gekommen sei ; und erzählte ihr den Betrug Jason Philipps und wie die eigene Tochter den Vater verraten hatte ; erzählte ihr , daß sein Vater dreitausend Taler zu Jason Philipp getragen und daß Jason Philipp damals , als der alte Jordan in der schlimmen Not wegen seines Sohnes gesteckt , einen Teil des Geldes hergegeben und daß er , Daniel , auf das übrige verzichtet habe . Mariannes Kopf sank tief auf ihre Brust . » Dein Vater war ein wunderbarer Mann , Daniel , « sagte sie nach langem Schweigen , » aber auf die Menschen hat er sich nicht verstanden , und sein Weib hat er erst recht nicht gekannt . Er war wie einer , der blind ist und das Blindsein verhehlen will und geht und nicht weiß , wohin und steht und nicht weiß , wo . Kommst mir auch oft so vor , Daniel . Mach die Augen auf ! Bitt dich , Daniel , mach die Augen auf ! « Das Kind in ihrem Schoß war eingeschlafen . Als Daniel in Evas Gesichtchen blickte ( ja , er machte die Augen auf ) , als er dies zarte , süße , holdwehe Antlitz der Schläferin so dicht vor sich sah , vermochte er nicht mehr an sich zu halten , er drehte sich gegen die Wand und schrie , wie wenn es ihm das Herz zerrisse : » Ich bin ein Mörder ! « » Nein , Daniel , « sagte Marianne leise ; » oder jeder , der lebt , ist an jedem Toten ein Mörder gewesen . « Aber Daniel krümmte sich in seinem Schmerz und seine Zähne knirschten . » Drinnen ist der Vater , « flüsterte Eva im Traum . 11 Am schwersten fiel Marianne das Zusammensein mit dem alten Jordan , denn der war nur noch ein Schatten seiner selbst . Zu Daniel in die Stube kam er nicht , sie ging immer zu ihm hinauf , und da saß er , still , hilflos , ausgelöscht , ein Bild der Verlassenheit . Er sprach nicht von seinem Kummer , er geriet in Unruhe , wenn er in Mariannes Miene Mitleid las . In seinem Benehmen war dann etwas Höfliches , ja Weltmännisches , das im Verein mit seinem armseligen Aussehen und der armseligen Umgebung erschütternd wirkte . Marianne hoffte von ihm einigen Aufschluß über Daniels Lebenslage zu bekommen . Die sehr bedrängten Verhältnisse des Sohnes waren ihr bekannt , und sie war deshalb schon in großer Sorge ; aber sie wollte auch wissen , was er in der Welt galt , und ob das Musikantentum wirklich eine Sache sei , auf die ein Mensch seine Existenz stellen könne . In diesem Punkt war ihr Mißtrauen und ihre Furcht noch von gleicher Stärke wie ehemals ; nur im Hinblick auf Lenore hatte sie in den letzten Jahren Vertrauen gefaßt ; es war , wie wenn ihr Lenores Art , Lenores Gegenwart eine dunkelferne Ahnung von Musik gegeben hätte . Jetzt kehrten alle Zweifel zurück . Jordan aber zeigte sich verschlossen , sobald sie von Daniel redete . Seine Augen hatten dann einen gepeinigten Ausdruck . Er schaute nach der Tür , steckte die Hände in die Rockärmel und zog den Kopf zwischen die Schultern . Einmal sagte er : » Können Sie mir erklären , liebe Frau , weshalb ich lebe ? Können Sie mir so einen paradoxen Unsinn erklären , wie es mein jetziges Dasein ist ? Der Sohn , ein Lump , spurlos verschollen für die Welt , und für mich nicht mehr vorhanden . Die Töchter im Grab ; beide ; beide im Grab , liebe Frau . Ich bin ein Mann gewesen , ich bin ein Gatte gewesen , ich bin ein Vater gewesen . Ein Vater gewesen ! Was für ein Hohn der Natur ! Essen , trinken , schlafen - was für widerliche Beschäftigungen ! Und doch , wenn ich nicht esse , hungert mich , wenn ich nicht trinke , dürstet mich und wenn ich nicht schlafe , bin ich krank . Wie einfältig , wie zwecklos ! Für mich singen keine Vögel mehr , läuten keine Glocken mehr und haben die Musiker keine Musik mehr . « Da aber Marianne irgendeine Beruhigung um jeden Preis gewinnen wollte , so wandte sie sich an Eberhard und Sylvia , die fast täglich zu Daniel kamen . Die zwei Menschen gefielen ihr ; es war so viel Rücksicht in ihrem Betragen , so viel Feinheit in allem , was sie sagten . Das Fräulein nahm nicht den geringsten Anstoß an Daniels finsterer Schweigsamkeit ; sie behandelte ihn mit einer Achtung , die Marianne wohltat , weil sie ihr bewies , daß er bei den Guten und Edlen geschätzt war . Der Freiherr schien auf geheimnisvolle Weise immer von Lenore zu sprechen , ohne je ihren Namen zu nennen . Es war eine Trauer in seinen Augen , die mit übersinnlicher Gewalt an die Verstorbene mahnte . Oft war es Marianne zumute , als seien Daniel und dieser Fremde Brüder und zugleich Feinde im Schmerz der Erinnerung . Auch Sylvia schien es zu spüren und sich nicht dagegen zu wehren . Als Marianne die beiden einmal auf den Flur begleitete , faßte sie sich ein Herz . » Wie wird ' s ihm denn nun ergehen ? « fragte sie , » er hat kein Amt , spricht nie von Arbeit , was soll da werden ? « » Wir haben daran gedacht , « antwortete Sylvia , » und ich glaube , es ist ein Weg gefunden . Er wird bald Näheres hören , nur , denke ich , darf er nicht wissen , daß wir die Hand im Spiel haben . « Sie schaute ihren Verlobten an , und dieser nickte . Marianne atmete auf . Darüber waren sich Eberhard und Sylvia von Anfang an klar , daß man Daniel in keiner Form Geld anbieten konnte . Kleine oder große Gaben , sie demütigten ihn , entwürdigten sie . Von der höchsten zur tiefsten Stufe des Besitzes hinab stößt die Hilfsbereitschaft auf unüberwindliche Hindernisse ; es ist keine Zartheit möglich , keine Klausel , kein liebevoller Betrug , da steht der Reichtum vor der Armut so ratlos wie diese vor ihm . Entschlossen , der Not des Musikers zu steuern , hatte sich Sylvia an ihre Mutter gewendet . Auf den Beistand der Freifrau war nicht zu zählen , sie war von Andreas Döderlein so nachhaltig gegen Daniel beeinflußt worden , daß sie drohend die Stirn runzelte , wenn man von ihm redete . Agathe von Erfft setzte sich mit einigen Personen in Korrespondenz , die ihr dienliche Winke geben konnten . Durch diese wurde sie insofern gefördert , als sie ohne zeitraubende Irrwege an die rechte Stelle gelangte . Eines Tages erschien sie vor Eberhard und Sylvia mit dem fertigen Projekt . Ein angesehenes Mainzer Verlagshaus hegte schon seit Jahren die Absicht , eine Sammlung mittelalterlicher Kirchenmusik zu veranstalten und herauszugeben . Viel Material lag schon vor , ein inzwischen verstorbener Musikschriftsteller hatte es zusammengetragen ; anderes mußte erst beschafft werden ; hiezu waren Reisen nötig , bedeutende Geldopfer , ein Mann vor allem , der die Mühe nicht scheute und dessen Sachkenntnis keinen Zweifel zuließ . Da nun schon im Beginn des Unternehmens die Kosten den zu hoffenden Ertrag bei weitem überstiegen hatten , war der Verleger bedenklich geworden und hatte , weil auch eine geeignete Kraft fehlte , auf die Ausführung des Planes verzichtet . Agathe hatte schon früher davon gehört . Daß die Angelegenheit wieder in Fluß gebracht werden konnte , erfuhr sie durch eine mittelbare Erkundigung , eine unmittelbare bestätigte es . Der Verleger wollte jedoch die geschäftliche Gefahr nicht mehr allein tragen , er suchte einen Mäzen , der sich mit einem Kapital beteiligte . Kam dies zustande , so war er bereit , Daniel Nothafft , dessen Name ihm von ungefähr bekannt war , die verantwortungsvolle Aufgabe anzuvertrauen . Da die verschiedenen Arbeiten , als : das Sammeln in Archiven , Bibliotheken und Klöstern ; die Korrekturen ; Erläuterungen ; Überwachung des Drucks usw. sich über eine Reihe von Jahren erstrecken würden , müßte man ihn der Firma verpflichten und sei erbötig , ihm bis zur Beendigung des Werkes einen Jahresgehalt von dreitausend Mark zu zahlen . Eberhard zog verläßliche Nachrichten über den Ruf und Kredit jenes Hauses ein , und da diese günstig lauteten , erklärte er , die bedungene Kapitalshilfe leisten zu wollen . Ein paar Tage nach dem Gespräch zwischen Sylvia und Marianne erhielt Daniel mit der Frühpost einen Brief des Verlags Philander und Söhne , worin er aufgefordert wurde , dem nach Art und Ziel genau bezeichneten Unternehmen seine Dienste zu widmen . Im Falle seiner Einwilligung hatte er nur seine Unterschrift auf den mitgeschickten Kontrakt zu setzen . Er las alles ruhig von Anfang bis zu Ende durch . Seine Miene erhellte sich nicht . Er schritt einige Male auf und ab , trat dann aus Fenster und schaute hinaus . » In diesem Sommer scheint ' s bloß Regen zu geben , « sagte er . Marianne war zum Tisch gegangen . Sie nahm den Brief samt dem Vertrag und las beides . Ihre Pulse klopften vor Freude , doch drängte sie jede Äußerung aus Furcht vor Daniels Widerspruchsgeist und unberechenbarer Laune zurück . Kaum traute sie sich nach ihm hinzublicken und wartete bang auf das , was er tun würde . Endlich trat er wieder an den Tisch , zog eine Grimasse , starrte eine Weile auf die Schriftstücke und sagte lakonisch : » Kirchenmusik ? Ja ; das will ich machen . « Langte nach dem Federhalter , tauchte ihn ein und kritzelte seinen Namen unter den Vertrag . » Gott sei Dank ! « flüsterte Marianne . Am selben Mittag verabschiedete sie sich von Daniel . Eva hing am Hals ihres Vaters und wollte sich gar nicht trennen . Ohne Scheu küßte sie ihn unzählige Male voll natürlicher , sprudelnder Leidenschaft und lachte dabei . Daniel ließ es geschehen . Er blieb ernst . Wenn sein Blick dem Blick des Kindes begegnete , schauderte ihm vor der grenzenlosen Fülle des Lebens , aber er empfand auch eine Verheißung , und dagegen sträubte er sich mit aller Macht . 12 Es war ein sonniger Septembertag . Eberhard , der den ganzen August in Erfft verbracht hatte , war zurückgekehrt , um einige dringende Geschäfte zu erledigen , sowie die Anstalten zur bevorstehenden Hochzeit zu beschleunigen . Um die Stunde , wo die Gassen voll von spielenden Kindern waren , schritt er versonnen den Burgberg hinan . Er wollte sein Häuschen aufsuchen , das er seit Monaten nicht betreten hatte , es verlangte ihn nach der Stille dort , der tiefen Stille , nach einem Blick in die Vergangenheit , nach einem der schattenhaften Bilder seiner selbst , die er in allen Zeiten wandeln sah , in allen Räumen , wo er gewesen , auf vielen Wegen , wo er gegangen , auf den vergilbten Seiten von Büchern sogar , die er in der Einsamkeit zu Gefährten gehabt . Er zögerte häufig , blieb stehen , schien unschlüssig . Auf einmal kehrte er um und wandte sich mit ziemlich raschen Schritten gegen den Egydienplatz . Als er die Tenne von Daniels Wohnhaus betrat , kam dieser die Treppe herunter . Daniel begrüßte Eberhard und reichte ihm die Hand . » Ich wollte Sie gerade abholen , « sagte der Freiherr , » wollte Sie bitten , mit mir in meine Eremitage zu gehen . « Daniel schaute durch seine Brillengläser einer Schwalbe nach , die in fabelhaftem Schwung über die ganze Weite des Platzes schnellte . » Offengestanden , Baron , zum Schwatzen fehlt mir die Lust , « antwortete er so schonend , wie es ihm möglich war , zu sein . » Es muß nicht geschwatzt werden , « sagte Eberhard . » Mich drückt ein Geheimnis , und ich kann es Ihnen mitteilen , ohne daß wir zu reden brauchen . « Daniel ging mit . In dem Häuschen herrschte eine muffige Luft . Eberhard machte aber die Fenster nicht auf ; es sollte so still bleiben , wie es war . Daniel setzte sich auf einen der Stühle in der ehemaligen Wohnstube des Freiherrn , Eberhard meinte , er setze sich aus Müdigkeit und nahm gegenüber seinem Gaste Platz . Die Abendsonne fiel schräg auf einen alten Stahlstich , der eine Schäferszene darstellte ; eine Maus rumorte in einer Ecke . » Was ist es also mit dem Geheimnis ? « fragte Daniel nach langem Schweigen ziemlich brüsk . Eberhard erhob sich und machte eine Gebärde , die Daniel aufforderte ihm zu folgen . Sie schritten über den schmalen Gang , eine winzige Treppe hinauf , und oben , auf dem winzigen Stiegenabsatz , öffnete Eberhard eine Tür , die in die Dachkammer des Häuschens führte . Ein betäubender Modergeruch schlug ihnen entgegen . Daniel kehrte sich unwillkürlich ab , der Freiherr jedoch deutete stumm auf die Wände . » Was ist das ? Was für ein Raum ist das ? « stieß Daniel hervor . Alle vier Wände des Raumes waren vollständig von Sträußen , Girlanden und Kränzen verwelkter Blumen bekleidet . Von den meisten Blumen waren längst die Blütenblätter abgefallen und bedeckten ringsherum den Boden . Die grün gewesenen Blätter waren braun geworden , hingen zusammengekrümmt da , die Gräser waren zerfasert , die Zweige morsch . Manche Sträuße und Gewinde hatten Bänder , deren Rot oder Blau abgeblaßt war , manche hatten Goldfäden , an denen sich Rost angesetzt hatte . Auf manche fiel die schräge Sonne , wie unten auf den Stahlstich mit der Schäferszene , und in den purpurnen Strahlen zitterte ein dicker Strom von Staub . Es war ein Blumengrab-Gewölbe , eine Leichenkammer der Erinnerungen . Daniel ahnte . Schwer lag ihm die Zunge im Gaumen , Frost überlief seinen Rücken , und als Eberhard nun doch sprach , wälzte es sich glühendheiß und naß in seine Augen . » Die Blumen sind von ihren Händen gepflückt und gebunden worden , von Lenores Händen , « sagte Eberhard . Dann , nach einer Pause : » Sie hat die Sträuße für einen Händler angefertigt , und ich habe sie , ohne daß sie es wußte , gekauft . « Dann sagte er nichts mehr . Da schaute Daniel in sein Leben zurück , als risse ihn ein unsichtbarer Arm auf einen Gipfel . Und er schaute , und seine Seele verging vor Angst und Qual und Reue . Was war ihm denn geblieben ? Zwei Gräber waren geblieben . Und eine zerbrochene Harfe ; und verwelkte Blumen ; und eine Maske aus Gips . Er sah die abgestorbenen Stengel und die zerfallenen Kelche ; einst hatten Lenores Finger sie alle berührt , und wie Geisterfiguren schwebten die Finger noch um die toten Blumen . In den staubigen Spinnengeweben nisteten die ungenutzten Stunden , versäumte gute Worte , versäumter Trost , versäumte Aufmunterung , versäumte Rücksicht , versäumtes Glück . O , dies Nichtwissen um eine Gegenwart , um ein lebendiges Leben , um den wunderbaren Tag , die atmende Stunde , dies Hinschlurfen , Hinstürzen , Hinwüten in die Nacht des Wunschs und Wahns , dies eitle , verbrecherisch eitle Ungenügen ! O , Flügelwesen , Flügelwesen , wo bist du , wo ruft man dich an ? Nichts geblieben als zwei Gräber , eine zerbrochene Harfe und verwelkte Blumen und eine Maske . Und ein helles Kind dort und ein dunkles hier , und ein drittes , das ins Leben getreten war , um zu sterben . Und über alldem , hoch über dem Gipfel noch , das Ungeheure , Unausdrückbare , das Meer der Träume , erträumten Klänge , Odem Gottes und höllischer Finsternis Verkündigung , Botschaft der Ewigkeit und Wunder der Zeitlichkeit , Tanz und Schalmei , Donnerschall und süßes Weben , Musik ! Es war Abend geworden . Der Freiherr schloß die Tür . Daniel reichte ihm schweigend die Hand und ging nach Hause . Prometheische Symphonie 1 Herbst und Winter hindurch führte Daniel ein schweigsames , einsames Leben . Im Frühjahr schrieb ihm Sylvia von Auffenberg , er möge zu ihr und Eberhard nach Siegmundshof kommen und einige Wochen bei ihnen zubringen . Er schlug es ab , versprach später zu kommen . Bisweilen besuchte ihn der alte Herold . Er erzählte von den Mißständen , die unter Döderleins Regiment an der Schule eingerissen waren und sagte , die Welt sei drauf und dran , ein Saustall zu werden . Auch der Provisor Seelenfromm stellte sich ein , ferner der Architekt mit dem Zungenfehler , und Martha Rübsam kam hie und da . Gegen Ende des Winters erschien auch Herr Carovius . Er hatte ein umgänglicheres Wesen denn ehedem und gab originelle Ansichten über Musik zum besten . Alles Reden klang an Daniels Ohr vorüber . Oft waren mehrere Menschen um ihn , er schien ihnen zuzuhören , und doch war in seinem Gesicht eine vollständige Geistesabwesenheit . Wandte sich jemand mit einer Frage an ihn , so geschah es nicht selten , daß ein kindliches Lächeln auf seine Lippen trat . Keiner hatte dieses Lächeln früher an ihm bemerkt . Er gab Philippine das Geld zurück , das sie ihm damals geliehen , als das Klavier gepfändet worden war . Philippine sagte : » Joi ! mir scheint , Daniel , du schwimmst in Geld . « Sie brachte ihm den Schuldschein , trug das Geld in ihre Kammer und rechnete lang auf einem Stück Papier , ob die Zinsen stimmten . Das Agneslein saß am Boden und schnullte an einem Süßholz . Es freute sich , wenn Philippine da war . Vor seinem Vater hatte es Angst . Die Freunde hatten gemeint , die Wohnung sei jetzt zu geräumig , Daniel möge sie aufgeben und eine kleinere und billigere nehmen . Da war er aufgebraust und hatte erklärt , freiwillig werde er sich hierzu nie verstehen , das Haus bedeute ihm noch was anderes als ein gemietetes Quartier , und es müsse alles so bleiben , wie es bisher gewesen . Eines Tages im Frühjahr sagte er zu Philippine : » Ich geh jetzt fort für lange Zeit . Gib acht auf das Kind , und daß es dem alten Mann droben an nichts fehlt . An jedem Ersten schick ich dir das Geld für die Wirtschaft , und du bist mir verantwortlich für alles , was geschieht . Und noch was ; ich will dir Lohn zahlen . Du sollst mir nicht umsonst dienen . Ich will dir fünf Taler im Monat geben . « Das Schüttern , das Daniel schon öfter beobachtet hatte , lief über Philippines Züge . Sie ruckte mit den Schultern , machte ihr hämischestes Gesicht und antwortete : » Spar deine Batzen , wirst sie schon brauchen , mußt nit gleich ' n großen Herrn spielen ; kauf lieber dem Agneslein orndliche Schuh und orndliche Kleider , is g ' scheiter . « Daniel ließ sie stehen . Schwerlich war ihre Geldgier geringer geworden , seit sie bei ihren Eltern gestohlen hatte ; sie liebte das Metall ; sie liebte , es zu sehen und zu betasten ; sie liebte die Scheine , liebte es , sie glatt zu streichen ; sie liebte die Vorstellung , daß die Menschen sie für arm hielten und daß sie , ihnen zum Possen gleichsam , in einem alten Strumpf zwischen ihren Brüsten mehr als tausend Mark herumtrug . Sie liebte es , wenn andre über die schlechten Zeiten jammerten , wenn Bettler auf der Straße ihr die Hand entgegenstreckten . Dann dachte sie an ihren Schatz , blähte ein wenig den Leib auf , um den alten Strumpf besser zu spüren und freute sich der Sicherheit , die sie sich bei so jungen Jahren bereits verschafft hatte . Trotzdem war ihr zumut , wie wenn sie Daniel mit den Fingernägeln die Augen auskratzen müßte , als er von Lohn für ihre Dienste sprach . Sie empfand es als schwärzesten Undank ; wenn in ihrer dunklen , neidischen und boshaften Seele ein Kummer überhaupt Wurzel schlagen konnte , so war es jetzt und aus diesem Grund . Sie lief in die Küche und schmiß Messer und Gabeln voll Wut in den Spülbottich . Nach einer Weile begab sie sich zum alten Jordan , klopfte an seine verschlossene Kammer , und nachdem er ihr geöffnet hatte , teilte sie ihm erbittert mit , daß Daniel verreisen wolle . » Kaum is ein übriger Groschen im Haus , so treibt ' s ihn schon auf die Juchhee , « räsonierte sie . » Da steckt doch ganz gewiß wieder so ein Deifelsfrauenzimmer dahinter . Sagen Sie ' s ihm nur , Herr Inspektor , sagen Sie ' s ihm nur , was das für eine Gemeinheit ist , sein Kind und den alten Vater im Stich lassen . Sagen Sie ' s ihm , dann kriegen S ' zum Sonntag Kartoffelklöß ' mit Lebkuchensaft . « Jordan schaute Philippine scheu ins Gesicht . In seinem Auge war etwas wie Hunger nach der versprochenen Speise , denn Philippine hielt ihn bei schmaler Kost , und manchmal ging er heimlich , nur um sich zu sättigen , in einen Wurstladen und kaufte sich für zehn Pfennige Preßsack . » Ich will mich nach dem Zweck seiner Reise erkundigen , « murmelte er ; » aber ich glaube nicht , daß ich da etwas über ihn vermag . « » Jetzt gehn S ' ' naus , gehn S ' a bisla spazier ' n , « befahl Philippine , » die Fenster müssen geputzt wer ' n , die starren ja vor Dreck . « Am späten Abend noch kam Daniel zu Jordan , um sich von ihm zu verabschieden . » Wohin geht denn die Fahrt ? « fragte der alte Mann . » Will mir ein wenig das deutsche Reich ansehn , « erwiderte Daniel . » Hab im Norden droben zu tun , in Städten und auf dem Land . « » Glück zu , « sagte Jordan bedrückt , » Glück zu , lieber Sohn . Wie lang bleibst du denn fort ? « » Weiß noch nicht . Kann sein , Jahre . « » Kann sein , Jahre , « sprach Jordan , und seine Blicke suchten auf dem Boden Halt ; » da werden wir uns auf ewig Lebewohl sagen müssen , scheint mir . « Daniel schüttelte den Kopf . » Wann immer ich auch zurückkomme , ich treff dich noch hier , « sagte er mit seltsamer Bestimmtheit . » Hat ' s das Schicksal zu arg mit einem Menschen getrieben , dann geht es ihm aus dem Weg . Es kommt mir vor , als wärst du jetzt ganz schicksalslos . « Jordan antwortete nicht . Seine Augen weiteten sich wie vor Furcht , und er seufzte . Am andern Morgen verließ Daniel sein Heim . Er hatte eine braune Joppe an , die bis zum Hals mit Hirschhornknöpfen geschlossen war . Darüber hing ein Mantel mit einer Pelerine . Der breitkrempige Hut überschattete das Gesicht , welches jung aussah , obgleich so ernst , so abgekehrt , daß Stimmen , Blicke und Geräusche von ihm abzuprallen schienen wie bewegtes Wasser von einer steinernen Mauer . Philippine trug ihm den Koffer zum Bahnhof . Ihr Kleid war mit grellfarbigen Bändern geradezu übersät . Die Weiber auf dem Markt bekamen den Hetscher vor Lachen . Als Daniel ihr adieu sagte und ins Kupee stieg , tat sie den Mund nicht auf . Mit gerunzelter Stirn , die Fingerspitzen aneinander reibend , stand sie da und schaute beharrlich zur Erde . Nachdem der Zug längst aus der Halle gefahren war , stand sie immer noch da , bis ein Beamter sich ihr näherte und sie , mit schlecht verhehltem Spott über die rare Erscheinung , befragte , worauf sie warte . Sie kehrte ihm den Rücken und ging . Sie machte einen Umweg über den Jakobsplatz und sprach für ein Viertelstündchen bei ihrer Freundin , der Frau Hadebusch , vor . Es war ein Sonntag . Benjamin Dorn kam eben von der Kirche und machte Philippine eine tiefe Verbeugung . Frau Hadebusch klopfte Philippine auf den Schenkel und zwinkerte bedeutungsvoll . Herr Francke wohnte nicht mehr bei Frau Hadebusch . Herr Francke wohnte im Gefängnis . Er hatte einer herrschaftlichen Köchin die Ehe versprochen , hatte sich aber nicht damit beeilt , sondern einstweilen nur die Ersparnisse seiner Braut im Billardspiel vertan . 2 Daniel hatte Empfehlungen an den Prior des Klosters zu Löhriedt . Dort suchte er nach einer Handschrift , die von einem Zeitgenossen des Orlando di Lasso , wenn nicht von diesem selbst sein sollte . Er blieb über zwei Monate und arbeitete an dem Sammelwerk . Den Verkehr mit den Mönchen fand er angenehm und war auch bei ihnen wohl gelitten . Einer , der ihn wegen seines Orgelspiels besonders schätzte , aber von strenger Frömmigkeit war , gab ihm zu verstehen , wie sehr er es bedauerte , daß er ihm als Protestanten nicht mit jenem Vertrauen entgegenkommen könne , mit dem ein Mann seinesgleichen ausgezeichnet zu werden verdiene . » Ei , da wollt ich doch , daß ich ein Jud wär , « erwiderte ihm Daniel , » dann könntet ihr erst recht sehn , was unser Herrgott ohne euer Zutun zu machen imstande ist . « Der betreffende Klosterbruder hieß Pater Leonhardt und war ein kleiner , sehniger Mensch mit schwarzen Augen und dunklem Teint . Er schien viel erlebt , schien manchen Anlaß zu Reue und Buße zu haben , denn seine religiösen Übungen hatten nichts Gewohnheitsmäßiges , sondern echte Inbrunst und Hingebung . Seine Gläubigkeit ergriff Daniel , aber er hatte Angst vor dem Zuschauer in seinem Innern ; er hielt den Zuschauer für einen Feind , für einen Philister , und daher sah er den Pater Leonhardt lieber gar nicht an . Er wohnte in der Nähe des Klosters bei einem Bahnoffizial , und einmal besuchte ihn der Pater Leonhardt . Daniel saß am Fenster und wollte noch rasch eine Korrektur beenden , der Pater schaute sich im Zimmer um , und seine Blicke fielen auf eine runde , hölzerne Schachtel , die auf einem Stuhle lag und einer Tortenschachtel ähnlich war . » Da haben sie Ihnen wohl aus der Heimat was zum Schleckern geschickt , « bemerkte der Pater , als sich Daniel erhob . Daniels Blick folgte dem des Mönchs . Er nahm die Schachtel , zögerte eine Weile und machte dann den Deckel auf . In der Schachtel befand sich , ganz in Sägespäne gebettet , die Maske der Zingarella . Sie war ein Teil von Daniels geringem Gepäck , und er führte sie überall mit sich . Erschrocken prallte Pater Leonhardt zurück . » Was bedeutet das ? « fragte er . » Es bedeutet Sünde , und es bedeutet Reinigung , « antwortete Daniel , indem er die Maske gegen das vergehende Tageslicht hielt ; » es bedeutet Schmerz und bedeutet Erlösung , es bedeutet Verzweiflung und bedeutet Gnade , es bedeutet Liebe und bedeutet Tod , es bedeutet Chaos und bedeutet Gestalt . « Von dem Tag ab richtete Pater Leonhardt das Wort nicht mehr an Daniel . Und wenn der fremde Musiker die Orgel spielte , verließ er eilends die Kirche und floh an einen Ort , wohin die Töne nicht drangen . 3 Im Sommer kam Daniel nach Aachen und in die Gegend von Lüttich , Löwen und Mecheln , von da an wanderte er zu Fuß weiter , nach Gent und nach Brügge . An den Stellen , wo er Nachforschungen zu betreiben hatte , konnte er sich meist nur durch Briefe verständlich machen , die ihm das Verlagshaus geschickt hatte . Zur Stummheit verurteilt , lebte er fremd und allein . Sehenswürdigkeiten lockten ihn nicht . Selten stand er vor einem alten Gemälde ; nur wenn das Schöne seinen Weg versperrte , zwang es ihn zum Aufenthalt . Er ging immer wie zwischen zwei Mauern , immer der Nase nach , kehrte ungern um und spürte erst Müdigkeit , wenn er sich zum Schlafen hinlegte . Auch in der Müdigkeit war noch ein nagendes Gefühl des Beraubtseins , Unruhe auch noch im Schlummer . Hast drückte sich aus in seinem Auge , in seinem Gang , in seinen Verrichtungen . Hastig nahm er die Mahlzeiten , hastig schrieb er seine Briefe , hastig redete er . Die Blicke der Menschen auf sich gerichtet zu wissen war ihm eine Pein . Obwohl er sich in jedem Wirtshaus in die verborgenste Ecke begab und jeden Anlaß vermied , der ihn zum Zielpunkt der Neugier machen konnte , wurde er doch überall sofort gesehen , beobachtet und bestaunt . Denn alles an ihm war auffallend , die Energie seiner Mimik , seine heftigen Gesten , das Fletschen der Zähne , der eilige , hackende Schritt , mit dem er durch Gruppen schwatzender Leute ging . Er hatte sich auf den Anblick des Meeres gefreut . Auf Ungeheures war er gefaßt gewesen , auf ein titanisch brodelndes Element , den Sturm der Apokalypse . Das friedliche Schwanken und harmlose Brausen enttäuschte ihn . Man sollte die Dinge , vor denen einem die Phantasie Ehrfurcht eingeimpft hat , nicht kennen lernen , dachte er . Er konnte mit der Natur hadern wie mit einem Menschen ; was er ihre Unvollkommenheit nannte , erregte seinen Groll . Doch liebte er eine bestimmte Stelle in einem Wald , wohin es ihn immer wieder trieb ; oder einen Baum in der Ebene ; oder die Abendstunde an einem Kanal . Am meisten liebte er die engen Gassen der Städte , wenn aus offenen Fenstern Stimmengemurmel drang und aus geschlossenen das Licht