muß hinaus , bis wir maskiert sind . “ „ Ich werde ein wenig in den Garten gehen , es ist lieblicher , die Elfen ihren Abendtau trinken zu sehen als Sie , meine Herren , Ihren Punsch ! Rufen Sie mich , wenn ich kommen soll ; dann werde ich , wie ein Bienchen in Blütenkelche , in Ihre Häupter eindringen und prüfen , wo Honig und wo Wermut ist ! “ Mit dieser schelmischen Drohung wollte sie enteilen , da faßte Ernestine mitleidig ihre Hand und flüsterte ihr zu : „ Tun Sie es nicht , Sie werden verhöhnt . “ Elsa entzog ihr tief beleidigt die Hand : „ Von Ihnen vielleicht , nur von Ihnen ! — In diesem Kreise bin ich geliebt und verstanden ! “ Tränen traten ihr in die kleinen Äugelein und sie hörte beim Hinauseilen nicht mehr , wie Herbert ihr nachrief : „ Du wirst Dich blamieren . “ Sie eilte in den Garten hinunter zu den Elfen und Nixen , um diesen ihr stilles Weh zu klagen , ach , sie mußte ja lächelnd leiden , Keiner sollte sehen , was sie zu träumen , zu hoffen gewagt — Und konnte denn dieses treue Herz so schnell von seiner Hoffnung lassen ? Wäre es das erste Mal , daß bescheidenes Ausharren endlich doch gekrönt würde ? Sie kam zu dem Tisch , wo Angelika die Blumen , die sie ihr für Johannes gab , vergessen hatte . Das Glas war umgeworfen , das Wasser herabgeflossen und der Strauß lag welk umhergestreut . O wie weh tat ihr das , — es war ein schlimmes Omen . Sie nahm ihre Lieblinge auf und drückte sie an ihr Herz . „ So geht es vielleicht mir dereinst , — vergessen und verschmäht werd ’ ich verwelken wie Ihr und die größte Liebe , die mir widerfährt , wird wohl die sein , daß eine zartfühlende Seele einen Kranz von Euch , ihr lieben Feldblumen , auf meinen Sarg legt . “ Sie setzte sich auf den Rasen und sang leise , während der salzige Tau reichlich auf die Blumen niederrieselte : „ Ach Tränen machen nicht maiengrün , machen tote Liebe nicht wieder blüh ’ n ! “ 84 „ Fräulein Elsa , Sie weinen ? “ Sie schrak zusammen und sprang auf . Möllner kam über den weichen Rasen zu ihr hingeschritten . „ O nein , keine Tränen , nur Abendtau ! “ lispelte sie und trocknete sich die Augen . Möllner betrachtete sie voll Erbarmen . „ Armes Geschöpf , “ dachte er , „ was kannst Du dafür , daß Dich die Natur so stiefmütterlich behandelt , daß die verschrobene Erziehung Deines Bruders Dich lächerlich macht und Dich auch noch um das Mitleid bringt , das Du verdientest . “ Er reichte ihr den Arm : „ Kommen Sie , liebe Elsa ! “ sagte er gütig . „ Man schickt mich , Sie zu holen . Danken Sie es dem Fräulein von Hartwich , daß Ihnen die Mystifikation erspart wird , die man Ihnen zugedacht . “ „ Wie so ? “ fragte Elsa , die sich an Möllners Arm gehoben fühlte wie eine aufgebundene Ranke . „ Man forderte von Ernestine , sie solle mit Fräulein Taun , die fast dasselbe Haar wie sie besitzt , die Kleider wechseln und beide sollten Masken vornehmen , um Sie zu täuschen . Die jungen , übermütigen Herren drangen darauf , ich konnte es nicht hindern . Fräulein von Hartwich jedoch , überzeugt , daß Sie Ihrer Sache nicht so sicher seien , um sich nicht einer Beschämung auszusetzen , verweigerte das Verlangte so hartnäckig , daß die Gesellschaft sich aus Unmut darüber auflöst . “ Elsa schwieg beschämt . Einer solchen Probe hätte sie sich denn doch nicht gewachsen gefühlt . Sie hatte die Leute leicht an ihren Haaren zu erkennen gehofft , ihre Aussprüche hätten dann sicher Aufsehen gemacht , aber daß die junge Taun dasselbe Haar wie Ernestine habe , — war ihr nicht eingefallen . Und doch , so froh sie darüber war , es drückte sie tief darnieder , daß ihre Feindin in die Lage kam , eine so demütigende Großmut an ihr auszuüben . „ Sie geben uns ein andermal in engerem Freundeskreise Ihre Kunst zum Besten , nicht wahr ? “ sagte Möllner tröstend wie zu einem Kinde . „ Ja , wenn Sie es wünschen , und wenn Sie mir gestatten wollen , an Ihrem eigenen gewaltigen Haupte — “ Die Stimme zitterte ihr vor Erregung , als sie dies kühne Verlangen aussprach . „ Warum denn nicht ? “ sagte Möllner , „ wenn Sie meinen harten Kopf für ein ergiebiges Terrain halten . “ „ Ihren harten Kopf — o , wie können Sie so sprechen — wenn ich dieses Haupt berühre , werde ich zittern , daß plötzlich Minerva herausspringe , mich für meine Kühnheit zu zerschmettern ! “ 85 Johannes lächelte mitleidig . „ Sie können es nun einmal nicht lassen , mich durch überschwängliche Komplimente in Verlegenheit zu bringen . Sie wissen , ich bin ein einfacher Mensch , welcher dergleichen nicht erwidern kann ! “ „ Wie sollten Sie mir auch erwidern ! — Mir zu gestatten , daß ich Sie verehre , das ist Alles , was ich von Ihnen fordere . Was will denn das Bächlein von dem mächtigen Baume , dessen Wurzeln aus seinen Wellen trinken ? Lassen Sie meine Bewunderung zu Ihren Füßen hinrauschen und ziehen Sie daraus Ihr gewaltiges Sein , so viel Sie wollen und bedürfen — es ist immer genug für Sie da , das Bächlein ist unerschöpflich ! “ Johannes war unangenehm berührt durch diesen Erguß . Was sollte er antworten , ohne das unglückliche Wesen in einer trügerischen Hoffnung zu bestärken oder es tief zu verletzen ? Die Stimme ihres Bruders riß ihn aus der Verlegenheit . Sie waren an der Treppe . „ Da kommen sie ja ! “ rief Herbert der Gesellschaft zu , die sie zu erwarten schien und im Fortgehen begriffen war . Sie stiegen herauf . Elsa nahm Hut und Tuch von dem Kleiderständer . „ Wo bleibst Du nur so lange ? “ fragte Herbert absichtlich laut . „ Mein Gott , wir sind ja durch den Garten geflogen ! “ rief Elsa . „ Haben Sie denn Flügel , Fräulein ? “ fragte spöttisch der Dozent . „ Ja , “ erwiderte Elsa mit verzücktem Blick auf Johannes . „ Sie sind mir wieder gewachsen . “ „ O dann bitte , “ neckte der unermüdliche alte Korpsbursche weiter und zündete sich zum Heimweg an der Korridorlampe eine Zigarre an , „ bitte , fliegen Sie uns doch einmal was vor , — das muß ja reizend sein ! “ „ Sie machen mich nicht irre , “ sagte Elsa mit Pathos : „ Jeder Mensch wird mit Flügeln geboren — “ „ Ja wohl , mit Nasenflügeln ! “ — „ Ach , — ich wollte sagen : Er versteht sie nur nicht zu gebrauchen ! “ „ Komm , liebe Elsa , laß uns gehen , mit den Herren ist nicht zu streiten , “ nahm Angelika das Wort . „ Verabschiede Dich bei der Mutter , wir haben ja einen Weg . “ Elsa tat , wie ihr geheißen . Hinter der Staatsrätin unter der Tür stand Ernestine in tiefer Niedergeschlagenheit . Elsa näherte sich ihr und flüsterte : „ Schlafen Sie wohl , — wenn der schüchterne Morpheus86 sich Ihrem gewappneten Genius überhaupt zu nahen wagt ! “ Ernestine verneigte sich stumm . Herbert zog Elsa fort , indem er ihr zuraunte : „ Mache ihr nur Elogen ! 87 Ich werde sie vernichten ! Der < < kleine > > Mann soll ihr noch fürchterlich groß erscheinen ! “ „ Gute Nacht , süße Mutter . Gute Nacht — arme Ernestine ! “ sagte Angelika und hatte kaum noch Zeit , Beide zu küssen , denn ihr ungeduldiger Gatte hob sie ganz einfach auf und trug sie mit der brennenden Zigarre im Munde die Treppe hinab . „ Gute Nacht , Professor Möllner , “ flüsterte Elsa : „ Das Bächlein zieht seinen Weg weiter dem Meere der Vergessenheit zu ! “ „ Gute Nacht , gute Nacht , “ erscholl es in allen Tonarten , und Vater Heim summte mit seinem rauhen Baß ein altes Burschenlied , in das die Herren luftig einstimmten , denn , die Störung durch die „ verrückte “ Hartwich ausgenommen , war es doch im Ganzen recht hübsch gewesen und Möllners Havana schmeckten auf dem Heimweg in der frischen Nachtluft vortrefflich . — Hätte nur die Hartwich nicht den Scherz mit der Elsa verdorben , das wäre zu köstlich geworden . — Da war ihnen denn doch die Elsa noch lieber , die war auch eine Närrin , aber über sie konnte man wenigstens lachen , das konnte man über die Hartwich nicht . Die Hartwich war auch noch so verteufelt gescheit und wußte ihre Narrheit zu verfechten ; da hörte ja aller Spaß auf ! — So plaudernd , singend , lachend zog der Schwarm am Hause vorüber in die stille , sternfunkelnde Nacht hinein . Die Staatsrätin war mit Ernestinen in das Zimmer zurückgekehrt . Johannes , der die Haustüre hinter den Gästen geschlossen hatte , trat wieder ein und nahm sich neben Ernestinen einen Stuhl . „ Komm Mütterchen , setze Dich zu uns und lerne unsere Ernestine erst noch ein wenig kennen , bevor Ihr schlafen geht . “ Doch die Staatsrätin nahm ihr Schlüsselkörbchen zur Hand : „ Ich bedaure , ich muß Wäsche herausgeben und das Bett des Fräuleins bereiten . Die Dienstboten haben noch mit Aufräumen zu tun . “ „ Mutter , laß doch die Regine das machen und bleibe bei uns , “ bat Johannes mit leisem Vorwurf . „ Die Tafel kann ja bis morgen stehen bleiben ! “ „ Das geht nicht wohl wegen des Silbers . Auch wird das Fräulein der Ruhe bedürfen . “ „ Ich beklage sehr , Ihnen so viel Mühe zu machen , “ sprach Ernestine peinlich berührt . „ O bitte , das tue ich ja mit Vergnügen ! “ Mit diesen kalten Worten verließ die Staatsrätin das Zimmer . Ernestine saß bleich und erschöpft da . Johannes faßte ihre Hand : „ Geduld , Geduld , meine Ernestine , sie wird sich — Ihr werdet Euch wiederfinden ! “ Ernestine schüttelte stumm das Haupt , schwere Wolken lagen auf ihrer Stirn : „ Auch hier ist keine Heimat für mich ! “ „ Noch nicht — aber sie kann es werden ! “ „ Nein — niemals ! “ Johannes preßte die Lippen schmerzlich zusammen : „ Ernestine , Du ahnst nicht , wie weh Du mir tust ! “ „ Ihnen , mein Freund ? Ihnen sollt ’ ich weh tun , dem Einzigen , der mir wohlgetan ? O nein , das will ich nicht , — gewiß nicht ! “ Und sie neigte sich mit tiefem , fast kindlichen Gefühl zu ihm und legte ihre Hand auf die seine . „ O , wenn Du so bist , “ sagte Johannes , sie mit heißer Liebe betrachtend , „ dann fragt man sich , ob Du denn dieselbe sein kannst , dieselbe Ernestine , die ihr köstliches , reiches , unergründliches Herz und alle seine Freuden einem Phantom opfern will , einem Streben , das nicht den tausendsten Teil des Glückes aufwiegt , das sie sich und Andern bereiten könnte . O mein Gott ! “ Er drückte seine Augen in Ernestinens Hand , sie ward von Tränen genetzt : „ Jedes Wort , das Du heute gesprochen , war mir ein Dolchstoß . War es denn möglich , daß Du so denken und fühlen konntest nach der Stunde , die wir heute zusammen erlebt ? O Du schöne , weiße Rose , Du neigtest Dich zu mir , daß ich Dich pflücke , und da ich es tun will , wehren es Deine Dornen ! “ Ernestine legte die noch freie Hand auf seine gesenkte Stirn : „ Johannes , teurer — ja — unendlich teurer Freund , haben Sie Nachsicht mit mir ! Vermöchten Sie sich doch nur einmal in meine Seele zu denken ! Von frühster Kindheit an , in einer Zeit , wo alle Menschen auf den Armen der Liebe getragen , im Schoß der Liebe gebettet werden , ward ich getreten , herumgestoßen , fast zu Tode gequält , weil ich — ein Mädchen war . Jeder Schmerzensschrei meiner Brust , jeder Gedanke meiner Seele , jedes Gefühl meines jungen Herzens fragte : Warum , warum muß ich es so furchtbar büßen , daß ich kein Knabe bin ? Und in jede Wunde , die mir geschlagen , ward die Saat gestreut , die Saat der Rache für mich und mein Geschlecht , des Ehrgeizes , es denen gleich zu tun , welchen ich so erbarmungslos hintangesetzt ward . Sie reifte schnell in der Glut des Zornes über die Ungerechtigkeiten , die ich mein Geschlecht erdulden , die Schwierigkeiten , mit denen ich es kämpfen sah , wo es sich über das Gewöhnliche erheben wollte . Sie wuchs mit mir , sie ward groß , sie durchzweigte mein geistiges Sein , wie die Adern und Nerven meinen Körper ; reißt sie heraus und fordert dann noch , daß ich lebe ! “ Johannes hielt ihre Hand in der seinen und hörte ihr sinnend zu . „ Es ist , “ fuhr Ernestine fort — , ,als ob mein Herz erstarrt wäre , als es am Schmerzlichsten jenes < < Warum bin ich weniger wert als ein Knabe ? > > gen Himmel schrie , und als ob sich diese Frage darin versteinert hätte , daß ich nichts mehr wünschen und erstreben könnte , als die Antwort aus dies Warum ? ! Warum sind wir dem Manne untertan . Warum hängen wir von seiner Großmut ab und müssen elend werden , wo sie fehlt ? Weil der Mann der stärkere ist ? Die Zeiten des Faustrechts sind vorüber ! — Ob nur das uralte Vorurteil seit Menschengedenken die Entwicklung des Weibes zurückhielt , oder ob dieser wirklich physische Hindernisse entgegenstehen , darauf kommt Alles an . Und nicht eher werde ich Frieden finden , als bis ich mich durch die Wissenschaft hiervon überzeugt ! “ „ Und glaubst Du nicht , Ernestine , daß es noch eine dritte Macht gibt , die das schwächere Geschlecht dem stärkeren unterordnet , eine Macht höher als die des Faustrechts , zwingender als die des Geistes : die Liebe ? “ Ernestine sah ihn groß und ruhig an : „ Ich glaube nicht , daß die Liebe vollbringen darf , was die Vernunft nicht billigt . “ „ Wirklich ? “ Johannes schwieg eine Sekunde , dann schritt er mit unterschlagenen Armen im Zimmer auf und nieder und trat endlich vor sie hin . „ Du sprichst von einem Gefühl , das Du nicht kennst — aber , wie Du auch heute manche keimende Hoffnung in mir zerstörtest , die eine nimmst Du mir nicht . Du wirst es noch kennen lernen ! “ Die Staatsrätin kam herein . „ Mein Fräulein , Ihr Zimmer ist bereit , beliebt es Ihnen , mir zu folgen ? “ „ Mutter , “ rief Johannes , „ sei nicht so kalt und förmlich gegen Ernestine . Wer mir so nahe steht , darf Dir nicht ferne bleiben . “ „ Ich wüßte nicht , worin ich gegen Fräulein von Hartwich gefehlt hätte , wir sind uns ja noch gänzlich unbekannt . “ „ Gewiß , Frau Staatsrätin , Sie haben Recht , “ sagte Ernestine . „ Ich bin nicht so unbescheiden , mehr von Ihnen zu fordern , als was Sie dem Fremdesten gewähren — schon das fällt mir schwer , von Ihnen anzunehmen . Ich folge Ihnen auf mein Zimmer , um Sie nicht länger von der eigenen Ruhe abzuhalten — aber seien Sie versichert , ich werde es nur für eine Nacht in Anspruch nehmen ! “ Sie wandte sich zu Johannes und reichte ihm mit einem unbeschreiblichen Blick die Hand : „ Schlafen Sie wohl , mein guter Herr ! “ „ Gott schütze Deinen ersten Schlummer unter meinem Dach ! “ sagte Johannes bewegt , und es war , als nehme dieser Wunsch die lichte Gestalt ihres verlorenen Schutzengels an und schwebe vor ihr her die Treppe hinauf bis in das trauliche Mansarden-Stübchen , in das die Mutter sie führte , als stelle er sich zu Häupten des schneeigen Lagers und fächle mit seinen Schwingen ihrer brennenden Stirn Kühlung zu . „ Mutter , “ sprach Johannes ernst , als die Staatsrätin wieder herunter kam . „ Heute warst Du zum ersten Mal in meinem Leben nicht meine Mutter ! “ Viertes Kapitel . Unversöhnliche Gegensätze . Der Morgen strahlte golden durch die weißen Mousselinevorhänge herein , die Ernestinens Fenster verhüllten , und noch schlief sie fest und friedlich wie ein Kind . Zum ersten Male seit vielen Jahren schreckte sie die Hast der Arbeit nicht auf , stand das Gespenst des Oheims nicht pochend hinter der Tür ; der Schutzengel , den Johannes ihr mitgegeben , ließ es nicht heran . Er hielt noch immer zu ihren Häupten treulich Wache und es war , als empfände das ganze Haus seine heilige Nähe , denn es herrschte darin eine feierliche Stille wie in der Kirche . Alle seine Bewohner waren auf , aber das Gebot des Hausherrn bannte jede Hand , die eine Tür zu schließen hatte , daß sie es leise tat , jeden schreitenden Fuß , daß er sachte ging . Johannes schützte Ernestinens Schlummer , er war ihr so nötig ! Und wie laut sein Herz ihrem Morgengruße entgegenschlug , auch dies brachte er zum Schweigen ! Mit tiefen , vollen Zügen atmete die Schlafende die Wohltat der Ruhe ein , die sie umgab — und welch eine Wohltat war das für die Todmüde ! Die Staatsrätin hatte den Frühstückstisch gerüstet und saß mit der Arbeit am Fenster . Ihre Hände lagen aber mit Nadel und Faden im Schoße und ihre noch vom Weinen geröteten Augen blickten trübe in das kleine Spiritusflämmchen , das seit einer Stunde unter der Kaffeemaschine brannte . „ Was meinst Du ? Ich werde wohl frischen Kaffee kochen sollen , es dauert gar zu lange ! “ redete sie den eintretenden Sohn an . „ Wie Du willst , Mütterchen , “ sagte Johannes . „ Du weißt , ich verstehe davon nichts ! “ Die Staatsrätin klingelte dem Mädchen : „ Regine , nimm den Kaffee hinaus und bring die Maschine wieder , ich will andern machen . “ Das Mädchen schnitt ein Gesicht und tat unwillig , was ihr geheißen . „ Schade um den schönen Kaffee , “ murrte sie im Hinausgehen . „ Ich finde es sehr unangenehm , Mutter , “ bemerkte Johannes , „ daß die Regine sich gewöhnt , alle unsere Anordnungen einer Kritik zu unterziehen . Ich habe nicht gerne solche Dienstboten um mich . Kannst Du ihr das nicht abgewöhnen , dann bitte ich , Mutter , daß Du die Person entfernst . “ „ Sie ist aber tüchtig in der Arbeit und ehrlich , “ entgegnete die Staatsrätin . „ Das mag schon sein , aber deren gibt es wohl noch Manche , die zugleich bescheidener und freundlicher sind . Ich will nicht in jedem frohen Augenblick den Ausdruck des Mißbehagens auf einem Gesicht meiner Umgebung sehen . Ich will Menschen um mich haben , die ihre Pflichten mit Freudigkeit erfüllen . “ „ Solche fallen einem nicht gleich in den Schoß . “ „ So muß man sie suchen ! “ sagte Johannes und brach kurz das Gespräch ab , indem er die Morgenzeitung zur Hand nahm und darin blätterte . Die Staatsrätin seufzte , aber sie schwieg . Regine brachte die Maschine wieder herein und fragte verdrossen : „ Soll das Fräulein oben noch nicht geweckt werden ? “ „ Nein ! “ war Johannes ’ kurze Antwort . „ Da muß man dann das Kaffeegeschirr auswaschen , wenn man zu Mittag kochen sollte , “ murmelte sie wieder und schloß etwas unsanft die Tür hinter sich . „ Nun , Mutter , hab ’ ich ’ s genug . Ich kann mich nicht mit den Mägden herumzanken , aber ich kann sagen , welche mir angenehm ist und welche nicht . Die Regine ändert sich , oder sie geht ! “ „ Du bist auf einmal so unnachsichtig gegen das Mädchen “ — sagte die Mutter bitter — „ wenn Du nur immer in Deinem Leben so unbedingten Gehorsam findest . “ „ Ich weiß , worauf Du anspielst , Mutter — aber das trifft mich nicht . Ich fordere von Jedem nur , was er leisten kann , von der Magd , die ich bezahle , Gehorsam — von dem Weibe , das mir ebenbürtig ist , Liebe ! “ „ Mit der Liebe allein ist ’ s nicht getan ! “ „ Mit der wahren Liebe — ja ! “ „ Es bedarf auch der Hingebung , der Opferfähigkeit . “ „ In der wahren Liebe liegt Alles : Hingebung , Aufopferung — sie gibt das ganze Selbst ! “ „ Nicht Jede vermag , wahrhaft zu lieben . Darum sei auf Deiner Hut , damit man Dich nicht absichtlich oder unabsichtlich täusche . “ „ Beruhige Dich , Mutter — und erspare mir Deine Zweifel , “ sagte Johannes mit ungewohnter Strenge und vertiefte sich wieder in die Zeitung , während sein Ohr auf jedes Geräusch an der Tür lauschte . Die Staatsrätin holte aus einem Wandschränkchen eine zierliche Handmühle und begann , den neu zu bereitenden Kaffee zu mahlen . Die Uhr schlug halb neun . „ Man sieht , daß die junge Dame an keine Hausordnung gewöhnt ist , “ konnte die Staatsrätin nicht umhin zu bemerken . „ Ich sehe nur , daß sie nach dem gestrigen Tage des Schlafes bedurfte ! “ „ So lange schläft man nicht , wenn man gewöhnt ist , rechtzeitig aufzustehen . “ „ Wenn man die ganzen Nächte durch arbeitet , kann man das nicht . “ „ Eine schlimme Eigenheit für eine Hausfrau ! “ „ Mutter , “ fuhr Johannes auf , „ ich würde irre an Dir , kennte ich Dein Herz nicht so gut ! “ „ Wirklich ? “ Die Staatsrätin schüttete den Kaffee auf , ihre Hände zitterten aber merklich dabei : „ Dieses Mädchen bringt viel zu Stande ! Seit sie im Hause , ist Alles anders . Heute wirst Du irre an mir — gestern war ich Deine Mutter nicht mehr ! Und dennoch , mein Sohn , habe ich mich nie , nicht in der Stunde , da ich Dich mit Schmerzen gebar , so sehr als Deine Mutter gefühlt , wie in dieser schweren Sorge um Dein Glück ! “ — Sie konnte nicht weiter sprechen , die Bewegung übermannte sie . „ Mütterchen , “ rief Johannes und umschlang die alte Frau zärtlich . „ Du sollst nicht weinen um ein rasches Wort von mir . Komm , sei ruhig — ich bin heute so froh ! — Geh , geh . Du gute Mutter , hol die Rute für den ungezogenen alten Jungen ! “ Die Staatsrätin lächelte wieder und streichelte das glänzende Haar des liebenswürdigen Mannes . „ Gott segne Dich — Du guter Sohn ! Es ist ja nichts als Liebe , wenn ich Dich nur der besten , der edelsten aller Frauen gönne , wenn ich zittere , daß Du , ein Mann , wie ’ s keinen zweiten mehr gibt , Dich an ein Weib wegwirfst , das Deiner unwürdig wäre ! “ „ Glaube mir , Mutter , ich verstehe Dich und danke es Dir , aber , wenn Du mich glücklich machen willst , dann liebe mich etwas weniger und Ernestinen etwas mehr ! Das ist Alles , was ich von Dir fordere , willst Du mirs nicht gewähren ? “ „ Das Erstere kann ich nicht — das Letztere aber will ich versuchen , weil Du es wünschest , mein Sohn ! “ „ So ist ’ s recht , Mutter ! “ rief Johannes und küßte ihre immer noch schönen Hände . „ Und nun erlaube ich Dir auch , daß Du unsern Gast weckst , ich möchte sie doch gerne noch sehen , bevor ich ins Kolleg muß ! “ „ Hier ist sie schon ! “ sagte die Staatsrätin und ging der Eintretenden entgegen . „ Guten Morgen , mein liebes Fräulein , wie haben Sie geruht ? “ und sie bog Ernestinens Kopf ein wenig herab und drückte einen Kuß auf ihre Stirn . Ernestine sah sie überrascht und dankbar an : „ O ich schlief wie von Engeln gewiegt . So erfrischt , so erholt fühlt ’ ich mich lange nicht ! “ Dann streckte sie Johannes einen Strauß weißer Rosen hin und fragte : „ Haben Sie die schönen Rosen vor meine Tür legen lassen ? “ Johannes errötete leicht , sein Auge haftete trunken auf der herrlichen Erscheinung : „ Ja , ich legte sie selbst dahin . “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte Ernestine . „ Sie sind so gut gegen mich wie nie ein Mensch ! Ich habe wohl viele Blumen in meinem Garten , aber keine freute mich so — wie diese . Ich bekam , so lange ich lebe , noch keine Blumen geschenkt . Jetzt weiß ich erst , wie wohl das tut . “ „ Hat Ihnen Ihr Oheim nie zum Geburtstag einen Strauß beschert ? “ fragte die Staatsrätin . „ O nein ! Und am Ende hätte es mich auch von ihm nicht einmal so gefreut ! “ meinte Ernestine mit ruhiger Unbefangenheit . Johannes ’ Gesicht strahlte bei diesen Worten . „ Wann ist denn Dein Geburtstag , Ernestine ? “ fragte er , während die Staatsrätin sie zum Frühstücken nötigte . Ernestine setzte die Tasse nieder , die sie eben zum Munde führen wollte und blickte ihn verwundert an : „ Das weiß ich nicht ! “ „ Du weißt es nicht ? “ rief Johannes . „ Ich will meinen Oheim fragen . Er hat mir ’ s wohl einmal gesagt , aber ich habe es vergessen . “ Die Staatsrätin schlug die Hände zusammen : „ Vergessen , den eigenen Geburtstag ? Ist das möglich ! Wurde er denn nie gefeiert ? “ „ Gefeiert ? “ wiederholte Ernestine verwundert . „ Nein ! — Weshalb sollte er gefeiert werden ? “ „ Wie — Sie kennen diesen schönen Liebesbrauch gar nicht ? “ Ernestine schüttelte fast wehmütig den Kopf : „ Ich kenne keinen Liebesbrauch . “ Die Staatsrätin sah sie mitleidig an . „ Da wissen Sie wohl kaum , wie alt Sie sind ? “ „ Genau freilich nicht , aber mein Vater starb , als ich zehn Jahre alt war . Er warf mir kurz vor seinem Tode vor , daß ich als ein zehnjähriges Mädchen noch so klein und schwach sei . Seitdem aber sind zwölf Sommer verstrichen . “ „ Armes Kind , “ sagte die Staatsrätin . „ Jetzt wird mir manches klar ! “ „ Nicht wahr , Mutter ? “ Johannes nickte ihr über den Tisch herüber . „ Da ließ Ihr Oheim Sie viele Lebensfreuden entbehren , “ fuhr die Staatsrätin fort . „ Solche wohl — aber ich will nicht undankbar sein , er gab mir andere dafür — und nicht minder hohe und schöne ! “ „ Und welche wären denn das ? “ „ Er lehrte mich denken und arbeiten ! Größere und reinere Freuden gibt es nicht ! “ Die Stirn der Staatsrätin umwölkte sich wieder . Johannes sah es und brach das Gespräch ab . „ Ernestine , es ist Dir nicht gesund , daß Du den Kaffee ganz schwarz trinkst . Das reizt Deine Nerven noch mehr . “ „ Im Gegenteil , mein Oheim empfahl mir , ihn so zu nehmen , um mich wieder zu beleben . Ich könnte ohne dies Mittel des Morgens mein Tagewerk oft gar nicht beginnen . “ „ Das stimmt vollkommen mit der Erziehungsmethode Deines Oheims überein . Erst spannt er Dich übermäßig durch Wachen und Nachtarbeit ab und dann regt er Dich durch künstliche Mittel wieder auf . Du wirst aber doch endlich einsehen , daß Du Dich bei dieser Lebensweise , wo nur Erschlaffung und Überreizung mit einander wechseln , aufreiben mußt . Ich weiß in der Tat nicht , was ich von dem Gewissen Deines Oheims auch in diesem Punkte denken soll ! “ Ernestine sah betroffen vor sich nieder , sie erkannte die Wahrheit in Johannes ’ Worten . „ Aber sage mir , Johannes , “ bemerkte die Staatsrätin , „ Du beobachtest eine seltsame Etikette — Du nennst das Fräulein < < Du > > , ohne daß sie Dich durch ein Gleiches dazu berechtigt ? “ „ Sie will es ja so ! “ „ O ja , ich bat Ihren Sohn darum . Es ist mir so heimatlich , wenn er zu mir spricht wie damals , als ich noch ein Kind war ! Es ist mir dann , als sei ich wieder ein Kind und könne mein Leben von Neuem beginnen ! “ „ Dann sollten Sie aber wenigstens auch < < Du > > sagen , so etwas darf doch nicht einseitig bleiben . “ Ernestine errötete : „ Ersparen Sie mir das , ich kann es nicht — noch nicht , vielleicht später . “ „