alles so anders , als hier . Man könnte sich aussprechen . Wir haben über so wichtige Dinge zu reden . Ich brauch ja auch deinen Rat ; wegen meiner Entschlüsse für das nächste Jahr . Ich hab dir ja geschrieben , nicht wahr ? Es ist also sehr wahrscheinlich , daß man mir schon in den nächsten Tagen einen dreijährigen Vertrag zur Unterschrift vorlegen wird . « » Was soll man da raten ? « sagte sie . » Du wirst schließlich am besten wissen , ob du dich dort wohlfühlst , oder nicht . « Er begann zu erzählen , von dem liebenswürdigen und begabten Intendanten , der ihn offenbar als Mitarbeiter heranzuziehen wünschte , von dem sympathischen , alten Kapellmeister , der einmal so berühmt gewesen war , von irgendeinem sehr klein geratenen Bühnenarbeiter , den man Alexander den Großen nannte , von einer jungen Dame , mit der er die Micaela studiert hatte und die mit einem Berliner Arzt verlobt war , von einem Tenor , der schon siebenundzwanzig Jahre an dem Theater wirkte und Wagner grimmig haßte . Dann begann er von seinen persönlichen Aussichten in künstlerischer und materieller Beziehung zu sprechen . Ohne Zweifel könnte er an dem kleinen Hoftheater bald zu einer gesicherten und günstigen Position gelangen . Andererseits wäre zu bedenken , daß es gefährlich sei , sich auf allzulange zu binden ; eine Karriere wie die des alten Kapellmeisters wäre nicht nach seinem Geschmack . Freilich ... die Temperamente seien verschieden , er für seinen Teil glaube sich vor einem ähnlichen Schicksal gefeit . Anna sah ihn immer nur an , und in einem nachsichtig-spöttischen Ton , wie wenn sie zu einem Kinde spräche , sagte sie endlich : » Nein , wie er sich anstrengt . « Er war betroffen . » Inwiefern streng ich mich an ? « » Schau , Georg , du bist mir doch nicht Aufklärungen irgendwelcher Art schuldig . « » Aufklärungen ? Du bist aber wirklich ... Ich gebe dir doch keine Aufklärungen , Anna . Ich schildere dir einfach , wie ich lebe , und mit was für Leuten ich zu tun habe ... weil ich mir schmeichle , daß dich diese Dinge interessieren ; geradeso wie ich dir erzählt habe , wo ich heute und gestern gewesen bin . « Sie schwieg . Und Georg fühlte wieder , daß sie ihm nicht glaubte , daß sie ein Recht hatte ihm nicht zu glauben selbst wenn zufällig einmal Wahrheit über seine Lippen kam . Allerlei Worte traten ihm auf die Zunge , Worte des Gekränktseins , des Zorns , der milden Zusprache jedes schien ihm gleich wertlos und leer . Er erwiderte gar nichts , setzte sich zum Pianino , griff leise Töne und Akkorde . Nun war ihm wieder , als liebte er sie sehr und könnte es ihr nur nicht sagen , und als wäre diese Stunde des Wiedersehens ganz anders geworden , wenn man sie anderswo gefeiert hätte . Nicht in diesem Zimmer , nicht in dieser Stadt ; am liebsten an einem Ort , den sie beide nicht kannten , in einer fremden , neuen Umgebung . Ja , dann wäre vielleicht alles wieder geworden , wie es einstmals war . Dann hätten sie einander in die Arme stürzen können wie einst , in Sehnsucht , zu Wonne und Frieden . Es fuhr ihm durch den Sinn : Wenn ich ihr nun sagte : Anna ! Drei Tage und drei Nächte gehören uns ! Wenn ich sie bäte ... mit den rechten Worten ... ihr zu Füßen , sie anflehte ... komm mit mir ! komm ... Sie widerstände nicht lang ! Sie folgte mir gewiß ... Er wußte es . Warum sprach er die rechten Worte nicht aus ? Warum flehte er sie nicht an ? Warum schwieg er , saß am Pianino , abgewandt , griff leise Töne und Akkorde ... ? Warum ? ... Da fühlte er auf seinem Haupt ihre weichen Hände . Seine Finger lagen schwer auf den Tasten , irgendein Akkord tönte nach . Er wagte nicht sich umzuwenden . Er fühlte : sie weiß es auch . Was weiß sie ... ? Ist es denn wahr ... ? Ja ... es ist wahr . Und er dachte der Stunde , nach der Geburt seines toten Kindes da er an ihrem Bett gesessen und sie schweigend dagelegen war , den Blick in den dämmrigen Garten gerichtet ... Schon in jener Stunde hatte sie ' s gewußt früher als er daß alles zu Ende war . Und er hob seine Hände vom Klavier auf , nahm die ihren , die noch immer auf seinem Haupt lagen , führte sie an seine Wangen , zog sie selber nach , bis sie wieder ganz nah bei ihm war und langsam auf seine Knie niedersank . Und schüchtern begann er wieder : » Anna ... vielleicht ... könntest du dich doch entschließen ... Vielleicht wär es mir auch möglich , wenn ich telegraphiere , noch ein paar Tage Urlaub mehr zu bekommen . Du , Anna ... hörst du ... es wäre doch wunderschön ... « Ganz in der Tiefe kam ihm ein Plan . Wenn er wirklich mit ihr auf einige Tage fortreiste . Und ihr bei dieser Gelegenheit ehrlich sagte : Es soll zu Ende sein , Anna ! Aber das Ende unserer Liebe soll schön sein , wie es der Anfang war . Nicht matt und traurig , wie diese Stunden in deinem Elternhaus ....... Wenn ich ihr das irgendwo auf dem Land , ehrlich sagte ... wär es nicht würdiger , ihrer und meiner und unseres vergangenen Glücks ... ? Und in diesem Vorsatz wurde er dringender , kühner , leidenschaftlich beinahe ... und seine Worte klangen wieder wie vor langer , langer Zeit . Sie auf seinen Knien , die Arme um seinen Hals , erwiderte leise : » Noch einmal Georg , mach ich das nicht durch . « Schon hatte er ein Wort auf den Lippen , mit dem er ihre Befürchtungen zerstreuen konnte . Aber er hielt es zurück . Denn ausgesprochen , hätte es doch nichts anderes bedeutet , als daß er wohl daran dachte , wieder ein paar Stunden der Lust mit ihr zu durchleben , aber daß er nicht geneigt war , irgendeine Verpflichtung auf sich zu nehmen . Er fühlte es : um sie nicht zu verletzen , hätte er nur dies eine sagen dürfen : du gehörst mir für immer ! Du sollst ja ein Kind von mir haben ! Zu Weihnachten , zu Ostern spätestens hol ich dich und nie mehr werden wir voneinander getrennt sein . Er fühlte , wie sie dieses Wort mit einer letzten Hoffnung erwartete mit einer Hoffnung , an deren Erfüllung sie selbst nicht mehr glaubte . Aber er schwieg . Wenn er ausgesprochen hätte , was sie ersehnte , so hätte er sich aufs neue gebunden und nun wußte er es so tief , wie er es noch nie gewußt , daß er frei sein wollte . Immer noch ruhte sie auf seinen Knien , ihre Wange an seine Wange gelehnt ; sie schwiegen lang und wußten , daß dies der Abschied war . Endlich , entschlossen sagte Georg : » Wenn du also nicht mit mir kommen willst , Anna , dann reise ich ganz direkt zurück morgen . Und wir sehen uns erst im Frühjahr wieder . Bis dahin gibt ' s wieder nur Briefe . Es sei denn , daß ich zu Weihnachten , wenn ' s möglich ist ... « Sie hatte sich erhoben und lehnte am Klavier . » Schon wieder ist er leichtsinnig « , sagte sie . » Ist es nicht am Ende sogar besser , wenn wir uns erst nach Ostern wiedersehen ? « » Warum besser ? « » Bis dahin wird alles noch viel klarer sein . « Er wünschte sie nicht zu verstehen . » Du meinst , wegen des Vertrags ? Ja ... da muß ich mich schon in den nächsten Wochen entscheiden . Die Leute wollen ja wissen , woran sie sind . Andererseits , auch wenn ich unterschriebe , auf drei Jahre , und es kämen andere Chancen , gegen meinen Willen werden sie mich nicht halten . Aber bis jetzt scheint es wirklich , daß der Aufenthalt in der kleinen Stadt mir sehr förderlich ist . Nie hab ich so intensiv arbeiten können , wie dort . Hab ich dir nicht geschrieben , wie ich manchmal nach dem Theater bis drei Uhr früh an meinem Schreibtisch gesessen bin ? Und war um acht ausgeschlafen und frisch ! « Sie sah ihn immer nur an , mit einem Blick , schmerzlich und nachsichtig zugleich , der ihn wie ein Blick des Zweifels berührte . Hatte sie nicht einmal an ihn geglaubt ! Hatte sie nicht in einer halbdunkeln Kirche vertrauensvoll und zärtlich zu ihm gesprochen : » Ich will zum Himmel beten , daß ein großer Künstler aus dir werde . « Wieder war ihm , als hielte sie längst nicht mehr so viel von ihm , als in früherer Zeit . Er fühlte sich beunruhigt und fragte sie unsicher : » Du erlaubst doch , daß ich dir meine Violinsonate schicke , sobald sie fertig ist ? Du weißt , auf niemandes Urteil geb ich so viel , wie auf deins . « Und er dachte : wenn ich sie mir doch als Freundin erhalten könnte ... oder einmal wiedergewinnen ... als Freundin ... Wird es möglich sein ? Sie sagte : » Du hast mir auch von ein paar neuen Phantasiestücken geschrieben , für Klavier allein . « » Ganz richtig . Sie sind aber noch nicht ganz fertig . Aber ein anderes , das ich ... das ich ... er fand es selbst töricht , daß er zögerte heuer im Sommer komponiert habe , an dem See , wo diese arme Person ertrunken ist , die Geliebte Heinrichs , das kennst du ja auch noch nicht . Könnt ich nicht ... ich spiel dir ' s vor , ganz leise , willst du ? « Sie nickte und schloß die Tür . Dort , hinter ihm blieb sie regungslos stehen , als er begann . Und er spielte . Er spielte das kleine , leidenschaftlich-schwermütige Stück , das er an seinem See komponiert hatte , als Anna und das Kind für ihn völlig vergessen waren . Es erleichterte ihn sehr , daß er es ihr vorspielen durfte . Sie mußte ja verstehen , was diese Töne zu ihr sprachen . Es war gar nicht möglich , daß sie es nicht verstand . Er hörte sich selbst gleichsam sprechen aus diesen Tönen ; ja ihm war , als verstände er jetzt erst völlig sich selbst . Leb wohl , Geliebte , leb wohl . Es war schön . Und nun ist es vorbei ... Leb wohl Geliebte ... Was uns beiden gemeinsam bestimmt war , haben wir durchlebt . Und was nun kommen mag , für mich und für dich , wir werden einander etwas Unvergeßliches bedeuten . Nun geht mein Leben einen andern Weg ... Und deines auch . Es muß vorbei sein ... Ich hab dich geliebt . Ich küsse deine Augen ... Ich danke dir , du Gütige , Sanfte , Schweigende . Leb wohl , Geliebte ... Leb wohl ... Die Töne verklangen . Er hatte nicht von den Tasten aufgesehen , während er spielte ; jetzt wandte er sich langsam nach ihr um . Ernst , mit leise zitternden Lippen stand sie hinter ihm . Er faßte ihre Hände und küßte sie . » Anna , Anna ... ! « rief er aus . Das Herz wollte ihm zerspringen . » Vergiß mich nicht ganz « , sagte sie leise . » Ich schreib dir , sobald ich wieder dort bin . « Sie nickte . » Und du mir auch , Anna ... Und alles ... alles ... verstehst du mich . « Sie nickte wieder . » Und ... und ... morgen früh seh ich dich noch einmal . « Sie schüttelte den Kopf . Er wollte etwas erwidern , wie erstaunt als verstünde es sich eigentlich von selbst , daß er sie noch einmal vor der Abreise sehen müßte . Sie erhob leicht die Hand , als bäte sie ihn zu schweigen . Er stand auf , drückte sie an sich , küßte ihren Mund , der kühl war und seinen Kuß nicht erwiderte , und verließ das Zimmer . Sie blieb zurück , mit schlaffen Armen , stehend , die Augen geschlossen . Er eilte die Treppen hinab . Unten auf der Straße war ihm , als müßte er noch einmal hinauf ihr sagen : » Es ist ja alles nicht wahr ! Das war nicht der Abschied . Ich liebe dich ja . Ich gehöre dir . Es kann nicht zu Ende sein ... « Aber er fühlte , daß er es nicht durfte . Jetzt nicht . Morgen vielleicht . Von heute Abend bis morgen früh würde sie ihm nicht entglitten sein ... Und er eilte umher , planlos , durch leere Straßen , wie in einem leichten Rausch von Schmerz und Freiheit . Er war froh , daß er sich mit niemandem verabredet hatte und allein bleiben durfte . Weit draußen in einem niedern , alten , rauchigen Wirtshaus , wo an Nebentischen Menschen aus einer andern Welt saßen , in einer stillen Ecke nahm er sein Nachtmahl und erschien sich wie in einer fremden Stadt : einsam , ein wenig stolz auf seine Einsamkeit und ein wenig durchschauert von seinem Stolz . Am nächsten Tag um die Mittagsstunde spazierte Georg mit Heinrich durch die Alleen des Dornbacher Parks . Eine Luft , die von dünnen Nebeln schwer war , umgab sie , durchfeuchtetes Laub knisterte und glitt unter ihren Füßen , und durchs Gesträuch schimmerte die Straße , auf der sie gerade vor einem Jahr den rötlich-gelben Hügeln entgegengezogen waren . Die Äste breiteten sich regungslos , als drückte die ferne Schwüle der umgrauten Sonne sie nieder . Heinrich war eben daran , den Schluß seines Dramas zu erzählen , der ihm gestern eingefallen war . Ägidius war auf der Insel gelandet , gefaßt nach der Todesfahrt von sieben Tagen sein vorverkündetes Schicksal zu erleiden . Der Fürst schenkt ihm das Leben , Ägidius nimmt es nicht an und stürzt sich vom Felsen ins Meer hinab . Georg war nicht befriedigt . » Warum muß Ägidius sterben ? « Er glaubte nicht daran . Heinrich begriff nicht , daß man das erst erklären sollte . » Wie kann er denn weiterleben « , rief er aus . » Er war zum Tode verurteilt . Immer mit dem Ausblick auf das Ende , als unumschränkter Herr auf dem Schiff , Geliebter der Prinzessin , Freund von Weisen , Sängern , Sternguckern , aber immer mit dem Ausblick auf das Ende , hat er die herrlichsten Tage erlebt , die je einem Menschen geschenkt waren . Dieser ganze Reichtum hätte sozusagen seinen Sinn verloren , ja , die hoheitsvoll-würdige Erwartung des letzten Augenblicks müßte sich in der Erinnerung dem Ägidius zu lächerlich genarrter Todesangst verändern , wenn diese ganze Todesfahrt sich am Ende als ein schaler Spaß enthüllte . Darum muß er sterben . « » Und Sie halten das für wahr ? « fragte Georg mit noch stärkerem Zweifel als vorher . » Ich kann mir nicht helfen , ich nicht . « » Das macht nichts « , erwiderte Heinrich . » Wenn es Ihnen jetzt schon wahr erschiene , hätte ich es zu leicht . Aber wenn die letzte Silbe meines Stückes einmal geschrieben ist , wird es wahr geworden sein . Oder ... « Er sprach nicht weiter . Sie stiegen eine Wiese hinan , und bald breitete sich das wohlbekannte Tal zu ihren Füßen aus . An der Hügellehne rechts schimmerte der Sommerhaidenweg , auf der andern Seite , hart am Wald , zeigte sich der gelb angestrichene Gasthof , mit den roten Holzterrassen und nicht weit davon , das kleine Haus mit dem dunkelgrauen Giebel . In ungewissem Nebel war die Stadt zu ahnen , noch weiter schwamm die Ebene zur Höhe auf und ganz ferne verdämmerten blasse , niedrig gezogene Berglinien . Nun war eine breite Fahrbahn zu überschreiten , und endlich führte ein Feldweg über Wiesen und Äcker nach abwärts . Weit abgerückt zu beiden Seiten ruhte der Wald . In Georg war ein Vorgefühl der Sehnsucht , mit der er in Jahren , vielleicht schon morgen sich dieser Landschaft erinnern würde , die nun aufgehört hatte ihm Heimat zu sein . Endlich standen sie vor dem kleinen Haus mit dem Giebel , das Georg ein letztes Mal hatte sehen wollen . Tür und Fenster waren mit Brettern verschlagen ; verwittert , wie uralt geworden vor der Zeit , stand es da und wollte von der Welt nichts wissen . » Ja , nun heißt es Abschied nehmen « , sagte Georg in leichtem Ton . Sein Blick fiel auf die Tonfigur inmitten der verblühten Beete . » Komisch « , sagte er zu Heinrich , » daß ich den blauen Knaben da immer für einen Engel gehalten hab . Das heißt , ich hab ihn nur so genannt , denn ich hab ja immer gewußt , wie er aussieht , und daß er eigentlich ein gelockter Bub ist , barfuß , mit Röckchen und Gürtel . « » Heut über ein Jahr « , sagte Heinrich , » hätten Sie doch geschworen , daß der blaue Knabe Flügel gehabt hat . « Georg warf einen Blick nach oben zur Mansarde . Es war ihm , als bestände die Möglichkeit , daß irgend jemand plötzlich auf den Balkon heraustreten könnte . Labinski vielleicht , der sich seit jenem Traum nicht mehr gemeldet hatte ? Oder er selber , ein Georg von Wergenthin aus früherer Zeit ? Der Georg dieses Sommers , der dort oben gewohnt hatte ? Dumme Einfälle . Der Balkon blieb leer , das Haus war stumm , und der Garten schlummerte tief . Enttäuscht wandte Georg sich ab . » Kommen Sie « , sagte er zu Heinrich . Sie gingen und nahmen die Straße zum Sommerhaidenweg . » Wie warm es geworden ist « , sagte Heinrich , zog den Überzieher aus und warf ihn seiner Gewohnheit nach über die Schultern . In Georg war ein ödes , etwas trockenes Erinnern . Er wandte sich an Heinrich . » Ich will es Ihnen lieber gleich sagen . Die Geschichte ist aus . « Heinrich sah ihn rasch von der Seite an , dann nickte er , nicht sonderlich überrascht . » Aber « , setzte Georg mit einem schwachen Versuch zu scherzen hinzu , » Sie werden dringend gebeten , nicht an den Engelsknaben zu denken . « Heinrich schüttelte ernsthaft den Kopf . » Danke . Die Fabel vom blauen Engel können Sie Nürnberger widmen . « » Er hat doch wieder einmal recht behalten « , sagte Georg . » Er behält immer recht , lieber Georg . Man kann nämlich nie und nimmer betrogen werden , wenn man allem auf Erden mißtraut , sogar seinem eigenen Mißtrauen . Auch wenn Sie Anna geheiratet hätten , hätte er recht behalten ... oder es käme Ihnen wenigstens so vor . Aber jedenfalls denk ich ... Sie erlauben mir wohl das auszusprechen ... ist es gut so , wie es gekommen ist . « » Gut ? Für mich gewiß « , erwiderte Georg mit absichtlicher Schärfe , als hätte er durchaus nicht die Absicht seine Handlungsweise zu beschönigen . » In Ihrem Sinn Heinrich , war es vielleicht sogar eine Pflicht gegen mich , daß ich ein Ende machte . « » Dann war es wohl auch Ihre Pflicht gegen Anna « , sagte Heinrich . » Das wird sich doch erst zeigen . Wer weiß , ob ich sie nicht aus ihrer Bahn gerissen habe . « » Aus ihrer Bahn ? « » Erinnern Sie sich noch , wie Leo Golowski einmal von ihr sagte , sie sei bestimmt , im Bürgerlichen zu enden ? « » Meinen Sie , Georg , eine Ehe mit Ihnen wäre etwas sehr Bürgerliches geworden ? Anna war vielleicht geschaffen Ihre Geliebte zu sein nicht Ihre Frau . Wer weiß , ob nicht der , den sie einmal heiraten wird , allen Grund hätte Ihnen dankbar zu sein , wenn die Männer nicht so rasend dumm wären . Reine Erinnerungen haben ja die Menschen doch nur , wenn sie was erlebt haben . Die Frauen so gut wie wir . « Sie spazierten auf dem Sommerhaidenweg weiter , in der Richtung gegen die Stadt , die aus grauem Dunst hervorstieg , und näherten sich dem Friedhof . » Hat es eigentlich einen Sinn « , fragte Georg zögernd , » das Grab eines Wesens zu besuchen , das niemals gelebt hat ? « » Dort liegt Ihr Kind ? « Georg nickte . Sein Kind ! Wie seltsam es immer wieder klang ! Sie gingen längs der braunen Holzlatten hin , über die Grabsteine und Kreuze ragten , an einer niedern Ziegelmauer weiter , zum Eingang . Ein Wächter , den sie fragten , wies ihnen den Weg über die breite , mit Weiden bepflanzte Mittelstraße . Auf einem Wiesenplan , hart an den Planken , auf niedern wie zum Spiel aufgeworfenen Hügeln , reihten sich ovale Plättchen aneinander , jedes mit zwei kurzen Armen in die Erde gerammt . Der Hügel , den Georg suchte , lag in der Mitte der Wiese . Dunkelrote Rosen lagen darauf . Georg erkannte sie . Das Herz stand ihm stille . Wie gut , dachte er , daß wir einander nicht begegnet sind . Hat sie ' s am Ende gehofft ? » Dort wo diese Rosen liegen ? « fragte Heinrich . Georg nickte . Sie standen eine Weile stumm . » Nicht wahr « , fragte Heinrich dann , » an die Möglichkeit dieses Ausgangs hatten Sie wohl innerhalb der ganzen Zeit niemals gedacht ? « » Niemals ? Ich weiß nicht recht . Es gehen einem ja allerlei Möglichkeiten durch den Sinn . Aber ernstlich hab ich natürlich nie daran gedacht . Wie sollte man auch ? « Er erzählte Heinrich nicht zum erstenmal , wie der Professor damals den Tod des Kindes erklärt hatte . Ein unglücklicher Zufall war es gewesen , an dem ein bis zwei Perzent der Neugeborenen zugrunde gehen mußten . Freilich , warum gerade hier dieser Zufall eingetreten war , das hatte der Professor nicht zu sagen gewußt . Aber war Zufall nicht nur ein Wort ? Mußte nicht auch dieser Zufall seine Ursache gehabt haben ? ... Heinrich zuckte die Achseln . » Natürlich ... Eine Ursache nach der andern und seinen letzten Grund im Anfang aller Dinge . Wir könnten gewiß das Eintreten mancher sogenannten Zufälle verhindern , wenn wir mehr Überblick hätten , mehr Wissen und mehr Macht . Wer weiß , ob nicht auch der Tod Ihres Kindes in irgendeinem Augenblick abzuwenden war ? « » Und vielleicht wäre es sogar in meiner Macht gestanden « , sagte Georg langsam . » Das versteh ich nicht . Waren denn irgendwelche Vorzeichen , oder ... « Georg stand da , den Blick starr auf den kleinen Hügel gerichtet : » Ich will Sie was fragen , Heinrich , aber lachen Sie mich nicht aus . Halten Sie es für möglich , daß ein ungeborenes Kind daran sterben kann , daß man es nicht so herbeisehnt , wie man sollte : an zu wenig Liebe gewissermaßen ? « Heinrich legte ihm die Hand auf die Schulter . » Georg , wie kommen Sie , der sonst ein so anständiger Mensch ist , auf derartige metaphysische Einfälle ? « » Nennen Sie ' s , wie Sie wollen , metaphysisch oder dumm ; ich kann seit einiger Zeit den Gedanken nicht los werden , daß ich in einem gewissen Grad an diesem Ausgang die Schuld trage . « » Sie ? « » Wenn ich früher sagte , daß ich ' s nicht genug herbeigesehnt habe , so hab ich mich nicht gut ausgedrückt . Die Wahrheit ist : daß ich an dieses kleine Wesen , das auf die Welt kommen sollte , geradezu vergessen hatte . Und besonders in den letzten Wochen vor seiner Geburt hatte ich es völlig vergessen gehabt . Ich kann ' s nicht anders sagen . Natürlich wußte ich immer , was bevorstand , aber es ging mich sozusagen nichts an . Ich habe hingelebt , ohne dran zu denken . Nicht immerfort , aber oft und ganz besonders im Sommer am See , an meinem See , wie Sie ihn nennen ... da war ich ... Ja da wußt ich einfach nichts davon , daß ich ein Kind bekommen sollte . « » Man hat mir allerlei erzählt « , sagte Heinrich vorbeischauend . Georg sah ihn an . » So wissen Sie also , was ich meine . Nicht nur dem Kind , dem ungeborenen , sondern auch der Mutter war ich fern in einer so unheimlichen Weise , daß ich es Ihnen beim besten Willen nicht schildern , daß ich ' s heut selber kaum mehr begreifen kann . Und es gibt Momente , da kann ich mich des Gedankens nicht erwehren , daß zwischen jenem Vergessen und dem Tod meines Kindes irgendein Zusammenhang bestehen müßte . Halten Sie denn so was für vollkommen ausgeschlossen ? « Heinrich hatte tiefe Falten in der Stirn . » Vollkommen ausgeschlossen , das kann man nicht einmal sagen . Die Wurzeln verschlingen sich ja gewiß oft so tief , daß wir unmöglich bis dort hinabschauen können . Ja vielleicht gibt es sogar solche Zusammenhänge . Aber wenn es solche gibt ... nicht für Sie Georg ! Für Sie hätten diese Zusammenhänge keine Geltung , auch wenn sie existierten . « » Für mich keine Geltung ? « » Der ganze Einfall , den Sie da ausgesprochen haben , der paßt mir nicht zu Ihnen . Der kommt nicht aus Ihrer Seele . Bestimmt nicht . Nie in Ihrem Leben wär Ihnen etwas Derartiges eingefallen , wenn Sie nicht mit einem Subjekt meiner Art verkehrten und es nicht zuweilen Ihre Art wäre , nicht Ihre Gedanken zu denken , sondern die von Menschen , die stärker oder auch schwächer sind als Sie . Und ich versichre Sie , was Sie auch an dem See dort , an Ihrem ... an unserm ... erlebt haben mögen , Sie haben damit gewiß keine sogenannte Schuld auf sich geladen . Bei einem andern wär es vielleicht Schuld gewesen . Aber bei Ihnen , der von Natur aus Sie verzeihen schon ziemlich leichtfertig und ein bißchen gewissenlos angelegt ist , war es gewiß nicht Schuld . Soll ich Ihnen was sagen ? Sie fühlen sich nämlich gar nicht schuldig in Hinsicht auf das Kind , sondern das Unbehagen , das Sie spüren , kommt nur daher , daß Sie die Verpflichtung zu haben glauben sich schuldig zu fühlen . Sehen Sie , ich , wenn ich irgend was in der Art Ihres Abenteuers erlebt hätte , wäre vielleicht schuldig geworden , weil ich mich möglicherweise schuldig gefühlt hätte . « » Sie Heinrich , hätten sich in meinem Falle schuldig gefühlt ? « » Vielleicht auch nicht . Wie kann ich das wissen . Sie denken jetzt wahrscheinlich daran , daß ich neulich ein Wesen direkt in den Tod getrieben und mich trotzdem sozusagen ohne Schuld gefühlt habe ? « » Ja daran denk ich . Und darum versteh ich nicht ... « Heinrich zuckte die Achseln . » Ja . Ich hab mich ohne Schuld gefühlt . Irgendwo in meiner Seele . Und wo anders , tiefer vielleicht , hab ich mich schuldig gefühlt ... und noch tiefer , wieder schuldlos . Es kommt immer nur darauf an , wie tief wir in uns hineinschauen . Und wenn die Lichter in allen Stockwerken angezündet sind , sind wir doch alles auf einmal : schuldig und unschuldig , Feiglinge und Helden , Narren und Weise . Wir das ist vielleicht etwas zu allgemein ausgedrückt . Bei Ihnen , zum Beispiel , Georg , dürften sich alle diese Dinge viel einfacher verhalten , wenigstens wenn Sie von der Atmosphäre unbeeinflußt sind , die ich zuweilen um Sie verbreite . Darum geht ' s Ihnen auch besser als mir . Viel besser . In mir sieht ' s nämlich greulich aus . Sollten Sie das noch nicht bemerkt haben ? Was hilft ' s mir am Ende , daß in allen meinen Stockwerken die Lichter brennen ? Was hilft mir mein Wissen von den Menschen und mein herrliches Verstehen ? Nichts ... Weniger als nichts . Im Grunde möcht ich ja doch nichts anderes , Georg , als daß all das Furchtbare der letzten Zeit nichts gewesen wäre , als ein böser Traum . Ich schwöre Ihnen , Georg , meine ganze Zukunft und weiß Gott was alles gäb ich her , wenn ich ' s ungeschehen machen könnte . Und wär es ungeschehen ... so wär ich wahrscheinlich geradeso elend wie jetzt . « Sein Gesicht verzerrte sich , als wenn er aufschreien wollte . Gleich aber stand er wieder da , starr , regungslos , fahl , wie ausgelöscht . Und er sagte : » Glauben Sie mir , Georg , es gibt Momente , in denen ich die Menschen mit der sogenannten Weltanschauung beneide . Ich , wenn ich eine wohlgeordnete Welt haben will , ich muß mir immer selber erst eine schaffen . Das ist anstrengend für jemanden , der nicht der liebe Gott ist . « Er seufzte schwer auf . Georg gab es auf , ihm zu erwidern