die Geschichte zeigt , wie viele Feldzüge dynastischer Fragen willen unternommen wurden , und alle Einsetzung monarchischer Gewalt beruht ja nur auf glücklicher Kriegführerschaft ; indessen : auch Republiken sind kriegerisch . Der Geist ist es , der alte , wilde , der in den Völkern - seien sie nun in dieser oder jener Form regiert - Haß und Rauflust und Siegesehrgeiz anfacht . Ich erinnere mich , welche eine ganz eigentümliche Stimme mich selber in jener Zeit erfaßte , da der deutsch-französische Krieg sich vorbereitete und dann losbrach . Diese Gewitterschwüle vorher , dieses gewaltige Sturmwehen nach der Erklärung ... Die ganze Bevölkerung war in Fieber , und wer kann solcher Epidemie sich entziehen ? Natürlich - nach altem Brauch - wurde der Beginn des Feldzuges schon als Siegeszug betrachtet , das ist ja so patriotische Pflicht . » A Berlin - á Berlin ! « jubelte es durch die Straßen und von den Imperialen der Omnibusse herab ; die Marseillaise an allen Ecken und Enden : Le jour de gloire est arrivé ! In jeder Theatervorstellung mußte die erste Schauspielerin oder Sängerin - in der Oper war es Marie Saß - im Jeanne d ' Arc-Kostüm vor die Rampe treten und fahnenschwingend dieses Kampflied singen , welches vom Publikum stehend angehört und bisweilen mitgesungen wurde . Auch wir haben das eines Abends mit angesehen , Friedrich und ich , und auch wir mußten von unseren Sitzen uns erheben . » Mußten « nicht aus äußerem Zwang , wir hätten uns ja in den Hintergrund der Loge zurückziehen können - sondern mußten , weil wir elektrisiert waren . » Siehst Du , Martha , « erklärte mir Friedrich , » solcher Funke , der da von Einem zum Anderen springt und diese ganze Menge in einem vereinten und erhöhten Herzschlag erheben macht - das ist Liebe - « » Meinst Du ? Es ist doch ein hassendes Lied : » Daß ihr unreines Blut Unsere Furchen tränke - - « » Thut nichts : vereinigter Haß ist auch eine Form von Liebe . Wo sich Zwei oder Mehrere in einem gemeinsamen Gefühl zusammenthun , da lieben sie einander . Laß nur einmal einen höheren Begriff , als den der Nation , nämlich den der Menschheit und der Menschlichkeit , als gemeinsames Ideal aufgefaßt werden , dann - « » Ach wann wird das sein ? « seufzte ich . » Wann ? Das ist sehr relativ . Im Verhältnis zu unserer Existenzdauer - nie ; im Verhältnis zu derjenigen unseres Geschlechtes - morgen . « Wenn ein Krieg ausgebrochen ist , so spalten sich alle Anhänger der neutralen Staaten in zwei Lager ; die Einen nehmen für diesen , die Anderen für jenen Teil Partei ; es ist da wie eine große schwebende Wette , bei der Jeder mithält . Wir Beide , Friedrich und ich , mit wem sollten wir sympathisieren , wem den Sieg wünschen ? Als Österreicher waren wir » patriotisch « vollkommen berechtigt , unsere Überwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als Überwundene sehen zu wollen . Ferner ist es auch naturgemäß , daß man Jenen , in deren Mitte man lebt , von deren Gefühlen man unwillkürlich aufgesteckt wird , die größere Sympathie zuwendet - und wir waren ja von Franzosen umgeben . Dennoch : Friedrich war preußischer Abkunft , und waren nicht auch mir die Deutschen , deren Sprache ja die meine ist , stammverwandter als ihre Gegner ? Außerdem war die Kriegserklärung nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde - nein , nicht Grunde , Vorwande - ausgegangen , mußten wir daher nicht einsehen , daß die Sache der Preußen die gerechte war , daß diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend , in den Kampf zogen ? Und war die Einmütigkeit nicht erhebend , mit welcher die vor Kurzem noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten ? Sehr richtig hatte König Wilhelm in seiner Thronrede vom 19. Juli gesagt : » Das deutsche und das französische Volk , beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmäßig genießend , waren zu einem heilsameren Wettkampfe berufen , als zu dem blutigen der Waffen . Doch die Machthaber Frankreichs haben es verstanden , das wohlberechtigte aber reizbare Selbstgefühl unseres großen Nachbarvolkes durch berechnete Mißleitung für persönliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten - « Kaiser Napoleon erließ seinerseits folgende Proklamation : » Angesichts der anmaßenden Ansprüche Preußens haben wir Einsprache gethan . Diese ist verspottet worden . Vorgänge1 folgten , welche Verachtung für uns zeigten . Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum andern . Es bleibt uns nichts mehr übrig , als unsere Geschicke dem Lose , welches die Waffen werfen , zu überlassen Wir bekriegen nicht Deutschland , dessen Unabhängigkeit wir achten . Wir haben die besten Wünsche dafür , daß die Völker , welche das große deutsche Volkstum ausmachen , frei über ihre Geschicke verfügen . Was uns betrifft , so verlangen wir die Aufrichtung eines Standes der Dinge , welcher unsere Sicherheit verbürge und unsere Zukunft sicher stelle . Wir wollen einen dauerhaften Frieden erlangen , begründet auf die wahren Interessen der Völker ; wir wollen , daß dieser elende Zustand aufhöre , bei dem alle Nationen ihre Hilfsquellen aufwenden , um sich gegenseitig zu bewaffnen . « Welche Lektion , welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstück , wenn man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhält ! Also um Sicherheit , um dauernden Frieden zu erlangen , wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen ? Und was ist daraus entstanden ? - » L ' année terrible « und dauernde - noch immer dauernde - Feindschaft . Nein , nein : - mit Kohle läßt sich nicht weiß färben , mit asa foetida nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern . Dieser » elende Zustand « , auf den Napoleon anspielte , wie hat der seither sich noch verschlimmert ! Es war dem Kaiser Ernst , voller Ernst mit dem Plane , eine europäische Abrüstung anzubahnen , ich habe es durch seine nächsten Verwandten mit Bestimmtheit erfahren ; aber die Kriegspartei hat ihn gedrängt , gezwungen - und er gab nach ... Dennoch konnte er sich nicht enthalten , in der Kriegsproklamation selber seine Lieblingsidee anklingen zu lassen . Es sollte deren Verwirklichung nur hinausgeschoben sein . » Nach dem Feldzug - nach dem Siege ... « sagte er sich zum Trost . Es ist anders gekommen . Auf welcher Seite also unsere Sympathien standen ? Wenn man dazu gelangt , den Krieg an und für sich zu verabscheuen , wie das bei Friedrich und mir der Fall war , so kann das echte , naive » Passionieren « für den Ausgang eines Feldzuges nicht mehr eintreten ; die einzige Empfindung ist eben die : Hätte er nur nie begonnen - dieser Feldzug - und wäre er nur schon aus ! Ich glaubte nicht , daß der gegenwärtige Krieg lange dauern und bedeutende Folgen haben werde . Zwei oder drei gewonnene Schlachten hier oder dort und man würde sicherlich parlamentieren und dem Ding ein Ende machen . Um was schlug man sich denn eigentlich ? Um gar nichts . Das Ganze war mehr eine Art Waffenpromenade , von den Franzosen aus ritterlicher Abenteuerlust , von den Deutschen aus tapferer Verteidigungspflicht unternommen ; ein paar getauschte Säbelhiebe und die Gegner würden sich wieder die Hände reichen ... Thörin , die ich war ! Als ob die Folgen eines Krieges im Verhältnis zu den Ursachen seines Entstehens blieben . Der Verlauf ist es , der die Folgen bestimmt . Gern hätten wir Paris verlassen , denn der ganze von der Bevölkerung gezeigte Enthusiasmus berührte uns höchst peinlich . Aber der Weg nach Osten war nunmehr versperrt ; auch hielt uns der Bau unseres Hauses zurück - kurz : wir blieben . Geselligen Umgang hatten wir beinahe keinen mehr . Alles , was nur konnte , hatte Paris geflohen und unter den obwaltenden Umständen dachte auch unter den Zurückgebliebenen keiner daran , Einladungen auszuteilen . Nur einige unserer Bekannten aus litterarischen Kreisen , die noch anwesend waren , suchten wir öfters auf . Gerade in dieser Phase des beginnenden Krieges war es Friedrich interessant , die betreffenden Urteile und Ansichten der hervorragenden Geister kennen zu lernen . Da war ein ganz junger Schriftsteller , der später zu solcher Berühmtheit gelangte Guy de Maupassant , von dessen Äußerungen : die mir aus der Seele gesprochen waren , ich einige in die roten Hefte eintrug : » Der Krieg - wenn ich nur an dieses Wort denke , so überkommt mich ein Grauen , als spräche man mir von Hexen , von Inquisition - von einem entfernten , überwundenen , abscheulichen , naturwidrigen Dinge . Der Krieg - sich schlagen ! Erwürgen , niedermetzeln ! Und wir besitzen heute - zu unserer Zeit , mit unserer Kultur , mit dem so ausgedehnten Wissen , auf so hoher Stufe der Entwickelung , auf der wir angelangt zu sein glauben - wir besitzen Schulen , wo man lernt zu töten - auf recht große Entfernung zu töten , eine recht große Anzahl auf einmal . ... Das Wunderbare ist , daß die Völker sich dagegen nicht erheben , daß die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloßen Worte Krieg . Jeder , der regiert , ist ebenso verpflichtet , den Krieg zu vermeiden , wie ein Schiffskapitän verpflichtet ist , den Schiffbruch zu vermeiden . Wenn ein Kapitän sein Schiff verloren hat , wird er vor ein Gericht gestellt und verurteilt , falls man erkennt , daß er sich Nachlässigkeit zu schulden kommen ließ . Warum wird die Regierung nach jedem erklärten Kriege nicht gerichtet ? Wenn die Völker das verständen , wenn sie sich weigerten , ohne Grund sich töten zu lassen - dann wäre es mit dem Kriege aus . « Und Erneste Renan ließ sich also vernehmen : » Ist es nicht herzzerreißend , zu denken , daß Alles , was wir Männer der Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren , mit einem Schlage zusammengestürzt ist : die Sympathien zwischen Volk und Volk , das gegenseitige Verständnis , das fruchtbare Zusammenarbeiten . Wie tötet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe ! Welche Lüge , welche Verleumdung des einen Volkes wird nun nicht aufs Neue in den nächsten fünfzig Jahren von dem anderen mit Begierde geglaubt werden und sie für unabsehbare Zeiten voneinander trennen ! Welche Verzögerung des europäischen Fortschrittes ! In hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten können , was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen haben . « Ich hatte auch Gelegenheit einen Brief zu lesen , den Gustave Flaubert in jenen ersten Julitagen , als eben der Krieg ausgebrochen war , an George Sand geschrieben hat . Hier ist er : » Ich bin verzweifelt über die Dummheit meiner Landsleute . Die unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfüllt mich mit tiefer Trauer . Dieser Enthusiasmus , der von keiner Idee beseelt ist , macht , daß ich sterben möchte , um ihn nicht mehr zu sehen . Der gute Franzose will sich schlagen : 1 ) weil er sich durch Preußen herausgefordert glaubt ; 2 ) weil der natürliche Zustand des Menschen die Wildheit ist ; 3 ) weil der Krieg ein mystisches Element in sich hat , das die Menschen fortreißt . Sind wir wieder zu den Rassenkämpfen gekommen ? Ich fürchte es ... Die schrecklichen Schlachten , die sich vorbereiten , haben nicht einmal einen Vorwand für sich . Es ist die Lust , sich zu schlagen , um sich zu schlagen . Ich beklage die gesprengten Brücken und Tunnels . Alle diese menschliche Arbeit , die verloren geht ! Sie haben gesehen , daß ein Herr in der Kammer die Plünderung des Großherzogtums Baden vorgeschlagen hat . Ach , daß ich nicht bei den Beduinen sein kann ! « » Ach , « rief ich , als ich diesen Brief zu Ende gelesen , » daß wir nicht fünfhundert Jahre später geboren sind - das wäre noch besser als die Beduinen . « » So lange werden die Menschen nicht mehr brauchen , um vernünftig zu werden , « entgegnete Friedrich zuversichtlich . Das war jetzt das Stadium der Proklamationen und der Armeebefehle . Immer wieder die alte Leier und immer wieder das zu Beifall und Begeisterung hingerissene Publikum . Über die in den Manifesten verbürgten Siege wird gejubelt , als wären dieselben bereits erfochten . Am 28. Juli erließ Napoleon III. vom Hauptquartier in Metz folgende Urkunde . Auch diese habe ich eingetragen - nicht etwa aus geteilter Bewunderung - sondern aus Zorn über das ewig gleiche hohle Phrasenwerk . » Wir verteidigen Ehre und Boden des Vaterlandes . Wir werden siegen . Nichts ist zu viel für die ausharrenden Anstrengungen der Soldaten Afrikas , der Krim , Chinas , Italiens und Mexikos . Noch einmal werdet ihr beweisen , was eine französische Armee vermag , die von Vaterlandsliebe durchglüht ist . Welchen Weg immer wir außerhalb unserer Grenzen einschlagen , wir finden dort die ruhmreichen Spuren unserer Väter . Wir werden uns ihrer würdig zeigen . Von unseren Erfolgen hängt das Schicksal der Freiheit und der Civilisation ab . Soldaten - thue Jeder seine Pflicht und der Gott der Schlachten wird mit uns sein . « » Le Dieu des armées « durfte natürlich nicht fehlen . Daß die Führer besiegter Heere schon hundertmal dasselbe gesprochen , das hindert die Anderen nicht , bei jedem neuen Feldzug wieder dasselbe zu sprechen und damit dasselbe Vertrauen zu wecken . Gibt es etwas kürzeres und schwächeres als das Gedächtnis der Völker ? Am 31. Juli verläßt König Wilhelm Berlin und erläßt nachstehendes Manifest : » Indem ich heute zur Armee gehe , um mit ihr für die Ehre und für die Erhaltung unserer höchsten Güter zu kämpfen , erlasse ich eine Amnestie für politische Verbrecher . Mein Volk weiß mit mir , daß Friedensbruch und Feindschaft nicht auf unserer Seite waren . Aber herausgefordert , sind wir entschlossen , gleich unseren Vätern und in fester Zuversicht auf Gott den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes . « Notwehr , Notwehr : das ist die einzig statthafte Art des Tötens ; daher rufen beide Gegner : » Ich wehre mich . « Ist das nicht Widersinn ? - Nicht so ganz - denn über Beiden waltet eine dritte Macht , die Macht des überkommenen alten Kriegsgeistes . - Nur gegen den sich zu wehren , sollten alle sich verbünden ... Neben den obigen Manifesten finde ich in meinen roten Heften eine Eintragung , mit dem sonderbaren Titel überschrieben : » Hätte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet , wäre da der Krieg ausgebrochen ? « Die Sache verhielt sich so . Unter unseren pariser Bekannten befand sich auch der Litterat Alexander Weill , und dieser war es , der obige Frage aufwarf , indem er uns Nachstehendes erzählte : » Meyerbeer suchte einen talentvollen Mann für seine zweite Tochter und seine Wahl fiel auf meinen Freund Emile Ollivier . Ollivier ist Witwer . Er hat in erster Ehe die Tochter Liszts geheiratet , die der berühmte Pianist von der Gräfin d ' Agoult ( Daniel Stern ) hatte , mit der er lange Zeit im ehelichen Verhältnis lebte . Diese Ehe war sehr glücklich und Ollivier hatte den Ruf eines tugendhaften Ehemannes . Er besaß kein Vermögen , aber als Redner und Staatsmann war er schon berühmt . Meyerbeer wollte ihn persönlich kennen lernen und zu diesem Zwecke gab ich - es war im April des Jahres 1864 - einen großen Ball , dem die meisten Celebritäten der Kunst und der Wissenschaft beiwohnten und wo natürlich Ollivier , der von mir von der Absicht Meyerbeers unterrichtet war , die erste Rolle spielte . Er gefiel Meyerbeer . Die Sache war nicht leicht in Gang zu bringen . Meyerbeer kannte die unabhängige Originalität seiner zweiten Tochter , die nie einen anderen Gatten als den ihrer freien Wahl ehelichen würde . Es wurde verabredet , daß Ollivier nach Baden komme , um dort dem Mädchen zufällig vorgestellt zu werden , als Meyerbeer plötzlich vierzehn Tage nach diesem Ball starb . Ollivier war es - erinnern Sie sich ? - der ihm im Nordbahnhof eine Trauer- und Lobrede hielt . Nun behaupte ich , ja , ich bin dessen sicher : hätte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet . der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wäre nicht ausgebrochen ! Hier meine plausiblen Beweise . Vorerst hätte Meyerbeer , der das Kaisertum bis zur Verachtung haßte , nie seinem Tochtermann erlaubt , Minister des Kaisers zu werden . Man weiß , daß , wenn Ollivier der Kammer gedroht hätte , eher seine Demission zu geben , als den Krieg zu erklären , dieselbe Kammer nie den Krieg erklärt hätte . Der gegenwärtige Krieg ist das Werk dreier intimer Stuben- und Geheimminister der Kaiserin , mit Namen : Jerome David , Paul de Cassagnac und Duc de Grammont . Die Kaiserin , von dem Papste aufgereizt , dessen religiöse Puppe sie ist , wollte diesen Krieg , an dessen Sieg sie nicht zweifelte , um die Nachfolge ihres Sohnes zu sichern . Sie sagte : C ' est ma guerre à moi et à mon fils ! und die drei obengenannten päpstlichen Anabaptisten waren ihre geheimen Werkzeuge , um den Kaiser , der keinen Krieg wollte , und die Kammer durch falsche und verhehlte Depeschen aus Deutschland zum Krieg zu zwingen ! « » Das nennt man Diplomatie ! « unterbrach ich schaudernd . » Hören Sie weiter , « fuhr Alexander Weill fort . » Den 15. Juli sagte mir Ollivier , den ich auf der place de la concorde antraf : Der Friede ist gesichert - eher gäbe ich meine Demission . Woher nun kam es , daß derselbe Mann einige Tage später , statt seine Demission zu geben , den Krieg selbst d ' un coeur léger , wie er in der Kammer sagte , erklärte ? « » Leichten Herzens ! « rief ich mit neuem Schauer . » Hier liegt ein Geheimnis , das ich aufklären kann . Der Kaiser , für den das Geld nie einen anderen Wert hat , als um Liebe und Freundschaft sich zu erkaufen - er glaubt , wie Jugurtha in Rom , ganz Frankreich wäre feil , die Männer wie die Weiber - hat die Gewohnheit , wenn er einen Minister annimmt , der nicht reich ist , ihn durch ein Geschenk von einer Million Franken näher an sich zu fesseln . Daru allein , der mir dieses Geheimnis entdeckte , lehnte dieses Geschenk ab : timeo Danaos et dona ferentes . Und er allein , nicht gebunden , gab seine Demission . So lange der Kaiser zauderte , erklärte sich Ollivier , mit der goldenen Kette an seinen Meister gefesselt , neutral - eher für den Frieden . Sobald aber der Kaiser von seiner Frau und ihren drei ultramontanen Anabaptisten überrumpelt ward , erklärte sich auch Ollivier für den Krieg und entseelte sich lebendig mit leichtem Herzen und - voller Tasche . « 2 » O Monsieur , o Madame - welches Glück , welche große Nachricht ! « Mit diesen Worte stürzten eines Tages Friedrichs Kammerdiener und hinter ihm der Koch in unser Zimmer . Es war am Tage von Wörth . » Was gibt ' s ? « » An der Börse ist eine Depesche angeschlagen : wir haben gesiegt . Die Armee des Königs von Preußen ist so gut wie vernichtet ... Die Stadt schmückt sich mit dreifarbigen Fahnen - es soll heute Abend illuminiert werden . « Im Laufe des Nachmittags stellt sich jedoch heraus , daß die Nachricht eine falsche - ein Börsenmanöver - war . Ollivier hält von seinem Balkon aus eine Ansprache an die Menge . Nun - desto besser . Wenigstens würde man nicht beleuchten müssen . Diese Freudenkundgebungen anläßlich » vernichteter Armeen « - d.h. anläßlich zahlloser zerrissener Leben und gebrochener Herzen - das hätte in mir auch wieder den Flaubertschen Wunsch erweckt : » Ach wär ' ich doch bei den Beduinen ! « Am 7. August Unglücksbotschaft . Der Kaiser eilt aus St. Cloud nach dem Kriegsschauplatz . Der Feind ist ins Land gedrungen . Die Blätter können ihrer Entrüstung über die » Invasion « nicht heftig genug Ausdruck geben . Der Ruf » à Berlin ! « - däuchte mir - bedeutete doch auch beabsichtigten Einfall - doch daran war nichts entrüstendes ; - daß aber die östlichen Barbaren in das schöne , gottgeliebte Frankreich einzufallen sich unterstanden : das war schier Wildheit , Frevel - dem mußte rasch gesteuert werden . Der interimistische Kriegsminister erläßt ein Dekret , daß alle rüstigen Bürger von dreißig bis vierzig Jahren , welche der Nationalgarde noch nicht angehören , derselben sofort einverleibt werden müssen . Es bildet sich ein Ministerium der Landesverteidigung . Die bewilligte Kriegsanleihe von fünfhundert wird auf tausend Millionen erhöht . Ganz herzerfrischend ist es , wie opferfähig die Leute über das Geld und das Leben der Anderen stets verfügen . Eine kleine finanzielle Unannehmlichkeit macht sich dem Publikum zwar sogleich fühlbar : wenn man Banknoten wechseln will , muß man dem Wechsler zehn Prozent zahlen - es ist nicht so viel Gold vorhanden , als die Bank von Frankreich Noten ausgeben darf . Und jetzt , deutscherseits Sieg auf Sieg ... Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verändert sich . Statt der stolzen , prahlerischen kampfesfrohen Laune tritt Bestürzung und grimmiger Zorn ein . Immer mehr verbreitet sich das Gefühl , daß eine Vandalenhorde über das Land niedergegangen - etwas Schreckhaftes , Unerhörtes , wie etwa eine Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage . Daß sie mit ihrer Kriegserklärung diese Plage selber heraufbeschworen , daß sie dieselbe für unerläßlich hielten , - damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen könne , um den spanischen Thron zu werben - das hatten sie vergessen . Über den Feind kommen entsetzliche Märchen in Umlauf . » Die Ulanen , die Ulanen « : das hat einen phantastisch-dämonischen Klang , beinahe als hieße es » das wilde Heer « . In der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an . Wo immer von der deutschen Kavallerie ein kühner Streich ausgeführt wird , wird er den Ulanen zugeschrieben - eine Art Halbmenschen , ohne Sold , darauf angewiesen , von Beute zu leben . Neben den Schauergerüchten entstehen aber auch wieder Triumpfgerüchte . Das Erfolgvorlügen gehört mit zu den Chauvinistenpflichten . Natürlich : der Mut muß aufrecht erhalten werden . Das Gebot der Wahrhaftigkeit - wie so viele andere Sittengebote - verliert seine Gültigkeit im Kriege . Aus der Zeitung Le Volontaire diktierte mir Friedrich folgende Stelle für meine roten Hefte : » Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren , der Rest ist dem Verhungern nahe . Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven herbei , » la landwehr et la landsturm « ; alte Männer von 60 Jahren mit Feuersteingewehren , an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose , an der linken eine noch größere Schnapsflasche , im Munde eine lange thönerne Pfeife ; keuchend unter der Last des Tornisters , auf welchem die Kaffeemühle und in welchem der Fliederthee nicht fehlen darf , ziehen sie hustend und sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer , Diejenigen verfluchend , welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben , um sie dem sicheren Tode entgegen zu führen . « - » Was die deutscherseits gebrachten Siegesnachrichten anbelangt - so sind dies die bekannten preußischen Lügen . « Am 20. August verkündet Graf Palikao in der Kammer , daß drei gegen Bazaine vereinte Armeekorps in die Steinbrüche von Jaumont geworfen wurden . ( Sehr gut ! Sehr gut ! ) Zwar weiß niemand , was das für Steinbrüche seien , und wo selbe gelegen sind ; und wie sich die drei Armeekorps darin verhalten , das macht sich auch niemand klar ; aber von Mund zu Mund geht die frohe Botschaft : » Sie wissen schon ? ... In den Steinbrüchen ... « - » Ja , ja , von Jaumont . « Keiner äußert einen Zweifel oder eine Frage ; es ist , als ob Alle aus der Gegend von Jaumont gebürtig wären und die armeeverschlingenden Steinbrüche so gut kennten , wie ihre Tasche . Um diese Zeit tauchte auch das Gerücht auf , der König von Preußen sei aus Verzweiflung über den Zustand seines Heeres verrückt geworden . Man hört nur noch Ungeheuerlichkeiten . Die Aufregung , das Fieber der Bevölkerung nimmt stündlich zu . Der Krieg » là-bas « hat aufgehört , als Waffenspaziergang betrachtet zu werden ; man fühlt , daß die losgelassenen Gewalten jetzt Furchtbares über die Welt bringen - es ist nur noch von vernichteten Heeren , von wahnsinnigen Führern , von teuflichen Horden , von Kampf bis aufs Messer die Rede . Ich höre es donnern und grollen - was sich da erhebt , ist der Sturm der Wut und der Verzweiflung . Der Kampf um Bazaille bei Metz wird geschildert , als wären dort von den Bayern die unmenschlichsten Greuel verübt worden . » Glaubst Du das , « fragte ich Friedrich , » glaubst Du das von den gutmütigen Bayern ? « » Es mag ja sein . Ob Bayer oder Turko , ob Deutscher , Franzose oder Indianer : der sich seines Lebens wehrende und zum töten ausholende Krieger hat allemal aufgehört menschlich « zu sein . Was in ihm geweckt und gewaltsam aufgestachelt worden , ist ja eben die Bestie . Metz gefallen ... So lautete an jenem Tage die zwar noch verfrühte aber einige Zeit später doch zur Wahrheit gewordene Nachricht , die in der Stadt wie ein einziger großer Schreckensschrei widerhallte . Mir ist die Nachricht von der Einnahme einer Festung eher eine Erleichterung bringende Botschaft ; denn ich denke : das gibt doch eine Entscheidung . Und darnach nur - daß die blutige Partie aus sei - nur darnach geht mein Sehnen . Aber nein : nichts ist noch entschieden - es sind ja noch mehr Festungen da . Nach einer Niederlage heißt es nur , sich aufraffen und doppelt kräftig entgegenhauen - das Glück der Waffen kann ja wechseln Ja wohl , bald dort , bald hier kann der Vorteil sein ; wäre dabei nur nicht auf beiden Seiten der sichere Jammer , der sichere Tod . Trochu fühlt sich veranlaßt , den Mut der Bevölkerung durch eine neue Proklamation zu heben und beruft sich darin auf einen alten Wahlspruch der Bretagne : » Mit Gottes Hilfe für das Vaterland « . Das klingt mir nicht eben neu - ich muß ähnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein . Es verfehlt eben seine Wirkung nicht : die Leute sind begeistert . Jetzt heißt es , Paris in eine Festung umwandeln . Paris Festung ? Ich kann den Gedanken nicht fassen . Die Stadt , welche Victor Hugo » la villelumière « genannt , welche der Anziehungspunkt der ganzen civilisierten , reichen , Kunst- und Lebensgenuß suchenden Welt ist , der Ausgangspunkt des Glanzes , der Mode , des Geistes - diese Stadt will sich nun » befestigen « , das heißt sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe , zur Scheibe der Beschießung machen , sich allem Verkehr abschließen und sich der Gefahr aussetzen in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden ? Und das thun diese Leute » de gaité de coeur « , mit Opfermut , mit Freudeneifer , als gelte es die Vollbringung des nützlichsten , edelsten Werkes ? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit geschritten . Es müssen Wälle für Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und Schießscharten eingeschnitten ; ferner vor den Thoren Graben ausgehoben , Zugbrücken angelegt , Deckwerke neu errichtet , Kanäle überbrückt und mit Brustwehren angeschüttet , Pulvermagazine gebaut , und auf der Seine eine Flottille von Kanonenbooten aufgestellt werden . Welches Fieber von Thätigkeit , welcher Aufwand von Anstrengung und Fleiß ; welche riesige Kosten von Arbeit und Geld ! Wie das Alles , für Werke der Gemeinnützigkeit verwendet , erfreulich und erhebend wäre - aber für den Zweck der Schadenzufügung , der Vernichtung - welche nicht einmal Selbstzweck , sondern strategischer Schachzug ist - es ist unfaßlich ! Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu können , verproviantiert sich die Stadt . Bis jetzt - allen Erfahrungen gemäß - hat es noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben ; die Kapitulation ist stets nur eine Frage der Zeit . Und immer wieder werden Festungen errichtet , immer wieder werden sie mit Vorräten versehen , trotz der mathematischen Unmöglichkeit , sich auf die Dauer vor Aushungerung zu schützen . Die getroffenen Maßregeln sind großartig . Es werden Mühlen eingerichtet und Viehparks angelegt , aber schließlich muß der Augenblick doch kommen , wo das Korn ausgeht und das Fleisch verzehrt ist . Aber so weit denkt man nicht ; bis dahin ist der Feind über die Grenze zurückgedrängt oder im Land vernichtet . Der vaterländischen Armee schließt sich ja das ganze Volk an . Alles meldet sich zum Dienst oder wird dazu herangezogen ; so werden zur Besatzung von Paris sämtliche Feuerwehrleute des Landes berufen . In der Provinz mag es unterdessen brennen - was liegt daran ? So kleine Unglücksfälle verschwinden , wo es sich um ein National- » desastre « handelt . Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die Hauptstadt eingerückt . Auch die Matrosen werden einberufen , und täglich bilden sich neue Truppenkörper unter verschiedenen Namen : volontaires , éclaireurs , franctireurs ... In immer beschleunigterer Bewegung folgen einander nun die Ereignisse . Aber nur noch kriegerische Ereignisse . Alles Andere ist aufgehoben . Rings um uns wird nichts Anderes mehr gedacht als » mort aux Prussiens « . Ein Sturm des wilden Hasses sammelt sich an ; noch ist er nicht losgebrochen , aber