wir beide zu strenge über sie ; vielleicht stimmt mich dagegen zu einer andern Zeit die Erinnerung an so viele mit ihr verlebte Tage , die so schön nie wiederkehren werden , zu einer größern Nachsicht , als sie von einem ganz unbefangenen Richter zu erwarten hätte . Genug , ich bin weit entfernt , die Hoffnung aufzugeben , daß sie sich noch , unvermerkt , und am ehesten ohne fremdes Einmischen , zu dieser ruhigen Selbstgenügsamkeit und Festigkeit des Gemüths läutern werde , ohne welche wir freilich Ursache hätten immer für sie in Sorgen zu seyn . Warum hätte sie sich von Arasambes getrennt , und ihrer Freiheit durch diese Trennung so große Opfer gebracht , wenn das schöne Bild einer reinern Glückseligkeit , welche sie zu geben und zu empfangen fähig ist , nicht lebhaft genug auf sie gewirkt hätte , um über die üppigsten Befriedigungen der Sinne , über alle Forderungen der Eitelkeit , der Prachtliebe , und jeder andern selbstsüchtigen Leidenschaft das Uebergewicht zu erhalten ? Lassen wir ihrer blumenreichen Phantasie noch einige Zeit sich durch rastloses Herumflattern zu ermüden ! Das Bedürfniß der Ruhe wird mit dem erwachenden Gefühl dessen , was sie sich selbst seyn könnte , nur desto dringender werden ; sie wird sich unversehens nach Aegina zurückziehen , ihre lieblichen Haine der Sokratischen Sophrosyne und ihren ernsten Grazien heiligen , und glücklich seyn wie sie es noch nie gewesen ist ; oder das letzte rührende Lebewohl und der weihende Händedruck des scheidenden Weisen müßte alle seine Kraft an ihr verloren haben . Ich glaube gar ich schwärme , Freund Kleonidas ? Beim Anubis34 , es ist nicht ganz richtig mit mir ! Bald werd ' ich mir gestehen müssen , daß ich dir ähnlicher bin als mir meine Bescheidenheit zu denken erlauben wollte . - Ernsthaft zu reden , meine Freundschaft oder Liebe ( wenn du willst ) für dieses wunderbare Wesen ist nie wärmer als wenn etliche tausend Stadien35 zwischen uns liegen . Die Phantasie treibt zuweilen auch mit uns andern kaltblütigen Leuten ihr Gaukelspiel . Mir , zum Beispiel , schiebt sie , in einer solchen Entfernung , unvermerkt eine Art von idealischer Lais unter , wie ich etwa wünsche daß die wirkliche seyn möchte ; und dann dünkt mich , es sey nichts was ich nicht für sie zu thun fähig wäre , wenn sie dadurch glücklich würde , und mir gehen seltsame Grillen durch den Kopf , die ich mir durch allerlei scheinbare Vorspiegelungen wahr zu machen suche . Ich besorge sehr , die Hoffnung , daß der abgeschiedene Geist des Sokrates noch ein Wunder an ihr thun werde , ist eine dieser Grillen ; denn leider ! bei kühler Ueberlegung sehe ich wenig Wahrscheinlichkeit , daß die leibhafte Lais jemals von dem was sie ihr System nennt zurückkommen werde , wiewohl es im Grunde nichts als Blendwerk ist , hinter welchem sie ihre übermüthige Lust , Unheil in unsern armen Köpfen anzurichten , sich selbst zu verbergen sucht . Mit der schönen Cyrene , zu welcher du mich so freundlich einladest , geht es mir wie mit der schönen Lais ; meine Liebe zu ihr wächst mit dem Raum und der Zeit die mich von ihr entfernen ; und wie könnte Liebe ohne Verlangen seyn ? Cyrene , die doch alles , was mir das Liebste ist , enthält , bleibt auch immer das letzte Ziel meiner Wanderungen , das Ithaka36 der freiwilligen Odyssee , die ich - nicht dichte - sondern lebe . Ich nenne sie freiwillig , weil keine feindseligen Götter sich gegen meine Zurückkunft verschworen haben : aber dennoch zweifle ich selbst , daß sie so ganz willkürlich ist , als das täuschende Gefühl der Freiheit sie mir vorspiegelt ; denn die unsichtbaren Seile , die mich nach Korinth und Athen zurückziehen , sind darum nicht minder stark , weil es keine Ankertaue sind . Beide liegen noch zwischen mir und Cyrene , und ich kann jetzt noch nicht ernstlich daran denken , sie hinter mir zu lassen . Ueberdieß werde ich in Rhodus selbst durch mancherlei Verhältnisse aufgehalten , und nach Achaja gedenke ich nicht wieder zu kehren , ohne zuvor alle merkwürdigen Orte in Klein-Asien und die nördliche Küste des Euxins37 besucht zu haben . Kurz , lieber Kleonidas , da ich mich einmal so weit in die Welt hinaus gewagt habe , gebührt es sich entweder gar nicht , oder als ein stattlicher , an Kenntnissen und Erfahrungen reicher , weiser und gefüger Mann nach Cyrene zurück zu kommen . 16. Learchus an Aristipp . Wir erfreuen uns wieder eines Vorzugs , um welchen uns Athen und Syrakus beneiden , des Glücks , die schöne Lais , nach einer mehr als vierjährigen Abwesenheit , wieder in unsern Mauern zu besitzen ; wenn anders die Erlaubniß , seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden , für eine Art von gemeinsamen Besitz gelten kann . Dieß ist ein Recht , oder vielmehr eine Wohlthat , die sie , gleich der Sonne , allen Augen zugesteht , die es auf die Gefahr , eben so wie von einem Blick in die Sonne geblendet zu werden , wagen wollen in die ihrigen zu sehen . Irgend einer höhern oder geheimern Gunst kann sich unter allen , die sich darum zu beeifern scheinen , bis jetzt noch keiner rühmen : aber auch diese ist schon so groß , daß einige Zeit hingehen dürfte , bis irgend ein Uebermüthiger sich erdreisten wird , über die Unzulänglichkeit einer so geistigen Nahrung der ungenügsamsten aller Leidenschaften zu knurren . In der That ist ihre Schönheit noch immer im Zunehmen , und scheint sogar , anstatt durch die Zeit das Geringste von ihrer frischen Blüthe verloren , im Gegentheil in der Blende , worin sie zu Sardes gestanden , einen noch höhern Glanz gewonnen zu haben , - etwas Gebieterisches , Königliches möcht ' ich sagen , das in die Länge kaum erträglich wäre , wenn sie es nicht durch die liebenswürdigste Anmuth der Sitten und das gefälligste Benehmen im Umgang zu mildern wüßte . Bei allem dem lebt sie auf einem so fürstlichen Fuß zu Korinth , daß zu besorgen ist , falls auch sie selbst reich genug wäre , es immer auszuhalten , die Korinthier möchten nicht artig oder demüthig genug seyn , es lange gut zu finden . Indessen , bis jetzt geht noch alles als ob es nicht anders seyn könnte . Das Volk , dem der Schein immer für das Wesentliche gilt , wird durch den Schimmer , womit sie sich umgibt , und ihre große Manier das Persische Gold in Umlauf zu setzen , im Respect erhalten ; unsre Patricier hingegen trösten sich mit dem Gedanken , daß eine solche Lebensart der geradeste Weg sey , die stolze Göttin desto eher zu humanisiren und endlich so geschmeidig zu machen , als jeder sie , wenigstens für sich selbst , zu finden wünscht . Da dieß aber ganz und gar nicht in den Plan der Dame zu passen scheint , so würde , däucht mich , ein warnender Wink von einem vertrauten Freunde nicht überflüssig und vielleicht von guter Wirkung seyn . Ich selbst bin zwar so glücklich sie öfters zu sehen , und sogar zu dem engern Ausschuß ihrer Gesellschafter zu gehören : aber , wenn ich auch großmüthig genug seyn wollte , gewissermaßen gegen meinen eigenen Vortheil zu handeln , so ist doch mein Verhältniß zu ihr nicht von solcher Art , daß ich mir ohne Zudringlichkeit das Amt eines Erinnerers herausnehmen dürfte . Auf jeden Fall , lieber Aristipp , wäre wohl das Beste , wenn du dich entschließen könntest , dich den Reizen der schönen Rhodos zu entreißen , und mit der ersten guten Gelegenheit nach Korinth zu kommen . Lais scheint beinahe gewiß darauf zu rechnen , und dein gastfreundliches Gemach im Hause deines Learch ist zu allen Stunden für deine Aufnahme ausgeschmückt . L.W. 17. Lais an Aristipp . Verzeihe , mein Lieber , wenn ich dich länger als recht ist auf Nachricht warten ließ , wie deiner Freundin die Luft des Isthmus wieder bekommt , und wie sie nach einer so langen Abwesenheit von den Korinthiern aufgenommen worden . Jene hat mir mit dem ersten Athemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit wiedergegeben ; diese benehmen sich so artig und anständig , als es die etwas zweideutige Wittwe eines noch vollauf lebenden Persischen Fürstensohns nur immer verlangen kann . Ich mache ein ziemlich großes Haus , lebe wieder so frei wie die Vögel des Himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise , und erinnere mich zuweilen des Aufenthalts zu Sardes , und aller seiner Herrlichkeiten , als eines seltsamen Morgentraums , der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne zerrinnt , und , wie angenehm er auch war , kein Bedauern daß er ausgeträumt ist in der Seele zurückläßt . Freilich befinde ich mich in dem ungewöhnlichen Fall einer Person , die im Traum einen großen Schatz erhoben hätte , und beim Erwachen wirklich einen kleinen Berg von Goldstücken vor ihrem Bette aufgeschüttet fände ; und wenn du glaubst , daß dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe , deren ich mich rühme , beitragen könnte , so will ich so ehrlich seyn und gestehen , daß du es nahezu errathen hast . Ich lebe hier ungefähr auf eben demselben Fuß wie zu Milet . Mein Haus ist , zwar nicht zu allen Stunden , aber doch in den gewöhnlichen , wo man Gesellschaft sieht , allen offen , die man zu Athen Kalokagathen38 nennt . Eupatriden , Staats- und Kriegsmänner , Dichter , Sophisten und Künstler , alte und junge , reiche und arme , fremde und einheimische , jedermann , der sich in guter Gesellschaft mit Anstand zeigen kann , ist gern gesehen ; nur daß immer zwei oder drei mit einander kommen müssen : denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern Freunden , lauter Männern , die meine Väter seyn könnten , vorbehalten , und unter den jüngern , höchstens Einem , den die Götter etwa in besondere Gunst genommen haben ; dir , zum Beispiel , wenn du hier wärest , zumal da sich bisher noch keiner gefunden hat , der mich vergessen machen könnte , daß du es nicht bist . Es ist wohl kein Zweifel , daß ich mich durch diese Lebensordnung weder den Matronen noch den Hetären ( deren Orden hier sehr zahlreich und begünstigt ist ) sonderlich empfehle ; wiewohl die letztern mehr Ursache hätten , mich für eine Wohlthäterin als für eine Conkurrentin anzusehen . Denn bei weitem die meisten meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung , sich bei ihnen , wie die Freier der Penelope bei - den gefälligen Hofmägden des Ulyssischen Hauses , für ihre bei mir verlorne Zeit und Mühe zu entschädigen . Indessen muß ich gestehen , daß die Verbindlichkeit , die sie mir von dieser Seite schuldig sind , vielleicht doch einige Einschränkung leiden mag . Die Sache ist , daß ich , theils um mir selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern , theils ( wenn du willst ) aus Gutherzigkeit , einige schöne junge Mädchen zu mir genommen habe , die zwar Korinthische Bürgerinnen sind , aber aus Mangel an Vermögen und Unterstützung wahrscheinlich sich genöthigt gesehen hätten , ihren Unterhalt der Aphrodite Pandemos39 abzuverdienen . Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im Lesen der Dichter , in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten , und mache mir , nach dem Beispiele der schönen Aspasia , selbst ein Geschäft daraus , sie zu angenehmen Gesellschafterinnen für mich und andere zu bilden . Könnte ich ihnen mit meinen Grundsätzen auch zugleich meine Sinnesart einflößen , so würde meine Absicht vollkommen erreicht . Da sich aber darauf nicht rechnen läßt , so bin ich zufrieden , ihnen so viel Achtung gegen sich selbst und so viel Mißtrauen gegen euer übermüthiges Geschlecht beizubringen , als einem Mädchen nöthig ist , das sich in den gehörigen Respect bei euch setzen , und wenn sie , unglücklicherweise , der Liebe sich nicht gänzlich erwehren kann , wenigstens keinem andern Amor unterliegen will , als jenem Anakreontischen , den die Musen Mit Blumenkränzen gebunden Der Schönheit zum Sklaven gegeben . Du kannst dir leicht vorstellen , lieber Aristipp , was für eine alberne Celebrität ich mir durch diese , den Söhnen und Töchtern der Achäer so ungewohnte und so vielerlei Vorurtheile vor die Stirne stoßende , Lebensart zuziehen werde . Dieß ist eben nicht was ich wünsche ; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden könnte : wer schwimmen will , muß sich gefallen lassen naß zu werden . Ich habe die traulichen kleinen Symposien , die ich zu Milet bei mir eingeführt hatte , wobei eine freie muntre Unterhaltung über interessante Gegenstände die bessere Hälfte der Bewirthung ausmachte , auch hier wieder in den Gang gebracht ; wiewohl die Korinthier überhaupt genommen keine Liebhaber von so nüchternen Gastmählern sind . Bilde dir darum nicht ein , daß mein Koch sich dabei vernachlässigen dürfe . Wenige Schüsseln , aber das Beste der Jahrszeit aufs feinste zubereitet ; kleine Becher , aber die edelsten Weine Cyperns und Siciliens , - darin besteht meine ganze Frugalität , und ich gestehe gern , daß ich sie - dir selbst abgelernt habe . Zu Athen reicht man damit aus und erhält noch Lob und Dank : aber so genügsam sind unsre Korinthischen Kalokagathen nicht . Außer deinem Freunde Learchus , und einem viel versprechenden jungen Künstler , Namens Euphranor ( der , im Vorbeigehen gesagt , einer meiner wärmsten und hoffnungsvollsten Anbeter ist ) , sind es daher fast lauter Fremde , die sich um den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 ( wie ich sie dir zu Ehren nennen möchte ) bewerben , oder von freien Stücken dazu eingeladen werden . Die Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch , und ich denke es sollte sich aus unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen , wenn sie , von einem Geschwindschreiber aufgefaßt , als bloßer Stoff einem Meister wie Xenophon oder Plato in die Hände fielen . Nicht selten wagen wir uns , auf die Leichtigkeit unsrer Hand vertrauend , sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie ; und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will , ziehen wir uns zuweilen auf die kürzeste Art aus der Sache , und kommen der Subtilität unsrer Finger - mit der Scheere zu Hülfe . Gestern z.B. erwähnte Einer zufälligerweise , daß Sokrates das Schöne und Gute für einerlei gehalten , und also nichts für schön habe gelten lassen wollen , wenn es nicht zugleich gut , d.i. nützlich , ja sogar nur insofern es nützlich sey . Dieß veranlaßte einen Dialog , wovon ich dir , weil ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und ( die Wahrheit zu gestehen ) deine eigene Meinung von der Sache wissen möchte , so viel als mir davon erinnerlich ist , mittheilen will , wenn du anders Lust und Muße hast weiter zu lesen . Die Hauptpersonen des Gesprächs waren der junge Speusipp41 ( Platons Neffe von seiner ältern Schwester , einer der liebenswürdigsten Athener die ich noch gesehen habe ) , ein gewisser Epigenes von Trözen , der seine Geistesbildung vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt , und Euphranor , welchem , da er Maler und Bildner zugleich ist , ein unstreitiges Recht zukam , mit zur Sache zu sprechen . Daß die Frau des Hauses sich ein paarmal in das Gespräch mischte , wirst du einer so erklärten Liebhaberin alles Schönen zu keiner Unbescheidenheit auslegen . Mich dünkt ( sagte Epigenes , der zu dieser Erörterung den Anlaß gegeben hatte ) , ehe wir uns auf die Frage » was das Schöne sey ? « einlassen , wäre wohl gethan , den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen , da es so vielerlei , zum Theil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird , daß der allgemeine Begriff , der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt , nicht leicht zu finden seyn dürfte . Wir sagen : ein schöner Himmel , eine schöne Gegend , ein schöner Baum , eine schöne Blume , ein schönes Pferd , ein schönes Gebäude , ein schönes Gedicht , eine schöne That . Man sagt : dieser Wein hat eine schöne Farbe , dieser Sänger eine schöne Stimme , diese Tänzerin tanzt schön , dieser Reiter sitzt schön zu Pferde . Ich würde nicht fertig , wenn ich alle die körperlichen , geistigen und sittlichen Gegenstände , Bewegungen und Handlungsweisen herzählen wollte , denen das Prädicat schön beigelegt wird . Was ist nun die ihnen allen zukommende gemeinsame Eigenschaft , um derentwillen sie schön genannt werden ? Ich kenne keine allgemeinere als diese , daß sie uns gefallen . Die Menschen nennen alles schön was ihnen gefällt . Speusipp . Ich gebe gern zu , daß das Schöne allen gefällt , deren äußerer und innerer Sinn gesund und unverdorben ist : aber daß alles , woran ein Mensch Wohlgefallen haben kann , darum auch schön sey , kann schwerlich deine Meinung seyn . Lais . Sonst wäre nichts Schöneres als ein mit Fässern und Kisten wohl beladenes Lastschiff voll morgenländischer Waaren ! wenigstens in den Augen des Korinthischen Kaufmanns , vor dessen Hause sie abgeladen werden , und der in diesem Augenblick gewiß mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie über einander hergewälzten Fässern , Kisten und Säcken hat , als an dem schönsten Gemälde des Parrhasius . Epigenes . Also , mich genauer auszudrücken , nenne ich schön , was allen Menschen , ohne Rücksicht auf den Nutzen , der daraus gezogen werden kann , gefällt . Speusipp . Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schönen etwas gewonnen seyn ? Was gefällt , ist ( deinem eigenen Geständniß nach ) nicht immer schön ; aber das Schöne gefällt immer , bloß weil es schön ist . Die Frage was ist schön ? bleibt also noch unbeantwortet . Euphranor . Könnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der Antwort verhelfen , die wir suchen ? Lais . Mich dünkt , Euphranor bringt uns auf den rechten Weg . Euphranor . Zum Beispiel , der junge Bacchus dort , dem der lachende Faun den rosenbekränzten Becher reicht , indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mänas hinweiset . Lais . Es soll eines der besten Werke des berühmten Alexis von Sicyon seyn . Euphranor . Lassen wir diesen Bacchus für schön gelten , oder hat jemand etwas Wesentliches an ihm auszusetzen ? Speusipp . Ewige Jugend in ewig fröhlicher Wollusttrunkenheit kann unmöglich schöner dargestellt werden . Euphranor . Das möchte ich nun eben nicht behaupten ; genug , wir alle geben zu , daß er nicht häßlich ist . Alle . Unstreitig . Euphranor . Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urtheils seyn ? Lais . Unser Gefühl vermuthlich . Epigenes . Aber warum wir es alle fühlen , und fühlen müssen , wir mögen wollen oder nicht , das ist es wohl was Euphranor hören möchte ? Euphranor . Und worin könnte dieß liegen , als in der Gestalt des jungen Gottes , in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder , in ihren Verhältnissen gegen einander , und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit des Ganzen ? Ich und Epigenes und die übrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der Hand . Nur Speusipp lächelte beinahe unmerklich und schwieg . Euphranor . Aber die schlummernde Mänas zu seinen Füßen - kann man läugnen daß sie schön ist ? Learchus . Ich glaube in aller Männer Namen kühnlich sagen zu dürfen , sie ist sehr schön . Euphranor . Und der junge Faun ? Lais . Ich wenigstens habe noch keinen schönern gesehen . Euphranor . Also der Gott ist schön , der Faun ist schön , die Bacchantin ist schön , ungeachtet das , warum wir jedes für schön halten , die Formen und Verhältnisse der einzelnen Theile und die Symmetrie des Ganzen , an allen dreien die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt . Würden wir aber zufrieden seyn , wenn der Faun für den Weingott angesehen werden könnte , oder der Weingott für einen Faun ? Mit der Form des schönsten Fauns würden wir den Bacchus nicht schön genug , mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schön finden . Und wenn die Mänas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus , er seine Schultern und Hüften gegen die ihrigen umtauschte , würden nicht beide dabei verlieren , wiewohl sie Schönes um Schönes gäben ? Epigenes . Ganz gewiß . Schön wäre demnach etwas so Verhältnißmäßiges , daß es unter veränderten Umständen häßlich werden könnte ; wie z.B. ein schönes Weib einen mißgestalteten Mann , ein schöner Faun einen häßlichen Bacchus abgäbe ? Euphranor . Dieß möchte doch wohl zu viel gesagt seyn . Ein Mann mit weiblichen Gliederformen wäre doch immer ein schönes Ungeheuer , und ein Bacchus mit den Formen eines schönen Fauns würde nur unedel , nicht häßlich seyn . Indessen könnte auch aus lauter schönen Theilen ein sehr widerliches Ganzes zusammengesetzt werden , ohne daß die Theile aufhörten schön zu seyn ; es braucht dazu nichts weiter , als jedem eine unrechte Stelle zu geben . Der schönste Munde schief auf die Stirn , das schönste Auge an die Stelle des Mundes , und die zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt , würde aus dem Gesicht einer Lais eine lächerliche Fratze machen . Lais . Führt uns dieß nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zurück , daß jedes Ding schön ist , wenn es das ist , was es seiner Natur und seinem Zwecke nach , seyn soll ? Epigenes . Wenn dieß keine Ausnahmen leidet , so würde der Elephant , der Dachs und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben , als der Onager43 , das Reh und der Fasan . Lais . Warum nicht , wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der göttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen , und durch eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu kleinlichen einseitigen Urtheilen verleiten lassen wollen ? Euphranor . Mit allem Respect , den ich dir und der göttlichen Bildnerin schuldig bin , verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen , daß mir die Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme , und ich glaube hierin die Augen aller Menschen , und die deinigen zuerst , auf meiner Seite zu haben . Auch sehe ich nicht , warum alles , was die Natur hervorbringt , gerade für unsern Schönheitssinn gebildet seyn müßte ; und da es uns an Worten nicht mangelt , warum muß denn etwas , das nur dem Verstande schön ist , mit einem Worte bezeichnet werden , welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen zukommt , die durch Formen und Farben , harmonische Verhältnisse und Symmetrie unsre Augen , oder vielmehr den innern Sinn , dessen Werkzeug sie sind , vergnügen ? Die meisten Schöpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern Graden . Ich zweifle sehr , daß ein Mensch in der Welt ist , der nicht auf den ersten Anblick die Gans schöner als die Ente , den Schwan schöner als die Gans , den Pfau schöner als den Schwan finden sollte : aber vor der Fledermaus schaudert jeder , der sie erblickt , zurück . Lais . Wiewohl die Unverschämtheit zu Athen eine Göttin ist , so verlasse ich mich doch nicht genug auf ihren Beistand , um dir hierin zu widersprechen ; sie könnte mich häßlich im Stiche lassen , wenn einer dieser schönen Nachtvögel unversehens daher geschossen käme , um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken , die ich ihm erwiesen habe . Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen andern Ton . Die Athener erhielten ziemlich zweideutige Lobsprüche über ihre außerordentliche Gottesfurcht ; und da sie eben nicht im Ruf sind , sich durch die Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen , so meinte Learchus , sie hätten wohl gethan , der Anädeia44 für die guten Dienste , die sie ihnen bei mehr als Einer Gelegenheit geleistet , eine Capelle zu bauen , und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern . Der gute Speusipp , wiewohl er zu viel Urbanität besitzt , um von solchen Scherzen beleidiget zu werden , glaubte doch zuletzt , er müsse sich seiner bedrängten Vaterstadt annehmen , und bemühte sich , uns ( etwas ernsthafter als nöthig war ) darzuthun : daß es einem so religiösen Volke , wie die Athener von jeher gewesen , zumal in jenen Zeiten einer noch sehr großen Einfalt der Begriffe und Sitten , keineswegs zu verdenken sey , daß sie sich von einem Mystagogen45 , der in einem so hohen Ruf der Heiligkeit und Weisheit in den göttlichen Dingen gestanden , wie Epimenides46 , hätten bewegen lassen , der Hybris47 und der Anädeia eigene Tempel zu widmen , in der Absicht diese übelthätigen Dämonen dadurch zu besänftigen und zur Schonung zu bewegen ; zumal da die entgegen gesetzten guten Dämonen , Eleos und Aido48 , bereits öffentliche Altäre zu Athen hatten , und jene , wenn sie vernachlässigt worden wären , eine solche Parteilichkeit sehr ungnädig hätten aufnehmen können . Die Athener ( meinte er ) befänden sich mit der Göttin Unverschämtheit in dem nämlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht , welcher von Alters her sehr andächtig von ihnen verehrt worden sey , ohne daß es jemals einem Menschen eingefallen , ihre Tapferkeit deßwegen in den mindesten Zweifel zu ziehen . Es wäre nicht artig gewesen , einem Abkömmling des weisen Solon wegen dieser Apologie seiner Mitbürger ins Gesicht zu lachen . Ich versicherte ihn also in unser aller Namen , daß wir weit entfernt seyen , diese Sache in einem andern Lichte zu sehen ; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien , daß wir den Gegenstand unsers Gesprächs darüber aus dem Gesichte verloren , setzte ich hinzu : ich würde für meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft seyn , wenn wir des Vergnügens entbehren müßten , zu hören , wie Speusipp , wenn ich recht in seinen Augen gelesen hätte , im Begriff gewesen sey , den Knoten zu entschlingen , der , meines Erachtens , bisher unter unsern Händen eher noch mehr verwickelt als aufgelöst worden . Du mußt wissen , daß dieser Speusipp , einen schwachen Anstrich von Platonischer Pedanterei abgerechnet , ein sehr feiner Jüngling ist , und ( unter uns gesagt ) ohne meine Schuld einen der Pfeile , welche der Sohn Cytherens aus meinen Augen links und rechts , wohin es trifft , zu schießen beschuldigt wird , ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint . Ich bin nicht gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen ; sollte aber das Uebel gar zu ernsthaft werden , so verlasse ich mich auf die kleine Lasthenia49 , die seit einiger Zeit die Stelle der schönen Droso bei mir eingenommen , und eine so schwärmerische Liebe für die Platonische Philosophie gefaßt hat , daß Speusipp , wofern er noch einige Tage hier verweilt , nothwendig davon gerührt werden muß . - Doch wieder zur Sache ! Der junge Mann antwortete auf meine Einladung , nicht ohne bis in die Augen roth zu werden , mit aller Grazie und Zuversicht , die du einem Athener und einem Neffen Platons zutrauen wirst . Mich dünkt , fuhr er fort , wir haben uns bisher immer um einen dunkeln Begriff des Schönen , dessen Daseyn wir voraussetzen , herumgedreht , ohne ihm selbst näher gekommen zu seyn . Sinne und Einbildungskraft stellen uns nichts als einzelne Dinge dar , die wir , wenn ihre Gestalt uns gefällt , schön nennen , wiewohl uns immer eines schöner als das andere däucht . Auch die Kunst zeigt uns , sogar in ihren idealisirten Werken , nur einzelne Gestalten , einen Ringer , Wettläufer oder Faustkämpfer , einen Achilles , Ajax oder Ulysses , einen Zeus , Apollo , Mercur , Bacchus u.s.w. , nie den Menschen , den Helden oder den Gott , der so schön ist , als Mensch , Held oder Gott gedacht werden kann . Daher sind die Eleer und Athener nie sicher , daß nicht ein Bildner aufstehe , der einen noch schönern Jupiter als ihren Olympischen , eine schönere Aphrodite als die des Alkamenes in den Gärten darstelle . Aber wie könnten wir urtheilen , daß irgend ein einzelnes Ding schöner sey als ein anderes in seiner Art , wenn die Idee des allgemeinen Schönen nicht bereits in unsrer Seele läge , welche gleichsam der Maßstab ist , woran wir das einzelne Schöne in der Natur und Kunst messen ? Diese Idee ist es was wir suchen , ohne zu wissen daß wir sie schon haben , wiewohl es uns eben darum , weil sie eine Idee ist , an Mitteln fehlt , sie auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen , das ist , durch bloße Annäherungen , wobei immer die Möglichkeit eines Schönern bleibt , weil das Schönste , die Idee selbst , im Einzelnen erreichen zu wollen , eben so viel wäre als das Unendliche in einen beschränkten Raum zu fassen . Also sprach er - und ergötzte sich , wie es schien , an dem Erstaunen , das in unser aller weit offnen Augen zu lesen war . Eine allgemeine Stille ruhte eine Weile auf der ganzen Tischgesellschaft ; es war uns allen , denke ich , als ob uns etwas geoffenbaret worden wäre , und wir wunderten uns , allmählich gewahr zu werden , daß wir im Grunde nicht mehr von der Sache wußten als vorher . Epigenes war der erste ,