vom Gyges , wie er den Candaulus wegen einer ähnlichen Prahlerei , nachdem die Frau diese Beschauung bemerkt , auf ihren Befehl habe umbringen müssen ; er verstand aber Beispiele nur immer als sonderbare Geschichten , unterhielt sich damit , wandte sie aber weiter gar nicht auf sich an . Ich mußte mich auf seinen Befehl in ein Nebenzimmer bei seinem Bade verstecken , und sollte durch die geöffnete Türe hineinblicken , während er die Augen seiner Moham mit einem neuen Bilde , das an der andern Seite des Badezimmers befestigt , von mir abwenden wollte . In dem Zimmer , wo ich versteckt war , legte er seine fürstlichen Kleider , Binde und Schwert ab . Ich ging wahrhaftig ohne bösen Willen in das Zimmer , aber die Schönheit der Moham , die sich vor meinen Augen allmählich entschleierte , aber aus Züchtigkeit selbst in der Einsamkeit mit ihrem Manne , in einem feinen Badehemde verhüllet blieb , gab mir solche Verachtung gegen Thomas , daß ich sein fürstliches Kleid , seine Binde und Schwert , leise anlegte , während beide im Bade lustig plätscherten , plötzlich in das Badezimmer trat und dem Thomas befahl , mein abgelegtes Fischerkleid anzuziehen und sich augenblicklich auf meinen Fluß zu begeben , um mir für diesen Abend noch ein Dutzend wilder Enten zu bringen . Thomas wollte Einwendungen machen , aber er sah es meinem Schwerte an , daß ich zum Spaße zu ernsthaft gestimmt sei ; er mußte das Kleid anziehen . Draußen wollte er die Wachen zu seinem Schutze befehlen ; da sie ihn aber in der Tracht mit mir verwechselten und strengen Befehl erhalten hatten , mich bei der geringsten Widersetzlichkeit hart zu züchtigen , und aus dem Schlosse zu werfen , so geschah dies auch ihm . Ich war indessen mit der ohnmächtigen Moham beschäftigt ; ich brachte sie zum Leben , und durch meine Kenntnis heiliger Sprüche aus dem Sanskrit zum vollen Vertrauen zu mir . Noch denselben Abend erklärte sie mich zum Nabob , und Thomas brachte zu unserm Vermählungsfeste ein Dutzend gefangener Enten ; der Einfaltspinsel war bald mit seinem neuen Stande ganz zufrieden . Einige Jahre regierte ich nach Herzenslust , da nahm uns die Ostindische Compagnie die Herrschaft . Mit unsern Schätzen schifften wir nach Europa ; das Glück versöhnte mich mit Ihnen , mein Fürst . « Neuntes Kapitel Der alte Graf P ... wird Minister . Tod des Fürsten . Regierung der Fürstin Wir wollen den alten Grafen von jetzt , wo er bald mit dem Grafen Karl in eine nähere Berührung kommt , durch seinen Dienst und Ehrentitel als Minister unterscheiden ; er hatte die Stelle eines ersten Ministers nach vielen dringenden Bitten des Fürsten angenommen ; Leichtsinn hinderte ihn nicht mehr in dem ordentlichen Gebrauche seines hohen Talents für das Geschäftsleben ; er widmete sich ihm ganz . Nur ein Jahr dauerte dieses schöne Zusammenleben und Zusammenwirken des Fürsten mit dem Grafen , da wurde jener durch einen unerwarteten Schlagfluß hinweggerafft , und die Fürstin übernahm die Verwaltung ihres Landes im Namen ihres blödsinnigen Sohnes , der in gemeiner Ausschweifung Frankreich durchschwärmte . Der Minister beschloß erst sich ganz zurückzuziehen ; er bezog ein angenehmes Nebenhaus bei seinem verbrannten Palaste , und erwartete nicht , daß ihn die Fürstin rufen würde . Aber kaum hatte sie die Feierlichkeiten ihres Einzugs überstanden , und die Auseinandersetzung seiner Geschäftsführung durchlesen , als sie mit dem ihr eigenen Scharfsinne sein großes Talent so ganz erkannte , daß sie sich zu der Aufopferung aller Empfindlichkeiten entschloß , und so dringend ihn zu sich forderte , daß er ihrer Einladung nicht widerstehen konnte . Er war sehr überrascht , sie so durchaus in ihrer ganzen Schönheit erhalten zu finden , als wäre diese Zeit nur ein schlimmer Tag der vor vierzehn Jahren verlebten ; sie wußte ihre alte Vertraulichkeit so ganz herzustellen , daß er alle Geschäfte gern übernahm , und mit Hülfe ihres Geistes zu noch größerer allgemeiner Zufriedenheit fortführen konnte . Er hätte sich von neuem in sie verliebt , aber sie mied diese Berührung ; auch genügte es ihm bald nach den Geschäften dem Hofe ganz zu leben . Wirklich war auch ein liebenswürdigerer Hof kaum denkbar . Die Fürstin hatte in der langen Entfernung von ihrem Lande , durch ihren in Künsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt ; sie unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem öffentlichen , den ihr ein großes Schicksal anvertraut hatte , und so störten beide einander niemals . Nie erschien eine Fürstin , wo sie in einem öffentlichen Geschäfte begriffen , mit mehr Ansehen und Glanz ; sie zog es vor , manches , was sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird , der Menge darzustellen ; die Bestallung zu Ämtern , der letzte Vortrag und die Beratung über neue Einrichtungen , die Belohnung öffentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue Feierlichkeiten , an denen sich die Erwachsenen freuten , und welche die Kinder begeisterten ; ihr Kunstsinn wußte durch Anordnung mit unendlich geringem Kostenaufwande die größten Wirkungen hervorzubringen . - Wer etwas Rechtes will , kann mit wenigem unendlich viel leisten ; die ausgezeichneten Männer dienten ihr mehr für Ehre als für Lohn , und mehr für die Annehmlichkeit ihres täglichen Umgangs als für die Ehre . In den Gedanken der entfernten Menge , schwebte ein Bild von der Glückseligkeit des Hoflebens , das leider so selten in der Nähe gefunden wird , das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden , wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war , und dem sich der Hof der Fürstin wenigstens näherte . Allem Glanze , aller Etikette wurde in der eigentlichen öffentlichen Angelegenheit genügt ; das Vergnügen des Hofes und seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet ; waren die Stände dort streng nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden , hier galt nur das gesellige Talent , und das Verhältnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und Wohlwollen ; hier war die Fürstin ganz menschlich , ganz eigentümlich sich selbst überlassen , ihrer individuellen Neigung und Gunst . Doch fiel es keinem bei ihr ein , Begünstigungen des geselligen Umgangs auf öffentliche Verhältnisse zu übertragen ; wie wäre es möglich gewesen , die heitre schöne Fürstin , zu der jeder in seinem täglichen Kleide , in Stiefeln , ohne Umstände , Abends den Eintritt begehren durfte , mit jener ernsten glänzenden Fürstin zu verwechseln , wie sie in Geschäften erschien , wo jedes Wort bedacht , jede Annäherung abgemessen , jede Amtskleidung bestimmt war , wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine Bestimmung erhielt . Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend ; die alten Frauen verwunderten sich ungemein , ihre Fürstin mit Unadligen tanzen zu sehen . Auf ihre Vorstellungen , antwortete die Fürstin : » Wenn ich tanze , muß ich doch Krone und Zepter ablegen , es würde sonst sehr lächerlich lassen ; ich tanze mit dem am liebsten , der am besten tanzt ; sollte es nach dem Range gehen , so müßte ich meinen alten General ins Grab , oder den Minister auf eine Woche zu allen Geschäften unbrauchbar tanzen . « - Die Annehmlichkeit des Hofes , die stete Erneuerung , die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem Herrlichen , was in den geselligen Kreis eintrat , und dem öffentlichen Verkehr verbunden nutzte , vernichtete bald den ersten Widerspruch . Eine Reise an diesen Hof war für die umliegenden kleinen Höfe die höchste Belustigung ; manche mieteten in der kleinen Residenzstadt Häuser , und bauten sich an ; ein künstliches Bad , das dort angelegt war , mußte zum Vorwande dieser Reisen dienen ; ein lebendiges Schauspiel , nicht bloß von Besoldeten , sondern auch von Liebhabern getrieben , zog andere Fremde herbei ; in kurzer Zeit waren die Verheerungen des Krieges ganz vergessen , das ganze Städtchen wohlhabender als je , Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt , die sonst viele Jahre vergeblich aufgemuntert worden ; ja es zeigte sich bald ein eigentümlich heitrer mitteilender Geist unter allen Bewohnern , eine reiche allgemeinere Sprache durch alle Klassen , ein freies schöneres Ansehen , das sie von allen Nachbaren unterschied . Die älteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr Wissen und Wollen selbst verwandelt , kamen dann wohl selbst zur Fürstin , und fragten sie , wie es möglich gewesen , daß sie und der ganze Hof sich sonst an langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequält , sich mit dem Minister über sein großes Haus entzweit , mit der alten fürstlichen Tante wegen eines zu späten Eintreffens bei der Cour erzürnt hätten . - Die Fürstin mußte dann über sich selbst lachen ; sie konnte sich selbst nicht begreifen , und bat den Minister scherzend , er möchte sich doch jetzt wieder ein recht schönes Haus bauen , es würde ihr keinen Ärger mehr machen . - Wie glücklich könnten kleinere Staaten sein , wenn es keine größeren gäbe ! Doch traten jetzt über Europa größere Staatsbewegungen ein , die eben so die vieljährigen Bemühungen kleinerer Fürsten durch eine bloß zufällige Zwischenwendung verstörten , wie die Haushaltungen einzelner Menschen . Die Fürstin fühlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach , ihrem Völkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu geben , eben so unwürdig schien es aber ihrer festen Natur , sich und die Ihren jeder neuen übermächtigen Willkür hinzugeben , sie meinte den Geschäften entsagen zu müssen , die sie nicht mehr mit Lust und Überzeugung verwalten konnte . Der Minister mußte aus Freundschaft zu ihr , alle Geschäfte allein übernehmen , nur in ganz bedeutenden Fällen wollte sie zugezogen sein . In dieser teilnehmenden Ruhe gewann der Gram über manche vereitelte wohltätige Absicht solchen Einfluß auf ihren unter Geschäften sonst unveränderlichen Geist , daß alle ihre Umgebungen in der Sorge für ihr Leben , jede andre vergaßen , und sich beeiferten durch allerlei sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen . Aber bald sind diese Mittel erschöpft , wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet ; die Fürstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer ; die schauerlichsten Lieder waren die einzigen , die sie anhören mochte , und sie selbst , die sonst nur Scherze zu den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war , vertiefte sich jetzt in allerlei Dichtungen , denen die meisten , welche nicht ihre Art und die Beziehung näher kannten , heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten , die um so gefährlicher sei , da sie ansteckend wäre , und schon in der Stadt eine Menge junger Leute ergriffen habe . Wir wissen , was es mit dieser Verdammung der meisten Leute zu sagen hat , die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand nehmen , daß es ihnen Zeit koste es auszulesen , und nun sogar zum Begreifen einer nicht alltäglichen Idee aufgefordert werden . Eines Tages fiel auch dem Minister eines ihrer Lieder in die Hände , das ihn sehr nachdenkend machte , und woraus wir ein paar Strophen hier mitteilen wollen . Luftfahrt Dein Haupt leg nach Morgen , So fliehen die Sorgen Und schimmernde Träume Zu kommen nicht säumen , Durchstrahlen die Locken Von Luft umwallt , Von Vöglein schallt Ein himmlisches Locken . 1. » Es tragen dich Flügel Vom schwellenden Hügel , Und alles ist offen , Du schauest betroffen Unendliche Bläue , Voll Freundlichkeit , Voll Zärtlichkeit Die Erde im Maie . Hoch über dem Blauen , Da hast du zu schauen , Der Sterne Gestalten In Kreisen da walten ; Erst wandelt mit Schrecken Der Löwe wild , Die Jungfrau mild Will zärtlich dich necken . Von Sternen strahlt nieder , Was kräftig und bieder , Es doppeln die Heere Sich spiegelnd im Meere , Sie schreiten , sie ziehen Voll Göttlichkeit ; Zum höchsten Streit Die Schwerter erglühen . Nach Ruhme sie werben Und können nicht sterben , Im ew ' gen Gesunden Verschwinden die Wunden ; Sie wünschen sich wieder Die Sterblichkeit , Zur Menschlichkeit Sie sinken hernieder . In ganzen Geschlechtern Von stattlichen Fechtern Verbluten die Götter Wie tosende Wetter ; Die Erde versinket , In Blutes Flut , Des Mutes Glut In Jammer ertrinket . « 2. » Die Blumen dich wecken , Die erst dich bedecken , Mit fröhlichem Regen Sich alle bewegen ; Gebadet im Taue Gestählt die Brust , Mit neuer Lust Nun Mensch dich schaue . Was trittst du auf Sklaven , Gleich glühenden Laven , Sie scheinen zu kriechen , Verzehrend doch siegen ; Was willst du dich kränzen Mit Bruderblut , Nein , tue gut , Die Sonne laß glänzen . Wie willst du entscheiden , Was dunkel bei beiden , Steh dir nicht im Lichten , Ein andrer wird richten ; Dir singet der Hirte : O Lorbeerblatt , Wie bist du platt , Wie zierlich ist Myrte . Ich grüß euch , ihr Myrten , Ach Freunde , wir irrten , Uns waren die Welten Zu enge zum Schelten ; Die Ecke der Laube Voll Düsterkeit Ist überweit Der girrenden Taube . Ihr fröhlichen Seelen , Euch will ich erwählen , Die über das Leben Mit Flügeln entschweben , Ich möcht euch erdrücken Mit süßem Kuß , - Ich will , ich muß , Ich kann euch beglücken . « Zehntes Kapitel Der Kammerjunker , die Mamsell , der Primaner müssen Italien besingen Der Minister schüttelte mit dem Kopfe , nachdem er das Lied gelesen . » Sonderbar « , sagte er , » daß sich der Unsinn so leicht behält , während ich das Sinnvollste gleich vergesse , ich weiß das ganze Wortgequäle beim ersten Lesen auswendig ; zwar verstehe ich wohl , was es sagen will : sie erhebt sich aus dem Drucke der Zeit in die höheren Regionen , und gewinnt dort Kraft , um zu einem heiligen Kriege zurückzukehren , das Kriegerische erscheint ihr dann leer , und die Liebe beglückend ; aber warum ist das nicht kurz vorgetragen , wie ich es eben getan habe ; und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut , zu dem Nächsten erst durch die entferntesten Umschweife gelangen zu können , da muß sich die Rede bald zwischen mehreren Personen , bald durch wunderliche Reime zerspalten ; ein verständiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz . « - Zufällig machte ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung , der mit seinen Versen dem ganzen Hof genug zu lesen gab ; er sagte ihm , daß er fürchtete , die würdige Fürstin möchte in unheilbare Schwermut versinken , weil sie sich ewig bemühe , in dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen ; sie müsse ernsthaft beraten werden , Luft und Lebensweise zu verwandeln , von ihren Gewohnheiten , freudigen und traurigen , gleich weit entrückt , und da wäre Italien ihr wohl besonders anzuraten , dies Land vermöchte allein die Verwandlung und entschädige für alles Mögliche , selbst für manches Unmögliche die poetischen Gemüter . - Lächelnd sah er hier den Kammerjunker an , und fuhr nach einer Pause langsam fort : » Mignons herrlicher Gesang wäre vielleicht das Wirksamste , sie dazu anzumahnen , aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehört eine neue Einwirkung ; schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet , doch hat sie nicht gern , wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung über sich zuvor eilt ; können Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr festsetzen ? « - Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt ; insbesondere freute er sich , daß er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte , also keiner pflichtmäßigen Ausarbeitung dazu bedurfte ; er versprach , am Abend ein Gedicht seiner Erfindung ihm zu überbringen und es mit einer geschickten jungen Tänzerin aufzuführen . - Er hielt Wort , war aber befremdet , bei dem Minister einen Nebenbuhler in der Verskunst , einen Primaner der Stadtschule zu finden , dessen Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah ; leicht entlockte er ihm durch Fragen , daß er in gleichen Aufträgen wie er selbst sich dort eingefunden habe . » Der Minister kann es doch nicht lassen « , sagte er in sich , » wo er die Kunst zu beschützen scheint , geschieht es doch nur , um die Künstler zu verspotten ; mich mit dem fischköpfigen Burschen in einen Wettstreit zu bringen ! Hätte ich das vorausgewußt , wenigstens hätte ich meine letzten Strophen mehr auszufeilen gesucht . « - Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch eine Mamsell in etwas schmutziger hängender , weichfaltiger Kleidung herein , wenig verwachsen , aber um so künstlicher bemüht dies wenige zu verstecken ; ihr Gesicht hätte angenehm sein können , wäre es nicht beim Sprechen in Gefahr gewesen von dem großen Munde verschluckt zu werden . Die ministerielle Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute außer Fassung gesetzt ; sie platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus , ohne zu ahnden , daß sie zwei Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden . Sehr unbefangen bat sie der Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen ; die Mamsell ließ sich auch nicht lange bitten : Lieg ich in der Freundin Armen , Weine und nicht weiß warum , Sie ist traurig , ich bin stumm , Bis die Lippen mir erwarmen , Ach dann schwebt es auf der Zunge , Wäre ich doch nur ein Junge ! Wäre ich doch nur ein Junge , Gingen wir in weite Welt , Treulich wären wir gesellt , Hielten uns noch fest umschlungen , Wenn sich an der Welten Ende , Mein Italien einst fände . Wenn ich mein Italien fände , Höhlten wir ein kleines Haus Uns in Herkulanum aus , Wo die schön bemalten Wände ; Wie die Schwalben in dem Sande Bauten wir uns an im Lande . Bauten wir uns an im Lande , Steckten manches Flügelkind In das Körbchen schnell geschwind , Und verkauften ' s ohne Schande ; Leutchen , wer kauft Liebesgötter , Ach es ist so liebreich Wetter . Ach es ist so liebreich Wetter , Kauft , ihr Mädchen jung und schön ! Eine kommt sie anzusehen , Spricht : » Das sind die Liebesgötter ? « Ei bewahre , das sind Tauben , Eine nur gehört zum Glauben . Eine , die gehört zum Glauben , Doch die Liebe alle braucht , Und zum Boten jede taugt , Läßt sich nicht ihr Brieflein rauben , Als wo sie den Liebsten wittert , Der sie oft mit Zucker füttert . » Sehr richtig « , sagte der Kammerjunker , » die orientalischen Liebestauben müssen mit Zuckerkandis gefüttert werden . « - » Sie haben das Gedicht nach dem alten Gemälde verfertigt , wo eine Frau Liebesgötter wie Tauben an den Flügeln zum Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt « , meinte neidisch der Fischkopf . - » Es ist ganz eigen mir « , sagte sie , » alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum Gedichte . « - » Ei « , sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend , nachdem er lange an der offenen Seitentüre gestanden , » daß Ihnen Ihr Gedicht nur nicht zur Wahrheit wird und Sie , mein schönes Kind zum Jungen , oder Ihre Nachtigallen , die ich heute noch bewundert habe , zu lauter kleinen Kindern . « - » Immerhin « , antwortete sie , » ich habe mir stets Kinder gewünscht , wenn ich nur nicht deswegen zu heiraten brauchte ; ich bin bei meiner Schwester an Kindergeschwätz so gewöhnt , daß ich es jetzt sehr vermisse ; in jeder flüsternden Welle glaub ich ' s zu hören . « - Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker ziemlich ungeschliffen ins Ohr : » Hat sie uns wohl je so was Schönes hören lassen ; sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd . « - » Es ist etwas unsicher « , antwortete der Kammerjunker , » denn Wasser hat keine Balken . « - Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene , die wenigstens eine Liebeserklärung andeutete : » Zur Kinderzucht gehört sehr viel lästige Reinlichkeit , wie zur Liebe . « - Ohne alle Verlegenheit antwortete sie , die Mutter hätte kein Herz , die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb hätte . - MINISTER : » Sie haben wohl viel Kinder ? « - MAMSELL : » Außer meinen poetischen nur meine Tauben , deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrüte . « - Bei diesen Worten tat der Minister , als wenn er sie väterlich umarmen wollte , drückte sie aber so fest an sich , daß die Eier , die sie an ihrem Busen gerade ausbrütete , krachend zerplatzten . Lachend über den goldnen Strom , der ihrem Herzen entquoll , stand rings die poetische Gesellschaft , und dachte über die Ursache nach ; Mamsell vergab dem Minister für den vollwichtigen Kuß den bethlehemitischen Kindermord . Sie reinigte sich sehr leicht , und das Gespräch wendete sich natürlich wieder zu den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien . Der Kammerjunker hatte zwar etwas mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Rührei , doch fürchtete er noch den Fischköpfigen . Der Primaner mußte voran lesen ; er tat es mit zitternder Heftigkeit , unterdrückt vorschreiend : Ausbildung Das Kind Sternlein des Abends am Leuchtturm der Höhen , Willst du im Kreise ewig uns drehen , Keiner erblicket , wo du gegangen , Warum von Abend nach Morgen verlangen ? Lieber in Blitzen möcht ich erblinden , Als in den tauenden Wolken verschwinden , Hinter den Wolken harrend zu stehen , Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen . Der Abendstern Kindlein , ich leuchte dir nicht alleine , Komm in des Südens himmlische reine Immer verklärte , verklärende Lüfte , Nimmer bestehn da umnebelnde Düfte . Sonnendurchstrahlet müssen sie sinken , Schöner in glühenden Früchten zu winken , Bilden sie weichlich das Bette der Sonne , Immer sich opfernd , sich ehrend in Wonne . Ich nur bestehe den Menschen zum Zeichen , Flügel den Armen unfühlbar zu reichen , Wert ist das Glück nur der menschlichen Mühe , Genius bin ich der ahndenden Frühe . Will sich der Wärme feuriger Regen Abends und Morgens auf Ferne hinlegen , Warum verschmachten danach und erfrieren ? Laß dich zur goldenen Ferne hinführen . Schuldlose Herzen trauen der Ferne , Nimmer veralten ihnen die Sterne , Warnen heut , lächeln dann morgen auch wieder , Abend und Morgen sind himmlische Brüder . Ja ich komm wieder ! Schwankt dann der Boden , Fangen die Netze des Dunkels den Oden ; Siehe nach mir , denn wisse , mein Flügel Wecket dich auf an dem Römischen Hügel . Das Kind Ja das ist Roma , selber die Trümmer Fügen sich wieder zum herrlichen Schimmer , Lasset die Erde taumelnd nur schwanken , Trägt sie mein Glück doch und meine Gedanken . Schimmern die Tempel bei Kirchen so dichte , Himmlische Wüste umschließet sie lichte , Langsam die Tiber , Sehnsucht im Blicke , Fließt sie zum Meere und wünscht sich zurücke . Bin ich geworden , bin ich vollkommen , Gestern ein Kindlein , bang und beklommen ; Heut in Italien findet mein Sehnen Endlich des Busens hochherrliches Dehnen . Ist dies die Heimat ? Ist dies die Fremde ? Wie ist es kommen , daß ich mich grämte ? Schwimmen die Äpfel nicht golden im Bache , Wenn ich erinnernd und hoffend erwache . Wißt , wo die fröhlichen Mädchen noch hausen , Nimmer die Stürme des Nordens einbrausen , Merkt , daß Italien die schwimmende Insel , Fliehend das stürmische Menschengewinsel . Lachet ihr Mädchen , sehet , sie weilet , Nicht mit dem Morgenrot wieder zerteilet , Alle Erinn ' rung im Schilfe da rauschet , Alles Ersinnen im Atem sich tauschet . Sehet , auf tausend hellströmenden Wellen Herrliche Freunde zu uns sich gesellen Und in dem blumigen Meere der Wiesen Lasset die Stimmen tauchen und fließen . Saget , was sind das für heil ' ge neun Schwestern , Ferne auf Sternen erblickt ich sie gestern , Kommen mit Masken und Flöten und Leiern , Jeglichen Morgen Italiens zu feiern ? Der Morgenstern Musensohn , kennest du noch nicht die Musen , Fühlst du nicht Liebe zu ihnen im Busen , Fühlst du nicht Pochen im innersten Herzen , Und auf den Lippen ein zärtliches Scherzen ? Nur im Genusse kannst du dich bilden , Und nur die Armut machet den Wilden , Alles ist nahe , was zu erstreben , Was unerreichbar , laß es verschweben . Nach einigem pflichtmäßigen Lobe sprach der Minister : » Nicht wahr mein junger Freund , Sie suchen eine Gelegenheit nach Italien zu reisen ; sie meinen , da soll auf einmal das Dichten ganz anders gehen , da soll kein Reim fehlen , keine Silbe zu lang sein . Ich glaube , Sie irren sich darin ; der Dichter muß mit seiner Nation , in seiner Sprache leben , denn wenn er auch vollendeter in sich würde , so fehlte ihm doch das Organ der Mitteilung . « - DER PRIMANER : » Sollte der Dichter wegen seines Geschicks von der übrigen Welt ausgeschlossen sein , er wäre sehr zu bedauern und sein Volk könnte ihm nie etwas sein , wenn er über eine schönere Natur dessen eigentümliche Herrlichkeit vergäße . Nimmermehr ! als ich von meiner ersten Fußreise aus dem Entzücken über die nie ersehenen Berge zurückkam , da rief es doch tief in mir : die Natur ist doch überall nur schlecht gegen das göttliche Menschengeschlecht - doch wenn Ihre Exzellenz befehlen . « - » Nun , nun « , sagte der Minister , » ich will Ihre Anschauung nicht stören , ich habe darin nichts zu befehlen ; ich danke für Ihre Bemühung , das Gedicht soll besorgt werden . « - Bei diesen Worten entließ er ihn ; der arme Primaner , wie gerne wäre er geblieben , um noch die Wirkung seines Gedichts zu sehen ; die Mamsell blieb , ungeachtet sie auch entlassen war , und der Minister nahm sie und den Kammerjunker an dem Arm , mit beiden zur Fürstin zu fahren . » Ich bin kein Kenner von Gedichten , werter Freund « , sagte der Minister , » ich achte nur auf eine Stimme darüber , auf die allgemeine , wer die gewinnt , hat meine Achtung ; ob er darum gut zu nennen , liegt außer meinem Kreise , mir ist alle Poesie zu nichts gut ; doch bei der Fürstin tragen Sie dort Ihr Gedicht nach bester Geschicklichkeit vor . « - » Liebenswürdiger Barbar « , sagte die Mamsell . - MINISTER : » Ich habe keinen Grund mich zu verstellen ; nehme ich es doch auch keinem andern übel , der sich nach einem glücklichern , einfachern bestimmtern Ausdruck in Gesetzen und Anordnungen nicht mit gleichem Eifer wie ich bestrebt ; warum gäbe es wohl Dachshunde und Windhunde , wenn wir die Windhunde zum Dachsgraben uns abzurichten bemühten . « - Unter solchen Gesprächen donnerten sie in den Schloßhof hinein ; die hohen Treppen , die weiten kühlen Säle wurden gemächlich von dem Minister durchschritten ; er hatte etwas Spöttisches , wenn er die Lakaien so aufgeputzt an den Türen sah , gleichsam als wüßte er etwas mehr von der Sache , und das unterschied ihn besonders von dem Kammerjunker , dem alles noch immer den ersten Eindruck von feierlicher Beklommenheit machte . Die Mamsell fing aus Verlegenheit ein unglaubliches Schwatzen zu treiben an ; alles was sie je gesagt , drängte sich zu dieser Hauptbegebenheit , und wollte auch mit am Hofe erscheinen . Die Flügel öffneten sich , die Fürstin stand vorleuchtend in einem sehr glänzenden Kreise zweier reisenden Fürstinnen ; der Minister hatte nichts von deren Ankunft gehört , er dachte die Fürstin bloß in Gesellschaft der Ihren zu treffen . Doch ohne eine Miene zu verziehen , stellte er die Dichterin trotz ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt , der Fürstin vor , und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit , indem er die Geschichte erzählte ; es wurde mit so guter Art gelacht , daß die Mamsell ihr fürchterliches Schwatzen glücklich fortsetzen konnte . Man bewunderte ihren Verstand , und lachte ; man hörte das Gedicht , und lachte ; kurz die ältesten Hofleute wußten sich keines so lustigen Abends zu erinnern . Unterdessen hatte der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen Sehnsucht gemacht ; ein junges , sehr schönes kleines Mädchen war italienisch angezogen , er selbst wie ein Künstler alter Zeit ; er hatte Meißel und ähnliches Gerät in der Hand ; sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel , der die ganze Hauswirtschaft zu enthalten schien ; sein dabei abgesungenes Lied wird alles , was sie aufführten , näher erklären . Die Tamburinschlägerin Wie Fliegen summt herum mein Sinn Und wiegt sich leicht auf Halmen , Als wollt er sie zermalmen Und Lachen spielt mir übers Kinn . Ich tat , als zög ich fort von ihr , Den Hut beschatten Rosen , So trat ich zu der Losen Und sprach : » Ich ziehe fort von hier . Mich zieht , mich treibt , ich weiß nicht was , In allen meinen Adern ; Ich fühl ein stockend Hadern , Ha , fühlt den Puls , die Wangen blaß . Nach Welschland schweift mein feiner Sinn , Ich bin von Luft getragen , Die Wolken ziehn den Wagen , Es rollet laut mein Sinn darin . Hinab , hinab im Tränenstrom Zerfließen meine Augen , Was können sie mir taugen , Wenn sie nicht sehn das hohe Rom . « Sie sah mich an aus