weg und sah da draußen einen Haufen erschlagener und noch zuckender Hunde liegen , mit wirr durcheinander gekrampften Beinen , umronnen von einer grauenvollen Blutlache - und sah , wie die Lagerknechte mit Knüppeln auf die noch lebenden losschlugen , welche keuchten und heulten . Törring deutete da hinaus und schrie wie ein Irrsinniger : » Herzog ! Dein Wort ? Dein Wort ? « Ruhig sagte Herr Heinrich : » Ich versprach dir ritterliche Freiheit . Und daß du deine berühmten Bracken mitnehmen kannst . Man kann auch tote Hunde mitnehmen . Nicht ? « Er wandte sich zum Marschalk Ahaimer . » Oswald ? Hast du ihm was anderes gesagt ? « Erschrocken fing Ahaimer zu stammeln an . Und Törring , wie ein Tobsüchtiger , sprang auf einen der Gepanzerten zu und riß ihm das blanke Langschwert aus den Fäusten . Die Fieberröte im Gesicht des Herzogs verwandelte sich jäh in aschige Blässe . Ehe die Harnischer zuspringen konnten , sauste die schwere Klinge schon . Und Marschalk Ahaimer , der keinen Kopf mehr hatte , setzte sich rot auf den Boden hin . Die Harnischer wanden dem Törring das Eisen aus den Händen und hielten seine Arme gefesselt . Einer fragte : » Herr ? Was soll geschehen mit ihm ? « In seiner kalkigen Blässe sah der Herzog die Gemahlin des Törring an , die den schwarzen Mantel um das Gesicht gewunden hielt . Dann sagte er ruhig : » Ihm soll geschehen , was ich versprach . Man soll ihm die ritterliche Freiheit geben . « Törring keuchte : » O du Laus du ! Recht hat der Loys ! « » Mein guter Kaspar ! « Herr Heinrich lächelte . » Heut hast du mich enttäuscht . Ich habe dich immer für einen großen Jäger gehalten . Der bist du nicht . Ein ganz kleiner bist du . Hättest einen edlen Hirsch erlegen können . Mich ! Und hast dich mit einem armen Hasen begnügt . Mit dem Oswald ! Und wie dir heute nicht klargeworden , was du tun sollst , so hast du auch nicht gewußt , warum du neulich nach Piding rittest . Ich verzeihe dir . « Der Herzog verneigte sich : » Edle Frau ! Behaltet , meinen Mantel und führt Euren kleinen Jäger , wohin Euch , beliebt . « Er ging zur Zeltkammer . Unter dem Vorhang sagte , er : » Man soll den Oswald mit Ehren bestatten . Er hatte ein schlechtes Gedächtnis . Das ist eine Krankheit , an der man sterben kann . « Herr Heinrich verschwand . Während man Leib und Kopf des Oswald Ahaimer davontrug , sah Kaspar Törring wie ein Erwachender den stillen , rostfarbenen , schwarz und weiß , und Weiß und braun gefleckten Hügel der erschlagenen Bracken an und begann zu weinen wie ein Kind . Da nahm ihn seine Frau am Arm . » Komm , Kaspar ! Laß dich führen ! Vielleicht merkst du dabei , daß deine Frau noch lebt . Hunde kannst du ja wieder züchten . « Er klagte : » Ach , was versteht denn ein Weib ! Gibt ' s nicht ! Weiber zu Hunderttausenden ? Solche Bracken hat ' s nur sechzig auf Erden gegeben . « Die zehn Harnischer geleiteten das Ehepaar durch die Lagergasse , in der man mit heiterem Lärm das schwere Plündergut auf die Troßkarren lud und zum Abmarsch rüstete . Bei dämmerndem Abend ließ sich Herzog Heinrich im Stangensessel hinter Geschütz und Fußvolk hertragen , das im Flinkmarsch über Kay und Tittmoning gegen Raitenhaslach zog . Seipelstorfer mit den Harnischern deckte den Herzog gegen einen Überfall der Salzburger , die zum Entsatz des Törring heranrückten . Während des ganzen Nachtweges von Törring bis Burghausen plauderte Herr Heinrich leutselig mit den Sesselträgern . Als er einmal eine kleine Weile geschwiegen hatte , lachte er lustig auf ; er hatte in diesem Schweigen beschlossen , den Turm Hochtörring abbrechen und die mächtigen Quadern nach Burghausen führen zu lassen , um dort einen Turm Hunds-Törring zu erbauen - - - Um die elfte Nachtstunde traf der Salzburger Entsatzhaufe bei der Törringer Trümmerstätte ein , wo es unter den funkelnden Sternen noch übler duftete , als es beim Hallturm in der Sonne gerochen hatte . Herr Kaspar , in einer Mischung von wehmutsvollem Jägergram und schäumendem Ritterzorn , nahm mit der Salzburger Reiterei die Verfolgung des Herzogs auf . Er kam bis Raitenhaslach . Hier mußte er in der Morgendämmerung umkehren , wenn er nicht in das Geschützfeuer der herzoglichen Burg geraten wollte . Während des Heimrittes erzählte er dem Salzburger Hauptmann von jedem der sechzig seligen Hunde eine lange , wundersame Geschichte , welche bewies , daß auch der dümmste von ihnen noch immer klüger war , als Aristoteles gewesen . - Der Salzburger Heerhaufe rückte wieder in die heimatliche Stadt , ohne einen Toten zu beklagen oder einen Verwundeten mitzubringen . Die erzbischöflichen Wundärzte hatten schon reichlich mit jenen zu schaffen , die ein Karrenwurm von der Saalach und von Marzoll gebracht hatte . Einer von diesen Leidenden , dem der linke Schenkel mit Lehm geschindelt war , machte zur Nachtzeit eine beschwerliche Reise nach Berchtesgaden . Er tat es gegen den Willen der Ärzte , weil ihm seine Mutter die verzweifelte Botschaft geschickt hatte : » Komm ! Dein Vater muß sterben ! « Die flämische Rüstung , der Helm mit den Fasanenflügeln , die Waffen und zwei Krücken wurden dem Pongauer Rappen auf den Sattel gebunden . In einer Bettlade , an die man zwei feste Stangen genagelt hatte , trugen acht Männer den Verwundeten . Immer ging ihm die Reise zu langsam , immer bat er die Träger um Eile . Seine Stimme hatte einen Schleier , den sie im Leben niemals wieder verlieren sollte . Wenn Lampert bei dem flinken Gehops der Träger stumm in den Kissen lag , sah er hinauf zu den funkelnden Sternen der Sommernacht und suchte das Antlitz Gottes , an den er glaubte . Gottes Gesicht sah aus wie die unbegrenzte Nacht , wie ein riesenhafter Panzer aus blauem Stahl und hatte unzählbar viele Augen , solche , die groß und klar und herrlich , und solche , die winzig und geheimnisvoll waren . » Gott hat Augen nur für den Sehenden . Gott ist augenlos für die Blinden . « In den stillen , dunklen Dörfern brannte kein Feuer , nirgends sah man den Qualm einer Brandstätte , und dennoch war ein scharfer Rauchgeruch in der Luft . Er kam mit den Windstößen , die über den Untersberg herunterwehten , schwül wie ein Frühlingsföhn ; sie bliesen über den Kamm der Felswände die heiße Luft herüber , die hinter dem Untersberg von den brennenden Wäldern gekocht wurde . Je näher der kleine Trupp dem Tal von Berchtesgaden kam , um so nebliger wurde die Nachtluft . Und als es von der Ache hinaufging zum Stift des heiligen Peter , sah man in dem weißlichen Dunst auf keine hundert Schritte mehr . Die grauen , treibenden Schwaden , die wie der Dampf einer großen Badestube waren , rochen jetzt nach Harz , Wacholder und Fichtennadeln . Einer von den Trägern sagte : » Tät man den Husten haben , so wär ' s gesund . « Eine Glocke schlug die dritte Morgenstunde , als die Reisenden durch den Stiftshof kamen . Der war wie ausgestorben . Kein Eisen klirrte , keine Wache rief . Die ganze , noch übrige Wehrmacht des verwaisten Ländleins war in der Ramsau , die man wieder sanktpetrisch machte , war im Schwarzbachtal und beim heiligen Zeno , dessen herzogliche Hilfstruppe sich fast ohne Schwertstreich den Gadnischen ergeben hatte . Und da wurde der heilige Zeno so schwer um Gut und Besitz gebüßt , daß er für alle Zeiten aufhörte , eine politische Person zu sein und daß den geweihten Söhnen seiner Kirche aus Mangel an Beschäftigung nichts andres übrigblieb , als ihrem geistlichen Amt zu dienen und gute Priester zu werden . Herr Konrad Otmar Scherchofer tröstete sich als lächelnder Philosoph , der innerlich dem Besseren immer gewogen war . Doch sein sauerriechender Kaplan , Herr Franzikopus Weiß , der mit schweren Beulen und blauen Malen aus der Ramsau entronnen , konnte es nicht ertragen , daß seiner staatsmännischen Begabung der große Wirkungskreis entzogen werden sollte . Er konspirierte hinter dem Rücken seines Propstes und schrieb geheime Briefe . - In dem dichten Dunste , der über dem Marktplatz von Berchtesgaden lag , waren die Häuser still und dunkel . Nur ein einziges war wach . Gleich großen , trüb verschwommenen Laternen hingen die erleuchteten Fenster des Someinerschen Hauses im grauen Nebel . Überall war Licht , vom Erdgeschoß bis hinauf zur Dachstube der alten Magd . Als Lampert die hellen Fenster sah , fiel ihm ein weher Schreck in das Herz . Bevor noch seine Träger die Bettlade auf das Pflaster niederstellten , streckte er die Hände und stammelte : » Meine Krücken - meine Krücken - « Da fing der Moorle zu wiehern an . Droben am Erker klirrte das Schubfenster . Ein Schrei . Der Schlag einer Türe . Im Haus ein Geraschel . Schwere Riegel klirrten , das Tor wurde aufgerissen , und aus dem Hausflur quoll der Geruch von starkem Räucherwerk . Bei trübem Lichtschein taumelte die schwarze Frau Marianne auf die Gasse heraus . » Bub , mein Bub - « Zitternd hing sie in den Armen des Sohnes , ließ sich hinfallen auf die Kante des Bettes und wußte nicht , was in ihr das Größere war , der Jammer und Gram dieser Nacht oder die Freude dieses Augenblicks . » Mutter ? Er lebt doch ? « Sie konnte nicht reden , konnte nur schluchzen an Lamperts Hals . Und als ihr nach Tränen die Sprache kam , fand sie nur zwei gallige Worte : » Siebzehn Ochsen ! « Die acht Träger , als sie die zwei unbegreiflichen Worte der Amtmännin hörten , hielten die Frau für irrsinnig . Lampert nahm den Kopf der Schluchzenden zwischen seine Hände . » Komm , Mutter ! Sei ruhig ! Komm , ich führ dich hinauf ! « Mit beiden Beinen stieg er aus der Bettlade , biß die Zähne übereinander und knirschte : » Die zwei Stecken her ! « Beim Anblick der Krücken schrie Frau Marianne den Namen des Heilands in die Nacht hinaus . » Nein , Mutter ! Hab keine Sorg ! Das ist nur jetzt - weil ich den Knochen geschindelt hab und das Knie nicht biegen kann . Das wird schon wieder . « Jetzt war Frau Marianne keine schluchzende Witib mehr - war nur die Mutter noch , die ihrem Sohne helfen muß . Zu den Schwachen hatte sie nie gezählt . Der alten Magd , die mit einem Windlicht auf der Hausschwelle stand , befahl sie : » Flink ! Tu besser leuchten ! « Die Schulter unter dem Arm des Sohnes schiebend , faßte sie ihn fest um den Rücken . Und den stärksten der acht Träger schrie sie zornig an : » Du Muckenfanger , so komm doch und hilf ! « Die beiden trugen den Wunden über die steile Treppe hinauf . Als sie ihn bei der Stubentür vorbeibringen wollten , bat er : » Mutter ! Ich will ihn sehen ! « » Morgen , Bub ! Heut nimmer ! Du mußt ins Bett . Und mußt dich ausrasten und mußt deine Ruh haben . « » Ich will , Mutter - « » Morgen , morgen ! « Frau Marianne log . Schon seit dem Abend war der selige Amtmann Someiner nimmer im Hause . Kaum daß er kalt geworden , hatte man ihn hinuntergelegt in geweihten Boden und hatte Sarg und Grube zugeschüttet mit gelöschtem Kalk . In der Marktgasse waren schon sieben Leute von dem gleichen , bösen Leiden befallen . Um das Gift der Krankheit im Hause zu zerstören , brannten in allen Räumen die Wacholderkerzen und das beizende Räucherwerk . Bei Anbruch der Nacht hatte ein Siechenwärter das Bettzeug und die Wäsche des Entschlafenen geholt , um alles in einen glühenden Ziegelofen zu werfen . Der Morgen fing matt zu grauen an , als Lampert in seiner kleinen , weißen Stube gebettet lag , in der so viele Wacholderkerzen brannten , daß der Raum sich ansah wie eine Weihnachtsstube . Der gleißende Schein , der in das erste trübe Grau des Tages hinausstrahlte , lockte die Dämmerungsfalter so zahlreich an , daß man meinen konnte , da draußen wären zwei unsichtbare Hände , die rastlos mit den Fingernägeln gegen die Fensterscheiben trommelten . Eine Werbetrommel des Todes ! Jeder klirrende Laut am Fenster rührte von einem kleinen Leben her , das sich in Lichtsehnsucht und Eigensinn am harten Glase den Kopf zerschlug . Erst bei wachsendem Morgen , dessen Helle stärker wurde als der Kerzenschimmer , endete der ruhelose Todesflug der Schmetterlinge . Nach diesem Kriege zwischen Nacht und Helle sah es da draußen auf dem steinernen Fenstergesims wie bei der Hallturmer Mauer aus : Viele Leichname lagen in der Sonne . Nur ein bißchen kleiner waren sie als jene Zweibeinigen ; und der Sieger plünderte ihnen nicht den glänzenden Schuppenpanzer vom toten Leib herunter . Frau Marianne hatte den Medikus holen lassen , der den locker gewordenen Verband erneuerte und die Sorge dieser verstörten Mutterseele durch die heiligsten Schwüre beruhigte . Als die Frühsonne in die weiße Stube hereinglänzte , saß die Amtmännin neben dem Bett ihres Sohnes , liebkoste seine schlaffe Hand und erzählte vom letzten Leiden des armen Ruppert . » Schon gestern in der Früh , wie ' s auf die siebente Morgenstund gegangen , hab ich gemeint , er muß verscheiden . So schwach ist er gewesen , so ganz von Kräften gefallen . Und da ist das Ärgste noch erst gekommen . « » Mutter ? « » Er hat mich schon nimmer kennen mögen , den geistlichen Herren nimmer , den Pießböcker nimmer , keinen Menschen mehr . Und derweil ihm die kalten Tropfen über das magere Gesicht heruntergelaufen sind , hat er allweil angstvoll auf das gleiche Fleckl in der Luft geschaut , hat geredet mit einem Unsichtbaren und hat gerungen mit ihm . Ach , Bub , wie grausam ist das gewesen ! Sechs Stund lang hat der Vater kämpfen müssen wider den Teufel . Und allweil das gleiche Wörtl : Siebzehn ! Siebzehn ! Und noch ein anders hat er allweil gesagt : Nicht schlagen ! Mir ist das Herz schier auseinandergebrochen . « Tränen erstickten die Stimme der Amtmännin . In tiefer Erschütterung bedeckte Lampert das Gesicht mit den Händen . » Nicht schlagen ! Denken ! « » Verstehst du , was er sagen hat wollen ? « Lampert nickte . » Und allweil , allweil , allweil so ! Sechs Stund lang . Bis zum Nachmittag um die zweite Stund . Da hat ihm der gütige Herrgott beigestanden im Krieg wider den bösen Feind . Und da ist er ruhig geworden . Und ist so dagelegen und hat ein lützel leichter geschnauft . Und jählings tut er sich in den Kissen aufsetzen . Erst hatt ' ich gemeint , er kennt mich , weil er allweil gesucht hat nach meiner Hand . Aber mit den Augen ist er im Leeren gewesen . Und ich sag dir , Bub , was Heiliges ist ihm ins magere Gesicht gekommen . In seinen Augen ist ein Glanz gewesen , daß ich gemeint hab , es sitzt ein biblischer Erzvater in dem schiechen Bett . Und da tut er die Hand strecken - grad so , wie ' s im Krieg die Hauptleut machen - und sagt mit einer festen Stimm : Jetzt weiß er ' s ! Jetzt hab ich ' s ihm bewiesen nach Brief und Siegel . Daß keiner schlagen darf ! Auch der nicht . Gottes Recht verbietet ' s. So hat er geredet , Bub ! Und hat sich hinfallen lassen auf meinen Arm . Es ist sein letztes Wörtl gewesen . Um die vierte Stund ist er schön und ruhig eingeschlafen . « Lampert umklammerte die Hand der Mutter . Und nach einer Weile fragte er mit zerdrückter Stimme : » Hat er nimmer geredet - von mir ? « Die Amtmännin stammelte hastig : » Wohl , Bub ! Freilich ! « Eine heiße Röte schlug ihr über das vergrämte Gesicht . » Fürgestern Abend oder gestern in der Früh - recht weiß ich ' s nimmer - da hat er mich bei der Hand genommen und hat gesagt : An unserem Buben wird der Fürst einen guten Amtmann haben . « Ernst sah Lampert die Mutter an , behielt ihre Hand in der seinen und drehte schweigend das Gesicht gegen die weiße Mauer : Frau Marianne atmete schwer . Sie hörte keinen Laut ihres Sohnes . Aber sie merkte es an seinen zuckenden Schultern und konnte es fühlen an seiner Hand , wie der Schmerz in ihm wühlte . » Ach , Bub , was soll ich noch sagen ? Sie haben mich wegtun wollen vom Bett , aber ich hab ' s nicht gelitten und hab ihm selber die letzte Pfleg gereicht . Ohne Beistand hab ich ihn lupfen können . So ein stattliches Mannsbild ist er gewesen , einmal . Und ist auf dem letzten Brett gelegen wie ein Hehndl , so klein und mager . « Unter fließenden Zähren sah die Amtmännin ins Leere . » Dann hat der Pießböcker die Tür versiegelt . Und in der lieben Stub , wo ich sechsundzwanzig Jahr lang mit meinem guten Ruppert gelegen hab in Glück und Sorgen - da brennt der Schwefel , und Stank und Gift ist drin - « Lampert hob sich erschrocken aus den Kissen . » Mutter ? « Er hatte verstanden . Sie sah ihn hilflos an . » Muß ich ' s halt sagen . Der Vater ist seit dem Abend nimmer im Haus . « Die Sonne strahlte durch das verbleite Glas und spannte schimmernde Stege über den herbduftenden Rauch der Wacholderkerzen . Nach einer Weile schob die alte Magd das scheue Gesicht durch einen Spalt der Tür herein . » Im Stall beim Moorle ist ein fremder Mensch . Der geht nimmer fort . Will Essen und Trinken haben und ein Bett . « » Bub ? Wer ist das ? « » Mein neuer Knecht . « - Man reichte dem Manne Trank und Speise und gab ihm die Stube des früheren Knechtes , der nimmer kam . Das war ein froher , lustiger Bursch gewesen , der gerne sang und lachte . Dieser Neue war schweigsam und ängstlich . Graue , dumpfe , sorgenvolle Tage . In vielen Häusern mußten die Wacholderkerzen und der Schwefel brennen . Die schwüle , giftige Luft , die über Berchtesgaden dunstete , wurde besser , als ein schwerer Gewitterregen den Brand der Wälder bei der bayerischen Plaienburg erstickte . Nun konnte man in der Krankenstube des Someinerschen Hauses an jenem schönen Morgen das Fenster öffnen , um die Sonne und den Duft der Gartenblumen hereinzulassen . Als das Wundfieber überstanden war , begann sich Lamperts Befinden langsam zu bessern . Um sein Bett frisch überziehen zu können , hob man ihn eines Morgens vom Lager auf eine Matratze , die man auf den Fußboden der Stube gelegt hatte . Und während Frau Marianne den Schilfsack des Bettes wendete und die zerlegenen Binsen locker machte , fiel etwas Schweres auf den Boden , kollerte unter der Bettlade heraus und blieb neben Lamperts Matratze liegen . Er streckte die Hand und griff nach dem kleinen , wunderlichen Ding , das zu ihm gekommen war . Ein Brocken Blei . Wie eine zerquetschte Nuß . » Schau , Mutter ! Eine Büchsenkugel . Die muß man am Hallturmer Elendstag in meine Stube hereingeschossen haben . « » Ich glaub , das muß anders sein . Selbigsmal ist zu Berchtesgaden nicht viel geschossen worden . Und am Fenster ist nie ein Loch gewesen . « » Ich hab sie nicht mitgebracht . Wie kommt die Kugel in meine Stub ? « Lampert betrachtete das zerdrückte Klümplein Blei , das auf seiner flachen Hand lag . » Die Kugel sieht aus , als war sie durch einen Harnisch geflogen . Aber es ist an dem Blei kein trockenes Blut . « Frau Marianne setzte sich neben Lampert auf die Matratze hin und beguckte das rätselhafte Ding . Eine Erinnerung wurde in ihr wach . » Ob die Kugel nicht von dem Buben ist ? « Rasch fragte Lampert . » Der in meinem Bett geschlafen hat ? « » Zwei Nächte lang . Ja ! Und ich besinn mich . Der Bub ist heil gewesen . Aber ich hab auf seinem Küraßbrüstling eine Dull gesehen . « Lamperts Augen wurden groß . Und sein erregtes Gesicht fing zu brennen an , als käme ein Rückfall seines Wundfiebers . » Die Kugel « , sagte Frau Marianne , » muß dem guten Buben zwischen Küraß und Leib gehangen haben . Und wie er sich in seiner Müdigkeit zum Schlaf in das Bett gelegt hat , muß sich das Blei in die Binsen verschloffen haben . « Sie erhob sich und breitete das frische Linnen über das Lager ihres Sohnes . Von dem jungen Harnischer , der dem Someinerschen Haus ein Schutzengel wider die Sackmacher geworden war , hatte die Amtmännin schon viel erzählen müssen . Und immer hatte Lampert so seltsam gefragt , daß ihn die Mutter manchmal verwundert ansah . Jetzt , da sie wieder von dem Buben redete , den sie immer den guten nannte , geschah es zum erstenmal , daß Lampert keine Frage stellte . Schweigend , mit Sorge und Sehnsucht in den Augen , betrachtete er das zerquetschte Ding auf seiner Hand . Und während die Amtmännin die Kissen des Bettes aufschüttelte , preßte Lampert plötzlich die Lippen in heißer Zärtlichkeit auf das graue Blei . » Ach , was für Zeiten das sind ! « seufzte Frau Marianne bei ihrem fürsorglichen Mutterwerke . » Es wird doch der gute Bub nicht auch in der Saalach liegen ? « » Nein , Mutter ! Der war beim Fechten neben dem Runotter gewesen . Meinen Helm mit den Reihergranen hätt ich sehen müssen . Der Bub hat bei Marzoll und Piding nicht mitgefochten . Auch der ander ist nicht dabeigewesen . « » Wer ? « » Der mit der schweren Narb . « Der Jungherr schwieg . Und nach einer Weile sagte er leise : » Der so viel von dem Buben weiß . « Er lächelte wie ein Träumender . » Auf dem Boden ist ein schlechtes Liegen , Mutter ! Laß mich wieder in das Bett heben ! « Der neue Knecht und die alte Magd mußten helfen , um ihn auf das frisch gerichtete Lager hinaufzulupfen , für das dieser zweifellos tapfere Kriegsmann , der sich bei Marzoll wie ein Held für seinen Fürsten geschlagen hatte , eine höchst unkriegerische Vorliebe zu empfinden schien . Er drückte wohlig das Gesicht ins linde Kissen . Im Verlaufe des Tages mußte Frau Marianne sich darüber wundern , daß ein erwachsenes , leidendes Mannsbild stundenlang gleich einem heiteren Jungen spielen konnte mit einem Stücklein Blei . Oder war diese Kugel , die nahe zum Herzen eines jungen Lebens gedrungen , ein Amulett mit geheimnisvollen Kräften ? Denn Lamperts Besserung machte seit diesem Tag so flinke Fortschritte , daß in Frau Marianne die gläubige , hoffnungsvolle Mutterfreude sich in einem steten Kriege gegen ihre Witibstrauer um den seligen Ruppert befand . Neben dieser Trauer hatte die Amtmännin auch beklommene Zeitsorgen . Sie erzitterte bei jeder bösen Botschaft , die von der entfesselten Kriegsfurie der bayerischen Vettern nach Berchtesgaden drang . Vor Schreck wurde sie kreidebleich als sie vernahm , daß Fürst Pienzenauer im Stifte eingetroffen wäre , um für seinen herzoglichen Freund zu Ingolstadt eine Hilfstruppe von vierzig Harnischreitern , achtzig Spießknechten und zehn Faustschützen auszurüsten . Auch war am Münstertor zu Berchtesgaden einer von den vielen Werbebriefen angeschlagen , die Herzog Ludwig in alle Welt entsandt hatte . Da stand zu lesen : » Wer zu Uns reiten will um Gewinn , dem wollen Wir Unsere Burg öffnen und für Rechnung Proviant auf einen Monat liefern . Wer zu Uns reiten will um Geld und Sold , dem bieten wir auf drei Gewappnete und drei Pferde monatlich fünfzehn Rheinische Gulden und Ersatz des Pferdeschadens im Gefecht nebst Anteil an der Beute . Wer aber soldlos zu Uns reiten will , um Ritterschaft zu suchen , dem versprechen Wir Stechen , Rennen , Tanz und Spiel mit schönen Frauen , Sturm und Scharmützel nach Herzenslust . « Zwei Gadnische Herren , der junge Hundswieben und der Dichter Jettenrösch verließen die erfolgreiche Pflege der frummen Pfennigweiblein im Badhaus zu Berchtesgaden und zogen gen Ingolstadt - um Ritterschaft zu suchen . Darüber wurde in der Marktgasse viel , doch sehr verschieden geredet . Im Someinerschen Hause sprach man von solchen Dingen kein Wort . Frau Marianne war , soweit es den Krieg betraf , eine heroische Schweigerin geworden ; und die alte Magd wie der neue Knecht hatten heilige Eide schwören müssen , den Schnabel zu halten . Unter dem gleichen Schwure stand auch der Medikus . Sooft er bei Lampert eine erfreuliche Besserung wahrnahm , zog die Amtmännin erschrocken die beiden Daumen ein . Und wenn Fürst Pienzenauer sich nach Lamperts Befinden erkundigen ließ , schickte sie sehr schlechte Nachrichten in das Stift hinüber . Sie sagte zur Magd , das täte sie , weil sie abergläubisch wäre . Und in den immer länger werdenden Nächten betete sie um ein Wunder , das der Allmächtige beim besten Willen nicht wirken konnte : Ihr Lampert sollte flink so gesund werden , wie eine Forelle im Bergbach ist und sollte dabei für den Propst so leidend erscheinen , daß er als Invalide dem grauenvollen Morden und Brennen entzogen blieb , zu dem der Krieg der bayerischen Herzöge sich auswuchs . Immer schrecklicher lauteten die Botschaften , die von gebrochenen Burgen , geplünderten Städten , gebrandschatzten Dörfern , erschlagenen , gehenkten , erstochenen , verbrannten und ersäuften Menschen aus dem ebenen Lande hereindrangen in das wieder friedsam gewordene Bergtal , wo man keine toten Kriegshelden mehr zu begraben hatte , nur noch mager gewordene Lazarusse , die gleich dem Amtmann Someiner an der roten Ruhr das Zeitliche gesegnet hatten . Nach der zweiten Augustwoche , an einem Berglandsmorgen von wundersamer Schönheit wanderte die vom heiligen Peter für Herzog Ludwig ausgerüstete Hilfstruppe mit fröhlichem Pfeifenklang gegen Salzburg davon . Lampert , in seiner weißen Genesungsstube , hörte von der kriegerischen Musik und dem Lärm der Menschen noch einen verworrenen Schall . Er hob sich aus den Kissen . Seine tiefliegenden Augen fingen zu glänzen an . » Mutter ? Marschieren da nicht Kriegsleut aus ? « » Was dir einfallt ! « Mutter Marianne log mit geschulter Seelenruhe . » Heut ist Hochzeit . Einer von den Burghausener Kriegsgefangenen heiratet eine Gadnische Hofmannstochter . Da gönnen ihm die Hofleut ein lützel Kriegsmannsehr und spielen einen Lustigen auf . « Ernst sah Lampert die lächelnde Mutter an und ließ sich stumm auf das Kissen zurückfallen . Dann sprach er ruhig vor sich hin : » Jetzt kann ich auch bald wieder reiten . « Frau Marianne erschrak , daß ihr der Herzschlag zu stocken drohte . 5 Während Herzog Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger mit seinem Heerhauf seit Wochen die fränkischen Güter des Fritz von Zollern verwüstete , fielen entlang allen Grenzen des Landshuter Gaues die Ingolstädtischen Truppen unter Marschall Frauenberger , unter Hauptmann Muracher und dem Pfleger von Wasserburg in Herzog Heinrichs Lande und hinterließen in Hunderten von niedergebrannten Dörfern die Spuren ihrer Wege . Wie eine laufende Flamme brannte der Krieg an allen Ecken und Enden der bayerischen Herzogtümer auf . Wilhelm und Ernst von München , der Kurfürst von der Pfalz und Johann von Neumarkt - die Herr Heinrich zur Hilfe wider den unbequemen Ingolstädter gewonnen hatte - sandten ihre Fehdebriefe an Ludwig im Bart. So standen alle Wittelsbacher im Kampfe gegen diesen Einen ihres Blutes , der durch seine gewalttätige und hochfahrende Art , durch seinen französischen Übermut , sie alle schon einmal gekränkt , verhöhnt , beleidigt und geschädigt hatte . Der auflodernde Zorn der Fürsten übertrug sich auf ihre Untertanen . In Städten und Dörfern , in Burgen und Handwerkerstuben , überall , wo Bürger der Wittelsbachischen Herzöge bisher friedlich beisammen gewohnt hatten , ergriffen sie Partei für ihre Fürsten und zerschlugen einander die Köpfe unter dem Geschrei : » Hie Ludwig ! Hie München ! Hie Heinrich ! « Auf den Universitäten zu Prag , Wien , Heidelberg und Leipzig stachen in den Bursen die Studenten einander die Rapiere in den Leib , auf den Märkten der deutschen Städte prügelten sich die Kaufleute und ihre Kunden , die Viehtreiber und Karrenführer . Wie die Fürsten , so wechselten die ihnen verbündeten Ritter und Städte ihre Fehdebriefe . Mehr als fünfhundert Lehensherren der Münchener Herzöge und des Landshuters begannen Krieg wider Ludwig . Und fast ebensoviel ritterliche Freunde des Ingolstädters , der nach seinen Werbebriefen Zuzug auch aus Frankreich , Ungarn , Italien , Holland und Dänemark bekam , kündeten dem Herzog Heinrich und den Münchener Fürsten den Frieden auf . Die Briefe , die man noch immer wechselte , während das Morden und Brennen schon begonnen hatte , flossen über von Hohn , Verdächtigung und Haß . Die gegenseitigen Beschimpfungen häuften sich wie bei den Homerischen Helden vor dem Zweikampf . Da seit der unglückseligen Erbteilung der bayerischen Lande die Besitzungen der Wittelsbachischen Fürsten in Flicken und Lappen die Länder des Gegners durchsetzten , stand Nachbar gegen Nachbar im Kriege : Burghausen gegen Wasserburg , Landshut gegen Freising , Tölz gegen München , Schrobenhausen gegen Pfaffenhofen ,