Nie und nirgend sah ich so das Anmuthigste neben dem Erhabnen im zauberhaften Verein , als hier in dem fast unbekannten Städtchen Heiligenberg . Rechts dicht neben demselben thront ein ansehnliches weit in die Ferne hin leuchtendes Schloß , auf hohem , fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem Felsen ; es steht unbewohnt da , der Eigenthümer desselben sucht die Freude in London oder Rom oder Paris , genug in der weiten Welt , wo sie so selten sich treffen läßt . O Gabriele , hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen , einsam wie die Götter , im Angesicht aller dieser Pracht ! Mir schwindelt und die Sinne vergehen mir , wenn ich mir recht ausmale , wie das seyn müßte . Und wenn ich mir denke , daß ein solches Leben möglich ist , daß es vielleicht schon einmal hier , an dieser nehmlichen Stelle heimisch war ! Nein diese Last von Seligkeit wäre doch zu viel für ein sterbliches Daseyn , nur in Verzweiflung würde es enden , denn was kann der Himmel unserem beschränkten Geiste Höheres verheißen nach einem solchen Leben auf Erden ? Was könnte über solches Scheiden trösten ? Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur höchsten idyllischen Anmuth , was oben so herrlich , so prachtvoll mir erschienen war . In einem kleinen , von einem einzigen Fischerknaben geführten Nachen schiffte ich einsam über dem Wasser hin , und überließ meinen Leuten die lärmende Sorge für das Herüberbringen der Pferde und Wagen . Der See war spiegelglatt , nur hie und da tauchten einzelne Wellen auf , spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein , und verschwanden dann schnell wieder . Die Insel Meinau , das Ziel meiner Schifffahrt , schwamm bald in dem grünen Frühlingsschmuck ganz nahe vor mir auf der silberhellen Fluth ; das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden See , und in immer lichterer Klarheit schwebte Gabrielens schönes Bild vor mir hin auf den Wogen ! Ich glaubte in seliger Wehmuth zu vergehen