daß ich dich nicht zu lebhaft an das menschliche Fleisch erinnern sollte ; aber was kann ich dafür , es war eine Aufwallung , von der mir noch jetzt der Mund übergeht ; sie wußte nichts von meiner Glut , in der alle Sterne wie glühende Blasen zersprangen und den Morgenhimmel räumten . Sie hatte fest geschlafen , bedeckte sich im Erwachen , sah empor zur blauen Luft und sang sehr traurig : Als ich im Grase noch spielte , Sah ich den Himmel nicht an ; Ob er da glühte und kühlte , Nimmermehr fühlt ich den Bann , Der über den Bergen und Talen Wirket in ewigen Zahlen . Winter war freundlich willkommen , Brachte der Früchte so viel , Frühling war nimmer beklommen ; Selig verarmt das Gefühl In Jahren , die fröhlich vergessen , Glücklich , wer gar nichts besessen . Seit ich im Herzen vermählet Seufz im vermauerten Haus , Hab ich den Himmel erwählet , Ahne die Wolken voraus , In ihnen ist ewig Entstehen , In mir ist ein irdisch Vergehen . In dieser Trauer lag mein Mut , ich trat hervor an mein Fenster und nie in meinem Leben hat mich Unwürdigen ein so herrlicher Blick getroffen ; alle Adern taueten auf , und mein Leben drang dem Tage vor . So stand ich , und meine Augen sprachen ; sie aber ergriff das Blatt einer Pappel , die vor ihrem Fenster zitterte , schrieb mit zierlicher Schnelligkeit darauf , warf es geschickt in den Wind , und der Wind warf es auf meine Lippen , und als meine Lippen sich satt geküßt , da lasen meine Augen unermüdlich , was sie darauf geschrieben : Selig jeder Morgen , wo du mir erscheinst , meines Herzens Heiliger , doch selig vor allen der , wo ich dich wieder sah nach langen Tagen ; sieh , alles ist grün geworden , und mein Herz geht auf mit tausend Sonnenblumen zu dir , der Himmel ist hell und deine Wangen glühen ; wo warst du so lange ? Ich las die Worte mit seligem Entzücken , aber wie Kinder die heilige Schrift : sie glauben daran , sie wissen die Worte , aber sie verstehen nichts . Woher kannte sie mich ? War ich dem armen Sünder so ähnlich , den die Liebe zu ihr unter das Beil gebracht ? Wie sollte ich ihr antworten ? Durfte ich ihr antworten ? Wollte sie auch mich verderben ; Ich fragte es , und doch war mir dies Verderben so schön . Bald schrieb ich zu ihr auf Blättern und vertraute sie dem Winde , ich durfte ihr nichts von dem Unglücke dessen sagen , den sie in mir begrüßte , aber ich klagte ihr mein Unglück , daß ich sie liebte ; jedoch der Wind , der uns einmal begünstigte , schien uns jetzt für immer feindlich abgewendet ; ich sah jedem Blatte wie einer geflügelten Seele nach , aber sie stürmten alle fort , bis die Zeit kam , die mich in die Kirche rief . Mit welchem Widerwillen begegnete mir jetzt der Weihrauchdampf , seit mich die Gärten der Nonnen mit Frühlingsduft gestillt hatten ; wie schrecklich sahen mich die gebräunten Heiligenbilder an , seit ich die blendenden Hügel , in denen der Mondschein weidet , wenn er der Welt versteckt ist , mit allen Herzensschlägen zittern und schimmern gesehen . Dann aber erzitterte der feierliche Gesang des Miserere wie ein Erdbeben durch einen Donnerschlag meine Seele bis zum tiefsten Grunde ; mit jedem Worte glaubte ich mich strafbarer und verworfener ; ja , als mich dazwischen der Gedanke an die Nonne umschlang , glaubte ich der Teufel selbst zu sein , der sich der Gottseligkeit nur beflissen , um mit erneutem Jubel seine Sündenlust zu empfinden . Aber meine Tränen , die ich in langen Nächten mir zur Buße und in halber Ohnmacht vergoß , löschten nimmer die Wonne des Tages aus , die mir gegenüber in immer neuen Lockungen erschien ; und ihre Tränen , die ich mehrmals auf ihren Wangen wie Diamanten in spielendem Sonnenlichte flimmern sah , rührten mich mehr , als alle Blutstropfen des Herrn , wie er von seinen Feinden gegeißelt worden . In diesem Kampfe mit mir vergingen Monate , in denen ich durch die Strenge meiner Buße den vollen Haß aller Mönche auf mich zog , die froh lebten und meine Buße einer eitlen Lust nach frommer Auszeichnung zuschrieben ; jeder lauerte mir auf , aber mein Wandel war nur tief in mir strafbar ; was vor der Welt erschien , hätte heilig genannt werden können . Immer seltener sah ich mein heilig Sündenbild ; sie schien zu trauern . Es war ein dunkler Freitag , als ich nach langem Kampfe Abends an das Fenster trat und zu meiner Teufelin hinüber blickte ; wie erstarrte ich aber , als ich heftig in ihrem Zimmer reden hörte und bald darauf sie selbst , verstört , mit fliegendem Schleier , das Fenster eröffnen sah , hinter ihr den Abt unseres Klosters , der sie mit Angst zurückzuhalten strebte . Wie es mich übernommen , wie ein Stein in meine Hand gekommen , wie ich es gewagt habe , ihn auf den Verführer zu schleudern , der ihr so nahe stand ; noch jetzt schaudert mir und schwindelt mir . « Nach einer längern Unterbrechung , wo Rappolt seinen Kopf gehalten , fuhr er ruhig fort : » Mein Stein hatte den Abt am Haupte verwundet ; ich , ohne mich zu verbergen , stand in drohender Stellung am Fenster , alle dankbaren Blicke aufzufangen , die mir aus den Augen der Nonne strahlten . Der Ruf des Abtes hatte bald die alte Frau herbeigerufen , die an jenem Abende der Versuchung Schach gespielt hatte ; er ward fortgebracht , und drohend zeigte ich ihm noch meine Faust , und so stand ich noch mit dem Gefühle eines Befreiers , als ich schon von Mönchen umgeben und gebunden wurde . Ich fluchte dem Abt und seinen Missetaten , aber Posidonius , der bei mir zur Wache blieb , riet , an meine eigene Seligkeit zu denken . Wo war meine Seligkeit ? Die Grausamkeit eines Eifersüchtigen hatte mich in der Wohnstätte meiner Liebe gelassen ; aber wohin war sie entführt die meiner Augen Lustgarten , Ernteflur und Himmelsplan war . Mein Jammer ging dem harten , alten Mönche zu Herzen : O rief er einmal , wie wunderbar ähnlich seid Ihr in Eurem Schmerze dem armen Wolf , den gleiches Unglück und gleiche Liebe mit Euch verbunden ; oft schon sah ich verwundert die Ähnlichkeit Eurer Züge , ähnlicher können Zwillinge nicht sein ; er wollte zu ihr fliegen , die euch verdirbt ; von dir sind die Blätter zu ihr geflogen , du bist entlaubt . Bei dem Namen Wolf gewann mein Bewußtsein für alte Erinnerungen Raum : Wolf sagt ihr ? Wohl hatte ich einen Bruder in meiner Kindheit , den ich herzte und ehrte und von dem ich nichts weiß ; aber wenn der Unglückliche geliebt hat wie ich , so war er sicher mein Bruder . Ich kann Euch sein Geschlecht wohl nennen , er vertraute es mir in den letzten Tagen ; sein Vater hatte sich neu vermählt und seine Kinder erster Ehe in Klöster gebracht ; er soll ein harter Mann gewesen sein , und darum mochte er wohl heißen der Graf von Stock . O mein armer Bruder , so wurdest du aus meinen Armen gerissen , daß ich dich sterben sähe als ein unschuldiger Sünder , von der Mörderhand falscher Gerichte ; bald grüßen wir uns und tragen zusammen unsere blutigen Köpfe vor den Richterstuhl des Herrn . Er wird jedem nach seinem Verdienste lohnen , sprach Posidonius . Wer aber soll seine Ehre verkünden auf Erden ? rief ich . Und wie soll mein Vater bestehen , wenn er sieht , wie er gewütet hat mit den Gliedern seiner Zukunft , mit den letzten Ästen seines Stammes , auf dem auch er erwachsen ? Sorge nicht für ihn , sprach Posidonius , denn dir selbst steht noch das Schwerste bevor . Er ließ mich bald allein , und der Jammer über den Untergang meines Geschlechtes strömte in wilden Klängen von meinem Herzen , bis mich das Dunkel des Abends umgeben hatte ; da klinkte es sacht an meine Tür , und ein verhüllter Mönch trat leise herein , blickte mich an und fiel dann zu meinen Füßen . Du solltest sterben um mich , rief eine Stimme , die ich nie in solcher Nähe vernommen , die ich aber kannte , wie wir den Himmel erkennen an Wohlwollen ; aber ich rette dich , fliehe von hier , kümmere dich nicht um mich , wir sehen uns wieder . Warum sollte ich sterben , warum sollte ich fliehen ? fragte ich . Nur bei dir zu bleiben nenne ich leben . Du bist verloren , sprach sie , der Abt hat Blätter mit Liebesworten von dir dem Gerichte vorgelegt , die du dem falschen Winde für mich anvertrautest ; er hat seine Wunde eröffnet vor dem Gerichte , die du ihm geworfen , als er mich , sein Beichtkind , abhalten wollte , nicht nach dir zu blicken . Hab ich es darum getan ? O Himmel , sprach sie , ich weiß am besten die Beichte , die er von mir verlangte ; aber siehe , dein Leben ist sonst nicht zu retten , ich muß schweigen . Vor einer Stunde , so sprach ich , wäre ich deinem Willen gefolgt , jetzt habe ich keinen Willen mehr ; hier will ich sterben , hier , wo mein Bruder Wolf blutete ; dieselbe Sichel soll uns beide abmähen . O sprich , rief sie bestürzt , ich ahne und zweifle ; wohl hab ich es länger vermutet , es seien euer zwei , die ich gesehen und liebte ; du schienest mir größer und bleicher . Die Sonne ging unter , der Mond ging auf ; mein Bruder fiel an dem Abend unter dem Beile , wo ich als ein müder Wanderer hier eintraf ; unsere Liebe ist gleich zu dir ; er baute sich kühne künstliche Flügel , zu dir zu gelangen , aber die Eifersucht hemmte seinen Flug - auch meine Flügel sinken dem Grabe zu , und ich bin müde des Weges ; dich habe ich gesehen , ich fühle deinen Mund an meinem , deine Tränen rinnen auf meinen Backen , und meine Tränen küssest du auf ; mit dir hätte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen , mein Geschlecht sinkt . - Diese Küsse , die ich dir reiche , schenkte mir die vielgeliebte Mutter ; begegnet dir auf Erden meine Schwester Gloria , teile sie mit ihr . Gloria , rief sie , wer ruft mich , das ist mein Name , aber mein Herz ruft Jammer ; sage , wie wandelt sich alles um , das Feuer wird fest und die Erde flüchtig , und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wünschen ; ich fühle dein Herz , und sein mächtiger Schlag sagt , daß du stammest von den Wächtern der Kronenburg , Rappolt , geliebter Bruder ! Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und jammerten , und sie sang mir , wie sie als Kind getan , von den Wellen , die an den Himmel schlagen , und von den Sündern , die an der Himmelstür singen ; ich aber , über allen Jammer hingetragen von dem sanften Flügel des Schlafes , besiegt von seiner Macht , sank in seine empfindungsloseste Tiefe ; schwarz ward es rings , und kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe . Aber allmählich , wie ein Leichnam , der , tief im Wasser versunken , in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt , so fühlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begrüßen in den schillernden Wellen , in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt . Bald lag ich in den Armen der Schwester , und alle Scheu , die mich sonst von ihr geschieden , war vergessen ; ich wußte gar nicht mehr , daß sie mir Schwester war und Nonne ; ich fühlte nur mit wildentbrannten Sinnen , daß sie ein Mädchen , daß sie mein . Doch als ich ihres Leibes Wonne suche , da meine ich , des Klosters Glocken schreien zu hören ; ich fühlte ganz , daß mich ein Traum getäuscht , ich aber wollt ' s nicht wissen , ich wehrte mich , die Augen zu öffnen , um zu genießen aller Lieblichkeit . Was in jener zarten Welt des leeren Spiels gestört , das lebt nicht mehr ; ein Windstoß zerreißt die zarten bunten Flügel , die in einer Nacht sich entfalten und versinken ; seit ich die Glocken gehört , drückte ich das Traumbild meiner Lust immer gewaltsamer an mein Herz , daß mich Gloria wie einen Heiligen umschloß , der sich in Strahlen vor der Welt verstecken möchte . Aber immer lauter wurden die Glocken ; ich öffnete gezwungen und doch mühsam ein Auge und schloß es dann wieder und wollte fortträumen ; ich wußte nicht , wo ich war , als ich es wieder eröffnete ; die Erinnerung sammelte sich erst allmählich bei dem Geläute und bei verwirrten Stimmen , die ich hörte ; ich wollte aufspringen , aber noch hielten mich die Fesseln , mir war , wie in jener Nacht der Hinrichtung ; aber bald sagte ich mir , daß ich schon hingerichtet sei , bald , daß ich hingerichtet werden sollte ; alle Vorstellungen liefen über einander und suchten einander auf unendlichen Windeltreppen ; nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen , die Schuld mit meiner Schwester ; das Fieber hatte mich durch und durch wieder ergriffen , was mich bei dem Eintritte in das Kloster überfallen hatte . Selige Tage der Krankheit , die Welt liegt abgestorben fern , aber in uns blüht alles und regt sich in seinen Übergängen ; die verständigen Stunden wagte ich nicht , durch Fragen zu stören , und wenn ich fragte , antwortete mir Posidonius so unbestimmt , daß ich bald daraus schloß , er dürfe mir nichts sagen ; auch sah ich , daß man mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden , die ich in der Bewußtlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befühlte . Langsam genas ich und nahm mir endlich vor , was sich im Kloster ereignet , ob ich nur zur Hinrichtung so mühsam aufgepflegt würde , zu erforschen , als ein ernster Ritter mit weißen Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat ; er stürzte an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen : Sohn , wenn du wüßtest , wie schwer es einem Vater wird , sein Kind um Verzeihung anzuflehen , du würdest mich aufheben . Vater , sprach ich , wenn Ihr es seid , was habe ich Euch zu verzeihen : Aber ich bin zu schwach , Euch aufzuheben . Darin zeig dein Verzeihen , sagte der Vater , daß du in Geduld abwartest , bis ich dich stark genug weiß , alle Ereignisse , die uns betroffen , anzuhören ; jetzt vernimm , daß du nicht mehr Geistlicher bist ; der Papst hat mein Flehen erhört , deine Gelübde gelöst ; du ziehest jetzt heim mit mir , um das Geschlecht der Graten von Stock fortzuführen und ihren schweren Dienst zu vollbringen . Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir gelöscht , aber nach Freiheit atmete ich noch , und das Unbestimmte , was mir begegnen und was ich erfahren könnte , stärkte meinen Willen , gesund zu werden . Nach einer Woche war ich stark genug , mich auf ein Pferd setzen zu lassen ; erst jetzt wagte ich es , nach meiner Schwester Gloria zu fragen ; der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und wischte sich die Augen , als ob er geblendet wäre , und sprach : Keine Frage , lieber Sohn , ihr ist wohl , ein guter Vater sorgt für alle seine Kinder . Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren , wo alles mir wie eine neue Welt schien , da sprach meines Vaters Knecht : Herr , jetzt geht es hellauf . Gut , sagte er , in der Hölle wird es ihnen heißer werden . Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Türmchen der beiden Klöster hellflammend ; erst glaubte ich im Morgenrot , aber die Mauern wurden durchsichtig , und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte ; da wandte ich mein Pferd und wollte zurückeilen : Gott , meine Schwester ! rief ich . Sie ist nicht mehr dort , rief mein Vater , sie ist nicht mehr hier , kein Auge kann sie sehen , kein Ohr sie hören , sie lebt in den Gedanken , sie ist bei Gott ! So will ich bei ihrem Grabe bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln , rief ich . Ihr Grab ist nirgends , sagte mein Vater , der teure Leib ist zu Asche verbrannt , von der Luft verweht ; so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und der Schande zu Asche verwehen , denn dieses Feuer habe ich angelegt . Vater , Eure Worte haben mich wie Stahl gehärtet , sagt mir alles , wie es sich verlaufen , denn trauern werde ich um alles , was mir geschehen , um alles , was ich weiß , und um alles , was ich wissen möchte . Noch ist es nicht Zeit , sagte er , und ritt stillschweigend fort . Wir kamen nach dem Schlosse Stock ; er stellte mich seiner zweiten Frau , mit der er in mißvergnügter kinderloser Ehe lebte , als den Erben seiner Güter und seiner ganzen Liebe vor ; die Frau weinte und schien erfreut , ihr einsames Haus durch mich belebt zu sehen ; mir aber war das Haus zum Verstummen einsam ; das Geheimnis , das mich erdrückte , verschloß mich mitten in Waffenzügen , in denen ich mich jetzt statt am Brevier übte , dem ewig Erneuenden der Tage . Kam ich heim , so blieb ich Tage lang vor den Bildern meiner Ahnen stehen ; sie umlagerten mich auch Nachts ; ich träumte von ihnen das Abenteuerlichste , und beim Erwachen dachte ich mir schrecklich die Ewigkeit , wenn ich sie immer mit diesen Verwandten , möchten sie auch noch so gut sein , zubringen sollte . Mehrmals erinnerte ich meinen Vater , das Geheimnis mit meiner Schwester aufzuklären ; ich sehnte mich selbst nach dem Schrecklichsten , wenn es nur das Geheimnis meines Unglücks aufklärte und mich mit lebendigen Bildern erfüllte . Er aber sagte ernst : Erst sollst du ein Mann werden und heiraten , ich habe für dich gewählt , aber du wirst meine Wahl bestätigen . Ich sagte ihm , daß ich nur für den Preis des Geheimnisses heiraten würde ; er bewilligte das . Nicht lange nachher traf ich , heimkehrend von einer Fehde , deine Mutter , mein Anton , bei meiner Mutter an sie hieß Mathilde von Amorbach , war ernst , schön und übergroß , fast einem Manne ähnlich an Bildung , aber ihre sanfte , bescheidene Stimme machte sie bald als Weib kenntlich . Wir wußten beide was wir miteinander sollten , man ließ uns allein , wir schwiegen lange , endlich sprach ich : Mathilde , seht diesen Ring ; sonst saß ein heller Demant in seiner Mitte , aber der Demant fiel durch einen heftigen Schlag des Geschickes ins Meer ; da liegt er unversehrt , nichts kann ihm schaden , hell und klar liegt er in der Tiefe , weiß aber nicht , wo er ist . Auch kann ihn kein Mensch herausziehen , mein Herrlichstes ist mir verloren . Dieser Goldring , der ihn faßte , es ist reines Gold , aber er wurde nicht gesehen vor dem Glanze des Diamanten ; jetzt ist er mein alles , kann er Euch genügen ? Was von mir übrig ist , soll Euer werden . Mathilde senkte die Augen und sprach : Ich will mit Euch trauern um alles , was Ihr verloren , ich werde es aber nicht vermissen , denn ich kannte es nicht ; was Ihr mir bietet , ist mir aber schon zu viel , denn ich habe nur einen Ring von Zinn , den ich Euch dagegen bieten kann . Darauf sagte ich ernst : Weil Ihr denn meint , daß Euer Ring zu leicht sei , so legt die Hand dazu auf die Waage , und ich lege mein Herz darein . Ich drückte bei diesen Worten ihre Hand an mein Herz ; unsere Eltern traten ins Zimmer , wir knieten nieder , und sie segneten uns ein . Nachdem die Hochzeit vollbracht , störten mich nicht mehr die Ahnenbilder in Träumen ; die Ebene und die ersten Höhen waren rings in mir fröhlich bebaut , nur auf dem Gipfel lag der alte Schnee . Du warst unser erstes und einziges Kind ; dein Gemüt kenne ich noch nicht , aber dein mächtiger Körperbau erinnert mich an deine Mutter , die ohne Prahlerei , nur wenn ich es ihr geheißen hatte , Hufeisen zerbrechen konnte und Zentnerlasten mit einem Finger heben . Als du geboren und getauft , führte mich der Vater auf die Kronenburg ; er zeigte mir das große Geheimnis und das künftige Geschäft meines Lebens , den schweren Dienst und die unbestimmte Hoffnung ; dann führte er mich nach kurzem Gebet den schwindelnden Gang , auf den er mich schon lange durch Versuche , an hohen Felsen , an Gebäuden anzuklettern , vorbereitet hatte . Der Gang ist fürchterlich ; ich schwöre , daß kein Feind , und wenn er die ganze Burg erstürmt , es wagt , auf die Spitze des Turmes zu steigen , wo die Krone liegt ; und doch ist dies der einzige sichtbare Zugang . Dieser Turm ist eine zweihundert Fuß über das höchste Gebäude hervorragende Säule , an der die schmalen Stufen , auf denen nur zwei Füße Platz zum Auftritt finden , ringsum in freier Luft ohne Geländer laufen . Der Blick vorwärts geht bald in unendliche Täler , bald in Felsengeklüft , je nachdem sich der Weg windet ; unter einem erscheinen da abwechselnd Straßenpflaster , Giebel von Häusern , die Luftbogen der Architektur , in denen die Vögel nisten ; die Menschen aber wenden die Augen weg , um nicht nachzusehen ; es ist ein Gang , den jede Fliege zum Spaß geht , wohin aber der Mensch nicht gehört , - mein armer Anton , du mußt ihn auch noch gehen . - Der Vater sagte mir , ich möchte nur ein herzerfrischend Lied singen . Ich fing an eine lustige Weise zu pfeifen , aber kaum war ich einmal um den Turm herum und konnte nicht mehr zurück , da sah ich vorwärts alles doppelt ; Vater , sagte ich und klammerte mich an die Stufen , ich seh zwei Treppen , die laufen so dicht beisammen , daß ich nicht weiß , auf welche ich treten soll . Es hat ja keine Eile , antwortete er ; halte dich nur fest , ich will auf meiner Stufe auch ruhen ; ich habe mir so vorgenommen , dir endlich ein Geheimnis aufzuklären , was so lange auf dir gelastet hat . Wo ist meine Schwester ? fragte ich . Sie ist tot , antwortete er . Vater , ich sehe jetzt klar , rief ich , was unter mir ist , reizt und schreckt mich nicht mehr , wir können ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke , der meinen Scheitel umhüllt . Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben , mit dem Worte war ich von der Erde frei ; ruhig ging ich die Stufen hinauf , als wäre ich Jahrhunderte schon wie ein Stern auf und nieder gegangen , kein Schwindel war mir schrecklich ; ich sah mich selbst in der Leere über der Erde , ich schwebte und erschien mir in dem bisherigen Verhältnisse zu mir töricht , es war jetzt Ernst geworden . - Verkürzt den Weg mit der Erzählung , bat ich den Vater , ich will warten , wenn Euer Atem zu kurz wird . - Lieber Sohn , sagte er , noch weißt du nicht , warum ich euch in so früher Zeit so hart auseinander gerissen ; der gute Niklas war um euch besorgt , daß eure Liebe zu einander sündlicher Art sei , und als ich euch verschlungen in einem Bette fand , da übernahm mich der Zorn ; ich verschwor euch Söhne dem Kloster und wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen ; die Tochter aber brachte ich zu einer Verwandten nach Kostnitz . Diese Frau lebte mit vielen Menschen in weltlicher Fröhlichkeit , aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Buße , wo ihr der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzückung sprach und sie ermahnte , in das Kloster zu gehen . Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu , aber alle ihre Bekannten , die so herrlich sie aufblühen sahen , suchten sie mit Liebe und Gewalt zurückzuhalten ; dies verzögerte ihren Eintritt , aber veränderte nicht ihren Entschluß ; ich mußte ihrem Flehen nachgeben , obgleich es mich schon damals , nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft hatte , schwermütig reute , daß ich meine beiden Söhne von der Welt abgeschieden hatte . Ihr Abschied war ein Zeichen für mehrere junge Ritter , in fernen Kriegszügen Zerstreuung und Ersatz zu suchen . Vor allen schmerzlich war das Scheiden eines Ritters von Lilienfeld , der nach Jerusalem zog ; aber auch sie ging nicht in den Frieden ein , auf den sie gehofft hatte . Das Kloster war heimlicher Sünde voll , und die Äbtissin , eine frühe Freundin des Abtes , den dein Wurf verwundete , suchte seine Neigung sich zu erhalten , indem sie ihm die reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte . Meine arme Tochter ahnte nichts davon , sie sah den Abt als einen ehrwürdigen Beichtvater , auch war ihr ganzes Gemüt von der Erscheinung deines unglücklichen Bruders Wolf erschüttert , der in dem Kloster , ihr gegenüber , angekommen , ihr das Bild des Herrn , das ihr im Entzücken vorgeschwebt , fest und deutlich vor Augen mit zärtlichen Blicken hingestellt hatte . Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte ; er legte ihr leichte Buße auf , deinen Bruder aber beschloß er aus Eifersucht zu verderben . Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit größerem Widerstreben als du ; die Leidenschaft zur schönen Nonne raste in ihm ; unbekannt mit der Welt , von der er so lange geschieden , suchte er in dem Kreise seiner Beschäftigungen mit mechanischen Kunstwerken seiner Leidenschaft Hülfe und Rat . Unsäglich war die Mühe , sich die Gerätschaften heimlich zusammenzubringen , um sich Flügel zu bilden , die Geliebte gegenüber aus dem Turme fortzutragen . Der Abt hatte ihn schlau umstellt ; beim ersten Versuche wurde er gefangen - du hast ihn sterben sehen . Du kamst in gleiche Schlingen des Satans , und meine Tochter wurde von der Äbtissin angeleitet , sich dem Abte für die Rettung deines Lebens zu versprechen . In einem Kampfe , der zuletzt alle Besinnung erschöpfte , ließ sie sich die Mönchskleider anziehen , sie wurde durch einen geheimen Gang zitternd und ohnmächtig in das Zimmer des Abtes geführt . Er versprach ihr dein Leben . Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen ; die Krone lag vor mir , aber ich sah sie nicht ; ich setzte mich nieder , sah in die Weite , wo ein ausgetretener Strom über die Wohnungen der Menschen hinrauschte , daß sie wie Schreckensfrüchte an den dürren Gipfeln der Bäume hingen ; dabei biß ich mir auf die Finger , und der Schmerz war mir Wollust . Als mein Vater diese Heftigkeit in mir erblickte , legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest ; dann fuhr er fort : Mein Sohn , daß ich dich so schmerzlich ankette , tue ich dir zur Sicherheit . Gloria ging , dir Lebensrettung anzukündigen , ihr erkanntet einander ; jetzt sah sie , daß du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen wärest ; wer konnte es dir verargen , zu deiner Schwester zärtlich geschrieben zu haben ? was du dem Abte getan , erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei ; das aber fühlte sie nur wenig , eins wußte sie nur , daß sie in ihrem Schimpfe nicht fort leben könnte . Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung , aber ihre Rettung und ihr Tod waren nahe . Der Abt hatte seine Lust gekühlt , jetzt blieb ihm nur die Rache gegen dich ; er brach sein Wort und sendete die Gesellen seiner Bosheit , dich zum Richtplatze zu führen ; die Schwester glaubte er schon zum Kloster zurück . Die Glocken läuteten ; sie muß aus den Reden der Mönche erfahren haben , daß sie dich zur Hinrichtung führen wollten , sie ist ihnen entgegengetreten im Dunkel und hat ihnen wie mit erstickter Stimme , wodurch sie getäuscht worden , erklärt , daß sie alle Bande zerrissen , daß sie aber freiwillig sterben wolle . Die Mönche haben sie ergriffen und in stiller Feierlichkeit zum Richtplatz geführt . O mein Sohn , rief er hier , wie habe ich jahrelang diese Krone bewacht , die ich nie trage ! und dieses Kind , das meine Frau getragen in Liebe und Schmerzen , habe ich ohne Wache in der Welt irren lassen ! Erst als sie enthauptet , erkannte