an . » Ich werde morgen früh meinen Koffer packen und reisen « , sagte Clara leise und mit einem Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit , der ihr bisweilen eigen war und ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte . Frau von Imhoff erhob sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran . Plötzlich fielen sie einander in die Arme , und Clara schluchzte . Sie verstanden sich ; es war nicht nötig zu sprechen . Als sich Clara losriß , sagte sie , sie werde Caspar noch in die Stadt begleiten . » Das kannst du unmöglich tun , « wandte Frau von Imhoff ein , » oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben . « » Bitte nicht , « antwortete Clara lächelnd , » du weißt doch , daß ich keine Furcht habe . Es beirrt mich auch , wenn man meinethalben ängstlich ist . Die Nacht tut mir gut , und ich freue mich auf den einsamen Rückweg . « Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte Straße gegen die Stadt . Sie redeten auch jetzt nichts , und vor dem Lehrerhaus reichten sie einander die Hände . » Jetzt gehst du wahrscheinlich fort von mir , Clara « , sagte da plötzlich Caspar und schaute sie mit einem verschleierten Blick an . Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte , die ein tiefes Vorgefühl verrieten . Wie schön sind seine Augen , dachte sie , sie sind hellbraun wie die eines Rehs ; gleicht er doch auch sonst einem Reh , das traurig-verwundert im dunkeln Wald steht . » Ja ich gehe « , erwiderte sie endlich . » Und warum denn ? Bei dir war mir wohl . « » Ich komme wieder « , versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit , hinter der ein Aufschrei erstarb . » Ich komme wieder . Wir werden uns schreiben . Zu Weihnachten komm ich wieder . « » Ich komme wieder ; das hab ich schon einmal gehört « , sagte Caspar bitter . » Bis Weihnachten ist lang . Und schreiben tu ich nicht . Was hat man vom Schreiben , ist ja doch nur Papier . Geh nur , leb wohl . « » Es kann nicht anders sein « , flüsterte Clara und ihr Blick suchte die Sterne . » Sieh , Caspar , dort oben ist das Ewige . Wir wollen es nicht vergessen wie alle andern . Wir wollen nichts vergessen . Ach , vergessen , vergessen , darin liegt alle Bosheit der Welt . Uns gehören die Sterne , Caspar , und wenn du hinaufschaust , bin ich bei dir . « Caspar schüttelte den Kopf . » Leb wohl « , sagte er matt . Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet , und das mit der Bettmütze gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar , um gleich darauf wieder zu verschwinden . Es war eine schweigende Mahnung . Ich will Bettine bitten , daß sie ihn täglich besucht , überlegte Clara , während sie allein durch die öden Gassen ging ; ich bring ihm Unheil , wenn ich bleibe , ein Abgrund gähnt mir entgegen , wie er fürchterlicher nicht zu denken ist . Schwester ! Wie war mir doch , als er mich Schwester nannte ! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust . So hätt ich einen verlorenen Bruder gefunden , und mehr noch ; aber , gerechter Gott , mehr darf es nicht sein . Ihn anzutasten ! Seinen Schlummer stören ! O verbrecherische Lippen , denen ein Kuß nichts bedeutet ! Hätt ichs getan , ich müßte seine Mörderin heißen , was kann ich Besseres tun als fliehen ? Ein guter Genius wird ihn schützen ; vermessen , wollt ich durch meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben ; ein so edles Ding kann nicht zugrunde gehen , weil sich zwei Augen von ihm wenden . Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos verstricktes Gemüt das in seiner Schwärmerei den Entschluß eines Opfers faßt , verzagt , geblendet durch den Anblick von soviel Schicksal und in seiner Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe . Den Blick beständig zum Himmel gerichtet , und zwar auf das schöne Sternbild des Wagens , das wie ein erstarrter Zackenblitz im Dunkelblauen schwamm , bemerkte Clara nicht , daß am Portal des Schlosses eine Gestalt lehnte . Sie prallte erst zurück , als ihr die nächtige Person den Weg verstellte . O Gott , der Grauenvolle , dachte sie . Hickel , denn dieser war es , verneigte sich gegen die bestürzte Frau . » Vergebung , Madame , Vergebung « , murmelte er . » Und nicht nur für diesen Überfall , auch für das andre . Sie sind zu schön , Madame . Wenn Sie die Gnade hätten , zu erwägen , daß Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel , wenn Sie in Betracht ziehen wollten , daß es selbst beim Komödiespiel einen Punkt gibt , wo die verrückt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche besudelt und das Bildliche eifersüchtig für ein Wirkliches hält , so würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein tröstliches Wort beglücken . « Alles dies klang einfältig , formlos , geziert , höhnisch und verzweifelt . Er schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen , und man konnte ihm ansehen , daß er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt . Clara trat einen Schritt zurück , verschränkte die Arme , drückte sie fest gegen die Brust und sagte befehlend : » Lassen Sie mich vorbei ! « » Madame , von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab « , fuhr Hickel fort und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur . » Ich bin nie ein Bettler gewesen . Hier steh ich und bettle . Verleugnen Sie nicht Ihr Gesicht , das einen Engel glauben läßt ! « Er trat zur Seite , wortlos ging Clara an ihm vorüber . Sie läutete , und der Pförtner , der auf sie gewartet , öffnete sogleich . Als sie drinnen war , spürte sie eine entsetzliche Übelkeit . In ihrem Hirn war etwas wie zerrissen . Auf der Treppe stockte sie ; ihr war , als müsse sie umkehren und den furchtbaren Mann noch einmal anreden . Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam , wurde ihm mitgeteilt , daß Frau von Kannawurf schon abgereist sei . Er bat Frau von Imhoff , sie möchte ihm Claras Bild zeigen , das er seit dem ersten Gesellschaftsabend , dem er im Schlosse beigewohnt , nicht mehr gesehen . Die Baronin führte ihn in ein Erkergemach , wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an der Wand hing . Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer Aufmerksamkeit . Als er ging , versprach Frau von Imhoff , ihm eine Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen . Er war so zerstreut , daß er nicht einmal dankte . Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war , verlautete darüber nichts Näheres , und die Sache schien allmählich in Vergessenheit zu geraten . Ohne Zweifel waren verborgene Einflüsse im Spiel , die den Polizeileutnant sicherstellten . » Dem Mann ist nicht beizukommen « , sagten die Eingeweihten ; » er ist zu gefährlich und weiß zuviel . « Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen Untergebenen äußerst gefürchtet . Dabei wurde sein Lebenswandel immer undurchdringlicher ; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem Menschen . Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte , aber nur deswegen , um seine Leute zu drangsalieren . Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt . Eines Nachmittags im Oktober , der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee , trat plötzlich säbelrasselnd Hickel ins Zimmer , schritt ohne Gruß auf Caspar zu und fragte herrisch : » Sagen Sie mal , Hauser , wissen Sie vielleicht etwas über den Verbleib des Soldaten Schildknecht ? « Caspar wurde aschfahl . Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden Augen und donnerte , ungeduldig über das lange Schweigen : » Wissen Sie etwas oder wissen Sie nichts ? Reden Sie , Mensch , oder , so wahr mir Gott helfe , ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen ! « Caspar erhob sich . Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die Fransen des Tischtuchs , und während er zurückwich , fiel die Kaffeekanne um , und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen . Die Lehrerin tat einen Schrei ; Quandt aber machte ein ärgerliches Gesicht , denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß ihn , auch war es ihm um so verwunderlicher , als Hickel gerade Caspar gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung beflissen hatte . » Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben ? « sagte er unwillig . » Das lassen Sie nur meine Sorge sein ! « brauste Hickel auf . » Oho , Herr Polizeileutnant , in meinem Hause bitte ich mir ein höflicheres Benehmen aus « , versetzte Quandt . » Ach was ! Sie sind ein Schwachmatikus , Herr Lehrer . Was nicht auf Ihrem Mist wächst , das ästimieren Sie nicht . Überhaupt , was ists denn ? Zwei Jahre sinds her , seit der Mensch bei Ihnen wohnt , und wir sind genau so klug wie zuvor . Wenn das Ihre ganze Kunst war , dann lassen Sie sich nur heimgeigen . « Der Hieb saß . Quandt verbiß seinen Groll und schwieg . » Aber es hat ein Ende jetzt « , fuhr Hickel fort ; » ich werde mit dem Hofrat reden , und der Hauser kommt zu mir in die Pflege . « » Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen « , erwiderte Quandt und verließ hochaufgerichtet das Zimmer . Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen . Hickel marschierte hastig auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn . » Wie mir nur ist , wie mir nur ist « , murmelte er fast verstört . Dann wandte er sich wieder schimpfend an Caspar . » Unglückseliger , verdammt Unglückseliger ! Was für ein Teufel hat Sie geritten ! Übrigens , « fügte er leise hinzu und stellte sich neben Caspar , » der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert . Kommt auf die Plassenburg , der Kerl . « » Das ist nicht wahr « , sagte Caspar , ebenfalls leise , gedehnt und etwas singend . Er lächelte , dann lachte er , ja , er lachte , wobei sein Gesicht stark erbleichte . Hickel wurde stutzig . Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere . Plötzlich griff er nach seiner Kappe , und mit einem bösen , eiligen Blick auf Caspar entfernte er sich . Quandt war nicht gesonnen , den Schimpf , den ihm der Polizeileutnant angetan , auf sich sitzen zu lassen . Er beschwerte sich beim Hofrat Hofmann , doch dieser schien nicht sehr bereit , sich einzumischen . Der Lehrer nahm die Gelegenheit wahr , noch eine andre Sache zum Austrag zu bringen . Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars Pflege . Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu rechnen , man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um Unterstützung angegangen , aber der Beschluß war noch in der Schwebe . Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für seine Schreiberei ; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab . Die beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in seinen Ausgaben . Anfangs Oktober war er konfirmiert worden , und mit Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld , das ihm von der Stadt dafür ausgesetzt war . Ungehalten über die Verschleppung , wandte er sich an den Pfarrer Fuhrmann ; dieser riet ihm , er solle den Lehrer ersuchen , aufs Gemeindeamt zu gehen , um die Auszahlung zu betreiben . » So etwas tu ich nicht , Herr Hofrat , ich mache nicht den Bittsteller mein Stolz erlaubt das nicht « , sagte Quandt . Der Hofrat zuckte die Achseln . » Geben Sie ihm doch die paar Taler einstweilen aus Ihrer Tasche « , sagte er , » man wirds Ihnen gewiß bald ersetzen . « » In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten « , versetzte Quandt ; » ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht , ob ich noch lange so zusehen kann . « Der Hofrat überlegte . » Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde , « sagte er dann , » die können doch helfen . « » Ach du lieber Gott , « seufzte der Lehrer , » denen ist er viel zu interessant , als daß sie an seine kleine Notdurft denken . « » Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen , wozu er denn eigentlich so dringend Geld braucht « , schloß der Hofrat das Gespräch . Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit aufgehobenen Händen an , ihn doch nicht aus dem Haus zu geben , er wolle ja alles tun , was man von ihm verlange ; » nur nicht zum Polizeileutnant , alles , nur das nicht « , sagte er . Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte , davon könne vorläufig keine Rede sein , der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen . » Nein , « antwortete Caspar , » auch der Offiziant Maier hat heute auf dem Gericht davon gesprochen . « » Nun , Hauser , jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und sind doch schließlich ein erwachsener Mann « , sagte Quandt tadelnd . » Ich kann das nicht ganz ernst nehmen , Sie lieben es zu übertreiben und sich kindisch zu stellen . Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf abbeißen , wennschon ich zugebe , daß er bisweilen etwas derbe Manieren hat . Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller Bedeutung , und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört : Tue deinen Feinden Gutes , damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst . « Caspar nickte . » Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars Weizenkörnern « , erwiderte er . » Ganz recht ; wir haben es ja zusammen durchgenommen « , fuhr Quandt lebhaft fort . » Wissen Sie was ! Damit Sie das schöne Merkwort genau im Gedächtnis behalten , schlage ich Ihnen vor , mir Ihre eignen Gedanken darüber niederzuschreiben . Ich will es meinetwegen als ein Pensum für sich betrachten und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu verwenden . « Caspar schien einverstanden . Der Hofrat kam nicht , wie er versprochen , am nächsten , sondern erst am zweitfolgenden Tag . Als er ins Zimmer trat , redete der Lehrer gerade mit zornigen Gebärden auf Caspar ein . Auf die Frage des Hofrats was Caspar verbrochen habe , sagte Quandt : » Ich muß mich doch gar zu viel mit ihm herumärgern . Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen Aufsatz , er versprach mir , es auszuarbeiten , und er hatte den ganzen gestrigen Nachmittag dazu Zeit . Soeben verlang ich nun sein Heft , und hier , überzeugen Sie sich selbst , Herr Hofrat , auch nicht eine Zeile hat er geschrieben . Eine solche Trägheit ist himmelschreiend . « Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft : oben auf einer Seite stand der Titel des Aufsatzes : Tue deinen Feinden Gutes , damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst ; danach kam aber nichts , und die Seite war leer . » Warum haben Sies denn nicht gemacht ? « fragte der Hofrat kühl . Caspar antwortete : » Ich kann nicht . « » Das müssen Sie können ! « rief Quandt . » Vorgestern haben Sie mir ja erzählt , daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist , eine Gedankenfolge zu finden , hätte Ihnen also nicht schwerfallen können , wenn sie dort angeknüpft hätten . « » Probieren Sies doch einmal , Hauser « , fiel der Hofrat besänftigend ein . » Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder . Ich werde mich mit dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben , und wenn wir zurückkommen , sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern , daß Sie wenigstens den guten Willen haben . « Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus . Als sie im Wohnzimmer waren , übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte , die seien von Frau von Imhoff , der er Caspars Verlegenheit geschildert habe ; die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt , daß es nur so wenig sei , aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung . » Übrigens war der Hauser gestern bei mir , « fuhr der Hofrat fort , » und zwar kam er , um mich zu bitten , ich möchte es doch verhindern , daß er dem Polizeileutnant in Pflege gegeben werde . « » Es ist doch des Teufels ; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen Miseren , « klagte Quandt , » auch mich hat er schon darum angegangen . « » Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben . « » Ja , der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm . « » Ich sagte ihm , daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht vorliege , und er möge nur seine Pflicht tun , dann werde ihm niemand zunahe treten . « » Sehr wahr . « » Wir redeten noch über seine Geldkalamität , und da wollte er nicht mit der Farbe heraus . Ich versprach , ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu schenken , und fragte ihn , wann er Geburtstag habe . Darauf antwortete er traurig , das wisse er nicht , und ich muß gestehen , es war da etwas in seinem Wesen , was mich rührte . Aber sonst schien er mir doch gar zu schmeichlerisch , und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir . « » Leider , leider , schmeichlerisch ist er , da haben Sie recht , Herr Hofrat ; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will . « Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück . Er saß am Tisch , den Kopf in die Hand gestützt . » Na , was haben Sie fertiggebracht ? « rief der Hofrat jovial . Er nahm das Heft , stutzte , da er nur einen einzigen Satz geschrieben fand , und las vor : » Wenn sie dir Übles an deinem Körper zugefügt haben , tue ihnen Gutes dafür . Das ist alles , Hauser ? « » Sonderbar « , murmelte Quandt . Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin , drehte den Kopf gegen die Schulter und begann unvermittelt : » Sagen Sie mal , Hauser , wen haben Sie denn eigentlich von allen Menschen , die Sie bisher kennengelernt haben , am meisten liebgewonnen ? « Sein Gesicht sah pfiffig aus ; er hatte von seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten , auch das Harmlose mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern . » Stehen Sie doch auf , wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht « , flüsterte der Lehrer Caspar zu . Caspar stand auf . Er blickte ratlos vor sich hin . Er witterte eine Falle hinter der Frage . Er dachte plötzlich : Wahrscheinlich ist der Lehrer darum so böse , daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe , weil er glaubt , ich halte ihn für meinen Feind . Er schaute zu Quandt hinüber und sagteversonnen : » Den Herrn Lehrer hab ich am liebsten . « Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und räusperte sich bedeutsam . Aha , ein Bestechungsversuch , dachte Quandt und war stolz darauf , nicht im mindesten von der Antwort erbaut zu sein . Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener . Er hatte niemand , mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte . Frau von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören , und das wurmte ihn denn doch , trotzdem er behauptet hatte , an Briefen sei ihm nichts gelegen . Wo war sie überhaupt ? Lebte sie noch ? Er mochte oft nicht ausgehen , alle Wege waren ihm verhaßt , jede Verrichtung fand ihn lau . Zudem war das Wetter immer schlecht , der November brachte gewaltige Stürme , und so saß er in der freien Zeit auf seinem Zimmer , glitt mit den Blicken über die Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig . Er wartete , wartete . Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte sich vorsichtig , ob man dort etwas über Schildknecht wisse . Man konnte ihm keine Auskunft geben . Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme , aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen . Es kamen noch manchmal Fremde zu Besuch ; er verhielt sich störrisch und einsilbig . Wenn er aufgefordert wurde , in Gesellschaft zu gehen , sagte er bitter : » Was soll mir das Schwätzen ? « Als er eines Abends über den Schloßplatz ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen , immer geschlossenen Fenstern emporsah , glaubte er in den leergedachten Sälen übergroße Gestalten wahrzunehmen , die ihn feindselig beobachteten . Sie schienen alle in Purpur gekleidet , mit goldenen Ketten um den Hals . Ein grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder , und er war nahe daran , sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund . Er fühlte sich so kalt , so trüb . In einer Nacht träumte er , er sähe auf einem grünen Steinblock eine goldene Schale , und darauf lagen fünf seltsam qualmende Herzen , doch nicht in natürlicher Form , sondern so wie Lebküchner die Herzen backen ; er stand davor und sagte laut : » Das ist meines Vaters Herz , das ist meiner Mutter Herz , das ist meines Bruders Herz , das ist meiner Schwester Herz , das ist mein eignes Herz . « Sein eignes lag oben und hatte zwei lebendige , traurige Augen . Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer überaus teuern Person . Die Person handelte , sprach und litt für ihn , aber eine Welt lag dazwischen , und was auch immer sie unternahm , konnte die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern . Er spürte unheimliche Vorgänge so deutlich , daß er oft dastand und lauschte wie auf ein Gespräch hinter einer dünnen Wand . Und er faltete die Hände unterm Kinn und lächelte ängstlich . Blind hätte der Lehrer sein müssen , wenn er von alledem nichts bemerkt hätte . Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel , und dieser Titel lautete : Der Kampf mit dem schlechten Gewissen . » Ich habe kein Wohlwollen mehr für den Menschen , « erklärte Quandt , » ich habe kein Wohlwollen mehr für ihn , seit ich gesehen habe , wie gleichgültig ihn die Katastrophe mit dem Lord gelassen hat . War mir selbst doch zumut , als hätte ich einen Bruder verloren , und er wollte sich nicht einmal zu einer den Schein wahrenden Trauer verstellen . Er hat ein Herz von Stein und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit . « Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke , wir sehen ihn lauern , wir sehen , wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren Jahren zusammenträgt , Fakten und Umstände , die er mit dem Spürsinn eines Untersuchungsrichters aufstöbert , deutet , beleuchtet und still zum Zweck bereithält . Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten , immer Verschlossenen , und wir können nicht umhin , ihn einem Menschen ähnlich zu finden , den ein Irrlicht solange geneckt und gelockt hat , bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät . Zu Anfang Dezember , es war an einem Donnerstag , abends nach Tisch , fragte Quandt Caspar , ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig habe . Caspar erwiderte in ernster Stimmung , doch mit unaufrichtiger Freundlichkeit , wie es Quandt vorkam , ja , er sei damit fertig . Quandt nahm das Buch , zeigte ihm , wie groß die Aufgabe sei , und fragte noch einmal , ob er denn wirklich so weit übersetzt habe . Caspar bejahte . » Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen « , sagte er . Quandt glaubte es nicht ; es war ihm unwahrscheinlich ; die Aufgabe enthielt ein paar Fälle , mit denen Caspar nicht allein hätte fertig werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch nehmen müssen . Indes fand er es für gut , im Beisein seiner Frau nichts weiter zu bemerken , sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu lassen . Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische Elementarbuch und folgte Caspar . Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt , und bevor er öffnete , fragte er , ob der Lehrer noch etwas wünsche . » Machen Sie auf ! « befahl Quandt kurz . Als er drinnen war , las er ihm einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen , wie er es übersetzt habe . Caspar schwieg eine Weile , dann entgegnete er , er habe bloß präpariert , er wolle erst jetzt übersetzen . Quandt blickte ihn ruhig an , sagte ausdrucksvoll : » So « , wünschte gute Nacht und entfernte sich . Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau , und sie kamen überein , daß dahinter ein bübischer Trotz stecke , weiter nichts . Am andern Morgen berichtete er auch dem Hofrat darüber , dieser schrieb ein kurzes Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit , Caspar las das Schreiben in Quandts Gegenwart , und als er zu Ende war , reichte er es dem Lehrer , sichtlich verstimmt . In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor Eigenschaften , denen nur gemeine Naturen sich überließen , die jedoch , so war der Wortlaut , » unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen « . Am selben Abend , wiederum nach dem Nachtmahl , brachte Quandt eines der Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte : » Aus diesem Heft ist ein Blatt herausgeschnitten , Hauser . Sie wissen doch , daß ich Ihnen das schon zahllose Male verboten habe . « » Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht , und den wollte ich nicht in der Schrift haben « , versetzte Caspar . Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf , mit ihm in sein Studierzimmer zu kommen . Seiner Frau sagte er , sie möge die Kerze anzünden , er griff die Lampe und schritt voran . Im andern Zimmer angelangt , schloß er sorgfältig beide Türen , hieß Caspar Platz nehmen und begann : » Sie werden mir doch wohl nicht zumuten , daß ich Ihre Ausrede für bare Münze nehme ? « » Was für eine Ausrede ? « fragte Caspar matt . » Nun , das mit dem Flecken . Ich glaube nicht an diesen Flecken . « » Warum wollen Sie es denn nicht glauben ? « » Sie kennen doch das Sprichwort : Wer einmal lügt , dem glaubt man nicht , und wenn er auch die Wahrheit spricht . Sie , lieber Freund , lügen öfter als einmal . « » Ich lüge nicht « , erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos . » Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten ? « » Ich weiß nicht , daß ich lüge . « » O , schelmischer Rabulist ! « rief Quandt bitter . » Wenn ich Ihre häufigen Unwahrheiten nicht jedesmal berede , so bestimmt mich dazu die nach und nach gewonnene Einsicht , daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen kann . Wozu also soll ich mich vergeblich grämen ? Sie sind gewohnt , solange nein zu sagen , bis man Sie dermaßen überführt hat , daß Sie nicht mehr nein sagen können , und dann sprechen Sie dennoch kein Ja . « » Soll ich ja sagen , wenn nein ist ? Beweisen Sie mir , daß ich gelogen habe . « Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an , die dieser als tückisch zu bezeichnen pflegte . » Ach Hauser , wie schmerzt es mich , Sie mir gegenüber so zu sehen « , versetzte Quandt . » Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele , daß ich gar nicht weiß , wo ich anfangen soll . Erinnern Sie sich nicht an die Geschichte mit dem Leuchter ? Sie behaupteten , die Handhabe sei abgebrochen , und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen , daß sie abgeschmolzen war ? « » Es war so , wie ich gesagt habe . « » Damit lasse ich mich nicht abspeisen . Sie können versichert sein , daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe , nämlich schriftlich , um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu können . « Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht ; er schwieg . » Und weiter , betrachten wir einen Fall jüngsten Datums « , fuhr Quandt fort ; » es war doch einerlei , ob Sie vorgestern mit der Übersetzung fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten . Da Sie tagsüber beschäftigt waren ,