« Die drei vorher so siegesbewußten Offiziere wagten nicht , zu widerstreben . Es war eine Ueberraschung sondergleichen , welcher sie und alle ihre Untergebenen jetzt verfallen waren . Der Pedehr stand hoch aufgerichtet an seinem Platze und überschaute den Erfolg . » Führt sie ab ! « gebot er mit lauter Stimme . » Es wird keinem etwas geschehen ; nur der , welcher sich weigert , wird sofort erschossen ! « Da setzten sich die untenstehenden Gestalten in Bewegung , hin nach dem alten Thore zu , welches jetzt weit offen stand . Es ging zwar langsam , aber mit ununterbrochener Regelmäßigkeit . Man hatte gehört , daß man an Leib und Leben nichts zu fürchten habe ; das beruhigte jedes etwa noch vorhandene Bedenken ; man fügte sich . Es verschwand ein Perser nach dem andern in dem Raume , welchen der Pedehr vorhin als Gefängnis bezeichnet hatte . Er sah jetzt die drei Offiziere lächelnd an . » Schnallt eure Säbel ab , und übergebt sie Tifl ! « gebot er ihnen , indem er auf » das Kind « deutete . Sie gehorchten , ohne ein Wort zu sagen . » So ! « sprach er . » Jetzt habt ihr gesehen , was es heißt , wenn man es wagt , von dem Scheike der Dschamikun zu verlangen , sich vor einem unwillkommenen Menschen von seinem Sitze zu erheben . Nun steht ihr so vor mir , wie es sich für solche Leute schickt und ziemt . Ich kann mich also wieder setzen , Kara und Tifl neben mir . Die Eindringlinge aber bleiben stehen ! « Er ließ sich auf seinen vorigen Sitz nieder . Die beiden Genannten nahmen bei ihm Platz , der bescheidene Tifl eine Stufe tiefer . » Ich stehe nicht , sondern ich gehe ! « rief der Rittmeister zornig aus . » Wohin ? « fragte der Pedehr . » Fort ! « » Wenn du deine Leute im Stiche lassen willst , so kannst du es ja thun . Ich halte dich nicht , sondern ich erlaube dir , im Namen des Schah-in-Schah feig die Flucht zu ergreifen . Es werden zwei meiner Dschamikun mitgehen , um dich zum Duar hinauszuführen . Das Zurückkehren ist dir dann streng verboten ! « » Mitgehen ? « » Ja . « » Du meinst , mitreiten ! « » Nein , du wirst laufen . « » Fällt mir nicht ein ! « » Versuche doch , es zu ändern ! Wer bewaffnet die Grenze der Dschamikun überschreitet , ohne unsere Erlaubnis zu besitzen , der ist uns mit allem , was er bei sich hat , verfallen . Es ist eine Gnade von mir , wenn ich dir die Freiheit schenke . Pferd und Waffen gehören uns . So lautet der Vertrag , den der Beherrscher mit unserm Ustad eingegangen ist . Ihr erklärtet unsere vier Pferde für eure Beute , obwohl euch von ihren Reitern nichts geschehen war . Ihr aber kamt in schlimmer Absicht zu uns ; ihr wagtet es , die Herren zu spielen , mir hier befehlen zu wollen . Es ist ganz folgerichtig , daß nun wir von Beute sprechen . Der einzige Unterschied ist , daß alle eure Gäule zusammen nicht so viel wert sind wie ein einziges von unsern edlen Tieren . « » Was wir besitzen , gehört nicht uns , sondern dem Schah-in-Schah ! « behauptete der Rittmeister . » Auch alles , was ihr den Kalhuran raubtet ? Ihr habt es wieder herzugeben . Man wird eure Taschen untersuchen , eure Kleider , alles , was ihr bei euch habt . Ich lasse Kalhuran kommen , welche dies thun . Ihre Herden , die ihr für euer Eigentum erklärtet , werdet ihr ihnen nun wohl lassen müssen , denn der Muhassil ist tot , und vor seinen Soldaten , welche , wenn ich sie freigegeben habe , sich ohne Pferde und Waffen von Mitleid zu Mitleid betteln müssen , braucht sich niemand mehr zu fürchten ! « Die Offiziere sahen einander betroffen an . Das hatten sie nicht erwartet ! Und nun , grad jetzt , geschah etwas , aus dem sie erkannten , daß es dem Pedehr sehr ernst mit seinen Worten war . Nämlich die Dschamikun hatten ihre Gefangenen untergebracht . Eine bestimmte Anzahl von ihnen war zu deren Bewachung beordert . Andere verbreiteten sich über den Platz , um zum Dienste des Pedehr bereit zu sein . Die übrigen aber setzten sich , als ob dies etwas ganz Selbstverständliches sei , auf die Soldatenpferde und ritten auf oder mit ihnen zum Thore hinaus und nach dem Dorfe hinunter . Das war natürlich alles vorher so bestimmt worden . Es bedurfte hierzu weder eines Befehles noch irgend einer Frage . Dennoch aber hatte der Pedehr bei der Entwerfung seines Verteidigungsplanes einen großen Fehler , eine Unterlassungssünde begangen . Er hatte etwas nicht mit in Betracht gezogen , was von einer andern und zwar höchst wichtigen Person für ungeheuer wesentlich gehalten wurde . Diese Person war unsere vortreffliche Pekala . Eben als der letzte der Dschamikun zum Thore hinausgeritten war , leuchtete vom Garten her das weiße Gewand der » Festjungfrau « in unseren Augen . Sie nahte sich der Treppe , langsam , zögernd , jetzt bedachtsam überlegend , ob sie ihre Absicht ausführen dürfe , dann aber wieder einige sehr energische Schritte vorwärts machend . Das erregte unser aller Aufmerksamkeit . Tifl stand von seinem Sitze auf und fragte ihr entgegen : » Suchst du vielleicht mich , meine gute Pekala ? « Da kam sie schnell vollends herbei und antwortete : » Nicht nur dich , sondern euch alle . « Sich hierauf an den Pedehr besonders wendend , fuhr sie in klagendem Tone fort : » Was habe ich dir gethan , o Pedehr , daß du mich heut so ganz vergessen hast ? Ich möchte meine Augen in Thränen baden , ganz so , wie mein Herz in Wehmut und Jammer gebadet ist ! « » Warum denn solches Herzeleid ? « fragte er lächelnd . » Es läuft mir alles über ! « » So laß doch das Feuer kleiner werden ! « » Dann wird sie zu dick ; sie dämpft mir ein ! « » Wer ? « » Die Suppe ! « » Ah , die Suppe ! Liebe Pekala , die ist jetzt Nebensache . Laß das Feuer ausgehen ! « Da schlug sie die kleinen , fetten Hände zusammen , daß es nur so klatschte , ließ das Weiße ihrer Aeuglein sehen und rief im Tone fachmännischer Entrüstung aus : » Das Feuer ausgehen ! Da erkaltet sie mir doch zu Kleister , den ich durch keine Hitze wieder genießbar machen kann ! Sie war zur Zeit des Abendessens fertig , denn ich hatte mir die größte Mühe gegeben , weil grad der Frenk maidanosu die allergrößte Pünktlichkeit verlangt . Ich richtete alles mit der größten Liebe vor . Ich freute mich auf die Bewunderung meines gelungenen Werkes . Und nun stehe ich ganz allein in meiner Küche , welche die überflüssigsten Wasserdämpfe weint , und kein Mensch hat Zeit und Lust , zu genießen , was ich mit meiner größten Kunst für alle , die ich ernähren muß , bereitet habe ! « » Das ist nicht zu ändern , meine gute Pekala . Wir haben an Wichtigeres als an deinen Frenk maidanosu zu denken ! « » Wichtigeres ? Du scherzest , o Pedehr ! Mein Kerbel wurde gepflückt , noch ehe an die Soldaten zu denken war ; er geht ihnen also vor ! Er muß gereinigt , gewaschen , geschnitten , gewiegt und gekocht werden ; sie aber bleiben , wie sie sind ; er geht ihnen also vor ! Wenn er zu lange in der Hitze steht , so verdirbt er , weil er seinen Wohlgeschmack verliert ; an den Soldaten aber ist überhaupt nichts mehr zu verderben ; er geht ihnen also vor . Tifl hat gewußt , daß es Kerbelsuppe giebt ; Kara Ben Nemsi hat es gewußt ; Kara Ben Halef hat es erfahren ; Hanneh , seiner Mutter , habe ich es sagen lassen ; durch das ganze Haus ist diese beglückende Nachricht gegangen , und nun sie , die heiß Ersehnte und wunderbar Gelungene fertig ist , bin ich allein anwesend , um ihren Triumph zu feiern , während ihr die Schande angethan wird , die Verachtung aller Abwesenden zu erfahren . Ich bin entrüstet , o Pedehr ! Ich habe nicht verdient , daß ich grad so entwaffnet und grad so verächtlich behandelt werde wie diese drei jammervollen Sklaven des Muhassil , welche so weinerlich vor dir stehen , als ob der letzte Rest ihres Mutes im Begriffe stehe , vor lauter Herzensangst grad so wie meine Kerbelsuppe aus dem Topfe herauszulaufen ! So ! Das war es , was ich dir sagen wollte . Und nun entscheide du jetzt , wer wichtiger ist , mein Frenk maidanosu oder sie ! « Die verächtliche Handbewegung , welche sie den Offizieren hinüberwarf , konnte gar nicht geringschätzender sein . Sie schickte ihnen noch einen , ihrer Ansicht nach vollständig vernichtenden Blick zu , ließ dann die Augenlider entrüstet niederfallen und wendete sich hierauf in einer Weise von ihnen ab , als ob diese Leute gar nicht mehr für sie vorhanden seien . Vorhin hatte der Pedehr über Pekala gelächelt ; jetzt aber war sein Gesicht sehr ernst geworden . Hatte er etwa das gleiche Gefühl mit mir ? Er war jedenfalls geneigt gewesen , die drei Perser als Offiziere zu behandeln . Grad als Pekala erschien , hatte er im Begriffe gestanden , eine mehr oder weniger eingehende Aussprache mit ihnen herbeizuführen . Aber waren sie das wert ? Gab es bei ihnen überhaupt eine ethische Frage , an welche er anzuknüpfen , auf welche er einzugehen , die er mit ihnen zu behandeln hatte ? Ich gestehe , daß ich selbst auch ebensowenig wie er hieran gedacht hatte . Da wurde diese geistig einfache und bescheidene » Festjungfrau « von der Sorge um ihren gefährdeten Frenk maidanosu herbeigeführt , um uns in ihrer drastischen Weise die » Herren Offiziere « derart wahrheitsgetreu zu zeichnen , daß wir uns der Wirkung ihrer Strafrede nicht entziehen konnten . Der Pedehr stand auf und rief einige Namen über den Platz hinüber . Die genannten Dschamikun kamen herbei . » Führt diese drei Männer auch fort ! « gebot er ihnen . » Wohin ? « fragte der Rittmeister . » Zu euren Leuten . « » Zu ihnen ? - Wir sind Offiziere ! « » Ja ; ihnen in allem Bösen voran ! Fort mit euch ! « » Du wolltest uns ja gehen lassen ! « » Ihr seid aber nicht gegangen . Fort ! « Um nicht von den Fäusten der Dschamikun zum Gerhorsam gezwungen zu werden , ergaben sie sich in das Unvermeidliche und schritten unter deren Bedeckung dem mehrfach erwähnten Thore zu . » Nun , Pekala ? « fragte der Pedehr , indem sein früheres Lächeln wiederkehrte . » O , mein guter , guter Pedehr ! « antwortete sie . » Bist du zufriedengestellt ? « » Grad so sehr , wie ich dich und euch alle zufriedenstellen werde . Ich danke dir ! Die Kerbelsuppe wartet nur noch auf den letzten , verklärenden Guß des kochenden Wassers . Ich eile , ihn ihr beizubringen ! « Schon wollte sie fort . Da kam ihr ein Gedanke . Sie sprang mehr , als sie stieg , die Stufen zu mir herauf , neigte sich mir mit wichtiger Miene zu und fragte : » Giebst du mir nun recht , Effendi ? « » Worin ? « fragte ich . » Daß die Männer alle noch der Erziehung bedürfen ? « » Hm ! « » Sogar - - - aber das sage ich ganz leise , und du verschweigst es ihm - - - sogar zuweilen auch unser Pedehr ? « » Hm ! « » Du sollst nicht bloß brummen , sondern mir eine deutliche Antwort geben ! « » Wenn dein Frenk maidanosu gut ist , bekommst du sie , sonst aber nicht . « » So ist sie mir gewiß . Ich fliege nach meiner Küche ! « Und sie flog ! Ihre helle Gestalt schien den Boden nicht zu berühren , und die weißen Falten ihres Gewandes wehten wie Flügel hinter ihr . » Ihr werdet sie schon noch kennen lernen , « scherzte der Pedehr . » Sie greift zuweilen derart in die Zügel der Regierung ein , als hätte sich jedermann , vom Ustad an bis zum kleinsten Pferdehüter herab , als ihren Tifl zu betrachten . Wir aber sind damit gern einverstanden . Sie hat ein eigenes Gefühl für den rechten Augenblick . « Diese seine letzteren Worte interessierten mich . Auch ich lernte während unsers Aufenthaltes im » hohen Hause « Pekala von dieser Seite kennen . Es giebt glücklicherweise nicht wenige solcher Leute . Wohl dem Menschen und wohl auch seiner Umgebung , der , wie der Pedehr sich ausdrückte , » ein eigenes Gefühl für den rechten Augenblick « besitzt ! Aber was heißt das ? Sind diese Worte der richtige , treffende Ausdruck für das , was sie eigentlich sagen sollen ? Nein ! Man bedient sich hierfür oft auch des Ausdruckes Instinkt ; man sagt , daß derartige Personen instinktiv handeln . Aber was ist Instinkt ? Naturtrieb ! Was versteht man unter Natur ? Man spricht auch von einer » geistigen Natur « . Was heißt » natürlich « ? Körperliches , Geistiges , Seelisches kann » natürlich « sein ! War es eine Folge des Instinktes , des Naturtriebes , daß Pekala grad in dem Augenblicke bei uns erschien und dem Ereignisse eine so unerwartete Wendung gab , an welchem wir mit den drei Personen auf » dem toten Punkte « standen ? Gewiß nicht ! Sie befand sich in ihrer Küche und wußte gar nicht , was hier bei uns gethan oder gesprochen wurde . Mancher bringt die Ahnung mit dem Instinkte in Verbindung . Hatte Pekala etwas geahnt ? Nein ! Auch pflegt man instinktiv und unwillkürlich gleichzustellen . Hatte Pekala die Küche unwillkürlich verlassen ? War ihre Strafrede eine unwillkürliche Mitteilung ? Auch nicht ! Man beobachte die Personen , welche jenes » Gefühl für den rechten Augenblick « besitzen ! Man wird da oft von feinem Sinn , von Zartgefühl , von Takt und dergleichen sprechen ; man wird das , was sie thun , ihrer besonderen Einsicht , ihrer Unterscheidungsgabe , ihrer Scharfsichtigkeit zuschreiben : aber alle diese Ausdrücke sind unzureichend , und selbst wenn man das , was sie bedeuten , addieren könnte und dann die Summe prüfte , so würde man finden , daß dieses Exempel ein ganz falsches sei . Turenne sagte einst zu einem seiner Generale : » Ihr kommandiert nicht , sondern ihr werdet kommandiert ! « Ist die Ahnung für den » rechten Augenblick « eine Thätigkeit von mir , oder wird sie mir gegeben ? Ist es richtig , zu sagen , daß ich ahne , oder habe ich zu sagen , daß mir diese Ahnung irgendwoher komme ? Ich handle unwillkürlich , also ohne Willkür , ohne Willen . Der Antrieb kommt nicht von mir . Von wem sonst ? Jedenfalls von einer Seite , auf welcher es größere Einsicht giebt , als ich besitze ! Und diese außer mir existierende und auf mich wirkende größere Klugheit soll ich als einen in mir verhandenen Naturbetrieb bezeichnen ? Nein ! Wer aber ist der Turenne , der mich im » rechten Augenblicke « vorwärts kommandiert ? Wie schaut er aus ? Wo ist der erhabene Punkt , von welchem aus er , was ich denke , will und thue , dirigiert ? Ist er jenes für uns leider noch so außerordentliche unbekannte Wesen , welches wir die » Seele « nennen ? Wenn diese Seele sowohl in uns als auch außerhalb von uns in der Weise thätig ist , daß beide Arten dieser Thätigkeit in innigem Zusammenhange miteinander stehen , so ist es erklärlich , warum wir die uns von außen her gegebene » Ahnung « für eine innere Thätigkeit von uns selbst halten . Und es gilt hierbei , der Wahrheit gemäß zuzugeben , daß der Turenne da draußen unendlich mehr überschaut , als unser schwacher , blöder Blick erfassen kann . Das sind nicht etwa metaphysische Schlüsse , sondern sie gründen sich auf täglich sich wiederholende Vorkommnisse in Innern meiner vor aller Augen existierenden Persönlichkeit . Wer nicht gelernt hat , die Vorgänge seines innern Lebens ebenso unausgesetzt wie scharf und unbefangen zu beobachten und zu vergleichen , dem wird es allerdings bequemlich sein , sehr vieles , was er nicht zu begreifen versteht , ganz einfach postlagernd nach dem Reiche des Uebersinnlichen zu adressieren , damit er , der physisch gern Bequeme , hinter seinem eigenen Schalter ruhig schlafen könne . - Als der Pedehr sich entfernt hatte , holte Tifl für Hanneh , Kara und mich ein niedriges Serir123 und brachte uns dann die von Pekala so energisch verteidigte Frenk maidanosu-Suppe , welche wir zusammen aßen . Dann ging ich schlafen , denn der heutige lange Aufenthalt in der ozonreichen , freien Luft hatte mich ermüdet . Als ich am nächsten Morgen erwachte , war Kara schon wieder ausgeritten , doch ohne Tifl , weil dieser durch verschiedene Besorgungen in Betreff der gefangenen Soldaten zurückgehalten wurde . Halef war einmal für kurze Zeit aufgewacht . Er hatte mit Hanneh gesprochen . Es waren zwar nur wenige Worte gewesen , aber so lieb und klar , daß die Gute sich ganz glücklich über diesen Fortschritt fühlte . Als Schakara mir das Frühstück brachte und ich mich nach dem kranken Scheik der Kalhuran erkundigte , antwortete sie : » Er befindet sich in guter Pflege , denn seine Frau weicht fast keinen Augenblick von seiner Seite . Unser Pedehr kennt eine gute Salbe , welche die Schmerzen der Wunden stillt . Hafis Aram wird wahrscheinlich nur wenige Tage das Lager zu hüte haben . « » Wie steht es mit den Soldaten ? « » Sie stecken drüben im Gewölbe . Sie wollten uns vorschreiben , wie sie zu behandeln seien , haben aber zur Antwort bekommen , daß man sich genau so zu ihnen verhalten werde , wie sie es verdienen . Man wird heut wohl einige von ihnen laufen lassen . « » Einige ? « » Ja . Gäbe man sie alle zu gleicher Zeit frei , so könnten sie durch ihre große Zahl den zerstreuten Bewohnern des Gebirges schädlich werden . Darum wird man von Tag zu Tag nur wenige auf einmal freigeben , und auch diese werden zu Pferde nach so verschiedenen Richtungen über die Grenze gebracht , daß es ihnen gewiß schwer werden sollte , sich zusammenzufinden . Die Offiziere kommen zuletzt daran . Auch sind heut früh Boten ausgesandt worden , welche dafür zu sorgen haben , daß jedermann vor den etwa diebisch Herumstreifenden gewarnt werde . Wen man entläßt , dem wird vorher alles abgenommen , was ihm nicht zu gehören scheint . Man hat sie alle ausgesucht und da außerordentlich viel gefunden , was den Kalhuran von ihnen abgezwungen worden ist . « » Diese sind natürlich auch benachrichtigt worden ? « » Gewiß ! Das war ja das allererste , was gethan werden mußte ! Sie brauchen nur zuzugreifen . Was man ihnen unter dem Vorwande der Steuern weggenommen hat , das wird nur von ein paar zurückgebliebenen Soldaten bewacht . Diese wird man einfach fortjagen . Sie sind fast alle keine Muhammedaner , sondern Armenier aus der Vorstadt Dschulfa bei Isfahan . « » So werden sie dorthin gehen und Lärm machen . Dann kommt ein neuer und noch viel schlimmerer Muhassil zu den Kalhuran ! « » Schlimmer als dieser Omar Iraki war , kann keiner sein ! Auch hat unser Ustad noch während dieser Nacht einen Bericht geschrieben , welchen sichere Boten zu dem Beherrscher bringen . Eine Abschrift davon bekommt der Hekim-i-Schera124 von Isfahan . Du stehst also , daß nichts versäumt worden ist , was uns von der Vorsicht gebotet wird . Wir haben nichts , gar nichts zu befürchten , denn der Schah-in-Schah hat unsern Ustad lieb , und wir wissen gar wohl , daß unsere Gefangenen gar keine eigentlichen Soldaten sind . « » Gesindel , welches der Muhassil zusammengetrommelt hat ! « » Ja . Nicht einer von ihnen trägt eine wirkliche Uniform . Sie können nur froh sein , daß wir sie nicht allesamt dahin schicken , wohin wir die Massaban geschickt haben . Wahrscheinlich hätten wir es gethan , wenn es nicht zu viele Mühe machte . Es bedarf dazu einer ganzen Schar von Leuten , welche den Transport zu führen und zu bewachen haben . Mein Oheim hat also hierauf verzichtet . « Oheim ! Es war zum erstenmal , daß sie sich einer Bezeichnung der Verwandtschaft bediente . Ich wußte seit gestern wohl , wen sie jetzt meinte , that aber doch , als ob es mir unbekannt sei , und fragte : » Du hast einen Oheim hier ? « » Ja . Weißt du das noch nicht ? Habe ich es dir noch nicht gesagt ? Ich könnte sogar von zweien sprechen . « » Darf ich erfahren , wer es ist ? « » Unser Pedehr . Sein Vater Abd el Fadl war der Sohn einer Schwester unserer Marah Durimeh . « » Und der zweite Oheim ? « » Das ist der Ustad selbst . Auch er ist mit Marah Durimeh verwandt ; aber wie , das weiß ich nicht genau . « » Hast du ihn nicht einmal gefragt ? « » Ich that es einst . Es war da draußen vor der Halle , da , wo du jetzt des Abends zu sitzen pflegst . Wir waren allein und sprachen von ihr . Da fragte ich ihn . Er antwortete nicht sogleich . Er sah so lange und so still hinüber nach unserm Gotteshause , welches im Mondenscheine wie ein frommes Märchen aus dem Paradiese lag . Dann legte er mir die Hand auf das Haupt und sagte : Meine Verwandtschaft mit Mara Durimeh ? Was weißt du , liebes Kind , von dem , was eigentlich Verwandtschaft ist ! Sie ist nicht leiblicher Natur . Der Körper , welcher sich fort und fort erneuert , bleibt nicht derselbe Leib , den uns die Mutter gegeben hat . Er verändert zwar nicht die Gestalt , doch stets und ununterbrochen die Stoffe , aus denen er zusammengesetzt ist . Er nimmt sie auf und giebt sie ab , beides zu gleicher Zeit . Der Körper , in dessen Ohr du heut das liebe Wörtchen » Vater « rufst , ist durch die Ausscheidung seiner jetzigen und die Aufnahme neuer , ihm ganz fremder Bestandteile nach zwei Jahren ein vollständig anderer geworden , und du aber nennst auch diesen gänzlich fremden noch deinen » Vaters « . Der Stoff also ist es nicht , der uns befreundet . Doch aber aus dem Mutterherzen floß dem Kinde , bis es geboren wurde , mit jedem Pulse das Leben zu . Und aus dem Elternherzen strahlte ihm die Liebe , die es nährte , pflegte und auferzog , um es in dem ebenso täglich und immerfort sich erneuernden Menschheitskörper Aufnahme finden zu lassen . Ist es nicht diese Liebe , welche befreundet ? Und nimmt also an dieser Verwandtschaft nicht die ganze Menschheit teil ? Der Körper , den heut unsere Marah Durimeh besitzt , ist mir vollkommen fremd ; er hat mit dem meinigen nichts , als die menschliche Form gemein . Und was verbindet diese beiden Gestalten mit den längst verwesten Körpern unserer Ahnen ? Nichts , nichts und wieder nichts ! Das , was ich Verwandtschaft nenne , besteht nur und allein in der liebenden Zuneigung zwischen Geist und Geist , zwischen Seele und Seele . Kann ich da aber von Onkel und Tante , von Neffe und Nichte sprechen ? Giebt es da Vater und Mutter , Sohn und Tochter ? Wenn ein großer , hoch entwickelter Geist einen kleinen , unentwickelten an sich zieht und zu sich emporhebt , ist der eine dann der Vater und der andere der Sohn ? Oder wenn eine zarte , kindlich schwache Seele sich an eine gottbegnadete , starke schmiegt , um bei ihr Schutz und Sicherheit zu finden , ist die eine dann die Mutter und die andere die Tochter ? Trachtet dein Geist , den meinen zu begreifen , so wirst du mir mehr und mehr verwandt , und verbindet deine Seele sich immer inniger und inniger mit der meinen , so treten wir uns durch diese Freundschaft näher , als wir durch die körperliche Geburt uns nähern konnten ; aber in keiner Sprache der Menschen giebt es passende Worte , die Grade dieser geistigen und seelischen Verwandtschaft zu bezeichnen . Ich sage dir ein großes Geheimnis , mein liebes Kind : Es kann ein neuer Geist von einem oder einigen anderen geboren werden ; Seelen aber stammen nicht von Menschenseelen , sondern nur allein von Gott , dem Herrn ! Mein Leib und Marah Durimehs Leib gehen einander nichts an , obwohl wir gleiche Ahnen haben . Unsere Seelen kamen von Chodeh . Aber mein Geist wurde aus dem ihrigen geboren . Willst du nun noch fragen , ob ich vielleicht ihr Vetter oder wohl ihr Neffe sei ? - - So oder ähnlich antwortete mir der Ustad . Ich habe viel darüber nachgedacht und endlich es begriffen . Begreifst du es auch , Effendi ? « » Ja . Sein Geist verschmäht schon längst die Oberfläche des Lebens ; er schöpft nur aus der Tiefe . Und seine Seele wurde zwar in das Thal gesandt , nun aber wohnt sie hoch oben auf dem Berge . Wie glücklich seid ihr , in ihm ein Vorbild zu besitzen , nach welchem ihr , ungestört von andern , streben könnt ! « » Habt ihr nicht auch Vorbilder ? Strebt ihr ihnen nicht nach ? « » Unser Leben ist unendlich vielgestaltig . Ueber tausend , tausend Nichtigkeiten stolpert unser Fuß . Der eine beschimpft , was dem andern heilig ist . Es giebt kein Ideal , welches nicht von feindlicher Seite mit Schmutz beworfen würde . Jeder hält allein nur sich für klug . Keiner ist nur allein Mensch , sondern hauptsächlich etwas Anderes . Alle verlangen , daß ihnen vergeben werde , aber wo ist der , der auch selbst vergeben will ? Wer - - - « Ich hielt inne . Beinahe erschrak ich über mich selbst . Ich hätte ja stundenlang in diesem Tone fortfahren können , aber was sollte da Schakara von unserm schönen , stolzen Abendlande denken ! Durfte ich so unvorsichtig sein , von Dingen zu sprechen , welche ich hier unbedingt zu verschweigen hatte ? Die junge , unverdorbene Kurdin sah mich , als ich so plötzlich schwieg , fragend an . Ich öffnete schon den Mund , um von etwas Anderem anzufangen , da glitt ein verständnisvolles Lächeln über ihr Gesicht , und sie sagte : » Ich weiß , ich weiß , Effendi ! Es ist bei euch nicht alles so , daß wir es wissen dürfen . Christen gegen Heiden , Christen gegen Juden , Christen gegen Christen , so sieht es bei euch aus . Und alle , alle , alle diese Feindseligkeit nur um des wahren Christentumes willen ! Wir wissen es ; du brauchst es nicht zu verschweigen . Ein einziges Wort Christi , welches dieser so und jener anders deutet , kann bei euch die Liebe , welche der Heiland predigte , in den grimmigsten Haß verwandeln . Wir haben gehört von - - - doch , du hast ja geschwiegen , und da habe auch ich still zu sein . Wirst du heut wieder hinaus auf den Platz gehen ? « » Ja , und zwar sogleich . « » So werde ich dir die Kissen hinausschaffen lassen . Soll ich dich führen ? « » Nein . Ich danke dir ! Der Stock genügt vollständig . « Ich stand auf und ging zunächst zu meinem Hadschi Halef Omar hin . Sein Gesicht gefiel mir heut mehr als gestern . Hanneh sah , daß ich mich freute . Sie gab mir froh die Hand . Hierauf begab ich mich hinaus , die Stufen hinunter und dorthin , wo ich gestern gesessen hatte . Noch war ich nicht lange da , so kam Pekala . Sie hatte in der einen Hand ein Körbchen mit Pflaumen und in der andern einige Rosen . » Ich habe auf dich gewartet , Effendi , « sagte sie . » Unser Ustad sendet dir diese Früchte , und ich lege diese Rosen hinzu , weil du beide , die Früchte und die Blumen , liebst . « » Sag dem Ustad meinen Dank ; dir gebe ich ihn selbst ! « » Du sollst täglich welche haben , so lange es welche giebt . Erlaubst du mir nun eine Frage ? « » Gern . Aber welche ? « » Ich möchte so gern wissen , ob du gestern abend mit meiner Frenk maidanosu-Suppe zufrieden gewesen bist . « » Sie war gut . « » Wirklich ? « » Ja . « » Erinnerst du dich an das , was du mir versprochen hast , falls sie dir schmecken würde ? « » Ah ! Du meinst die Erziehung ? « » Ja . Du versichertest , mir eine Antwort zu geben . « » Nun wohlan ! « Ich machte eine sehr ernste