Alarm aus den Grüften schreckte ? Aus Erdhügeln streckten sich die offenen Mäuler schwerer Geschütze , beutegierig . Und darüber ein Rauschen schwerer Flügel , die riesige Gestalt eines Urweltvogels . Konrad sah empor , als müsse er diesem beschwingten Ungeheuer Abbitte leisten . Die Mutter dieses Fabeltiers hatte er allzeit gering geachtet ; wie hatte sie plötzlich Sinn und Wert bekommen , seitdem sie nicht mehr Selbstzweck , Sport und Spielzeug war , sondern im Dienste stand wie sie alle . Vorüber marschierte das Regiment . Im Morgengrauen befand es sich oberhalb einer weiten Talmulde , die ringsum von wellenförmigen Hügelketten umrandet war , während sie in ihrer Tiefe blaue , im Grün hohen Schilfrohrs sich verlierende Wasserflächen barg und verstreute Gehöfte , von Bäumen beschützt , und hie und da ein Dörfchen , das in seinem besonderen kleinen Hügelbettchen lag wie ein Kind in der Wiege . Das Knurren der eisernen Raubtiere von drüben wurde zu einem wütenden Wolfsgeheul . Die Massen der Marschierenden lösten sich auf . » Kompagniekolonne in der Richtung auf den Sturzacker halblinks vorgehen ! « - klang es an Konrads Ohr . Endlich ! Wer war noch müde , wer hungrig ? ! Sie stürmten vorwärts . Und näher , immer näher pirschen sich die russischen Granaten . Sie sausen über die Köpfe , wie die gespenstische wilde Jagd : » Hu-i-ch-sch-ach ! « Und die Antwort kommt , ein Hexenritt in der Walpurgisnacht : » Pu-uh-uh « - Zerrissen , zerwühlt ist der Acker ringsum . Über niedrigem Feuerstrahl steigen da und dort dicke , braune Erdvulkane auf . » Ohne Tritt - marsch - halt - Gewehr ab - hinlegen « - wie ein Uhrwerk , ruhig , gleichmäßig , wiederholen sich die Kommandos . Viertelstunde um Viertelstunde vergeht . Da : ein verlassener russischer Schützengraben , wüst wie ein zerstörtes Vorstadtwarenhaus . Hemden , Hosen , Gewehre , Kochgeschirre - alles haben sie im Stiche gelassen in haltloser Flucht . Und der Donner von drüben rollt wie zwischen den Felswänden des Hochgebirges . Und die Blitze entzünden die Gehöfte ringsum , lodernde Fackeln zum furchtbaren Feste des Kriegsgottes . Dann plötzlich Stille . Nur in den Ohren braust und saust es noch , und der Herzschlag hämmert wild den Takt dazu . Sie fallen um wie die Toten , da wo sie stehen ; ein Schlaf von Minuten , der in seiner Tiefe wie eine Ewigkeit lang ist . » S-s-s-it - bum . S-s-s-it - bum - « und am Himmel kringeln sich zarte Lämmerwölkchen . Das ist Schrapnellfeuer in der Flanke . Hinter der Schützenlinie rasen zwei herrenlose Gäule mit offenen Leibern , aus denen die Eingeweide quellen - sie fallen - acht Beine recken sich zuckend empor . » Plä-rr-rr « - das sind die Gewehre des Regiments - wie ein Wagen auf holprigem Pflaster . » Ting « - von drüben wie ein Klirren am Drahtzaun . Im eiligen Vormarsch ist offenbar ein seitlicher Graben übersehen worden . » Sprung auf - marsch - marsch ! - « sie fliegen in Sprüngen über das ebene Feld . » O-o-h ! « schreit einer neben Konrad . Ein Körper rollt ihm vor die Füße . Instinktiv bückt er sich , um ihn aufzurichten . Gebrochene Augen stieren ihn groß an . Die Nase ist ganz spitz und weiß , - die ganze Brust eine klaffende Wunde . Weiter ! » Ach ! « - wieder einer . Wie ein gefällter Baum stürzt er . » Hinlegen ! « Es ist , als ob die Erde sie schützend in ihre Arme nimmt . » Plä-rr-rr « knattert es . Diesmal blieb die Antwort aus . Aus dem feindlichen Schützengraben kroch ein großer erdbrauner Mann mühsam hervor . Durch die Kruste von Staub , die sein Gesicht bedeckte , sickerte von der Stirn herab über das rechte Auge ein Rinnsal roten Blutes . Er stützte sich schwer auf den Degen und ließ mit der Linken mühsam ein Stück weißen Linnens flattern . Konrad war der erste , der ihm entgegentrat . Mit einer einzigen Handbewegung wies er in den Graben hinter sich . Da standen sie aneinandergedrängt , an die Schanze gelehnt , mit zerrissenen Gliedern , durchlöcherten Schädeln , zerschossener Brust , die Waffe noch immer von den erstarrten Fingern umkrampft . » Das Vaterland - « sagte der Offizier in stockendem Deutsch , Konrads staunendem Blicke folgend . Da salutierten die preußischen Wehrmänner ringsum , ehe sie ihn und die wenigen Übriggebliebenen abführten . » Das Bataillon hinter das Dorf - vorwärts marsch ! « Es war keine Zeit , um sich des Grausens und der Bewunderung klar zu werden . Die Kämpfer sammelten sich . Viele fehlten . Und nun schritten sie wieder aus ; im Takt klappten die Sohlen auf dem harten Boden . Hans Gerwald lachte Konrad an , Fritz Ewert drückte ihm stumm die Hand . Sie gehörten zur Spitzenkompagnie . » Wir sind gefeit - alle drei , « sagte Hans , » und das Dorf da unten ist verschont geblieben , als wäre es für uns bestimmt . « Im gleichen Augenblick prasselte über ihre Köpfe hinweg eine deutsche Granate mitten hinein . » Also hat die Drachenbrut sich drinnen festgesetzt , « brummte Fritz . Und schweigend ging es weiter . Dicht vor dem Dorfe stehen sie . Waren noch Menschen in den Häusern ? ! Eine alte Frau mit einem weinenden Kinde an der Hand läuft ihnen entgegen . Hinter ihr aus der braunen Scheune sprühen im Augenblick glühende , funkenstreuende Garben . » Nehmt das Kind ! « schreit sie heiser . Die Nächststehenden wollen beide zurück hinter ihre Linien zerren . Aber mit übermenschlicher Anstrengung reißt sie sich los : » Ich sterbe , wo ich geboren bin , « und in rote Glut taucht sie unter . Das Kind fliegt von Arm zu Arm - » meine Puppe ! « schluchzt es auf . Sie ist ihm entfallen , schon züngelt ein Flämmchen nach ihr . Hans Gerwald springt hinzu und schleudert sie der Kleinen nach , die jetzt tief in einem Kellerloch steckt . » Hans ! « ruft Konrad . Der lacht hell auf : » Wenn die Puppe ihr Lebensglück ist - « Dann bricht er zusammen : » Mein Fuß ! « und ein langer Blick , wie gequälte Tiere ihn haben , die nicht reden können , trifft den Kameraden . Es kracht und prasselt von allen Seiten . Schon hat ihn Konrad auf den Armen wie ein kleines Kind . Der aber wehrt sich mit versagenden Kräften : » So laß - mich - doch liegen ! « Doch Konrad hält ihn umklammert . Ihm ist auf einmal , als rettete er etwas sehr Kostbares , Unersetzliches - ein Stück der Jugend , die aufbauen sollte , was jetzt in Trümmer fiel . Und wie Christoforos stark fühlt er sich . Sie kommen zu einem Chausseewärterhäuschen . Er stößt mit dem Fuß die Türe auf . In dem engen Raum dahinter liegen sie schon , die Verwundeten , dicht geschart , Mann an Mann . Sie wimmern leise . Der Sanitäter weiß kaum , wem er zuerst helfen soll . Aber der Eintritt der neuen Gäste läßt sie verstummen . Aller Augen richten sich auf sie , eine einzige Frage , die keines Worts bedarf . Und Gerwald hebt den Kopf - er lacht schon wieder - : » Wie ' s steht , wollt ihr wissen , Kameraden ? « sagte er mit ganz heller Stimme , » nun gut - wie anders als gut . Bis die Sonne sinkt , ist Preußen frei ! « Dann wird er sehr blaß . » Hm , « macht der Sanitäter , als er ihm den Stiefel aufgeschnitten hat . Konrad sieht ihn ängstlich an . Er schüttelt den Kopf : » Ein Dum-Dum-Geschoß offenbar . Wird lange dauern - « sagt er ganz leise . Noch ein Händedruck , den der Verwundete heftig erwidert . » Spätestens übermorgen bin ich doch wieder heil ? « hört er ihn noch inständig flehen . Dann ist er wieder auf der Straße und jagt dem Dorfe zu . Ein einziger brennender Trümmerhaufen empfängt ihn . » Nach der Feuerlinie entwickeln - « eine nicht mehr menschliche Stimme brüllt es aus Rauch und Flammen . Lähmendes Entsetzen - nur einen Atemzug lang - versteint alles . Dann : vorwärts - hinein ! Jeder Gedanke erlischt . Jedes Gefühl schrumpft zusammen . Beizender Rauch beklemmt den Atem . Er wirbelt empor , verhüllt den Himmel , als wollte er dem freundlich strahlenden das Gräßliche nicht schauen lassen , um dann , hohnlachend über das eigene Mitleid , aus den Dächern auszubrechen und die schwarzen Schwaden triumphierend mit gelbem und blauem Licht zu zerreißen . Danach streckt er sich schmal , weiß , langsam , wie die Seelen der Toten , aus berstenden Fenstern . Quer über die Straße jagen Tiere mit wahnsinnigem Gekreisch . Sie entfliehen dem brennenden Stall , sie prallen jenseits entsetzt zurück vor zusammenkrachenden Balken . Sie fallen . Und über verendete Leiber springt die stürmende Truppe wider die Menschenmauer , die ihren Weg versperrt . Das ganze Orchester der Hölle spielt dem satanischen Tanze auf : Kugeln , Granaten , Schrapnells - ein Pfeifen und Knattern , Heulen und Sausen . Die lebendige Mauer zerreißt - fällt auseinander - bricht in sich zusammen . Berge von Toten und Sterbenden häufen sich . Noch ein Bogenstreich des geigenden Teufels - das letzte Gekreisch der Getroffenen . Spätnachmittag war es . An einem weißleuchtenden Tag im August . Da fand Konrad Hochseß sich wieder unter einer einsamen Pappel am Weg . Er sah an ihr empor . Gedankenlos . Ihre Spitze war verdorrt . Richtig - alle Pappeln gehen ein - fuhr es ihm durch den Sinn - alle , die zu den Zeiten korsischer Weltherrschaft gepflanzt worden sind . Er begann langsam zu sich zu kommen . Warum lag er hier ? Er mußte doch - Dort unten am See war ein Menschengewühl - am See , der grünlich-blaue Hexenaugen hatte - Augen , die verraten , wenn sie lächeln . Dort kämpfen Kameraden - ! Er sprang auf - und sank ächzend zusammen . Was war das nur für eine Faust , die ihn festhielt ? Er besann sich : mit dem Kolben hatte er um sich geschlagen in die breiten , gelben Fratzen , die rechts und links um ihn aufgetaucht waren . Und dann hatte ihm jemand einen Stoß vor die Brust gegeben . Jemand ? - Wer ? Sehr groß war er gewesen - riesenhaft . Hatte einen Stab in der Hand gehabt - oder einen Speer . Und eine lange , graue Haarsträhne über dem linken Auge - Konrad lächelte matt : Wie dumm die Müdigkeit machte ! Und daß ihm just jenes vergessene Bild einfiel , - der einäugige Germanengott - , das über seinem Kinderbettchen gehangen hatte ! Seltsam : immer mehr Bilder kommen , lebendig gewordene . War jener dort nicht der ruhende Gigant aus der Mediceerkapelle , der alle Erkenntnis besaß und nicht sagen konnte , was er wußte ? Er hatte sich erhoben , war entwichen , um vor ihm den verschlossenen Mund zu öffnen - fast hätte er mit seinem marmornen Fuß die Wasserrose zertreten - Jörun Egils Wasserrose mit dem Käfer darin . - Daß der Prophet , der die neue Religion suchte , in den See gegangen war , weil - weil der Käfer die Blume fraß ! Warum hatte er nicht bis heute gewartet ? Jörun Egil - wie töricht bist du ! Siehst du denn nicht , daß es den Tod nicht gibt ? Daß Tod und Leben nichts sind , wie das Auf und Ab der Wellen ? Freilich - wenn du nur den Käfer siehst - nichts als den Käfer ! Konrads Kopf sank zurück . Wie gut , daß die Erde sich so weich wie ein Kissen hinter ihm wölbte ! Und wie es leuchtete über ihm : gelb , rosa , violett - war es der Himmel Toskanas ? Er schloß beseligt die Augen . » Norina « hauchte sein blasser Mund . Ein Klingen und Singen und Jauchzen war ihm im Ohr und ein Mittönen der Erde wie von tanzenden Füßen . Zu Busch und Wiese , zu Wald und Dorf kehrten sie wieder in Scharen , die vertriebenen guten Götter der Erde , die Genien des Hauses , die Nymphen der Flur . Nun war alles , alles belebt , was tot gewesen war , oder - seziert , wie Leichen . Selbst aus der sterbenden Pappel über ihm lachte noch eine freundliche Dryade . Ob wohl sein Junge mit Nix und Elfe spielte ? Und zur großen Mutter beten lernte ? Wie gerne würde er - Krampfhaft riß er die Augen auf . Seine Gedanken waren jetzt klar , ganz klar . » Ich sterbe , « sagte er laut , und eine Frömmigkeit , wie er sie nie empfunden , weitete und erhellte seine Seele . Andächtig sog sein Auge das Bild ringsum ein : das von Geschossen zerrissene Feld , das seine Wunden trug , um einst im Frieden von lebendiger Liebe umhegt , nur um so vollere Früchte zu tragen . Denn Kanonendonner war der Hochzeitsglockenklang gewesen , unter dem sich der Mensch wieder der Erde vermählte . Ihm schwindelte - als wäre es Mitternacht und der ganze sternfunkelnde Himmel sänke auf ihn - Und plötzlich stand er in Reih und Glied mitten unter den Kameraden . Verzweifelt verteidigten die Russen den Damm , der dort , wo der See am schmalsten war , hinüberführte in ihre letzten Stellungen . Sie sanken wie Ähren vor dem Schnitter , doch aus jedem Korn wuchs im Augenblick ein neuer Riese hervor - sie führten Kolben mit Eisenstacheln und Peitschen mit Bleikugeln - sie schleuderten Felsen durch die Luft - Gibt es eine Waffe und eine Übermacht , die den bezwingen könnte , der unsterblich ist , - weil das Sterbliche in ihm aufging im Ewigen , der Idee ? - Dann war er wieder unter der Pappel . Die gute Dryade wischte ihm mit einem kühlen Tüchlein den Schweiß von der Stirn und bedeckte mit weichen Händen seine Ohren , damit er den furchtbaren Schrei von unten nicht höre , wo der See gierig die Russen verschlang , die nicht weichen und sich nicht ergeben wollten . Und lächelnd huschte sie davon . Schade ! Sie hatte tiefe , dunkle Augen gehabt wie - » Hurra - hurra - ! « Das ganze Tal hallte wider - Konrads Antlitz leuchtete . Wie schön ist es doch , zu sterben am Spätsommerabend - wenn die Sonne sinkt - für den , der das Leben fand !