man dorten weder freiet noch sich freien läßt ; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und Gottes Kind . « Nachdenklich nickte der Mann : » So saget auch Agnete , und so muß es wohl sein . Ich aber bin ganz irre an der verheißenen Seligkeit ; denn wofern nicht wenigstens im Himmel meine Agnete gänzlich mein ist . « Hier preßte er die Lippen zusammen , düster blickte sein Auge . » Nicht gänzlich Sein ? « fragte ich . » Wie soll ich das verstehen ? Ist sie denn nicht Seine liebe Ehefrau ? « Da der Mann schwieg , suchte Sibylle nach Worten : » Ja sehet , Herr Johannes , sein ist sie wohl , wen sollte die Gütige nicht lieben ? Und ihm hat sie ja vor Gotte die Hand zur Ehe gereicht ; nur ist das eine andere Ehe , denn die gewöhnliche . « » Ihr habet keine Kinder ? « Hierauf Heinrich : » Was meine jetzige Frau ist , die hat von mir kein Kind . Sehet , Herr Prädikant , wir leben mitsammen nicht anders denn Bruder und Schwester . « » Ist das euer freier Wille ? Oder gehorchet ihr einem Zwange ? « » Ihr Wille ist es , und frei , ja frei muß er wohl sein . Denn mein weiser Lehrer Herr Albertus sagte : ein heilig Gemüte ist frei . Meine Agnete dünket mich eine Heilige ; Geschwisterschaft hat sie mit mir ausgemacht , als sie mich zum Manne nahm . « » Und warum nahm sie Ihn ? « Sein Auge lohte , als er zur Antwort gab : » Weil ich nicht leben konnte ohne sie - und weil sie mir Gutes anzutun gedachte . Dankbar wollte sie sein und glaubete , eine Schuld sühnen zu sollen , die sie gen mich habe . Aber Schuld hat sie keine , es war ja nur ein blind Geschick , das mir mein Kind entriß , ... verzeih mir ' s Gott , wenn ich seine Schickung blind nenne . Will nur sagen : sie hat keine Schuld . « » Nein , nein , « eiferte Sibylle , » sie hat keine . Denket nur , Herr , welche Heimsuchung uns betroffen . Erst stirbt meinem Bruder die Frau , seine erste Frau . Vor drei Jahren ist ' s gewesen , und sie hatte ein Kindlein hinterlassen . Was ein herzig frisch Mädelein war Anneliesel ! Wie nun die Mutter auf dem Sterbebette gelegen ist , hat sie ihren Mann gebeten , dem Kindlein bald eine zweite Mutter zu geben . Das geschah auf der Reise , in einem Gasthause . Es war aber daselbst eine andre Mutter , eine unglückliche . Der hatte man ihr einzig Kind geraubt , dazu einen Dolchstoß versetzt . Ihr Kind zurückzuerlangen war ihr flehentlicher Wunsch ; da half ihr denn mein Bruder ... « Heinrich faßte erregt meinen Arm : » Herr Johannes , das war ... « Doch seine Schwester erhub abwehrend die Hand : » Laß gut sein , Heinrich , schweig davon ! Hast du vergessen , was Agnete uns ans Herz gelegt ? Rege nicht die höllischen Geister auf ! Sollen sie auch noch des Herrn Johannes Herz quälen ? « - » Lasset gut sein ! « entgegnete ich . » Ist Böses geschehen und nicht wieder gut zu machen , so mag man darüber schweigen . In der Hauptsache erzählet jedoch weiter ! Sprachet von einer Mutter , so ihr Kind verloren . Mich dünket , die paßte zu dem Kinde , das seine Mutter verloren . « - Sibylle nickte lebhaft : » So ist es ! Höchst liebreich war sie um Klein Anneliesel beflissen , als deren Mutter diese Welt verlassen hatte ! Mochte sich von uns gar nicht trennen und zog mit mir und der Kleinen auf einem Troßwagen hinter dem Regimente her , als Heinrich noch Feldweibel war . Da sie auch von Antlitz und Gestalt holdselig war , hat mein Bruder keine andere als sie zur zweiten Ehefrau begehrt . Sie aber hat nein gesagt und hat innig gebeten , daß man ihr nicht grolle . Sie habe vor Jahren geheiratet und im Getümmel des Krieges ihren Mann verloren . Wahrscheinlich werde er tot sein ; doch sei das unsicher . Drum widerrate ihr Gewissen den neuen Eheschluß ... « Bei diesen Worten stutzte ich , da ich an Thekla dachte , die mit der Frau in diesem Schicksal übereinstimmte . Doch Thekla war ja tot , und gar vielen Frauen war in den wirren Zeiten der Gatte abhanden gekommen , ohne daß sie von seinem fürdern Geschicke wußten . » Welchen Namen hat das Weib ? « fragte ich . » Agnete ! Es ist meines Bruders jetzige Ehefrau , von der er berichtet hat . « Nicht ohne Enttäuschung vernahm ich solchen Bescheid , als wäre ich ganz heimlich ein wenig der törichten Hoffnung gewesen , in diesem Weibe Thekla zu finden . Und ich versank in trübes Sinnen , indessen Sibylle schwieg . Endlich kehrte ich zur Gegenwart zurück : » Und nun weiter ! Agnete hat also doch wieder geheiratet ! Was hat sie denn andern Sinnes gemacht ? « » Fürnehmlich jene Heimsuchung « , antwortete Heinrich , und seine Stimme bebete . » O mein Anneliesel , warum hast du dich locken lassen von den Bachblumen ? « Ratlos griff er an sein Haupt und seufzete . » Auf dem Marsche ist es gewesen , mein Regiment quartierte an der Unstrut . Maßen wir nun einen sonnigen Tag im Aprilmond hatten , ist Agnete mit dem Mädelein an den Fluß gangen und unter einem Weidenbaum niedergesessen . Im Sonnenschein ist die müde Frau eingenickt . Derweilen hat sich das Kindlein von ihrem Schoß gemacht , am steilen Flußranft zu den gelben Blumen hinunter begeben und ... « Des Mannes Stimme versagte , indessen Sibylle die Hände vor ihr Antlitz schlug . Dumpf fuhr Heinrich fort : » Naß und kalt ist klein Anneliesel gewesen , bleich und stumm , da man den Körper in meine Arme tat , das Händlein hat noch die gelben Blumen gehalten . Agnete ist schier von Sinnen worden , und wir haben besorgt , das Herz werde ihr brechen . « » Schreibet sie sich denn Schuld an des Kindleins Tode zu ? « fragte ich . » Ja , « antwortete Sibylle ; » sie hat aber keine Schuld . Sie litt damals an Blutspeien und war so schwach . Mattigkeit hat sie überwältigt . « » Schuld hat sie keine , « versicherte auch Heinrich . » Das hab ich ihr oft gesagt . Aber sie hat sich angeklagt , hat ihr Haar geraufet und mich um Vergebung angefleht , auf den Knien angefleht - und ich - ich habe sie emporgehoben - und begütigt - habe mich dann vor ihr auf die Knie geworfen - und unsere Tränen sind geflossen . Wie Agnete sich gesammelt , hat sie zu mir gesprochen : Ich will dir dienen , wie eine Magd . Und so du mich noch zur Frau begehrst , bin ich einverstanden . Nur grolle nicht , weil ich dir kein ander Kindlein schenken kann ; denn sieh , ich hab ein Geheimnis , daß ich dir jetzo eröffnen will . Agnete hat mir hierauf alles gesagt , was Sibylle Euch , Herr , berichtet hat . Sie sei vor Jahren eines andern Weib worden , und dieser andere befinde sich vielleicht noch am Leben . Doch selbst wenn sein Tod gewiß wäre , vermöge sie mir nur Schwester zu sein . Nicht als ob sie eine Heilige wäre - hat sie gesagt , - sondern weil sie des andern Bildnis im Herzen trage und täglich in Treuen anschaue . Zuletzt hat Agnete gesprochen : So du mich nach dieser Enthüllung noch zum Weibe begehrest , so laß uns zum Prädikanten gehen ; hat der nichts einzuwenden wider den Eheschluß , so will ich dir die Hand reichen . Dann hab ich freilich noch eine Bitte : Gib das Waffenhandwerk auf ! Laß uns friedlich wohnen und lieber hart arbeiten , als von Blutvergießen und Beutemachen leben . - So hat Agnete gesprochen , und meine Schwester hier , längst von Abscheu wider das Soldatenleben erfüllt , ist mit Flehen und Beschwören der Bitte beigetreten . Da sich nun gerade Gelegenheit geboten , daß ich mit Fug meine Fahne verlassen gekonnt , sind wir unseren eigenen Weg gezogen . Der nächste Prädikant hat unsere Trauung vollzogen , nachdem er meiner Ansicht beigetreten , Agnete solle ihre Zweifel am Tode jenes andern getrost fahren lassen . Ich habe seitdem in einer seltsamen Mischung von Frohsinn und Leide gelebt . Agnete hat für mich wohl ein Lächeln , hat traute Rede , Trost und gütig Tun , sie blickt mir liebevoll ins Aug und streichelt meine Hand . Doch lebt sie nur als Schwester neben mir . Da muß ich denn oftmals seufzen ; und also merkt Agnete , wie mir zumute und bittet dann traurig : Vergib mir ! - Doch nein , Schuld hat sie keine . « Nach längerem Stillschweigen hub ich an : » Nicht Agnete hat eine Schuld , eher ist Er , Heinrich , in ihrer Schuld . « » Das bin ich , Herr Prädikant - und dieweilen ich ihr so viel schulde , will ich alles tun , die Schwermut von ihr zu nehmen , mit der ich sie belaste , solange mein Herz nicht leicht . Drum , Herr Prädikant , erlaubet mir und den beiden Frauen , in Eurer Gemeinde anwesend zu sein , so Ihr wieder einmal eine Predigt haltet . Und ferner bitten wir Euch , alsdann zum Texte ein Wort der Schrift zu wählen , so meinen Kummer beschwichtigen kann . « » In meiner Gemeinde ? « fragte ich nicht ohne Bitterkeit . » Ich habe keine Gemeinde . Bin auch kein Prädikant . Woher kommt euch die Meinung , daß ich Predigten halte ? « Groß sahen die beiden einander an , und Sibylle versetzte : » Zu Petersdorf und Hermannsdorf nennen Euch die Leute einen Buschprediger , so unter den Schreiberhauern Anhang habe . « » Vor Jahren hab ich Anhang gehabt und auch dem Wahne gelebt , eine Gemeinde , ja weit mehr , ein Reich des Lichtes , begründen zu können . Weil ich nun damals Predigten im Busch gehalten , ist der Name Buschprediger aufgekommen . Bald aber sind mir in herber Enttäuschung die Augen aufgegangen , daß ich eingesehen , wie närrisch mein Unternehmen , wie eitel meine Predigt . Seitdem hause ich als Einsiedler und habe zur Gesellschaft außer meinem Hunde und meinen Ziegen nur den greisen Oheim , der an Verstörung des Geistes leidet . Den Namen Buschprediger lasse ich mir auch jetzo noch gefallen , doch nur in dem Sinne , daß ich den Büschen predige - was nicht so vermessen ist , als Menschenprediger zu sein . « Da Heinrich und Sibylle verlegen drein schauten , fuhr ich fort : » Weil ihr jedoch eine Ausnahme unter den Menschen seid und nach meinem geistlichen Zuspruch verlanget , so will ich eine Ausnahme machen und euch dreien eine Predigt halten . Will auch gern zu diesem Zwecke zu euch auf den Breiten Berg kommen . Wann ist euch das genehm ? « » Wir danken , « sagte Sibylle erfreut , » und werden Euch einen Brief senden . « » Ja , Dank Euch , « sprach Heinrich und drückte mir die Hand . » Doch mit Verlaub , ich habe noch einen Wunsch . So Eure Predigt vielleicht auf die sieben Brüder zu sprechen kommt , die ein und dasselbe Weib geehelicht , habet alsdann die Güte , uns auch die Frage zu beantworten : wo ist das Himmelreich ? Denn Ihr werdet zugeben , daß hierauf alles ankommt . Bestehet nämlich das Himmelreich im Jenseits , so hat Christus von einer Kraft des Herzens gesprochen , die erst den Auferstandenen eigentümlich . Wir gebrechlichen Kinder der Erdenwelt sind dann wohl zu entschuldigen , so wir nicht die Gesinnung finden , die unser Heiland meint . « Ich verwunderte mich über diese Tiefe des Nachdenkens , ungewöhnlich bei einem Hirten und ehemaligen Soldaten , und über seine wohlgesetzte Sprache , die einen unterrichteten Geist verriet . Drum fragte ich : » Ihr habet wohl viel über solche Fragen gesonnen und auch gelesen ? Wes Standes waren Eure Eltern ? « » Mein Vater besaß reich Gut bei Schatzlar , und ich ward mit Sibylle unter Anwendung gelahrter Bücher erzogen . Drauf hat man meinem Vater den Prozeß gemacht wegen seiner Teilnahme an der böhmischen Glaubensverteidigung , hat unsere Güter konfisziert und uns an Leib und Leben bedräuet . Nach Sachsen sind wir entwichen , und da mein Vater bald darauf verstorben , hab ich die Muskete ergriffen und zur sächsischen Fahne geschworen - teils um das Leben zu fristen , teils um den Glauben zu verteidigen . Nach jahrelangem Soldatenleben hat sich ereignet , was der Herr Prädikant bereits weiß . Meine Schwester Sibylle aber ist es gewesen , die mit Agnetens Hilfe mich dem blutigen Handwerk abspenstig gemacht . Laß uns in Frieden leben , hat sie gesagt , denn der Krieg ist die Hölle , das Himmelreich aber ist bei uns , wir brauchen nur seine Pforten aufzutun , so gehen wir allsogleich , noch im diesseitigen Leben , hinein , und kein hart Brot darf uns solch Himmelreich verleiden . Ein gnädig Geschick hat es damals gefügt , daß ich einem Offizier begegnet bin , dem ich bei Steinau das Leben gerettet . Der war invalide worden . Wie er nun vernommen , ich wolle den Kriegsdienst verlassen , hat er zu mir gesprochen : Ich bin ein Fiskal der konfiszierten Herrschaft Schaffgotsch , und so Er ein friedlich Leben in bäuerischer Arbeit führen mag , will ich Ihm Anstellung gewähren . So sind wir zuerst auf das Vorwerk Reibnitz , diese Ostern aber in die Baude am Breiten Berge gekommen . Vor drei Wochen haben wir erfahren , daß Ihr , Herr Johannes , auf der Abendburg hauset und einer Weisheit mächtig seid , so meine Zweifel heilen kann . « Es dünkte mich , Sibylle habe noch etwas auf dem Herzen , und so sagte ich : » Rede Sie frei heraus , liebwerte Jungfer , so Sie zu reden begehret ! « Sie errötete . » Daß Ihr keine Predigten zu einer Gemeinde haltet , bedauern wir zwar ; doch ist das Euer freier Wille , so wollen wir darob nicht mit Euch rechten . Sollten aber die Leute zu Schreiberhau , denen Ihr doch früher gepredigt habt , von Euch abgefallen sein ... « Sie zögerte fortzufahren ; ich half ihr : » Wären sie es nicht , auch dann hätte ich aufgehört , ihnen zu predigen . Zum Überflusse aber sind sie abgefallen . Einen Schwarmgeist schilt mich ihr neuer Kanzelprädikant , und manche Leute sagen mir Schlimmeres nach . Nicht wahr , ihr habet auch davon vernommen ? Da nimmt es mich wunder , daß ihr überhaupt gekommen seid . « Verlegen schlug Sibylle die Augen nieder , um mich gleich darauf freundlich anzublicken : » Wir trauen Euch . « Und Heinrich fügte hinzu : » Nun ja , ein Mann von Giersdorf hat Euch einen Schwarzkünstler geheißen , so in seiner Abendburghöhle Dämonen halte , die ihm bei der Goldbereitung zu Diensten . Weil aber die Leute gleichzeitig berichtet haben , daß Ihr in Dürftigkeit lebet , so ward ihnen von mir die Antwort : Ein armer Eremite kann doch kein Teufelsbündler sein ; wer sich auf schwarze Kunst versteht , Gold machen und Dämonen beschwören kann , der nähret sich nicht von Beeren und Pilzen , sondern schwelget in Saus und Braus . « Düster blickte ich drein ; Waldhäusers Wort , niemand könne den Folgen seiner Werke entgehen , war an mir erfüllet . Ich selber war schuld an dem Gerede , daß ich Gold in der Abendburg bereite . Tötendes Gift war allbereits meiner Aussaat entsprossen , und noch wucherte sie weiter - das Vertrauen der Leute zu vergiften ... Aus meiner Nachdenklichkeit weckte mich das Sausen der Tannen . Mein Blick schweifte hinüber zum Breiten Berge und suchte nun die Baude , bei der die seltsamliche Frau Agnete jetzo ihre Herde hüten mochte . Da meinte Sibylle : » Links an der Kuppe des Breiten Berges liegt unsere Baude , auf der grünen Matte , nahe dem Walde . Ihr sehet den Rauch emporsteigen . Aber nun lebet wohl ! Wir müssen heim . « Ich erhub mich : » So lebet wohl und habet Dank für euren Besuch . Entbietet eurer Agnete meinen Gruß und am nächsten Sonntage werde ich euch dreien die gewünschte Predigt halten . « » Durch ein Briefel will ich Euch nähere Nachricht geben , « sagte Sibylle und drückte meine Hand . Nun gingen die beiden , ich schaute nach , bis sie im Walde verschwunden . » Wessen wird sie im Himmelreiche sein ? « Diese Worte gingen mir durch den Sinn , und nicht auf Agneten , sondern auf Thekla bezog ich sie . » Bestehet das Himmelreich im Jenseits ? « hatte Heinrich gefragt . » In uns ist das Himmelreich ; wir brauchen nur seine Pforten aufzutun , so sind wir darin , noch im diesseitigen Leben . « Also meinte Agnete , und ich stimmte ihr bei . » Dorten wird man nicht freien , noch sich freien lassen ; denn im Himmel ist man den Engeln gleich und Gottes Kind . « Diese Antwort des Heilands hatte ich zur meinen gemacht . Nun aber fragte ich mich : » Und du selber ? Beherzigest du für dich , was du anderen predigst ? Bist du deiner Thekla genüber der himmlischen Minne fähig ? « Ach , ich suchte täglich in mir die verlorene Eheliebste , und zärtlich kam sie mir alleweil entgegen . Mein Herz war der Abendburgfelsen , sein heimlicher Schatz aber meine Thekla . Ein süßes Feuer rann durch meine Adern , wenn ich das dunkle Auge betrachtete und der Stimme lauschte , die weich wie einer Rose Schoß . Und am sanften Busen lag ich tausendmal , wie damals in der Gruft der magdeburgischen Kirche . War das nun jene Minne , die bei den Seraphim gilt ? Allerdings nicht . Immerhin verschmolz mit meiner Zärtlichkeit eine Anbetung , wie man sie Engeln erweist . Wenn ich gar bedachte , daß ich sie nimmer irdisch umarmen könne , erschien mir Thekla als eine rechte Geisterbraut , nicht unähnlich der weißen Königin im Felsendom . Aus Bergen schleicht der Abendhauch , ein Raunen Im wüsten Hain . Das Tannenvolk umringt mit scheuem Staunen Den Sagenstein . Hie stund ein Schloß ; sein Glitzern machte trunken Wie Abendstrahl . Verwunschen ward ' s. Und wo die Pracht versunken , Bezeugt dies Mal . Verdüstert hockt der Stein , wie seinen Sorgen Ein Bettler grollt . Verkappter Fürst ! Im Grunde dir geborgen Ruht Perl und Gold . Kein Gräber drang noch durch die Felsenrinde Zum güldnen Schacht . Ein Glimmen winkt nur dem Johanniskinde In Zaubernacht . Sein Träumeraug erschaut in Höhlenwildnis Den Perlenschrein . Auch marmorweiß ein Königinnenbildnis Im Dom von Stein . Ich kenne sie , die heilgen Heimlichkeiten Der Innenschau . Verwunschen sank auch mir ins Grab der Zeiten Mein Königsbau . Doch was dereinst an Seligkeit erblühte , Ist nimmer tot , Es bleibt mein Schatz , versunken im Gemüte , Der magisch loht . Ich selber bin das Schloß mit güldner Tiefe , Der Sagenstein . Und ob ich ganz der Oberwelt entschliefe , Der Traum ist mein . Die Königin ward diesen heißen Sinnen Hinweggebannt . Verklärt zum Engel weiht sie nun mein Minnen Dem Geisterland . Ein Dom von Tropfgestein , soll mich umflechten Die Innenwelt . Braut meiner Jugend , throne mir zur Rechten Im Höhlenzelt ! Am Tage nach dem Besuch der Kiesewaldischen kam ein Brief , den ein Knabe vom Breiten Berge brachte . » Lieber Herr Johannes ! Nichts für ungut , daß ich nicht aufhöre , um Vergünstigungen zu bitten . Ihr habt uns eine Predigt zugesagt . Meine Schwäherin Agnete ist darob hoch erfreut . Doch hanget der Sache noch ein Bedenken an . Wie schon gesagt , hat Agnete ein sehr verschämt Gemüte . Nur mit Beben könnte sie Euch unter die Augen treten , nachdem Heinrich ihre Art Euch enthüllet hat . Später wird sie ihre Schüchternheit Euch gegenüber abtun . Bei der allerersten Begegnung jedoch ist sie befangen und würde keinen vollen Gewinn von Eurer Predigt heimtragen , so Ihr nicht ihrer Schwäche schonet . Darum so hab ich zu Agneten gesprochen : Komm du getrost zur Predigt des Herrn Johannes ; ich will ihn bitten , daß dabei jedes nahe Zusammensein mit uns vermieden werde , und daß weder vor der Predigt noch hinterher Gespräche mit uns erfolgen . Habet also die Gewogenheit , lieber Herr Johannes , einen derart geeigneten Ort zur Predigt zu wählen und Euch diesmal von uns zurückzuhalten , gleichwie ja auch ein Prädikant in der Kirche von erhabener Kanzel auf seine Gemeinde niederschaut . Mir ist allerdings nicht klar , wie dies zu ermöglichen . Ihr aber findet wohl Rat . Insonderheit wollet die Sache so einrichten , daß Agnete sich nicht vor Heinrich zu schämen braucht . Ist es möglich , lieber Herr , so werde von Euch der Vorschlag getan , es solle diesmal keinerlei Gespräch erfolgen . Bitt Euch ! Ihr würdet zagen Frauenherzen eine Wohltat erweisen , so ihr ein Briefel an unsern Heinrich schriebet und darin ausmachtet , unter welchen Formen und Konditionen die Predigt erfolgen soll . Vielleicht könnet Ihr geltend machen , daß jedwedes nähere Beisammensein den Prediger wie die Gemeinde zerstreuen und die Andacht beeinträchtigen würde . Das ist ja auch keine Unwahrheit . Dürfen wir nach der Predigt die Grabkreuze betrachten , so Ihr nahe Eurer Klause habt , so mag Euer Oheim uns den Ort weisen . Ehrerbietig grüßt Euch Eure Jüngerin Sibylle . « Durch meinen Oheim ließ ich dem Knaben Speise und Trank reichen und überlegte , wie auf den Brief zu antworten . Kam zu dem Ende , Agnetens übergroße Schüchternheit müsse geschont , Sibyllens Vorschlag beherziget werden . Verfaßte dahero folgendes Schreiben : » Lieber Heinrich Kiesewald ! Euren Wunsch , ich solle in einer Predigt die Zweifel Eures seufzenden Herzens behandeln , möchte ich am nächsten Sonntag erfüllen und lade Euch nebst Eurer Ehefrau und Eurer Schwester ein , um die Zeit des Kirchenläutens auf der Abendburg einzutreffen . Doch wollet mich entschuldigen , so ich an diesem Tage jedwedem Gespräche mit euch dreien ausweiche , also daß ihr von mir lediglich eine Predigt vernehmet . Ohne mein Beisein wird Euch mein Oheim Tobias empfangen . Alsodann wollet zunächst in meiner Stube rasten und einen Imbiß nehmen . Hernach wird euch Tobias in meinen Felsendom führen . Gleich nach der Predigt wollet den Heimweg antreten . Die Hand reichen wir uns eine Woche später , wann ich euch in eurer Baude besuche . Diesmal indessen wollet mir erlauben , daß ich nicht anders zum Vorschein komme , denn auf der Felsenkanzel . Halte nämlich dafür , daß es Herzen gibt , deren Sammlung gestört wird , so sie durch weltliche Unterredung beansprucht werden . Was aber den sogenannten Dom anlanget , das ist die große Höhle , so ich im Grunde der Abendburg entdeckt habe . Ihr brauchet nicht zu besorgen , daß sie Dämonen beherberge und mir als Laboratorium schwarzer Kunst diene . Ich wähle sie zur Stätte unserer gemeinsamen Erbauung , weil aus ihrem Schlunde ein Psalm erbrauset , unsern Schöpfer zu rühmen , und weil Felsen und Tropfgestein ein Gewölbe bilden , darin die menschliche Stimme voller Wohllaut erklingt . Auch dem Auge beut die Höhle Abenteuer . Es sind allda zwei Götterbilder , von einem Volke grauer Vorzeit aus Tropfgestein gemeißelt . Betrachtet sie mit Fleiß , bevor ich meine Predigt anhebe , und scheltet nicht die alten Heiden . Sie haben auf eigne Art ihr Sehnen und Glauben gestaltet . Mehr zu tun vermögen auch wir nicht . Euch eröffne ich den unterirdischen Dom . Sonsten mag ich ihn den Leuten nicht preisgeben , bin deshalb sogar ein wenig mit jenem bösen Leumund zufrieden , so die abergläubischen Gemüter vor der Abendburghöhle warnet . Seid aber gebeten , an niemand zu verraten , daß euch ein Geheimnis offen , so außer mir und meinem Oheim keinem Lebenden bekannt . Wollet bedenken , daß ich vor Neugier und vor Goldgier die Höhle zu hüten habe . Eure Herzen weiß ich rein davon , inmaßen sie nach dem Schatz des Himmelreiches trachten . Folget also , ich bitte , meiner Einladung in den Felsendom und tut nach meinen Wünschen . Ich bin euer Freund Johannes . « Versiegelt übergab ich dies Schreiben dem Knaben , daß er es seinem Herrn Kiesewald bringe . Seit diesen Begebenheiten schweifte mein Blick gern vom Hohen Stein zum Breiten Berge , und wenn mich der Ferne Holdseligkeit bezauberte , stellte sich der Wunsch ein : Bewahre mich mein Schicksal vor jener Enttäuschung , die nicht erspart bleibt , sobald die Ferne zur Nähe wird ! Ach , von den Menschen gilt das wie von allen Dingen . Noch sind die Leute drüben in der Baude am Breiten Berge mir fern , und ein holdes Rätsel ist Frau Agnete . Wer weiß , ob nicht , wann sie nahe kommt , und wann ich eindringe in ihre Art , statt einer Heiligen ein krankes , wirres Weibsbild vor mir steht ? Doch ich will beflissen sein , auch in der Nähe die Ferne zu schauen . Da nun der Sonntag gekommen , unterwies ich in der Frühe meinen Oheim , wie er die Gäste von der Kiesewaldbaude bewirten , alsdann in den Felsendom einführen , nach der Predigt wieder hinausgeleiten und mit den Gräbern bekannt machen solle . Mit Oheims Hilfe tat ich die Steinplatte vom Eingang des unterirdischen Bereiches und legte Kienfackeln bereit . In meiner Balkenklause meditierte ich , wie die Geschichte von dem Eheweibe der sieben Brüder auszulegen sei . Ein Summen der Kirchenglocke von Schreiberhau drang an mein Ohr , als der Oheim die Stubentür auftat : » Sie kommen ! « Durch das Fenster lugend gewahrte ich , wie die erwarteten Gäste aus dem Walde getreten waren und über die Weidematte auf mein Gehäus zuschritten . Voran Heinrich , wie vormals auf dem Rücken die Hucke und in der Faust den Spieß . Etliche Schritte hinter ihm kam Sibylle mit der andern , einer schlanken , zarten Frauengestalt , deren Antlitz nahezu verhüllet war . Der Weg mußte Agneten schwer fallen , sie stützte sich auf ihre Schwäherin . Wie ausgemacht war , mied ich meine Gäste , nahm die Harfe über die Schulter , begab mich zunächst in die Grotte , und , nachdem ich meinen Kienspan angezündet , durch das aufgetane Loch hinunter zur großen Höhle . Während ich die steinernen Stufen abwärtsstieg und mit dem Brande umherleuchtete , bedachte ich , wie meinen Gästen bei diesem Gange zumute sein werde . Mit ihren Sinnen erlebte ich die düstern , triefend feuchten , rot angestrahlten Zacken , das Unheimliche der Schlucht , wo die Wasser mit dumpfem Tosen in jene Felsengurgel hinuntergeschluckt werden , der ich den heillosen Goldschatz überliefert hatte . Wie ich den Abgrund überschritt , glaubte ich noch einmal den Schrei zu hören , mit dem mein Bruder Zetteritz hinunterstürzte , seinen goldgierigen Mörder mit sich reißend . Und von der Raubtierwelt wandte sich meine Seele zur Friedenspforte , so mein sehnsüchtig Suchen entdeckt und auch schon aufgeschlossen hatte . Ich tat den Aufstieg zum Dome . Das weiße Flinsgestein war wie ein Gewölb aus Schnee , von der Decke zum Boden strebten Säulen aus Tropfstein gleich riesenhaften Eiszapfen . Und lebendig ward das Gewimmel der Gestalten , vom tröpfelnden Kalkwasser gebildet ; es regten sich die milchigen Behänge der Decke , in Grotten lauerten weiß vermummte Gestalten , Hulemännlein mit grauen Spitzkappen kamen durch enge Seitengänge aus der Tiefe geschlichen . Dazu wisperten die feinen Brünnlein , pinkten die fallenden Tropfen , gurgelten und tosten die Fluten der Schlucht . In feierlicher Starrheit aber schauten die beiden Götzenbilder vom Throne über ihr Reich . Hoheit lag auf des Mannes gekrönter Stirne , trutzig rollte sein Aug ; ein Adlerschnabel seine Nase , ein Wasserfall sein Bart. Wie zum Gerichte hielt er das Schwert erhoben . Lieblich hingegen wäre das Antlitz der weißen Königin , stünde nicht zu ihren Füßen die Steintruhe mit den Menschengebeinen , Pferdeschädeln und Waffen . Von der Felsenkanzel beschaute ich dies Abenteuer , wie es beleuchtet ward durch den qualmenden Kienspan . Während düsterrote Lichter über die Zacken und Zapfen huschten , stimmte ich meine Harfe . Da hörte ich des Oheims hohles Husten und sah ihn , eine Fackel in der Hand , die Kiesewaldischen herbeiführen . Auch ich entzündete eine Fackel , die stärker leuchtete als der Kienspan , und steckte sie in einen Felsenspalt bei der Kanzel . Staunend betrachteten meine Gäste den Dom und die Götterbilder . Nach einer Weile saßen sie nieder auf dem Stein , so unterhalb der Kanzel eine natürliche Bank bildet , und schauten erwartungsvoll zu mir hinan . Frau Agnete schien geflissentlich im Schatten zu bleiben und hielt noch immer das Angesicht verhüllt . Auf der Harfe spielte ich ein Präludium ; wie Glocken hallten die Akkorde . Dann hub ich diese Rede an : » Liebe Freunde ! Von der lichten Oberwelt sind wir herabgestiegen in