einem Wort nachzusuchen . Ich ließ dich widerspruchslos gewähren , mit dem festen Vorsatz , daß es fortan auch so bleiben solle zwischen uns . « » Ich will diese Freiheit aber nicht , und dir gestatte ich sie noch viel weniger . « Er lächelte verächtlich und schritt nach dem Atelier . Sie hielt sich eng an seiner Seite . Die Tür des Wintergartens stand offen , und sie traten ein . Es war schwül drinnen ; keiner der Springbrunnen war in Tätigkeit ; Baron Schilling hatte sie vor einigen Stunden selbst geschlossen , weil ihm ihr Rauschen störend gewesen war . Er trat an das große Becken , und gleich darauf zischte die silberfunkelnde Wassergarbe empor und durchstäubte erfrischend die schwere , balsamische Luft . Und die Baronin huschte mit der flinken Geschäftigkeit einer sorglichen Hausfrau helfend zu den zwischen den Pflanzen halb versteckten kleinen Steinmulden und ließ die Wasserstrahlen , einen nach dem anderen , aufsteigen . » Das ist sehr hübsch , « sagte sie , mit den Augen die dünnen , glänzenden Wasserbogen verfolgend , die sich über ihrem Haupte wölbten , um in das große Becken niederzusinken – sie ließ sich gefällig zu einem Lob herab . » Ich habe keine Ahnung von dieser netten Spielerei hinter den Glaswänden gehabt , sonst hätte ich doch vielleicht meine Abneigung vor dem Atelier unterdrückt und wäre manchmal hierher geschlüpft , um in deiner Nähe zu sein ... Nun , wenn wir zurückkommen ! « – Er schwieg ; kein Zug seines Gesichts bewegte sich , während er umherging und sorgfältig die Röhren wieder schloß , die sie aufgedreht hatte . » Das macht zu feucht , « bemerkte er kurz . » Es war ein Fehler , so viel Wasser neben dem Atelier zu sammeln – « » Ist denn der Zufluß so erheblich ? « » Er ist so bedeutend , daß mein Arbeitslokal bei irgend einem Versehen sehr schnell unter Wasser gesetzt werden könnte . « – Damit wandte er sich ab und schob den Samtvorhang hinter der offenen Glastür zurück , um in das Atelier zu gehen . » Ei , das könnte uns in diesem Augenblick fehlen ! « rief sie , ihm fast auf dem Fuße folgend . » Drüben im Hause die Zerstörung und hier – doch , mein Freund , nun gib der Wahrheit die Ehre ! « – unterbrach sie sich und sank überlegen lächelnd in den nächsten Lehnstuhl . » Habe ich nicht recht gehabt mit meinem Widerwillen gegen diese amerikanische Einquartierung ? Was alles hat unser ehrbarer , stiller Schillingshof in dieser Zeit mit ansehen müssen ! Die Flucht einer Ballettänzerin mit Hinterlassung von Schulden , eine tödliche Krankheit , die auch mein Leben bedroht hat , als ich ahnungslos zurückkehrte , – die Verwüstung in unserem schönen Holzsalon – « » Ohne die Hannchens unglücklicher Vater Gott weiß wie viele Jahre noch auf deinen besonderen Befehl spuken gehen müßte – « » Und unser eigenes Zerwürfnis um dieser fremden Leute willen , « fuhr sie fort , wie immer jede Anspielung auf einen ihrer Irrtümer überhörend , wobei sie , die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt , im gleichmütigen Spiel die Fingerspitzen gegeneinander stippte . » Und was ist der Dank für all diesen Jammer , den du dir und mir aufgebürdet hast ? – Das frechste , unverschämteste Auftreten einer anmaßenden Baumwollbaronin , das mir je bei dem widerwärtigen Geldprotzentum vor die Augen gekommen ist ! « Sie schüttelte boshaft in sich hineinlachend den Kopf . » An dieser bronzefarbenen Schönheit hast du keine Eroberung gemacht , mein Freund . Sie hat dir böse Dinge gesagt , häßliche Dinge – an dem › germanischen Nationaldünkel ‹ wirst du zu schlucken haben . « Er war längst hinter die Staffelei getreten . Das große Bild verdeckte ihn vollkommen , und so konnte sie nicht sehen , wie dieses ausdrucksvolle Männergesicht blaß wie der Tod wurde , wie sich die festgeballten Hände unwillkürlich hoben und gegen die Brust schlugen . Die bequem hingesunkene Frau sprach weiter , lächelnd vor innerer Befriedigung und unerschöpflich in der Schilderung der » ergötzlichen « Szene , die sie kaum noch im Holzsalon erlebt hatte , und dann richtete sie sich plötzlich aus ihrer nachlässigen Stellung auf und rief erschrocken : » Aber ich verplaudere hier die Zeit , und meine Jungfer sitzt drüben und liest , um die Nachmittagsstunden totzuschlagen , und hat keine Ahnung , daß die Arbeit bergehoch über sie hereinbricht ... Im Ernste , Arnold , kannst du nicht noch einen einzigen Tag zugeben ? « » Ich sagte dir bereits , daß meine Abreise deine gegenwärtigen Lebensgewohnheiten in keiner Weise berühren wird ! « rief er ungeduldig herüber . » Wie oft soll ich wiederholen , daß ich allein reisen werde – « » Torheit ! – Ich gehe jetzt , um Adelheid selbst zu benachrichtigen – « Er trat rasch hinter der Staffelei hervor – jetzt fühlte sie jäh zusammenschreckend , daß sie es mit einem tiefergrimmten , unerbittlichen Gegner zu tun habe . » Und ich , « unterbrach er sie harten Tones – » ich werde Fräulein von Riedt schriftlich anzeigen , daß ich dir unter keinen Umständen gestatte , mich zu begleiten , daß ich dich , › deine Seele ‹ – um mit ihrem klösterlichen Pathos zu sprechen – für heute und immerdar ihrer Obhut und Leitung widerspruchslos überlasse . « Sie schnellte empor , als habe sie nie in ihrem Leben an Muskel- und Nervenschwäche gelitten , und trat ihm hochaufgerichtet gegenüber . Der Schrecken hatte ihr jeden Blutstropfen aus dem Gesicht gejagt , aber zu beugen vermochte er sie nicht . » Das wirst du wohl bleiben lassen , mein lieber Arnold ! « sagte sie hohnvoll und überlegen . » Ich habe Freunde , die schon seit lange sehnsüchtig die Arme nach mir herüberstrecken . Bin ich einmal in ihrem Bereich , dann würdest du mich – mein Gott , von mir will ich gar nicht reden – ich meine , hauptsächlich alles , was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist , vergebens zurückfordern – du siehst , der Schritt würde dir ein wenig teuer zu stehen kommen . « » Diese guten Freunde kenne ich , « entgegnete er – für ihre letzte Bemerkung hatte er nur ein verachtungsvolles Achselzucken . – » Es sind diejenigen , denen man glaubhaft zu machen gemußt hat , mein guter , alter Papa habe dich durch allerhand teuflische Künste und Blendwerk deinem ursprünglichen , heiligen Beruf entrissen , um seinem Sohn eben jenes alles , was mit dem Namen Steinbrück verknüpft ist , zuzuwenden . Sie sind bis zur Stunde in der Meinung erhalten worden , dein der Aszese , dem Heiligsten zugeneigtes Herz sei dabei gar nicht beteiligt gewesen , du würdest , der Ehe innerlich abhold , längst wieder in die Reihen dieser entsagungsvollen Braven zurückgekehrt sein , wenn dein in jener teuflischen Verblendung gesprochenes › Ja ‹ dich nicht an die Seite des Mannes zwänge , der alles aufbiete , dich festzuhalten ... Ich bin vollkommen unterrichtet , Klementine , und längst imstande , das Ränkespiel einer Frauenseele zu übersehen , die um keinen Preis den Heiligenschein einbüßen möchte und doch dem Weltleben nicht entsagen will . « Sie war sprachlos in den Stuhl zurückgesunken und biß sich die Lippen fast wund . » Es ist ja wahr , mein Vater hat lebhaft unsere Verbindung gewünscht , « fuhr er fort – er hatte die Hände auf dem Rücken zusammengeballt und durchmaß unausgesetzt den weiten Raum des Ateliers . – » Dein stilles , gelassenes Wesen , die widerspruchslose Hingebung in deinen sehr hübsch geschriebenen Briefen , haben dich in seinen Augen madonnenhaft verklärt . Er war damals dem Tode nahe und hat geglaubt , er bette das Geschick seines Sohnes sanft und weich . Und dieser Sohn hat in jenen schweren Stunden gar nicht an die Zukunft gedacht , er hat nur angstvoll in das verschleierte Auge des Kranken gesehen und über den geweckten Freudenstrahl gejubelt – du weißt das ; ich habe damals aufrichtig , ohne Rückhalt mit dir gesprochen – « » Das soll wohl jetzt – wer weiß aus welchen Gründen – heißen , du habest mich nie geliebt ? « » Habe ich dir je Liebesleidenschaft geheuchelt ? « fuhr er empört auf . » Wohl habe ich mich vom Anfang an redlich bemüht , unser Zusammenleben zu einem harmonischen zu machen – « » Ich auch ! « – Sie erhob sich so überlegen , als halte sie den letzten , wichtigsten Trumpf in den Händen . – » Es ist mir unvergeßlich , wie ich vor unserer Verheiratung auf einem mehrstündigen Besuch im Schillingshof war , um mich – ein wenig umzusehen . Warum soll ich ' s leugnen ? Ich war sehr erschrocken , hauptsächlich erschrocken um deinetwillen , der du gezwungen sein solltest , deine junge Frau in jene tabakverräucherte Hauswirtschaft eines alten Soldaten zu bringen ... Was damals geschehen konnte , dir diese Beschämung zu ersparen , ich habe es opferwillig und gern getan – der Schillingshof war binnen wenigen Wochen ein standesgemäßes Heim für uns . Du hast das leider nur zu bald vergessen – « » Nie ! Dafür hast du gesorgt ! « – Er lachte höhnisch auf . – » Wie hätte mir sonst so oft der Stoßseufzer kommen können : › Gott behüte jeden mittellosen Mann vor einer reichen Frau ‹ ? « Ihre Lippen bebten ; sie fuhr sich wiederholt mit dem Taschentuch über die Stirn , als feuchte sie ein plötzlich hervorbrechender Angstschweiß ; aber ihr starrer Sinn , das beispiellose Selbstvertrauen , daß sie alles durchzusetzen verstehe , was sie einmal wolle , siegten auch jetzt . » Nun , solch ein unerträgliches Joch läßt sich ja abschütteln ! « sagte sie trotzig und herausfordernd . » Bei jeder anderen katholisch eingesegneten Ehe schwerlich – ; uns zweien dagegen wird es allerdings sehr leicht gemacht werden – ich weiß das ! Die schwarze Dame drüben im ersten Stock des Säulenhauses , › deine treue , aufopfernde Freundin ‹ , hat die Lösung von Rom aus längst in der Tasche . « » Das hättest du gewußt und doch keine Hand gerührt , um diese willkommene Erlösung zu beschleunigen ? « triumphierte sie . » Weil ich meine ehrliche Hand nicht in diesem klösterlichen Ränkespiel haben wollte ; vor allem aber mußte ich im steten Kampfe mit meinen eigenen Wünschen – ich verhehle das keinen Augenblick – mein Gewissen vor dem inneren Vorwurf rein erhalten , daß ich geholfen habe , dich dem Kloster auszuliefern . « » Arnold ! « – Er wich zurück , als entsetze ihn der umgewandelte Ton . Diese unzweideutige Gebärde erbitterte sie bis zur Wut . » Vielleicht hast du dir auch noch vergegenwärtigt , daß dann das Kloster alles mitverschlingt , was dem Auftreten des Baron Schilling Glanz verliehen hat , « sagte sie boshaft . » Glaubst du ernstlich , man werde , wenn du ohne mich wieder in jene Kreise trätest , den Mann ohne den Hintergrund eines großartigen Besitztums noch ebenso auszeichnen , wie dies bisher geschehen ist ? « » Und meinst du , ich habe auf diese sehr zweifelhafte Auszeichnung je auch nur den allermindesten Wert gelegt ? « unterbrach er sie mit einer Summe , in der ein heranbrausender Sturm grollte . » Ich frage dich , wer sind sie , die lediglich dem Rittergutsbesitzer – das heißt in diesem Falle › dem Mann seiner Frau ‹ – ihre Auszeichnung zuteil werden lassen ? – Ein Häuflein Standesgenossen , die in unserer , den Reichtum nicht mehr in ihrem Sinn verteilenden Zeit froh sind , einen Geldmächtigen mehr in ihren Reihen aufzählen zu dürfen . Sie machen die Welt nicht aus , die meinen Namen nennt , mit Ehren nennt , und wenn ich jetzt hinausgehe , ohne dich – « » Dann hast du nicht einmal mehr einen Herd in der Heimat , an dem du , zurückkehrend , deine Füße wärmen kannst – « » Meinst du ? – Das alte , liebe Säulenhaus mit seinem Garten ist mein ! Das Werk da « – er zeigte nach dem Bild auf der Staffelei – » tilgt den Rest deiner Hypothek auf meinem Vaterhause . Mehr will ich nicht ! Es klebt keines Hellers Eigentumsrecht der Steinbrücks daran , und kraft meines nunmehrigen unumschränkten Rechtes möchte ich dich hiermit ersuchen , alles , was du zwischen die vier Wände des Schillingshofes gebracht hast , bis auf den kleinsten Bildernagel herab , möglichst rasch fortbringen zu lassen . « Jetzt brach sie zusammen . » Arnold , verzeihe ! « rief sie und schwankte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu . » Fort ! « stieß er außer sich hervor ; an dem sonst so beherrschten Mann bebte jede Fiber . » Nach allem , was deine bitterböse Zunge mir angetan hat , gibt es kein Wort der Erde mehr , das versöhnen könnte ... Gehe du hin zu denen , ,die die Arme sehnsüchtig nach dir ausstrecken ! ' Gehe zu den Pflegerinnen deiner Jugend ! Mögen sie jetzt die Früchte ihres Erziehungssystems ernten und mit all den bösen Dämonen kämpfen , die mir das Leben vergiftet haben ... Sie schleudern ihre Verdammung gegen das Theater mit seinem › teuflischen Blendwerk ‹ und bedenken nicht , daß sie mit ihrer heuchlerischen Erziehung der Mädchenseele die Komödie in die Ehe , in das Heim des ahnungslosen Mannes tragen . « – Er schritt rasch nach der Wendeltreppe , während die Baronin zerknirscht neben dem Lehnstuhl in die Knie gesunken war . » Und bedenkst du nicht , daß du diesen Schritt gar nicht tun darfst , ohne alle die bloßzustellen , die in eurem großen Saal so hochmütig und familienstolz von den Wänden herabsehen ? « rief sie ihm nach und hob wie neubelebt den Kopf . » Bis jetzt wissen nur wenige , wie schlimm es zuletzt um die Schillings gestanden hat ; in dem Augenblick aber , wo wir uns trennen , und die Kirche mit meinem Willen von allem , was mir gehört , Besitz ergreift , wird es der ganzen Welt offenbar werden , daß der alte Freiherr Krafft von Schilling in seinen alten Tagen nicht mehr über einen Halm auf seinen Wiesen , einen Baum im Walde das Verfügungsrecht gehabt hat . « » Mag die Welt es wissen ! Wir haben nur selbst darunter zu leiden ; kein anderer Mensch hat dabei auch nur einen Pfennig verloren – von Betrug ist unser Name vollkommen rein geblieben ! « » Aber man wird es nachträglich mindestens lächerlich finden , daß die Bewohner des großartigen Säulenhauses insgeheim arm wie die Kirchenmäuse gewesen sind – auch das nenne ich › den Leuten Sand in die Augen streuen ‹ , « sagte sie , sich erhebend . Es hatte ihr geschienen , als habe seine Stimme geschwankt , seine Haltung einen Augenblick die ruhige Sicherheit verloren ; sie meinte den Boden wieder unter ihren Füßen zu fühlen . » Arnold , lasse dies das letzte Wort des Streites zwischen uns sein ! « rief sie , mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilend . » Ich verspreche dir , daß ich diesen Punkt nie , nie mehr berühren will – nimm mich wieder auf ! « » Niemals ! – Ich will nicht länger mein Leben so sonnenlos und gedrückt neben dir hinschleppen ! « » Aber ich gebe dich nicht frei ! Ich weiche nicht von deiner Seite – der Platz ist mein , mein ! « rief sie verzweiflungsvoll . » Arnold , ich bin erbötig , offen vor aller Welt zu erklären , daß ich dem Weib bleiben will , daß ich dich gebeten habe , mich zu behalten – ist dir auch das nicht genug ? « Wie ein Schaudern flog es durch seine Glieder . » Zwinge mich nicht , im letzten Augenblick das Wort noch auszusprechen , das sich mir seit lange schon auf die Lippen drängt ! « stammelte er seiner kaum noch mächtig . » Sprich es aus – es soll mich nicht beirren – « » Das Wort ewigen , unvertilgbaren Hasses , « sagte er und stieg die Treppe hinauf , um sich in seinen Zimmern einzuschließen . Sie hielt sich taumelnd am Treppengeländer fest und stierte ihm nach , ohne noch einen Versuch zu machen , ihm zu folgen . » Haß , Haß ! « murmelte sie , schwerfällig mit dem Kopfe nickend . » Ja , der schneidet wohl das Tischtuch entzwei ! « – Sie stieß ein irres , grelles Lachen aus . » Gut denn , immerhin ! er wird schon sehen , der Elende , was er getan hat ! Er wird schon sehen ! Jetzt weiß er ' s noch nicht – er weiß es noch nicht , wie der Sturz von der Höhe des Reichtums und Ansehens sein wird ! Jetzt triumphiert er noch ! O , wie das wurmt und – wehe tut ! Könnt ' ich sterben ! « Mit Aufbietung aller Kraft raffte sie sich empor und warf einen wilden Blick um sich , als Halle das entscheidende , schreckliche Wort ihr immer noch von allen Wänden entgegen und raune aus jeder Ecke , um sie von dem Boden zu scheuchen , der keinen Raum mehr für sie hatte . Ihre Knie wankten , aber sie schleppte sich durch das Atelier , schlug den Vorhang zurück und trat in den Wintergarten . Der Springbrunnen plätscherte , und die Sonnenfunken , die durch das engmaschige Netz der verschränkten Zweige und Blätter hereindrangen , tanzten auf der glänzenden Wasserkuppel und rollten in jedem Tropfen als leuchtende Goldperlen in das Becken . Dieses einförmige Rieseln und Murmeln inmitten der stummen , stillen Pflanzenwelt , dicht neben dem Raum , in dem eben noch zwei Menschenstimmen in aufgestürmter Leidenschaft einen erbitterten Kampf ausgefochten , war von dämonisch bezwingender Wirkung ... Das Wasser , ja , das schmeichelnde , kühle Wasser , da stieg es aus der Erde empor , fügsam nicht einen einzigen seiner Tropfen weiter verspritzend , als der Steinrand des Beckens vorschrieb . Die Frau starrte auf die Wasserfläche , die sich in zitternder Unruhe hob und senkte . Ja sie meinte zu sehen , wie sie sich höher und höher hob , aufschwellend , als steige ein Haupt unter dichtem Silberschleier empor . Und die Schleierfalten dehnten und weiteten sich – es stieg über den Steinrand und setzte einen schwach auftappenden Fuß auf den Asphaltboden und schlüpfte weiter und weiter . Und die Silberschleppe floß nach , unerschöpflich fortwogend und majestätisch sich ausbreitend , um plötzlich eng zusammengerafft und geduckt unter dem dunkeln , schweren Samtvorhang hinzukriechen – hei , wie der Mosaikfußboden drüben zu glitzern begann , wie es drunten an den Wänden , in den Ecken lebendig wurde ! Papierbogen , große , starre , mit Skizzen bedeckte , und alle die verhaßten Gesichter auf der gespannten Leinwand legten sich breit und schaukelnd auf die silberwogende Schleppe ; die hingebreiteten Panther- und Bärenfelle wurden leise gehoben , als sollten sie sich wieder über den Rücken ihrer früheren Bewohner schmiegen ; von den Postamenten und Säulenstümpfen rollten die Ibisse , die Vasen mit den Kakteen ; selbst die schweren Schränke und Kredenzen an den Wänden schwankten , als rüttelten und schüttelten grobe Sande an ihren geschnörkelten Beinen , und all das blinkende Geschirr , die Kannen und Becher , die venezianischen Gläser und Spiegel stürzten klirrend und schmetternd von den Kanten ... Ein halb unterdrückter wilder Jubelschrei zitterte durch den Wintergarten , und wie gejagt lief die lange gebückte Frauengestalt hinaus und durch die Platanenallee , und in das heftige Rauschen ihres steifen Seidengewandes mischte sich das Gemurmel der Lippen , die immer und immer wieder » Haß , Haß ! « vor sich hinsagten ... 39. Bald nachher hörte man im ersten Stock das Gelärm eilig und geschäftig durcheinander rennender Menschen . Was » die Gnädige « an Koffern besaß , wurde in den großen Saal getragen ; und dort stand die Stiftsdame und dirigierte und kommandierte in ihrer energischen Art und Weise . Ihre Wangen brannten , und in den dunkeln , strengen Augen glomm ein befremdliches Licht , ein Licht wie Fieberglut ; aber jeder ihrer anordnenden Befehle » hatte Hand und Fuß « , wie die Leute sagen , Verwirrung und Überstürzung konnten gar nicht aufkommen . Seltsam , diesmal wurde das ganze Silberzeug , der gesamte Inhalt der Schränke , die die Hauswäsche enthielten , bis auf die kleinste Serviette herab , in den Koffern mitgeschleppt , ja , man nahm sogar Bilder , Nippsachen und Albums von den Wänden und Tischen und packte sie ein . Das ließ auf eine jahrelange Abwesenheit der Herrschaft schließen ; möglicherweise ging es später auf eins der Güter am Rhein ; denn wozu das viele Silberzeug und die Hauswäsche , wenn man in Hotels wohnen wollte ? ... Zu alle dem Rätselhaften hatte Fräulein von Riedt auch noch an den Sachwalter der Baronin , der nur um einige Bahnstationen entfernt lebte , telegraphiert , daß er ungesäumt kommen möge , und der Bediente Robert meinte , die Gnädige müsse zu der Reise viel Geld nötig haben – deshalb werde wohl der Advokat in den Schillingshof gerufen . Das alles sagte Mamsell Birkner in der Kinderstube zu Hannchen und Deborah , und Donna Mercedes hörte es drüben in ihrem Schlafzimmer ... Also die Reise war unumstößlich festgestellt . Er ging hinaus , um neuen Ruhm zu ernten , und die Frau , die sein künstlerisches Wirken mißachtete , hatte es durchgesetzt , ihn zu begleiten ... Das Bild , das ausgestellt werden sollte , war ihr ein Greuel , und dennoch trat sie starrköpfig an die Seite dessen , der es geschaffen hatte , um verbissenen Grolles den Triumph der Meisterschöpfung mit anzusehen . Noch vor Wochen würde Donna Mercedes mit Genugtuung an die Nemesis gedacht haben , welche die Geldheirat an dem Künstler räche – heute aber durchwogte sie ein heißer , leidenschaftlicher Schmerz , und sie grollte dem blinden Geschick , das einen edeln männlichen Geist mit einem niedrig gesinnten Weibe an eine Kette geschmiedet hatte ... Ihn sah sie nicht wieder , und sie durfte das auch nicht wünschen , weil sie ihrer Fassung und Selbstbeherrschung den blauen , ehrlichen , durchdringenden Augen gegenüber nicht sicher war ... Aber sein letztes , sein Lieblingswerk , die greise Hugenottin , mußte sie noch einmal sehen , ehe es , in die dunkle Haft der Kiste eingeschlossen , seinen Triumphzug in der Welt begann ... Inzwischen war es Abend geworden . Die Sonne war längst versunken ; dafür floß die blaßgoldene Lichtflut des Vollmondes fast tageshell vom Himmel und ließ es nicht dunkel werden auf Erden . Vollbeleuchtet , wie in Silber getrieben , ragte die reliefgeschmückte Gartenseite des Säulenhauses in die flimmernden Lüfte ; auf dem kleinen , raschen Bach , der die Wiesen durchrauschte , hüpften und sprühten Lichtfunken , als zöge ein juwelenglitzerndes Elfenvolk die Wasserstraße entlang , und das weiße Atelier stand glanzüberströmt – so leuchtend und klar sanken wohl auch die Mondstrahlen durch das große Oberfenster herab in den Malersaal auf die Frauengruppe im Garten des altfranzösischen Schlosses . Donna Mercedes ging scheuen Schrittes durch das Gebüsch und quer über die Wiesen ; in dem weichen Gras versank unhörbar ihr Fuß . Hannchen hatte zwar gesagt , daß Baron Schilling fortgeritten sei – er tat das häufig in schönen Mondscheinnächten – und die Gnädige habe sich seit Nachmittag in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen , um dem wüsten Lärm des Einpackens aus dem Wege zu gehen . Der Gärtner war auch längst durch den Vorgarten nach dem Bierhaus gegangen , und nur in der Stube über den Ställen brannte ein einsames Licht ; der Stallknecht mußte zu Hause sein ; aber der war Donna Mercedes noch nie im Garten begegnet . Sie durfte deshalb hoffen , nicht beobachtet zu werden ; und doch entsetzte sie sich über jeden kleinen Kiesel , der unter ihren Füßen ins Rollen kam , als gehe sie auf Diebeswegen . In der Nähe des Ateliers horchte sie plötzlich befremdet auf – dort vom Wintergarten klang ein Rauschen und Plätschern herüber , als brause und stürze ein Waldbach von einer Höhe herab ; sie brauchte nicht mehr zu befürchten , daß man ihre eiligen Schritte auf dem Kiesplatz höre – das Geräusch verschlang sie . Der Mondschein fiel voll und breit durch das unverhüllte Glasdach : beim Näherkommen sah sie die Gloxiniengruppen , die Magnolien- und Orangenblüten aufleuchten – sie hätte jede einzelne Zacke der gefiederten , an die Glaswand gedrückten Farnwedel nachzeichnen können ; aber sie sah auch , daß alle Fontänen sprangen . Das schwirrte und zischte und flog silberfunkelnd , wie von hartgespanntem Bogen abgeschnellt , zwischen den Palmenkronen und Drachenbäumen , unermüdlich und scheinbar immer stärker anschwellend , als seien die Wasseradern der Tiefe zum Bersten gefüllt . Und kaskadenartig stürzten sich die wachsenden Wassermassen weiter über den Steinrand des großen Beckens , und einige der kleinen Steinmulden , aus denen vereinzelte Strahlen steil aufstiegen , um in das eigene Becken zurückzufallen , strömten auch über in gleichmäßiger Flut , als stünden sie unter einer schirmenden Glaskuppel . Donna Mercedes stand einen Augenblick tief erschrocken an der Glastür , die sich als festverschlossen erwies . Die Abzugsröhren des Wasserwerkes mußten verstopft sein ... Schon war der Asphaltboden überschwemmt , und die unten aufgestellten Blumentöpfe rollten umgerissen durcheinander . Die Tür nach dem Atelier stand weit offen ; der Samtvorhang war zurückgezogen , und weder eine erhöhte Schwelle noch die kleinste Stufe trennte die Mosaik des Malersaales von dem Fußboden des Wintergartens . Auf dem musivischen Boden aber standen und lagen viel kostbare Gegenstände der Altertumssammlung , und Skizzen und angefangene Bilder von Baron Schillings eigener Hand lehnten an den Wänden . Das alles verdarb , es war verloren , wenn die Wasser heranschwemmten . Sie lief nach der Tür , die direkt aus dem Garten in das Atelier führte – auch sie wich nicht unter ihrer rüttelnden Hand ; aber die dort , hinter der die Treppe in den Oberbau stieg , zeigte einen klaffenden Spalt . Die junge Dame stieß sie zurück und flog die Stufen hinauf . Nur schwach erhellte das schräg hereinfallende Mondlicht einen engen , heißen Vorplatz , auf den eine einzige Tür mündete ; auch sie gab nach , und Donna Mercedes huschte schon durch Baron Schillings Wohnzimmer ... » Die Gnädige « hatte recht gehabt , es war schwül , erdrückend heiß in diesem niederen Raum , in den sich der Herr des Schillingshofes freiwillig verbannt hatte um der prüden Schwester seines verstorbenen Freundes willen , die mit ihm nicht unter einem Dache wohnen wollte ... Dort hing der Vorhang , der das Zimmer vom Arbeitsraum des Künstlers schied . Donna Mercedes schob ihn mit hastigen Händen zur Seite und trat hinaus auf die Galerie . In voller Mondbeleuchtung lag das mächtige Viereck des Ateliers unter ihr , himmelweit verschieden von dem farbenglühenden Gesamtbild , das sie in dem wahren , lebendigen Goldglanz der Nachmittagssonne gesehen , blaß , schemenhaft , und doch voll unheimlichen Lebens und Webens , als husche das scheue Licht mit ausgebleichten , durchsichtigen Schmetterlingsflügeln grüßend um all das Uralte , das Menschenhände vor Jahrhunderten unter dem Monde geschaffen hatten . Hier oben sah man den Wintergarten hinter der Glaswand hingebreitet liegen , wie die herrlichen Pflanzenbilder des Meerbodens unter dem grünlichen Wasser heraufdämmern . Der brausende Lärm der Springbrunnen klang stark herüber , und drunten durch die Türöffnung kam es hereingeschwemmt , in breiter Straße laufend und vereinzelte lange , silberne Zacken vorstreckend , wie das Krustengetier seinem kriechenden Körper die Fühler tastend vorausschickt . Das alles mit einem Blick umfassend , wandte sich Donna Mercedes nach der Wendeltreppe , um hinabzueilen – da schlug ein Lachen an ihr Ohr , ein halbunterdrücktes und doch frohlockendes Auflachen . Unwillkürlich fuhr sie zurück – ein tiefes Grauen überschlich ihr tapferes Herz . Wem gehörte diese wunderliche hochklingende Stimme ? War ein Kind da unten , oder lachte ein Wahnwitziger ? Sie bog sich über das Geländer und sah hinab . Wohin der Mond schien , war kein lebendes Wesen zu sehen ; nur da auf den unteren Treppenstufen , im tiefen , geschützten Dunkel der Ecke , hockte ein zusammengekauerter Gegenstand – ein hingeworfenes Bündel sei es , meinte die junge Dame im ersten Hinsehen . Aber je breiter und rascher das Wasser über die Steinmosaik hinschoß , desto lebendiger wurde es in der Treppenecke , und plötzlich reckte es sich empor und sprang in weitem Bogen in die helle Mondlichtflut hinein . Es war ein Weib – es war die Frau aus dem ersten Stock , die Herrin des Schillingshofes . Sie schien in der dunkeln Ecke auf das Herankommen des Wassers gewartet zu haben , und , nun lief sie an den Wänden hin und warf die hingelehnten Bilder um ; sie schleuderte die Schriften , die Bücher und Skizzenmappen von den Tischen klatschend auf den Steinboden nieder , und schließlich an den großen runden Tisch tretend , der in der Nähe der Staffelei stand , nahm sie das Dolchmesser auf , mit dem Baron Schilling neulich das Bild aus dem Rahmen geschnitten hatte . Mit hochgehobenem Arm ließ sie die glänzende Klinge im Mondlicht blitzen ... Ihre starken blonden Haare sanken ihr vom Kopfe und fielen über den Rücken hinab ; das beachtete sie nicht ; wohl aber bemühte sie sich , mit der linken Hand die grauseidene Schleppe aufzuraffen , um sie vor dem Naßwerden zu schützen , denn das Wasser netzte bereits die Füße der Frau ... Sie war also nicht wahnsinnig , wie Donna Mercedes gefürchtet