Tritte zu hören glaubten , eilten ihm entgegen , er trat ein . Welch ein Zusammentreffen ! Welch ein Anblick ! Die sehr Schöne tat einen Schrei und warf sich der Ältern um den Hals , der Freund erkannte sie beide , er schrak zurück , dann drängt ' es ihn vorwärts , er lag zu ihren Füßen und berührte ihre Hand , die er sogleich wieder losließ , mit dem bescheidensten Kuß . Die Silben » Au - ro - ra ! « erstarben auf seinen Lippen . Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes , so finden wir daselbst ganz eigne Zustände . Die gute Alte wußte nicht , was sie tun oder lassen sollte ; sie unterhielt die Lampen des Vorhauses und der Treppe ; das Essen hatte sie vom Feuer gehoben , einiges war unwiederbringlich verdorben . Die Kammerjungfer war bei den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen Kerzen der Zimmer gehütet , so ruhig und geduldig als jene verdrießlich hin und her fahrend . Endlich rollte der Wagen vor , die Dame stieg aus und vernahm , ihr Gemahl sei vor einigen Stunden abgerufen worden . Die Treppe hinaufsteigend , schien sie von der festlichen Erleuchtung keine Kenntnis zu nehmen . Nun erfuhr die Alte von dem Bedienten , ein Unglück sei unterwegs begegnet , der Wagen in einen Graben geworfen worden , und was alles nachher sich ereignet . Die Dame trat ins Zimmer : » Was ist das für eine Maskerade ? « sagte sie , auf die Kinder deutend . » Es hätte Ihnen viel Vergnügen gemacht « , versetzte die Jungfer , » wären Sie einige Stunden früher angekommen . « Die Kinder , aus dem Schlafe gerüttelt , sprangen auf und begannen , als sie die Mutter vor sich sahen , ihren eingelernten Spruch . Von beiden Seiten verlegen , ging es eine Weile , dann , ohne Aufmunterung und Nachhülfe , kam es zum Stocken , endlich brach es völlig ab , und die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt . Die Dame sah sich allein , warf sich auf den Sofa und brach in bittre Tränen aus . Doch es wird nun ebenfalls notwendig , von der Dame selbst und von dem , wie es scheint , übel abgelaufenen ländlichen Feste nähere Nachricht zu geben . Albertine war eine von den Frauenzimmern , denen man unter vier Augen nichts zu sagen hätte , die man aber sehr gern in großer Gesellschaft sieht . Dort erscheinen sie als wahre Zierden des Ganzen und als Reizmittel in jedem Augenblick einer Stockung . Ihre Anmut ist von der Art , daß sie , um sich zu äußern , sich bequem darzutun , einen gewissen Raum braucht , ihre Wirkungen verlangen ein größeres Publikum , sie bedürfen eines Elements , das sie trägt , das sie nötigt , anmutig zu sein ; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu betragen . Auch hatte der Hausfreund bloß dadurch ihre Gunst und erhielt sich darin , weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort , wenn auch keinen großen , doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten wußte . Bei Rollenausteilungen wählte er sich die zärtlichen Väter und wußte durch ein anständiges , altkluges Benehmen über die jüngeren ersten , zweiten und dritten Liebhaber sich ein Übergewicht zu verschaffen . Florine , Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nähe , winters in der Stadt wohnend , verpflichtet gegen Odoard , dessen staatswirtliche Einrichtung zufälliger- , aber glücklicherweise ihrem Landsitz höchlich zugute kam und den Ertrag desselben in der Folge bedeutend zu vermehren die Aussicht gab , bezog sommers ihr Landgut und machte es zum Schauplatze vielfacher anständiger Vergnügungen . Geburtstage besonders wurden niemals verabsäumt und mannigfaltige Feste veranstaltet . Florine war ein munteres , neckisches Wesen , wie es schien , nirgends anhänglich , auch keine Anhänglichkeit fordernd noch verlangend . Leidenschaftliche Tänzerin , schätzte sie die Männer nur , insofern sie sich gut im Takte bewegten ; ewig rege Gesellschafterin , hielt sie denjenigen unerträglich , der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah und nachzudenken schien ; übrigens als heitere Liebhaberin , wie sie in jedem Stück , jeder Oper nötig sind , sich gar anmutig darstellend , weshalb denn zwischen ihr und Albertinen , welche die Anständigen spielte , sich nie ein Rangstreit hervortat . Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern , war aus der Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen . Einen Tanz , schon nach dem Frühstück begonnen , setzte man nach Tafel fort ; die Bewegung zog sich in die Länge , man fuhr zu spät ab , und von der Nacht auf schlimmem Wege , doppelt schlimm , weil er eben gebessert wurde , ehe man ' s dachte , schon überrascht , versah ' s der Kutscher und warf in einen Graben . Unsere Schöne mit Florinen und dem Hausfreunde fühlten sich in schlimmer Verwickelung ; der letzte wußte sich schnell herauszuwinden , dann , über den Wagen sich biegend , rief er : » Florine , wo bist du ? « Albertine glaubte zu träumen ; er faßte hinein und zog Florinen , die oben lag , ohnmächtig hervor , bemühte sich um sie und trug sie endlich auf kräftigem Arm den wiedergefundenen Weg hin . Albertine stak noch im Wagen , Kutscher und Bedienter halfen ihr heraus , und gestützt auf den letzten suchte sie weiterzukommen . Der Weg war schlimm , für Tanzschuhe nicht günstig ; obgleich von dem Burschen unterstützt , strauchelte sie jeden Augenblick . Aber im Innern sah es noch wilder , noch wüster aus . Wie ihr geschah , wußte sie nicht , begriff sie nicht . Allein als sie ins Wirtshaus trat , in der kleinen Stube Florinen auf dem Bette , die Wirtin und Lelio um sie beschäftigt sah , ward sie ihres Unglücks gewiß . Ein geheimes Verhältnis zwischen dem untreuen Freund und der verräterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell auf einmal , sie mußte sehen , wie diese , die Augen aufschlagend , sich dem Freund um den Hals warf , mit der Wonne einer neu wiederauflebenden zärtlichsten Aneignung , wie die schwarzen Augen wieder glänzten , eine frische Röte die bläßlichen Wangen auf einmal wieder zierend färbte ; wirklich sah sie verjüngt , reizend , allerliebst aus . Albertine stand vor sich hinschauend , einzeln , kaum bemerkt ; jene erholten sich , nahmen sich zusammen , der Schade war geschehen , man war denn doch genötigt , sich wieder in den Wagen zu setzen , und in der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte , Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein . Eilftes Kapitel Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschäftigt , jener , die Abreisenden mit allem Nötigen zu versehen , dieser , sich mit den Bleibenden bekannt zu machen , ihre Fähigkeiten zu beurteilen , um sie von seinen Zwecken hinreichend zu unterrichten . Indessen blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum und Ruhe zu stiller Unterhaltung . Wilhelm ließ sich den Plan im allgemeinen vorzeichnen , und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden , auch die Hoffnung besprochen war , in einem ausgedehnten Gebiete schnell eine große Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen , so wendete sich das Gespräch , wie natürlich , zuletzt auf das , was Menschen eigentlich zusammenhält : auf Religion und Sitte . Hierüber konnte denn der heitere Friedrich hinreichende Auskunft geben , und wir würden wohl Dank verdienen , wenn wir das Gespräch in seinem Laufe mitteilen könnten , das durch Frag ' und Antwort , durch Einwendung und Berichtigung sich gar löblich durchschlang und in mannigfaltigem Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gefällig hinbewegte . Indessen dürfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die Resultate , als daß wir uns verpflichteten , sie erst nach und nach in dem Geiste unsrer Leser hervortreten zu lassen . Folgendes ergab sich als die Quintessenz dessen , was verhandelt wurde : Daß der Mensch ins Unvermeidliche sich füge , darauf dringen alle Religionen , jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden . Die christliche hilft durch Glaube , Liebe , Hoffnung gar anmutig nach ; daraus entsteht denn die Geduld , ein süßes Gefühl , welch eine schätzbare Gabe das Dasein bleibe , auch wenn ihm , anstatt des gewünschten Genusses , das widerwärtigste Leiden aufgebürdet wird . An dieser Religion halten wir fest , aber auf eine eigne Weise ; wir unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den großen Vorteilen , die sie uns gebracht hat ; dagegen von ihrem Ursprung , von ihrem Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis . Alsdann wird uns der Urheber erst lieb und wert , und alle Nachricht , die sich auf ihn bezieht , wird heilig . In diesem Sinne , den man vielleicht pedantisch nennen mag , aber doch als folgerecht anerkennen muß , dulden wir keinen Juden unter uns ; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen , deren Ursprung und Herkommen er verleugnet ? Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert , sie ist rein tätig und wird in den wenigen Geboten begriffen : Mäßigung im Willkürlichen , Emsigkeit im Notwendigen . Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte nach seiner Art im Lebensgange benutzen , und er hat einen ergiebigen Text zu grenzenloser Ausführung . Der größte Respekt wird allen eingeprägt für die Zeit , als für die höchste Gabe Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins . Die Uhren sind bei uns vervielfältigt und deuten sämtlich mit Zeiger und Schlag die Viertelstunden an , und um solche Zeichen möglichst zu vervielfältigen , geben die in unserm Lande errichteten Telegraphen , wenn sie sonst nicht beschäftigt sind , den Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an , und zwar durch eine sehr geistreiche Vorrichtung . Unsre Sittenlehre , die also ganz praktisch ist , dringt nun hauptsächlich auf Besonnenheit , und diese wird durch Einteilung der Zeit , durch Aufmerksamkeit auf jede Stunde höchlichst gefördert . Etwas muß getan sein in jedem Moment , und wie wollt ' es geschehen , achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde ? In Betracht , daß wir erst anfangen , legen wir großes Gewicht auf die Familienkreise . Den Hausvätern und Hausmüttern denken wir große Verpflichtungen zuzuteilen ; die Erziehung wird bei uns um so leichter , als jeder für sich selbst , Knecht und Magd , Diener und Dienerin , stehen muß . Gewisse Dinge freilich müssen nach einer gewissen gleichförmigen Einheit gebildet werden : Lesen , Schreiben , Rechnen mit Leichtigkeit der Masse zu überliefern , übernimmt der Abbé ; seine Methode erinnert an den wechselsweisen Unterricht , doch ist sie geistreicher ; eigentlich aber kommt alles darauf an , zu gleicher Zeit Lehrer und Schüler zu bilden . Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwähnen : der Übung , anzugreifen und sich zu verteidigen . Hier ist Lothario in seinem Felde ; seine Manöver haben etwas Ähnliches von unsern Feldjägern ; doch kann er nicht anders als original sein . Hiebei bemerke ich , daß wir im bürgerlichen Leben keine Glocken , im soldatischen keine Trommeln haben ; dort wie hier ist Menschenstimme , verbunden mit Blasinstrumenten , hinreichend . Das alles ist schon dagewesen und ist noch da ; die schickliche Anwendung desselben aber ist dem Geist überlassen , der es auch allenfalls wohl erfunden hätte . Das größte Bedürfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit , und daran soll es dem unsrigen nicht fehlen ; wir alle sind ungeduldig , das Geschäft anzutreten , munter und überzeugt , daß man einfach anfangen müsse . So denken wir nicht an Justiz , aber wohl an Polizei . Ihr Grundsatz wird kräftig ausgesprochen : niemand soll dem andern unbequem sein ; wer sich unbequem erweist , wird beseitigt , bis er begreift , wie man sich anstellt , um geduldet zu werden . Ist etwas Lebloses , Unvernünftiges in dem Falle , so wird dies gleichmäßig beiseitegebracht . In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren , die alle acht Stunden wechseln , schichtweise , wie im Bergwerk , das auch nicht stillstehen darf , und einer unsrer Männer wird bei Nachtzeit vorzüglich bei der Hand sein . Sie haben das Recht , zu ermahnen , zu tadeln , zu schelten und zu beseitigen ; finden sie es nötig , so rufen sie mehr oder weniger Geschworne zusammen . Sind die Stimmen gleich , so entscheidet der Vorsitzende nicht , sondern es wird das Los gezogen , weil man überzeugt ist , daß bei gegeneinander stehenden Meinungen es immer gleichgültig ist , welche befolgt wird . Wegen der Majorität haben wir ganz eigne Gedanken ; wir lassen sie freilich gelten im notwendigen Weltlauf , im höhern Sinne haben wir aber nicht viel Zutrauen auf sie . Doch darüber darf ich mich nicht weiter auslassen . Fragt man nach der höhern Obrigkeit , die alles lenkt , so findet man sie niemals an einem Orte ; sie zieht beständig umher , um Gleichheit in den Hauptsachen zu erhalten und in läßlichen Dingen einem jeden seinen Willen zu gestatten . Ist dies doch schon einmal im Lauf der Geschichte dagewesen : die deutschen Kaiser zogen umher , und diese Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten am allergemäßesten . Wir fürchten uns vor einer Hauptstadt , ob wir schon den Punkt in unsern Besitzungen sehen , wo sich die größte Anzahl von Menschen zusammenhalten wird . Dies aber verheimlichen wir , dies mag nach und nach und wird noch früh genug entstehen . Dieses sind im allgemeinsten die Punkte , über die man meistens einig ist , doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch wenigern Gliedern immer wieder aufs neue durchgesprochen . Die Hauptsache wird aber sein , wenn wir uns an Ort und Stelle befinden . Den neuen Zustand , der aber dauern soll , spricht eigentlich das Gesetz aus . Unsre Strafen sind gelind ; Ermahnung darf sich jeder erlauben , der ein gewisses Alter hinter sich hat ; mißbilligen und schelten nur der anerkannte Älteste ; bestrafen nur eine zusammenberufene Zahl . Man bemerkt , daß strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach und nach loser werden , weil die Natur immer ihre Rechte behauptet . Wir haben läßliche Gesetze , um nach und nach strenger werden zu können ; unsre Strafen bestehen vorerst in Absonderung von der bürgerlichen Gesellschaft , gelinder , entschiedener , kürzer und länger nach Befund . Wächst nach und nach der Besitz der Staatsbürger , so zwackt man ihnen auch davon ab , weniger oder mehr , wie sie verdienen , daß man ihnen von dieser Seite wehe tue . Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis gegeben , und bei angestelltem Examen hat sich gefunden , daß jeder von den Hauptpunkten auf sich selbst die schicklichste Anwendung macht . Die Hauptsache bleibt nur immer , daß wir die Vorteile der Kultur mit hinübernehmen und die Nachteile zurücklassen . Branntweinschenken und Lesebibliotheken werden bei uns nicht geduldet ; wie wir uns aber gegen Flaschen und Bücher verhalten , will ich lieber nicht eröffnen : dergleichen Dinge wollen getan sein , wenn man sie beurteilen soll . Und in eben diesem Sinne hält der Sammler und Ordner dieser Papiere mit andern Anordnungen zurück , welche unter der Gesellschaft selbst noch als Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht an Ort und Stelle nicht rätlich findet ; um desto weniger Beifall dürfte man sich versprechen , wenn man derselben hier umständlich erwähnen wollte . Zwölftes Kapitel Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen , welcher , nachdem alles versammelt und beruhigt war , folgendermaßen zu reden begann : » Das bedeutende Werk , an welchem teilzunehmen ich diese Masse wackerer Männer einzuladen habe , ist Ihnen nicht ganz unbekannt , denn ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen davon gesprochen . Aus meinen Eröffnungen geht hervor , daß in der alten Welt so gut wie in der neuen Räume sind , welche einen bessern Anbau bedürfen , als ihnen bisher zuteil ward . Dort hat die Natur große , weite Strecken ausgebreitet , wo sie unberührt und eingewildert liegt , daß man sich kaum getraut , auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten . Und doch ist es leicht für den Entschlossenen , ihr nach und nach die Wüsteneien abzugewinnen und sich eines teilweisen Besitzes zu versichern . In der alten Welt ist es das Umgekehrte . Hier ist überall ein teilweiser Besitz schon ergriffen , mehr oder weniger durch undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt ; und wenn dort das Grenzenlose als unüberwindliches Hindernis erscheint , so setzt hier das Einfach begrenzte beinahe noch schwerer zu überwindende Hindernisse entgegen . Die Natur ist durch Emsigkeit , der Mensch durch Gewalt oder Überredung zu nötigen . Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft für heilig geachtet , so ist er es dem Besitzer noch mehr . Gewohnheit , jugendliche Eindrücke , Achtung für Vorfahren , Abneigung gegen den Nachbar und hunderterlei Dinge sind es , die den Besitzer starr und gegen jede Veränderung widerwillig machen . Je älter dergleichen Zustände sind , je verflochtener , je geteilter , desto schwieriger wird es , das Allgemeine durchzuführen , das , indem es dem Einzelnen etwas nähme , dem Ganzen und durch Rück- und Mitwirkung auch jenem wieder unerwartet zugute käme . Schon mehrere Jahre steh ' ich im Namen meines Fürsten einer Provinz vor , die , von seinen Staaten getrennt , lange nicht so , wie es möglich wäre , benutzt wird . Eben diese Abgeschlossenheit oder Eingeschlossenheit , wenn man will , hindert , daß bisher keine Anstalt sich treffen ließ , die den Bewohnern Gelegenheit gegeben hätte , das , was sie vermögen , nach außen zu verbreiten , und von außen zu empfangen , was sie bedürfen . Mit unumschränkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande . Manches Gute war zu tun , aber doch immer nur ein beschränktes ; dem Bessern waren überall Riegel vorgeschoben , und das Wünschenswerteste schien in einer andern Welt zu liegen . Ich hatte keine andere Verpflichtung , als gut hauszuhalten . Was ist leichter als das ! Ebenso leicht ist es , Mißbräuche zu beseitigen , menschlicher Fähigkeiten sich zu bedienen , den Bestrebsamen nachzuhelfen . Dies alles ließ sich mit Verstand und Gewalt recht bequem leisten , dies alles tat sich gewissermaßen von selbst . Aber wohin besonders meine Aufmerksamkeit , meine Sorge sich richtete , dies waren die Nachbarn , die nicht mit gleichen Gesinnungen , am wenigsten mit gleicher Überzeugung ihre Landesteile regierten und regieren ließen . Beinahe hätte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am besten gehalten und das Herkömmliche , so gut als es sich tun ließ , benutzt , aber ich bemerkte auf einmal , das Jahrhundert komme mir zu Hülfe . Jüngere Beamte wurden in der Nachbarschaft angestellt , sie hegten gleiche Gesinnungen , aber freilich nur im allgemeinen wohlwollend , und pflichteten nach und nach meinen Planen zu allseitiger Verbindung um so eher bei , als mich das Los traf , die größeren Aufopferungen zuzugestehen , ohne daß gerade jemand merkte , auch der größere Vorteil neige sich auf meine Seite . So sind nun unser drei über ansehnliche Landesstrecken zu gebieten befugt , unsre Fürsten und Minister sind von der Redlichkeit und Nützlichkeit unsrer Vorschläge überzeugt ; denn es gehört freilich mehr dazu , seinen Vorteil im Großen als im Kleinen zu übersehen . Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit , was wir zu tun und zu lassen haben , und da ist denn schon genug , wenn wir diesen Maßstab ans Gegenwärtige legen ; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen , und wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu fände , wie kann er hoffen , andere darin einstimmen zu sehen ? Noch würde dies dem einzelnen nicht gelingen ; die Zeit , welche die Geister frei macht , öffnet zugleich ihren Blick ins Weitere , und im Weiteren läßt sich das Größere leicht erkennen , und eins der stärksten Hindernisse menschlicher Handlungen wird leichter zu entfernen . Dieses besteht nämlich darin , daß die Menschen wohl über die Zwecke einig werden , viel seltener aber über die Mittel , dahin zu gelangen . Denn das wahre Große hebt uns über uns selbst hinaus und leuchtet uns vor wie ein Stern ; die Wahl der Mittel aber ruft uns in uns selbst zurück , und da wird der einzelne gerade , wie er war , und fühlt sich ebenso isoliert , als hätt ' er vorher nicht ins Ganze gestimmt . Hier also haben wir zu wiederholen : Das Jahrhundert muß uns zu Hülfe kommen , die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem erweiterten Herzen der höhere Vorteil den niedern verdrängen . Hiermit sei es genug , und wär ' es zu viel für den Augenblick , in der Folge werd ' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern . Genaue Vermessungen sind geschehen , die Straßen bezeichnet , die Punkte bestimmt , wo man die Gasthöfe und in der Folge vielleicht die Dörfer heranrückt . Zu aller Art von Baulichkeiten ist Gelegenheit , ja Notwendigkeit vorhanden . Treffliche Baumeister und Techniker bereiten alles vor ; Risse und Anschläge sind gefertigt ; die Absicht ist , größere und kleinere Akkorde abzuschließen und so mit genauer Kontrolle die bereitliegenden Geldsummen , zur Verwunderung des Mutterlandes , zu verwenden : da wir denn der schönsten Hoffnung leben , es werde sich eine vereinte Tätigkeit nach allen Seiten von nun an entwickeln . Worauf ich nun aber die sämtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen habe , weil es vielleicht auf ihre Entschließung Einfluß haben könnte , ist die Einrichtung , die Gestalt , in welche wir alle Mitwirkenden vereinigen und ihnen eine würdige Stellung unter sich und gegen die übrige bürgerliche Welt zu schaffen gedenken . Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten , werden die Handwerke sogleich für Künste erklärt und durch die Bezeichnung strenge Künste von den freien entschieden getrennt und abgesondert . Diesmal kann hier nur von solchen Beschäftigungen die Rede sein , welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen ; die sämtlichen hier anwesenden Männer , jung und alt , bekennen sich zu dieser Klasse . Zählen wir sie her in der Folge , wie sie den Bau in die Höhe richten und nach und nach zur Wohnbarkeit befördern . Die Steinmetzen nenn ' ich voraus , welche den Grund- und Eckstein vollkommen bearbeiten , den sie mit Beihülfe der Maurer am rechten Ort in der genauesten Bezeichnung niedersenken . Die Maurer folgen hierauf , die auf den streng untersuchten Grund das Gegenwärtige und Zukünftige wohl befestigen . Früher oder später bringt der Zimmermann seine vorbereiteten Kontignationen herbei , und so steigt nach und nach das Beabsichtigte in die Höhe . Den Dachdecker rufen wir eiligst herbei ; im Innern bedürfen wir des Tischers , Glasers , Schlossers , und wenn ich den Tüncher zuletzt nenne , so geschieht es , weil er mit seiner Arbeit zur verschiedensten Zeit eintreten kann , um zuletzt dem Ganzen in- und auswendig einen gefälligen Schein zu geben . Mancher Hülfsarbeiten gedenk ' ich nicht , nur die Hauptsache verfolgend . Die Stufen von Lehrling , Gesell und Meister müssen aufs strengste beobachtet werden ; auch können in diesen viele Abstufungen gelten , aber Prüfungen können nicht sorgfältig genug sein . Wer herantritt , weiß , daß er sich einer strengen Kunst ergibt , und er darf keine läßlichen Forderungen von ihr erwarten ; ein einziges Glied , das in einer großen Kette bricht , vernichtet das Ganze . Bei großen Unternehmungen wie bei großen Gefahren muß der Leichtsinn verbannt sein . Gerade hier muß die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und sie zu beschämen trachten . Sehen wir die sogenannten freien Künste an , die doch eigentlich in einem höhern Sinne zu nehmen und zu nennen sind , so findet man , daß es ganz gleichgültig ist , ob sie gut oder schlecht betrieben werden . Die schlechteste Statue steht auf ihren Füßen wie die beste , eine gemalte Figur schreitet mit verzeichneten Füßen gar munter vorwärts , ihre mißgestalteten Arme greifen gar kräftig zu , die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan , und der Boden fällt deswegen nicht zusammen . Bei der Musik ist es noch auffallender ; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern Glieder aufs kräftigste , und wir haben die unschicklichsten Kirchenmusiken gehört , bei denen der Gläubige sich erbaute . Wollt ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Künsten rechnen , so werdet ihr freilich sehen , daß diese kaum weiß , wo sie eine Grenze finden soll . Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze , deren Nichtbeobachtung aber der Menschheit keinen Schaden bringt ; dagegen die strengen Künste dürfen sich nichts erlauben . Den freien Künstler darf man loben , man kann an seinen Vorzügen Gefallen finden , wenngleich seine Arbeit bei näherer Untersuchung nicht Stich hält . Betrachten wir aber die beiden , sowohl die freien als strengen Künste , in ihren vollkommensten Zuständen , so hat sich diese vor Pedanterei und Bocksbeutelei , jene vor Gedankenlosigkeit und Pfuscherei zu hüten . Wer sie zu leiten hat , wird hierauf aufmerksam machen , Mißbräuche und Mängel werden dadurch verhütet werden . Ich wiederhole mich nicht , denn unser ganzes Leben wird eine Wiederholung des Gesagten sein ; ich bemerke nur noch folgendes : Wer sich einer strengen Kunst ergibt , muß sich ihr fürs Leben widmen . Bisher nannte man sie Handwerk , ganz angemessen und richtig ; die Bekenner sollten mit der Hand wirken , und die Hand , soll sie das , so muß ein eigenes Leben sie beseelen , sie muß eine Natur für sich sein , ihre eignen Gedanken , ihren eignen Willen haben , und das kann sie nicht auf vielerlei Weise . « Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefügten guten Worten geschlossen hatte , richteten die sämtlichen Anwesenden sich auf , und die Gewerke , anstatt abzuziehen , bildeten einen regelmäßigen Kreis vor der Tafel der anerkannten Oberen . Odoard reichte den sämtlichen ein gedrucktes Blatt umher , wovon sie , nach einer bekannten Melodie , mäßig munter ein zutrauliches Lied sangen : » Bleiben , Gehen , Gehen , Bleiben Sei fortan dem Tücht ' gen gleich , Wo wir Nützliches betreiben , Ist der werteste Bereich . Dir zu folgen , wird ein Leichtes , Wer gehorchet , der erreicht es , Zeig ' ein festes Vaterland . Heil dem Führer ! Heil dem Band ! Du verteilest Kraft und Bürde Und erwägst es ganz genau , Gibst dem Alten Ruh ' und Würde , Jünglingen Geschäft und Frau . Wechselseitiges Vertrauen Wird ein reinlich Häuschen bauen , Schließen Hof und Gartenzaun , Auch der Nachbarschaft vertraun . Wo an wohlgebahnten Straßen Man in neuer Schenke weilt , Wo dem Fremdling reicher Maßen Ackerfeld ist zugeteilt , Siedeln wir uns an mit andern . Eilet , eilet , einzuwandern In das feste Vaterland . Heil dir Führer ! Heil dir Band ! « Dreizehntes Kapitel Eine vollkommene Stille schloß sich an diese lebhafte Bewegung der vergangenen Tage . Die drei Freunde blieben allein gegen einander über stehen , und es ward gar bald merkbar , daß zwei von ihnen , Lenardo und Friedrich , von einer sonderbaren Unruhe bewegt wurden ; sie verbargen nicht , daß sie beide ungeduldig seien , für ihren Teil in der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen . Sie erwarteten einen Boten , hieß es , und es kam indessen nichts Vernünftiges , nichts Entscheidendes zur Sprache . Endlich kommt der Bote , ein bedeutendes Paket überbringend , worüber sich Friedrich sogleich herwirft , um es zu eröffnen . Lenardo hält ihn ab und spricht : » Laß es unberührt , leg ' es vor uns nieder auf den Tisch ; wir wollen es ansehen , denken und vermuten , was es enthalten möge . Denn unser Schicksal ist seiner Bestimmung näher , und wenn wir nicht selbst Herren darüber sind , wenn es von dem Verstande , von den Empfindungen anderer abhängt , ein Ja oder Nein , ein So oder So zu erwarten ist , dann ziemt es , ruhig zu stehen , sich zu fassen , sich zu fragen , ob man es erdulden würde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil wäre , wo uns auferlegt ist , die Vernunft gefangenzunehmen . « » Du bist nicht so gefaßt , als du scheinen willst « , versetzte Friedrich , » bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte darüber nach Belieben , mich berühren sie auf alle Fälle nicht ; aber laß mich indes diesem alten , geprüften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustände vorlegen , die wir ihm schon so lange verheimlicht haben . « Mit diesen Worten riß er unsern Freund mit sich weg , und schon unterwegs rief er aus : » Sie ist gefunden , längst gefunden ! und es ist nur die Frage , wie es mit ihr werden soll . « » Das wußt ' ich schon « , sagte Wilhelm , » denn Freunde offenbaren einander gerade das am deutlichsten , was sie einander verschweigen ; die letzte Stelle des Tagebuchs , wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert , den ich ihm schreib , rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und Gefühls jenes gute Wesen hervor ; ich sah ihn schon mit dem nächsten Morgen sich ihr nähern , sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein . Da will ich