können . Es kränkt mich sehr , daß wegen meiner Krankheit Flametten ihre Komödie verdorben ist , sie ist schon zweimal bei mir gewesen - um zu sehen , ob ich bald gesund sei - und um mich zu erlustigen , sagte sie mir Stücke aus ihrer Rolle her . - Das Spiel heißt » Vertumnus und Pomona « , und die Erfindung ist recht artig , - Flametta gefällt sich sehr als spröde Pomona . - Um ihren Garten , der mit hohen Zäunen umgeben ist , liegen zweihundert Zwerge , zwölf Riesen , fünfunddreißig Satyren , zwei Dutzend Faunen , dann noch Pan und Priap und Hanswurst . Alle diese zusammen halten ein großes Geschrei , machen ihr die Kur , und werben um sie , oder prügeln sich untereinander ; Hanswurst ist des Vertumnus Nebenbuhler , beide können sich verwandeln , und können allein in den Garten kommen . » Das Theater « , sagte Flametta , » wird mein Garten sein , der ringsum mit hohen Hecken umgeben ist , und ich habe immer alle Hände voll zu tun , die Freier abzuwehren ; bald stehe ich mit einem Äpfelhaken da , und schneide den Riesen die Nase ab , wenn sie herübergucken , und wenn die Zwerge unten durchkriechen , treten sie in Fuchsfallen , da nehme ich sie dann , stecke sie in die Erde , inokuliere ihnen Äpfel und Birnen , und sie wachsen wie Zwergobst . - Sehn Sie , « sagte Flametta , » so lautet meine erste Szene . - Und was ich treibe , was ich tue , Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe , Meine Schönheit ist so weit bekannt , Daß die ganze Welt in mich entbrannt . Aus dem Tale und über die Berge , Kommen Riesen , Satyren und Zwerge , Viele hundert Waldteufel und Faunen - Es ist ordentlich zu erstaunen , Wo sich die Leute her beschreiben , Zu Haus können sie sich doch nicht gleich auftreiben . Ich kann kaum den Himmel mehr sehn , So muß ich täglich den Zaun erhöhn - Daß mich die plumpen Riesen Nicht gar zu Tode niesen , Wenn sie mit ihren großen Perucken Über den Zaun herübergucken . - An der Türe ist ein ewiges Klopfen , Und ich kann nicht genug Löcher zustopfen , Daß nicht die Zwerge hereinschlüpfen , Die draus wie Frösche herumhüpfen . - Von den vielen Seufzern wird die Luft verderben , Und meine Bäume wollen schon absterben ; Ich mag noch so viel faule Äpfel hinausschleudern , Das hilft nichts bei den mancherlei Bärnhäutern . « Das hatte sie recht lustig deklamiert , und ihr lautes Sprechen hatte einige von den Mennoniten ans Fenster gelockt . » Sie sehen , « sagte sie , » da sind die bärtigen Waldmänner wieder « , da warf sie einige Äpfel auf die Zuschauer , und lief mit den Worten fort : » Nun werden Sie nur gesund , - ich halte es nicht länger bei kranken Leuten aus . « Godwi besuchte mich heute abend , er hatte selbst weiter geschrieben , und las mir vor , wie folgt . - Vierunddreißigstes Kapitel Alles , was Violette gegen mich geäußert hatte , war sich so ungleich , und wendete so schnell zwischen Heftigkeit und Geschämigkeit ; was sie von ihren Eltern erzählt hatte , war so wenig die Rede eines ganz unschuldigen Mädchens , ihr ganzes Betragen ergriff mich so schnell , und stieß mich so leicht wieder zurück , daß ich in einer wechselnden Bewegung während ihren Worten bald Mitleid , bald Unwillen empfand . In jedem Falle mußte ihre Mutter ein höchst wunderbares Weib sein , und ohne allen Charakter , das Mädchen hätte sonst nimmer so schwankend sein können , und ich entschloß mich fest , diesen Ort schnell wieder zu verlassen ; aber es gelang mir nicht . Ich entschloß mich schon in einzelnen Augenblicken meines Gesprächs mit Violetten dazu , denn ich befand mich in einem widrigen Streite von Lust und Schonung . Sie webte ihre Tränen , ihre Naivetät und ihre frevelhaften Reden über ihre Mutter so verwirrt durcheinander , und in ihrem Betragen dabei erschien die Lüsternheit und Heftigkeit so durch Blödigkeit und Unerfahrenheit gestört , daß mir es sehr abgeschmackt zu Mute war . Ich konnte sie nicht bedauren , und nicht liebenswürdig finden , und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine ganze Lage , daß ich wünschte , das Mädchen wäre nicht so , und ergäbe sich ohne Prätension ihrer und meiner Freude . Ich hätte mich gerne bemühet , ihre Verwirrtheit für sie und mich zu lösen , aber ich fürchtete mich vor irgend einem Hinterhalt , der mir hier gelegt sein und mich zu einer Verbindung zwingen könnte , die mich ewig zum Sklaven um eine kurze Freude gekauft hätte . Ich verhielt mich während ihren Äußerungen ganz leidend , und eben dadurch schien sie mir einigemal wahr zu werden : die Verse , die sie von dem Totenliede : » Es ist ein Schnitter , der heißt Tod « , sang , sang sie nicht ohne Rührung , und ihr Übergang auf das Lied : » Es ist ein Sämann , der heißt Liebe « , war er vielleicht auch nicht ganz ohne Vorsatz , war doch sehr artig . - Was sie von ihrem Streit in der Beichte erzählte , war der Punkt , der mich eigentlich zuerst aufmerksam machte : ein unschuldiges Mädchen kann nicht von der Beichte reden , und ein Mädchen von funfzehn Jahren streitet nicht mehr so kindisch mit ihrem Gemüt , oder sie müßte in der reinsten Umgebung gelebt haben . Alle diese Betrachtungen begleiteten mich , und verdarben mir sogar ihre Küsse , indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu recht herzlich und mit Bewußtsein küßte . In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter , die ich mit einigem Unwillen behandelte , aber sie war nichts weniger als so verwirrt und widersprechend wie das Mädchen . Ich fand in ihr ein leichtsinniges und fröhliches Weib , mit einer Freiheit ohne Grenzen , die doch nicht ins Gemeine fiel . Sie hatte gar keine Absicht als zu leben , und lachte alle meinen Unmut hinweg , dabei nahm sie in ihrem Raisonnement so tollkühne Flüge , daß es eine Lust war , sie anzuhören . Das Mädchen hatte sie aus reinem Mutwillen herübergeschickt , und da ich ihr vorstellte , wie ihr Kind zu Grunde gehen würde , machte sie die Einwendung , daß das Mädchen so sinnlich sei , daß sie sich an der ganzen schönen Welt festhalten werde ; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu Grunde , und wenn Violette nur einmal aus den Schwärmereien komme , so werde sie recht glücklich werden . Sie äußerte dabei ganz wunderbare Ideen über Religion , und verlor sich in einen Strom von Phantasien , daß sie mich wirklich ergötzte . Violette , behauptete sie , sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst , und was das Mädchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe , sei alles eine Folge davon , daß sie nicht recht beten könne . So bisarr mir alles das schien , so behauptete sie es doch mit einer trotzigen Lustigkeit , und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert . Ich will ihre Äußerungen so getreu hierherschreiben , als ich mich ihrer entsinne , denn mich mit der Gräfin selbst redend einzuführen , wage ich nicht gern , da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht ausweichen könnte , und doch in die Gefahr kommen dürfte , nicht verstanden zu werden , oder mich der Beschuldigung auszusetzen , als suche ich meine Schwachheit zu entschuldigen , indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein bloß mutwilliges schwärmendes hinstellte . - Es schien allerdings , daß sie einstens in einer ähnlichen Verwirrung wie Violette gewesen sei , und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach , wenn sie sich über diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte . Sie war im strengsten Katholizismus erzogen , und Violetten hatte der verstorbene Graf ebenso erziehen lassen . Sie führte ihre eigne jetzige Lebensart , ihre Fröhlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung , auf ihre Religion zurück , denn sie sagte , diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem gegeben , und der einzige Mißgriff in ihrem Raisonnement war der , daß sie sich in der Religion voraussetzte , da sie doch die Religion in sich annehmen mußte , wenn sie je welche wollte gehabt haben . Es ist mir leid , daß ich alles das nicht so scherzend und so lustig ernsthaft sagen kann , denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute , überraschte mich plötzlich mit einem Kusse , wenn ich Einrede tun wollte , und war ich darum unwillig , so fuhr sie so pathetisch fort zu predigen , bis ich lachen mußte , und war dabei so beweglich , daß sie bald aufsprang , ihre Bilder selbst vorzustellen , bald sich so schnell wieder niedersetzte , daß sie mir einigemal etwas unsanft begegnete , dann bat sie mich sehr zärtlich und kindisch um Verzeihung , und das alles war so rasch und bunt hintereinander , daß ich ein freudiges , reizendes , freies Weib sein müßte , und mir gegenüber ein junger mehr ungeduldiger , als gesetzter Mann , wenn ich es so hinstellen sollte , wie sie es tat . - Sie behauptete : Der sinnliche Mensch werde erbärmlich , wenn er , wie man es nimmt , tugendhaft würde , denn er übe dann Tugenden , die von seinem ganzen Leben verachtet würden . Er müsse sich zwingen , und werde eben dadurch lasterhaft , denn er gäbe , um zu leben , endlich die Tugend hin , und schweife , um sich zu trösten , nach Prinzipien aus . Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit , das Gebet ihre Äußerung . Andacht sei es , wenn man nicht mehr als Mensch bete , wenn man als Weib oder Mann bete ; doch könne der Mann es nie zur Andacht bringen , weil das Menschliche das Männliche bei ihm überwiege . Der schlechteste Moment im Leben sei , wo weder Jungfrau noch Jüngling recht wisse , woran sie seien , und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen sich erhebe ; in diesem stehe Violette . In der Religion sei es ebenso , es komme den Menschen heutzutage eine boshafte Lust an , sich ihrer selbst zu bemächtigen , um sich zu befreien , aber nur der sei ein Sklave , der sich selbst besitze , nur im allgemeinen wäre Freiheit , und in der Person die höchste Tyrannei . In diesem schlechten Momente höre der Mensch auf zu glauben und meine , Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres Glauben , das einen erst mit einer kleinen Reihe von Schlüssen hinhalte , ehe es einen glauben lasse , denn endlich müsse man doch glauben , was man wisse . Das allererbärmlichste Aberwissen sei , die unbefleckte Empfängnis für einen Aberglauben zu halten ; wer denn irgend eine Empfängnis wisse ? und dieses sei grade der Punkt , wo der Mensch recht überführt werde , daß alle Seligkeit nur Glauben ist , und kein Bewußtsein , und nur der sei ein Ketzer und Freigeist , der bei der Empfängnis noch denke , und sich selbst besitze , denn jeder fühle das Wissen erbärmlich , der aus solchem Glauben kehre . Sie bete oft , weil sie ein Weib sei , und wer nicht sinnlich sei , habe keine Religion , und eine Religion , die nicht sinnlich sei , habe keine Menschen . Sie sei eine Heidin , habe viele Götter , und auch Heroen , alle jung , kräftig , und in der Liebe menschlich . Die Heiligen könnten sie so ziemlich rühren , aber sie hätten keine Religion , wären nichts als angehende Philosophen , welche die Liebe bestritten , die sie nicht bestreiten könnten , das heißt , der sie nicht gewachsen wären . Der Gott der Katholiken sei zu geistig , und substanzlos , und ohne die Menschwerdung gar nicht da ; aber es sei keine rechte Menschlichkeit in der Menschwerdung , es sei nichts als eine Allegorie auf Leben , Gedanken und Wort , eine Lehre , die zum Lehrer geworden . Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfängnis , und jedes Wort eine Menschwerdung . Doch sei die katholische Religion keine Religion des Lebens , sondern eine Religion der Auferstehung und Erinnerung - der untergegangenen herrlichen Welt der Götter und Menschen werde in ihr ein festliches Totenopfer gebracht . Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos , aber heillos , denn sie duldeten keine Heiligen - sie seien keine Religionen , sondern bloß bequemliche Anstalten , keine Religion zu haben , - Konsistorien , wo keine Liebe mehr sei , um die Ehe zu unterstützen - auf Noten gebrachte Ehescheidungen zum Absingen - Religionen für Eunuchen , Amphibien und Hermaphroditen . - Die christliche Religion werde vor dem Leben zu Grunde gehen , die heidnische aber werde länger sein als das Leben , weil sie Leben und Tod umfasse . Einmal rief sie aus : » Ach , arm ist der , der nur im Tode selig wird - die Erde sei ein Jammertal ! - Ich stehe auf den Bergen und bin glückselig , denn der lebt nicht , dessen Haupt nicht im Himmel steht , auf dessen Brust nicht die Wolken ruhen , dem die Liebe nicht im Schoße wohnt , und der Fuß nicht in der Erde wurzelt . Mein Haupt steht ewig im Himmel , und klage ich , so hören es die Götter allein , daß mir keine Liebe im Schoße wohnt , und wohnt mir die Liebe im Schoße , so sehen nur die Götter meines Auges Andacht , weiter wird die Welt , denn mein Busen hebt den Himmel höher , und die Erde drängt sich bebend unter meinen regen Füßen zusammen . « Sie bekehrte mich , aber ich glaubte nichts , als daß sie ein schönes , reizendes Weib sei , da die Decke des Zimmers sich öffnete , und eine dämmernde Alabaster-Lampe niedersank , und der Glauben bald das Wissen besiegt hatte . - An den Leser Die Krankheit meines Freundes nimmt zu und ist mir um so schmerzlicher , als sie boshaft ist . - Sie hätte keine unglücklichere Stelle erwählen können , um ihn mir noch bei seinem Leben zu rauben , sie hätte keine glücklichere Stelle nehmen können , um die letzten Ergießungen seines liebevollen Herzens gegen mich zu hemmen . - Es ist eine bösartige Zungenentzündung , an der ihm das Band mit allen seinen Freunden erlahmt . - Ich versichere seine menschenfreundlichen Leser , daß ich viel Schmerz an seinem Lager ertrage , und oft gerührt bin , wie sehr er das Publikum achtet . Er schrieb mir gestern mit Tränen Folgendes an die Schiefertafel , die neben seinem Bette hängt , damit er sich deutlich machen kann , und ich kann nicht umhin es Ihnen mitzuteilen , weil ich fühle , wie sehr sich sein Charakter hier ans Licht stellt , und wie die Worte eines mit Ruhe dem Tode entgegensehenden jungen Mannes sicher die Verleumder zum Schweigen bringen werden , die sein reines fühlendes Herz und sein aufrichtiges frohes Gemüt hie und da zu beschmutzen suchen - o diese Zungen sind giftig und entzündeter als die meines Freundes ! O daß sie die Krankheit erlähme ! die mir das freundliche Gespräch meines Maria raubt . Zugleich bitte ich den Leser , die Darstellung meines Lebens zu entschuldigen , ich bin nicht geübt , vor das Publikum zu treten , und es verhindert mich auch der Anteil , den ich an meinem Freunde nehme , an größerer Aufmerksamkeit auf meinen Stil . - Godwi » Was mich mehr drückt , als meine Krankheit , ist der Rückblick auf ein fruchtloses Leben ; - mit dem vollen fröhlichen Mute des Jünglings habe ich versäumt , eine Spur zurückzulassen , daß ich da war : - ich wußte nicht , daß der Tod meiner Jugend schon folgen werde , ich hätte sie sonst geschmückt und Künste gelehrt , damit ihm eine freudige Braut geworden wäre ; dann hätte Sie der schöne Kranz am Wagen erfreuen sollen , der jetzt ungeschmückt die tiefen Gleisen mit mir hinschleichen wird , die wir mit Recht die Runzeln unserer alten Mutter Erde nennen dürfen . - O ! hätten mich die Menschen besiegt , wäre ich im Kampfe um hohen Preis überwunden , so würde man mich mit dem Sieger nennen , und sein Wert wäre mein Grabstein und drückte mich nicht . - Aber das Leben hat mich besiegt , nicht mich , - nein , nur den Jüngling wie viele - denn ich war noch nicht , und warum sollte ich nicht werden ? Jetzt , da mein Herz sich öffnen wollte , um alles zu umfassen , was lebt und liebt , legt sich der Tod ihm in die Arme . - Ich habe vieles noch zu tun , so vieles - und soll sterben - die Menschen wissen nicht , daß ich ihr Bruder bin , und daß ich es verdiene - o mein Freund ! wenn Sie wüßten , was ich verlasse ; Einer nur wird wissen , was ich verlasse , und er wird es nicht glauben . - Ich soll das Leben aufgeben ? der die Liebe noch nicht aufgegeben , die ihn aufgab - dies ist kein schöner Tod - es bricht , es löst sich nicht . - O ! es ist ein großer Unterschied zwischen dem Traume der Liebe und der Liebe des Traumes . - Der Traum der Liebe ist in der Liebe , aber die Liebe des Traumes ist nur im Traume . - Wenn die Liebe einschlummert und träumt , träumt sie den Traum der Liebe , und dieser Traum ist jener stille schöne Schmerz , jenes Bangen , ich möchte sagen , die Seele aller Sehnsucht , und die sentimentale Poesie der Liebenden . - Mir ist jede unvollendete Harmonie in den Naturerscheinungen , jenes Streben des Formlosen und Toten nach Gestalt und Leben , wo Seele und Stoff mit innerm Drange zueinander streben , und der Stoff von dem Strahle des Geistes nur erglüht und schmerzlich wieder in den Tod zurücksinkt , so ein Traum der Liebe . - Verstehen Sie mich ? - nein . - So ist mein Ausdruck selbst ein Beispiel eines solchen Traumes der Liebe , in dem der Gedanke und das Zeichen nicht zum Worte wurden . - Ich glaube es Ihnen aber deutlicher zu sagen , lieber Godwi , wenn ich schweige , und Sie bitte , ans Fenster zu treten . - Sie sehen die roten Flammen des Abends , wie die Berge von ihnen entzündet werden und Feuer zu duften scheinen , und wie diese Flammen sich mannigfach gestalten , und ganze Landschaften zu werden scheinen . - Was ist die Flamme anders als die Gestalt des Feuers , und das Feuer anders als die Gestalt der Wärme , und diese als die Gestalt des Lichts ? Sie sehen , wie sich das Licht von dem Stoffe ergriffen zur Flamme zu bilden scheint , und wie die Flamme den Berg und den Wald entzündet , und sich die ganze Gegend nach dem Lichte sehnt ; es ist , als sei nichts in Ruhe , und das innere willenlose Treiben kehre sich heraus , und doch ist alles Ruhe , eigentliches Gefühl der Ruhe , in dem sich die Ruhe aufhebt . - Dies ist ein Traum der Liebe . Und ist Liebe in Ihnen , so müssen Sie einstimmen in diesen allgemeinen Traum , auch Sie ergreift die allgemeine Sehnsucht ; aber Ihre Sehnsucht ist nur die Ihrige , - und wer keine Liebe hat , möchte sterben in dieser Minute . - Aber es giebt einen Traum des Lebens , der Liebe zu umfassen glaubt ; aber Liebe ist nur Wahrheit - und jene luftigen unbestimmten Seelen , die es nur zum Reize und nie zur Schönheit bringen , träumen dieses Leben , und ihre Liebe ist eine solche Liebe des Traumes , - sie ist ohne Bestimmung , mit unendlichem Reize , ohne Ziel , wo sich alle diese Mittel zu einer Schöpfung vereinigten . Wer sich ihnen hingiebt mit seiner Liebe , muß mit diesen Blumen verwelken - lieben darf man sie als Frühling und Poesie , aber nie als einzelne Blumen . Nur das starke gesunde Gemüt wagt nichts mit ihnen , es blickt auf sie nieder , wie auf die Blumen , die es seiner Geliebten bricht , die es in den Triumph seines Lorbeers flicht , damit der Ernst auch lächle , und schützt sie sogar wie zarte Kinder , wie lieblose Unschuld , und nimmt sie wie ein reines Bild der bloßen Schönheit . Wendet er aber seine Liebe zu diesen hin , die sich nach seiner Liebe wenden müßten , so ist es , als wende sich die Sonne nach der Blume , und die Blume nicht nach ihr . - Ihr Leben ist eine bloße Allegorie , ihre Liebe nur leiser Erguß , nicht der Schöpfung , nur des Todes . - Mir , lieber Godwi , sollte ich sterben , sollen Sie einen einfachen Stein setzen , und darauf die letzte Terzine dieses schlechten Sonetts . « - Sonett O schwerer heißer Tag , ihr leichtes Leben Schließt müde weinend seine Augenlider , Schon senkt der Schlaf das tauende Gefieder , Um solche Schönheit kühl ein Dach zu weben . - Von ihren Lippen leise Worte schweben , » Du Liebe süßer Träume , kehre wieder ! « Da läßt sich ihr der Traum der Liebe nieder , Um ihres Schlummers kranke Lust zu heben . - » Du Traum ! « - » Ich bin kein Traum , « spricht er mit Bangen , » O laß uns nicht so holdes Glück versäumen ! « Da weckt er sie , und wollte sie umfangen . - Sprecht ! Wessen bin ich ? Wer hat mich besessen ? Ich lebte nie - war eines Weibes Träumen - Und nimmer starb ich . - Sie hat mein vergessen . Fünfunddreißigstes Kapitel Als ich erwachte , blickte ich durch die Stube hin . Nach der Gräfin zu sehen , hatte ich den Mut nicht . Es war eine ganz eigne Empfindung , wie ich mich mit allem verwandt fühlte , mit den alten Schränken und dem Gipsbilde , den Sesseln und mit dem kleinen Sopha im Erker . Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder und den süßlich ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab , wie auf meinen Verwandten ; ich ergötzte mich ebenso an den Damen , und wunderte mich , wie freundlich ihre Schnürbrüste aus einem Gesichtspunkte waren ; ich nahm sie nämlich als cornu copiae und freute mich der schönen Früchte , die aus ihnen hervordrangen , und hier und da zierlich mit Blumen zusammengestellt waren . Es war mir , als hätte ich von allen den Leuten erzählen hören , und konnte mich nicht enthalten , dem Bilde des verstorbenen Grafen , der mir gegenüber hing , ein kleines lächelndes Kompliment zu machen , denn ich erinnere mich nicht , daß es mir je so leicht und so lustig zu Mute war . - Nachdem ich alle fremde Geschäfte besorgt hatte , wendete ich meine Gedanken auf meine eigne Person , und bekam keine geringe Hochachtung vor ihr . - Zuerst in welchem herrlichen , ja herrschaftlichen Bette , vielmehr Schlafgebäude , Schlummerpalast , Ruhetempel befand ich mich , wenn ich heute nacht sollte geschnarcht haben , - die hochwürdigen Herrn des Klosters , das ich am Anfange meiner Herreise besuchte , konnten in ihren Chorstühlen so ehrenvoll nicht gesungen haben , - ein wahrer Krönungssaal schien dieses vortreffliche Ehebett zu sein . Hierauf die wackere Bettdecke , deren Lob ich keineswegs verschweigen darf , denn ich fand sie den schwebenden Gärten der Semiramis zu vergleichen , meine Augen lustwandelten durch die tausend Irrgänge ihres damastnen Grundes , und ergötzten sich an dem prächtigen verschlungenen Namen des Grafen und der Gräfin , der in der Mitte allegorisch gestickt war . O ! und ich selbst - ein blauatlaßner Schlafrock , mit roten Aufschlägen , an dem Ärmel mit dem kleinen gräflichen Wappen gezeichnet , sollte ich nicht stolz sein , in so ehrenvoller Uniform ? Ich drückte die Füße zusammen , um mich zu überzeugen , daß ich keine Stiefel anhabe , denn ich hatte die Empfindung , als wäre ich in Diensten , aber ich sah bald ein , daß es Interimsuniform war . - Vor dem Bette knieten vier Untertanen , recht zärtlich abwechselnd , ein Pantoffel von mir , und dann ein Pantöffelchen , sie harrten untertänigst , daß wir sie mit Füßen treten sollten . Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin , und bemerkte , wie witzig das batistene Bettuch mit Spitzen durchbrochen war , und wie naiv ihre weiße Schulter durchblickte . - Ach welche reizende Gemahlin habe ich , wie hinreißend , wie fesselnd , es ist ordentlich unangenehm , und erschwert einem die Menschenfreundlichkeit , sie ruhig schlafen zu lassen . - Wie glücklich , und wie unglücklich bin ich ! - muß ich nicht eifersüchtig sein ? Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle , ein schwarzer Frack , lederne Beinkleider , und dort ungrische Stiefeln , ein runder Hut auf dem Tische , das sind ja meine Kleider nicht . - Welcher junge Herr hat sich hier ausgekleidet , - habe ich nicht Ursache , eifersüchtig zu sein ? - Ich sehe ja meine kaiserliche Uniform nirgends ; sollte ich diese Nacht betrogen worden sein , sollte mein Weib ihre Untreue hier in meiner Gegenwart - der junge Mann hat in der Dunkelheit meine Kleider vielleicht ergriffen ? - Da bewegte sich die Gräfin , und meine Einbildung , als sei ich der verstorbene Graf , verschwand . - Ich stellte mich schlafend , und beobachtete durch die Augen blinzend , was die Gräfin für Betrachtungen den meinigen entgegensetzen würde . Aber sie setzte die Betrachtung meiner Person meinen Betrachtungen entgegen . Sie lehnte den Kopf auf ihren weißen Arm , und blickte mich freundlich an , und ich betrog das Glück , das mir im Schlafe zu kommen glaubte , ich nahm ihre Küsse stille hin . Ich biß auf die Zunge , um nicht zu lächeln , ich biß auf die Zunge , um die Lust zu ertragen , wie andere es tun , um den Schmerz . Moralisch freute ich mich , als ich merkte , daß sie aufstand , ohne mich zu wecken , denn es war wirklich ein Beweis eines sehr liebenden Herzens , daß sie mich schlafen ließ , da sie wußte , daß ich nicht zu Leiden erwachen würde ; ja es lag mir in dem Augenblick viel Unschuld in dieser Handlung , sie konnte noch denken , daß der Schlaf süßer sei als die Lust . - Wie sie sich leise in die Höhe richtete , als erstehe ein tugendhaftes Weib zur Seligkeit , wie sie mit Grazie und schüchterner Lust auf mich niedersah , daß ihr zarter Fuß mich nicht berühre . - Wie die Wurzeln unter der Rose lag ich und drängte ihr Liebe entgegen , - wie sie über mich hintrat , stand mein Puls still und mein Leben hielt ein , als griffe ein schöneres Leben in seine Räder . - Ich ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den Säulen des Tempels der Liebe . - Und leiser soll mein Geist einst nicht über das Grab meiner Geliebten schweben , als sie über mich hinschritt . - Sie schlüpfte in ihre Pantöffelchen , und zeigte mir , indem sie sich sorglos vor mir ankleidete , mehr keusche Blöße als eine tugendhafte Jungfrau , die ganz allein sich auskleidet . Da sie ihre männliche Kleidung angelegt hatte , schrieb sie mit Bleistift ein Zettelchen , kam vor das Bett , kniete nieder und steckte es mir mit einer Nadel auf das gräfliche Wappen , das am Ärmel meines Schlafrocks war , dann verließ sie in Stiefeln und Sporn die Stube . Auf dem Zettelchen standen folgende Worte - : » Guten Morgen , schöner Freund ! gut geschlafen ? Ich habe ein moralisches Kunststückchen gemacht , Sie nicht zu erwecken ; was kann man von einer Heidin , gegen die man als Frauenzimmer doch galant sein muß , mehr begehren , wie kann man seinen Tag besser anfangen ? Doch Scherz beiseite - Sie schlafen aber auch , ich habe Sie herzlich geküßt - und nicht zu erwachen - ei , wo will das hinaus ? - Denken Sie nicht , ich sei eine Zauberin , und noch nicht von der Fahrt zurückgekommen , wenn Sie sich allein finden , - ich habe nie etwas mit dem Kamine zu tun gehabt , als daß es mich wärmte und einmal einen Liebhaber zu mir brachte - ich reite nur ein wenig spazieren , und zwar auf Ihrem Pferde , um an seinen Launen den Mann kennen zu lernen . Adieu , heio popeio - ich bin eine Heidin , und will mein Morgengebet unter freiem Himmel verrichten . « - Ich ergötzte mich an der muntern Laune der Gräfin , und war ich verführt , oder idealisierte ich ? ich weiß nicht , aber ich fand sie sehr liebenswürdig , oder sie liebte ein wenig . - Ich konnte immer noch nicht aufstehen , obschon ich sonst kein Schläfer bin , aber ich lag wie an Ketten geschlossen in einer ewgen Betrachtung meines lustigen Zustandes : ich konnte manchmal gar nicht begreifen