Kriegsadler baut sein Nest jährlich immer neu und also immer höher . Es gelang dem Knaben , sich in diesen Riß zu retten , noch ehe das kreischende Raubvogelweib den Horst erreichte und den wütenden Angriff begann . Er kroch nach und nach fast ganz unter die Hölzer und verteidigte sich mit ihnen . Dabei dachte er eifrig darüber nach , wie er sich retten könne . Er war so klug , einzusehen , daß dies nur dadurch möglich sei , daß der Adler ihn hinunter in die Tiefe trage . Er fragte sich , ob er trotz seiner jetzigen Leichtigkeit nicht doch zu schwer für diesen Vogel sei . Indem er das dachte , ließ die Alte von ihrem Angriffe ab , um nach ihren Jungen zu suchen . Dadurch gewann er Zeit zu ruhigerem Ueberlegen . « » Er war zu schwer ! « fiel das Herzle ängstlich ein . » Allerdings war das anzunehmen , « stimmte Intschu-inta bei . » Einen sicheren , ruhigen Flug konnte es also nicht geben , ganz abgesehen davon , daß der Adler sich aus allen Kräften sträuben würde , ihn zu tragen . Aber wenn kein eigentlicher Flug , so war es doch wohl auch kein eigentlicher Sturz in die Tiefe . Es war vorauszusehen , daß die Flügelschläge die Jähheit und Stärke dieses Sturzes mildern würden . Es galt also , den Adler so zu fesseln , daß er den Knaben weder mit dem Schnabel , noch mit den Krallen verletzen , aber doch fliegen konnte . Schlingen und Fesseln , mit denen man dies erreicht , sind einem jeden Indianer , sogar auch den Kindern , geläufig . Kaum war der Gedanke gefaßt , so wurde seine Ausführung vorbereitet . Riemen waren mehr als genug da . Mit Hilfe eines passenden , aus dem Horst gezogenen Holzes und dreier Riemen wurde schleunigst ein Knebel gefertigt , der den Adler zwang , Kopf und Hals gradeaus zu strecken . So war ihm der Gebrauch des gefährlichen Schnabels verwehrt . Für die Fänge oder Krallen gab es eine fünffache Schlinge , die später noch zu verstärken war . Für den Leib eine Schleife , welche den Zweck hatte , die Flügel zu schließen und eng an den Körper zu zwingen , natürlich nur bis zu dem Augenblick , an dem der Flug zu beginnen hatte . Mehrere Hölzer wurden fest in die Felsenspalte geklemmt , so daß sich eine Art von Gitter zum Schutze des darinsteckenden Knaben bildete . Wollte der Adler ihn fassen , so war er gezwungen , den Kopf durch dieses Gitter zu stecken , der dann sehr leicht mit der Schlinge gepackt und festgehalten werden konnte . « Meine Frau war außerordentlich gespannt , ich nicht viel weniger . Pappermann las dem Erzähler die Worte fast von den Lippen weg . Intschu-inta fuhr fort : » Kurze Zeit , nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren , kehrte die Adlersfrau zurück . Sie schien die Leichen ihrer Kinder gefunden zu haben , denn sie fuhr in einer bedeutend größeren Wut als vorher auf ihren Feind los . Sie besann sich nicht im Geringsten , den Kopf durch das Gitter zu stecken . Sofort legte sich ihr die Schlinge um den Hals , und mochte sie sich noch so sehr wehren , einige Minuten später war ihr der Knebel angelegt , der sie zwang , Kopf und Hals geradeaus zu strecken . Sie wehrte sich aus Leibeskräften , mit den Flügeln und den Krallen . Die letzteren wurden sehr leicht in Schleifen gefangen und dann fest aneinander gebunden . Um die ersteren zur Ruhe zu bringen , mußte der Knabe den gewaltigen Raubvogel , der sich aber nun schon nicht mehr wehren konnte , halb zu sich in den Felsenspalt ziehen , um ihm die Schwingen an den Leib zu drücken und dann mit Riemen festzubinden . Als dies geschehen war , konnte der Adler sich nicht mehr bewegen . Er war vollständig überwältigt ; der Sieger aber hatte nicht die geringste Verletzung davongetragen , der Vogel allerdings ebenso . Das Schwierigste war vorüber ; das Kühnste konnte beginnen , nämlich der fliegende Sturz oder der stürzende Flug in die grausige Tiefe . « » Gott sei Dank , daß ich es nicht war ! « meinte Pappermann . » Mir wäre dieses Wagnis gewiß nicht gelungen . Wen das Schicksal dazu verurteilt hat , Pappermann zu heißen , der muß auf fester Erde bleiben , sonst geht er sicher kaput ! Doch weiter , schnell weiter ! Ich bin gespannt ! « Der Diener fuhr fort : » Nun das Raubtier gebändigt war , konnte der Knabe die Felsenspalte wieder verlassen . Er trat vor und schaute in den Abgrund . Es kam keine Spur von Zagen über ihn . Es fiel ihm nicht ein , auch nur einen Augenblick zu zögern . Jetzt war der Adler noch bei voller Kraft . Je schwächer er wurde , desto gefährlicher war der Sprung von dem Horst in das gähnende Nichts hinaus . Der Vogel stank nach Wild und Blut . Seine großen , runden Augen glühten vor Haß und Wut . Und doch konnte nur er allein der Retter sein , weiter niemand , weiter nichts ! Das sind Rätsel , die nur Einer lösen kann , ein Einziger , und dieser Einzige ist gut , ist ewig gut ! Der Knabe befestigte sich die besten seiner Riemen unter den Armen hindurch über Brust und Rücken , band sie an die Krallen des Adlers , doch so , daß ihm die schlagenden Flügel des Vogels das Gesicht nicht verletzen konnten , und zog den letzteren bis hart an den Rand des Abgrundes . O Manitou , o Manitou ! rief er aus . Dann durchschnitt er die beiden Riemen , welche die Flügel fest an den Leib gehalten hatten . Der Adler regte sie ; er bemühte sich , sie auszubreiten , aber er konnte sich nicht aufrichten , weil ihm die Krallen zusammengebunden waren . O Manitou , o Manitou ! betete der Knabe noch einmal . Dann schloß er die Augen , glitt langsam über den Rand des Felsens hinaus und zog den Vogel nach . « » Weiter , weiter ! « rief Pappermann . » Ich kann es nicht erwarten ! « » Ja , schnell , schnell ! « bat auch das Herzle . Intschu-inta gehorchte : » Ich habe gesagt , daß der Knabe die Augen schloß . Stürzte er ? Nein . Er wäre in einigen Sekunden unten in der Tiefe aufgeschlagen . Aber die Sekunden vergingen , und er lebte noch . Ueber ihm rauschten Flügel . Er schwankte hin und her . Der Adler schrie in einemfort . Sein Kreischen klang über Berg und Tal , daß jedermann zur Höhe schauen mußte . Da öffnete der Knabe die Augen . Er sah , daß er fiel , beständig fiel , aber nicht stürzend , sondern langsam , in einer abwärts gehenden Schraubenlinie . Der Adler wehrte sich . Er wollte nicht nieder . Er arbeitete mit allen Kräften seiner Schwingen . Aber der Knabe war zu schwer ; der zog ihn hinab , bis in die Nähe des Schlosses . Da erreichten sie den festen Boden . Aber der Knabe war noch nicht gerettet . Er hatte sein Messer nicht mehr . Er konnte die Riemen nicht durchschneiden , sich nicht vom Vogel befreien , der sich bemühte , wieder aufzusteigen . Es entspann sich ein Kampf , in dem der Adler stärker als der Knabe war . Er schlug ihn mit den Schwingen ; er riß ihn hin und her . Leute eilten herbei . Die Angst vor ihnen verdoppelte die Kräfte des Adlers . Er überwand die an ihm hängende Last . Er ging noch einmal in die Luft , wenn auch nicht hoch . Er flog eine kurze Strecke weit , dann sank er wieder zur Erde , die er grad vor uns erreichte , vor Tatellah-Satah und vor mir . Da lag ein Stein . Ich hob ihn auf , und wir erschlugen den Riesenvogel . Der Knabe war gerettet . Die Flügelschläge hatten ihn arg mitgenommen ; aber er lächelte . Er jubelte sogar . Denn er hatte erreicht , was er erreichen wollte , nämlich seine - - Medizin . Seitdem wird er der junge Adler genannt , und das Fliegen ist es , wovon er am liebsten spricht . Er ist sogar nach den Städten und Dörfern der Bleichgesichter gegangen , um es dort zu lernen . « » Und kann er es ? « fragte das Herzle . » Das weiß ich noch nicht . Aber er ist schon seit gestern dabei , sich eigene Flügel zu bauen . Also scheint er es doch zu können . Das dürfen aber nur wir wissen , andere nicht . « Wir waren während dieser Erzählung eine gute Strecke vorwärts gekommen und folgten nun einer ganzen Reihe von Tälern und Schluchten , welche miteinander im Zusammenhange standen , aber nach so verschiedenen Richtungen führten , daß es oft schwer war , zu sagen , ob wir nach Nord oder Süd , nach Ost oder West ritten . Schon waren wir über drei Stunden unterwegs . Da stießen wir auf einen kleinen Fluß , dessen klarem Wasser man es ansah , daß es nicht aus einer erdigen oder gar lehmigen , sondern aus einer felsigen Gegend kam . » Das ist das Wasser der Höhle , an dem wir nun aufwärts reiten werden , « sagte Intschu-inta . » Es kommt aus der Höhle und führt uns also direkt nach unserem Ziele . « Wir schwenkten in diese Richtung ein . Als wir an dieses Wasser kamen , hatten wir den tiefsten Punkt unseres heutigen Weges erreicht . Nun ging es wieder aufwärts , dem Mount Winnetou zu , wenn auch von einer anderen Seite . Wir hatten einen großen Umweg gemacht . In der Luftlinie standen wir dem Berge ganz bedeutend näher . Das Tal des Flüßchens war eng und dabei dicht mit Nadelholz bewachsen . Oft fanden wir vor lauter Baumwuchs kaum genug Platz zum Vorwärtskommen . Das dauerte weit über eine Stunde lang . Dabei wurden die Seiten des Flußtales immer höher und höher . Dann kam eine Stelle , wo sie plötzlich weit auseinandertraten und wohl eine halbe Reitstunde lang in schnurgerader Richtung verliefen . Dadurch entstand eine große , lange , pfannenähnliche Bodenvertiefung , deren Sohle der Fluß wie eine mit dem Lineal gezogene Schnur durchschnitt . Eine ganz erstaunliche Vegetation von Riesenbäumen stieg zu beiden Seiten hoch empor . Zwischen den gigantischen Stämmen gab es dichtes Unterholz in Menge . Dicht war auch das Gesträuch , welches den Boden dieser Felsenpfanne bedeckte . Einzelne Laub- und Nadelkronen ragten daraus empor . Hier gab es Laub und Gras in reicher Menge , zum Futter für die Pferde . Allerdings , wenn die Pferde nach Tausenden zählten und nicht nur einige Tage , sondern längere Zeit zu bleiben hatten , so reichte auch diese Menge nicht aus . » Das ist das Tal der Höhle , « sagte Intschu-inta . » Und wo ist die Höhle ? « fragte das Herzle . » Ganz hinten , am Ende des Tales , wo es direkt an den Mount Winnetou stößt . Kommt ! « Wir ritten weiter . Also hier war es , wo die verbündeten Sioux , Uthas , Kiowa und Komantschen sich verstecken wollten . Der Platz war gar nicht übel von ihnen gewählt . Nur lag er von uns sehr weit entfernt , und wer uns von hier aus überfallen wollte , der hatte vorher einen fünf Stunden langen , mühsamen Weg zurückzulegen . Oder gab es vielleicht einen kürzeren , bequemeren Weg ? Und war er unsern Gegnern bekannt ? Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf . Sie erschienen mir der Beobachtung wert . Und sonderbar , kaum hatte ich ihnen Raum gegeben , so parierte ich mein Pferd und winkte den anderen , auch innezuhalten . Ich sah nämlich eine Spur . Ich stieg ab , sie zu untersuchen . Sie stammte von zwei Pferden , die nicht denselben Weg wie wir gekommen waren , sondern links von der Höhe herab , und zwar vor höchstens einer Stunde . Es gab also zwei Reiter , die da vor uns waren . Wer sie waren , konnte ich aus den Spuren nicht ersehen , jedenfalls aber Indianer . Ich nahm meinen Revolver aus der Tasche . Wir ritten weiter , aber langsam und vorsichtig , so geräuschlos wie möglich , immer einer hinter dem andern , ich voran . Wir folgten den Spuren , die in dem weichen , von den Höhen herabgeschwemmten Boden sehr deutlich zu sehen waren . Sie führten am Flusse hin , zwischen den Büschen hindurch , nach dem hinteren Teile der Talpfanne . » Sie sind nach der Höhle , « sagte Intschu-inta . » Sie kennen sie ! « » Und zwar so gut , « fügte ich hinzu , » daß sie quer über die wilden Vorberge gekommen sind und sie dennoch gefunden haben . Ihre Kenntnis ist also genauer noch als die deine . « Wir näherten uns dem Ende des Tales . Es hörte da auf , wo der Fluß direkt aus dem Innern des Berges trat . Eine Oeffnung führte hinein . Sie war dreimal breiter als der Fluß und nur so hoch , daß ein Reiter hinein konnte , ohne sich bücken zu müssen . Das war der Eingang zu der großen Höhle , die wir kennen lernen wollten . Vor diesem Eingange gab es einen kleinen , freien Platz , der von dem herabstürzenden Steingeröll bestrichen wurde und darum vegetationslos war . Am Rande dieses Platzes angekommen , hielten wir an , denn nun sahen wir die beiden Reiter , die wir suchten . Sie waren abgestiegen und lagen auf dem Bauche an der Erde , mit den Köpfen über etwas Weißes gebeugt , was ein Papier oder sonst dem ähnliches zu sein schien . Ihre Pferde knusperten von den letztjährigen Zweigen der Büsche . Die beiden Sättel lagen in der Nähe , dabei einige Taschen und Pakete , auch die Gewehre . Wir stiegen ab und führten unsere Pferde eine kleine Strecke zurück , um sie dort anzubinden , sonst konnten wir durch sie verraten werden . Dann kehrten wir wieder nach dem Buschrand zurück , um die beiden Männer zu beobachten . » Kennst du sie ? « fragte ich das Herzle . » Nein , « antwortete sie . » Du hast sie aber gesehen ! « » Nein , gewiß nicht ! « » Aber doch ! Sogar mehrere Stunden lang ! « » Wo ? « » Im Hause des Todes , bei der Beratung der Häuptlinge . Es sind die beiden Medizinmänner der Kiowa und der Komantschen , welche den Altar öffneten . « » Wirklich ? « » Ganz gewiß ! « » Dein Auge ist sicherer als das meine . Ich habe sie nur bei dem ungewissen , flackernden Licht der Feuer gesehen . « » Ich auch . Aber der Westmann gibt sich vor allen Dingen Mühe , sich die Gesichtszüge derer , die ihm wichtig sind , so gut wie möglich einzuprägen . Darin bist du nicht geübt . Das Papier , mit dem sie sich beschäftigen , kann kein gewöhnliches sein . Mir scheint , es ist eine Karte oder so etwas . Sie fahren mit den Fingern darauf herum , heftig , als ob sie sich stritten . Sie sprechen dabei so laut , daß man es sogar hier bei uns fast hören kann . Ich schleiche mich hin , sie zu belauschen . « » Ich mit ? « » Nein liebes Herzle , « lachte ich . » In welcher Sprache willst du lauschen ? Und dein Anschleichen dürfte wohl etwas laut ausfallen . « » Schade ! Ich möchte gern auch mittun ! Wie nun , wenn sie dich ermorden wollen ? Erschießen , erschlagen oder erstechen ? « » So kommst du schnell , mir zu helfen ! « » Das darf ich ? « » Ja , das darfst du ! Du darfst sogar dabei schreien und brüllen und heulen , so sehr und so viel du nur willst ! « » So geh ! Ich komme sogar auf alle Fälle ! « Ich gab Pappermann und Intschu-inta die nötige Anweisung und trat dann zwischen die Büsche , um mich zu den Indianern hinzuschleichen . Das fiel mir nicht schwer , denn sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt , daß sie weder Augen , noch Ohren für etwas anderes zu haben schienen . Ich kam so nahe an sie heran , daß ich von dem Strauche aus , der mich verbarg , mit meiner Hand den Fuß des auf dem Bauche ausgestreckten Kiowa hätte ergreifen können . Das Thema , welches sie behandelten , war von größter Wichtigkeit , nicht nur für sie , sondern ebensosehr auch für mich . Das , was ich für Papier gehalten hatte , war nicht Papier , sondern Leder , seidendünn pergamentartig zubereitetes Leder , auf beiden Seiten beschrieben oder wohl auch bemalt . Die eine Seite enthielt eine genaue Zeichnung des Mount Winnetou und den Situationsplan des » Schlosses « , welches der » Bewahrer der großen Medizin « bewohnte . Auf der anderen Seite befand sich eine ebenso genaue Karte des Inneren der großen Höhle , vor welcher wir uns befanden . Das wußte ich schon nach Verlauf der ersten Minute , in der ich lauschte . Die Unterhaltung war sehr bewegt . Die Karte wurde bald hinum- und bald wieder herumgedreht . Man nannte , suchte und fand die verschiedensten Namen , Stellen und Punkte . Das alles hörte ich und merkte es mir . Ich erfuhr , daß die Karte dem Medizinmann der Komantschen gehörte . Sie war ein ur- , uraltes Erbstück seiner Familie . Niemand außer ihm durfte von ihr wissen , und nur der große , hochwichtige Zweck , der heut und hier zu verfolgen war , hatte ihn veranlaßt , dieses Geheimnis zu lüften . Der Medizinmann der Kiowa war außerordentlich begierig darauf , den Inhalt dieser ledernen Urkunde genau kennen zu lernen und sich einzuprägen . » Also es ist gewiß und wahrhaftig und wirklich so , wie es hier steht ? « fragte er . » Ja , wirklich ! « nickte der Komantsche . » Wir liegen jetzt hier , an dieser Stelle ? « Dabei deutete er auf den betreffenden Punkt der Karte . » Ja , « antwortete der andere . » Und von hier aus kann man unterirdisch bis auf den Mount Winnetou kommen ? Nicht nur gehend , sondern sogar zu Pferde ? « » Gewiß , zu Pferde . « » Und auf diesem Wege willst du uns und unsere viertausend Krieger nach oben führen , um Tatellah-Satah und seinen ganzen Anhang zu überfallen ? Uff , Uff ! Das ist ein großer Plan , ein sehr großer Plan ! Hat mein roter Bruder diesen Weg schon einmal gemacht ? Ist er schon einmal oben gewesen ? « » Nein aber einer meiner Ahnen hat es heimlich versucht , und es gelang . Der Weg endet an mehreren Stellen ; es gelang ihm aber nur , das eine Ende zu erreichen , nach dem auch ich gelangen will . « » Das ist hinter dem Schleierfall ? « » Ja . Das ist der einzige Punkt , den man zu Pferde erreichen kann . Zu den anderen Punkten kann man nur zu Fuß kommen . « » Aber wenn es nicht gelingt ? Wenn über viertausend Menschen in der Höhle stecken , ohne vor- oder rückwärts zu können ? Bedenke mein Bruder , was so viele Menschen und so viele Pferde brauchen ! « » Ich habe es bedacht . Ich bin darum vorausgeritten , um die Höhle vorher zu untersuchen . Und ich nahm dazu nur dich , meinen roten Bruder , mit , keinen andern Menschen , weil du ebenso ein Bewahrer der Medizinen bist wie ich und Tatellah-Satah . Dir darf ich vertrauen . « » So laß uns keine Zeit verlieren , sondern beginnen ! « Er stand auf . Sie hatten sich also nicht gezankt , sondern es hatte infolge ihrer Lebhaftigkeit nur so geschienen . Der Komantsche erhob sich auch vom Boden . Er legte die Karte mit großer , sorgfältiger Langsamkeit zusammen , um sie dann einzustecken . Da richtete auch ich mich auf , trat hinter dem Gezweig hervor und sagte : » Meine roten Brüder werden wahrscheinlich doch ein wenig Zeit verlieren , ehe sie beginnen ! « » Uff ! « rief der Kiowa erschrocken . » Ein Weißer ! « » Uff , uff ! Ein Bleichgesicht ! « rief zu gleicher Zeit auch der Komantsche . Ich riß ihm das Pergament aus der Hand , steckte es nicht in seine , sondern in meine Tasche , stellte mich so , daß sie nicht zu ihren Gewehren konnten , und fuhr fort : » Ich nehme diese Karte einstweilen zu mir , weil ich euch helfen werde , den darauf bezeichneten Weg durch die Höhle zu finden ! « Nun hatten sie sich von ihrer Ueberraschung erholt . Sie richteten sich hoch und kampfbereit auf . » Wer bist du , daß du es wagst , mich zu bestehlen ? « fragte der Komantsche . Dabei näherte er sich mir , um zu seinem Gewehre zu gelangen . Ich zog den Revolver , spannte ihn und antwortete : » Ich stehle nicht ! Wenn diese Karte dein rechtmäßiges Eigentum ist , wirst du sie wiederbekommen . Weg von den Gewehren , sonst schieße ich ! Ich bin nicht allein ! « Ich winkte . Da kamen Pappermann , Intschu-inta und die Winnetous , das Herzle langsam hinterher . » Uff , uff ! « rief der Kiowa , als er Pappermann erblickte . » Ein halbes , blaues Gesicht ! « » Und eine weiße Squaw ! « fügte der Komantsche hinzu , jetzt wirklich erschrocken . » Ihr habt von diesem blauen Gesicht und von dieser Squaw gehört . Wer also bin ich ? « fragte ich . » Old Shatterhand ! « antwortete der Komantsche . » Old Shatterhand ! « rief auch der Kiowa . » Unser Feind , unser grimmigster Feind ! « » Das ist eine Lüge ! Ich bin keines Menschen Feind . Ja , ich könnte wohl eher der Feind eines Weißen als eines Roten sein ! Fragt eure Häuptlinge , wie ich sie geschont habe ! Fragt eure alten Krieger , ob sie ein Wort des Hasses von mir hörten oder euch eine einzige Tat der Rache von mir berichten können ! Ich liebe alle Menschen , und ich liebe auch euch . Ich will euer Glück und trete darum jeder eurer Absicht entgegen , die euch zum Unglück führt . Eine solche Absicht ist es , die ihr heut verfolgt . Ich dulde nicht , daß sie zur Ausführung kommt . Setzt euch wieder nieder , und gebt eure Messer ab . Ihr seid gefangen ! « » Wir sind nicht gefangen , sondern - - - « Mit diesen Worten sprang der Komantsche auf mich ein , doch wich ich einen Schritt nach rechts , faßte ihn an der Seite und warf ihn zur Erde . Intschu-inta , der Riese , kniete ihm auf die Brust und überwältigte ihn ohne alle Mühe . Ebenso verfuhr der wackere , alte Pappermann mit dem Kiowa . In kürzester Zeit waren die beiden Gefangenen derart gefesselt , daß sie sich nicht rühren konnten . Wir setzten uns zu ihnen nieder . Die Winnetous holten unsere Pferde . Ich aber nahm vor allen Dingen die Karte wieder aus der Tasche und schlug sie auf , um sie genau zu betrachten . Sobald ich den ersten Blick auf sie geworfen hatte , wußte ich , woran ich war . Ich wendete mich an den Komantschen : » Avat-towah , der Medizinmann der Komantschen , mag mir sagen , ob er eine große Sammlung von Büchern , also eine Bibliothek , besitzt . « » Ich habe keine , « antwortete er . » Es gibt bei allen Männern der Komantschen keine . « » Weiß Avat-towah vielleicht , wo es eine gibt ? « » Hier am Mount Winnetou , bei Tatellah-Satah . « » Sonst nirgends ? « » Ich weiß keine andere . « » So wirst du diese Karte nicht wiederbekommen . Ich habe sie ihrem rechtmäßigen Eigentümer auszuliefern . Sie gehört Tatellah-Satah . Sie wurde ihm gestohlen . « » Das ist eine Lüge ! « brauste der Medizinmann auf . » Das ist keine Lüge , sondern die Wahrheit . « » Beweise es ! « » Sofort ! Nur besitzest du wahrscheinlich nicht die Kenntnisse , welche dazu gehören , zu verstehen , was ich sage . Diese Karte ist nämlich numeriert , und zwar im alten Pokontschidialekt der Mayasprache . Hier unten , in dieser Ecke , stehen die Hunderter : Io-tuc : d.h. fünfmal vierzig ; das bedeutet also zweihundert . Und hier in der anderen Ecke stehen die Zehner und Einer : wuk-laj ; das heißt sieben und zehn , also siebzehn . Diese Karte ist also Nummer zweihundertsiebzehn der betreffenden Bibliothek oder einer ihrer Abteilungen . Ich werde sie Tatellah-Satah zeigen , und es wird sich herausstellen , daß sie ihm gehört . « » Nichts hast du ihm zu zeigen , und nichts hat ihm zu gehören ! Diese Karte ist allerdings gestohlen , aber erst jetzt von dir ! Du bist der Dieb ! « » Schweig , sonst geb ' ich dir eins auf das Maul , alter Spitzbube ! « unterbrach ihn Pappermann . » Wo sind die Brüder Enters ? « Das war kein übler Trick , daß er diesen Namen brachte . Die beiden Roten erfuhren dadurch in bequemster Weise , daß wir nicht so unwissend waren , wie sie wahrscheinlich annahmen . Sie konnten ihre Ueberraschung nicht ganz verbergen , doch beherrschten sie sich schnell , und der Komantsche fragte in gleichgültigem Tone : » Enters ? Wer ist das ? « » Das sind die zwei Brüder , die versprochen haben , uns an euch auszuliefern . Nun wißt ihr genug , um überzeugt sein zu können , daß wir gar keinen Grund und gar keine Lust haben , euch in Samt und Seide einzuwickeln . Sagt noch ein einziges Wort , was uns nicht gefällt , so setzt es Hiebe , ganz gewaltige Hiebe ab ! « Es wäre zwar besser gewesen , wenn Pappermann mich hätte reden lassen ; aber heut war es nach seinen früheren Jahren zum ersten Male seit langer , langer Zeit , daß er wieder einmal Gefangene vor sich hatte , und so gönnte ich dem alten , braven Burschen ganz gern die billige Genugtuung , ein wenig zu bramarbasieren . Die beiden Medizinmänner waren von jetzt an still . Der Name Enters hatte sie bedenklich gemacht . Wir mußten zunächst essen . Des Herzle packte also die mitgebrachten Speisen aus und legte uns vor . Die Pferde wurden abgesattelt . Sie durften trinken und sich dann ihr grünes Futter suchen . Mir war die Karte ganz selbstverständlich wichtiger als das Essen . Ich studierte sie genau und zog dabei Intschu-inta zu Rate , der mir versichert hatte , daß er die Höhle genau kenne . Da stellte sich ein Widerspruch zwischen ihm und der Karte heraus . Nach der letzteren gab es hier unten im Tale allerdings nur den einen Eingang zur Höhle , vor dem wir uns befanden , droben auf der Höhe aber drei verschiedene Ausgänge , zwei schmale und einen breiten . Der breite war der Pferdeweg , der hinter dem Schleierfall mündete . Die beiden anderen waren Fußwege , die an einer gewissen Stelle von dem Pferdeweg abzweigten , noch eine Strecke beisammen blieben und dann sich teilten . Der eine mündete droben im Schlosse ; an welcher Stelle , das war nicht zu sagen ; es genau zu bestimmen , war die Zeichnung zu klein . Der andere stieg nicht ganz so hoch . Er ging im Binnentale aus ; wie es schien , in der Nähe der angefangenen Riesenstatue Winnetous oder einer der beiden Teufelskanzeln . Intschu-inta aber kannte keinen dieser drei Ausgänge . Er wußte zwar , daß früher , in alten Zeiten , mehrere Ausmündungen der Höhle vorhanden gewesen seien , doch habe man sie zugeschüttet . Warum , das wußte er nicht . Er behauptete , daß der Höhlenweg immer breit und sehr gut gangbar , im Innern des Berges aufwärts führe , bis er plötzlich schmal werde und dann vor einer Tropfsteingruppe ende . Diese Gruppe liege etwas seitwärts vor dem Schleierfalle , den man noch in der Höhle stürzen höre , wenn man scharfe Ohren habe . Wer hatte nun recht ? Intschu-inta oder die Karte ? Jedenfalls die letztere . Ich beschloß also , mich auf sie zu verlassen , wenigstens in Beziehung auf den oberen Teil der Höhle und die dort befindlichen Ausgänge . Bis dorthin aber konnte ich der Ortskenntnis des » Dieners « vollständig trauen . Darum beschloß ich , die Pferde nicht hier zu lassen , sondern mitzunehmen . Wir hatten angenommen , nach dem Eingang zurückkehren zu müssen ; aber wenn es oben einen so breiten und bequemen Ausgang gab , wie er auf der Karte verzeichnet war , so befanden wir uns dort ja schon daheim und hatten nicht nötig , den Rückweg durch die Höhle zu machen und dann noch fünf Stunden weit nach Hause