, offne Lilar verließ . Geläutert und geheiligt von der Freude - denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer - , kam sie edel an die Mutterbrust , ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem . Ihr leichtes Geständnis der Gartengesellschaft öffnete die harte Szene - fast in der Kulisse . Wenn die Mutter , die anders anfangen wollte , mußte sogleich auf den Donnerwagen steigen , um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern ; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne , um Lianen sogleich , da der Minister jede Minute kommen konnte , das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen . Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter ; denn sie verlegte die Säe und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land . Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit ! Sie führte , so weit sie nur konnte , die Mutter den reinen , lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles , was wir wissen , aber ohne sehr zu befriedigen , weil sie gerade die Hauptsache ausließ ; denn aus Schonung gegen die Mutter mußte sie die erscheinende Karoline , die anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautführerin derselben gewesen , mit dem Totenschein der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen . Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern Versicherungen , wie sie ihr hab ' immer alles sagen wollen ; sie dachte hoffend , sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz . O , du hast mehr zu retten , dein warmes , dein ganzes und lebendiges ! - Die Mutter tadelte nun , ihr aus alter Gewohnheit halb glaubend , nichts weiter als die ganze Sache , ihre Unschicklichkeit , Unmöglichkeit , Tollheit . » O , gute Mutter , « ( sagte Liane bloß immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano ) » o , so ist er nicht , gewiß nicht ! « - Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg , weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Äther hängender , blühender Grabeshügel war : » Ach , « ( sagte sie , ihre Erden-Eile meinend ) » unsere Liebe ist so wichtig nicht . « Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs . Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein , mit einer Heerpauke Sturmglocke , Feuertrommel und Klapperschlange im Gürtel , um sich damit vernehmlich zu machen . Zuerst fragt ' er - er hatte vergeblich gehorcht - ganz erboset die Ministerin , wohin sie sein Ohr versteckt habe - ( es war das blecherne Koppelohr , worin sich , wie in einem venezianischen Löwenkopfe , alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammleten ) - jetzt brauch ' ers ein wenig , zumal seit den neuesten » Avanturen der frommen Tochter da ! « - Die Siamer Ärzte fangen die Heilung eines Patienten damit an , daß sie ihn mit Füßen treten , welches sie Erweichen nennen . Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen Vor-Kur ; und begann daher sich , mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel , deutlich zu erklären über umschlagende Kinder - über deren Ränke und Schliche - und über Liebschaften hinter Väterrücken - ( so daß kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann ) - versah vieles mit den stärksten politischen Gründen , die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen bezogen - und schloß mit einigen Verfluchen . Liane hörte ihn ruhig , und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende Gewittergüsse schon gewohnt , ohne andere Bewegung an , außer daß sie oft das niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem väterlichen Mißvergnügen . In der Stille wurd ' er am lautesten : » Sie sorgen dafür , Madame , « ( sagt ' er ) » daß sie morgen vormittags dem Grafen , was sie von ihm hat , samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifiziert - du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin - ob du gleich es nicht wert warest , daß ich für dich arbeitete . « » Das ist hart « , rief Liane , mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend . Er glaubte , sie meine die Trennung von Albano , nicht die von der Mutter ; und fragte zornig : warum ? - » Vater , ich will so gern « ( sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung ) » bei meiner Mutter sterben ! « Er lachte , aber die Ministerin machte selber den Flammen , die er noch wollte herausschlagen lassen , die Höllenpforte zu und versicherte ihn , es sei genug , Liane werde gewiß ihren Eltern gehorchen , und sie selber wolle dafür Bürge sein . Der Gesetzprediger stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stoßgebet um eine bessere Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab , sein Ohr müsse morgen her , und soll ' ers in allen Schränken selber suchen . Die Mutter schwieg nun und ließ die Tochter sanft an ihrem Halse weinen ; beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei . Sie ließen einander ausgeheitert aus den Armen los , aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen . 75. Zykel Ein harter , schwarzer Morgen ! - Nur der atmosphärische draußen war dunkelblau , nichts war stürmisch und laut als etwan die Bienenflüge im Lindendickicht , der Himmelsäther schien über die steinernen Gassen hoch wegzuflattern , um im hellen , offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern . Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet , in Großquart gebrochen , worin der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frühen Morgen , eh ' er für die einzelnen Regierungs- und Kammerräte die zur Fruchtbarkeit nötigen Strichgewitter aus den Akten aufgezogen , auf die schauernde Tochter mit einem kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte . Im gedachten Dekretalbriefchen setzt ' ers auf anderthalb Bogen mehr auseinander , was er gestern gemeint - Scheidung auf der Stelle - , und bog sechs Scheidungsgründe an , - erstlich sein verstimmtes Verhältnis mit dem Vliesritter - zweitens ihre und des Grafen Jugend - drittens die nahe Hofdamenstelle - viertens sei sie seine Tochter und dieses das erste Opfer , auf welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache - fünftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders , dessen anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte , daß er nur für das Glück seiner Kinder lebe und sorge - sechstens send ' er sie in die Festung * * * zu seinem Bruder , dem Kommendanten , falls sie widerspenstig sei , um sie zu entfernen , zu bestrafen und zurechte zu bringen , und weder Weinen noch Fußfallen , noch Mutter noch Hölle sollen ihn beugen ; und er schenk ' ihr drei Tage Zeit zur Vernunft . Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt . Aber aus dieser wurde eine Richterin : » Was willst du tun ? « sagte die Ministerin . - » Ich will leiden , « ( sagte Liane ) » damit Er nicht leide ; wie könnt ' ich so sehr gegen Ihn sündigen ? « - Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er für den Vater und fragte : » Mich nennst du nicht ? « Liane errötete über die Vertauschung und sagte : » Ach , ich Arme , ich will ja nicht glücklich sein , nur treu . « - Wie hatte sie nicht in dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und geweint ! Eine so schuldlose , von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete Liebe - eine vom frühen Tode so sehr abgekürzte Treue - ein so fester , mit hohem , fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jüngling , den nicht einmal Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken oder locken konnten - der ewige Unwille und Gram , den er über die erste , größte Lüge gegen sein Herz empfinden würde - ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs Leben und die nahe Wegscheide , an der sie nicht Steine , sondern Blumen auf die andern Pilger zurückwerfen wollte - alle diese Gestalten nahmen sie an der einen Hand , um sie von der Mutter wegzuziehen , die ihr mit den Worten nachrief : sieh , wie du undankbar von mir gehst , und ich habe so lange für dich ertragen und getan . Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die trockne , platte Erdfläche eines Lebens zurück , worin sich nichts hebt als ihr letzter Hügel . O , wie blickte sie bittend zu den Sternen auf , ob sie sich nicht als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten , wie sie sich opfern sollte , ob für den Geliebten oder für die Eltern ; allein die Sterne standen freundlich , kalt und still am festen Himmel . Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte , schlug es hoffend und von neuem gestärkt vom Entschluß , für Albano heute recht viele Leiden zu erdulden , ach , ja erst die ersten ; konnte Karoline , dachte sie , eine Liebe bejahen , der ich untreu sein müßte ? - Kaum war sie mit dem Morgengruß von den Lippen der Mutter weg , so suchte diese , aber ernster als gestern , die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem fremden Boden zu rücken durch den längern Gebrauch der gestrigen Blumenheber . Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der gleichen Stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender , bis Liane mit dem Mädchenwitz auf einmal fragte : » Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten lieben ? « - » Quelle comparaison ! « ( sagte die Mutter ) » Bist du nichts Bessers als sie ? « - » Sie tut eigentlich viel mehr als ich « , sagte sie ganz aufrichtig . - » Strittest du nie mit dem wilden Zesara ? « fragte die Mutter . » Nie , außer wenn ich unrecht hatte « , sagte sie unschuldig . Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr , daß sie tiefere und stärkere Wurzeln , als leichte Blumen schlagen , auszuziehen habe ; sie sammlete alle ihre mütterlichen Anziehungskräfte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der stillen , grünen Myrte ; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan mit dem deutschen Herrn , ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer darüber , ihren bisher zurückdrängenden Widerstand und die neueste väterliche Kriegslist , sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer . - Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen goldnen Zeitalter der Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt : daß eine besondere kalte , nichts schonende , oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höhern Ständen so sehr zu Hause ist , daß auch die schönern Seelen - worunter doch diese Mutter gehört - es gar nicht anders wissen und machen . » O , du beste Mutter ! « rief Liane erschüttert , aber nicht vom Gedanken an die Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem Herzen - sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein Sterben auf einem Blutgerüste - , sondern vom Gedanken an das lange Überbauen der mütterlichen Tränen , der mütterlichen Liebesquellen , welche bisher nährend tief unter ihren Blumen geflossen waren ; sie warf sich dankend zwischen diese helfenden Arme . Sie schlossen sich nicht um sie , weil die Ministerin durch keine Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspülen war . In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein . » So ! « sagt ' er schnell . » Mein Ohr , Madame , « ( fuhr er fort ) » findet sich unter den Domestiken durchaus nicht wieder vor ; das hab ' ich Ihnen zu sagen . « Denn er hatte sich heute auf einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuß versammelten Dienerschaft in die Ohren gedonnert , um seines zu erfragen , » weil ich glauben muß , « ( hatt ' er ihr gesagt ) » daß ihr mirs aus sehr guten Gründen gestohlen habt « . Dann war er als Hagelschauer , wie ein Küchendampf bei windigem Wetter , durch die einzelnen Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen . - » Und du ? « sagt ' er halbfreundlich zu Liane . Sie küßte seine Faust , die er , wie der Papst den Fuß , allezeit als den Lehn- und Lippenträger , Agenten und de latere-Nuntius des Mundes den Küssen schickte . » Sie bleibt ungehorsam « , sagte die strenge Frau . » So gleicht sie Ihnen ein wenig « , sagt ' er , weil der Mißtrauische die Umarmung für eine Verschwörung gegen ihn und seinen Bouverot ansah . Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und floß - bald auf Tochter , bald auf Frau - erstere sei gar erbärmlich , sagt ' er , und nur der Hauptmann etwas wert , den er glücklicherweise allein gebildet - er errat ' alles , hör ' alles , wenn man auch sein Ohrblech verborgen - es werde demnach , wie er sehe ( er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm ) , zwischen beiden Kollegien kommuniziert - aber Gott soll ' ihn strafen , wenn er nicht » Töchterchen , antwort doch endlich ! « bat er . » Mein Vater « - ( sagte Liane , seit der Bouverotischen Verbrüderung und der Mißhandlung der Mutter ihr Herz mehr fühlend , das aber nur verachten und nie hassen konnte ) - » meine Mutter hat mir heute und gestern alles gesagt ; aber ich habe doch Pflichten gegen den Grafen ! « Eine kühnere Lebhaftigkeit , als die Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten , strahlte unter dem aufgehobenen Auge . » Ach , ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben , als ich lebe « , sagte sie . » C ' est bien peu « , versetzte der Minister , über die Keckheit erstaunend . Liane hörte jetzt erst ihr entflognes Wort nach ; da ergriff sie , um die Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen , den schönen und lächerlichen Entschluß , den alten Herrn zu rühren und zu bekehren durch ihre Geister- oder Traumseherei . Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher - als sie schwer vergönnet war - darin um sein heiliges Versprechen , gegen die Mutter zu schweigen , weil sie fürchtete , dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe rasselnden Uhrräder ihrer Sterbeglocke zu zeigen . Der alte Herr konnte nur mit einer komischen Miene wobei er aussah wie einer , der in grimmiger Kälte lachen will hinlängliches Worthalten geloben , weil nie , so viel er sich entsinnen konnte , das Wort von ihm , sondern bloß oft er vom Wort gehalten wurde . In solchen Menschen sind Wort und Tat dem theatralischen Donner und Blitze ähnlich , welche beide , sonst im Himmel gleichzeitig verbunden , auf der Bühne aus getrennten Ecken und durch verschiedne Arbeiter hervorbrechen . Aber Liane ruhte nicht eher , als bis er ein wortfestes , offnes Gesicht - ein gemaltes Fenster - aufgetragen . Darauf fing sie nach einem Faustkuß ihre Geistergeschichte an . Mit fortgesetztem Ernst , fest zusammengehaltenen Muskeln hörte er dem Unerhörten zu ; dann nahm er sie , ohne ein Wort zu sagen , an der Hand und führte sie vor die Mutter zurück , der er sie mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf ihre glückliche Töchterschule überreichte ; - » seine Knabenschule mit Karl sei ihm wenigstens nicht in diesem Grade geglückt « , setzt ' er hinzu . Zum Beweise teilt ' er ihr offenherzig - und alle Schmerzen Lianens kaltblütig verarbeitend , wie der Faßbinder Zypressenzweige zu Tonnenreifen - das wenige mit , was er zu verschweigen verheißen , weil er immer entweder sich wegwarf oder den andern , meistens beide . Liane saß hochrot , heißwerdend , mit gesenkten Augen da und bat Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater . Kein teilnehmendes Auge werde ferner mit dem Eröffnen einer neuen Zeit gequält , wo das Eis seiner Ironie brach und ein wütender Strom wurde , in welchen noch dazu mütterliche Tränen des Zorns flossen über ein teueres Wesen und dessen verderbliches , fieberhaftes Hineinträumen in den letzten Schlaf . Das Ziel und die Gefahr kopulierte fast die Eheleute zum zweitenmal ; wenn es glatteiset , gehen die Menschen sehr Arm in Arm . » Du hast nichts nach Lilar geschickt ? « fragte der Vater . » Ohne Ihre Erlaubnis würd ' ichs gewiß nicht tun « , sagte sie , meinte aber ihre Briefe , nicht Albanos seine . - Er benutzte den Mißverstand und sagte : » Du hast sie ja aber . « - » Ich will alles gern tun und lassen , « ( sagte sie ) » aber nur wenn der Graf einwilligt , damit ich ihm nicht unredlich erscheine ; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue . « An diese milde Festigkeit , an diesen mit weichen Blumen überzognen Petri-Fels stieß sich der Vater am härtesten . Dazu war der Übertritt eines stolzen Liebhabers von eignen Wünschen zu den feindlichen , gesetzt man hätte Lianen die Frage an den Grafen erlaubt , so unmöglich auf der einen Seite , und das Gesuch um diese Veränderlichkeit , es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden , überhaupt so heruntersetzend auf der andern , daß die betroffne Ministerin stolz aufstand , wieder fragte : » Ist das dein letztes Wort an uns , Liane ? « - und als Liane weinend antwortete : » Ich kann nicht anders , Gott sei mir gnädig ! « , sich zornig wegwandte an den Minister und sagte : » Tun Sie nun , was Sie für convénable halten , ich bin unschuldig . « - » Nicht so ganz , ma chere ; aber gut ! « ( sagt ' er : ) » Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer , bis du dich korrigierst und unsers Anblicks würdiger bist « , kündigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie geworfenen Augen-Salven an , worin meines Ermessens weit mehr Reverberierfeuer-Plagegeister - ätzende , fressende Medikamente - Gehirn- und Herzensbohrer versprochen wurden , als sonst ein Mensch gebend halten oder empfangend tragen kann . Armes Mädchen ! dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag ! - Du siehst in die Zeit hinaus , wo dein kleiner Sarg steht , an welchem ein grausamer Engel die schönen , um ihn herumlaufenden , noch frischen Blumenstücke der Liebe wegwischt , damit er ganz weiß , so rosenweiß wie deine Seele oder deine letzte Gestalt , herübergetragen werde ! Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klosterzimmers war ihr ebenso fürchterlich , nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben , das sie heute erst zum drittenmal erlebte , obwohl nicht verdiente . Es war ihr , als wenn nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont gesunken wäre , und es wurde dunkel und kalt in der Welt . Sie blieb diesen ganzen noch eingeräumten Tag bei der Mutter ; gab aber nur Antworten , blickte freundlich an , tat alles gern und behend und hatte - da sie jeden zusammenrinnenden Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug , als sei es Staub , weil sie dachte : nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen ; und das alles , um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein . Aber diese , wie Mütter so leicht , verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der Verstockung ; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens Bild aus Lilar wollte bringen lassen , galt auch diese Unschuld für Verhärtung und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert ; nämlich mit der Erlaubnis , zu schicken . Nur forderte die Ministerin die französischen Gebete von ihr zurück , als sei sie nicht wert , diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen . Nie ist der Mensch kleiner , als wenn er strafen und plagen will , ohne zu wissen wie . Da jeder , der regiert , er sitze auf einem Lehr- oder Fürstenstuhl , oder wie Eltern auf beiden , dem Fußbewohner desselben den vorigen Gehorsam , sobald er ihn einmal aussetzt , nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt , sondern als Vergrößerung : so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames Kind . Sie haßte ihre reine Liebe , die wie Äther ohne Asche , Rauch und Kohle brannte , um desto mehr und hielt sie für Schadenfeuer oder Feuerschaden , besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstück gewesen . Liane stieg zuletzt , zu schwer zusammengepresset , da jenseits der Wandtapete der heitere Tag , der schönste Himmel blühte , aufs welsche Dach hinauf . Sie sah , wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtern , weil die Erde ein großer war , zurückfuhren und - ritten ; auf Lilars Stauden-Pfad wandelten die Spaziergänger selig-langsam heim - auf den Gassen wurde laut an den Fest-Gerüsten und Himmelswagen für die Fürstenbraut gezimmert , und die fertigen Räder wurden prüfend gerollt - und überall hörte man die Übungen der jungen Musik , die erwachsen vor sie treten sollte . Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah - drüben das leere Haus des Geliebten - hier das ihrige , das auch leer für sie geworden - diese Stelle , die noch an eine schönere , seltnere Abblüte als des cereus serpens erinnerte - und o ! diese kalte Einsamkeit , da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte ; denn ihr Bruder , der Chorist ihres kurzen Freudengesanges , war verschickt und Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar - nein , sie konnte die schöne Sonne , die so hell und weiß mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer wiegte , nicht niedergehen sehen - oder das frohe Abendchor des langen Tages anhören , sondern verließ die glänzende Höhe . O , die fremde Freude stirbt im unbewohnten dunkeln Busen , wo sie keine Schwester antrifft , und wird zum Gespenst darin ! So deutet das schöne Grün , diese Frühlingsfarbe , sobald es eine Wolke malt , nichts als an lange Nässe . Da sie bald in die Freistatt des Tags , das Schlafzimmer , trat , wetterleuchtete draußen der Himmel ; o , warum jetzt , hartes Geschick ? - Aber hier , vor dem Stilleben der Nacht , wenn das Leben , von ihrem Flor bezogen , leiser tönt - hier dürfen alle ihre Tränen fließen , die ein schwerer Tag gekeltert hat . Auf dem Kopfkissen , als trüg ' es den längsten Schlaf , ruhet dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust , die ihm seine Tränen zankend nachzählt ; und es weinet sanft nicht über , nur um Geliebte . Wie gewöhnlich wollte sie ihre mütterlichen Gebete aufschlagen ; als sie erschrocken daran dachte , daß man sie ihr genommen . Da blickte sie heißweinend auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet , und nur Engel haben die Worte und die Tränen gezählt . 76. Zykel Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins gemacht . Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein , indem sie freiwillig im Zimmer blieb und dem Morgenkuß der Mutter entsagte . Sie hatte in der Nacht oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt , aber kein Urbild , kein Fieberbild war ihr erschienen : kann ich länger zweifeln , schloß sie daraus , daß die göttliche Erscheinung , die das Ja zu meiner Liebe gesprochen , etwas Höheres als mein Geschöpf gewesen , da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber müßte wieder bilden können ? Sie hatte Albanos blühende Briefe in ihrem Pulte und schloß es auf , um hinüberzusehen aus ihrer Insel in das entrückte Morgenland der wärmern Zeit ; aber sie schloß es wieder zu ; sie schämte sich , heimlich froh zu sein , da ihre Mutter traurig war , die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam . Froulay ließ sie nicht lange allein , sondern bald rufen ; aber nicht um sie zu verhören oder loszusprechen , sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte Stirne und Backe gehörten , deren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem türkischen Rot der Scham zu färben war - zu seiner Malersprachmeisterin zu vozieren und sie in die fürstliche Galerie mitzunehmen , um von ihr die Erklärung dieser Titelkupfer ( für ihn ) in diesem Privatstummeninstitut so gut nachzulernen , daß er imstande wäre sobald die Fürstin sie besieht - etwas Bessers als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der bilderdienerischen Regentin vorzustellen . Liane mußte ihm jedes gemalte Glied mit dem dazu gehörigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprägen , samt dem Namen des Meisters . Wie erfreuet und vollständig gab sie diese Kallipädie ihrem brummenden Malerkornuten , der nicht eine einzige dankbare Miene als Schulgeld entrichtete ! Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten sehr ernst und traurig ; sie wagte ihr nicht den Mund , nur die Hand zu küssen und schlug das liebeströmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf . Das Diner schien eine Leichenessen . Nur der alte Herr , der auf einem Schlachtfeld seine Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hätte , war wohlgemut und bei Appetit und voll Salz . War Hauskampf , so speist ' er gewöhnlich en famille und holte sich unter beißenden Tischreden , wie gemeine Leute im Winter und in der Teuerung , schärfere Eßlust . Zanken stärkt und befeuert schon an sich , wie Physiker sich bloß dadurch elektrisieren können , daß sie etwas peitschen134 . Lächerlich und doch schmerzlich war es , daß die arme Liane , die den ganzen Tag einen Kerker hüten sollte , gerade heute immer daraus gerufen wurde ; das mal wieder in den Wagen , der das traurige Herz und das lächelnde Gesicht vor lauter hellen Palästen absetzen sollte . Sie mußte mit den Eltern zur Prinzessin gehen und so glücklich aussehen , wie die waren , die sie auf dem trüben Wege zu beneiden fanden . So blutet das Herz , das nicht weit vom Thron geboren worden , immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloß , wenn er aufgeht ; so wie eben diese Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden . Der über seine Vermählung lächerlich-laute Fürst - der von den Spieltischen oder Kaperbrettern zurückgekehrte Bouverot , den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur schaudernd litt - und die Prinzessin selber , die ihre bisherige Entfernung von ihr mit den zerstreuenden Zurüstungen zum Feste entschuldigte , und die ganz fremd auf einmal über Liebe und Männer spottete - alle diese Menschen und Zufälle konnten nur einer Liane , die so wenig erriet , so viel litt und so gern ertrug , nicht die unerträglichsten scheinen . Ach , was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser Verhältnisse , die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees ? Nicht die Größe , sondern die Unbestimmtheit des Schmerzes , nicht der Minotaurus des Labyrinths , der Kellerfrost , die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust zusammen , sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs . Sogar unter den Körper-Krankheiten kommen uns daher ungewohnte neue , deren letzter Augenblick über unsere Weissagung hinausliegt , drohender und schwerer vor als wiederkehrende , die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der Rüstung finden . So stand die stumme Liane im Gewölk , als die frohlockende Rabette mit der Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief , diese Schwester des heiligen , weggerissenen Menschen , die Bundesgenossin so glänzender Tage . Sie wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache , der Ministerin , begleitet , weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine Wahlherrin ihres Sohnes . Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen ; die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan . Liane fuhr den Weg nach Blumenbühl , über den noch blühenden Gottesacker eingesenkter Tage . Welcher Tränenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf , da sie von der noch glücklichen Rabette schied ! Diese hatte unschuldigerweise dem Hause einen der größten Zankäpfel für das Abendessen dagelassen , den je der Minister für die Fruchtschale mit seinem Apfelpflücker sich geholet hatte ; daher soupiert ' er wieder en famille . Rabetten war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Beisammensein in Lilar entfahren ; » davon « ( sagte Froulay ganz freundlich ) » hast du uns ja kein Wort merken lassen , Tochter . « - » Der Mutter sogleich ! « versetzte sie zu schnell . » Ich nähme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten « , sagt ' er , Grimm versparend . Ganz aufgeräumt setzte sich dieser Flößknecht so vieler Tränen und