, » haben Sie vorhin Krukowiecki durch die Straßen reiten sehen ? Ich fürchte , ich fürchte , mit diesem Streicheln der Menge pflegt er nicht nur seine Eitelkeit , sondern bereitet seinen stolzesten Plänen ein Fest . Ich glaube , es muß etwas von unserer Seite geschehen , ich spreche offen und rückhaltslos zu Ihnen . Alles ist bei der Armee , was dem Treiben Krukowieckis entgegenarbeiten könnte , mich führt ein zufälliger Auftrag nach Warschau , ich habe in diesem Augenblicke niemand , dem ich meine lebhafte Besorgnis mitteilen könnte , ich glaube , Ihr Herz und Ihre Ansichten zu kennen , bieten Sie mir die Hand , vielleicht können wir mancherlei abwenden . « Valerius gestand , daß er jetzt völlig außer genauer Kenntnis der Verhältnisse sei , er wisse nicht , worauf dieser Eingang hinausgehen solle . » Sie sind ein Demokrat , « fuhr Kasimir fort , » ich bin es auch - glauben Sie nicht , daß ich Mißbrauch mit diesem Worte treibe . Ich habe es Ihnen angemerkt , daß Sie viele Täuschungen der Art in unserem Lande erfahren haben , geben Sie uns deshalb nicht auf , Sie finden Repräsentanten für alles unter uns . Eine allgemeine , gleichartige Ausbildung wurde durch die Herrschaft der Fremden unmöglich gemacht ; es ist nicht zu verwundern , wenn sich die verschiedensten Richtungen unter uns finden . Mein schweizerischer Lehrer hat mich die größte Unbefangenheit in Rücksicht auf Parteien und Zustände gelehrt , vergeben Sie ' s , wenn Sie hier und da einen Rest nationalen Leichtsinns an mir entdecken , ich bin jung , und es ist gar schwer , das Temperament , die Atmosphäre jedes Landes nach den Forderungen , selbst nach den eigenen Forderungen der Bildung zu fügen . Man kann im Grunde nicht mehr verlangen , als daß ein jeder den lebendigen Willen dazu habe , und , glauben Sie mir , den habe ich . Vielleicht gestehen Sie mir später zu , daß ich unbefangener bin als Stanislaus ; denn ich habe es wohl bemerkt , wie Sie mißtrauisch auf ihn blicken , obwohl er zu unsern kultiviertesten jungen Edelleuten gehört . Sie werden nicht leicht ein Land finden , wo die Bildung so eifrig anerkannt und geschätzt wird , als Polen , vergeben Sie uns bei der Beurteilung auf einen Augenblick die nationalen Leidenschaften , welche dem Fortschritte so vielfach hindernd in den Weg treten . Und nun näher zur Sache ! Wir mögen noch so eifrige Volksfreunde sein , nimmer können wir es für wünschenswert halten , das Regiment unmittelbar in den tausend Händen der Menge zu sehen . Und ich fürchte , darauf geht es hinaus . Ich setze nicht den entferntesten Zweifel in den unbegrenzten Patriotismus Krukowieckis , aber ich bin dennoch überzeugt , er bietet in diesem Augenblicke nur alles auf , um Skrzynecki zu stürzen , selbst mächtiger , gewaltiger zu werden . Solange ich in Warschau bin , beobachte ich diesen Mann , er ist von glühenden Leidenschaften getrieben , man sollte also meinen , er könne sich nicht verbergen , und dennoch darf ich nicht sagen : Ich kenne ihn . Die jedesmal hervortretende Leidenschaft scheint im Augenblicke ihrer Tätigkeit die allein herrschende seines Wesens zu sein , die Größe der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr , als sie ihn enthüllt . Nie aber habe ich diese Sättigung in seinen Zügen gesehen wie heute . Irgend ein drohender Streich muß bereits ausgehoben sein . Warschau ist in der bedenklichsten Aufregung ; das konnte nur einem entgehen , der wie Sie zum ersten Male seit vielen Wochen aus der Krankenstube tritt . Die Entrüstung ist allgemein , daß Skrzynecki fortwährend ohne Widerstand dem Feinde weicht ; die Entrüstung ist gerecht , ich teile sie vollkommen ; aber ein Aufstand , wie er in diesen Straßen droht , ist nicht das Mittel . Unordnung erzeugt keine Vorteile . Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Völkern , die lange unter grausamem Drucke schmachten , alles Unerwünschte bildet sich in Gemütern zunächst in Mißtrauen , in Verdacht aus . Wo der Fortgang zögert , da fürchtet man russischen Einfluß . Das ist das Entsetzlichste unserer Sklaverei , daß sie alles gesunde Vertrauen in die bewährtesten Patrioten tötet . Ein Teil dieses Unglücks kommt mit jeder Sklaverei , aber das förmliche System der russischen Bestechung , wie es von der Katharina angefangen hat , ist schlimmer als alles , was anderswo derartiges ein Volk gelähmt hat . Nun hat sich mancherlei zusammengefunden , den Verdacht des Volkes zu steigern ; das Benehmen der Generale Jankowski und Bukowski , welche damals Turno im Stiche ließen , als ein russisches Armeekorps mit Leichtigkeit vernichtet werden konnte , war höchst auffallend und beunruhigend . Diese und andere sitzen noch in Warschau , es erfolgt kein Urteilsspruch , das Volk glaubt Leute protegiert , in denen es die abscheulichsten Verräter des Vaterlandes sieht . Der Feind rückt täglich der Hauptstadt näher , eine kräftige , glühende Armee tut keinen Schwertstreich , Warschau ist in den Händen dessen , welcher ein leidenschaftlicher Gegner des Generalissimus ist - zweifeln Sie noch , daß wir bei diesen bedrohlichen Elementen täglich einen gefährlichen Ausbruch des Volksunwillens zu fürchten haben ? Glauben Sie nicht , daß ich übertreibe , ich bin ein eifriger Besucher der patriotischen Klubs und kenne die Stimmung . Wenn ich auch das wilde , ungeordnete Drängen unserer Demagogen gar nicht billige , so muß ich doch den Ursprüngen ihrer Meinung recht geben . Lassen wir die Frage ungelöst , ob es ratsam war oder nicht , den Bauer plötzlich und ganz von aller Hörigkeit zu befreien ; die Sache , einmal in Anregung gebracht , von der allgemeinen Aufmerksamkeit in Anspruch genommen , mußte ein genügenderes Resultat geben , als sie gab . Die demokratische Jugend hat die Revolution geschaffen , sie ist groß , groß an Anzahl , der Kern des Heeres , ihre Meinung ist weit und tief verzweigt in die Nation , sie konnte mit Recht einen Anteil an der neuen Regierung verlangen . Sie hat sich ihn ertrotzen müssen von der aristokratischen Partei , und die späte Aufnahme Lelevels in die Regierung hat sie belehrt , daß von dem guten Willen der alten Aristokraten nicht das mindeste zu erwarten sei . So stehen wir in diesem Augenblicke bedrohter als je zwischen den Extremen , und alle vermittelnden Schattierungen treten jetzt völlig in den Hintergrund . Was ist zu tun ? Sie kennen Stanislaus ' Vater genau , wollen Sie mit mir zu ihm eilen ? Wir finden bei ihm eine große Anzahl bedeutender Männer , die stolze , eigentliche Aristokratenpartei , und die Humanitätsaristokraten , wie ich sie nennen möchte , unsere Doktrinärs und alles , was nicht direkt zu den Männern des Klubs gehört , erscheint fast täglich in seinem Hause . « » Er ist nicht in der Stadt , sondern auf seinem Landgute . « » Ich weiß das ; eben dort versammelt sich die wichtigste Gesellschaft . Lassen Sie uns einen Wagen nehmen und hinausfahren . « Dieser Vorschlag war Valerius sehr angenehm . Nach einer Viertelstunde rollten sie schon aus dem westlichen Tore der Stadt über die Ebene hinweg . Das Landgut lag eine halbe Meile seitwärts von der Straße , die nach Lowicz führt , in einer freundlichen Birkenwaldung . Es war später Nachmittag , als sie ankamen , die heiße Sonne des August lag drückend auf der Gegend und die schattigen Gärten , welche den Landsitz umgaben , winkten ihnen einladend . Sie fanden die Gesellschaft in den dunkleren Partien des Gartens ; bei der ersten Gruppe , welche sie trafen , befand sich der Graf . Es war leicht zu erkennen , wie ihn der Anblick des Deutschen nicht eben angenehm überraschte , sein feiner Weltton bedeckte jedoch schnell den flüchtig erscheinenden Ausdruck des Mißbehagens mit den höflichen Zügen des zeremoniösen Wirts . Das Vorstellen Kasimirs , dessen unumwundene Erklärung , was ihn herführe , verdrängten schnell alle übrigen Interessen , eine stürmische Diskussion begann , bald dieser , bald jener der Anwesenden trug den ab- und zugehenden Bedienten auf , das Anspannen und Vorfahren zu bestellen . Es waren wirklich bedeutende Repräsentanten der damaligen höheren Gesellschaft Polens zugegen , und fast alle Schattierungen waren vertreten . Ein ernster , sinnender Mann ergriff zuerst das Wort und erklärte mit sehr gewandter Motivierung und nachdrücklicher Rede , daß die Unzufriedenheit des Volkes keineswegs grundlos sei , daß man ernsthaft und schnell mancherlei ändern müsse . Es war dies Bonaventura Niemozewski , welcher den nächsten Übergang zur Volkspartei bildete . Sein Bruder Vinzenz , von kleinerer Statur , mit einem blassen , von Nachdenken und Studien gefurchten Gesichte , schloß sich ihm an . Er tat dies aber seiner Natur gemäß mit sehr viel Schonung , vielfachem Vorbehalt und in mehr künstlichen als energischen Worten . Diese beiden Brüder waren Häupter einer Richtung im Reichstage , welche man im Vergleiche mit ähnlichen Erscheinungen des französischen Parlaments die doktrinäre nennen dürfte . Ihr Verlangen , geschichtliche Einrichtungen nicht ohne weiteres dem rationellen Ermessen unterzuordnen , ihre Berufungen auf die englische Verfassung und ihre große Vorliebe für dieselbe charakterisierten sie . Eine hervorstechende historische Gelehrsamkeit jeder Art und ein wohl durchgearbeitetes Element humaner Kultur zeichnete sie aus . Dem Verlangen Bonaventuras opponierte sogleich mit großer Lebhaftigkeit ein schlanker , glänzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen , stolzen Bewegungen des Kopfes , die den Vornehmen par exellence eigen zu sein pflegen . Es war Gustav Potocki , und er repräsentierte die Spitze der ultra-aristokratischen Koterie . Ein sehr edel und einnehmend aussehender Greis von feinen , sanften Manieren , die mehr das Edle als das Vornehme ausdrückten , milderte Ansicht und Ausdrücke des stolzen Potocki , obwohl er selbst zur Partei desselben gerechnet wurde . Dieser Greis war der Fürst Adam Czartoryski . Ein dritter Mann , welcher seit einiger Zeit mehr zu dieser aristokratischen Richtung hinneigte , als man von ihm erwartet hatte , ja mehr , als ihm eigentlich selbst natürlich war , schloß sich in diesem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventuras an . Es lag so viel Imponierendes in seinem Benehmen , seinen Mienen , seinen Ausdrücken , daß man leicht davon auf sein Amt schließen konnte , in welchem er diese Art von Repräsentationen vielfach geübt hatte . Er saß nämlich auf dem Marschallstuhle des Reichstags , und ihm gebührte das wichtige Verdienst , die Verhandlungen dieses Staatskörpers in einer so stürmischen , revolutionären Zeit mit einer bewundernswürdigen Humanität , Unparteilichkeit und Kraft , ja mit einer Größe geleitet zu haben , wie sie selten in der Geschichte angetroffen wird . In Ladislaus Ostrowski spiegeln sich alle Vorzüge eines modernen Polen ab , und von den Fehlern desselben finden sich nur die unbedeutenden an ihm . Kein übermäßiger persönlicher Ehrgeiz , kein Standesvorurteil , kein Fanatismus irgend einer Art darf ihm vorgeworfen werden , und nur kurze Zeit hat er sich vielleicht zu weich und nachgebend gegen Standesgenossen wie Gustav Potocki und ähnliche bewiesen . Er ist einer der glänzendsten Charaktere jener Revolutionszeit , und nur der neben ihm stehende Bruder Anton Ostrowski übertraf ihn an unerschütterlich gleichmäßigen Grundsätzen patriotischer Tugend und an einer Popularität von patriarchalischem Gepräge . Diese beiden Brüder umfassen in ihren Persönlichkeiten die schönsten Ausdrücke von polnischem Patriotismus . Während Ladislaus den ganzen adeligen , chevaleresken , liebenswürdigen , glänzenden Teil der Nation darstellte und alles , was zu diesem gehörte , fesselte und hob , nahm Anton , als Kommandant der Nationalgarde , beinahe völlig die Stellung Lafayettes in Frankreich ein , repräsentierte die edelsten demokratischen Ansichten , war Abgott der Bürger im engen Sinne des Wortes . Es war natürlich , daß er ohne Umschweife die Partei Niemojewskis ergriff , ja noch darüber hinausging . Seine ernsten , traurigen Worte über den Zustand des Vaterlandes machten auf alle , selbst auf Potocki und den Herrn des Hauses einen tiefen Eindruck , und es herrschte noch ein langes Schweigen , als er schon weggegangen war , um eiligst nach Warschau zurückzukehren . Valerius hatte in Betrachtung dieser Gruppe alles übrige vergessen , und erst , als die Leute sich trennten , und alle nach der Stadt aufbrachen , dachte er daran , sich nach Konstantien umzusehen . Wie es zu gehen pflegt , hatte das Gerücht von drohenden Vorfällen sich dahin verwandelt , daß alle glaubten , es sei schon Trauriges vorgefallen . Der Herr des Hauses , die Staatsmänner fuhren eiligst nach Warschau , und was an unwichtigen Besuchen da war , lief erschrocken und fragend durcheinander . Kasimir war mit dem Grafen Heinrich Ostrowski nach der Stadt gefahren und hatte Valerius dringend gebeten , sogleich nachzukommen . Dieser eilte in das Schloß und fragte nach der Fürstin . Ein vorübereilender Bedienter deutete auf die offene Saaltür . 29. Der Saal war leer . Durch die dem Eintretenden gegenüberliegende Tür eilten eben noch ein paar Gestalten , wie es schien , von den beunruhigenden Gerüchten davongejagt . Valerius hörte aber dennoch deutlich die muntere , lachende Stimme Konstantiens . Er trat tiefer ins Gemach und erblickte nun einen Balkon , der auf den Garten hinaus ging , ein leichtes , flatterndes Dach von gestreiftem Stoffe beschattete ihn . Dort saß die Fürstin halb nach der Gegend , halb nach dem Saale zugekehrt , wenn sie die Augen wendete , so mußte sie gerade auf Valerius blicken , der schweigend , in ihrem Anschauen verloren , stehen geblieben war . Der weißseidene leichte Schal flatterte wieder um ihre Schultern , aber heute war er keine Freudenflagge . Vor ihr saßen zwei Männer mit dem Rücken nach dem Innern des Saales . Das Gespräch zwischen den drei Personen bewegte sich in jenen kleinen französischen Kreisen um ein holdes Nichts , das die Konversation dieser Art mit zierlichen , antithetischen oder sonst kokettierenden Phrasen behängt . Es war das Spielen mit den Schalen und Hülsen der Sprache , wie sich ' s die sogenannte gute Gesellschaft angeeignet hatte . Da man diesen höheren Geselligkeitston zumeist aus Frankreich entlehnt hat , und er dort unter einem Regenten seine höchste Ausbildung erhielt , welcher alle Tätigkeit und Macht des Staates in sich vereinigte und jedes Mitdenken und Mitwirken der übrigen , selbst der höheren Mitglieder des Staates , ausschloß , so hat er vielleicht schon von daher diesen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht . Es war eine Unterordnung oder gar eine Schmeichelei gegen die Despotie , eine Konversation zu erfinden , die sich mit nichts beschäftigte und doch geistreich schimmerte . Die Bemühungen der Fronde lösten sich in Epigramme auf , und diese Epigramme zerflossen endlich in den charakterlosen Esprit . Dieser Esprit hat in Frankreich selbst mit der wiedererrungenen Selbständigkeit der Individuen schon lange den verlorenen Charakter reklamiert , die großen Beziehungen der Sprache sind dort längst wieder bis in die kleinsten Spielereien derselben zurückgekommen , aber die französierenden Ausländer treiben noch immer das alte leere Spiel mit den Glasperlen des großen Ludwig . Valerius hörte mit Verwunderung zu , wie die geistreiche und energische Fürstin sich in solcher Unterhaltung gefallen konnte . Aber Erziehung und Gewohnheit sind bekanntlich die zweiten Schöpfer , und die schöne Frau war ganz à son aise - da fiel ihr Blick zufällig in den Saal , und sie sah den Geliebten stehen . Ein hohes Rot bedeckte ihr Gesicht , und sie erhob sich wie unwillkürlich von ihrem Sitze . Die beiden Herren sprangen erschrocken auf und fragten , - Valerius sah zum ersten Male William wieder . Er war einer von den beiden . Konstantie trat rasch in den Saal . - » Wie kommen Sie hierher ? « und ohne Antwort zu erwarten , setzte sie mit leiserer Stimme hinzu : » Wann bekamen Sie meinen Brief ? « » Im Angesichte des Feindes , den wir eben angreifen wollten . « » Und der Angriff war Ihnen wichtiger ? « Die beiden Männer waren unterdes ebenfalls herangetreten , das leise Gespräch mußte aufhören , Valerius und William begrüßten sich mit einem wunderlichen Gemisch von Frostigkeit , alter Freundschaft und landsmannschaftlichem Interesse . Die Fürstin stellte Valerius dem andern Herrn vor , er überhörte den Namen des polnischen Fürsten . Man ging im Saale auf und ab . Das Gespräch hatte ein gespanntes , zerrissenes Wesen . Valerius fühlte sich verletzt von dem stolzen , kalten Benehmen Konstantiens und setzte ihm alle schroffe Entschlossenheit entgegen , welche ihm eigen war . Nur einen Moment kam eine gewisse Wärme in Konstantiens Ton , als sie auf den Arm im schwarzen Tuche deutete und nach seiner Verwundung fragte . Um seine Anwesenheit zu rechtfertigen - denn er hätte in diesem Augenblicke selbst Konstantien nicht zugestehen mögen , daß er zum Teil ihretwegen da war - erzählte er kurz , was man in Warschau befürchte . » Man ist nicht streng genug gegen den Pöbel gewesen , « sagte der Fürst . » Die dreist gelösten Verhältnisse , « setzte William hinzu , » deren innere Heiligkeit der freche Geist des Jahrhunderts überspringt , rächen sich früher oder später überall . « Valerius verging vor Pein , er schützte Befehle vor , die ihn nach Warschau riefen , und empfahl sich . Einen Augenblick schien die Fürstin bestürzt zu sein , aber der alte Stolz trat schnell wieder auf ihre Lippen , sie entließ ihn stumm und zeremoniös . Er warf sich in den Wagen , und von allerlei Qualen gemartert kam er nach Warschau . Ob es Eifersucht allein , oder auch gekränkter Stolz war , was ihn peinigte , das wußte er selbst nicht zu sagen . Die Straßen waren von Menschen erfüllt , die in der Dunkelheit des Abends drohenden Gespenstern gleich hin und her zogen . Er eilte zum alten Grafen , um vielleicht dort etwas Näheres über die getroffenen oder zu treffenden Maßregeln zu erfahren , denn daß Kasimirs Vermutungen nur zu richtig gewesen , zeigte ihm jeder Schritt . Die durch die Straße wogende Menge befand sich zwar größtenteils in einem dumpfen Schweigen , aber hier und da hörte man doch den drohenden Ruf : » Nieder mit den Aristokraten , nieder mit den Russenfreunden ! « » Nieder mit den Russenfreunden ! « rollte dann gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Straße hin . Er fand den alten Grafen in einer Aufregung , wie er sie nie an ihm gesehen . » Da haben Sie den patriotischen Klub , « rief er ihm entgegen , » da haben Sie die gepredigte Zügellosigkeit , das kommt von dem demokratischen Unsinn . - Kanonen , Kanonen , Kavalleriechargen gegen die Canaille : Grand Dieu , und nun ist kein Militär da , und was da ist , wird von diesem gleißnerischen Schurken , dem Krukowiecki , kommandiert ! In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der Stadt ! « Der Graf , welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu fürchten schien , bat den Deutschen , dazubleiben , die Bedienten bewaffnen , postieren zu helfen , und was der Sicherheitsmaßregeln mehr waren . Valerius aber , in seiner ohnehin gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt , lehnte es ab . Er glaubte die vom Affekte überraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken ; alle die schönen Worte , welche er früher von ihm vernommen , schienen ihm jetzt angelernte Floskeln , von denen das Herz des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts gewußt habe . Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn : Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu heilen , sie müssen aussterben . Niemand kann sie ändern . So ging er entrüstet von dannen , und es war ihm , als höre er einen entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her . Aber er mochte es nicht glauben , daß sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreißen lasse , und schob ' s auf einen Irrtum , auf seine eigene erhitzte Phantasie . Die Menschenmenge auf den Straßen war zwar nicht geringer geworden , aber ihre heftige Gärung und Bewegung schien nachgelassen zu haben . Man sah sie mehr in Haufen zusammengedrängt und einzelnen Rednern zuhören , welche ihnen mit der nationalen Lebhaftigkeit die Verhältnisse auseinandersetzten . » Unsere Sache ist eine heilige , « schloß ein solcher Redner seinen Vortrag , zu dessen Gruppe der junge Deutsche eben trat , » unsere Sache ist eine heilige , « wiederholte er mit größtem Nachdruck , » und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte - am hellen Tage , im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über die Verräter . Wie ? haben wir nicht alles in die Schanze geschlagen , um die Freiheit für unser Vaterland zu erwecken ? Was wüßten denn diese vornehmen Herren von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns ? Als wir unsere Köpfe gewagt hatten , als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren , da kamen die vornehmen Herren erst zum Vorschein . Was ? Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre , ist es nicht ebenso polnisch wie das ihre ? Und wohin haben sie uns geführt ? Ist der Bauer frei geworden ? Ist der Russe geschlagen ? Nicht doch . In wenig Tagen wird der Russe vor Warschau stehen , und seine Spione , von denen wir umgeben sind , werden ihm die Stadt verraten . Warum hängt man die Spione nicht ? Weil die vornehmen Herren es nicht zum Äußersten kommen lassen wollen , weil sie immer noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten . - Wollen wir eine Rückkehr ? « » Keine , keine , « schrie der Haufe . » Keine Rückkehr , ihr echten Polen , « fuhr der Redner fort , » Freiheit oder Tod ! Da drüben sitzen die Verräter Jankowski und Bukowski , welche unsere Armee verraten haben . - Bleibt , meine Freunde , unsere Sache ist eine heilige , sie scheut den Tag nicht , sie sucht ihn vielmehr . - Die helle Sonne des Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen , morgen sollen die Verräter am hohen Mittage sterben , damit die Aristokraten erkennen , es gibt ein Volk , wenn sie sich zur Tafel setzen . Freiheit oder Tod ! « Donnernd wiederholte die Masse den Ruf , und nachdem der Redner einigen der Zuhörer noch leiser etwas mitgeteilt hatte , zerstreute sich der Haufe . Valerius sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen , der eben gesprochen hatte , es war ein blasses , entschlossenes Gesicht , ein junger Mann von hoher , schlanker Gestalt . - Eine Patrouille kam die Straße entlang , und im Nu war der Redner samt allen Zuhörern verschwunden . Die Nacht verging ruhig , und als der Morgen des 15. August anbrach , glaubten viele , das Ungewitter sei vorübergezogen . Valerius war nach dem , was er den Abend vorher gehört hatte , nicht der Meinung . Er ging zeitig aus , um dem Grafen Anton Ostrowski mitzuteilen , was er gehört . Er fand ihn nicht , alles war schon in Bewegung , es war ein Festtag , Mariä Himmelfahrt , alle Straßen waren angefüllt , ein unheilvolles Murmeln lief durch die Straßen . Valerius sah mit Entsetzen , was es heiße um einen Volksaufstand . Gerechte Klagen , törichtes , ausschweifendes Verlangen , blutdürstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu seinem Ohr . Wo ist die Möglichkeit , dachte er , hier aufzuklären , zu belehren , das Übertriebene vom Richtigen zu sondern ! Welch ein entsetzliches Mittel , gesellschaftliche Verhältnisse umzugestalten , bleibt der Aufruhr ! Alle Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben . Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher . Man machte ihm Platz , ja man rief : » Es lebe Ostrowski ! « Aber wenn er die Leute ermahnte , nach Hause zu gehen , den Ruf der gerechtesten Revolution nicht zu beflecken , da scholl es von allen Seiten : » Die Köpfe der Verräter ! Die Köpfe der Verräter ! « und sowie er mit den Truppen vorüber war , schloß sich die geöffnete Gasse wieder brausend . Die Nationalgardisten selber schüttelten den Aufrührern im Vorüberziehen die Hände ; es war leicht einzusehen , daß mit dieser Macht der Aufstand nicht unterdrückt werden könne . Hoch über den Köpfen der Menge sah man hier und da Hände sich emporstrecken , welche einen Strick in der Luft schwenkten , und » Hurra ! Halsbänder für Verräter ! Halsbänder für Aristokraten ! « schrien rauhe Kehlen von allen Seiten . Valerius bemerkte , daß der letztere Ruf seltener war , und bald erblickte er auch in seiner Nähe den gestrigen Redner , von welchem besonders die tödliche Drohung gegen die Aristokraten auszugehen schien . Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Russenfreunden . Ein wilder Bursche , der neben Valerius stand , fragte diesen plötzlich , warum er nicht mitrufe . » Du gehörst wohl auch zu den lauen Brüdern , die sich allenfalls mit den Russen vertragen ! « Dadurch wurde die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf den Deutschen gerichtet , und dieser befand sich wirklich wegen einer Antwort in der größten Verlegenheit . Daß hier nicht der Ort sei , persönliche publizistische Ansichten zu entwickeln , sah er wohl ein , und doch vermochte er es nicht , in den blutdürstigen Ton einzustimmen . Ein wohlgekleideter Bürger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe : » Siehst du nicht , Thomas , daß der Herr verwundet ist , die Türken werden ihm den Arm nicht zerschossen oder zerhauen haben , nicht wahr , Herr ? « » Nein , mein lieber Freund , « erwiderte Valerius schnell , der sich durch diese Wendung des Gesprächs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte , » es hat ' s eine russische Kugel bei Ostrolenka getan . « » Siehst du , Thomas , du bist immer unbändig . « » Sachte , sachte , Meister Warçow , es haben manche verdächtige Leute unter Madame Skrzynecki gefochten , und solch eine dumme Kugel weiß den Teufel , ob sie an den Rechten kommt . Der junge Herr spricht mir auch so ein fremdes Polnisch , und ich seh ' s ihm an , daß ihm meine Frage garstig in die Quere kommt . Heut denken die Vögel , sie seien im Haufen am sichersten . Wer weiß auch , ob unter dem schwarzen Tuche eine Wunde steckt , und warum trägt denn der junge Herr keine Uniform , schämt er sich unserer Uniform , he ? « In dem Augenblicke brüllte wieder der ganze Haufe : » Tod den Verrätern ! « und ein naher Strick flog Valerius um den Kopf . Valerius , der in einem gewissen Starrsinn nicht mitschreien mochte , obwohl er einsah , daß es am besten sei , mit den Wölfen zu heulen , und daß er durch sein Schweigen eine wirkliche Gefahr für sich herbeiziehe , sah , wie der wilde Thomas die Hand nach ihm ausstreckte , hörte , wie er mit dröhnender Stimme schrie : » Hoho , ein Verräter ! « In diesem Augenblicke aber rückte die Volksmasse mit einem mächtigen Stoße vorwärts , ein entsetzliches Gebrüll erscholl , sie machte den Angriff auf das Gefängnis der verdächtigen Generale Jankowski und Bukowski . Dadurch ward Valerius von dem wilden Aufrührer getrennt , und er hielt es nach seiner Erfahrung für rätlicher , sich aus der Menge zurückzuziehen . Da der Hauptdruck sich entfernt hatte , so war es dünner und lichter um ihn geworden , er gewann eine Querstraße und entschlüpfte . Die nächste Hauptstraße war indessen wieder mit Menschen angefüllt , und die Lesselsche Konditorei , zu welcher ihn die Woge trug , war ihm ein erwünschter Posten , auf den er sich zurückziehen wollte . Der gestoßene Arm schmerzte ihn sehr , und er bemerkte es in solchem Zustande gar nicht , daß gerade vor diesem Hause das Volk in dichtester Reihe aufgepflanzt war und nur auf einen Impuls zu warten schien , um in die Tür zu dringen . Im Innern fand er alles gefüllt und drängte sich mit Mühe bis in die hinteren Zimmer , weil er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte . Hier begegnete ihm Leopold , der sich in großer Heiterkeit über diesen Volkssturm hin und her bewegte . » Man sieht doch , daß sie Blut in den Adern haben , das sind natürliche Urzustände , die Polizei hört auf , die Poesie beginnt . « Valerius setzte sich auf den einzig leeren Platz im dunkelsten Winkel des Gemachs . Ein modisch gekleideter Mann saß neben ihm . Es war dem Deutschen , als ob er dies blasse , gedunsene Gesicht schon gesehen habe , und zwar in der Heimat . Leopold , der ab und zu ging und rapportierte , klärte ihn bald darüber auf , indem er den Nachbar anredete : » Herr von Wankenberg , Sie sind wohl krank ? Ich habe Sie ja in meinem Leben nicht so blaß gesehen . « Der Angeredete machte eine verneinende Bewegung und bat Leopold mit leiser Stimme , seinen Namen nicht so laut zu nennen . Jeder Name , der nicht polnisch klinge , setzte er hinzu , sei in diesem Augenblicke verdächtig . » Ich glaube , Sie haben mit dem Ihrigen besonders recht , « sagte der kleine Mediziner mit der gewöhnlichen Schalkhaftigkeit , » es sind da draußen ganz fatale Sprachforscher , und wenn ich mich nicht irre , war Ew . Hochwohlgeboren werter Name auch der Gegenstand ihrer Studien . « » Nicht doch ! « stammelte Herr von Wankenberg und versuchte zu lächeln , aber die zitternden Zahnreihen ließen es nicht dazu kommen . » Die deutschen Namen