bloße Betrachtung der Natur führt , folglich die bloße Idee eines höchsten Wesens und einer Fortdauer nach dem Tode , hinreichend zur Sittlichkeit und Glückseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der Cultur sey . Ich will nichts davon sagen , daß bis jetzt weder die ältere noch neuere Geschichte uns ein Beispiel eines , wenn auch noch so kleinen , Volkes aufstellt , das sich mit dieser bloßen Vernunft-Religion begnügt hätte ! Ich bitte dich blos umherzusehen , und unter den Menschen , welche sich gesittet , gebildet , gelehrt nennen , mit scharfer Prüfung diejenigen auszusondern , deren Seelen erhaben und reich genug wären , um zum Guten und Schönen keines andern Antriebes , als der heiligen Stimme in ihrer reinen Brust zu bedürfen . Wie klein wird diese Anzahl seyn ! Und kann es wohl mehr als ein schöner Traum genannt werden , wenn wir hoffen wollten , die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der Cultur zu sehen ? Würden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen noch immer dem Irrthum der Sinne , den Grübeleien , den Täuschungen der Vernunft unterworfen , dem Einfluß und der Gewalt der Elemente , der Naturwirkungen hülflos blos gestellt seyn ? Was können spitzfindige Systeme gegen die Macht des Unglücks ? Was vermag die so oft irrende Vernunft , die über die wichtigsten Punkte nichts als Vermuthungen hat , gegen die furchtbare Gewalt des nagenden Zweifels , wenn er einmal angefangen hat , die Grundfesten unserer Ruhe zu untergraben ? O Phocion ! Denke deinem Schicksale nach - meine Hand würde zittern , wenn ich jene alten , vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berühren sollte - denke deinem Schicksale nach , und wenn du wünschest , daß das Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange , so erinnere dich jener Stunden , in welchen die Hand des Geschicks schwer auf deinem Herzen lag , dies Herz durch keine Vernunftgründe sich vor stechenden Zweifeln schützen konnte , und alle Systeme der Philosophen , die dein vielgebildeter Geist sich gegenwärtig hielt , nicht hinreichen , dir Beruhigung zu verschaffen , weil eben dein hoher Geist ihre Lücken und Blößen schmerzlich in diesem Augenblick erkannte . Nein , Phocion , es ist nicht möglich ! Diesem vielgestaltigen , jeder Täuschung unterworfenen , jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere Ruhe , unser Glück nicht allein anvertraut haben . Denke an die erst genannten Secten , deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben , und Alles , was vergangne Alter mit Mühe ersannen und für wahr hielten , Lügen zu strafen scheint ; denke an die Versammlungen des Senats , an jede noch so kleine Verbindung mehrerer Menschen , wo jeder mit gleich starken Gründen den Satz vertheidigt , der ihm wahr und ausgemacht ist , und jeder sich rühmt , die Vernunft auf seiner Seite zu haben ! Sollte es wirklich diese vielgetäuschte und vieltäuschende Erkenntniß seyn , in der wir Alles suchen und finden müssen , was wir zu unserer Beruhigung so nothwendig bedürfen ? O nein , Phocion , es muß etwas Anderes sein , Etwas , das in allen Menschen gleich ist , das in dem wilden Gothen , wie in dem weichlichen Bewohner Asiens , in einem Caligula , wie in einem Sokrates liegt , und nur durch Clima , Erziehung und Gewohnheit gestimmt , sich stärker oder schwächer äußert - das Gemüth , das , was wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz , den Sitz aller Empfindung , alles Willens , des innersten Lebens nennen ! Hierin sind alle Sterblichen gleich . Alle fliehen sie den Schmerz , Alle suchen sie die Lust , sie mögen sie nun setzen , in was sie wollen ; Alle streben glücklich , ruhig zu seyn , wie das Wasser aus jeder Störung durch jedes Hinderniß nach seiner horizontalen Lage strebt - Alle hassen , Alle lieben auf gleiche Art , nur verborgener oder offenbarer , stärker oder schwächer , je nachdem Sitte oder Wildheit , Unschuld oder Verstellung ihrem Gefühl Schranken auferlegt , und in das Herz , in das Gemüth des Menschen hat der Schöpfer die Religion gelegt . Mit dem Gemüthe sollen wir ihn suchen , und mit festem Glauben ergreifen , wenn er sich uns durch sinnliche und übersinnliche Wege offenbart . Die Vernunft soll nur dazu dienen , das , was jene geheimen Stimmen sagten , durch ihre kalten Erfahrungen zu bestätigen . So ist unser Glaube an Unsterblichkeit , an einen allweisen Schöpfer des Ganzen , an seine nie schlummernde Vatersorge , an eine künftige Vergeltung , an eine allgemeine Brüderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht blos Resultat grübelnder Untersuchungen und kalter Schlüsse ; es ist ein lebendiger Glaube , eine feste Ueberzeugung , die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann , denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen geflossen , und in dem Ewigen und Heiligen unserer Brust niedergelegt . Wenn jetzt der Frühling dem Christen in der rings erwachenden Natur das wiederkehrende Leben zeigt , wie Alles neu entsteht , und vom Winterschlafe sich fröhlich losringt , dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit , nur überall den Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen , er feiert keine Nachtfeier der Venus1 mit üppigen Gesängen und Tänzen . Ihm ersteht die todte Natur in neues Leben , ihm keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe , ihm erhebt sie sich in der Person seines göttlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der umschließenden Felsengruft . So belebt jeder kommende Frühling mit neuer Kraft die hohe Zuversicht in seiner Brust , und durch sinnliche Wahrnehmungen und vernünftige Schlüsse wird der Glaube in ihm fest und unerschütterlich . Ich könnte dir in unsern übrigen Glaubenssätzen , in unsern Offenbarungen noch mehr Beispiele dieser Art liefern , wenn eine solche Auseinandersetzung nicht für einen Brief zu weitläufig würde . Kann es mir auch nicht gelingen , dich ganz zu überzeugen , so wünsche ich doch , dir meine Handlungsweise und die Gründe , die mich dazu bewegen , in einem solchen Lichte zu zeigen , daß du bekennen müßtest , mein Ziel sey würdig des Strebens , und daß deine Freundschaft , wenn ich vielleicht unter diesen Bestrebungen erliegen sollte , mir einst das Zeugniß gebe : sein Wille war gut . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Die Nachtfeier der Venus des Catull wird nach Bürgers Uebersetzung wohl den Meisten bekannt seyn . 95. Valeria an Theophanien . Byzanz , im October 304 . Man hat mich von deiner Seite gerissen , von dem einzigen Herzen , das auf dieser Welt noch für mich empfindet , um mich in die Arme meines Vaters zu führen , den ich nie gesehen , und seit ich denken kann , nur aus den Wirkungen seiner Macht , und den Eingriffen in meine Wünsche kennen gelernt habe . Ich schreibe dir in einem Augenblick der höchsten Bewegung . Der Kaiser ist von seinem langen Aufenthalte in Salona , wo sich seine Kräfte nur wenig erholt haben , endlich gestern nach einer langsamen Reise hier angekommen . Mich hat man , um ihn hier zu erwarten , von dem Orte weggeschleppt , wo sich Alles befindet , was über und unter der Erde noch Werth für mich hat . Morgen soll ich ihm vorgestellt werden . Ein ängstliches Gemisch streitender Empfindungen wühlt in meiner Brust . Ach , darf ich es dir gestehen , daß Abneigung und Furcht am hellsten aus dem verworrenen Haufen hervortreten ? Warum hat man mich nicht in der glücklichen Dunkelheit gelassen , in der ich lebte ! Heimathliche Insel ! Ihr frischgrünenden Fluren , ihr hallenden Bäche , ihr duftigen Nebelgestalten ! Warum hat man mich von Euch getrennt ? Ach dort , wo es so trüb war , war ich so glücklich ! Was soll mir die Pracht der Kaisertochter , was der blendende Glanz des Mittags ? Dorthin will ich , dorthin , wo der düstre Himmel über unermeßlichen Waldungen schwebt , wo eine lichte Gestalt einst diese trübe Natur zum Paradies um mich her verklärte , in das einfache Haus , das seine Gegenwart zum Tempel weihte , dorthin , wo ich geliebt ward , und wieder unendlich liebte , wo meine Seele an seinen Lippen hing , mein Geist , dem Körper entflohen , nur in seinen Gedanken und Gefühlen sich empfand ! Oder laßt mich an dem waldigen Hügel bleiben , wo er unter grünem Nasen schläft ! Da ist jetzt mein Vaterland , und sonst auf der weiten Erde keine Heimath mehr für mich . Ach , Theophania , ich war einst sehr glücklich ! Kein Mensch kann sich einen Begriff von jener stillen Seligkeit machen . Alles in mir war Harmonie , Friede , Genuß . Du verstehst mich , im Arm deines Agathokles fühlst du mir nach , was ich nicht zu erklären vermag - fühlst es mir doch nicht nach - denn Agathokles war nicht dein Lehrer . Alles , was du bist , ist nicht sein Werk - nicht sein Mund enthüllte dir die Geheimnisse der Seligkeit , nicht sein Geist schloß die Welt und den Himmel vor dir auf ! Und nun ! - - Leb ' wohl , Theophania ! Ich habe nach diesem Nun nichts mehr hinzuzusetzen , denn ich habe nichts mehr zu denken , zu hoffen . Mein Leben , mein ganzes Wesen hat mit ihm aufgehört . Zwei Tage später . Die gefürchtete Stunde ist vorüber , und ich athme freier . O Natur und Religion ! Welche Macht der Erde gleicht eurer siegenden Gewalt ! Vater ! Verzeih ihnen , denn sie wissen nicht , was sie thun ! Einst , als ich an Florianus Seite sitzend aus seinem Munde die Erzählung des Versöhnungstodes vernahm , als sein strahlendes Auge Flammen in meiner Seele entzündete , seine stolze Haltung mich unwillkührlich emporzog , er nun mit einer Stimme der edelsten Begeisterung diese Worte des sterbenden Gottmenschen aussprach , und sein ganzes Wesen so deutlich sagte : Auch ich kann so verzeihen - ach , da sprang ich bebend vor Liebe und Andacht auf , und wollte an seine Brust sinken ; aber ein scheues Gefühl hielt mich zurück , ich ergriff seine Hand und drückte sie an meine Lippen , an mein Herz . Er verstand mich - o welch ' ein Augenblick war dies ! Vorgestern Abends rang ich im heißen Gebet um Kraft zu der bevorstehenden Prüfung , um Geduld und ein kindliches Herz . Müde und weinend schlief ich endlich sehr spät gegen den Morgen ein . Ein lieblicher Traum kam , meine nassen Augen zu trocknen . Ich sah ihn - so hell , so lebendig , wie ich ihn noch nie in meinen Träumen , in denen sein Bild so oft erscheint , gesehen hatte . Ein seltsames Gefühl bewegte mich . Das Bewußtseyn , daß er todt war , und die Ueberzeugung , ihn dennoch vor mir zu sehen , ein geheimes Grauen , und eine unaussprechlich wehmüthige Freude ergriffen wechselweise mein Herz . Ich eilte in seine Arme , und bebte vor dem Gedanken , nur ein Schattenbild zu umarmen . Aber es war kein Schatten , er war es wirklich . Er schloß mich an seine Brust , ich fühlte das Klopfen seines Herzens . Da erhob er die Linke feierlich , und sagte mit seiner schönen Stimme , deren Klang so tief in meiner Seele liegt : Vater ! Verzeih ihnen , denn sie wissen nicht , was sie thun . Da blickte ich ihn an und sah sein Gesicht in hoher Verklärung strahlen , allmählig wurde es zu lauter Schimmer - ich wollte , von Grauen und Seligkeit überwältigt , vor ihm niedersinken , und erwachte . Noch lange bebte in meiner wunderbar bewegten Brust der Eindruck des Traumgesichtes nach , und meine Thränen floßen heftig und schmerzlich um den entrissenen Freund , bis mir plötzlich die Bestimmung des kommenden Tages einfiel , und der furchtbare Mann , der mein Vater hieß , und Alles , was ich durch ihn gelitten hatte , was ich noch leiden würde . Da erklang Florianus Stimme wieder in meinem Innersten : Vater ! Verzeih ihnen , denn sie wissen nicht , was sie thun . Auf ein Mal fiel es mir wie ein Schleier von den Augen , auf ein Mal war ich wie verwandelt . Ich konnte verzeihen , ich konnte entschuldigen , ich fühlte , daß ich sogar würde lieben können , wo ich bis jetzt nur gezittert hatte . Der Kaiser kannte ja mein stilles Verhältniß nicht , als er mich aus Britannien wegführen ließ , er hat es gut mit mir gemeint , mich nach seinem Begriffe glücklich machen wollen . Ach , es gibt so wenig Menschen , die glücklich zu machen verstehen , so wenig , die es über sich gewinnen können , jene , die sie lieben , nach ihrer Weise froh werden zu lassen ! Der Mensch nimmt so gern seine Wünsche zum Maaßstab für die übrige Welt - und wie klein , wie unbedeutend müßte dem Augustus , selbst , wenn er sie gekannt hätte , die Liebesangelegenheit eines jungen Mädchens vorkommen , ihm , der das Wohl und Weh der ganzen Welt in seinem Herzen trägt ! So dachte ich , oder vielmehr , so entwickelte der Engel , der mir auf Erden in einer theuern Gestalt erschienen war , der jetzt im Traum vor mir gestanden , und die bedeutenden Worte gesprochen hatte , die Gedankenreihe in meiner Seele . Ja , Theophania ! Es war mein Schutzgeist ! Um mich den Weg des Heils zu leiten , nahm er einst die schöne Bildung meines Freundes an , und ist jetzt wieder in den Himmel zurückgekehrt , wo ich ihn finden werde , wenn ich seiner würdig bleibe . O Theophania ! Laß mir den süßen Glauben - er hält mich aufrecht ! Mir ward leichter um ' s Herz , nachdem jene Ideen und Empfindungen in mir klar geworden waren . Mit ergebener Fassung , ja sogar mit einer Art von angenehmer Erwartung , den zu sehen , an den mich so heilige Bande knüpften , ließ ich mich mit all ' dem Geschmeide belasten , das mein Vater mir gesandt hatte , und folgte meinem Führer in den Palast . In der Einsamkeit und Einfachheit meiner Kindheit , fern von Allem , was mir richtige Begriffe von dem Leben und Wesen der Großen dieser Erde hätte geben können , standen ihre Bilder , wenn ich sie mir dachte , in beinahe übermenschlicher Hoheit und Glanz vor mir . Als späterhin mein Schicksal von dem Ersten unter ihnen so unsanft berührt , und in den wilden Wirbel der Welt gezogen worden war , da gesellte sich ein Schein von Furchtbarkeit zu jenen riesenhaften Gestalten , und die Herren der Erde erschienen mir mit den Zügen unerbittlicher , strenger Richter . O meine Liebe ! Wie so ganz verschieden fand ich die Wahrheit von diesen Bildern meiner Phantasie ! In einem Lehnstuhl saß oder lag vielmehr ein kranker abgezehrter Greis , dessen Blick und Haltung eher Alles , als den Gebieter von Myriaden verkündigte . Freilich umhüllte ein Purpurgewand diese zitternden Glieder , aber es schien mit seiner Pracht und jugendlichen Farbe nur dieses Alters , dieser Hinfälligkeit zu spotten . Ist das der Herr der Erde ? dachte ich . O Vorsicht ! Was sind die Könige vor deinem Thron ! Mich bewegte eine seltsame Empfindung , sie war nicht mehr Furcht , sie war dem Mitleid verwandt , und so trat ich ein paar Schritte näher . Da streckte er mir die Hand entgegen , und richtete sich , von Zweien seines Gefolges unterstützt , mühsam auf . Komm , mein Kind ! sagte er : komm näher , daß ich dich recht ansehe . Der leise gütige Ton der väterlichen Stimme , die ich jetzt zum ersten Mal hörte , überwältigte jeden Rest von Scheu , ich eilte hinzu , sank vor ihm nieder , und drückte die zitternde Vaterhand fest an meine Lippen , an mein Herz . Ich war zu bewegt , um zu sprechen , und auch mein Vater schien erschüttert . Bald aber faßte er sich wieder , hieß mich aufstehen , und betrachtete mich genau , indem er meine Züge mit einem Bilde verglich , das ihm ein sehr schöner junger Mann , dessen Gesicht ganz allein unter allen , die ich hier sah , einen freundlichen Eindruck auf mich machte , von einem Tische herüber gelangt hatte . Ach , es war wahrscheinlich das Bild meiner nie gekannten Mutter ! Der Gedanke ergriff mich sehr , und ich fing an zu weinen . Da winkte mir einer der glänzenden Herren , und ich verstand , daß ich mich bezwingen sollte , weil allzugroße Rührung dem Kranken schädlich seyn konnte . Ich mußte also im ersten Augenblick der Ergießung mein volles Herz verschließen , und meine Thränen verschlingen . Ach , da offenbarte sich der Fluch , der auf Macht und Hoheit liegt , an mir . Ich begann , in meine alten Gedanken zurückzusinken , als mein Vater das Bild bei Seite legte , und mich sehr liebreich über allerlei Umstände meines früheren Lebens befragte , auch mit einer Schonung , für die ich ihm ewig danken werde , Alles vermied , was mich an mein größtes Unglück erinnern konnte . Endlich stellte er mir mit einem bedeutenden aber nicht strengen Blick , den schönen jungen Mann , als meinen Landsmann - Constantin vor . Ach , ich hatte es dunkel geahnet , als ich ihn sah , ich hatte wenigstens gewünscht , ihn so zu finden . Nun ward mir viel leichter . Ich hatte nebst meinem theuern Vater noch ein Herz in dieser freudenlosen Welt gefunden , das Theil an mir nahm , mich verstand , und über das , was mir allein wichtig ist , gleich mit mir dachte . So endigte der erste Besuch viel besser , als ich gehofft hatte ; ich soll nun , so gebeut es mein Vater , ihn täglich besuchen , so lange er in Byzanz bleibt , dann mit ihm nach Nikomedien gehen , und ihn nie wieder verlassen . Leb ' wohl , Theophania ! Ich muß mich bereiten , am Hofe zu erscheinen . Einer Kaisertochter wird es nicht so gut , wie der Tochter des gemeinsten Handwerkers , daß sie ihrem Vater unvorbereitet , und mit ihrem alltäglichen Anzuge , an die Brust fliegen könnte . 96. Constantin an Agathokles . Nikomedien , im März 305 . Nach einer sehr langsamen , und sehr unangenehmen Reise bin ich endlich vor einigen Wochen mit dem Augustus hier eingetroffen . Sein Zustand ist bedenklich , obwohl für den jetzigen Augenblick ohne Gefahr . Die Aerzte oder vielmehr sein Leibarzt , der durch sie spricht , derselbe , den ihm Galerius überlassen hat , erklären , daß nur Entfernung von allen Geschäften , wenigstens auf einige Zeit , nur vollkommene Ruhe seine ganz zerrüttete Gesundheit wieder herstellen kann . Ob sie in der Tiefe ihrer Kunst , oder in der Politik des Galerius diese Kunde geschöpft haben , entscheide ich nicht . Dieser , der uns von Syrmium auf dem Fuße hierher gefolgt ist , um keinen Augenblick zu versäumen , und überall selbst gegenwärtig zu seyn , steigert seinen Ton und sein Betragen an Bestimmtheit und Hoheit mit jeder schlimmen Nachricht von des Augustus Befinden , und zwischen den Höfen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununterbrochener Briefwechsel . Nicht umsonst wird Salona , wie ich mich selbst überzeugt habe , mit kaiserlicher Pracht erbaut und eingerichtet . Es ist ein äußerst lieblicher Aufenthalt , reizend zwischen sanften Hügeln und dem Meer , in der schönsten Gegend von Dalmatien gelegen . Diocletian schien mit auffallender Vorliebe und allem Eifer , den ihm seine Schwachheit übrig ließ , die Vollendung dieses Baues zu betreiben , der so ganz das Gepräge einer stillen Freistatt nach den Stürmen und Mühseligkeiten eines thatenvollen Lebens trägt . Ich sehe im Geiste Alles vor , es ist , als ob eine geheime Stimme mir es zuflisterte . Freiwillig oder halbgezwungen , aus Philosophie , oder um das untergehende Gestirn dem bösen Einfluß des gewaltsam empordringenden zu entziehen , wird Diocletian die Zügel der Regierung niederlegen , Galerius - Augustus heißen , und wie Diocletian , Herr der Welt seyn wollen . Auch spricht man am Hofe und in der Stadt zu viel , zu allgemein , zu laut von dieser wahrscheinlichen Zukunft , als daß dies Gerücht blos der aufgetriebene Schaum des Müßigganges und der Langeweile seyn sollte , die schon so manches Gerede erzeugt haben . Heimliche Boten sind ausgesendet , um im Gespräch gleichsam zufällig die Nachricht zu verbreiten , und die Welt auf das seltsam wichtige Schauspiel vorzubereiten . Man erwartet das jüngst kaum Geglaubte , das halb Unmögliche , fast schon als gewiß . Der Ehrgeiz , die Ruhmsucht , der Eigennutz in seinen innersten Tiefen durch neue Hoffnungen , Besorgnisse und Aussichten geweckt , kommt in gährende Bewegung , die Neugierde zermartert sich in Vermuthungen und Erwartungen , und der müßige Pöbel des Hofes und der Stadt sieht mit gespannter Aufmerksamkeit dem großen Ereigniß , wie einem interessanten Schauspiel , entgegen , von dem er sich Zerstreuung und Zeitkürzung erwartet . So stehen die Sachen hier . Seit dem diese Gerüchte anfangen laut zu werden , und vom Hofe aus ihnen Niemand widerspricht , handelt und befiehlt Galerius als Einer , der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird . Er möchte sich doch verrechnet haben . Der Titel eines morgenländischen Augustus enthält noch nicht den Titel des Herrschers der Welt , nicht jeder Augustus ist ein Diocletian , und gerechte Ansprüche zu sichern , und von ihnen geleitet und geschützt so weit zu gehen , als Sterblichen möglich ist , ist der hohe Beruf , den die Natur in manche Seelen legte , und den zu überhören , sie eben so unwürdig als unmöglich dünken würde . Was mein Vater für mich im Stillen bereitet hat , was mir aus jenen Gegenden droht , und was ich dort durch seine und deine rastlose Sorge und Anstrengungen zu hoffen habe , habe ich theils durch deine geheimen Briefe , die mir der treue Vipsanius aus Laureacum brachte , theils durch die mündlichen Nachrichten erfahren , die mir die edle Valeria , als das letzte Vermächtniß ihres und meines sterbenden Freundes , mitgetheilt hat . Ich habe sie in Byzanz gesehen , und auf den ersten Blick die Landsmännin in ihr erkannt . Solche schlanke weiße Gestalten , so gelbes Haar , so dunkelblaue Augen erzeugt nur Britanniens lieblich düsterer Himmel . Sie ist sehr unglücklich . Eine ihrer ersten Bitten an mich , dem sie als einem Bruder sich mit schöner Zuversicht offen nahte , war , wenn sie stürbe , ihre Ueberreste nach Laureacum zu senden , und sie an unsers verehrten Lehrers Seite begraben zu lassen . Sie scheint nur Raum für diesen Gedanken zu haben , und in ihm allen Trost zu finden , dessen ihre Lage fähig ist . Schmerzlich hatte ihr Anblick , ihr Gespräch jene alten Wunden wieder in mir erneuert , ihr Umgang mich weich und wehmüthig gestimmt , und ich fand es bald nöthig , meine Einbildungskraft mit Gewalt von diesen Bildern abzuziehen , deren lähmende Wirkung ich mit Verdruß in meiner Empfindungs-und Handlungsweise empfand . Die hiesigen Angelegenheiten boten mir bald würdige Gegenstände , und Valeria , die ich übrigens so sehr achte , als es ihre Vorzüge und ihr Unglück verdienen , wird mich , wie ich hoffe , nicht verkennen , und nicht glauben , daß das Andenken unsers verklärten Freundes darum in meiner Seele schwächer fortlebt , weil ich selten und mit mehr Ruhe , als sie vermag , von ihm spreche . So wie es scheint , haben ihr wirklich großer Reiz und ihre sanften Tugenden das Herz ihres Vaters ganz gewonnen ; man sagt , er denke sie in seine Einsamkeit mit zu nehmen , und habe sie deßwegen schon vor einem halben Jahre zu sich kommen lassen , und als seine Tochter anerkannt . Ein neuer Beweis , daß der Plan , dem Throne zu entsagen , schon lange in seiner Seele gelegen , und er Alles geheim und langsam dazu vorbereitet hat . So handelt der kluge , der vorsichtige Mann , und gibt uns ein nachahmungswürdiges Beispiel . Auch wir sollen langsam und geheim bereiten , was der entscheidende Augenblick plötzlich in seiner ganzen Größe und Vollendung der erstaunten Welt enthüllen muß . Hindernisse spornen den Eifer , und wichtige Gegner lehren uns unsre Blicke schärfen , und alle Kräfte anstrengen , in deren lebendiger Thätigkeit dem rüstigen starken Mann erst recht wohl wird . Galerius ist auch thätig , ich weiß es wohl , aber jeder Augenblick wird zeigen , wer sichere , und bessere Maaßregeln genommen hat . Sende mir das nächste Mal Nachricht , wie es mit den Legionen steht , die mein Vater in Britannien bei sich hat . In Gallien sind mehrere Legionen , theils Römer , theils Eingeborne zerstreut , auf deren Treue ziemlich sicher zu zählen ist , und die sich , wenn es nöthig ist , leicht versammeln lassen . Es muß auf Alles gedacht , nichts dem Zufalle überlassen , und auf den schlimmsten Fall uns ein würdiger Rückzug gedeckt seyn , der keiner Flucht gleiche , und uns nur die Muße verschaffe , mit erneuerter Kraft einst wieder hervorzutreten . Auch in Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht . Unter Maximians Augen in seinen Provinzen wird , ohne daß er es ahnet , an dem Plane gearbeitet , dessen Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll . Der römische Senat hat längst aufgehört zu seyn , in dem Sinne , in welchem ihn einst die versammelten Vater und der staunende Erdkreis kannten . Warum sollen wir aus altem Wahn , oder unzeitiger Schonung eine Form behalten , die längst nichts mehr als eine leere Hülle ist , aus der der Geist entfloh ? Der römische Staat ist reif zur Wiedergeburt ; so werde er wiedergeboren , und eine neue Aera1 beginne für die erneuerte Welt . Vor allen Dingen ist es nöthig , um jede Wurzel des Alten zu vertilgen , daß der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme . Dein Vorschlag wegen Byzanz scheint mir sehr klug und ausführbar . Ich habe an Ort und Stelle Alles überlegt und bedacht , was du mir früher schriebst . Wie gar kein anderer Punkt in der Welt eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen , hier , wo zwei Erdtheile einander berühren , und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten eröffnet . Aber - Eine Hauptstadt - Ein Reich - Ein Herrscher - Ein Gott ! Ganz neu muß Alles werden , und von dem Alten auch keine Spur mehr übrig bleiben , die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel für Widerspenstige dienen könne . Erstaunt und betäubt sollen sie sich zuerst in der neuen Schöpfung umsehen , und dann , bis sie sich erholt haben , wird die neue Ordnung ihnen nicht mehr fremd seyn . Nur so kann man hoffen , den Keim alles alten Unglücks , das Schwankende der Verfassung , und die tausend Mißverhältnisse einer getheilten Gewalt zu heben . Wenn dann die alte Regierungsform mit kühner Hand zerschlagen ist , folgen ihr die zertrümmerten Götzenbilder und Altäre , und ein neuer würdiger Cultus erhebe sich über der gereinigten Erde . So steht das Bild vor mir , groß , erhaben , und alle Kräfte aufzubieten , die mir zu Gebote stehen , ist mir nicht allein Freude , ist , wie ich glaube , Pflicht , vom Schöpfer mir auferlegt , der mit diesen Kräften mir auch den Beruf zu diesem Werke gab . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Zeitrechnung . 97. Tiridates an Constantin . Amida , im März 305 . Die wichtigen Ereignisse , die sich bei Euch in Nikomedien zubereiten , und die noch wichtigeren Folgen , die daraus entspringen können , haben mich bestimmt , nach Bithynien zu gehen , wo ich in ungefähr acht Tagen einzutreffen hoffe . Die Gunst und die Macht des Cäsar Galerius hat bisher meine Rechte unterstützt und aufrecht erhalten ; es kann seyn , daß der künftige Augustus dieselben Gesinnungen beibehält , aber es kann auch seyn , daß Politik oder Laune ihn umstimmen , und so glaube ich , daß es auf jeden Fall gut ist , bei der wichtigen Catastrophe gegenwärtig zu seyn . Dir , mein Constantin , brauche ich die unbestreitbaren Ansprüche eines eingebornen Fürsten auf den Thron seiner Voreltern nicht an ' s Herz zu legen . Nicht blos deine Gesinnungen gegen mich , auch deine Denkart im Allgemeinen bürgt mir dafür , daß du sie jederzeit ehren und anerkennen wirst ; und so kann ich auch , ohne den Vorwurf der Heuchelei zu verdienen , dich versichern , daß ich es für eine sehr günstige Wendung des Schicksals ansehen würde , wenn es dich bei den bevorstehenden Veränderungen an einen Platz stellen möchte , auf dem dein gerechter Sinn , deine Klugheit und Kraft , die Macht des römischen Staates aufrecht erhalten , und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre fortsetzen kann . Meine Calpurnia war sehr vergnügt , als ich ihr meinen Entschluß mittheilte . Die Aussicht , ihren Vater , ihren Bruder , so viel werthe Freunde wieder zu sehen , erfüllte sie mit so reger Munterkeit und Thätigkeit , daß sie selbst unter ihren Augen alle Anstalten zur Abreise treffen ließ . Wir sind in Amida , wie du aus der Ueberschrift des Briefs gesehen hast , und folglich an