Grafschaft Hessen-Homburg zu . Größeres lag ihm nunmehr ob , und das Kleinere , das so viele Jahre lang der Gegenstand seiner liebevollen Sorge gewesen war , mußte daneben zurückstehen . Die Administration der märkischen Güter ward immer schwieriger , und so sprach er denn – nachdem er übrigens im Jahre 1679 noch Amt Neustadt durch Ankauf des Lüderitzschen Rittergutes Dreetz erweitert hatte – seine Bereitwilligkeit aus , besagtes Amt an den Kurfürsten Friedrich III. käuflich abzutreten . Dies war 1694 . Was er aber bis dahin gegründet hatte , lebte fort und prosperiert ( wenigstens teilweis ) bis diese Stunde noch . Überall hatte sein Blick das Richtige getroffen , das , was den gegebenen Bedingungen entsprach . Er starb 1708 . Eberhard von Danckelmann Eberhard von Danckelmann Zu spät , zu spät , liebe Lady mein , Es ist nicht mehr , wie sonst es war , Meine Feinde gelten bei Hofe jetzt . Alte Ballade 1694 war Neustadt wieder ein kurfürstliches Amt geworden und Eberhard von Danckelmann wurde zum Amtshauptmann bestellt . Ein volles Lebensbild dieses hervorragenden Mannes zu geben , kann an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein . Nur eine Skizze . Christoph Balthasar Eberhard von Danckelmann wurde den 23. November 1643 zu Lingen geboren . Er war der in der Mitte stehende ( vierte ) von sieben Brüdern , die sich sämtlich im Staatsdienst auszeichneten , weshalb einem etwa um 1690 angefertigten Bildnis des Vaters dieser Sieben die lateinische Unterschrift gegeben wurde : Integra miretur Sapientes Graecia septem , Hic uni videas tot bona rara Patri . Der bekannte Oberzeremonienmeister und Hofpoet von Besser beglückwünschte später ( 1694 ) in einem Lob- und Huldigungsgedicht 72 auf Eberhard von Danckelmann ebenfalls den Vater desselben und wußte bei dieser Gelegenheit den Inhalt obigen lateinischen Verses geschickt in seine Dichtung hineinzuverweben . Dein Vater hatte mehr als viel ' verlangen könnten , Er hatte sieben Söhn ' und alle bei dem Staat , Drei sind Geheime Rät ' und drei sind Präsidenten , Des allerjüngsten Amt ist Kanzler sein und Rat . Gewiß , wer dieses sieht , kann sicher von ihm preisen , Was jener von ihm schrieb in kräftigem Latein : » Das ganze Griechenland hat seine sieben Weisen , In seinen Söhnen hat sie Danckelmann allein . « So viel , vorgreifend , über das » Siebengestirn « . Wir kehren zu unserem Eberhard von Danckelmann und unserer biographischen Skizze zurück . Von früh auf war er ausgezeichnet . In seinem zwölften Jahre doktorierte er in Utrecht und sprach über das schwierige Thema de Jure Emphyteusis , was ein solches Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt machte , daß Beglückwünschungsschreiben von anderen gelehrten Schulen eintrafen . Später reiste er und machte sich die wichtigsten Sprachen , französisch , englisch , spanisch und italienisch zu eigen . Von Besser drückt sich über diese Tatsache , der zunächst ( 1663 ) die Ernennung Danckelmanns zum Direktor studiorum oder Ephorus beim Markgrafen späteren Kurprinzen Friedrich gefolgt war , in nachstehenden Alexandrinern aus : Du sahest und durchzogst die witzigsten Provinzen , Und so , daß Dein Verstand das Beste mit sich nahm , – Mit diesem Zubehör kamst Du zu Deinem Prinzen Bevor er aus der Hand des Frauenzimmers kam . Das » Frauenzimmer « war natürlich die Gouvernante . Danckelmann bewährte sich in seiner Stellung als Prinzenerzieher . Er zeigte nicht nur Wissen , sondern auch besondere Feinheit des Geistes , was von Besser zu der selbst feinen Bemerkung veranlaßte : Wer Prinzen Lehren gibt , polieret zarte Spiegel , Drin wer den Spiegel schleift , sein eigen Bildnis sieht . 1665 erfolgte seine Ernennung zum Titular- , 1669 zum Halberstädtischen , 1676 zum Kleveschen Geheimen Regierungsrat , Stellungen , die ihn wenigstens zeitweilig vom Berliner Hofe entfernen mußten . Aber nicht auf lange . 1679 , inzwischen zum Geheimen Kammer- und Lehnsrat aufgestiegen , sehen wir ihn bereits wieder an der Seite des späteren Kurprinzen , dem er , um eben diese Zeit , einen Beweis besonderer Anhänglichkeit und Treue zu geben in der Lage war . Er rettete nämlich den Prinzen aus einer tödlichen Krankheit , welche den letzteren im Winterfeldzuge 1679 in Preußen befiel . In einem interessanten Flugblatte , das den Titel führt : » Fall und Ungnade zweier Ersten-Staatsminister des königlich preußischen Hofes ( Danckelmann und Wartenberg ) , Köln bei Peter Marteau 1712 « finde ich darüber folgendes : » Als des Kurprinzen Leben , wegen eines schweren Stickflusses in höchster Gefahr war und während die Leibmedici sich nicht vergleichen konnten über die Arzenei , die dem Patienten gegeben werden sollte , hat Danckelmann ihm dasselbe durch ein gewagtes Aderlassen erhalten wie schon alle Sinne verloren waren , und hat sich also , aus Liebe für seinen Prinzen , in eine große Verantwortung gesetzt . « So jenes Flugblatt . Danckelmann bewährte sich auch anderweitig : er opferte dem Kurprinzen sein Vermögen , und zwar » zu solcher Zeit , da sein Herr noch nicht auf dem kurfürstlichen Throne war , vielmehr durch allerhand Intrigues von dem Hofe fern gehalten , eines solchen Vorschubes höchst benöthigt war « . 1688 , als der Kurprinz seinem Vater , dem Großen Kurfürsten , in der Regierung folgte , wurde Danckelmann zum Geheimen Staats- und Kriegsrat ernannt und ihm fast unumschränkt das Steuer der Regierung überlassen . Er schlug eine kluge , feste , von Erfolg gekrönte Politik ein , und wenigstens zu Lebzeiten Friedrichs I. ist seine Stelle nicht wieder ausgefüllt worden . Daß er dem Kurfürsten abgeraten habe , sich zum Könige zu erheben , ist längst widerlegt ; er arbeitete vielmehr mit aller Kraft zu diesem Ziele hin . 1695 zum Premierminister und Oberpräsidenten ernannt , stand er auf seiner Höhe . Mehr und mehr jedoch begann sein Leben jener Schilderung zu gleichen , die von Besser , in seinem mehrerwähnten Lobgedicht , schon das Jahr zuvor davon entworfen hatte : Es liegt die ganze Last und aller Ämter Bürde Nach Deinem Herrn auf Dir , der Dich damit beschwert ; Man neide nicht zu sehr die Dir vertraute Würde , Du bist , wer es bedenkt , mehr des Bedauerns wert . Ihn selbst begleitete dies Gefühl beständig . Alle Zeit bemüht , durch Zurückweisung erneuter Ehren , sich dem Haß der Höflinge zu entziehen , geschah schließlich doch , was ihm eine Vorahnung von Anfang an gesagt hatte : Neid und Intrige gewannen die Oberhand . Dem drohenden Sturze wenigstens nach Möglichkeit auszuweichen , bat er selbst um seinen Abschied , der ihm auch unterm 27. November 1697 gegeben wurde . Er zog sich nach Neustadt a. D. , zu dessen Amtshauptmann er 1694 oder nach anderen Angaben erst 1696 ernannt worden war , zurück , woselbst er nunmehr Tage der Ruhe zu finden hoffte . Die Bosheit seiner Feinde jedoch war nicht erschöpft . In Sorge , daß er aus seiner selbstgewählten Verbannung jeden Augenblick wieder in ihrer Mitte erscheinen könne , gab man ihm schuld , mit fremden Potentaten eine nicht zulässige Korrespondenz geführt zu haben , und auf diese Beschuldigung hin ward er am 10. Dezember 1697 in Neustadt festgenommen . Die später gegen ihn ausgearbeitete Prozeßschrift bestand aus 109 , nach anderer Angabe sogar aus 290 Anklagepunkten . Man führte den Beklagten von Neustadt nach Spandau , dann zwei Monate später nach Peitz . » Dabei – so heißt es in unserem mehrzitierten Flugblatte – blieb es übrigens nicht , man nahm ihm auch alle seine Güter . Endlich gegen Ausgang des Jahres 1707 , als dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm der erste Sohn geboren worden war , ward er in Freiheit gesetzet , mit der Ehre oder vielmehr mit der Schande , unter den Delinquenten , denen die Solennität dieser Geburt ( eines Prinzen ) die Gefängnisse geöffnet hatte , voran zu stehen . Dabei war seine Freiheit so eingeschränket , daß er weniger einem freien Menschen als einem Gefangenen glich , der seine Ketten mit sich schleppet und nicht aus dem Gesicht gelassen wird . Nur in dem kleinen Bezirke von Cottbus durfte er sich sehen lassen und spatzieren gehen . « So gingen die Dinge bis 1713 . Unmittelbar nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. wurde Danckelmann freigegeben und durch den König nach Berlin berufen . Dieser benutzte vielfach seinen Rat , gab ihm aber sein Vermögen nicht zurück . Danckelmann starb 1722 im achtzigsten Lebensjahre . * Erscheinung und Charakter Danckelmanns finden wir in der bei Peter Marteau erschienenen Broschüre wie folgt beschrieben : » Danckelmann war von einer großen Taille , etwas korpulent , aber allezeit von gutem Ansehen . Sein Geist hatte den Stempel des Bedeutenden ; er war gediegen , zuverlässig , scharfsinnig , mit einem guten Judicio begabt , dabei durch gute Studia , sowie durch vieljährige Erfahrung bei Hofe , große Affairen und unermüdlichen Fleiß ausgebildet . Hervorragend wie seine Klugheit war seine Redlichkeit , die ihn jederzeit nur auf das allgemeine Beste und das Interesse seines Herrn bedacht machte . Er trennte das Eine nicht von dem Andern . Solche allzu aufrichtige Sitten , ein etwas allzu ernsthafter Humeur ( er soll nie gelacht haben ) und allzustrenge Formen , waren nicht bequem , einen guten Hofmann zu machen . Er wollte lieber dem Fürsten Instruktion geben , indem er ihm die Wahrheit sagte , als ihm schmeicheln , indem er ihm die Wahrheit verhehlte ; er wollte lieber den Calumnien seiner Neider sich unterwerfen und dabei seine Schuldigkeit thun , als dem Fürsten gefallen und ihn danach verrathen . « So die P. Marteausche Broschüre . Damit stimmen durchaus die von Besserschen Verse : Was fordert man von Dir ? Verlanget man Geblüte ? Du hast ein alt Geblüt ; verlanget man Gestalt ? Du hast sie , und noch mehr , Du hast auch ein Gemüte , Das mehr zu schätzen ist , als Ansehn und Gewalt . Verlangt man Wissenschaft ? In Dir sind alle Künste ; Verlangt man Tugenden ? Wer kennt nicht Deine Treue ? Wer nicht Dein edles Herz entfernet vom Gewinnste , Wie groß , wie unverzagt , wie standhaft solches sei . 73 Nach diesem Versuch einer kurzen Charakteristik , erübrigt uns nur noch , unter Hinzufügung einiger Züge , zu rekapitulieren , inwieweit Danckelmann in Beziehung zu Neustadt trat . Es ergibt sich dabei das Folgende : 1694 wurde Neustadt , wie weiter oben erzählt , seitens des Kurfürsten erworben und Danckelmann zum Amtshauptmann bestellt . Es scheint , daß der Ankauf überhaupt nur geschah , um eine neue , einträgliche Stellung für ihn zu kreieren . Wir finden nämlich in der dieser Skizze vorzugsweise zugrunde gelegten Schrift von 1712 die nachstehende Stelle : » Den Ankauf der Grafschaft Spiegelberg , womit der Kurfürst ihn begnadigen wollte , suchte Danckelmann zu hintertreiben . « Da es eine » Grafschaft « Spiegelberg nirgends gibt , so ist hier selbstverständlich jene Neustädter Fabrik-und Spiegelmanufaktur-Vorstadt gemeint , die bis diesen Tag den Namen » Spiegelberg « führt . Daß Danckelmann , solange ihn die Fülle seiner Ämter – er war auch Erbpostmeister geworden – in Berlin festhielt , oft und andauernd in Neustadt verweilt habe , läßt sich nicht annehmen ; andererseits ist es unzweifelhaft , daß er mit der ihm eigenen Umsicht alle dortigen Unternehmungen , die seit dem Ausscheiden des Prinzen von Hessen-Homburg ( 1678 ) ins Stocken geraten waren , wieder in Gang brachte . Die reichen Mittel , über die teils sein Vermögen , teils seine hohe Stellung ihm Verfügung gab , erleichterten ihm dies . Besonders scheint er sich auch an Vollendung und Ausschmückung der , wie wir wissen , 1673 begonnenen und 1686 eingeweihten Kirche beteiligt zu haben . So fand ich unter andern im Bratring : » Erst 1696 wurde der innere Ausbau der Kirche durch den Amts-Hauptmann von Danckelmann beendigt . « Schon damals mochte der Wunsch in ihm lebendig sein , sich je eher je lieber aus den Kabalen des Hofes heraus und an diese stille Stelle zurückzuziehen , deren weiter Wiesengrund ihn auch landschaftlich an die Tage seiner Jugend , an Lingen und Kleve erinnern durfte , und , werden wir kaum irregehen , wenn wir ihn , in jenem letzten kurzen Zeitabschnitte , der dem Einreichen beziehungsweise der Annahme seiner Demission unmittelbar vorausging , bereits innerhalb seiner Amtshauptmannschaft vermuten . Jedenfalls erfolgte , wie schon hervorgehoben , am 10. Dezember 1697 seine Verhaftung in Neustadt . Von jenem 10. Dezember an , wo man Danckelmann in Haft nahm und nach Spandau hin überführte , war es mit Neustadts historischer Zeit vorbei . Treffliche Kräfte waren auch noch weiterhin wirksam , aber kein Name wie Königsmarck , Prinz von Hessen-Homburg , Danckelmann war unter ihnen . Blicken wir zum Schluß noch auf das , was der Stadt aus ihrer historischen Zeit her geblieben ist . Die Amtsfreiheit an dem Knie gelegen , das die vom Bahnhofe kommende Straße durch Einmündung in die Hauptstraße bildet , ist dieselbe Lokalität , wo sich früher das Amt befand . Wie weit dies » früher « zurückreicht , ist fraglich . Gewiß ist nur , das sich das um 1787 von Neustadt nach dem benachbarten Dorfe Dreetz verlegte Amt in ebengenanntem Jahr ( wie sehr wahrscheinlich auch mehrere Jahrzehnte früher schon ) an dieser Amtsfreiheitsstelle befand . Was sich bis diese Stunde noch an Baulichkeiten daselbst vorfindet , repräsentiert einen leidlich modernen Privatbesitz , dem , mit Ausnahme zweier prächtiger alter Bäume , die die Auffahrt bewachen , jeder Hauch von Historischem fehlt . Die Kirche die sich fast in Front der Amtsfreiheit auf dem triangelförmigen Marktplatze der Stadt erhebt , ist eine Kuppelkirche und stellt in ihrem Grundriß ein kurzes griechisches Kreuz dar . Sie gibt sich sauber von außen und innen , womit so ziemlich erschöpft ist , was sich zu ihrem Lobe sagen läßt . In den vier abgestumpften Ecken des Kreuzes erheben sich die vier Fenster , hoch und lichtvoll und langweilig , wie denn überhaupt alles von jener symmetrischen Anordnung ist , die mehr durch Nüchternheit stört , als durch Übersichtlichkeit erbaut . Im östlichen Kreuzstück : der Altar , im nördlichen die Kanzel , und beiden gegenüber zwei Emporen , in die sich , wenn ich recht berichtet bin , die Honoratioren der Stadt und die Beamten des Gestüts gewissenhaft teilen . Das Letztere tritt uns hier noch einmal in seiner ganzen Distinguiertheit entgegen , und trägt unterhalb seines Chors ein großes vielfeldriges Wappen , das mir , seitens meines Führers , einfach als das » Gestüts-Wappen « bezeichnet ward . Es ist aber nur das Preußische . Eine daneben oder darunter befindliche Inschrift ist von relativer Wichtigkeit , insoweit sie uns positive Anhaltepunkte für die Geschichte der Stadt und dieser Kirche gibt . Sie lautet : » Anno 1666 hat das Feuer durch Gottes Schickung das Schloß , Kirche und Stadt allhier verzehrt und unter der hochlöblichen Regierung des Durchlauchtigen Kurfürsten und Herrn , Herrn Friedrich Wilhelm , Markgraf zu Brandenburg , hat der Durchlauchtige Fürst und Herr , Herr Friedrich , Landgraf zu Hessen-Homburg , Anno 1673 diese neue Kirche zu bauen angefangen . Anno 1686 ist abermal der neueste Theil der Stadt in Feuer aufgegangen ; jedoch ist noch in demselben Jahre die Kirche von Johannes Michael Helmich , Pfarrer allhier , eingeweiht worden . 1694 hat der Durchlauchtige und Großmächtigste Kurfürst und Herr , Herr Friedrich III. , das ganze Ambt erhandelt und seine Excellenz Oberpräsident Freiherr Eberhard v. Danckelmann als Amts-Hauptmann darin bestellt , welcher Anno 1696 den ganzen Kirchenbau zu Ende bringen läßt . « Der » Spiegelberg « dem wir uns zuletzt zuwenden , ist eine reizend gelegene Vorstadt am anderen Ufer der Dosse . Hier war es mutmaßlich , wo der Prinz von Hessen-Homburg jene eingangs erwähnten fünfundzwanzig Familien ansiedelte , die berufen waren , das bis dahin kaum über ein Dorfansehen hinausgewachsene Neustadt in einen Fabrikort umzuwandeln . Der Prinz war der Mann der Initiative , gewiß , aber wir werden seinem Verdienste kaum zu nahe treten , wenn wir , auch an dieser Stelle wieder , die Vermutung aussprechen , daß erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts all das von ihm Gepflanzte wirklich reichliche Früchte trug . Die Neustädter Glasindustrie hatte zu dieser Zeit ein Ansehen gewonnen , und besonders seine Spiegel bildeten einen nicht unerheblichen Exportartikel . Was sich jetzt noch von Gebäuden auf dem » Spiegelberge « vorfindet , gehört nicht der Epoche des » Landgrafen « , sondern sehr wahrscheinlich den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms I. an , wenigstens scheint die Bauweise , die man kurzweg als eine kümmerliche Nachahmung des Holländischen bezeichnen kann , darauf hinzuweisen . Die Glasschmelze , vor allem aber das Langhaus , in dem ehedem die Spiegelplatten belegt wurden , – sie wirken wie bloße Schuppen , denen man bemüht gewesen ist , mittelst roten Anstrichs ein etwas höheres Ansehn zu geben ( ein Ansehn von dem , was sie nicht sind ) und erinnern dadurch an die derselben Zeit angehörigen Soldatenwesten , die gar keine Westen waren , sondern nur angenähte Tuchlappen . Am meisten tritt einem diese Dürftigkeit an dem hier errichteten reformierten Betsaal entgegen , der dasselbe Fachwerk und dieselbe rote Tünche zeigt , und seine Bestimmung durch nichts anderes andeutet als durch einen Dachreiter in Form eines aus Schindeln zusammengeklebten Schilderhauses . Zu Häupten desselben ein Glöckchen . Das Ganze fiel uns auf , wenn auch nur durch seine Wunderlichkeit . Wir traten deshalb dicht an die hohen , aus kleinen grünen Scheiben zusammengesetzten Fenster heran und sahen in den Betsaal hinein , der aus einem Katheder und sechs Bank- und Pultreihen bestand . Auf den Pulten lagen viele Gesangbücher aufgeschlagen , als habe eben erst eine Gemeinde diesen Betsaal verlassen . Und doch waren es über drei Jahre , seit man sich hier zum letzten Male versammelt hatte . Das Ganze berührte mich unheimlich , etwa wie ein angerichtetes Mahl , das von langer Zeit her seiner Gäste harrt , oder wie die leise Musik in Spukschlössern , drin Geigen unsichtbar zum Tanze spielen . Aber kein Tänzer kommt . Wusterhausen a. D. Trieplatz Trieplatz Ein Kapitel von den Rohrs Die Douglas waren immer treu . Schottisches Lied Trieplatz ist alter Besitz der Rohrs , wiewohl es nicht zu den Gütern zählt , die , gleich nach ihrem Erscheinen in den Marken , von ihnen erworben wurden . Die Rohrs kamen mutmaßlich aus Bayern und stammen , einer Familiensage nach , von jenem Grafen von Abensberg ab , der mit zweiunddreißig Söhnen am Hoflager Kaiser Heinrichs IV. erschien . 75 Einer dieser zweiunddreißig , Adalbert mit Namen , wurde mit dem in der Nähe von Abensberg gelegenen Dorfe Rohr belehnt und nannte sich danach Adalbert von Rohr . Er war ein tapferer Kriegsmann , gegen Ende seines Lebens aber verließ er Haus und Hof und Weib und Kind und baute das Kloster Rohr , in das er nun selber eintrat . Dies war 1133 . Die Kirche des damals gestifteten Klosters , zum Teil aus Salzburger Marmor aufgeführt , ist noch sehr wohlerhalten ; über dem Altar befindet sich ein zweigeteiltes Gemälde , dessen eine Hälfte den Adalbert von Rohr darstellt , wie er im Ritterkleide das Gelübde ablegt , die andere Hälfte , wie er , im geistlichen Ornate bereits , vom Bischofe die Weihen empfängt . Die Nachkommen dieses Adalbert von Rohr waren es , die zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts im Brandenburgischen erschienen , nach einigen im Gefolge Markgraf Ludwigs von Bayern , der 1323 die Mark in Besitz nahm , nach anderen schon um beinahe zwanzig Jahre früher . Gleichviel , um die Mitte des Jahrhunderts sehen wir die Familie von Rohr in der Priegnitz und zwar in Freyenstein , Holzhausen und Meyenburg angesessen , und etwa zur Reformationszeit auch im Ruppinschen . Sie besaßen hier ganz oder teilweis : Leddin , Brunn , Trieplatz , Tramnitz , Ganzer . Leddin war , soweit die Ruppinschen Güter in Betracht kommen , am frühesten erworben worden , etwa um 1400 . Eine Geschichte der Rohrs schreiben wollen , hieße mittelbar eine Geschichte Brandenburg-Preußens schreiben . Bei Leuthen , Lipa , Leipzig , An der Katzbach und an der Schlei , Von Fehrbellin bis Sedan , – Ein Rohr war immer dabei . Sie sind eiserner Bestand in den Ranglisten unserer Armee , zu allen Zeiten mit einem Dutzend Leutnants und Kapitäns vertreten . Aber auch darüber hinaus bewährt und treu befunden , finden wir sie als Generalleutnants und Generalmajors in nicht geringer Zahl . Und wie im Heer , so in Staat und Kirche . Um 1400 Otto von Rohr , Bischof von Havelberg ; seitdem in langer Reihenfolge , Präsidenten und Pröbste , Amtshauptleute und Ritterschaftsräte , verschieden an Gaben und Verdienst , aber in drei Eigenschaften einig : gütig , tapfer , loyal . Nicht von dem Ruhm der Familie will ich in nachstehendem erzählen , nicht von denen , die bei Prag mitstürmten und bei Hochkirch unter Tod und Flammen aushielten ; es entspricht dem einfach-demütigen , alles Anspruchsvolle zurückweisenden Sinne der Familie mehr und besser , wenn ich bei Genrebildern verweile , wie sie das Leben dreier auf einander folgender Generationen bot . Ich wähle diese drei Generationen aus den Trieplatzer Rohrs . Begleite mich der Leser zunächst nach Trieplatz selbst . Trieplatz liegt eine Meile nördlich von Wusterhausen an der Dosse . Der Weg geht über Brunn , das , wie schon angeführt , früher ebenfalls den Rohrs zugehörte , seit Ende vorigen Jahrhunderts aber in den Besitz der Rombergs übergegangen ist . 76 Die ganze Gegend am Dosseufer hin , von dem wir uns übrigens mehr und mehr entfernen , ist , wie so viele Punkte der Mark , witwenhaft traurig und mit keinem andern Reize ausgestattet als dem einen , den ihr eben dies Witwenkleid leiht . Wohl ist dies Kleid unter den Händen der Kultur , die hier und dort , wie eine heitere Enkelin , ein buntes Band eingeflochten hat , um seinen vollen Trauergehalt gekommen , aber das , was vorherrscht und nach wie vor den Charakter gibt , ist doch immer noch das monotone Grau , das selbst der Ackerscholle nicht fehlt , die daliegt , als ob Asche über ihr frisches Braun ausgestreut worden wäre . Kein See , kein Weiher , kein Fluß ; von Zeit zu Zeit eine Gruppe graugrüner Bäume , meist Pappeln und Weiden , die die Stelle andeuten , wo hinter Wipfeln ein Dorf vergraben liegt . So hinter Wipfeln vergraben liegt auch Trieplatz . Im Näherkommen bemerken wir eine prächtige Linden- und Kastanienallee , deren Linien sich kreuzen und dann avenueartig auf den alten und neuen Hof des Gutes zuführen . Der alte Hof , jetzt eine bloße Meierei , war der Rittersitz des vorigen Jahrhunderts . Dort stand das Herrenhaus , ein einfacher Fachwerkbau , den Georg Moritz von Rohr bewohnte . Von ihm erzähle ich zuerst . Der Hauptmann von Capernaum » Der Hauptmann von Capernaum « Georg Moritz von Rohr war 1713 geboren . Selbstverständlich trat er in die Armee – in welches Regiment habe ich nicht erfahren können – war bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges Hauptmann , wurde in einer der ersten Schlachten schwer verwundet und zog sich , zu fernerem Kriegsdienste untauglich , auf sein väterliches Gut Trieplatz zurück . Er war ein echter Rohr , einfach von Sitten , ein frommer Christ , dabei von jenem verqueren Zuge , der auch aus den schlichtesten Naturen Originale schafft . Georg Moritz von Rohr war ein solches Original . Er gab es schon dadurch zu verstehen , daß er sich selber den » Hauptmann von Capernaum « nannte . Die Worte , die , der Schrift nach , der wirkliche Hauptmann von Capernaum an Christum richtete : » Herr , ich bin nicht wert , daß du unter mein Dach gehest « entsprachen ganz seinem eignen demütigen Herzen , aber über all dies hinaus reizte ihn , seiner ganzen Natur nach , auch wohl das Scherzhafte , das in der selbstgewählten Bezeichnung eines » Hauptmanns von Capernaum « lag . Kein Zweifel , seine Popularität zog Nahrung aus diesem Namen , was ihn indes in der ganzen Gegend am populärsten machte , das waren doch seine vielen Brautwerbungen , die nicht abrissen und ihn befähigten , es bis auf vier Frauen zu bringen . 77 Dies allein schon würde genügt haben , alle Zeugen der Grafschaft über ihn in Bewegung zu setzen , unser Hauptmann von Capernaum aber wußte nebenher noch dem immer wiederkehrenden Begräbnis- und Freiwerbungszeremoniell so viel eigentümlichen Beisatz zu geben , daß auch die jedem Klatschbasentum abgeneigtesten Kreise notwendig Notiz davon nehmen mußten . An dem jedesmaligen Begräbnistage ließ er singen : » Lobe den Herrn meine Seele « , hielt in Promptheit und Treue das Trauerjahr und sprach dann mit einem gewissen humoristischen Trotze : » nimmt Gott , so nehm ich wieder . « War aber dies Wort erst mal gesprochen , so begannen auch , vom nächsten Tag an , seine Freiwerbungen aufs neue , bei denen er ebenso konsequent und systematisch verfuhr , wie bei dem vorgeschilderten Funeralzeremoniell . Und auch bei diesen Freiwerbungen ist näher zu verweilen . Georg Moritz von Rohr hatte nämlich drei nicht mehr junge Kusinen , die zu Tornow lebten und die Namen führten : Henriette , Jeannette und Babette von Bruhn . Im Trieplatzer Herrenhause , wo sie bloß als eine dreigegliederte Einheit galten , lief ihr Unterschied auf einen einzigen Buchstaben hinaus : Jettchen , Nettchen und Bettchen . Namentlich die beiden letztern von anheimelndem Klang . Es war jedoch nicht dieser anheimelnde Klang , sondern lediglich eine Donquixotisch-ritterliche Vorstellung von pflichtschuldiger Kusingalanterie , was unsern Hauptmann immer wieder veranlaßte , nach Absolvierung seines Trauerjahres , erst um die Hand seiner drei Kusinen anzuhalten . Läufer vorauf und gekleidet in den Uniformrock , den er bei Prag getragen , fuhr er dann in Gala nach Tornow hinüber , ließ sich bei den Fräuleins melden und begann seine Werbung bei » Jettchen « , um sie bei » Bettchen « zu beschließen . Immer mit demselben Erfolge , denn die Fräuleins waren längst gewillt , in dem stillen Hafen ihrer Jungfräulichkeit zu verharren und das sturmgepeitschte Meer der Ehe nicht zu befahren . So hatte denn diese regelmäßig wiederkehrende Szene nur noch eine symbolische Bedeutung und bezweckte nichts weiter , als den drei Fräuleins von Bruhn eine exzeptionelle Stellung vor allen andern Jungfrauen des Landes zu geben . Es war die Konservierung eines Muhmenkultus , zuletzt mehr als » Muhme « . Gleichviel , bei den Kusinen in Tornow lag , in Rücksicht auf die Wandelbarkeit menschlicher Natur , immer wieder das entscheidende Wort und erst der dreimal wiederholte , verbindlich ablehnende Knix schuf unserm » Hauptmann von Capernaum « jene Freiheit der Aktion , von der bis diesen Tag nicht genau festzustellen gewesen ist , ob er sie segnete oder beklagte . Denn die Kusinen waren reich und die Zeiten waren arm . Aber wenn ihm die Freiheit der Aktion kein überhohes Glück schaffen mochte , so schuf ihm andererseits der » Refus « keinen allzutiefen Schmerz , zu welcher Annahme die vorerwähnten vier Frauen wohl eine genügende Berechtigung geben dürften . 78 Alle vier waren Nachbarstöchter aus dem Adel der Grafschaft oder der angrenzenden Priegnitz . Die erste Frau eine Platen , die zweite eine Jürgaß , die dritte eine Hagen , die vierte eine Putlitz . Durch die Platen und Jürgaß ergab sich denn auch eine nahe Verwandtschaft mit den Zietens , so daß unser Hauptmann mit dem gesamten Adel der Nachbarschaft verschwägert war . Georg Moritz von Rohr kam zu hohen Jahren , und wenn er bald nach seiner Geburt die Kanonen von Landau ( 1713 ) gehört hatte , so kurz vor seinem Tode die Kanonen von Valmy . Achtzig Jahre lagen dazwischen und drei Kriege , die er selbst bestand . Mit dem Älterwerden wuchsen auch seine Schrullenhaftigkeiten und er mußte den Tribut entrichten , den das Alter ohnehin so leicht zu zahlen hat . Dem Ehrwürdigen gesellte sich das Komische . Jeden Morgen stieg er mittelst einer Leiter in eine Pappelweide hinein , um in den Zweigen derselben seine Morgenandacht abzuhalten , und sang , während sein weißes Haar im Winde flatterte , mit klarer Stimme : » Wie schön leucht ' t mir der Morgenstern . « Grotesk und rührend zugleich . Für die Dorfjugend aber herrschte das erstere vor und ein paar Übermütige sägten den Ast an , mit dem der Alte denn auch zusammenbrach , als er andern Tags seinen Platz in dem Gezweige wieder einnehmen wollte . Daß er gezürnt habe , wird nicht berichtet . Er stand bereits da , wo Leid und Lust nur noch traumhaft wirken und selbst Unbill nichts weiter als ein Lächeln weckt . Seine Zeit war um , und seine Seele flog dem Morgensterne zu , zu dem er so oft emporgesungen hatte . Den 14. Juni 1793 ward er in Trieplatz begraben . Die Dorfjungen aber waren ernsthaft geworden , folgten seinem Sarge und sangen diesmal ihm : Lobe den Herrn , meine Seele ! Der Akazienbaum Der Akazienbaum Dem Hauptmann von Capernaum waren aus seiner zweiten Ehe mit dem Fräulein von Jürgaß zwei Söhne geboren worden , von denen der jüngere den Namen des Vaters , Georg Moritz , führte . Der ältere dagegen war Otto von Rohr . Sein Gedächtnis lebt in Trieplatz in einem schönen Akazienbaume fort , der vom Park aus in das Gartenzimmer blickt . Otto von Rohr war 1763 geboren . Er trat früh in ein Infanterieregiment und stand 1792 , als der Krieg gegen Frankreich ausbrach , beim Grenadierbataillon von Kalkstein . Über die Charge , die er bekleidete , verlautet nichts Bestimmtes ; wahrscheinlich war er Stabskapitän . 1793 nahm er teil an der Rheinkampagne und gehörte jenem Heeresteile zu